nie aus den Augen verlor , wurde von dem Aufsehen beunruhigt , welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunächststehenden schon zu erregen begann . Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der Thüre zu , durch welche Ottokar hereingetreten war . » Dorthin , dorthin , « flüsterte sie ihr leise ins Ohr , » erhole dich erst von deiner ausgelaßnen Freude , und dann kehre wieder . « Gabriele ging , der Weisung der Tante gehorsam ; sie ging und ging , einen endlosen Weg , wie es ihr schien , die Kronleuchter drehten sich in einem wunderlichen Tanz um sie her , die Tapeten und Fußteppiche hoben und senkten sich , sie sah alles und erkannte nichts , bis sie am äußersten Ende der erleuchteten Reihe von Zimmern in einem nur von einer Dämmrungslampe erhellten Kabinet auf den Divan sank . Ueber eine Stunde mochte wohl verflossen seyn , seit Gabriele sich von der Gesellschaft entfernte ; im freudigen Tumult hatte weiter niemand an sie gedacht , selbst die Gräfin nicht , welche jetzt , nachdem die Gratulationen vorüber waren , alle Aufmerksamkeit darauf verwandte , die Spieltische zu Jedermanns Zufriedenheit zu ordnen . Aurelia zog sich indessen mit ihren jüngern Freundinnen in ihr Zimmer zurück , Ottokars prächtige Brautgeschenke mit ihnen zu mustern und zu bewundern , und so entstand für diesen eine Pause in der geselligen Unterhaltung , die ihm in seiner jetzigen Stimmung höchst willkommen war . Er fühlte dringend das Bedürfniß einiger einsamen , ruhigen Minuten , um sich selbst wieder zu finden . Jede auffallende Abänderung des Gewohnten , und sey sie noch so erwünscht , führt ihre eignen Schauer mit sich , die uns mit unwillkommner Gewalt ergreifen , oft im Momente , wo wir es sogar als Pflicht fühlen , nur Freude äußern zu dürfen . Sogar das höchste Entzücken unverhofften Wiedersehens geliebter Freunde ist im ersten Augenblick ein Schmerz , wir müssen mit jedem Glück erst Bekanntschaft machen , ehe wir uns dessen recht erfreuen können , und wir erschrecken sogar vor unsern eignen Wünschen , wenn sie plötzlich in Erfüllung treten . So ging es auch Ottokar . Ihn schauerte , als er sich nun wirklich an dem Wendepunkt seines Lebens sah , den er doch seit Monden zu erreichen strebte . Oft hatte er den bittersten Unmuth empfunden über den langsamen Kabinetsgang , der seine Anstellung verzögerte , und jetzt schien ihm alles überraschend schnell gekommen zu seyn . Er konnte es sich nicht verhehlen , daß das leichte , luftige , freie Schmetterlingsleben durch den heutigen Tag beendet werde . Bande aller Art , ehrenvolle Thätigkeit , ernste Pflichten im häuslichen Leben erwarteten ihn , tausend Rücksichten mußten seinem bisherigen harmlosen Umherschweifen jetzt ein Ende machen , die Blüthenzeit seines Jugendlebens war dahin , und er vermochte es nicht , ohne Schmerz von ihr zu scheiden . Leise hatte er sich , die hellerleuchteten Säle entlang , neben den eben besetzten Spieltischen durchgeschlichen , ohne daß jemand es bemerkte , außer der Gräfin , die auch heute , wie immer , ihm Freiheit ließ zu gehen und zu kommen . Er öffnete vorsichtig die Thüre des Kabinets , in welches Gabriele sich geflüchtet hatte , und fuhr fast wie vor einer Geistererscheinung zurück , da er sie beim Schein der schwach leuchtenden Alabasterlampe erblickte , wie sie sich bleich und langsam bei seinem Eintritt vom Divan erhob und ihm ein paar Schritte entgegen trat . » Sie sind es ? Sie sind es wirklich , Ottokar ? « redete sie ihn an . » Sie sind es wirklich ? ich sehe Sie noch einmal und kann von Ihnen Abschied nehmen ? ich darf einmal im Leben zu Ihnen noch sprechen , ehe ich auf immer scheide ? Nun so ward doch ein heißer Wunsch im Leben mir gewährt ! « Ottokar erschrak vor dem zitternd bewegten Ton ihrer Stimme , vor der heftigen Spannung , in der augenscheinlich ihr ganzes Wesen sich befand . Er näherte sich ihr , indem er beschwichtigend ihre bebende Hand ergriff und sie wieder zum Divan zurückführte . » Sie reden vom Scheiden , vom Abschiednehmen ? « sprach er , » liebe theure Gabriele , - mit dieser vertraulichen Benennung darf ich jetzt doch Sie anreden ? - liebe , liebe Gabriele , an Scheiden , an Trennen ist nun gar nicht zu denken . Verstehen Sie jetzt meine Worte von gestern Abend ? « fuhr er fort , indem er recht vertraulich sich neben sie setzte . » Giebt der heutige Tag mir nicht ein Recht , an allem , was Sie betrifft , innigen , warmen Antheil zu nehmen ? « Gabriele schwieg , ihre Hand zitterte noch immer in der seinen , schwere Tropfen fielen einzeln aus ihren gesenkten Augen . » Morgen gehen wir zusammen auf das Land , « fuhr Ottokar etwas verlegen fort , da es ihm gar nicht gelingen wollte , sie zur Gegenrede zu bringen . » Morgen auf das Land , und wenig Tage später durch den blühenden Frühling nach Italien . Wie wird diese liebliche weiße Rosenknospe in jenem schönen Garten hold erblühen ! « sprach er , indem er sich zurückbeugte und Gabrielen mit Wohlgefallen betrachtete . Welche Freude wird es seyn , dort in der Heimath der Kunst alle die Anlagen , die Talente sich bis zur Vollkommenheit entfalten zu sehen , die Ihre zu große Bescheidenheit uns jetzt kaum errathen läßt . Wird es mir dort vielleicht gelingen , Ihr Zutrauen zu erwerben ? ich ahne schon lange , daß Sie nicht glücklich sind , liebe Gabriele , « sprach er , ihre Hand fester fassend , » oft wenn Sie , von mir sich unbemerkt glaubend , am Tisch mir gegenüber saßen , sah ich den Schmerz auf Ihren Lippen beben . Ich weiß es wohl , Ihnen fehlt das höchste Glück der Jugend , eine liebende Mutter , Geschwister . Nehmen Sie mich , liebe Gabriele , nehmen Sie mich zu ihrem Bruder an , jetzt , da ohnehin Verwandtschaftsbande uns vereinen werden ; geben Sie mir ein Recht , mit liebender Sorgfalt um Sie geschäftig zu walten . In dem fremden Lande , wohin wir gehen , so schön es ist , werden wir doch unter uns unbekannten Menschen allein zusammen stehen , die vielleicht gar nicht zu uns passen ; aber wir werden uns dafür auch desto fester an einander schließen und einander um so näher angehören , je isolirter wir sind . Darum adoptiren Sie mich zum Bruder , ehe die Noth Sie dazu treibt , gewiß , ich will ein recht guter Bruder seyn , « setzte er fast scherzend hinzu . Er schwieg , ihre Antwort erwartend , während sie sichtbar nach Fassung , nach Athem rang ; plötzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf die seinige . Er blickte verwundert , voll Erwartung sie an . » Ich danke Ihnen , Ottokar , « sprach sie , » ich danke Ihnen herzlich ; Sie wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen , aber ich bin nicht krank , ich bin auch kein Kind , ich darf es ja nicht seyn , von jetzt an nicht mehr . Ach wäre ich es , und läge tief gebettet bei meiner Mutter ! « rief sie schmerzlich , ermannte sich aber gleich wieder . » Sie zeigen mir eine entzückend schöne Aussicht in die Zukunft , Ottokar , « fuhr sie fort . » Noch gestern hätte der Gedanke an die Möglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gedünkt , aber in dieser Stunde fühle ich , daß ich selbst mir diesen Himmel verschließen muß . Ottokar , ich nehme hier an dieser Stelle , in dieser Stunde Abschied von Ihnen , ich kann nicht mit Ihnen gehen . Fragen Sie mich nicht : warum ? « setzte sie mit bittender Stimme hinzu , » fragen Sie mich nicht : warum . ? Es ist mir selbst nicht deutlich , ich vermag nicht , es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen , aber eine Stimme in meinem Herzen ruft laut , daß wir uns hier trennen müssen , und ich darf ihr nicht widerstreben . Ich danke Gott , daß mir vor dem Scheiden der Augenblick wird , nach dem ich Monden lang mich sehne , und auch Muth und Fassung ihn festzuhalten . So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz Unbekannte , so nehme ich doch das Bewußtseyn Ihrer Theilnahme an meinem Daseyn mit mir . Sie werden in dem schönen Lande , wohin Sie ziehen , der armen Gabriele nicht vergessen , die hier immer Ihrer gedenken wird , auch wenn mächtige Gewässer und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen . « In immer steigender Bewegung hörte und sah sie Ottokar , so lange sie sprach , immer fester hielt er ihre Hand , immer näher suchte sein Auge das ihre , während die zarte Gestalt , im Schmerz des Scheidens aufgelöst , das müde Haupt an seine Brust lehnte , und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend , neben ihm saß . Ihm war , als schwände vor seinen Augen ein dichter Nebel , der ihn bis jetzt verhindert hatte , ein Juweel , nach welchem er lange überall vergebens suchte , dicht neben sich glänzen zu sehen . » Wie war es möglich , « rief er endlich , » daß Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen ? Ja ich ahnete Ihren höhern Werth , wann ich Sie so jung , so allein , so schweigend , mitten im Wirrwar der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah ; welche unselige Verblendung , welche eitle Verknüpfung unbedeutender Zufälligkeiten hielt mich ab , Sie näher kennen zu lernen ! und sollen wir jetzt , da wir uns eben fanden , den herben Schmerz des Scheidens muthwillig auf uns laden , mit dem das Geschick uns dennoch freundlich verschont ? Nein , Gabriele , Sie irren , es muß nicht seyn , wir dürfen uns nicht trennen . Ich bin Ihr Bruder , Sie selbst mir die geliebteste Schwester , denn Sie können mich nicht verschmähen , und auch Aurelia wird der Gegenwart einer liebenden Freundin aus der Heimath in dem fremden Lande doppelt bedürfen . » Aurelia ! « rief beinahe schreiend Gabriele , und verhüllte einen Augenblick ihr Gesicht . Dann hob sie gefaßter die schönen , durch Thränen lächelnden Augen zu Ottokar auf . » Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm Verhältniß mehr bleiben , « sprach sie , » ganz verhüllt oder ganz erkannt muß ich von Ihnen scheiden . So bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und fürchte kein Mißverstehen . Seit ich zuerst Sie sah , Ottokar , sind Sie ein Theil meines Daseyns , Ihr Glück ist das meine ! Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens Hände - du liebst Aurelien - o liebe sie recht innig , recht treu - treue , innige Liebe , alles , sich selbst sogar , opfernde Liebe , bringt uns den Himmel , wenn auch das Herz darüber bricht . - Auch Aurelia liebt Sie , « fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort . » Sie liebt Sie , aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe , ihre Weise ist nicht die meine , ich würde nie sie verstehen , so wenig wie sie mich jemals verstand . Darum muß ich fort , ich würde in ewiger unendlicher Sorge um dich in deiner Nähe vergehen , ich würde dich mit mir herabziehn zu meinen ängstlichen Zweifeln . Ach schon jetzt suche ich vergebens Worte , um auszusprechen , was doch so klar vor meiner Seele steht , meine Reden verwirren sich unwillkürlich , so würde ich auch in euer Leben nur Verworrenheit bringen . Darum muß ich zurück in meine Einsamkeit , meine Nähe wäre euch nur unheilbringend . Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht zu meinem Glücke , Ottokar , Sie sind doch immer mit mir , und diese an Thränen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt meines Lebens , er kann nie verlöschen . « » O Gabriele ! « rief Ottokar , mit leuchtenden Augen und tiefbewegter Stimme , » Gabriele ! warum schlug diese Stunde uns nicht früher ! wie anders könnte alles seyn ! « - » Sprich diesen Gedanken nicht aus , hüte dich , ihn nur auszudenken , rein und treu mußt du bleiben , wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll , « unterbrach ihn Gabriele , in heftiger Bewegung . » Ich bleibe rein , ich bleibe treu , « erwiederte Ottokar , » aber noch bin ich nicht gebunden , noch hat die Kirche nicht « - » Ottokar ! Ottokar ! ich flehe zu dir ! « rief Gabriele , in höchster Angst , mit gefaltnen Händen , indem sie vom Divan hinabgleitend fast zu seinen Füßen hinsank . Ottokar faßte sie schnell in seinen Armen auf ; beide saßen einige Minuten sprachlos mit hochpochenden Herzen , Hand in Hand neben einander . » So laß uns wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts übereilen . « sprach er endlich mit mühsam errungner Fassung , » höre auch mich an , und dann entscheide du selbst , ich lege willenlos mein Geschick in deine Hände , du kannst kein Unrecht wollen , du reiner Engel des Himmels . Liebe war der süße Traum meiner Jugend , ich trat früh in die Welt , ich suchte sie , ich fand sie nicht , und so gab ich ihn als unerreichbar auf , den schönen Traum , und bereitete mich , mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu folgen . Fern vom Geräusch der Welt , lebt er in tiefer Einsamkeit . Mit der starren Anhänglichkeit des Alters , klammert er sich an die Vergangenheit , die er so gern wieder zurückbrächte , und der Gedanke , mich mit der Tochter seines Jugendfreundes verbunden zu sehen , war immer der einzige Plan für die Zukunft , den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr , um das Opfer meiner Ruhe zu fordern . Sehen sollte ich sie , Monden lang in ihrer Nähe leben , ehe ich mich erklärte , nur eignes Wollen sollte mich binden , darum sandte er mich hierher . Ich sah sie , Gabriele ! wen sollte diese hohe Schönheit nicht blenden ? dieser heitre , immer spielende Geist , dieses Talent für alles , was das Leben verschönt ? ich glaubte , sie zu lieben , ja ich liebte sie wirklich , wenn unaussprechliches Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann . Wenn mich , wie oft geschah , etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr zurückscheuchte , wenn ein Ahnen , ein Sehnen höhern Empfindens mich beschlich , so gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles , was mir die Erfüllung seines Wunsches hätte erschweren können . So lebte ich Monate neben dem reizenden Mädchen . War auch sie vom Wunsch unsrer Väter unterrichtet ? beobachtete auch sie mich im Stillen ? ich wußte es nicht , auch galt es gleich . In jedem Fall war sie zu stolz , mich täuschen zu wollen , sie zeigte sich mir immer , wie sie ist , und achtete es nicht , wenn sie es auch bemerkte , daß sie mir deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswerth erschien . Vor einigen Wochen brachte mein Vater , - Ach ! auf mein Bitten , - das frühere Versprechen ihres Gatten bei der Gräfin Rosenberg wieder in Anregung . Sie weigerte sich nicht , es zu erneuern , doch unter der Bedingung , daß ich nur dann gegen Aurelien mich erklären dürfe , wenn ich ihr zugleich den Rang , den Glanz bieten könne , der ihren Vorzügen gebühre . Bis dahin achtete die Gräfin weder ihre Tochter noch mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht , daß mehrere Männer sich um die Hand derselben bewürben . Jetzt , Gabriele , jetzt da ich die Gefahr sah , Aurelien zu verlieren , jetzt erst fühlte ich mich mächtig zu ihr gezogen . Denn Eifersucht gleicht der Liebe , obgleich jene nicht immer diese begleitet , sie ist gar oft nur das Kind gekränkter Eitelkeit . Die von den ausgezeichnetsten Männern gefeierte Aurelia konnte mein werden , wenn ich sie zu fesseln verstand , dieß bannte mich an jeden ihrer Schritte , während ihr Leichtsinn , ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter spannten . Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewißheit meiner Ernennung zu der Gesandten-Stelle auch der Tag meiner Erklärung gegen Aurelien . Kalt , gemüthlos , spottend beinahe , gab sie mir das Versprechen , die meine zu werden , und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin . Ich fühlte mit Bewußtseyn , daß dieses kalte , über alles lachende , mit allem seinen Spott treibende Wesen nie lieben kann . Sie wird mir treu seyn , sie wird mich vielleicht freundlich behandeln , ich will es glauben ; aber mehr darf ich nie von ihr hoffen , und alle die schönen Ahnungen häuslichen Glücks , denen ich doch nie ganz hoffnungslos entsagen konnte , sinken mir an ihrer Seite in das Reich der Unmöglichkeit . Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden , daß , was ich wünsche , zu schön für dieses Werkeltagsleben , nur in andern Welten heimisch sey . Ich war gefaßt , eine gewöhnliche Konvenienz-Heirath einzugehen , und weder mehr noch minder glücklich zu seyn , als alle die Tausende um mich her , und nun , in der letzten Minute , da ich mit halber Freiheit noch athme , kommst du wie eine himmlische Erscheinung , du wunderbares Wesen , und zeigst mir ein Glück , das mir Verblendeten bis heute noch erreichbar war . Und wäre es denn wirklich zu spät ? nein ! mein guter Engel sandte dich , ich habe dich gefunden , ich gehöre zu dir , und bin noch nicht ganz gefesselt . Gabriele , sprich nicht zu rasch unser Urtheil ! ein Wink von dir , und meine Fesseln reißen , und « - » Ottokar ! Ottokar ! « rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zurück - gefaßter näherte sie sich indessen ihm bald wieder . » Wie du mich erschreckst ! « sprach sie , » wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft , daß ich es nicht fasse , wie sie dir kommen konnte , dir , dessen Gedanken ich sonst stets lange vorher wußte , ehe du sie aussprachst . Auch ist das , was du sagtest , nicht die wahre Meinung deines Herzens , « fuhr sie fort , » du kannst nicht wortbrüchig werden , weil kein Schwur dich bindet , du kannst deinem guten Vater nicht die nahe Erfüllung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann grausam ihn täuschen , du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter heimtückisch dafür lohnen , daß sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir vertraute . Ottokar , ich brauche nicht zu entscheiden , du selbst hast entschieden in der rechten Tiefe deines Gemüths , du weißt es wohl , was geschehen muß , « setzte sie mit sanftem Weinen hinzu . » Aber ist es denn wirklich so ? müssen wir scheiden auf ewig ? und du , du Arme , was wird aus dir in den Wüsten des Lebens ? « rief Ottokar . » Ich bin beglückt , « sprach Gabriele , kraftlos auf den Divan hinsinkend , » laß mir nur die Hoffnung , daß du streben willst , mit Aurelien glücklich zu seyn . « » Ich will es , Gabriele ! ich will alles , was du willst . Guter Gott ! wie soll ich es aber anfangen , dich zu vergessen ? « erwiederte Ottokar . » Vergiß mich nicht ! « bat Gabriele , » laß mich mit dir leben , wie du ewig mit mir leben wirst , vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder , nach langen , langen Jahren , dort finden wir uns gewiß ; dorthin wende den Blick , « sprach sie mit aufgehobnen Händen , und sank sogleich wieder zurück . » Und kein Andenken dieser Stunde gewährst du mir ? « sprach Ottokar . » Du hast meine Zeichnung von Schloß Aarheim , betrachte die alten düstern Mauern , in denen ich von nun an leben werde , denke , daß dein Bild sie mir erhellt , und nun lebe wohl , meine Kräfte reichen nicht weiter , « sprach Gabriele mit erlöschender Stimme . Ottokar kniete vor ihr hin , mit heißen Thränen netzte er die Hände der jetzt beinahe ganz Bewußtlosen , als eine Tapetenthüre sich öffnete . Erschrocken fuhr er auf , es war Annette . Von einer unerklärlichen Angst getrieben , hatte sie das ganze Haus durchstreift , um ihre junge Gebieterin zu suchen , nachdem sie vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte . Angst leitete ihre Schritte , auch in das an die Gesellschaftssäle anstoßende Kabinet , und der Zustand , in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand , erschreckte sie so sehr , daß sie kaum Ottokars Gegenwart , noch weniger die an Verzweiflung grenzende Bewegung bemerkte , in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet verließ . Es gelang ihm , auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgnen Treppe , welche Annetten herbei geführt hatte , sein Zimmer zu erreichen , ohne daß ihn jemand bemerkte . Eben erhaltne Briefe von höchster Wichtigkeit mußten für diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen , während Gabriele , sanft und schweigend , sich von Annetten in ihr Zimmer führen ließ . Der starre Blick , das wunderliche Lächeln , das ununterbrochne Schweigen Gabrielens trieben die arme Annette , unerachtet der dunkeln Nacht , auf die Straße hinaus , um Frau von Willnangen zu Hülfe zu rufen , denn im Hause war alles zu beschäftigt , um auf ihr Bitten zu hören , und glücklicher Weise Augustens Uebelbefinden zu unbedeutend , als daß es Gabrielens mütterliche Freundin hätte abhalten sollen , dem Kinde ihres Herzens zu Hülfe zu eilen . Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so geräuschvollen Hause der Gräfin Rosenberg gewichen . Nur in Gabrielens Zimmer waltete und flüsterte bange Sorge am Bette der zum Tode Erkrankten . Durch die übrigen verödeten Gemächer schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener , um die Vorhänge an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgeräthe gegen den Staub sorgfältig zu bewahren . Bald war auch dieses gethan , und die ehemals glänzende Wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlaßnen Schlösser , die man auf Reisen so oft besehen muß , die wie verzauberte Palläste in einem Feenmährchen dastehen , und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck machen , weil sie mit allem versehen sind , dessen das üppigste Leben nur bedarf , ohne daß eine fröhliche lebende Seele zwischen den reichgeschmückten Wänden athmet . Kaum hatte die Gräfin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht von Gabrielens plötzlichem Erkranken vernommen , so ahnete sie mit der ihr in solchen Fällen gewöhnlichen Lebhaftigkeit ein bösartiges Nervenfieber in dieser Krankheit . Der Arzt wagte es nicht , sogleich für oder wider ihre Muthmaaßung zu entscheiden , Frau von Willnangen hingegen wünschte , die Pflege ihrer jungen Freundin ganz ungehindert übernehmen zu können , und bemühte sich daher nicht sonderlich , der Gräfin die Furcht vor einer möglichen Gefahr der Ansteckung auszureden . Halb todt vor Angst , konnte diese von dem Momente an keinen andern Gedanken fassen , als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land möglichst zu beschleunigen wäre . Alles dazu Nöthige war ohnehin schon lange vorbereitet , und es gelang ihr deshalb ohne zu große Anstrengung , sich noch im Laufe des Vormittags , begleitet von Ottokar , Aurelien , und Eugenien , auf dem Wege nach ihrem Landgute Rosenhain zu sehen . Frauen , wie die Gräfin , pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen , was sie zu verhehlen , was sie bekannt zu machen haben . Dieses Gefühl leitete sie daher auch diesesmal ganz richtig , indem es sie bestimmte , der Krankheit ihrer Nichte gegen Ottokar nicht zu erwähnen . Nichts in der Welt hätte diesen dazu bringen können , seine Braut und ihre Mutter zu begleiten , wenn er nur eine Ahnung von der Todesgefahr gehabt hätte , in welcher die ihm eben so schnell Verlorne als Gefundne im Augenblick seiner Abreise schwebte . Indem er seinen Reisewagen bestieg , dachte er nur an sie und die unausweichbare Trennung von ihr . Selbst in dem Unwahrscheinlichen des Vorwandes , mit welchem die Gräfin das Zuhausebleiben ihrer Nichte gegen ihn zu beschönigen suchte , wähnte er Gabrielen selbst zu erkennen . In der ungeschickten Art , mit welcher man ihn täuschen wollte , sah er nur ihre reine , jeder Unwahrheit widerstrebende Natur , er ergab sich und schien alles zu glauben , was man ihn glauben machen wollte , weil er dadurch ihrem Willen gemäß zu handeln sich bewußt war . Aurelia würde vielleicht gar nicht nach Gabrielen gefragt haben , wenn sie nicht zu ihrer großen Freude bemerkt hätte , daß ein Windspiel , welches sie seit zwei Tagen leidenschaftlich liebte , weit bequemern Platz auf dem Rücksitz des Wagens fand , als sie gehofft hatte . Mit halbem Ohr hörte sie auf die Ursachen , die wegen Gabrielens Zurückbleiben angegeben wurden , und hatte diese , wie ihre Kusine selbst , längst vergessen , ehe sie noch über die Vorstadt hinaus war . Mehrere lange Tage und längere Nächte lag Gabriele ruhig da , im dumpfen bewußtlosen Schlummer , wenn nicht fieberhafte Träume ihre innre Welt aufregten und mit verworrenen wechselnden Bildern vor ihrem Geiste spielten . Frau von Willnangen hatte diese ganze Zeit über an dem Bette der geliebten Kranken in banger Besorgniß gewacht und gebetet ; nur wenn die höchste Erschöpfung aller ihrer Kräfte es gebot , wagte sie es , sich einem kurzen unruhigen Schlummer zu überlassen . Auguste und die treue Annette traten dann mit verdoppelter Sorgfalt an ihren Platz vor dem Krankenbette , von welchem sie ohnehin fast nie sich entfernten . Dankbar , wenn gleich tiefbetrübt , erkannte es Frau von Willnangen , als eine besonders gütige Fügung der ewigen Vorsicht , daß lauter freundliche Gestalten das kranke Haupt der oft sanft Lächelnden umschwebten , daß keine Schreckensträume dem Sterbekissen ihrer geliebten Gabriele nahen durften , und die vielleicht nicht entfernte Stunde ihres Scheidens mild und ruhig , wie ihr ganzes übriges Leben , vorüber zu gehen versprach . Sie belauschte mit der angespanntesten Aufmerksamkeit alle Bilder , welche Gabrielens exaltirte Fantasie dieser vorüberführte , sie horchte auf jedes verständliche Wort von den in wilder Fieberhitze glühenden Lippen . Bald führte diese innige vertraute Gespräche mit der ihr nun zum Schutzgeist gewordnen verklärten Mutter , bald dünkte es ihr , als sey sie wieder ein fröhliches Kind im Schloß Aarheim , spiele mit freundlichen Engeln in ihrem eignen Gärtchen , unter hohen wunderschönen Blumen . Oft sagte sie ganze Stellen aus Schillers Wallenstein her , besonders aus der Abschieds-Scene zwischen Max und Thekla . Dann sah sie Ottokar , wie von einer langen Reise heimkehrend , und nannte ihn Max und eilte ihm freudig entgegen . Unter diesen Zuständen war endlich die bange , über Tod und Leben entscheidende Nacht herangekommen . Ernst und schweigend saß der Arzt am Haupte des Bettes , auf welchem Gabriele glühend , in schwerem Schlummer und völlig bewußtlos lag . Neben ihm horchte Frau von Willnangen auf jeden Athemzug der Kranken , und erbleichte vor Entsetzen , wenn die Pulse schneller auf einander folgten , oder zuweilen gänzlich auszubleiben schienen . Die arme Annette lag auf dem Fußboden neben dem Bette , und betete in höchster Angst ganz leise vor sich hin ; sie war fest überzeugt , daß auch sie mit ihrem Fräulein aus Jammer über dasselbe sterben müsse . Ernesto und Auguste saßen schweigend neben einander auf dem Sopha , sie zählten jede Sekunde an dem Picken der Uhr , und wagten es nicht , einander anzublicken , um nicht eines in des andern Gesichte die starren Züge innrer steigender Hoffnungslosigkeit zu gewahren . Jetzt schlug die erste Stunde nach Mitternacht . Der Arzt beugte sich mit forschendem Blick über Gabrielen hin , weil er einer fast unmerklichen Aenderung in ihrem Athmen gewahr ward . Annette richtete sich im nehmlichen Moment auf ihren Knieen von der Erde auf , und blickte starr nach dem Fenster . » Dort fliegt er hin , dort fliegt er hin , « flüsterte sie so innerlich leise , daß sie kaum die Lippen dabei regte , und zupfte Frau von Willnangen am Kleide , und zeigte dabei auf das Fenster . » Sie ist gerettet , « sprach sie darauf in fast unhörbarem Tone zu ihr , die im bängsten Erwarten kaum noch athmete . » Sehen Sie dort ? « setzte sie hinzu , immer auf das Fenster zeigend , » dort hoch über dem Thurme ? den kleinen weißen Wolken am Monde vorüber ? Ach Gott , dort senkt er sich wieder ! « rief sie einen Augenblick später und verhüllte schluchzend ihr Gesicht . Eine bange ängstliche Stille herrschte jetzt um Gabrielen , man hörte das Summen der Fliegen im Nebenzimmer , den Schwung der Flügel eines Nachtschmetterlings , der um die Lampe flatterte . Da schlug Gabriele plötzlich groß und hell die Augen auf . » Sind sie