fremd , kündigte sich mir als solcher an und wurde in Eurer Familie selbst fast nicht anders genannt ; der Herzog , welcher mehrere Tage auswärts gespeist hatte , erschien nämlich bei der Mittagstafel . Bald bemerkte ich , daß er öfters finstere , mißfällige Blicke auf mich warf . Nach aufgehobener Tafel näherte er sich mir und nötigte mich , in ein Fenster zu treten . » Warum noch immer in dieser Farbe , gegen welche ich mich schon anfangs mißbilligend erklärt habe ? « fragte er mit gebietender Stimme . » Die Zeit der Trauer ist noch nicht vorüber « , stotterte ich . » Trauer paßt nicht für diese Zeit ! « sagte er herrisch , » wäre auch der Tote erst gestern begraben ; Trauerzeichen sind zweideutig , und sie sollen , wenigstens in meinem Hause , nicht gesehen werden . Zudem sollen Sie am Montage der Prinzessin ... vorgestellt werden , bereiten Sie sich gehörig dazu vor . « Ich wollte etwas erwidern , er ließ mich aber nicht zu Worte kommen . » Ich meine es gut mit Ihnen , Gräfin Nichte « , fuhr er etwas milder fort , » aber Sie müssen sich zu fügen wissen . « Er entfernte sich aus dem Zimmer . Ich wankte nach dem meinigen ; Deine Mutter folgte mir und umarmte mich mit einiger Rührung . » Ich hätte es dir gern erspart « , sagte sie , » aber du wolltest meine Winke nicht verstehen . « Ich brach in Tränen aus . » Beruhige dich , liebe Virginia « , sagte sie , » wir Weiber sind ja einmal zum Gehorchen geboren , gib diesen kleinen Eigensinn auf . « Eigensinn ! o Himmel und Erde ! - Du kamst dazu und liebkosetest mich mit Deiner gutmütigen Art , redetest mir so freundlich zu , daß ich am Ende Eure Friedensvorschläge annahm , mich , wenn ich außerhalb meines Zimmers erschiene , bunt zu kleiden und mich öffentlich und in Gesellschaft mit heiterem Gesichte zu zeigen . Oh , welch ein Opfer brachte ich der bittenden Freundschaft , und mit welcher Sehnsucht eilte ich in meine Einsamkeit zurück , um meine schwarzen Gewänder anzulegen und mich von ganzer Seele betrüben zu können ! Welch ein Wechsel für mich ! ich , die nie den Schein des Zwanges gefühlt hatte , frei aufgewachsen war , wie das Reh des Waldes , nun umgarnt mit tausend Netzen und noch keinen Ausgang gewahrend ! Für den Augenblick gab ich der Notwendigkeit nach und ließ mich einführen in diese fremde Welt . Ihr alle waret nun voll Besorgnis für mein erstes Auftreten und eifrig bemüht , mir Mut einzusprechen . Ich mußte innerlich lächeln , denn er fehlte mir nicht . Wohl fühlte ich Widerstreben , aber keine Ängstlichkeit . Was Euch imponierte , ließ mich im Gleichgewicht . Auch schien man allgemein überrascht von meiner ruhigen Besonnenheit . Ich war in den spiegelglatten Sälen des Hofes , unter hoffähigen Leuten , mit meinem sicheren Gange eine fremde Erscheinung . Aber wie fast immer das Fremde Glück macht , so wurde auch ich nicht ungünstig aufgenommen , ja es hätte vielleicht nur bei mir gestanden , zu einer gewissen Berühmtheit zu gelangen , wenigstens unterhielt mich Dein Bruder unaufhörlich von dem glänzenden Eindruck , welchen ich gemacht ; mir wurde aber mein Glück mit jedem Tage unerträglicher . Es war mir gleich unmöglich , die Maske der Unterwürfigkeit vorzunehmen oder in Schmähungen gegen die verflossenen Zeiten einzustimmen . Die ewig witzelnde , schale Unterhaltung , welche , in derselben Viertelstunde , vom Ball zur Politik und von der neuesten Mode zur neuesten Mordtat überspringt , war mir in tiefster Seele zuwider . Es war bei meinem wahrhaftigen Charakter wohl nicht möglich , die Eindrücke ganz zu verbergen , welche ich in der Gesellschaft empfing . Einige unsrer Tischgenossen , um sich , meiner Kälte wegen , an mir zu rächen , machten sich das boshafte Vergnügen , mich oft in Verlegenheit zu setzen , indem sie meine Meinung über diese und jene der neuesten Begebenheiten zu hören wünschten . Ich suchte mich zwar immer geschickt herauszuwickeln , um weder meine eigene Meinung zu verleugnen noch der fremden wehe zu tun , aber meine Mäßigung machte die Angreifer nur kühner . Selbst Dein Bruder gesellte sich nicht selten zu ihnen . Der Herzog warf , bei solchen Vorfällen , wütende Blicke auf mich , und Deine Mutter hielt mir insgeheim lange Strafreden , welche mir wehe taten , ohne mich zu überzeugen . Sie ging immer deutlicher mit dem Plane gegen mich heraus , welchen ich schon seit einiger Zeit geahndet hatte , mich an Louis zu vermählen . » Du gehörst zu unsrer Familie « , sagte sie , » und mußt deine Gesinnungen ganz nach den unsrigen zu ändern suchen . « Ich fühlte mich empört von diesen anmaßenden Zumutungen , und meine Erwiderungen mochten keine große Unterwürfigkeit ausdrücken . Man fing an , mich immer häufiger zu schmähen und zu kränken , Dein Bruder nahm ein zuversichtliches , herrisches Betragen an . Er nannte mich oft seine schöne Zukünftige und behandelte meine Prostestationen als Scherz . Dann hielt er uns , mit altkluger Miene , lange Vorlesungen über die Pflichten unsers Geschlechts als Gattinnen , welche mit meinen Begriffen sehr wenig übereinstimmten . Du lachtest ihn geradezu aus , brachtest ihn aus der Fassung und mich zum Lächeln ; mir war aber das Ganze nichts weniger als lächerlich . In den Stunden der Einsamkeit fing ich ernstlich an , darauf zu denken , mich dieser drückenden Lage zu entziehen . Nach Chaumerive zurückzukehren und dort , wenn auch nicht glücklich , doch ruhig zu leben fand ich sehr einfach . Ich waffnete mich mit meinem ganzen Mut , um diesen Entschluß dem Herzoge bekannt zu machen , nachdem Deine Mutter ihn schon als einen kindischen Einfall aufgenommen und mir geraten hatte , nicht weiter daran zu denken . Ich ließ mich förmlich beim Herzoge melden . Ruhig trug ich ihm den Wunsch vor , in den nächsten Tagen nach meiner Heimat abzureisen . Er schwieg einen Augenblick betroffen , dann antwortete er , an sich haltend : » Ich denke , Gräfin , Sie haben kein andres als mein Haus . « - » Ich werde es mit den dankbarsten Empfindungen verlassen « , erwiderte ich , » aber der Aufenthalt meiner Kindheit fordert mich unwiderstehlich zurück . « - » Es ist Zeit , diesen romantischen Hang abzulegen « , antwortete er , » ich werde Sorge tragen , daß Ihr Interesse dort aufs beste wahrgenommen werde ; ich werde einen sicheren Geschäftsmann dahin senden , welcher alles reguliert , und was Sie sich etwa noch von dorther wünschen , haben Sie nur die Güte zu bestimmen . « Ich sahe ihn während einer kleinen Pause mit großen Augen an , dann sagte ich bescheiden , aber nachdrücklich : » Chaumerive und seine nachbarlichen Besitzungen waren meines Vaters rechtmäßiges Eigentum , und ich bin mündig . « - » Die Töchter großer Familien sind dies niemals « , erwiderte er , » und ich bitte , nicht zu vergessen , daß ich die Ehre habe , das Haupt der Unsrigen zu sein . « - » Ihnen meine Achtung zu bezeugen , Herr Herzog , legte ich Ihnen meinen Entschluß vor « , sagte ich mit vieler Ruhe . » Den Sie auch ohne meine Zustimmung ausführen zu können glauben ? « rief er zornig ; » aber ich sage Ihnen , Sie werden es nicht wagen , meine trotzige Republikanerin ! mein Arm reicht weit , und dem Könige muß daran liegen , daß der Glanz seiner Getreuen , durch reiche Erbinnen , erhöhet werde , ich habe deshalb schon Einleitungen getroffen . Ihre Hand ist meinem Sohne bestimmt , dieses Bündnis stellt alle Parteien zufrieden , und Ihre Meinung ist darin von keinem Gewicht ; Töchter hoher Abkunft werden immer nach den Gesetzen der Konvenienz vermählt . « - » O Gott ! ich bin nicht von hoher Abkunft « , rief ich aus . » Man wird einen Schleier über die Vergangenheit werfen « , erwiderte er , » Sie werden vom Hofe nur als die Enkelin des Herzogs von Montorin angesehen werden , suchen Sie sich dieser Gnade würdig zu machen , und vor allem scheuen Sie meinen Zorn . « Damit entließ er mich . Ich kam ganz verstört in mein Zimmer zurück , wo ein heftiger Tränenstrom meine gepreßte Brust erleichterte . Deine Mutter erschien bald darauf . » Unglückliche « , sagte sie , » warum mußtest du dir eine so unangenehme Szene zuziehn , und um welcher kindischen Grille willen ! Hättest du einen Augenblick nachgedacht , so würdest du selber eingesehen haben , wie unschicklich es sei , allein nach Chaumerive zu reisen . Nach deiner Vermählung wird Louis gewiß die Gefälligkeit haben , dich auf einige Wochen dahin zu führen . « - » Sie setzen da einen Fall , liebe Tante « , sagte ich , » welcher meiner Seele sehr fremd ist . « - » Fremd ? « rief sie , » und warum , wenn ich bitten darf ? Louis liebt dich , das wußtest du längst , und worauf könnte sich bei dir eine Abneigung gegen ihn gründen ? Er ist jung und liebenswürdig , er sichert dir einen hohen Rang in der Gesellschaft ; überdies aber ist diese Heirat in der Familie einmal beschlossen , und ich hoffe , daß du wenigstens soviel Erziehung haben wirst , um zu wissen , daß du deiner Familie Gehorsam schuldig bist . « - » Meine Eltern , welche ihn zu fordern ein Recht hatten , haben ihn nie an mir vermißt « , antwortete ich gefaßt , » aber gewiß würden diese teuren Eltern niemals über meine Hand verfügt haben , ohne mein Herz zu Rate zu ziehen . « - » Ja , ja « , sagte sie , » mein Bruder dachte freilich etwas bürgerlich ; in unserm Stande kann aber davon die Rede nicht sein . Ich will doch nicht hoffen , daß dein Herz schon eingenommen ist ? etwa für einen kleinen Emporkömmling von ehemals ? Ich rate dir , ihn in der Stille daraus zu verbannen , es könnte ihm leicht ein schlimmes Spiel machen . « Ich schwieg , denn ob ich gleich die versteckte Drohung nicht zu fürchten hatte , so war mir Mucius ' Name und meine Liebe zu heilig , um sie hier auszusprechen . Deine Mutter glaubte in meinem fortdauernden Stillschweigen und in meiner ruhiger werdenden Miene ein günstiges Zeichen zu sehn ; sie glaubte mich zum Nachgeben gestimmt und verließ mich mit vieler Zufriedenheit , indem sie mich wiederholt umarmte und mich ihre gute Tochter , ihre vernünftige Virginia nannte - sie irrte sehr . In meiner Seele arbeitete sich der Vorsatz empor , diese Fesseln , um jeden Preis , zu brechen , und dieser mutige Gedanke gab mir Festigkeit und Ruhe . Sobald ich allein war , fing ich an , über Mittel nachzudenken , durch welche ich zum Ziele gelangen könnte , und ich befand mich in einem ziemlichen Labyrinthe . Sosehr ich auch von der Rechtmäßigkeit meiner Forderung und von meinem Anspruch auf Unabhängigkeit überzeugt war , so wußte ich doch nicht , wie weit die Gewalt der Willkür gehen könnte . Ich hatte in meiner Kindheit zu viel von Machtsprüchen und Gewaltstreichen dieser Art gehört und gelesen , als daß sich mir nicht die Möglichkeit hätte aufdringen sollen , man werde zu einer Zeit , wo man eifrig darnach zu streben schien , das Alte ganz wiederherzustellen , ohne Bedenken dazu wieder seine Zuflucht nehmen . Auf wessen Schutz konnte ich hoffen ? Meine Gegner waren von der siegenden , meine Freunde von der unterdrückten Partei . Wen sollte ich mit dem gefahrvollen Amte meiner Verteidigung belasten ? Versperrte ich mir nicht bei einem offenbaren Auflehnen , im unglücklichen Falle , jeden Weg der Rettung ? Bald begriff ich , mein einziges Heil liege nur in der Flucht und nur meinem eignen Mute dürfe ich mich vertrauen . Sobald ich hierüber mit mir einig war , fühlte ich mich beruhigt und erschien wieder unter Euch , mit meiner gewohnten Heiterkeit , wodurch Ihr alle auch über mein Vorhaben getäuscht worden seid . Im stillen fuhr ich jedoch zu beobachten fort , und bald wurde mir klar , daß ich fast wie eine Gefangne gehütet werde . Man hatte mir eine zweite Kammerfrau gegeben und meine Manon ziemlich überflüssig zu machen gesucht . Antoine wurde mit Pension entlassen , um nach seiner Heimat zurückzukehren , und kam , um mir zum Abschiede die Hand zu küssen , Deine Mutter war dabei zugegen . Aber vorbereitet darauf , drückte ich ihm , indem ich ihm einige Goldstücke zum Andenken schenkte , unvermerkt einen kleinen Zettel in die Hand , worin ich ihm befahl , bis auf weitere Nachricht auf dem nächsten Dorfe zu verweilen . Mit Behutsamkeit fand ich nun Gelegenheit , Manon mein Vorhaben zu entdecken . Die Schlauheit des Mädchens glich ihrer Treue ; sie war schnell orientiert und spielte ihre Rolle vortrefflich , denn auch sie sehnte sich ebenso nach den Blumenufern der Durance zurück als ich mich nach Freiheit . Reichlich durch mich mit Geld versehen , fing sie ihr Spiel damit an , daß sie sich sehr schau- und tanzlustig stellte und mit einigen Bedienten der Nachbarschaft die öffentlichen Örter besuchte , worüber sie einigemal sich meine Mißbilligung und ernstliche Verweise Deiner Mutter zuzog . Sobald sie sich in dieses Licht gestellt hatte , nützte sie die angenommene Meinung über ihre Gänge , um Antoine aufzusuchen und alles mit ihm zu verabreden . Sie kam oft spät nach Hause , wobei sie sich immer von einem jungen Menschen begleiten ließ und dann dem aufschließenden Schweizer schmeichelte , damit er ihr spätes Ausbleiben verschweigen solle . Ihn zu beschwichtigen , brachte sie ihm mehrere Abende nacheinander ein Fläschchen Madeira mit , welches ihr , wie sie sagte , ihr Liebhaber verehrt habe , der die Aufsicht über seines Herrn Weinkeller führe ; der Wein sei ihr zu hitzig , meinte sie , der Schweizer fand ihn dagegen sehr nach seinem Geschmack . Nachdem sie ihn so einige Tage sicher gemacht hatte , mischte sie eines Abends einen leichten Schlaftrunk unter den Wein , dessen Wirkung schnell , aber nur von kurzer Dauer sein sollte , und erquickte beim Nachhausekommen den Wartenden . Ich war durch einige Winke benachrichtiget und lag wachend in meinem Bette . Schnell stand ich auf , warf nur eine Unterkleidung über , hüllte mich in ein großes Tuch , und so schlichen wir behutsam die Treppe hinab . Der Schweizer lag glücklich im tiefsten Schlaf , Manon nahm den Schlüssel , öffnete , und wir erreichten glücklich die Gasse . An der nächsten Ecke erwartete uns Antoine mit einem Wagen . Manon hatte für Kleider , Antoine für einen Paß , auf sich und zwei Töchter lautend , gesorgt . So kamen wir ohne Hindernis aus den Barrieren , und ich atmete tief auf , als die Steinmasse hinter mir lag , welche für mich ein Gefängnis gewesen war . Vergib mir , teure Adele , es tat mir wohl wehe , Dich verlassen zu müssen , aber das Gefühl der Freiheit überwog jede andre Empfindung . Selbst meinen großen Verlust und das Unglück meines Vaterlandes fühlte ich in diesen Augenblicken nur schwach . Wir eilten schnell vorwärts und gönnten uns kaum die notwendigste Rast . Doch glaubte ich , selbst bei diesem Vorüberfluge , zu bemerken , daß die Stirnen überall tiefer gefurcht waren als in Paris . Dies tat mir einigermaßen wohl ; denn hätte ich länger in der Hauptstadt gelebt , ich glaube , ich hätte mein Volk hassen gelernt . Ich hatte mich sehr davon entwöhnt , mich über etwas zu äußern , und beobachtete dies auch während der Reise . Doch hörte ich auch einen Postmeister , während des Pferdewechselns , ganz ohne Veranlassung sagen : » Hier kam er durch , als er von Fréjus kam , um das Reich zu retten ; damals ahndete ich nicht , daß ich ihm noch einmal Pferde geben würde , um aus seinem geretteten Reiche in die Verbannung zu gehen . « Die tiefbewegte Stimme des Mannes erschütterte mich . Er stand an der Schwelle des Greisenalters ; weinend und schweigend reichte ich ihm die Hand . » Oh , mein Fräulein « , sagte er , indem er sie zwischen den seinigen drückte , » ich habe im Kampfe für das Vaterland drei Söhne verloren , wackre Jungen , aber ich tröstete mich , denn Frankreich war groß und glücklich . Soll all das Blut , welches der Freiheit geopfert wurde , vergebens geflossen sein ? « Ich verbarg schluchzend das Gesicht und zeigte mit der Hand gen Himmel . » Wohl , mein Fräulein « , sagte er , » Gottes Wege sind nicht unsre Wege , und dem Sterblichen geziemt Entsagung . « Hoch schlug mein Herz , als ich den Ventoux in weiter Ferne erblickte , noch höher , als die weißen Gemäuer von Chaumerive sichtbar wurden . Der Wagen fuhr mir zu langsam , ich verließ ihn und flog mit Windeseile auf dem Fußpfade dahin . Mir war , als müßte ich all die lieben Verlorenen wiederfinden . Ach , ich fand sie nicht ! Aber ein treues Völkchen fand ich wieder , das mich mit ausschweifender Freude umarmte , fragte und hörte und dann teilnehmend mit mir weinte um meinen Vater und um mein Vaterland . Erquickende Tränen , welche mein verarmtes Herz wieder an die Menschheit banden ! O hätte ich hier bleiben können , getrennt von der übrigen Welt und vergessen ! Aber dies durfte ich nicht hoffen ; selbst der Pfarrer , dessen Rat ich einholte , fürchtete für die Sicherheit meines Aufenthalts und sah wenigstens viel Unruhe und Verdruß voraus . So mußte ich denn mit schwerem Herzen mich losreißen von der Wiege meiner Kindheit . Weinend besuchte ich noch einmal jedes Plätzchen der Erinnerung , kränzte zum letzten Male das Grab meiner Mutter , mit Sommerblumen , und verschloß mich dann in mein Zimmer , um meinen Mut in der Einsamkeit zu stärken . Mein altes Bilderbuch fiel mir in die Augen , ich nahm es mechanisch heraus und schlug es auf . Bald traf ich auf Szenen , wie Athens und Roms Helden ruhig in die Verbannung gingen , wie das ganze Volk der Messenier , von dem stolzen Sparta besiegt , seine geliebte Heimat verließ , um an Siziliens Küste und unter dem glücklichen Himmel meiner Provence seine Freiheit und seine Sitten zu retten . Klein und unbedeutend erschien mir mein eigenes Schicksal gegen diese Beispiele ; ich war wieder die alte , besonnen und ruhig . Ich packte das wenige zusammen , was ich mit mir zu nehmen gedachte , und ließ eines Abends den Pfarrer bitten , mir zu helfen , um meine Angelegenheiten zu ordnen . Sobald es finster geworden war , ging ich , in seiner und Antoines Begleitung , zur Kapelle , wo mein Vater , im ahndungsvollen Gefühl der Zukunft , jenes Vermächtnis niedergelegt hatte . Wir zogen das Kästchen aus seiner sichern Verborgenheit , und der ehrliche Antoine trug es in mein Zimmer . Darauf kniete ich auf den Stufen des Altars nieder , schmerzliche Erinnerungen drangen auf mich ein , und meine Standhaftigkeit wollte mich verlassen ; doch der ehrwürdige Pfarrer stärkte mich durch die Hinweisung auf eine ewige Vorsicht und erteilte mir seinen Segen . Er führte mich in mein Zimmer zurück , und während Antoine Pferde besorgte und den Wagen packte , beauftragte ich ihn mit allen den Andenken , welche ich für meine Getreuen zurückließ , dann trennten wir uns weinend voneinander . Er war seit meiner Kindheit ein treuer Freund meines Hauses gewesen ; mir war , als ob ich in ihm einen zweiten Vater verlöre . Aber ihn hielt die Pflicht seines Amtes zurück , mich trieb die Pflicht der Selbsterhaltung hinweg , wenigstens der Erhaltung meines besseren Selbst . - In finstrer Nacht reiste ich ab ; es wäre mir zu schwer geworden , mich von der weinenden Menge zu trennen , ja unerträglich fast , die geliebten Gegenden so allmählich entschwinden zu sehen . Ich reiste ganz allein mit Antoine , welcher mich bis Marseille geleiten sollte . Gern wäre er mir auch weiter gefolgt , aber ich mochte ihn nicht von seinen Kindern trennen , so wie ich denn auch meine gute Manon unmöglich ihren Eltern entziehen konnte und ihr deshalb das Weitere meines Vorhabens verschwieg . Ich ließ ihr eine gute Aussteuer zurück , welche sie jedoch , bei ihrer Anhänglichkeit , nur wenig getröstet haben wird . Bei meiner Ankunft in Marseille erkundigte ich mich sogleich im Hafen und fand ein segelfertiges amerikanisches Schiff , welches nur auf den ersten günstigen Wind wartete , um die Anker zu lichten . Der Kapitän , aus Philadelphia , hatte eine von den einnehmenden Physiognomien , welche sogleich Vertrauen erwecken . Ich trug ihm meinen Wunsch vor , und er war sogleich bereitwillig , mir einen bequemen Platz in der Kajüte einzuräumen , ja er war so lebhaft besorgt für mich , daß er in mich drang , sein Schiff sofort zu besteigen , um jede Nachfrage zu vereiteln . Ich ließ also meine Sachen an Bord bringen und trennte mich von meinem treuen Antoine , welchem ich ein sorgenfreies Alter zugesichert hatte , mit der schmerzlichsten Rührung und mit der Bitte , auf einem weiten Umwege in unsre Heimat zurückzukehren . Nun war ich allein , zum ersten Male ganz allein , in fremder Umgebung . Kein Gegenstand , kein Gesicht erinnerte mich an eine bekannte Vergangenheit . Der Eindruck war neu und erfüllte mich mit inniger Wehmut . Alles , was ich verlassen hatte , was mir war entrissen worden , verlor ich erst in diesen Augenblicken . Ich bedurfte eines Wesens , in dessen treue Brust ich meine Klagen ausströmen konnte . Du warst mir diese geliebte treue Seele . Gewiß wirst Du diese Blätter , wenn sie zu Dir gelangen , nicht ohne das regeste Mitgefühl lesen . Sie enthalten meine Rechtfertigung , wenn ich deren bei Dir bedarf . Auch bei Deiner Mutter werden sie mich entschuldigen , wie ich zu hoffen wage . Ungern nehme ich ihren Zorn mit in die Neue Welt hinüber , sie wird mir ewig die geliebte Schwester meines teuern Vaters bleiben . Bringe ihr mein zärtlichstes Lebewohl und sage ihr , Virginia sei nur unglücklich , nicht undankbar . - Was den Herzog betrifft , für den bin ich tot , und die Erbschaft meiner Besitzungen wird ihn hoffentlich über mein frühes Ende trösten . Louis hat mich gewiß schon längst vergessen . Seine Neigung war wohl nur ein Kind der Konvenienz ; er erreicht jetzt seinen Wunsch ohne die lästige Zugabe , welche ihm doch vielleicht oft fühlbar geworden wäre , und kann durch eine neue , glänzende Verbindung seinen eigenen Glanz noch um vieles erhöhen . Euch gehört nun Chaumerive . Ach , Adele , sei Du der Schutzgeist meiner verlassenen Freunde ! Du bist ja auch unter ihnen glücklich gewesen . Deiner guten Mutter empfehle ich sie gleichfalls , es waren ja die Kinder , die Freunde ihres wahrhaft edlen Bruders , dessen Name noch von den Enkeln mit Liebe genannt werden wird . Oh , meine Adele , wenn Du in den schönen Sommermonden durch diese lieblichen Täler wandelst , so gedenke meiner ! Sprich mit meinen Getreuen oft von mir , und bringe ihnen meinen Gruß . Wenn Du in der Geißblattlaube ruhest und die tanzende Durance betrachtest und es lispelt ein leises Lüftchen durch die Blüten , so denke , es ist die Stimme Deiner Virginia . Ihr Geist wird Dich immer umschweben ; ja aus den Gefilden der Seligen würde er noch zu diesen lieben Gegenden zurückkehren . Diesen langen Brief Dir zu schreiben , mein Leben noch einmal an mir vorübergehen zu lassen war mir Bedürfnis . Aber nur in seinen Hauptmomenten habe ich es Dir dargestellt , nur die Grundzüge angegeben . Ich habe vermieden , manche Gegenstände und Ereignisse zu berühren , weil sie mit fremden Personen in Beziehung standen . In einer Zeit wie die unsrige muß man sehr behutsam sein , um niemand der Verfolgung auszusetzen . Nun aber habe ich abgeschlossen mit dem alten Leben , ein neues Dasein beginnt für mich ; und wie der Sterbende all den irdischen Tand hinter sich läßt , so lasse ich Europas verworrene Angelegenheiten hinter mir . Ich hoffe , künftig nur darauf zurückzuschauen wie ein abgeschiedener Geist auf die Welthändel , welche ihn nicht mehr berühren . Über meine Reise will ich Dir nun noch einiges mitteilen . - Von dem Schauspiel , welches das Meer gewährt , brauche ich Dir nichts zu sagen , Du hast von Hamburg aus einen kleinen Begriff davon , obschon das Weltmeer viel ergreifender als die Nordsee ist . Auch die Fahrt auf demselben soll angenehmer sein , wie Seefahrer versichern ; die Wellen brechen sich nicht so kurz , und das Schwanken des Fahrzeuges ist weniger beschwerlich . Diesem Umstande muß ich es wohl mit zuschreiben , daß ich gar nichts von der Seekrankheit empfunden habe , welche Du mir so fürchterlich geschildert hast . Auch trat ich ihr mit starkem Willen entgegen , brachte meine ganze Zeit , in den ersten Tagen , auf dem Verdeck zu , nahm zweckmäßige Nahrungsmittel und vermied , die von dem Übel ergriffenen Passagiere zu sehn . So blieb ich gesund und erhielt mir den Mut , dessen ich nur zu sehr bedurfte . Nach und nach befreundete ich mich mit der Equipage , und jedermann fing an , sich für das verlassene Mädchen zu interessieren . Der Kapitän besonders beweist mir die herzlichste Freundschaft , die nahe an Zärtlichkeit grenzt . Er heißt Ellison ; sein Vater , ein Kaufmann dieses Namens , ist Chef eines ansehnlichen Handlungshauses in Philadelphia . Ellison hat mir das Versprechen abgewonnen , bei seinen Eltern zu wohnen ; dorthin , an dies bekannte Haus , kannst Du Deine Briefe schicken , wenn Du es möglich machst , mir zu schreiben . Ellison ist groß und schön gebauet , sein blaues Auge blitzt von Feuer , seine Muttersprache ist die englische , doch spricht er auch fertig französisch ; in beiden Sprachen drückt er sich kurz und kräftig aus und ist sehr unterhaltend und belehrend , ohne eben gesprächig zu sein . Seine Gesellschaft hilft mir vorzüglich die Länge der Seereise verkürzen . Sooft ich meine Kammer verlasse , wo ich auf das zierlichste eingerichtet bin und täglich einige Stunden mit Schreiben zubringe , hat seine Aufmerksamkeit mir ein kleines Fest bereitet . Ein schmackhaftes Mahl , ein Spiel , ein Fischfang , ein Matrosentanz und mehr dergleichen wechseln miteinander ab . Auch kleine Konzerte geben wir , wobei Deine Freundin , mit ihrem Harfenspiel und ihrer Stimme , viel unverdiente Ehre einerntet . Unsre Reisegesellschaft besteht aus zwei Kaufleuten aus New York , einem jungen Maler aus der Schweiz und zwei Florentinerinnen , Mutter und Tochter , welche dem Manne und Vater nachreisen , der sich in der Havanna etabliert hat , alles freisinnige , wenigstens tolerante Menschen . Während der ganzen Reise gab es nicht eine einzige politische Streitigkeit ; unsere Tage flossen schnell und angenehm dahin . Auf Sankt Helena nahmen wir Erfrischungen ein . Ein origineller Felsen mitten in der großen Wasserwüste . Ich erging mich in seinen üppigen Tälern und träumte mir die Möglichkeit , mit einer kleinen auserwählten Gesellschaft von Freunden , abgeschieden von der ganzen Welt , hier glücklich zu leben . Es möchte wohl tunlich sein , die schon schwierige Landung auf immer unmöglich zu machen . Unweit dieser Insel hatten wir das erhabene Schauspiel eines Seesturms , für mich höchst wichtig und erwünscht . Ich sehe Dich den Kopf schütteln , meine zarte , furchtsame Adele , aber mir ist nun einmal diese Freude an großen wilden Naturbegebenheiten angeboren . Schon als kleines Kind freute ich mich , wenn die Durance aus ihren Ufern brach , und bei jedem Gewitter nahm mich mein Vater mit hinaus , während die Mutter sich ängstlich verbarg . Er machte mich aufmerksam auf die Schönheit wie auf den Segen dieser Erscheinung und zeigte mir die Zufälligkeit und seltene Gefahr des Blitzes , wie er überhaupt mich es als lächerlich ansehen lehrte , immer die Gefahren des Lebens zu bedenken und zu vermeiden . So saß ich als Kind ruhig unter meinem Platanus , wenn der Donner über mir krachte . Es stehen ja Hunderte dieser Bäume rings um diesen , dachte ich , warum sollte der Strahl gerade ihn treffen ? und tut er es , so war es mir bestimmt , und er könnte mich ebensoleicht im Bette töten . - Jetzt freute ich mich der hochtürmenden Wasserberge , des heulenden Orkanes , der Behendigkeit unserer Matrosen , des verdoppelten Lebens um mich her , und ich legte mich am Abend so ruhig in meine Hangmatte nieder als sonst zu Bett . War ich nicht in der Hand Gottes , wie immer und überall ? Was zitterst Du , Adele ? bist Du denn sicherer auf dem festen Lande ? O nein . Ihr alle steht auf einem glutschwangern Vulkane , traue seiner Stille nicht , er kann sich in jedem Augenblicke öffnen und Euch alle in sein Flammenmeer hinunterschlingen . Ist ein Schiffbruch fürchterlicher ? Verschlänge mich der Ozean , so wäre meiner gezählten Tage letzter abgelaufen . Würfe mich eine freundliche Welle an das Ufer , so wäre