unter die Augen treten zu sollen . An der Thür des Frühstückszimmers verließ mich fast der Muth ; ich horchte auf seine Stimme , und wie alles stille war , fürchtete ich mich vor seinem Schweigen , seinem mir begegnenden Blick . Die Aufmerksamkeit eines Bedienten , den mein Zögern zu befremden schien , bestimmte mich endlich , die Thüre zu öffnen ; schüchtern blickte ich nach meines Vaters gewöhnlichem Sitz - er war leer . Eine Last fiel mir vom Herzen . » Wo ist mein Vater ? « fragte ich den Diener . - » Er ging aus und hat hinterlassen , daß er nicht zum Frühstück zurückkehren werde « , war die Antwort . Das war mir eine ungewohnte Erscheinung ! - Das Frühstück war die Vereinigungsstunde der Familie , die meinen Vater immer herbeigezogen hatte ; sollte er sie heute versäumen , so mußte ich ohne einen Blick des Segens hinwegscheiden , heute besonders , nachdem ich bei unserm letzten Zusammenseyn seinen Unwillen erregt hatte . Das konnte ich nicht ertragen , und der Vorsatz , mein Vorhaben aufzugeben , keimte in meinem Herzen . Ehe er aber zu einem festen Entschluß gereift war , hielt Lady St. Edmonds Wagen vor dem Hause . Ich eilte sie zu empfangen , führte sie bei Seite und beschwor sie , wenigstens heute , den einzigen Tag , meine Reise zu verschieben ; meines Vaters Abwesenheit mache es mir unmöglich , das Haus zu verlassen . Sie schalt meine Schwäche , sie bewies mir , daß grade diese Abwesenheit mir die Gefahr mich zu verrathen erspare , und wie bald ich ihn , da sie an seiner schnellen Versöhnung gar nicht zweifle , wieder sehen würde ; sie stellte mir das Unrecht vor , das ich an Lord Friedrich begehe , die Gefahr , einen so leidenschaftlichen Liebhaber aufs Aeußerste zu treiben . - Durch ihre Beredsamkeit gewonnen , zeigte sich mir mein Vorhaben von einer andern Seite , als die , welche mich bisher beschäftigt hatte , und mein Schwanken benutzend , riß mich Lady St. Edmond mit sich fort . Noch eilte ich vorher zu der Freundin meiner Jugend , um ihr , da sie keinen Theil an meinem Geheimniß nehmen durfte , ein zweideutiges Lebewohl zu sagen . » Julie « ! rief ich , ihre Hand drückend , » ich entferne mich auf kurze Zeit . Vermißt mich mein Vater , so ersetzen Sie mich bei ihm . O Julie , wenn Sie mich je geliebt , so bezeigen Sie ihm die kindliche Ehrfurcht , die - ich ihm schuldig gewesen wäre ! « - Meine zitternde Stimme , mein bewegtes Gemüth hätten mich Miß Arnold verrathen müssen ; allein sie war entschlossen , ein Geheimniß nicht zu entdecken , das ihr zu wissen nachtheilig werden konnte . Nachlässig sagte sie mir Lebewohl , und kein Lächeln des Wohlwollens war im Augenblick des Scheidens von ihrer Jugendfreundin auf ihrem Antlitz sichtbar . In einer völligen Betäubung aller meiner Gefühle fuhr ich vom Hause ab ; wie ich meiner wieder deutlich bewußt ward , befand ich mich schon in ganz fremden Umgebungen , die ich nicht mit meiner Vergangenheit reimen konnte , die mir meine Zukunft nicht errathen ließen . Lady St. Edmond verwendete ihr freundlichstes Geschwätz , um meine Aufmerksamkeit auf angenehme Gegenstände zu lenken ; sie drang mir das Versprechen ab , gleich nach erhaltner kirchlicher Einsegnung meiner Ehe in ihrem Hause eine Zuflucht zu suchen , schilderte mir die Annehmlichkeit meiner künftigen Verhältnisse , wenn ich , wie es mir gar nicht fehlen könnte , die verschiednen Glieder der Familie du Burgh für mich gewonnen , und wie die Versöhnung mit meinem Vater , die ebenso wenig Schwierigkeit haben würde , dann meine Beruhigung vollenden müsse . Es gelang ihr , mein Gemüth zu beruhigen , so daß ich bei unsrer Ankunft in Barnet meine gewöhnliche Geistesheiterkeit größtentheils wieder gewonnen hatte . Wie der Wagen anhielt , und ich den Mann , dem ich mein ganzes Lebensheil zu übergeben gesonnen war , zu meinem Empfang bereit zu erblicken erwartete , drückte ich mich mit unwillkürlichem Grausen in den Winkel des Wagens zurück und ließ meine Begleiterin vor mir aussteigen . Da ich nur ihre Stimme hörte , die mich nachzukommen bat , raffte ich mich auf , ich folgte ihr in ein Zimmer , ich hörte , wie sie ihrem Bedienten auftrug , nach Lord Friedrich zu fragen ; doch seine Antwort : er sey noch nicht angekommen , veränderte nur meine Lage , sie verbesserte sie nicht . Ich beantwortete Lady St. Edmonds zuversichtliche Bemerkung : daß er unverzüglich , daß er in fünf Minuten eintreffen werde , mit einem spottenden Lachen . Die fünf Minuten gingen hin , auch zehn und längere Zeit . In größter Unruhe saß meine Begleiterin am Fenster , blickte der Straße entlang und hoffte bei jedem Hufschlag , bei jedem Rollen eines Wagens , es müsse der Erwartete seyn ; ich schien gleichgültig den großen Ochsen von Durham und Godolphins Araberpferd , deren Abbildungen an der Wand hingen , zu betrachten , indeß meine Begleiterin mit zunehmender Unruhe alles aufbot , um Entschuldigungen wegen ihres Neffen Verweilen zu ersinnen . Eine Stunde mochte in dieser Spannung verflossen seyn , als ich auf eine ihrer Aeußerungen erwiederte : » Suchen Sie doch weiter keine Ursache , Mylady , Mylord hat unsere Verabredung vergessen , und somit verhindert uns nichts , nach der Stadt zurückzukehren , welches ich Sie dringend bitte unverzüglich zu thun . « Sie widerstand mir zwar , bat mich , noch eine kleine Weile zu warten , weil sie gewiß sey , nur die unseligsten Ursachen könnten Lord Friedrich zurückhalten ; doch forderte sie einige Erfrischungen und befahl , ihre Pferde zum Einspannen zu bereiten . Ueber diesen Anstalten ging abermals gegen eine Stunde dahin ; ich erklärte nun , wenn Mylady nicht sogleich abführe , so würde ich Post nehmen und unverzüglich allein zurückkehren . Dieses bewog sie , anspannen zu lassen , aber ehe es geschehen war , sprengte ein Reiter vor das Haus , ich hörte ihn nach Lady St. Edmond fragen , und bevor diese die Thür des Zimmers erreicht hatte , trat ein Reitknecht Lord Friedrichs herein , gab ihr einen Brief und begab sich schweigend hinweg . » Endlich werden wir erfahren ! « rief Mylady , indem sie den Brief erbrach . - Doch bei den ersten Worten fuhr sie betroffen zusammen , und wie ich mit erzwungner Gleichgültigkeit und kalter Verachtung fragte , was die Ursache von meines Liebhabers Abtrünnigkeit sey , stammelte sie unzusammenhängende Entschuldigungen über das unangenehme Geschäft , ein Unglücksbote seyn zu müssen . - Dieses auf Lord Friedrichs Untreue deutend , bat ich sie mit bitterm Gelächter , sich darüber zu trösten , indem diese wohl das geringste Unglück meines Lebens seyn würde ... Nein , Miß Percy , nicht diese , nahm sie etwas beleidigt das Wort , aber Ihr Vater hat ... fassen Sie sich ! es ist Ihrem Vater ... Mehr erlaubte ihr meine Bestürzung und Ungeduld nicht zu sagen . Mit dem Ausruf : » was hat mein Vater ? « zog ich ihr hastig den Brief aus der Hand und las Folgendes von seinem Inhalt - denn diesen Brief hat der Zufall , gleichsam wie ein Denkmal vom Wendepunct meines Schicksals , mich aufbewahren lassen : » Theure St. Edmond ! Mit dem Percy hat der Teufel sein Spiel gehabt . Er speculirte wie ein Narr und verlor nah an eine Million . Durch den glücklichsten Zufall von der Welt erfuhr ich es in dem Augenblick , wo ich nach Barnet abfahren wollte ; ich mußte der Sache erst gewiß seyn , ehe ich Sie benachrichtigte , und so wurde der Bote verspätet . Ich gehe nun unverzüglich darauf aus , die Darnel zu beschwatzen . Das ist ein verdammter Tausch , denn die Percy ist das hübscheste Mädchen in London ; aber wie ' s nun steht , hätte ich mir das Gehirn eingeschossen , wäre ich mit ihr bis Schottland gelangt . Suchen Sie das Mädchen zu beruhigen , wie es gehen will ! Gut ist sie mir doch , und wenn ich das häßliche Shäpchen heirathe , habe ich auf Trost zu denken . Ich muß eilen mir die Darnel zu sichern , und sobald das in Richtigkeit ist , soll es Ihnen an den fünftausend Pfunden nicht fehlen . « Das Erstaunen , mit dem ich diesen Brief las , ward von der Furcht über meines Vaters Unfall zurückgedrängt . Ich hatte nie einen Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes unsers Wohlstandes gehegt ; bei der Sicherheit , mit der ich meinen Vater seine Geschäfte behandeln sah , schien mir eine unglückliche Speculation ganz unmöglich ; seine erst vorgestern geäußerte Zuversicht , sein Vermögen in kurzem verdoppelt zu sehen , galt mir für eine untrügliche Zusage - ich hoffte , daß irgend ein falsches Gerücht Lord Friedrichs Habsucht irre geführt habe . Doch der weitere Inhalt dieses Schreibens empörte mein Innerstes ; wohl war das ein glücklicher Zufall , der mich vor dem Elende , einem solchen Verworfnen zu gehören , befreit hat ! rief ich laut und verweigerte Lady St. Edmond das Blatt , nach welchem sie ihre Hand ausstreckte . » Nein , dieses Blatt bewahre ich auf als Zeugniß der niedrigsten Verführung , deren sich je ein Mann zum Verderben eines thörichten Mädchens bediente . Jetzt , Mylady , werden Sie doch durch nichts mehr zur Stadt zurückzukehren verhindert ? « - Lady St. Edmond schien sehr herabgestimmt , ohne Einwurf folgte sie mir an den Wagen , und stumm traten wir unsern Rückweg an . Der Inhalt des Briefs ward mir immer klarer , ich verstand nun , welchen schändlichen Antheil meine Begleiterin an dem ganzen Vorgang genommen , ich überhäufte sie mit Vorwürfen , ich fühlte tief den Schmerz verrathner Freundschaft , mißbrauchten Vertrauens . Nach und nach wendete sich aber meine Aufmerksamkeit auf meines Vaters Lage ; ich erinnerte mich jetzt des Briefs , welchen er , wie ich ihn das letzte Mal sah , mit so offenbarer Bestürzung gelesen , andre Umstände stellten sich mir gleichfalls in einem bedeutenden Lichte dar und vermehrten meine Angst . Sie nahm mit jedem Augenblick zu , der Anblick der Straße , wo sein Haus lag , benahm mir den Athem , und wie der Wagen hielt , vernahm ich kaum Lady St. Edmonds Entschuldigung , mich nicht hinein zu begleiten . Kaum vermochte ich aus dem Wagen zu steigen , und mit zitternden Knieen trat ich in die langsam auf mein Klopfen sich öffnende Thür . » Hat mein Vater nach mir gefragt ? « rief ich dem Diener entgegen . - » Nein , Ihre Gnaden . « - » Ist er zu Hause ? « - » Er ist - er ist zu Hause , aber ... « Der Mensch schwieg , furchtbares Entsetzen in seinem Gesicht . - Eine ungeheure , gestaltlose Furcht ergriff mich , meine Seele erstarrte vor ihr , mein Verstand vermochte nicht ihr eine Form zu geben , einen Gedanken mit ihr zu verbinden - ich sank besinnungslos zu Boden . O soll ich denn diese Bilder des Schreckens vor meinem Gedächtniß wieder aufrufen ? soll ich die Wunden wieder öffnen , die keine Zeit je geheilt ? Muß ich den furchtbaren Weg Schritt vor Schritt verfolgen , der mich endlich bis zur Grenze des Wahnsinns geführt ? . - Ich muß ; denn mein Schicksal soll Andere vor dergleichen Schicksal behüten . - Zwar wird Wenigen ein so hartes , herbes aufbewahrt seyn , aber wenn ihr Kopf leichtsinnig ist , wie der meine , ihr Herz eigennützig , wie das meine , ihre Fantasie mit Nichtigkeiten angefüllt , wie die meine gewesen ist , so wird ihre Kraft auch einem geringern Unglück nicht widerstehen . - Deshalb fahre ich in meinen furchtbaren Erinnerungen fort . Eine lange Sinnlosigkeit hielt mich umfangen , nur von einzelnen Schreckbildern meiner Vergangenheit in deutlichen Umrissen unterbrochen . Endlich erwachte ich aus diesem Zustand , ich befand mich allein in meinem Zimmer ; meine Flucht , meine demüthigende Rückkehr , der Verrath an meiner Freundschaft , die Aussicht auf gänzliches Verderben stieg plötzlich vor meinem Bewußtseyn auf . Alles , alles hat mich verlassen , rief es in meinem Innern , nur bei ihm , der mich zu lieben nie aufhörte , nur bei meinem Vater werde ich Theilnahme , Verzeihung , Liebe finden - und sey es in Armuth ... weiter ging meine Vorstellungskraft nicht ; ich sprang vom Bett herab , ich eilte durch die halb dunkelnden Gänge in meines Vaters Vorzimmer . Wo sonst bei frühem Kerzenschein mehr wie ein Diener mir die Thüren eröffnete , war alles einsam und still ; hastig trete ich in sein Cabinet , ein düstrer Abendstrahl leitet meine Blicke zum Sopha - da liegt eine Gestalt , die ich für die meines Vaters erkannte ; sein Gesicht verhüllt , - Blut - Blut befleckte seine Kleider . - O das zu erzählen vermag ich nicht ! - Aus einer langen todähnlichen Ohnmacht erwachte ich zu einem Zustand , der von Raserei nicht weit entfernt war . Kein Gedanke ward mir klar , keiner rief mich zu einer Pflicht , zu einer That auf , meine ganze Seelenkraft vermochte sich nur mit dem Bilde meines Elends zu beschäftigen . Wie eine undeutliche Stimme unter Sturmesgeheul in einzelnen Tönen schallt , wiederholten sich einzelne Worte meiner vernachlässigten Freundin , meiner theuren Miß Mortimer , in meinem trüben Gedächtniß , aber das Sturmesgeheul war mir lieber , und mit einer Art Bitterkeit , als habe ihre Prophezeiung mein Schicksal herbeigezogen , ließ ich diese schwachen Töne sich nicht zu einem verständlichen Sinne sammeln . Juliette - die Freundin meiner Kindheit , die Theilnehmerin all meines Glanzes , meiner Freuden , sie , glaubte ich , sey es , die mir jetzt Trost geben könnte , und mit der Ahnung , daß es doch eine Abwechslung im Gefühl meines Elends gäbe , sah ich mich , da mein Bewußtseyn wieder einige Klarheit erhielt , in ihren Armen . Die ersten Thränen erleichterten mein gespanntes Gehirn , ich horchte auf ihre Stimme , die mir freundliche Worte sagte , und litt es endlich , daß sie mich , unter dem Vorwand , für meine Angelegenheiten zu sorgen , um bald wiederzukehren , verließ . Ich verband keinen bestimmten Sinn mit ihren Worten , und ihr lag es nur daran , mir zu verhehlen , daß kalter Eigennutz allein sie zu mir geführt , um noch , so lange es ihr die Umstände gestatteten , ihr Eigenthum , welches sie durch meines Vaters Güte gesammelt , aus seiner jammererfüllten Behausung zu schaffen . Von neuem meiner trostlosen Einsamkeit überlassen , fühlte ich mich durch Juliens Besuch nur elender , weil er meinen Geisteskräften wieder eine gewisse Thätigkeit gegeben hatte . Ich nahm wahr , wie in den wenigen Stunden , die seit dem Umsturz meines Glücks verflossen , alle Verhältnisse um mich her zerfallen waren . Unsere Dienerschaft ward ohne Rücksicht auf ihren persönlichen Charakter , wegen ihrer Geschicklichkeit , ihrer Gestalt , höchstens auf Empfehlung gewählt ; die Bemühung , sie in ihrem Dienst zu bessern Menschen zu machen , fiel uns nie ein , in den Kreis unsrer Obliegenheiten aufzunehmen ; von ihrer Herrschaft hatten sie nur das Beispiel unbegrenzter Bedürfnisse , gedankenloser Zerstreuung gehabt . - Was konnte sie an mich binden , da mir die Mittel , ein ungebundnes Leben fortzusetzen , geraubt waren ? Zwei Tage hatten sie zu eigenmächtigen Herren ihrer Zeit gemacht , so daß ich nur mühselig die wenigen Dienste von ihnen erhielt , die mein hülfloser Zustand erheischte . Noch war keine Stunde nach Juliens Abschied verflossen , so trat , ohne einen Bedienten im Vorzimmer gefunden zu haben , ein unbekannter Mann ins Zimmer , der mir andeutete , daß es nöthig sey , meine Schränke zu versiegeln , indem man erfahren , daß einige Juwelen von Werth in meinem Besitz seyen ; ich möchte aber vorher die mir nöthigen Kleidungs- und Wäschvorräthe herausnehmen . Gewohnt , nur mit der schonendsten Ehrerbietung behandelt zu werden , mein Zimmer nie von Jemand betreten zu sehen , als der den Zutritt wie die schmeichelhafteste Gunst zu erkennen verstand , fühlte ich mich durch den unerwarteten Eintritt dieses Mannes tief verwundet , noch mehr aber durch sein Geschäft , das mir den beleidigendsten Verdacht anzudeuten schien , auf das heftigste empört . Hätten alle Juwelen Indiens zu meinen Füßen gelegen , ich würde sie ihm unberührt , wie alle meine Schlüssel , übergeben haben , und durch diesen traurigen Stolz brachte ich mich um eine Menge kostbarer Kleinigkeiten , die mir eine geringe Hülfe für meine nächste Zukunft gewährt haben könnten . Aber nach diesem Vorgang war mein Entschluß gefaßt , ich sah die Nothwendigkeit ein , meines Vaters Haus zu verlassen , und schrieb Miß Julie einige Zeilen , in denen ich sie bat , mich sogleich zu sich abzuholen , um ihren jetzigen Aufenthalt zu theilen . Sie hatte mir hinreichende Gründe anzugeben gewußt , warum sie , gleich nach der schrecklichen Entscheidung von meines Vaters Schicksal , den Befehlen ihres Bruders , ihres Vormunds , gehorchen und sich in sein Haus begeben müssen . Jetzt schien mir dieses ein glücklicher Umstand , und die einzige Bedingung , die ich ihr machte , war die Freiheit , die ich mir vorbehielt , nur sie allein zu sehen , nie zu irgend einem Umgang , auch nicht dem mit ihres Bruders Familie , gezwungen zu seyn . Kaum hatte ich das Billet abgeschickt , so sehnte ich mich ängstlich nach einer Antwort . Der Bediente kam mit dem . Bescheide zurück : Miß Arnold sey nicht zu Hause . Bisher das verzogne Schooskind des Glücks , war Warten , Aufopfern , Entsagen mir fremd , und diese erste kleine Fehlschlagung fühlte ich als ein Unrecht , einen Mangel an Wärme der Freundin , von der ich nicht vermuthet hatte , daß sie in diesem Augenblick nicht zu Hause sey . Wohin mochte sie gehen , indeß ich dem Elend , der Verzweiflung zum Raube ward ? Was konnte sie anziehen , wenn ich sie bedurfte ? Würde ich je sie verlassen haben , wenn ungleich geringere Uebel ihr meine Gegenwart wünschenswerth gemacht hätten ? - Mit solchen und viel traurigern Betrachtungen brachte ich die Zeit hin ; bei jedem Geräusch hoffte ich eine Botschaft von ihr , nach jeder Viertelstunde hielt ich es für unmöglicher , daß sie die nächste noch ausbleiben könnte . - Aber die nächste ging hin und wieder die nächste und der ganze Abend , ohne daß eine Botschaft kam , und die tiefe Nacht , welche meine Hoffnung abschnitt , vermehrte nur meinen Gram und ward nur durch kurzen ängstlichen Schlummer verkürzt . Der Tag brach an , ich stand früh auf , um bei Juliens Ankunft gleich bereit zu seyn , ihr zu folgen . Aber sie kam noch immer nicht ; einsam genoß ich mein Frühstück , ich horchte mit verhülltem Gesicht auf die Ankunft ihres Wagens . - Wohin sollte ich blicken , wo nicht Geister verlornen Glücks mir begegneten ? Dort der Platz , wo Maitland zum letzten Male stand , hier das Fenster , aus dem ich , um Miß Mortimers Abschiedsgruß zu entgehen , halsstarrig blickte , und neben mir der Platz , wo stets mein Vater gesessen ! - Jetzt hörte ich einen Wagen vor das Haus fahren , ich eilte ihm entgegen , zu sehen . - Es war der Leichenwagen , der meines Vaters Sarg zu Grabe fahren sollte . - Nachdem der Anfall wilden Schmerzes , den dieser Anblick in mir erregt hatte , vorüber war , kehrte die Erwartung von Miß Arnolds Antwort mit peinigender Ungeduld zurück . Endlich blieb mir nur die Vermuthung , daß der Zettel ihr nicht übergeben worden sey , und ich bereitete mich , einen zweiten zu schreiben , als anstatt ihrer selbst eine schriftliche Antwort anlangte . Betroffen über die Nothwendigkeit , ohne ihren freundlichen Beistand das Haus zu verlassen , gebot ich mir , auch dazu Muth zu behalten , und eilte die Gründe ihres Verfahrens zu lesen . - Sie schrieb sehr wortreich und nicht ohne einigen Ausdruck von Liebe : » wie es ihr sehr weh thäte , mir sagen zu müssen , daß ihr Bruder sich einem nahen Verhältniß zwischen ihr und mir widersetze . Freilich müsse sie ihm recht geben , daß ein Mädchen , dessen einziges Gut , so wie bei ihr der Fall sey , in einem unbescholtnen Ruf bestehe , ihre Freundinnen behutsam wählen solle ; leider sey aber meine Entführung bekannt worden - und so müsse sie um ihres Bruders willen meiner Gesellschaft entsagen . Wenn sie nun gleich für die Zukunft alle äußere Beweise von Anhänglichkeit sich verbitten müßte , würde sie nicht weniger meine dankbar ergebne Dienerin bleiben . « Starr , wie ein Todter , blieb ich , nachdem ich diesen Zettel gelesen , bewegungslos sitzen . - Der Schlag hatte meine Seele gelähmt , er hatte mein Bewußtseyn vertilgt . Ich weiß nicht , was den allmäligen Uebergang dieses Zustandes in grenzenlose Verzweiflung in mir bewirkte - vielleicht nur die Rückkehr physischen Lebens - und Leben mußte bei solchen Umständen Verzweiflung seyn . Ich warf mich an den Boden , forderte mit wildem Geschrei den Tod heraus , mich vor einer Welt zu retten , wo Verrath , fühllose Härte und Eigennutz mich jeder Möglichkeit zu leben beraubt hatte . Wohl erinnerte ich mich , wie ich dies allgemeine Verdammungsurtheil über die Menschen aussprach , daß noch ein Geschöpf in meiner Nähe lebe , welches mir einst sagte : » Wenn ich je Freundestrost brauche ... « - Aber meine Seele war erbittert , ich haßte die Menschheit und die Tugendhaften mit ihr und warf der von aller Welt abgeschiednen , durch Krankheit an ihre Wohnung gefesselten Miß Mortimer vor , mich noch nicht in den Tagen des Jammers aufgesucht zu haben , da ich sie doch in den Tagen des Glanzes hartherzig zurückstieß . Noch lag ich also in tiefem Schmerz auf den Boden hingestreckt , als derselbe Mann , der gestern meine Schränke versiegelte , abermals eintrat . Ich raffte mich auf ; die Stellung , in der er mich fand , der Blick , mit dem ich ihn empfing , mußten ihm Mitleid einflößen , denn er brachte sein Gesuch mit dem Ton schonender Theilnahme , achtungsvoller Behutsamkeit vor . Die Gläubiger meines Vaters wollten zur Aufzeichnung seiner Verlassenschaft schreiten , das Haus sammt allem Geräth und aller Habseligkeit sollte verkauft werden , und man ließ mich bitten , einen andern Aufenthalt zu wählen . - Also ausgetrieben aus dem Hause , wo meine Mutter gelebt , wo meine Kindheit gepflegt , wo ich meinen Vater als Herrn herrschen gesehen , wo er mir der beste , gütigste Vater gewesen war - ausgetrieben , ohne eine Zuflucht auf Erden ! und um die Zuflucht jenseits zu suchen , hatte ich ein verhärtetes Herz . Ich stieß einige bittere Worte gegen die Menschen aus , die meinen Vater ins Unglück gerissen , die nun wie Räuber in sein Eigenthum zu theilen sich beeilten . Der Fremde wies mich sanft zurecht , er bat mich , nicht der Feindseligkeit zuzuschreiben , was einfacher Gesetzesgang sey , und legte einige Banknoten vor mich hin , welche die Gläubiger mir einhändigten , um meine nächste Einrichtung zu bestreiten . Zugleich bat er mich , einen Freund herbeizurufen , der meine Sache verträte , der mir Rath gäbe in einer Lage , welche mich der Fassung , für mich selbst zu sorgen , offenbar beraubt hätte . » Einen Freund ! « rief ich mit bitterm Hohne , » o meine Freunde habe ich geprüft und habe sie so treu befunden , daß der dürre Buchstabe des Gesetzes , der mir dieses Almosen zutheilt - ich nahm das Päckchen mit Banknoten in die Hand - menschlicher mit mir verfährt , wie sie . « - Der Schmerz erstickte meine Worte , ich warf dem Unbekannten die Banknoten hin . » Da , nehmen Sie dieses zurück , ich werde nicht diese und keine andere Unterstützung gebrauchen . « - Der Mann verließ mich mit Erbarmen im Blick , und so vergiftet war mein Gemüth , daß ich diesen Blick aus meinem Gedächtniß verdrängte - ich bedurfte die ganze Tiefe des Jammers , um darin zu versinken . Ich befahl , unverzüglich einen Miethwagen herbeizuholen , und ohne weiter ein Wort zu sprechen , ohne einen Auftrag zu hinterlassen , ohne eine andere Regung , als ein convulsivisches Schaudern , wie ich an meines Vaters offnem , verödetem Zimmer vorbeiging , verließ ich das Haus und befahl , in eine enge , schmuzige , abgelegne Straße zu fahren , durch die mich einst mein Kutscher wegen eines aufgerißnen Steinpflasters führen mußte . Die Dunkelheit , das unheimliche Ansehn der Häuser hatte ein Bild in meiner Fantasie zurückgelassen , das sich zu meinem trostlosen Vorhaben eignete . Dort angekommen , befahl ich dem Miethkutscher , an dem ersten Hause , wo Zimmer zu vermiethen angeboten würden , zu halten . Nach mehreren vergeblichen Nachfragen fand sich ein kleiner schmuziger Laden , aus dem mir eine anständig aussehende ältliche Frau entgegentrat , die mir auf meine Frage versicherte , das einzige Zimmer , das sie vermiethen könne , stehe mir zu Dienst . Wie sie mich näher ins Auge faßte , ward sie bei meinem Anblick bestürzt . Freilich konnte sie mein Verlangen , ihr Zimmer zu bewohnen , nicht mit meinem Ansehen reimen . Meine Trauerkleidung war mir von meiner Kammerfrau angelegt worden , sie war so kostbar , wie diese Tracht es zuläßt . Dieser Umstand und die Verzweiflung in meinen Zügen machte die Frau stutzen , sie bot mir einen Stuhl an und ging hinaus , mit dem Kutscher zu sprechen . Ich bemerkte das ; es war mir ganz gleichgültig , eben so die Entschuldigungen der Frau , die mich bei ihrer Rückkehr versicherte , keinen nachtheiligen Verdacht gehegt zu haben . Bis zum Tod ermüdet , gab ich ihr meinen Beutel in die Hand , - er enthielt den letzten Rest des Ueberflusses , den ich nie zu berechnen Beruf gefunden hatte ; es war eine armselige Summe für den , der im Schoose der Ueppigkeit gelebt , aber überzeugt , daß sie länger wie mein sinkendes Leben dauern würde , gab ich sie sorglos dahin und forderte nur , augenblicklich in das mir versprochne Zimmer geführt zu werden . Mühselig schleppte ich mich eine steile , finstre Treppe hinauf und trat in ein dunkles , enges , dumpfes Gemach ; an einer Seite stand in einer Vertiefung hinter einem geflickten , verblichnen Vorhang ein Bett , dessen mich zu bedienen , noch vor vier Tagen der höchste Grad von Müdigkeit mich nicht vermocht hätte ; jetzt sehnte ich mich , mein brennendes Haupt auf diese elenden Pfühle zu legen , und hoffte mit Zuversicht , es werde nur kurze Zeit darauf ruhen . Endlich war ich allein . Ich empfand eine furchtbare Freude , jetzt alle Banden , die mich an die Menschen knüpften , abgelöst zu haben und sicher darauf rechnen zu können , daß dieses verlorne Geschöpf , sobald es aus dem Winkel , in den es sich geflüchtet , auf den Kirchhof getragen wäre , in dem Andenken der Menschen schnell und gänzlich vergessen seyn würde . Ein heftiges , mich völlig betäubendes Fieber überwältigte mich , ich rasete nicht , sondern lag in dumpfer Betäubung , welche die gutmeinende , aber rohe Sorgfalt meiner Wirthin und ihrer Tochter , eines kränklichen , mißgestalteten , widrigen Geschöpfs , oft zu stören versuchte . Ich erwachte dann , wies ihren Trost , ihre dargebotnen Erquickungen und eben so die sich vor meine Erinnerung drängenden Bilder der Vergangenheit von mir und sank in neue Dumpfheit zurück . Meine körperlichen Empfindungen schmeichelten mir mit nahem Tode ; die Gluth , die mich verzehrte , lähmte meine Kräfte bis zur äußersten Hülflosigkeit , der bewußtlose Dumpfsinn , in dem es mir gelang , mich zu erhalten , schien mir Vorbote ewigen Schlafs . Konnte ich denn aber wirklich in dieser Verhärtung des Herzens , dieser Gedankenlosigkeit über das Diesseits und Jenseits aus der Welt gehen wollen ? fiel denn kein Strahl der himmlischen Liebe in meine Seele ? - Nein ! Die , welche schmeckten , wie gütig der Herr ist , wenden sich im Unglück mit doppeltem Eifer zu seiner Güte ; ich hatte ihn aber in meinen guten Tagen nie gesucht , darum konnte ich jetzt den Weg zu ihm nicht finden . So lange mir noch Kräfte blieben , schien mir das Loos , das mich getroffen , ein grausames Unrecht , denn ich hatte nie die Forderung an mich gemacht , besser zu seyn , wie ich war , hatte also keinen Begriff davon , weniger Glück zu verdienen , wie bisher das Leben mir geboten . Seit aber die Krankheit meine Kräfte gebrochen hatte , war dieser Trotz dahin - doch die Ruhe , die ihm folgte , glich der lebenverderbenden Erstarrung des todten Meers . Tage und Nächte gingen darüber hin , deren Wechsel mir beim unwillkürlichen Erwachen aus meiner Dumpfheit nur durch das tiefere und mindere Dunkel meines Zimmers merkbar ward . Endlich ließ sich meine Wirthin nicht mehr durch meine strenge Weigerung zu sprechen , zu hören , Nahrung zu nehmen , abweisen ; sie sah meinem Tod entgegen und fürchtete die Unannehmlichkeiten , die es ihr zuziehen könnte , eine Unbekannte ohne fremden Beistand gelassen zu haben , noch mehr