der Thüre des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen , aber indem rief des Prälaten befehlende Stimme : » Fiorilla ! « und mit einem leise geflüsterten Lebewohl : » Addio carino ! « flog , sie in das Speisegemach zurück . » Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet ! « sprach der Prälat mit gefalteten Händen : » Der schwatzt wie ein Franzose , zudringlich , keck und vorlaut ; und säuft und ist grob wie ein ächter Deutscher . « Fiorilla verlor kein Wörtlein , sie schmunzelte aber für sich ; versäumte nicht unter dem Aufräumen , am Spiegel sich vorüberzudrehen , und strafte in Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen . » Und der Fastnachtsnarr will Priester werden , « fuhr der Prälat fort . » Er will nicht , aber er soll und muß ; « schaltete Fiorilla ein . » Ganz recht ; er soll ! « versetzte Monsignore : » Aber Gott behüte uns in Gnaden . Das wird ein Kirchenlicht abgeben , von dem einst du Heiland sagen wird : Besser wär ' s , es wäre niemals angezündet worden . « » Gleich tausend Andern ! « kicherte Fiorilla vor sich hin , und fütterte den Sittich mit Honigbrod . Sechstes Kapitel . O Johannes Huß ! Armer Dominus ! Seufzest Ach und Weh , Armer Domine ! Wärst Du doch daheim geblieben ! Dein Geleit war falsch geschrieben ; Ob ' s der Kaiser selbst verspricht , Hält man ' s doch dem Ketzer nicht . Volkslied jener Zeit . Die Kirchenversammlung zu Costnitz , die größte die jemals statt gefunden , zeigte sich bereits in ihrem Anbeginn glänzend und prachtvoll , obgleich das Oberhaupt des Reichs , Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte , wo seine Krönung vor sich gegangen war . Der Antheil , welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten Concilium nahm , war unbeschreiblich und um so natürlicher , als Jedermann von der Nothwendigkeit einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig überzeugt war . Die lateinische Kirche , von tiefen Spaltungen zerrissen , zählte , statt Eines Statthalters Christi , ihrer Dreie , die einander , von feindlichen Parteien erwählt , erbittert gegenüber standen , und durch ihr Beispiel , wie durch ihren Bann , alle Eide und Pflichten locker machten , Christen gegen Christen aufreizten , und dem Sittenverfall der Priester müßig zusahen , theils weil sie zu schwach waren zu widerstreben , theils weil sie die Verirrten durch sträfliche Nachsicht für ihre Zwecke zu gewinnen hofften , theils endlich , weil sie nicht besser waren , denn ihre Untergebenen . Dieses schon in die Länge dauernde Ärgerniß , dieses empörende Schauspiel , das drei Afterpäpste der Welt gaben , mußte geendet werden , aber weder Johann XXIII . , der arglistigste unter ihnen , noch der stolze Benedict XIII. , der in Arragonien auf den Schutz des Königs trotzte , noch der weit lenksamere , aber zum Werkzeug seiner Umgebungen herabgewürdigte Gregor XII. waren zum gütlichen Vergleich , zu Entsagung und aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschäft der Kirchenverbesserung zu bewegen . Am lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Mißbrauch , der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebräuche und zur Ablaßbude machte ; aber diese laute Mißbilligung vermochte es nicht , den Kaiser aus seiner Apathie zu wecken . Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten , seine Theilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln . Verschiedene große Begebenheiten , die gewöhnlichen Vorläufer von wichtigern , spornten endlich seine Thätigkeit : Hussens Umtriebe und kühne Eingriffe in Böhmen , der Osmanen heranfluthendes Nomadenreich , aus dessen Zelten die wankenden Trümmer des Griechenreichs kaum noch hervorsahen . - Mit den unerhörtesten Anstrengungen , mit persönlichen Aufopferungen , die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich nicht ziemten , aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden , brachte derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII . , die ersehnte Kirchenversammlung zu Stande , und vereinte zu Costnitz die englische , italiänische , französische und deutsche Nation zu allgemeiner Berathung . Der Papst Johannes , auf die Gültigkeit seiner Wahl sich stützend , erschien selbst auf dem Concilium . Ausgezeichnete Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schloßen sich an die ungeheure Zahl von Geistlichen aller Würden , von Doktoren und Meistern der freien Künste , der Volksmenge nicht zu gedenken , die Schaulust und Gewinnsucht herbeiführte . Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser , der die großen Sitzungen in Person eröffnen sollte , und da sich seine Ankunft von Woche zu Woche verzögerte , so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern Gegenständen . Ein Mann war es besonders , der die Augen des Volks auf sich zog , bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin , wohnte er gleich in keinem Palaste . Dieser Mann war niemand anders , als der furchtlose Böhme , Johannes Huß , der Prediger , einer neuen Lehre , welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des Papstes vertrauend , sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden hätte , seinen Glauben vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu vertheidigen . Die frommgläubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen aufgenommen , da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging , aber der Zauber des Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschützt , und seine schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen . Wenn er sein Haus verließ , grüßten ihn die Bürger freundlich , die Kinder hingen sich an seine Hand , und horchten aufmerksam auf seine milde Rede , wurde sie gleich in ungelenkem Deutsch gegeben . Diese Anhänglichkeit , die sich so unumwunden zu äußern begann , wirkte widrig auf die Feinde des böhmischen Predigers , und vermochte sie , die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu benützen , und ihrer Rachsucht den Zügel zu nehmen , damit sie den ersten entscheidenden Schritt thue . Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden , daß nicht die Ahnung , davon nach aussen gedrungen wäre . Hussens Freunde , seine von dem König Wenzesla ihm mitgegebnen Wächter , die Edlen von Chlum und Lanzenbrock wurden gewarnt ; er selbst wurde ermahnt , auf seiner Hut zu seyn , aber sein unbegränztes Vertrauen auf Gott und Fürstenwort , - ein Bürge seines großen Herzens , - ließ ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung übersehen . Furchtlos , wie sonst , wandelte er zu den Verhören , die von mehreren mit der Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinälen gegen ihn eingeleitet worden waren , und er ahnte nicht , daß auf einem dieser Gänge das Unglück riesengroß auf ihn einschreiten würde . Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag . Papst Johann , von einer geringen Unpäßlichkeit genesen , saß am halb geöffneten Fenster seiner Wohnung , um die sanft erwärmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen . Vor ihm stand Herzog Friedrich von Östreich in eifrigem Gespräch begriffen . Sein Auge blitzte , und die Rechte ruhte mit stolzem Bewußtseyn auf der Brust . » Meine Quellen lügen nicht ; « sprach er heftig : » Wenn ich Aufpasser aufstelle , so zahle ich königlich , und mir dient man besser , als dem Kaiser , der immer nur das Geld vonnöthen hat . Ew . Heiligkeit mag mir glauben auf Fürstenehre , ... sie vollführen ' s , ist ' s nicht heute , so ist es morgen ganz gewiß . « Der Papst wiegte bedächtig das Haupt hin und her , schob das Fenster zu , und trat vertraulich zu dem Herzog . » Laßt , lieber Sohn , die Schranken der Förmlichkeit zwischen uns fallen ; « sagte er mit so anmuthiger Miene , als sie sein fnistres Gesicht nur zuließ : » Ihr gebt demnach den Huß verloren ? « » Unwiederbringlich ; « erwiederte der Herzog , » die Cardinäle sind darüber einverstanden , glaubt mir ' s. « » Hm ! « meinte Johann : » im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen . Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung , wo beinahe keine nöthig ist . So lange wir - das sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese Nothwendigkeit nicht einsehen - soll auch ein gemeiner böhmischer Pfaffe das Maul nicht unnütz aufthun . « » Vergebt , heil . Vater ; « antwortete der Herzog , » nothwendig ist ein Umguß allerdings , doch ist er nicht bequem . Da steckt der Knoten . « » Laßt das ; « versetzte der Papst achselzuckend : » Wenn aber der Böhme ergriffen und gerichtet wird , wie steht es dann mit des Kaisers , wie mit unserm Wort , das , wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit ? « » Mit Sigmund ' s Worte steht es schlecht , wie immer ; « erwiederte Friedrich spöttisch : » Den Luxemburger kümmert ein Treubruch nicht , er ist aus einem Geschlecht , das an Geld stets Mangel , aber an leeren Eiden immer Ueberfluß hat . - Euer Wort könnt Ihr salviren , wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt , von dem Ihr ohnehin nichts gewußt . « » Wird aber die Welt es glauben , daß wir um unsrer Kardinäle Thun nichts gewußt ? « fragte der Papst bedenklich . » Ohne Zweifel ; « äußerte Friedrich kalt : » Sie sieht schon jetzo in Euch nur den Gefangnen Eurer eignen Kirche . « » Wie ? « rief Johannes . » Nicht anders « , bekräftigte der Herzog wie oben : » Täuscht Euch nur selber über Eure Lage nicht . Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht , die Euch umgibt , seyd Ihr wenig anders daran , als der rebellische Ketzer Huß . Droht Euch gleich nicht der Scheiterhaufen , so hängt doch ein verdammend Urtheil über Euerm Haupte , wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem Übel wehrt . Denkt selbst , heil . Vater , welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben . Ein Nachfolger des heil . Petrus , der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt , wo dieser für gut gehalten , ein Concilium auszuschreiben . Ein Papst , der unthätig hier auf denselben Kaiser wartet , der ihn hätte erwarten und empfangen sollen ; ein Statthalter Jesu Christi endlich , der Nichts von dem weiß , was die um ihn versammelten Priester beschließen , wenn nicht ein Freund , oder ein durch Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mittheilen . Was folgt aus Allem dem ? « » Ihr habt Recht , lieber Sohn ; « entgegnete der Papst bekümmert : » O die böse , böse Zeit ! Die Cardinäle , die über den Ort des Concils unterhandeln sollten , und von mir geheime Weisung erhalten hatten , in keinen zu willigen , der meiner Würde Nachtheil bringen möchte , haben mich verrathen . Zu spät werden sie einsehen , wie sie sich gebettet . Sollte der störrische Benedict triumphiren ..... « » Sorgt nicht , heil . Vater ! « unterbrach ihn der Herzog : » Nicht Benedict , nicht Gregor wird siegen . Die allgemeine Stimme fordert , daß Petri Stuhl wieder erledigt , und neu besetzt werde . Euch darauf zu erhalten , fällt dem Kaiser nicht ein . Sein böser Wille log Euch frei Geleit , und wär ' s auch nicht böser Wille , ... der Schwächling vermag Euch nicht zu schützen gegen den Haß der Engländer , der Franzosen und der Deutschen , die Eure Legaten anders hätten behandeln können . « » Welch einen Abgrund öffnet Ihr vor uns ? « fragte Johannes bestürzt : » Gestaltet sich Alles , wie Ihr sagt , so sehen wir keine Hülfe ab . Wir müssen unterliegen . « » Das muß Ew . Heiligkeit nicht ; « erwiederte der Herzog fest : » Wahrlich nicht , so lange Ihr auf Freunde rechnen könnt , deren starke Arme Euch über der Fluth halten . Ihr habt drei nicht unbedeutende Wächter für Eure Sicherheit aufgestellt durch kluges Werben . Östreich , Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die gesammte Macht des Lützelburger ' s und seines Anhangs . « » Dem Markgrafen traue ich nicht ganz « ; versetzte Johannes bedenklich : » und der Herzog von Burgund ist weit . Wie , wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden Stützen wichen ? « » Dann habt Ihr mich ; « antwortete Friedrich mit kühnem Stolze : » Alles Erdreich ist Östreich unterthan ! Das Wort ist ewig , und ich halt ' s Euch , sollt ' s mich Land und Leute kosten . Frei führe ich Euch von bannen , ohne daß man ' s wagen dürfte , Euch ein Haar zu krümmen . « » Wackrer Fürst ! « rief der Papst , von einer dankbaren Regung , übermannt : » Solcher Treue rühmen wir uns in Wälschland nicht . Ihr richtet uns auf in unserm Kummer , und niemand ist würdiger , der Bannerträger des heil . Stuhls zu heißen , denn Ihr , edler Habsburger . Der Herr der Heerscharen sey ferner mit Euch ! « Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Straße vernehmlich . Der Herzog trat an ' s Fenster , warf einen Blick hinab , und winkte dem Papste , mit den Worten : » Seht , seht , heiliger Vater , ob ich ein falscher Prophet bin . Die Erfüllung folgt meiner Rede auf dem Fuße . Da kömmt der Huß die Straße herab , umringt von Partisanen und gebunden , wie mich dünkt . Das heutige Verhör hat demnach den Ausschlag gegeben ! « Der Papst eilte an das Fenster , trat aber alsobald schamroth zurück , da er den Verrathenen ersah , der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt , und , als wollte er den heiligen Vater an sein gegebnes Wort mahnen , den Blick zu ihm in die Höhe warf . Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her , und die zum Tod entsetzten , in ohnmächtiger Wuth sich verzehrenden Freunde und Hüter des Dulders , waren durch die ungestüme Menge von seiner Seite gerissen worden . In geringer Entfernung von des Papstes Wohnung hatte ein neuer Auftritt in dem Zuge Statt . Ein untersetzter Kerl , der Diener eines italiänischen Doktors hatte sich Bahn durch das Getümmel gemacht , um den Ketzer zu sehen , dessen Verhaftung dem blindwüthenden Pöbel neue Waffen in die Hände gab . Die Wächter des Gefangenen , die jede mitleidige Seele mit Lanzenstößen von ihm jagten , ließen den frechen Burschen heran , der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in ' s Gesicht schlug . Huß litt die Mißhandlung mit Standhaftigkeit und stummer Lippe , aber die Vergeltung saß der Unthat schon auf der Ferse . Ein junger Mann packte den tückischen Italiäner beim Kragen , und warf ihn mit einem Fußstoße zur Erde nieder . Zugleich sah er sich kampflustig mit geballten Fausten unter den Umstehenden um , erwartend , ob nicht jemand Lust haben möchte , die Partei des Geschlagenen zu nehmen . Die Rechtlichern unter dem Volke und den Zuschauern an den Häuserfenstern riefen ihm Beifall zu . Das Gesindel fürchtete sich vor gleichwichtigen Schlägen . Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf , als der Jüngling in die schwarze . lange Schleppentracht junger Subdiakonen gekleidet war . Die Kappe mit der Quastentroddel saß trotzig in die Stirn gedrückt , die Schleppe des Gewandes hatte der Kämpfer um den linken Arm gewickelt , den rechten Ärmel aufgeknöpft und aufgeschürzt . Mit einem derben Haarzauser entließ er den bestraften Wälschen , da ihm Huß zugerufen hatte : » Dank , junger Freund ! schone aber in dem Verblendeten den Menschen ! - « Eifrig begann er nun , während der Gefangene in die Gasse geführt wurde , wo das Kloster , sein angewiesener Kerker , stand , die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen . Da vernahm er hinter sich die Worte , die eine volltönende Frauenstimme sprach : » Seht , mein Herr von Königseck ! das wäre ein Mann nach meinem Geschmack . Schnelle Entschlossenheit und kecke That zieren das starke Geschlecht ! « - Verwundert sah sich der junge Mann nach der Sprecherin um , und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen Weibes , das gerade mit einem Rückblick auf ihn , am Arm eines zierlich gekleideten Begleiters in die Thüre eines ansehnlichen Hauses trat . Der geschlitzte Hut mit bunten Federn bekränzt , den das Frauenbild auf dem braunen Haupthaar trug , die Perlenschnur , mit welcher ihre Stirne geschmückt war , das bauschige Gewand mit Goldspangen und köstlichem Pelzbesatz , die gelben Schnabelschuhe mit Pelz gefüttert , und die schweren silbernen Schellen , die den breiten Sammtgürtel zierten , verriethen den Reichthum und den hohen Stand der schönen , trotz ihrer Blässe anziehenden Frau . Der junge Geistliche war von dem überraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle , bis ihn das Geräusch vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte , daß er sich auf der Straße befinde . Der Herzog von Östreich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zurück . Prächtig gekleidete Zinkenbläser traten dem Geleite voraus , ihre blitzenden Instrumente ruhig in den Händen tragend , um sie an jeder Kreuzstraße erschallen zu lassen , den Ruhm ihres Gebieters zu verkünden . Trabanten in Östreichs Farben , die Hellebarden auf der Schulter , folgten , und hinter dem stolz flatternden Banner mit Östreichs und Tyrols Wappenschildern ritt der Herzog , umgeben von den Edeln seines Hauses . Pagen berührten seine Steigbügel , und den goldgeschmückten Zaum seines Pferdes , und besondre Leibwächter in blanken Brustpanzern , mit Mordäxten bewaffnet , schlossen sich unmittelbar , die Letztern des Zugs , dem Gebieter an . Das scharfe Auge des Letztern hatte schon vor des Papstes Fenstern den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt , und sein Finger winkte denselben an sein Pferd heran . Im weiten Kreise standen abweichend die Begleiter , die Straße sperrend durch ihr Stillhalten . Der Herzog bückte sich vertraulich über den Hals des Gauls zu dem Jüngling herab , und fragte halblaut : » Was macht Ihr denn für Tollmannsstreiche , Dagobert ? Faselt auf der Straße umher in dem Kirchenrock , der Euch nicht kleidet , und begeht noch obendrein das Verbrechen , Euch eines Unglücklichen anzunehmen ! Das wird Euch Verdruß bringen und Haß erwerben . « » Hatt ' ich nicht Recht ? « fragte Dagobert : » Ich scheere mich nicht um des Böhmen Lehre , aber Mensch bleibt Mensch , und Ihr , gnädiger Herzog , hättet an meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt . « Friedrich besann sich einen Augenblick , dann nickte er zugebend mit dem Kopfe , sprechend : » Ich glaube es beinahe selbst , aber ... junger Patrizier ... wollt Ihr Menschenrechte vertheidigen , so zieht die Kutte aus . Man kann darin den Arm nicht frei regieren , so wenig als den Mund . Auf Wiedersehen ! « Er zog seines Wegs , und Dagobert ging den seinigen . » Der Herzog hat nicht Unrecht , « sagte er zu sich selbst , » aber wie ist das zu ändern ? Für mein Leben gern kröche ich wieder in mein kurz Röcklein und handthierte mit dem Rappiere , aber der Mutter Gelübde , muß ich wohl halten . Wie glücklich sind diejenigen , die frei sich bewegen können , wie sie wollen , und den Kelch des Lebens trinken können , wo sie wollen , nur nicht am Altare . Ich Armer kann nichts thun , als sie beneiden , und muß zusehen , wenn sie hübsche Frauen heimführen dürfen , wie die , welche ich heute sah . Ich aber mag Psalmen singen , und Prozession laufen , oder den gewissenlosen Pfaffen machen , vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz schlägt . Das Letztere verhüte aber Gott ! « » Ei , um aller Heiligen willen , deren Fürsprache mir auf dem Sterbebette Noth thun möchte ! was ficht Euch an , daß Ihr also umherwandelt , bei hellem Tage , ein lebendiger Leichnam , ohne Sinn , Gehör , Gesicht und Wortes ? « fragte Gerhard ' s Stimme plötzlich neben dem Patrizier , der verwundert aufsah , und mit einem bittern Lächeln antwortete : » I nu , lieber Hülshofen , ich freue mich kindisch auf den Augenblick , wo ich Papst seyn werde . « » Wollte Gott , Ihr wärt ' s ; « rief Gerhard , » so könnt ' ich vielleicht auf Absolution hoffen , oder auf Dispens von den Fastenspeisen , die mir gegenwärtig wie Blei im Magen liegen . Unser Wirth im Engel , ein abgefeimter Spitzbube , der früherhin kaum am Freitage Fleisch , Butter und Eier wegließ , ist durch das Concilium so heilig geworden , daß wir Mittwoch , Freitag und Sonnabends nichts als Fisch , Mehl und Öl zu sehen bekommen . « » Faste und bete , da Du nichts zu schaffen hast , « predigte Dagobert , und wollte von dannen , aber Gerhard hielt ihn zurück . » Thut mir doch die Liebe , « sprach der Edelknecht , » und gehet ein Sprünglein mit mir . Ich will mich eben zum Meister Thomas begeben , dem feinsten Waffen- und Messerschmid zu Costnitz . Ich lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost säubern , und wollt Ihr einen Rückenklopfer sehen , wie ihn selbst Seine Majestät Kaiser Karl der Große nicht an der Hüfte hatte , so kommt mit . « » Was sollen mir Eure Klingen ? « fragte Dagobert lachelnd : » Ich fechte in Zukunft nur mit Kerze und Weihwedel . Überdieß ist ' s mit dem Sonnenschein vorbei , der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen , und ich sehne mich nach der Ofenglut . « » O pfui ! « höhnte Gerhard : » Junges Blut ! was will aus Euch werden ? Kommt mit ; wenn ' s Euch reut , die Waffe gesehen zu haben , so schlank und blank , daß schon das Anschauen allein in der Faust juckt , will ich nicht selig werden . ' S ist ja auch nicht weit . Ein Fünfzig Schritte zurück .... seht , dort , wo der Küraß mit Kolbe und Morgenstern über der Hausthüre zu sehen ist . « » Dort ? « wiederholte Dagobert , und mit einem kurzen : » Meinetwegen ! « hatte er sich gedreht , und wandelte dem Hause zu , welches kein andres war , als dasjenige , in dessen Pforte die schöne Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war . Die Werkstatt hinten im Hofe , war erfüllt von lustigem Getöse . Der Blasbalg schnaufte , der Hammer klang , und zwischen durch Funkengeknister und Ambosgetön schallten fröhliche Lieder in schwäbischer , bairischer und Schweizer-Mundart , wie sie die Gesellen des Schmids aus ihrer Heimath mitgebracht hatten . Das kühne , unverdrossene Leben , das sich in dem schwarzen Gewölbe bewegte , lüftete wohlthuend Dagobert ' s Brust . Die starken Gestalten , die hier handthierten , der winterlichen Kälte wie der schmorenden Hitze zum Trotz halb entblöst bis zum Gürtel , schwangen rüstig die schweren Eisenkeulen , und das spröde Metall fügte sich ihren Streichen , unter welchen der Gesang nicht verstummte . Dort trug Einer eine Last Kohlen zur Glut , hier löschte ein Andrer das weißgeglühte Eisen im dampfenden Wasser , dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht , hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge . Die Gewerbe der Messerer , Waffenschmide und Harnischer waren hier in Eins verschmolzen , und in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister , mit prüfendem Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd , der so eben fertig geworden war . » Grüß Dich Gott , Thomas ! « rief ihn Gerhard an : » Wie steht ' s , alter krausköpfiger Bursche ? Was macht mein Stoßdegen ? sitzt er noch im Roste , oder kann sich ein hübsch Mädel darin beäugeln ? « » Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bügel ; « erwiederte Thomas : » wollt Euer Schwert betrachten , lieber Herr . Ich hab ' den Griff mit baierschen Hauben beschlagen lassen . Er sieht fürnehmer aus , und haftet sichrer in der Faust . « Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los , und der Meister wendete sich verwundert zu Dagobert : » Womit kann ich Euch dienen , geistlicher Herr ? « fragte er : » Euer Gewand ist ein unerhörter Gast in meiner Werkstatt . Schwert und Panzer bedürft Ihr nicht ; die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Küchenmagd , und ich habe nicht einmal eine Tochter , noch ein Weib , denen zu Gefallen man sich wohl einmal in die rußige Höhle eines Schmids verirren möchte . « » Ruchlose Gedanken ! « scherzte Dagobert mit dem Finger drohend : » Vor der Hand bin ich indessen hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen Schwerts , der sich eine Freude daraus macht , dann und wann die Kirche zu schirmen . Setzest Du indessen durchaus einen andern Grund voraus , der mich zu Dir führt , so will ich mich zu Deiner Ansicht herunter lassen , und Dir eine Frage stellen , so kurz vom Zaune abgebrochen und so naseweis , als sich ' s gerade schickt . Wer ist die Frau , die in Deinem Hause wohnt , die Stattliche , prächtig Gekleidete ? Mich drängts , darüber Auskunft zu erhalten , wahre Kunde , wohlgemerkt . « » Hm ! « versetzte Thomas schmunzelnd , und auf einen Menschen weisend , der mit verschränkten Armen und lächelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte : » Ihr könnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden , als an diesen , hochwürdiger Herr ! Er weiß von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten . « Dagobert beschaute flüchtig das Antlitz des Empfohlnen , und fand es gemein , einer breiten Ochsenlarve nicht unähnlich , aber geeignet , Vertrauen einzuflößen . » Es ist weiter auch kein Geheimniß dabei ; « sprach der Breitstirnige gleichmüthig : » meine Herrin nennt sich das Erbfräulein von Baldergrün am Harzwalde . Sie ist , wenn nicht die reichste , doch auch nicht die ärmste Edeljungfrau . Zwei freie Sassen zinsen ihr , und , mich dazu gerechnet , zählt sie sechzehn Halseigne , die ihr dienen . « » Wird sie lange hier verweilen ? « fragte Dagobert mit steigender Theilnahme . » Weiß nicht , « erwiederte der Knecht achselzuckend : » doch sollt ' ich ' s vermuthen . Es heißt , sie werde sich hier vermählen . « » Vermählen ! « rief Dagobert rasch : » Mit wem ! « » Meiner Treu ! « lachte der Knecht : » Zweie lassen ihr die Wahl . Der Herr von Königseck , oder der von Montfort , einer von Beiden wird ' s am Ende seyn . « » Ich danke Dir ! « versetzte Dagobert unwillig , ohne der Ursache sich bewußt zu seyn , und kehrte dem Berichter den Rücken zu . Gerhard trat just mit seiner schöngeputzten Waffe herbei , und pries dem Jüngling ihre Vorzüge . Dieser überhörte jedoch Alles , was der Gewehrkundige von Bügel , Korb , Stahlschnitt , Knopf und Spitze sprach , und ging mit ihm hinaus , ohne von Meister und Knecht Abschied genommen zu haben . Thomas schüttelte den Kopf , und die Gesellen thaten ' s ihm nach . Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen ; am wenigsten konnten ' s diejenigen , die ihn vor einer halben Stunde in rüstigem Fauststreit gesehen hatten , und nun sein blödzerstreutes Wesen nicht zu reimen vermochten . Der Knecht jedoch vermochte es am Besten : » Dem hat ' s mein Fräulein angethan ; « brummte er pfiffig in den Bart , und ging hinauf , seiner Herrin zu berichten , es sey nun nicht mehr nöthig , nach dem jungen Manne zu forschen , wie sie ihm geboten ; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt , und nur eines Winks bedürft es , ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen , wenn sie anders Lust habe , ihm Befehle zu ertheilen . Siebentes Kapitel . In Treuen fest Wär ' wohl das Best ' , Doch hältst Du es nicht fast in Ehren : Du Minnedieb , Der Du zum Lieb Nur , was Dir nicht ziemt , willt begehren ! Fastnachtspiel . Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im Hause seines Oheims blicken lassen , und wurde doch von dem Letztern , wie von dessen Freundin Fiorilla sehnlichst erwartet , wenn gleich aus verschiednen Beweggründen . Sein endliches Erscheinen nach dem sonntäglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden Seelen . Zum großen Befremden des Jünglings schien weder der geistliche Zuschnitt seines Rockes , noch die ernste gesammelte Miene , mit der er eintrat , einen besonders günstigen Eindruck auf den Prälaten zu machen . Im Gegentheile : Er bewillkommte den Neffen finster und kalt ; Fiorillens bedeutende Geberden und scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm . » Ist es also , « - begann Monsignore , nach langer ungewisser Pause , - » ist ' s also , daß man sich vorbereitet zu dem heiligen Stande , den man zu ergreifen gedenkt , nach Gottes und des Oheims Willen ? Schäme Dich dessen , was ich von Dir vernehmen mußte ! « Dagobert fragte schüchtern nach der Sünde , die er begangen haben sollte . » Du willst nicht wissen , Dich nicht entsinnen ? « rief der Prälat : » verstockter , unbußfertiger deutscher Tollkopf ! Ich will Dir erklären , was ich meine : Ein Jüngling von altbürgerlichem Geschlecht , zum Dienst der alleinseligmachenden