ihm regten , in einen Brief an Erna zusammen zu fassen . » Ich würde mein Unrecht verdoppeln , wenn ich es zu verringern strebte , « schrieb er . » Daher bekenne ich es frei , Erna ! daß die Vergangenheit , wie eine rächende Nemesis , neben mir durchs Leben geht , und mich bitter mahnt an die Vergehungen meiner unbesonnenen Jugend . « » Ich habe Sie einst beleidigt , und gewaltsam von meinem Herzen verscheucht . Meine Bestimmung wollte , daß mir erst spät der Werth in seiner ganzen himmlischen Klarheit erschiene , der Sie jetzt in meiner Ueberzeugung zu der Ersten und Einzigsten Ihres Geschlechts erhebt . Aber Erna - ich halte mich an die Worte , die Sie einst aus dem Innersten Ihrer Seele sprachen , und die seitdem die Losung meiner stillen Träume , der Grund meiner seligsten Hoffnungen geworden sind . Die Liebe überwindet alles , und vergiebt alles ! Sie haben mich einst geliebt , als ich dies Glück noch nicht verdiente . Jetzt , wo ich es in seinem ganzen Umfang erkenne , und mich nach ihm sehne , als nach dem einzigen Himmel , den es für mich auf Erden giebt , jetzt - ich beschwöre Sie bei unserem beiderseitigen Glück , das - so flüstert mir eine innere Stimme zu - nur gemeinschaftlich bestehen kann - seyn Sie nicht härter , als jener milde Ausspruch , der mich , wie eine Zauberformel , über den düstern Abgrund verzweiflungsvoller Hoffnungslosigkeit erhob - geben Sie mir ein Zeichen , daß Sie mich nicht verwerfen , daß Sie mir erlauben , Ihre Hand durch innige Liebe und Treue zu verdienen - und machen Sie auf diese Weise Ihren Geburtstag mir zu einem zwiefachen Festtag für mein ganzes Leben ! « XXIII Kaum konnte er seine Ungeduld zügeln , bis die Zeit , die ihm nie so langsam , als gerade heute zu schleichen schien , die Stunde herauf führte , wo es die Schicklichkeit erlaubte , Erna seinen Glückwunsch und zugleich diesen Brief zu überbringen . Denn er selbst wollte ihn ihr übergeben - keiner fremden Hand das Blatt vertrauen , das die Veranlassung der Entscheidung über seine ganze Zukunft werden mußte . Wie diese ausfallen werde - er wagte nicht , sich es klar und deutlich zu denken . Ihm war , als risse er in frechem Uebermuth den Schleier von einem Heiligenbilde , wenn er mit kühn der Zeit vorgreifenden Wünschen und Hoffnungen in das Dunkel seines Schicksals dränge . Kindlich fromm , und dem Himmel vertrauend , der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte , und den Ernst des Entschlusses kannte , die Geliebte verdienen zu wollen , erwartete er Erna ' s Ausspruch - aber menschlich wars , daß er in zitternder Ungewißheit bangte , und daß er sich nach dem Augenblicke sehnte , der ihn von dieser Quaal befreien werde . Er überschaute die duftende Reihe seiner blühenden Gewächse , um durch Blumen , diese zartesten aller Gaben , ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen ; aber alle schienen ihm gemein und unwürdig , um zur Feier desselben zu dienen , bis eine Daphne durch ihren süß berauschenden Duft ihn fest hielt , und neben ihr ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Blüthenbüscheln in der schönsten Farbenpracht sein Auge auf sich zog . Von jeder derselben , eben so selten als schön in ihrer Art , wählte er die vollste , jugendlichste Blüthe , und sie , während er hinging , an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauhen Luft bergend , erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen für seine Wünsche , sie den Abend auf dem Ball an dem ihrigen blühen zu sehen . Er hörte beim Eintritt in das Haus des Gesandten , daß das Fräulein auf ihrem Zimmer sei . Noch nie war es ihm gelungen , dies Heiligthum zu betreten - aber oft schon hatte eine süße Sehnsucht ihn mächtig dahin gezogen , oft seine glühende Phantasie sich träumend innerhalb der Wände versetzt , die so glücklich waren , sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben . Er hatte auch wohl dann und wann den Muth gehabt , wenigstens den Versuch wagen zu wollen , ob es nicht möglich sei , in ihr stilles , ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringen - aber immer wars , als werde ihre Schwelle von unüberwindlichen Geistern bewacht , die ihm auf mancherlei Weise den Zutritt wehrten . Heute aber fühlte er die Kraft in sich , jedem Hindernis Trotz zu bieten . Und hätten feurige Drachen den Eingang gehüthet - ritterlich würde er sich durchgeschlagen , und dem mächtigen Zug gefolgt haben , der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den Gang zu ihr als den Weg seines eigentlichen Berufs zeigte . Ein Bedienter meldete ihn an . Er sei willkommen , war die freundliche Antwort . Es war eilf Uhr Vormittags , und Erna allein . Sie saß in einem einfachen Morgenkleid , das schöne Haar nachläßig geordnet , auf dem Sopha der Thür gegenüber , und erhob sich , als er sie öffnete , sanft , jedoch nicht ohne einen kleinen Anstrich von Verlegenheit , ihn zu begrüßen . Im zarten Wechsel ihrer Farbe , in der hold ihm entgegen geneigten Stellung und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer , Muth erweckender Antheil an , denn er fühlte , so könne sie keinen Fremden , keinen Gleichgültigen empfangen . Mächtig dadurch gehoben , näherte er sich ihr , ihr seinen Glückwunsch auszusprechen , und die Blumen ihr zu überreichen . Da auf einmal ward es dunkel vor seinen Augen - das frische Roth seiner Wangen verlor sich in Todesblässe - seine Kniee bebten , und hätte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen , sich auf ihn , der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete , stützend - wer weiß , ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten Eindrucks umgesunken wäre ! Denn die Gräber schienen sich ihm aufgethan zu haben , und feierlicher Ernst , so wie bitterer Vorwurf im stummen , strafenden Blicke schauten von der Wand über dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried , in Lebensgröße und täuschender Aehnlichkeit , auf ihn herab . Was ist Ihnen ? fragte Erna besorgt , als sie sein Zittern bemerkte . Er vermochte nichts zu erwiedern . Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha , und ihm einen Flacon reichend , und eiligst aus ihrer kleinen Hausapotheke stärkende Tropfen herbeiholend , bemühte sie sich auf die liebreichste Weise ihm beizustehen . Ihm that es so wohl , sie so theilnehmend um sich beschäftigt zu schen . Seinen verworrenen Sinnen dünkte diese Scene ein Vorausgenuß der Zukunft , wo eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in häuslicher Sorge freundlich um ihn bemühen werde , und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister kräftiger zurück , als der Liquor es vermochte , den sie ihm eingab . Er schützte eine Anwandelung von Schwindel , vielleicht weil er zu rasch gegangen sei , als Ursach des plötzlichen Nichtwohlbefindens vor , das ihm angewandelt sei , und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im Rücken hatte , ermannte er sich , sich dem Entzücken hingebend , mit Erna allein zu seyn , und aus ihrem sorgsam bekümmerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schöpfen zu dürfen . Schon zog er - die Blumen hatte sie bereits freundlich angenommen - das verhängnisvolle Blatt aus seinem Busen , um es hinzuzufügen , als ein Geräusch im Vorzimmer entstand , die Thüren stürmisch aufgerissen wurden , und die Gräfin , von der Gesandtin begleitet , herein trat , Erna glückwünschend zu umarmen , und sie für den Abend zu sich einzuladen . Sehr bewegt , und fast der Fassung beraubt , hielt Erna den Brief noch in der Hand , doch strebte sie , ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen , und auch dies , daß sie ein Geheimnis mit ihm theilen zu wollen sich herabließ , schien ihm ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhörung . Aber schon hatte die überlebhafte Gräfin es wahrgenommen . Vermuthlich ein Gedicht zur Feier dieses schönen Tages ! rief sie aus , das versiegelte Papier schalkhaft fixirend . O lassen Sie uns Alle daran Theil nehmen , Erna ! Lesen Sie uns vor ! Von dieser Seite kannte ich unseren Freund noch nicht . Ich wußte freilich längst , daß er , uns Frauen gegenüber , wenn von seinen Gefühlen die Rede war , manches zu er dichten im Stande sei , aber das geschah immer in Prosa ; wie er dichtet , ist mir noch fremd . Es ziemt mir nicht , versetzte Erna mit gezwungenem Lächeln , der Neugier Preis zu geben , was Zutrauen in meine Hände niederlegte . Wenn es ein Gedicht ist , darf nur der Dichter entscheiden , ob ein größeres Publicum als das , das er sich erkohren , es hören soll . Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Gräfin aus allen seinen Himmeln gestürzt , konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren . Für Sie allein ward geschrieben , was dieses Blatt enthält , erwiederte er , und sich stumm verbeugend verließ er das Zimmer , da ein sehr richtiges Gefühl ihm sagte , daß - einmal verscheucht - die vorhergehende beglückende Stimmung eben so wenig wiederkehren werde , als das vorhin durch die Gunst des Zufalls erlangte einsame Zusammenseyn mit Erna . XXIV Mit unschlüssigem , aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna , der Höflichkeit gemäß , bis halb zur Thüre , und der Ausdruck in ihren Zügen , als er sie zum letztenmal ins Auge faßte , überzeugte ihn still und tröstlich , daß er ihrer Discretion , so wie überhaupt ihrer Gesinnung , vertrauen dürfe . Er kehrte nun in seine Wohnung zurück , ruhiger zwar als er sie verlassen hatte , wiewohl noch nicht weiter vorwärts gekommen , als vorher . Indeß - das Geheimnis seines Herzens war ausgesprochen - er selbst hatte es der Entscheidung der Geliebten unterworfen - er durfte daher nicht zweifeln , daß sie bald erfolgen werde . Aus Furcht , den zarten Blüthenstaub von seinen Hoffnungen zu blasen , enthielt er sich gewaltsam alles Grübelns - aber mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Fußtritt , der seinem Zimmer nahte , immer erwartend , ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja , oder wenigstens die Weisung bringen , selbst zu kommen , um es von den Lippen der erröthenden Braut zu vernehmen . Aber umsonst . Die zögernden Stunden , durch lange Erwartung gedehnt , glitten im Schneckenschritt an ihn vorüber , und keine Kunde von ihr erfreute seine Einsamkeit . Auf dem Ball wird sie dir antworten , sprach er zu sich selbst , den stürmischen Aufruhr seines Gemüths durch mühsam aufgesuchte Trostgründe beschwichtigend . Es war zu viel , von der weiblichen Schüchternheit zu verlangen , sie solle ohne alle Ueberlegung , ja sogar mit dem Anschein einer Uebereilung das Wort aussprechen , das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen muß , wie die Tapferkeit den Lorbeer , der den Helden schmückt . In ihrem Blick werd ich mein Urtheil lesen - und , o die sonnige Milde , die er diesen Morgen noch mir ins Herz strahlte , als sie mich krank wähnte , berechtigt mich fest zu halten an der freudigsten Zuversicht ! Kaum dämmerte der Abend , so kleidete er sich zum Ball an , und ob er gleich gewöhnlich erst öffentlich erschien , wenn alles versammelt war , und man ihn längst vermißt hatte , so ließ ihm heute doch die Unruh keine Rast , und er war der erste Ankömmling im weiten , noch nicht einmal völlig erleuchteten Saale . Selbst die Gräfin , sonst eine sehr aufmerksame Wirthin , fehlte noch , da die Stunde , wo sie mit Recht erst ihre Gäste erwarten durfte , noch nicht geschlagen hatte . Er verbot den Bedienten , ihr seine Ankunft zu melden , und setzte sich in eine Fenstervertiefung , wo die weiten , faltenreichen Drapperien der seidenen Fenstergardinen ihm eine Art von Einsamkeit mitten im Gewühl geschäftiger Zurüstungen gewährten . Endlich fingen die Wagen an zu rollen , und fröhliche Gruppen füllten den Saal und die angränzenden Gemächer - sie aber , die sein Auge mit schüchternem Verlangen suchte - sie sah er nirgends , und als es endlich immer lauter und gedrängter um ihn her ward , verließ er seinen Schlupfwinkel , sich unter die Menge zu mischen . Da begann der Tanz , aber ohne Erna , die doch bestimmt war , die Königin des Festes zu seyn . Die Gräfin schien verstimmt . Noch hatte er sich ihr nicht genähert , da wurde sie ihn gewahr , und sagte , mismuthig an ihn vorüberstreichend : Denken Sie , wie fatal es mir geht ! Ich verfehle ganz den Hauptzweck , den ich hatte , Erna einen frohen Abend zu bereiten . Sie hat absagen lassen . Noch war er halb betäubt von dieser ihn schmerzlich befremdenden Nachricht , da mahnte ihn ein süßer aromatischer Duft an der Daphne würzige Blüthe . Er kannte die Schätze aller Treibhäuser der Residenz , und wußte , daß diese liebliche Pflanze in keinem derselben jetzt blühend existire . Wars ein Wunder , wenn er , trotz dem , was er so eben gehört , Erna ' s Nähe , wiewohl seinen Augen noch verborgen , vermuthete . Wie die Gletscher , von der untergehenden Sonne zum letztenmal bestreift , in sanftem Rosenlicht erglühen , um dann aufs Neue zu erblassen , von nächtlichem Schatten umhüllt , so wärmte eine zarte Hoffnung noch einmal sein bebendes Herz , um es täuschend der Verzweiflung Preis zu geben . Denn was glich der Empfindung , die sein glühendes Blut in einen fröstelnden Eisstrom verwandelte , als der verrätherische Duft näher und näher kam , und er - an Fräulein Mariane Lahnberg ' s vergilbtem Busen seine liebevoll erzogenen , einem so schönen Zweck geweihten Pflegekinder , die Daphne neben ihrem strahlenden Gefährten , den Rhododendron erblickte ? Seiner nicht mächtig drängte er sich zu ihr hin , und : wie kommen Sie zu diesen Blumen ? war die nicht sehr freundliche Anrede , mit der er ihren zuvorkommenden Gruß erwiederte . Höhnisch grinzte ihn Mariane an , und sagte : wir machten vor dem Ball eine Visite bei der * schen Gesandtin . Da lagen diese Blumen auf dem Tische , von denen Fräulein Willfried uns sagte , daß sie ein ihr aufgedrungenes Geschenk , und ihr höchst zuwider seien , so sehr sie auch sonst Blumen liebe . Als ich sie nun lobte , und den armen Dingern das Wort redete , sie möge ihnen nicht entgelten lassen , aus welcher unangenehmen Hand sie vielleicht kämen , bot sie mir sie an , wiewohl sie hinzufügte , sie wage es kaum , da ihre Absicht gewesen sei , sie zum Fenster hinaus zu werfen . Ich aber kehrte mich nicht daran , und nahm sie . Finden Sie sie nicht schön ? Knirschend blieb Alexander ihr die Antwort schuldig . Das ist zu viel ! rief er aus , fest mit seiner Hand seine Augen verdeckend , vor denen sich alle Gestalten um ihn her zu verwirren begannen . Um Gotteswillen , schrie Mariane , was ist Ihnen ? Ich habe doch wohl nicht etwan eine Indiscretion begangen ? Ich beschwöre Sie , sagen Sie niemand , was ich Ihnen eben erzählte , es könnte Verdrus geben . Ich bin nun einmal so ein albernes aufrichtiges Ding , daß ich schlechterdings immer die Wahrheit sagen muß . Ohne weiter auf sie zu hören , rannte er fort , und kam in einem Zustande in seine Wohnung zurück , der fast dem Wahnsinn glich . Seine Leute , ihn nicht so früh vermuthend , waren ausgegangen , und nur Benedikt , sein Reitknecht , ein grundehrlicher , treuherziger Bursch , der alle ihm gegebenen Aufträge aufs pünktlichste besorgte , und mit der größten historischen Treue darüber berichtete , war zur Aufsicht des Hauses zurückgeblieben . Erschrocken leuchtete er seinem Herrn in das todtenbleiche Gesicht , ängstlich vor ihm herschreitend , ihm das Zimmer zu öffnen . Und als Alexander hier , ohne ein Wort zu sagen , sich mit stieren Blicken auf den Sopha warf , blieb er verlegen vor ihm stehen , und wußte selbst nicht , ob jetzt der schicklichste Augenblick sei , von den während seiner Abwesenheit sich ereigneten häuslichen Vorfällen zu sprechen . Indeß , seine Liebe zur Pünktlichkeit siegte über die Furcht , seinen ihm ganz unheimlich vorkommenden Gebieter vielleicht in tiefen Gedanken zu stören , und schüchtern langte er von dem Marmorsimms des Kamins einen Brief , der von einem Bedienten des * schen Gesandten mit dem Bedeuten überbracht worden sei , daß es keiner Antwort bedürfe . Ein wirksameres Mittel hätte Benedikt nicht auftreiben können , seinen fast zu Marmor erstarrten Herrn von Neuem zu beleben . Wie der Verschmachtende die letzte Kraft , die ihm übrig blieb , anstrengt , den Becher zu erreichen , in den ihm Labung und Rettung quillt , so ergriff Alexander mit zitternder Hast den Brief , ihn an sich reißend , als könne durch ihn die Quaal seines Innern sich lindern , und noch alles , alles gut werden . Gleichwohl betrachtete er doch erst , ehe er das Siegel brach , die Aufschrift , sich einen Moment an der zierlichen Frauenhand weidend , die sie geschrieben . Noch nie hatte er Erna ' s Schriftzüge gesehen ; aber ein milder Geist , der Geist der Hoffnung , schien sie zu beseelen , und neu gestärkt und ermuthigt öffnete er nun den Brief und las folgendes : » Ersparen Sie meiner Freundin die unangenehme Nothwendigkeit , Ihnen eine abschlägliche Antwort ertheilen zu müssen , indem Sie Sich mit meiner Versicherung begnügen , daß Erna ' s Hand auf ewig für Sie verloren ist . Auguste . « XXV Als ohngefähr nach einer halben Stunde Alexander sich wieder deutlich besinnen konnte , fand er sich von den Armen des treuen Benedikt umfaßt , der ihm ein Glas Wasser ins Gesicht gegossen , und so aus seiner dumpfen , ohnmachtähnlichen Betäubung ins Leben zurückgerufen hatte . Ihm war , als erwache er aus einem taumelnden Rausche . Er fühlte sich angegriffen , aber doch nüchtern und fähig , zu überlegen und zu handeln . Gott sei gelobt , daß der Herr Rittmeister doch wieder bei sich sind , rief der nun etwas beruhigte Benedikt aus , dem Schweistropfen auf der Stirn und Thränen im Auge standen . Ich dachte immer , Sie würden mir unter den Händen sterben ! Hätt ich doch man lieber den fatalen Brief in den Kamin geschmissen , statt ihn drauf zu legen , da er , Gott weiß , was für Teufeleien enthält , die den Herrn Rittmeister so außer sich brachten ! Bei Erwähnung des Briefs wurde es vor Alexanders Sinnen immer heller und heller , wiewohl in schneidender Klarheit . Er hielt ihn noch krampfhaft zusammengeknittert in der Hand , und entfaltete ihn von Reuem , ihn - wie er sich einbildete - noch einmal ruhig zu überlesen . Dies wollte nun zwar nicht gehen , denn jeder Buchstabe schien ihn mit Basiliskenblick anzuschauen , und ihn dünkte , als knisterten blaue Schwefelflammen aus jeder Zeile , mit spitzen , brennenden Zungen an seinen tödlich verwundeten Herzen leckend ; aber er rief gewaltsam alle Kraft des Willens , die dem Manne zu Gebot steht , auf , und sagte sanft und gefaßt zu Benedikt : Sorge , daß ich ungestört bleibe diese Nacht , mein guter Junge , denn ich habe zu thun , und muß allein seyn . Um Mitternacht bringe mir eine Flasche Rheinwein . Hierauf winkte er mit der Hand gegen die Thür , und so ungern auch der treue , noch immer leise besorgte Diener ihn verließ , so war er doch an zu strengem Gehorsam gewöhnt , um sich nicht augenblicklich zu entfernen . Als er mit dem Schlag zwölf Uhr herein trat , fand er seinen Herrn sehr beschäftigt , mehrere Schränke auszuräumen , Papiere theils zu ordnen , theils zu verbrennen , und Geld abzuzählen . Sehr mäßig trank er von dem Weine , den Benedikt ihm gebracht hatte , und befahl ihm , mehrere Sachen , die er bezeichnete , in einen Koffer zu packen , und alsdann , so wie der Tag anbrechen werde , verschiedene Rechnungen zu bezahlen , und andere Aufträge auszurichten , die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihm anvertraute . Gegen Morgen war alles still und pünktlich nach seinem Willen geordnet . Da warf er sich unausgekleidet auf den Sopha , und schlummerte einige Stunden , dann ging er zu dem Chef seines Regiments , und bat um augenblicklichen Urlaub zu einer höchst nothwendigen Reise . Er erhielt ihn , erhob von seinem Banquier eine bedeutende Summe Geldes und die nöthigen Wechsel , entließ reich beschenkt seine übrigen Leute , außer Benedikt , dessen anhängliche Treue er schon oft erprobt hatte , und ehe noch jemand aus dem Kreise seiner Bekannten seine Absicht ahnete , lag die Residenz bereits hinter ihm im Nebel der Entfernung . Frankreich , Italien und die Schweiz waren die Länder , nach denen sein unstäter , der tiefsten Schwermuth preisgegebener Sinn zuerst strebte . Da aber sein erbetener Urlaub nicht einmal zu einem flüchtigen Durchstreichen , noch weniger zu einem ruhigen Kennenlernen derselben hingereicht haben würde , und es sein entschiedener Vorsatz war , nie , oder doch nur unter ganz veränderten Umständen , wieder in die Heimath zurückzukehren , so sandte er das Gesuch um seinen Abschied an die Behörde ein , um - so sehr er auch seine Militairverhältnisse geliebt hatte - frei und unabhängig über sich selbst und über seine Zeit verfügen zu können . Ungern ertheilte man ihm diesen , da er von jeher , ächt martialisch denkend und handelnd , an Leib und Seele Soldat war , seinem Regiment durch den regesten Diensteifer , so wie durch die Liberalität seiner Gesinnung und den Glanz seines bedeutenden Vermögens Ehre gemacht hatte , und alle seine Cameraden ihn brüderlich liebten . Um daher nicht alle Ansprüche an ihn aufzugeben , stellte man ihn à la suite an , und ungehindert folgte er nun dem Zuge , der - aus seiner unbefriedigten Sehnsucht sich entwickelnd - ihn durch den größten Theil Europa ' s trieb . Drittes Buch I Obgleich die mit einer ewigen Abwechselung verbundenen Zerstreuungen auch auf Alexanders Gemüth ihre erheiternde Wirkung , wenigstens momentan , nicht verfehlten , so fühlte er doch sehr bestimmt , daß das Schicksal des unheilbaren Kranken , der unter südlicheren Zonen und an fremden Heilquellen Linderung sucht und hofft , und allenthalben nur sein Elend findet , auch das seinige sei . Eine fremde , dunkle Macht war , seit die Hoffnung es verlassen hatte , schauerlich in sein Leben getreten , und statt , wie sonst , mit offener , leicht empfänglicher Seele sich den vor ihm aufblitzenden Freuden der Welt hinzugeben , drängte ein düsterer , verschlossener Ernst , ihm die Nichtigkeit aller irrdischen Genüsse zeigend , ihn tief in sich selbst zurück , und machte , daß er sich mitten unter den Herrlichkeiten der Natur und Kunst , die ihn umgaben , wie ein Gespenst unter den Ruinen des Tempels erschien , der einst von ihm dem Glücke geweiht , und nun - von der Hand des Schicksals auf ewig zertrümmert war . Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der Vergangenheit machte ihn gleichgültig gegen die Reize der Gegenwart , und sein Gemüth hatte unwillkührlich eine Asthenie ergriffen , die es zum todten Meere umschuf , das keine Ausflüsse hat , sondern nur über fließt , wenn ungewöhnliche Ereignisse es in Bewegung setzen oder Orcane es aufwühlen . Das Ungewöhnliche aber vermied ihn , weil seine die Flügel senkende Phantasie es nicht suchte , und die Melancholie , deren finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke über sein Leben zog , ihm jedes fröhliche Ergreifen des Zufalls verleidete . Indessen bewährte die Zeit auch an ihm ihre lindernde , wenn gleich nicht heilende Kraft . Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten Naturschönheiten eben so kalt gelassen , als führe sein Weg ihn durch die Lüneburger Haide oder über die eintönigen Sandstrecken der Mark ; aber nach und nach erwärmte sich sein starrer Blick , und ruhte mit Wohlgefallen auf den Wundern reich ausgestatteter Gefilde , in deren Reizen er sich für Augenblicke losgebunden von allem fühlte , was ihn sonst so schmerzlich an die niedere Dornenbahn seines dürftigen Lebens fesselte . Er wußte sich wieder in stiller Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der Natur zu deuten - das flammende Abendroth redete ihn wieder an wie sonst , nur in einer anderen , ernsteren Sprache - die murmelnden Bäche flüsterten ihm wieder dämmernde Träume zu - die Wasserfälle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz , und die rauschenden Haine wehten Kühlung in die Tiefe seines verwundeten Busens . Nur mit der Erinnerung war er dem Schein nach für immer zerfallen . Denn wenn sie zuweilen , wie sie zu thun pflegt , ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseyns , lächelnd den Spiegel ihm vorhaltend , aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrüßte - dann war es um den schwer errungenen Gleichmuth geschehen - grau und verwischt lag das Daseyn vor ihm , dessen innerste Wurzel zerstört war - stechende Eisschauer zitterten wieder durch die schnell auflodernde Fiebergluth seines Innern - des Lebens unendliches Weh legte sich von Neuem , gleich einer erdrückenden Last , auf seine schwer geängstete Brust , und der leise Trost der sanft beschwichtigenden Natur war dann auf lange für ihn verloren . Deshalb hüthete er sich auch sorgfältig vor allen Nachrichten aus der Heimath , da sie ihn nicht erheitern , sondern nur aufs Neue verletzen konnten . Er schrieb und empfing keine Briefe , als solche , die zur Fortdauer seiner physischen Existenz in ökonomischer Rücksicht nöthig waren , und Zahlen statt der Gefühle machten den Inhalt derselben aus . Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu , schloß sich auch wohl an deren gesellige Kreise an , doch nur wie einer , der von der Bühne abgetreten ist , und mit den Maschinerieen bekannt , und nicht mehr geblendet von dem auf Effect berechneten Schein , zwischen den Coulissen hindurch einen frostigen Blick auf das bunte Treiben wirft , in dessen Mitte er einst eine so lebendige Rolle spielte . So waren vorzüglich , seit jenem Wendepunkt seines Lebens , der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte , die Damen , denen er sonst so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte , Gegenstände der höchsten Gleichgültigkeit für ihn , und so manches Netz auch , von zarter Hand gewebt , strebte , den schönen Fremdling zu fangen , so war doch jene Höflichkeit , die die feine Sitte fodert , der einzige Tribut , den er selbst den verführerischten Reizen brachte . Weit mehr als sie und ihre anmuthigen Bestrebungen , ihn zu fesseln , zog ihn die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an . Ihm lag freilich die Ahnung fern , die manchem Menschen in ihr sein höchstes Princip erblicken läßt . Er betrachtete sie nur als Mittel , den Schmerz der unendlichen Sehnsucht zu mildern , der Wermuth in jeden Tropfen Lust , Seufzer in jeden freudigen Laut ihm mischte . Vermittelst seines regen Anschauungs- und Auffassungsvermögens führte sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu , welche die Nachtgestalten wenigstens auf kurze Zeit verdrängten , die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz dort genommen hatten , und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich zuweilen über das grauenvolle Dunkel um ihn her , in das ferne Geisterreich der Töne - oder er fühlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der Malerei für Momente ihm entrückt . Nur der Poesie wollte es nicht glücken , den Einfluß auf seinen umhüllten Sinn zu erlangen , den mancher Leidende , durch sie getröstet und gestärkt , ihr über sich einräumt . Denn sie berührte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden nicht lindernd , sondern sie von Neuem zum Bluten reizend , und rief eine Menge Erscheinungen , die traumähnlich in ihm dämmerten , zu einem krampfhaften Leben in ihm auf . Er scheute daher die Möglichkeit , daß ihr geheimer Zauber den Ton in der Tiefe seines Gemüthes treffen könne , der als bang erschütternde Dissonanz leichter zu erregen , wie alsdann zu vertilgen war , und da sie nur Reflexe seiner untergesunkenen Hoffnungen , seiner schmerzlich begrabenen Wünsche in die camera obscura seiner Brust zu werfen vermochte , so wählte er als das sicherste Mittel , sich vor jeder unsanften Berührung dieser Art zu schützen , daß er gar nichts , als höchstens - die Zeitungen las . In einer derselben , die der Zufall ihm in die Hand führte , fand er die Anzeige , daß der * sche Gesandte seinen bisherigen Aufenthalt verlassen , und einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen Hofe erhalten habe . Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn . Ob er sich es gleich nicht eingestehen mochte , so hatte es ihm doch in seinen stillen Träumen ein wehmüthig süßes Gefühl gewährt , sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten Beziehungen und Umgebungen zu denken . Nun war sie fort - denn er durfte nicht bezweifeln , daß sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung gefolgt sei , und ihm ermangelte der feste Punkt , an den er sich halten durfte , um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwärtigen . Denn