Jahr vollendet , als mitten in der schönsten Frühlingszeit alle Welt hier in eine halb ängstliche , halb freudige Spannung gerieth , deren unschuldige Ursache die regierende Herzogin von P. war . Diese Fürstin sollte auf ihrer Durchreise nach einem Bade mit ihren beiden Prinzessinnen in kurzem bei uns eintreffen , und hatte beschlossen , einige Tage in unserer Stadt zu verweilen , um die Merkwürdigkeiten und vor allem die schönen Umgebungen derselben kennen zu lernen . Vor vierzig Jahren war das Reisen mit weit grössern Beschwerden verbunden als jezt , wo es einer lustigen Spazierfarth immer ähnlicher wird . Gute Gasthöfe waren selten , leidliche Wege noch seltner und Kunststrassen am allerseltensten . Daher blieb fast jeder , der nicht reisen mußte , gern zu Hause , und besonders waren reisende Könige und Fürsten damals eine seltene Erscheinung . Alle Fenster in den Strassen , durch welche ein gekröntes Haupt fahren sollte , wurden deshalb lange im voraus in Beschlag genommen , die neugierige Menge drängte sich Kopf an Kopf in dichten Reihen um die fürstlichen Wagen her , und alte Leute , denen in ihrer Jugend das Glück zum Theil worden war , einen Kaiser oder König von ferne zu sehen , erzählten noch Kindern und Kindeskindern davon als von einem merkwürdigen Ereignisse ihres Lebens . Die blosse Durchreise der Herzogin wäre also schon hinreichend gewesen um die ganze Stadt in Bewegung zu bringen , aber nun wollte sie sogar drei Tage in unsrer Mitte verweilen , und glänzende Feste sollten diese Zeit ausfüllen , deren Erfindung denen , welche sie anzuordnen hatten , nicht wenig Kopfbrechens verursachte . Der überall immer steigende Luxus hatte freilich seit den lezten zehn Jahren auch in dieser Stadt sehr zugenommen , und nach und nach war manche bedeutende Abänderung in der früher gewohnt gewesenen Lebensweise der Einwohner derselben entstanden ; doch die Idee von Hoffesten lag den freien Reichsstädtern noch immer zu fern , als daß sie sich sogleich darin hätten finden können . Während die Männer mit Zuziehung meines Vaters darüber rathschlagten , wie sie die Fürstin gehörig empfangen und unterhalten könnten , waren die Damen ihrer Seits mit Vorbereitung ihres Putzes zu dieser feierlichen Gelegenheit nicht minder beschäftigt . Ich allein blieb vielleicht die Müssigste in der ganzen Stadt , denn die Sucht auf diese Weise glänzen zu wollen , gehörte nie zu meinen Fehlern . Im stolzen Bewustsein meiner Vorzüge suchte ich vielmehr stets etwas darin , meine von Silberflor , Flittern und Edelsteinen strahlenden Nebenbuhlerinnen im einfach zierlichen Gewande dennoch zu verdunkeln , und ich nahm mir vor , auch diesmal meiner alten Gewohnheit treu zu bleiben . Bei alle dem aber klopfte mir doch das Herz bei dem Gedanken , einer Fürstin vorgestellt zu werden . Wäre es ein König , oder selbst ein Kaiser gewesen , ich hatte zwar auch noch keinen gesehen , aber ich wäre wahrscheinlich ruhiger dabei geblieben , denn Kaiser und Könige sind Männer und gegen solche wußte ich mich zu benehmen . Ich durfte sogar hoffen , ihnen eben so wenig zu misfallen , als andern Männern ; aber eine Fürstin , und vollends gar eine junge Prinzessin ! Der blosse Gedanke an ein solches , mir so ähnliches , und doch wieder auch so unähnliches Wesen flößte , wie etwas Uebernatürliches , mir eine Art ängstlicher Scheu ein . Ich zerbrach mir vergebens den Kopf um zu ersinnen , wie einer so von Jugend auf in einer ganz andern Sphäre und mit ganz verschiedenen Ansichten aufgewachsenen Prinzessin die Welt und die Verhältnisse des Lebens , erscheinen könnten , zu denen eine solche Fürstin eigentlich gar nicht gehört , und denen sie denn doch auch wieder in gewisser Hinsicht eben so unterworfen ist als jedes andre Mädchen . Der grosse Tag kam endlich heran , die Fürstin auch , und ich ward in der Reihe der ersten Damen der Stadt ihr vorgestellt . Ich fühlte mich bei dieser ganz einfachen Zeremonie so befangen wie nie zuvor in meinem Leben , und ärgerte mich dabei innerlich über mich selbst , weil es mir durchaus nicht gelingen wollte , dieses ängstliche Gefühl abzuschütteln . Die Herzogin , eine schöne hohe Frau von mütterlichem Ansehen , war die Huld und Freundlichkeit selbst ; sie war weit einfacher gekleidet als wir alle und weder Schmuck noch Orden verriethen ihren hohen Stand . Mit jener Leichtigkeit , welche von Jugend an den Fürstinnen eingelehrt wird , wandte sie sich an alle Damen der Reihe nach und wußte jeder etwas angenehmes zu sagen . Mich beehrte sie besonders mit freundlichen Fragen nach einigen meiner Verwandten , die sie in frühern Zeiten gekannt hatte , und ich antwortete ihr so gut ich es konnte ; doch meine Stimme bebte dabei , meine Wangen glühten und meine Augen hafteten unabwendbar am Boden . Unerachtet aller möglichen fürstlichen Herablassung , imponirte mir die hohe , über das ganze Wesen der Herzogin verbreitete , ihr ganz eigenthümliche Würde , und ihre Kornblumenfarbenen Augen , so mild sie stralten , schienen mir bis in das Innerste meiner Brust dringen zu wollen . Es mochten wohl schon oft solche verlegne Figuren wie ich damals eine war , vor ihr gestanden haben , denn sie schien meinen Zustand zu begreifen und suchte , mitleidig , ihm dadurch abzuhelfen , daß sie mich ihren beiden Töchtern , zwei ätherisch-zarten Gestalten zuführte . Besonders war die jüngste , Prinzessin Mathilde , ein Kind von zwölf Jahren , beinahe unkörperlich wie eine Silphide . Ich fühlte die Absicht der Fürstin und schämte mich innerlich meines albernen Betragens nur noch mehr , indessen gelangte ich nach und nach durch das Gespräch mit den jungen Damen doch wieder zu leidlicher Fassung , obgleich ich von meiner gewohnten Sicherheit noch immer weit entfernt blieb . Ich wagte es doch wenigstens , wieder aufzusehen , fuhr aber gleich wieder erschrocken zusammen , denn mein erster Blick fiel in das mit gespannter Aufmerksamkeit auf mich gerichtete Auge eines dicht hinter der Herzogin stehenden jungen Mannes . Er wandte , fast unmerklich erröthend , den Blick von mir ab , so wie der meinige ihn traf , und auch ich schlug die Augen wieder nieder , aber ich fühlte , wie meine Wangen vor dem Strahle seines Blicks in dunkelem Purpur erglühten . Als ich mich nach einer kleinen Weile unbemerkt wußte , sah ich doch verstohlen wieder hin ; es war eine hohe edle Gestalt mit einem sehr ausdrucksvollen schönen ernsten Gesichte . Sein durchaus ruhiger , bescheidener und doch vornehmer Anstand verkündeten in ihm den Mann von Welt und feiner Bildung ; ich sah von ihm auf meine zahlreichen , den Saal füllenden Bewunderer , nie hatten sie mir weniger gefallen ; alle standen in ehrerbietiger Ferne , einige , noch verlegener als ich , drückten sich an den Wänden herum . Ich wünschte in diesem Augenblick nichts sehnlicher . als zu erfahren , wer der interessante Fremde sei . Aber wo hätte ich den Muth hernehmen wollen darnach zu fragen ; ich war mit einemmal ein blödes bescheidnes Kind geworden , und ich kannte mich selbst nicht wieder in dieser Umwandlung . Der Nachmittag war bestimmt , die Herzogin an einige der schönsten Puncte der Umgegend zu führen und sie selbst hatte die Gnade , mich zur Begleitung ihrer Töchter einzuladen . Ich fuhr mit den Prinzessinnen und ihrer Hofmeisterin in einem offenen Wagen , der Fremde ritt neben dem der Herzogin her . Er schien so an ihre Nähe gefesselt , daß er sich von ihr durchaus nicht entfernen durfte , indessen hatte ich doch das Vergnügen , ihn von weitem zu beobachten . Seine schöne Gestalt zeigte sich mir zu Pferde auf das allervortheilhafteste , denn es ist ja eine sehr alte Bemerkung , daß für die Männer das Pferd das ist , was für uns der Tanzsaal , um darauf körperliche Vorzüge im günstigsten Lichte geltend zu machen . Mit stiller Freude wurde ich gewahr , daß er sich nach uns umsah , so oft sich die Gelegenheit dazu bot . Ich bemerkte es jedesmal , wenn es geschah , mochte aber um so weniger es wagen , nach seinem Namen zu fragen . Eine elegante und ausgesuchte Kollazion erwartete die Herzogin nach vollendeter Spazierfahrt , in einem der schönsten Gärten in der Nähe der Stadt , und ein brillantes , von einem in diesem Fache berühmten Künstler dirigirtes Feuerwerk sollte mit sinkender Nacht die Freuden dieses Tages beschliessen . Für die Herzogin war zu diesem Zweck dicht am Hause eine grosse , mit einem seidnen Baldachin bedeckte Estrade erbaut worden . Einige Stufen führten von dieser Estrade in den Garten hinunter , und vom Hause aus gelangte man , ebenfalls einige Stufen hinab , durch drei der grossen , bis an den Fußboden reichenden Fenster des in der ersten Etage befindlichen Speisesaals , auf die für die Herzogin und die Damen bestimmten Plätze . Ich fand den meinigen unfern den Prinzessinnen , am Ende der zweiten Reihe von Stühlen . Das Feuerwerk begann , die laue Sommernacht schien für ein Vergnügen dieser Art eigends geschaffen zu sein . Dunkle Wolken bedeckten den Horizont , ohne doch mit wahrem Regen zu drohen , und das in bunten feurigen Farben stets wechselnde lustige Strahlenspiel zeigte sich auf diesem dunkeln Hintergrunde , in feenhafter Zauberpracht . Der Anblick der zahllosen geputzten Zuschauer , welche im Garten , um die Estrade her gruppirt , theils sassen , theils standen , erhöhte den Reitz des magischen Schauspiels , indem alle die vielen Köpfe sich bald im hellsten Lichte zeigten , bald zurücktretend in das geheimnißvolle Dunkel der Nacht , wieder verschwanden . Das ganze Feuerwerk gieng zur Freude aller Anwesenden ganz vortrefflich von statten ; schon zeigte sich die letzte glänzendste Dekorazion , ein im hellsten Brillantfeuer strahlender Säulentempel . Ein feuriger Adler flog zu einem der obern Fenster des Hauses hinaus über die Estrade weg , um die an dem Tempel angebrachten Namenzüge der hohen Herrschaften anzuzünden , alles war in gespannter froher Erwartung . Doch ehe der Adler noch die Mitte seiner Bahn erreichte , riß einer der Drähte entzwei , an welchen er schwebte , der feurige Klumpen prallte sinkend zurück , gerade auf den Platz zu , wo die Herzogin saß . Er setzte die seidene Drapperie des Baldachins in Brand , verwundete ein paar Damen und fiel dann mitten in der Estrade zu Boden , wo er , dampfend und zischend und prasselnd , Angst und Gefahr um sich her verbreitete . Von dem Tumulte , dem Geschrei , dem Entsetzen der Unordnung , worin sich jezt alles auflöste , kann Euch keine menschliche Zunge einen Begriff geben . Man muß so etwas mit erlebt haben , um es sich vorstellen zu können . Alle Rücksichten waren im Moment vergessen , jeder dachte nur an sich und die Seinen . Die , welche auf der Estrade sich befanden , stürmten schreiend durcheinander , den in den Speisesaal führenden Zugängen zu . Jeder rief mit überlauter Stimme die Namen der Seinen , die er im Gedränge zu verlieren fürchtete , und alle vermehrten im panischen Schrecken die allgemeine Unordnung und die erst aus dieser hervorgehende Gefahr , welcher ein einziger besonnener Mann hätte zuvorkommen können . Mit einem Griffe , der die glimmenden Drapperien herunter gerissen , mit einem Fußtritt , der den Funken sprühenden Adler in den Garten hinab geschleudert hätte , wäre alles gethan gewesen . doch daran war jezt nicht mehr zu denken . Die leichten Latten , welche rings um die Estrade eine Art Balustrade gebildet hatten , wurden von denen zertrümmert , die aus dem Garten hinauf diese erkletterten , um ihren oben befindlichen Frauen und Töchtern zu Hülfe zu kommen ; die Stühle wurden umgeworfen , einige der Fliehenden fielen über diese , oder über die zu dem Hause hinaufführenden Stufen , andere stiegen über die Gefallenen weg . Die Herzogin war zum Glück gleich im ersten Augenblick ins Haus geflüchtet , zwei Sekunden später waren schon alle drei Eingänge zu diesem von der ihr nachdringenden Menge verstopft , niemand konnte weder rückwärts , noch vorwärts , und alles das geschah unter durchdringendem betäubendem Geschrei , innerhalb weniger Minuten , ich möchte sagen , in weit kürzerer Zeit , als ich gebraucht habe , Euch von diesem Unfalle zu erzählen . Ich selbst behielt zum Glücke kaltes Blut genug , um das Nichtige der gefürchteten und das Bedeutende der aus dieser Furcht entstehenden Gefahr einzusehen , und war deshalb auch so besonnen , daß ich mich nicht , wie die Uebrigen , dem Hause zu zuflüchtete . Ich wollte lieber durch einen raschen Sprung seitwärts von der gar nicht hohen Estrade , in das weiche Gras , mich in den dunkeln menschenleeren Theil des mir aus früherer Zeit sehr wohl bekannten Gartens flüchten , um dort das Ende alles dieses Lärmens ruhig abzuwarten . Indem ich aber mein Kleid zusammennahm und mich anschickte herunter zu springen , fühlte ich mit sanfter Gewalt meine Knie umfaßt ; erschrocken sah ich nieder und traute meinen eigenen Augen kaum , als ich die arme kleine Prinzessin Mathilde erblickte , die , unfähig sich zu helfen , zwischen den umgeworfenen Stühlen , auf dem Fußboden der Estrade lag , und , krampfhaft zitternd , mich fest umschlungen hielt . Das arme Kind war gleich anfangs im ersten Schrecke von seiner Mutter abgekommen , es war über die Stühle hingefallen , niemand hatte dies gesehen , und da mehreren Personen oblag , für die Prinzessin zu sorgen , so hatte sich eigentlich in der Verwirrung niemand um sie bekümmert , indem jedes sie bei den Andern in Sicherheit glaubte . So war sie denn wirklich der Gefahr ausgesetzt geblieben , im Gedränge erstickt oder ertreten werden zu können . Ohne langes Bedenken nahm ich die zarte Kleine auf , kniete am Rande der Estrade hin , und ließ sie mit möglichster Behutsamkeit langsam hinunter in das Gras sinken , dann sprang ich selbst ihr nach ; das Getümmel und Geschrei oben nahm zu und das Kind lag wie besinnungslos zu meinen Füssen . Eben wollte ich versuchen , es mit Hülfe meines Flakons mit Eau de Luce wieder zu sich selbst zu bringen , als ein fürchterliches , lange anhaltendes Knallen mich selbst jezt auf das heftigste erschreckte . Ein Feuerregen umsprühte mich im Nu , Hunderte von feurigen Schlangen flogen zischend und prasselnd nach allen Richtungen durch die Luft , und verbreiteten eine höchst ängstliche Helle , die momentan wieder mit dicker Finsternis abwechselte . Eine grosse Menge zerstreut liegender Raketen , welche zu einer gewaltigen Girandole vereint , den Schluß des Feuerwerks hatten verherrlichen sollen , war durch ein Versehen in Brand gerathen . Vermuthlich hatte der Feuerwerker selbst über die , wahrscheinlich nicht ohne seine Schuld entstandene Verwirrung den Kopf verloren , und so konnte denn dieses zweite Unglück durch die vielen , mit Fackeln zum Aufsuchen ihrer Herrschaften herumlaufenden Bedienten leicht entstehen . Durch das immer wilder werdende Geschrei über mir , durch das Knallen der Raketen , durch den fortwährenden Funkenregen , und die rings um uns niederfallenden brennenden Raketenstöcke , war ich jezt selbst so ängstlich geworden , daß ich in Gefahr stand , ebenfalls die Besinnung zu verlieren ; doch suchte ich mich zu fassen so gut ich konnte . Ich nahm das noch immer halb ohnmächtige Kind in meine Arme , es schien mir in der Angst federleicht . Mir kam der Gedanke , in einen , vom Schauplatze der Verwirrung ziemlich entfernten , mir wohl bekannten Gartensaal uns beide einstweilen in Sicherheit zu bringen ; denn schon fielen kalte einzelne Regentropfen herab und der nächtliche Himmel hüllte sich in immer schwärzeres Dunkel . Selbst zitternd vor Furcht , trat ich daher jezt mit meiner Bürde den Weg nach jenem Gartensaal an , und beeilte meine Schritte so gut ich es konnte . Ich hatte das Kind schon eine ziemliche Strecke weit fortgetragen , als Angst und Eile mich ein paar Stufen vergessen liessen , die auf meinem Wege lagen und zu einer niedriger liegenden Terrasse hinabführten , über die ich mußte . Ich glitt aus , fiel , mit dem Kinde auf meinen Armen , die kleine Treppe hinab , und fühlte , nach wenigen Minuten , zu meinem unaussprechlichen Schrecken , die Unmöglichkeit aufzustehen und weiter zu gehen . Im Garten war es jezt sehr dunkel und todtenstill . Das Feuerwerk hatte ausgetobt , und nur wie aus weiter Ferne tönte das die Estrade noch immer umwogende Getöse zu mir herüber . Der Regen begann mächtiger hernieder zu rauschen und weckte die kleine Prinzessin aus ihrer Ohnmacht . Sie zitterte an allen Gliedern wie ein Espenlaub , doch freute es sie , sich in meinen Armen zu finden . » Fräulein , « bat sie unter heißen Thränen , » liebes Fräulein , so stehen Sie doch auf , daß wir zu meiner Mutter kommen , « und da sie sah , daß ich nicht aufzustehen vermochte , erhob sie ein lautes klägliches Geschrei nach Hülfe . Vergebens versuchte ich alles , sie zu beschwichtigen , sie lies sich nicht beruhigen und zitterte dabei immer stärker mit konvulsivischer Heftigkeit . Ich versicherte sie , daß alle Gefahr vorüber sei , daß der Schmerz in meinem Fuße sich bald geben würde , daß ich den Weg kenne und sie sicher nach Hause bringen würde , alles war vergebens . Sie schrie immer lauter und ängstlicher , und ich hörte dabei die Zähne des armen Kindes vor Angst und Furcht an einander schlagen . Der traurige Zustand der Kleinen gieng mir durch die Seele . Eure Shawls kannte man damals noch nicht , so riß ich dann meine Zirkassienne , eine Art Oberkleid , das damals Mode war , herunter , um das arme Prinzeßchen in den starken seidenen Stoff zu hüllen und es nur einigermassen vor dem immer dichter fallenden Regen zu schützen . Dankbar schlang das Kind die zarten schwachen Aermchen um meinen Hals , verbarg leise weinend und schluchzend das Köpfchen an meine Schulter , und schrie dann wieder überlaut mit verdoppelter Heftigkeit nach Hülfe . Jezt fieng ich an , um uns Beide recht ernstlich besorgt zu werden . Die unnatürliche Heftigkeit der Prinzessin Mathilde ängstigte mich unbeschreiblich , die Schmerzen in meinen Füßen nahmen mit jeder Minute zu und wurden fast unleidlich ; dazu durchnäßte der immer dichter fallende Regen uns beide , besonders aber mich bis auf die Haut . Ihr könnt also denken , wie froh ich war , als ich endlich an der Taxusecke , welche die Terrasse einfaßte , auf welcher ich lag , den Wiederschein eines Lichtes erblickte . Auch die Prinzessin ward mit mir zugleich diesen Hoffnungsstrahl gewahr , sie stand auf , wandte sich nach der Richtung , von wo das Licht zu kommen schien , und rief mit einemmal laut jubelnd : » Leuen , lieber Leuen , hieher , hier unten ist Mathilde , hier ist auch das Fräulein , geschwind ' uns zu Hülfe , hieher ! Das Gebüsch über mir rauschte , ein Mann sprang von der obern Terrasse zu uns hinab , und beim Schein einer Laterne , die er trug , und die er augenscheinlich irgendwo an einem Hause heruntergerissen haben mußte , erkannte ich den Begleiter der Herzogin . Gottlob , daß ich Sie finde , Prinzessin ! sprach er ganz ausser Athem ; wir glaubten alle , Sie schon zu Hause zu finden , und die Herzogin ist jezt Ihretwegen in der quälendsten Todesangst . Kommen Sie , wir müssen eilen , erlauben Sie , daß ich Sie bis an den Wagen trage , damit wir schneller fortkommen . Nein , nein , nein , nein , rief abwehrend die Kleine , sehen Sie doch nur hier , das arme liebe Fräulein Falkenhayn . Sie hat den Fuß gebrochen , weil sie mich forttrug . Ach Gott ! ach Gott , sie stirbt ; sehen Sie , wie sie mit einemmal bleich wird ; sie stirbt ganz gewiß , wenn sie nicht gleich Hülfe bekommt . Das arme Kind brach von neuem in Thränen aus , warf sich mir , wie ich so da lag , um den Hals ; der Fremde aber , der jezt erst meiner gewahr ward , stand , sichtbar erschrocken , dabei , und schien in der ersten Ueberraschung vergebens nach Worten zu suchen . Es ist lange nicht so arg , als die Prinzessin es glaubt , « erwiederte ich , und suchte , unerachtet des ungeheuern Schmerzes in meinem Fuße , ein Lächeln zu erzwingen . Ich bin ausgeglitten , ich habe mir den Fuß verstaucht , vielleicht ein wenig verrenkt , aber gebrochen nicht , hoffe ich . Die paar Schritte bis zum Wagen denk ' ich recht gut gehen zu können , sprach ich , und bemühte mich , vom Boden aufzustehen . Herr von Leuen unterstützte mich , auch die arme kleine Mathilde strengte mitleidig alle ihre schwachen Kräfte an , mir zu helfen ; doch der Schmerz ward zu heftig , und ich sank mit einem kaum zu unterdrückenden Wehelaut zurück in das Gras . Es geht nicht , sprach ich , meinen Schmerz möglichst verbergend , es geht nicht . Haben Sie nur die Güte , Herr von Leuen , die Prinzessin an den Wagen zu bringen , und mir dann Hülfe zu senden . Nein , nein , nein , rief Mathilde abermals , und umschlang mich , mich fest umklammernd , als wolle man mit Gewalt sie von mir reissen . Nein , Leuen , ich thue es nicht , mag werden was da will , ich kann ja meine gute liebe Beschützerin hier nicht so allein liegen lassen . Auch ich kann mich nicht dazu entschliessen , erwiederte von Leuen mit bewegter Stimme . Aber was fangen wir an , der Regen wird immer heftiger ; was sollen wir thun ? In diesem Augenblick ' erblickte er durch das Gebüsch in ziemlicher Ferne Leute mit Fackeln , welche vermuthlich noch immer die Prinzessin suchten . Er rief so laut er es konnte ihnen zu , doch Wind und Regen rauschten , niemand hörte ihn , die Lichter entfernten sich wieder und verloren sich zuletzt ganz . Sie aufzusuchen erlaubte die Prinzessin Herrn von Leuen nicht ; sie hielt ihn unter Thränen und Bitten fest , und niemand kam zu uns , da man nicht vermuthen konnte , uns in diesem ganz abgelegenen Theile des Gartens zu finden . Wenn die Prinzessin gehen könnte , es sind kaum hundert Schritte bis dahin , wo ich den Wagen errufen kann , fieng Leuen jezt ein wenig verlegen an . O ich kann ! ich kann ! rief das zitternde Kind , mir fehlt nichts , gar nichts , helfen Sie nur , lieber Leuen , helfen Sie nur dem Fräulein . Geben Sie mir die Laterne , ich will sie schon tragen , und nehmen Sie das Fräulein und tragen Sie sie auf den Armen , wie sie mich getragen hat . Die Prinzessin hat Recht ; ich bitte , vertrauen Sie sich mir , sprach jezt Leuen , und obgleich seine merklich zitternde Stimme dabei von innerer Verlegenheit zeugte , so hob er doch , ohne meine Antwort abzuwarten , und ehe ich mich dessen versehen konnte , mit starkem Arme mich empor . Mir vergiengen dabei fast die Sinne , aber was konnte ich thun ? Wie ein Kind lag ich in seinen Armen , an seine Brust gedrückt ; sein Athem wehte an meiner Wange , ich hörte jeden Schlag seines Herzens . Ein unnennbares nie gefühltes Vertrauen zu dem fremden Manne , dessen Namen ich kaum kannte , kam in dem Augenblick ' in meine Seele , und Thränen entquollen meinen Augen , süsse Thränen , die ich weinte , ich wußte nicht warum . Er bemerkte mein stilles Weinen . » Sie leiden sehr ! « flüsterte er mit unbeschreiblich sanfter wohlthuender Stimme mir zu , und ich sah beim Schein der Laterne , welche die Prinzessin trug , daß ein feuchter Schimmer auch sein schönes Auge verklärte . Ich vermochte es nicht , seine Frage zu beantworten . Wir kamen nur sehr langsam vorwärts , denn die arme kleine Mathilde konnte kaum fort , und auch Herr von Leuen eilte nicht , und konnte es auch wohl nicht unter der schweren Last , die er trug . Endlich ward aber doch der Wagen erreicht , unser Beschützer setzte sich neben mich , um mich zu unterstützen und , so viel dies möglich war , die Stösse des Wagens zu mindern , der , seinem Befehl zu Folge , meinetwegen sehr langsam fahren mußte . Mathilde setzte sich mir gegenüber , und bestand darauf , meinen kranken Fuß auf ihrem Schooße zu halten . Dabei plapperte sie in einem fort mit der frohen Geschwätzigkeit eines Kindes , das sich freut , einer grossen Gefahr entronnen zu sein , und überzeugt ist , etwas höchst Merkwürdiges erlebt zu haben . Sie war bei dem ganzen Vorgange nicht so bewustlos gewesen als ich gedacht hatte , denn sie erzählte sehr umständlich , wie ich sie von der Estrade hinunter gelassen habe , und dann ihr nachgesprungen sei , wie ich sie dann weiter getragen , und wie ich zuletzt mein eignes Kleid mir abgerissen habe , um sie in die Schleppe desselben einzuhüllen . Als sie diesen Umstand erwähnte , ward ich erst beim Scheine der , den Wagen umgebenden Fackeln den zerstörten Zustand meiner Kleidung gewahr , und alles Blut meines Herzens stieg mir ins Gesicht . Leuen , dessen glänzende Augen bis jezt in einem fort auf mir geruht hatten , bemerkte mein Erröthen , auch er wurde roth , wandte den Blick und vermied es von nun an , mich wieder anzusehen bis der Wagen vor dem Hause der Herzogin hielt . Leicht wie ein Vogel , mit hellem Freudengeschrei flog Prinzessin Mathilde zum Wagen hinaus , die Treppe hinauf in die Arme ihrer Mutter . Ich verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden , doch in demselben Augenblicke kam er selbst an den Wagen , und schloß mit liebender Sorge mich in seine Arme . Seine Gesundheit erlaubte ihm nicht mehr , sich der Abendluft auszusetzen , deshalb war er bei dem Feuerwerke nicht gegenwärtig gewesen ; doch als das ins Fabelhafte vergrösserte Gerücht von dem dabei vorgefallenen Unheil ihm zu Ohren kam , und ich noch immer fort ausblieb , trieb ihn Besorgniß um mich zur Herzogin , wo er mich zu finden hoffte . Beide theilten nun mit einander die Angst um das Schicksal ihrer Kinder und die Sorge für deren Rettung . Alle Leute , deren sie habhaft werden konnten , wurden ausgeschickt uns zu suchen , doch keiner von allen kam auf den Einfall , uns da zu vermuthen , wo wir uns befanden . Nur Herr von Leuen , der übrigens die Lokalität des Gartens gar nicht kannte , ward durch ein glückliches Ungefähr zu unserer Hülfe herbei geführt . Das sonderbarste war , daß niemand begreifen wollte , wie die Prinzessin Mathilde in diese Verlegenheit hätte gerathen können . Und doch war nichts natürlicher . Es ist ja das Schicksal aller , für deren Bedienung Viele zu sorgen haben , daß sie bei wichtigen unerwarteten Ereignissen gerade am ersten vernachlässigt werden , weil sich stets einer ihrer Diener auf die Pünktlichkeit des andern verläßt . Während die Herzogin sich des Wiedersehens ihres vermißten Kindes erfreute , ward ich in einem ihrer Zimmer auf ein Ruhebette getragen , denn sie wollte es durchaus nicht erlauben , daß ich in diesem leidenden Zustande in die , von der ihrigen ziemlich weit entfernten Wohnung meines Vaters gebracht würde . Gleich darauf kam sie selbst zu mir , um unter heissen Thränen des Dankes mich für die Rettung ihrer Tochter zu umarmen . Sie übertrieb sowohl die Gefahr , in welcher die Prinzessin geschwebt , als die Bewunderung dessen , was ich für sie gethan hatte , nach der gewohnten Art aller Grossen , die sich nur selten in die kleineren Unfälle des Lebens zu finden wissen , obgleich sie schweres Unglück oft mit einem Muthe ertragen , der den unsern beschämt . Die Herzogin nannte mich einen , von Gott zu ihrem Schutze gesendeten Engel , und war so unerschöpflich im Lobe meines Muthes , meiner Besonnenheit , meiner Selbstopferung , daß ich zuletzt anfieng , mich recht herzlich vor mir selbst zu schämen . Denn was war es denn am Ende , was man so bis in die Wolken erhob ? Was hatte ich denn Grosses gethan ? Ich hatte Besonnenheit genug gehabt , einigermassen mit Verstand für meine eigene Person zu sorgen , und war dabei nicht unmenschlich genug gewesen , ein schwaches liebenswürdiges Kind hülflos zu verlassen . « » So wie die Herzogin hinaus gieng , fiengen alle im Zimmer Gegenwärtige , von der Hofmeisterin der Prinzessin bis zum Garderobenmädchen hinab , an , auch ihren Theils meinen Edelmuth in noch übertriebneren Ausdrücken als ihre Fürstin bis in die Wolken zu erheben . Alle erzählten einander zugleich die Wunder , die ich gethan , so daß ich der Sache endlich recht überdrüssig ward , und es versuchte , ihnen meine eigne Ansicht des Vorganges mitzutheilen . Allein ich predigte tauben Ohren . Man ergoß sich jezt sogar in überlaute Bewunderung meiner Bescheidenheit . Ich schwieg zuletzt , lies geduldig alles über mich ergehen , und fand bald , daß dies der beste Weg sei , die ungestümen Nachbeter ihrer Fürstin endlich zum Schweigen zu bringen . Inzwischen untersuchte der Leibarzt der Herzogin meinen beschädigten Fuß . Er war , wie ich es vermuthet hatte , nicht gebrochen , aber verrenkt und stark geschwollen . Der Arzt versprach meine völlige Wiederherstellung innerhalb weniger Tage , nur machte er dabei das vollkommenstruhige