nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien und es dir nicht gleichgültig sein kann , zu erfahren , wie ich zum erstenmal komponierte . - Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek , in der ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte , was ich wollte ; mir fielen Rousseaus Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände . Ich verschlang das Buch , das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben geschrieben , und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hätte streuen können . Aber nur ein einziger Moment aus allen , zum Teil sehr verfänglichen Begebenheiten erfüllte mein Gemüt so ganz und gar , daß ich alles übrige darüber vergaß . Gleich elektrischen Schlägen traf mich nämlich die Erzählung , wie der Knabe Rousseau , von dem mächtigen Geist seiner innern Musik getrieben , sonst aber ohne alle Kenntnis der Harmonik , des Kontrapunkts , aller praktischen Hilfsmittel , sich entschließt , eine Oper zu komponieren , wie er die Vorhänge des Zimmers herabläßt , wie er sich aufs Bette wirft , um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft hinzugeben , wie ihm nun sein Werk aufgeht , gleich einem herrlichen Traum ! - Tag und Nacht verließ mich nicht der Gedanke an diesen Moment , mit dem mir die höchste Seligkeit über den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien ! - Oft war es mir , als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden , und dann , nur von meinem festen Entschluß hinge es ab , mich auch in dies Paradies hinaufzuschwingen , da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig beschwingt . Genug , ich kam - dahin , es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen . Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus verlassen , ließ ich sofort die Vorhänge herab und warf mich auf des Oheims Bette , um , wie Rousseau , eine Oper im Geiste zu empfangen . So vortrefflich aber die Anstalten waren , so sehr ich mich abmühte , den dichterischen Geist hinanzulocken , doch blieb er in störrischem Eigensinn davon ! - Durchaus summte mir , statt aller herrlichen Gedanken , die mir aufgehen sollten , ein altes erbärmliches Lied vor den Ohren , dessen weinerlicher Text begann : Ich liebte nur Ismenen , Ismene liebt ' nur mich , und ließ , so sehr ich mich dagegen sträubte , nicht nach . Jetzt kommt der erhabene Priesterchor : Hoch von Olympos ' Höhn ' , rief ich mir zu , aber : Ich liebte nur Ismenen , summte die Melodie fort und unaufhörlich fort , bis ich zuletzt fest einschlief . Mich weckten laute Stimmen , indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte ! Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt , und in dem Gewölk stand der Oheim und trat die Reste der flammenden Gardine , die den Kleiderschrank verbarg , nieder und rief : Wasser her - Wasser her ! bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fülle herbeibrachte , über den Boden ausgoß und so das Feuer löschte . Der Rauch zog langsam durch die Fenster . Wo ist nur der Unglücksvogel ? fragte der Oheim , indem er im Zimmer umherleuchtete . Ich wußte wohl , welchen Vogel er meinte , und blieb mäuschenstill im Bette , bis der Oheim hinantrat und mir mit einem zornigen : Will Er wohl gleich heraus ! auf die Beine half . Steckt mir der Bösewicht das Haus über dem Kopfe an ! fuhr der Onkel fort . - Ich versicherte auf weiteres Befragen ganz ruhig , daß ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner Bekenntnisse es getan , eine Opera seria im Bett komponiert hätte , und daß ich durchaus gar nicht wisse , wie der Brand entstanden . Rousseau ? Komponiert ? Opera seria ? - Pinsel ! So stotterte der Oheim vor Zorn und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu , die ich als die zweite empfing , so daß ich , vor Schreck erstarrt , sprachlos stehen blieb , und in dem Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich : Ich liebte nur Ismenen etc. etc .. Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des Komponierens überhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften Widerwillen . « » Aber wie war nur das Feuer entstanden ? « fragte der Geheime Rat . » Noch , « erwiderte Kreisler , » noch in diesem Augenblick ist es mir unbegreiflich , durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen schönen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schön frisierte Toupets , die der Oheim als partielle Perückenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte , mit in ihr Verderben riß . Mir ist es auch immer so vorgekommen , als habe ich nicht des unverschuldeten Feuers , sondern nur der unternommenen Komposition halber die Ohrfeige erhalten . - Seltsam genug war es die Musik allein , die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt , unerachtet der Lehrer , getäuscht von dem nur momentanen Widerwillen , den ich dagegen äußerte , mich für ein durchaus unmusikalisches Prinzip hielt . Was ich übrigens lernen oder nicht lernen mochte , das war dem Oheim völlig gleich . Äußerte er manchmal lebhaften Unwillen , daß es so schwer hielt , mich zur Musik anzuhalten , so hätte man denken sollen , daß er von Freude hätte durchdrungen sein müssen , als nach ein paar Jahren der musikalische Geist sich so mächtig in mir regte , daß er alles übrige überflügelte ; das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall . Der Oheim lächelte bloß ein wenig , wenn er bemerkte , daß ich bald mehrere Instrumente mit einiger Virtuosität spielte , ja , daß ich manches kleine Stück aufsetzte zur Zufriedenheit der Meister und Kenner . Ja , er lächelte bloß ein wenig und sprach , wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr , mit schlauer Miene : Ja , der kleine Neveu ist närrisch genug . « - » So ist , « nahm der Geheime Rat das Wort , » so ist es mir aber ganz unbegreiflich , daß der Oheim deiner Neigung nicht Freiheit ließ , sondern dich hineinzwang in eine andere Laufhahn . Soviel ich nämlich weiß , ist deine Kapellmeisterschaft eben nicht von lange her . « » Und auch nicht weit her , « rief Meister Abraham lachend und fuhr , indem er das Bildnis eines kleinen , wunderlich gebauten Mannes an die Wand warf , weiter fort : » Aber nun muß ich mich des wackern Oheims , den mancher verruchte Neffe den O-weh-Onkel nannte , weil er sich mit Vornamen Ottfried Wenzel schrieb , ja , nun muß ich mich seiner annehmen und der Welt versichern , daß , wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich einfallen ließ , Legationsrat zu sein und sich abzuquälen mit seiner innersten Natur ganz widrigen Dingen , niemand weniger daran schuld ist als eben der O-weh-Onkel . « - » O still , « sprach Kreisler , » o still davon , Meister , und nehmt mir dort den Oheim von der Wand , denn macht ' er auch wirklich lächerlich genug aussehen , so mag ich doch eben heute über den Alten , der lange im Grabe ruht , nicht lachen ! « - » Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit , « erwiderte der Meister ; Kreisler achtete aber nicht darauf , sondern sprach , sich zum kleinen Geheimen Rat wendend : » Du wirst es bedauern , mich zum Schwatzen gebracht zu haben , da ich dir , der vielleicht das Außerordentliche erwartete , nur Gemeines , wie es sich tausendmal im Leben wiederholt , auftischen kann . - So ist es auch gewiß , daß es nicht Erziehungszwang , nicht besonderer Eigensinn des Schicksals , nein , daß es der gewöhnlichste Lauf der Dinge war , der mich fortschob , so daß ich unwillkürlich dort hinkam , wo ich eben nicht hin wollte . - Hast du nicht bemerkt , daß es in jeder Familie einen gibt , der sich , sei es durch besonderes Genie oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger Ereignisse , zu einer gewissen Höhe hinaufschwang , und der nun , ein Heros , in der Mitte des Kreises steht , zu dem die lieben Verwandten demütig hinaufblicken , dessen gebietende Stimme vernommen wird in entscheidenden Sprüchen , von denen keine Appellation möglich ? - So ging es mit dem jüngern Bruder meines Oheims , der dem musikalischen Familiennest entflohen war und in der Residenz als Geheimer Legationsrat in der Nähe des Fürsten eine ziemlich wichtige Person vorstellte . Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende Bewunderung gesetzt , die nicht nachließ . Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst , und wenn es hieß : Der Geheime Legationsrat hat geschrieben , der Geheime Legationsrat hat das und das geäußert , so horchte alles in stummer Ehrfurcht auf . Dadurch schon seit meiner frühesten Kindheit daran gewöhnt , den Oheim in der Residenz als einen Mann anzusehen , der das höchste Ziel alles menschlichen Strebens erreicht , mußte ich es natürlich finden , daß ich gar nichts anders tun konnte , als in seine Fußtapfen treten . Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in dem Prunkzimmer , und keinen größern Wunsch hegte ich , als so frisiert , so gekleidet umherzugehen wie der Oheim auf dem Bilde . Diesen Wunsch gewährte mein Erzieher , und ich muß wirklich als zehnjähriger Knabe anmutig genug ausgesehen haben , im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel , im zeisiggrünen Rock mit schmaler silberner Stickerei , seidenen Strümpfen und kleinem Degen . Dies kindische Streben ging tiefer ein , als ich älter worden , da , um mir Lust zur trockensten Wissenschaft einzuflößen , es genügte , mir zu sagen , dies Studium sei mir nötig , damit ich , dem Oheim gleich , dereinst Legationsrat werden könne . Daß die Kunst , welche mein Inneres erfüllte , mein eigentliches Streben , die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein dürfe , fiel mir um so weniger ein , als ich gewohnt war , von Musik , Malerei , Poesie nicht anders reden zu hören als von ganz angenehmen Dingen , die zur Erheiterung und Belustigung dienen könnten . Die Schnelle , mit der ich , ohne daß sich jemals auch nur ein einziges Hindernis offenbart hätte , durch mein erlangtes Wissen und durch den Vorschub des Oheims in der Residenz , in der Laufbahn , die ich gewissermaßen selbst gewählt , vorwärts schritt , ließ mir keinen Moment übrig , mich umzuschauen und die schiefe Richtung des Weges , den ich genommen , wahrzunehmen . Das Ziel war erreicht , umzukehren nicht mehr möglich , als in einem nicht geahnten Moment die Kunst sich rächte , der ich abtrünnig worden , als der Gedanke eines ganzen verlornen Lebens mich mit trostlosem Weh erfaßte , als ich mich in Ketten geschlagen sah , die mir unzerbrechlich dünkten ! « - » Glückselig , « rief der Geheime Rat , » glückselig , heilbringend also die Katastrophe , die dich aus den Fesseln befreite ! « » Sage das nicht , « erwiderte Kreisler , » zu spät trat die Befreiung ein . Mir geht es wie jenem Gefangenen , der , als er endlich befreit wurde , dem Getümmel der Welt , ja dem Licht des Tages so entwöhnt war , daß er nicht vermögend , der goldnen Freiheit zu genießen , und sich wieder zurücksehnte in den Kerker . « » Das ist , « nahm Meister Abraham das Wort , » das ist nun eine von Euern konfusen Ideen , Johannes , mit denen Ihr Euch und andere plagt ! - Geht ! geht ! - Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint , aber daß Ihr nun einmal nicht im gewöhnlichen Trott bleiben könnt , daß Ihr rechts , links herausspringt aus dem Wege , daran ist niemand schuld als Ihr selbst . Recht habt Ihr indessen wohl , daß , was Eure Knabenjahre betrifft , Euer Stern besonders waltete , und - - « Zweiter Abschnitt Lebenserfahrungen des Jünglings Auch ich war in Arkadien ( M. f. f. ) » Närrisch genug und zugleich ungemein merkwürdig wär ' es doch , « sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst , » wenn der kleine graue Mann dort unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen sollte , die der Professor ihm andichten will ! - Hm ! ich dächte , er könnte mich dann reich machen , mehr als mein unsichtbares Mädchen es getan . Ich sperrt ' ihn ein in einen Käficht , er müßte seine Künste machen vor der Welt , die reichlichen Tribut dafür gern zahlen würde . Ein wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen als ein frühreifer Junge , dem man die Exerzitia eingetrichtert . - Überdem erspart ' ich mir einen Schreiber ! - Ich muß dem Dinge näher auf die Spur kommen ! « Ich gedachte , als ich des Meisters verfängliche Worte vernahm , der Warnung meiner unvergeßlichen Mutter Mina , und wohl mich hütend , auch nur durch das geringste Zeichen zu verraten , daß ich den Meister verstanden , nahm ich mir fest vor , auf das sorgfältigste meine Bildung zu verbergen . Ich las und schrieb daher nur das Nachts und erkannte auch dabei mit Dank die Güte der Vorsehung , die meinem verachteten Geschlecht manchen Vorzug vor den zweibeinichten Geschöpfen , die sich , Gott weiß warum , die Herren der Schöpfung nennen , gegeben hat . Versichern kann ich nämlich , daß ich bei meinen Studien weder des Lichtziehers noch des Ölfabrikanten bedurfte , da der Phosphor meiner Augen hell leuchtet in der finstersten Nacht . Gewiß ist es daher auch , daß meine Werke erhaben sind über den Vorwurf , der irgendeinem Schriftsteller aus der alten Welt gemacht wurde , daß nämlich die Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe röchen . Doch innig überzeugt von der hohen Vortrefflichkeit , mit der mich die Natur begabt hat , muß ich doch gestehen , daß alles hienieden gewisse Unvollkommenheiten in sich trägt , die wieder ein gewisses abhängiges Verhältnis verraten . Von den leiblichen Dingen , die die Ärzte nicht natürlich nennen , unerachtet sie mir eben recht natürlich dünken , will ich gar nicht reden , sondern nur rücksichts unsers psychischen Organismus bemerken , daß sich auch darin jene Abhängigkeit recht deutlich offenbaret . Ist es nicht ewig wahr , daß unsern Flug oft Bleigewichte hemmen , von denen wir nicht wissen , was sie sind , woher sie kommen , wer sie uns angehängt ? Doch besser und richtiger ist es wohl , wenn ich behaupte , daß alles Übel vom bösen Beispiel herrührt , und daß die Schwäche unserer Natur lediglich darin liegt , daß wir dem bösen Beispiel zu folgen gezwungen sind . Überzeugt bin ich auch , daß das menschliche Geschlecht recht eigentlich dazu bestimmt ist , dies böse Beispiel zu geben . Bist du , geliebter Katerjüngling , der du dieses liesest , nicht einmal in deinem Leben in einen Zustand geraten , der dir selbst unerklärlich , dir überall die bittersten Vorwürfe und vielleicht auch - einige tüchtige Bisse deiner Kumpane zuzog ? Du warst träge , zänkisch , ungebärdig , gefräßig , fandest an nichts Gefallen , warst immer da , wo du nicht sein solltest , fielst allen zur Last , kurz , warst ein ganz unausstehlicher Bursche ! - Tröste dich , o Kater ! Nicht aus deinem eigentlichen , tiefern Innern formte sich diese heillose Periode deines Lebens , nein , es war der Zoll , den du dem über uns waltenden Prinzip dadurch darbrachtest , daß auch du dem bösen Beispiel der Menschen , die diesen vorübergehenden Zustand eingeführt haben , folgtest . Tröste dich , o Kater ! denn auch mir ist es nicht besser ergangen ! Mitten in meinen Lukubrationen überfiel mich eine Unlust - eine Unlust gleichsam der Übersättigung von unverdaulichen Dingen , so daß ich ohne weiteres auf demselben Buch , worin ich gelesen , auf demselben Manuskript , woran ich geschrieben , mich zusammenkrümmte und einschlief . Immer mehr und mehr nahm diese Trägheit zu , so daß ich zuletzt nicht mehr schreiben , nicht mehr lesen , nicht mehr springen , nicht mehr laufen , nicht mehr mit meinen Freunden im Keller , auf dem Dache mich unterhalten mochte . Statt dessen fühlte ich einen unwiderstehlichen Trieb , alles das zu tun , was dem Meister , was den Freunden nie angenehm sein , womit ich ihnen beschwerlich fallen mußte . Was den Meister anlangt , so begnügte er lange Zeit hindurch sich damit , mich fortzujagen , wenn ich zu meiner Lagerstätte immer Plätze erkor , wo er mich durchaus nicht leiden konnte , bis er endlich genötigt wurde , mich etwas zu prügeln . Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen , hatt ' ich nämlich so lange hin und her geschwänzelt , bis die Spitze meines Schweifs in das große Tintenfaß geraten , mit der ich nun auf Boden und Kanapee die schönsten Malereien ausführte . Das brachte den Meister , der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien , in Harnisch . Ich flüchtete auf den Hof , aber beinah ' noch schlimmer ging es mir dort . Ein großer Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen hatte längst sein Mißfallen über mein Betragen geäußert ; jetzt , da ich , freilich tölpischerweise , einen guten Bissen , den er zu verzehren eben im Begriff , vor dem Maule wegschnappen wollte , gab er mir ohne Umstände eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten , daß ich ganz betäubt wurde und mir beide Ohren bluteten . - Irre ich nicht , so war der würdige Herr mein Oheim , denn Minas Züge strahlten aus seinem Antlitz , und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar . - Kurz , ich gestehe , daß ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte , so daß der Meister sprach : » Ich weiß gar nicht , was dir ist , Murr , ich glaube am Ende , du bist jetzt in die Lümmeljahre getreten ! « Der Meister hatte recht , es war meine verhängnisvolle Lümmelzeit , die ich überstehen mußte , nach dem bösen Beispiel der Menschen , die , wie gesagt , diesen heillosen Zustand , als durch ihre tiefste Natur bedingt , eingeführt haben . Lümmeljahre nennen sie diese Periode , unerachtet mancher zeit seines Lebens nicht herauskommt , unsereins kann nur von Lümmelwochen reden , und ich meinerseits kam nun auf einmal heraus mittelst eines starken Rucks , der mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können . Eigentlich sprang ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise . Ich muß sagen , wie das sich begab : Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern , wie ich nachher einsehen lernte , ein englischer Halbwagen . Nichts war in meiner damaligen Stimmung natürlicher , als daß mir die Lust ankam , mit Mühe hinaufzuklettern und hineinzukriechen in diese Maschine . Ich fand die darin befindlichen Kissen so angenehm , so anlockend , daß ich nun die mehrste Zeit in den Plostern des Wagens verschlief , verträumte . Ein heftiger Stoß , dem ein Knattern , Klirren , Brausen , wirres Lärmen folgte , weckte mich , als eben süße Bilder von Hasenbraten und dergleichen vor meiner Seele vorübergingen . Wer schildert meinen jähen Schreck , als ich wahrnahm , daß die ganze Maschine sich mit ohrbetäubendem Getöse fortbewegte , mich hin und her schleudernd auf meinen Polstern . Die immer steigende und steigende Angst wurde Verzweiflung , ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der Maschine , ich hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen , ich hörte ihre barbarischen Stimmen : » Katz - Katz , huz huz ! « hinter mir her kreischen , sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen , Steine flogen mir nach , bis ich endlich hineingeriet in ein finstres Gewölbe und ohnmächtig niedersank . Endlich war es mir , als höre ich hin und her gehen über meinem Haupte , und schloß aus dem Schall der Tritte , da ich wohl schon Ähnliches erfahren , daß ich mich unter einer Treppe befinden müsse . Es war dem so ! - Als ich nun aber herausschlich , Himmel ! da dehnten sich überall unabsehbare Straßen vor mir aus , und eine Menge Menschen , von denen ich nicht einen einzigen kannte , wogte vorüber . Kam noch hinzu , daß Wagen rasselten , Hunde laut bellten , ja , daß zuletzt eine ganze Schar , deren Waffen in der Sonne blitzten , die Straße einengte ; daß dicht bei mir einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine große Trommel schlug , daß ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang , ja , so konnte es nicht fehlen , daß eine seltsame Angst meine Brust erfüllte ! - Ich merkte nun wohl , daß ich mich in der Welt befand - in der Welt , die ich aus der Ferne von meinem Dache erblickt , oft nicht ohne Sehnsucht , ohne Neugierde , ja , mitten in dieser Welt stand ich nun , ein unerfahrner Fremdling . Behutsam spazierte ich dicht an den Häusern die Straße entlang und begegnete endlich ein paar Jünglingen meines Geschlechts . Ich blieb stehen , ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen , aber sie begnügten sich , mich mit funkelnden Augen anzuglotzen , und sprangen dann weiter . » Leichtsinnige Jugend , « dacht ' ich , » du weißt nicht , wer es war , der dir in den Weg trat ! - so gehen große Geister durch die Welt , unerkannt , unbeachtet . - Das ist das Los sterblicher Weisheit ! « - Ich rechnete auf größere Teilnahme bei den Menschen , sprang auf einen hervorragenden Kellerhals und stieß manches fröhliche , wie ich glaubte , anlockende Miau aus , aber kalt , ohne Teilnahme , kaum sich nach mir umblickend , gingen alle vorüber . Endlich gewahrte ich einen hübschen blondgelockten Knaben , der mich freundlich ansah und endlich , mit den Fingern schnalzend , rief : » Mies - Mies ! « - » Schöne Seele , du verstehst mich , « dacht ' ich , sprang herab und nahte mich ihm , freundlich schnurrend . Er fing mich an zu streicheln , aber indem ich glaubte , mich dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können , kniff er mich dermaßen in den Schwanz , daß ich vor rasendem Schmerz aufschrie . Das eben schien dem tückischen Bösewicht rechte Freude zu machen , denn er lachte laut , hielt mich fest und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen . Da faßte mich der tiefste Ingrimm , von dem Gedanken der Rache durchflammt , grub ich meine Krallen tief in seine Hände , in sein Gesicht , so daß er aufkreischend mich fahren ließ . Aber in dem Augenblick hörte ich auch rufen : » - Tyras - Kartusch - hez , hez ! « - Und laut blaffend setzten zwei Hunde hinter mir her . - Ich rannte , bis mir der Atem verging , sie waren mir auf den Fersen - keine Rettung . - Blind vor Angst fuhr ich hinein in das Fenster eines Erdgeschosses , daß die Scheiben zusammenklirrten und ein paar Blumentöpfe , die auf der Fensterbank gestanden , krachend hineinfielen in das Stübchen . Erschrocken fuhr eine Frau , die an einem Tisch sitzend arbeitete , in die Höhe , rief dann : » Seht die abscheuliche Bestie , « ergriff einen Stock und ging auf mich los . Aber meine zornglühenden Augen , meine ausgestreckten Krallen , das Geheul der Verzweiflung , das ich ausstieß , hielten sie zurück , so daß , wie es in jenem Trauerspiel heißt , der zum Schlagen aufgehobene Stock in der Luft gehemmt schien und sie dastand , ein gemalter Wütrich , parteilos zwischen Kraft und Willen ! - In dem Augenblick ging die Türe auf , schnellen Entschluß fassend , schlüpfte ich dem eintretenden Mann zwischen den Beinen durch und war so glücklich , mich aus dem Hause herauszufinden auf die Straße . Ganz erschöpft , ganz entkräftet , gelangte ich endlich zu einem einsamen Plätzchen , wo ich mich ein wenig niederlassen konnte . Da fing aber der wütendste Hunger an , mich zu peinigen , und ich gedachte nun erst mit tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham , von dem mich ein hartes Schicksal getrennt . - Aber wie ihn wiederfinden ! - Ich blickte wehmütig umher , und als ich keine Möglichkeit sah , den Weg zur Rückkehr zu erforschen , traten mir die blanken Tränen in die Augen . Doch neue Hoffnung ging mir auf , als ich an der Ecke der Straße ein junges freundliches Mädchen wahrnahm , die vor einem kleinen Tische saß , auf dem die appetitlichsten Bröte und Würste lagen . Ich näherte mich langsam , sie lächelte mich an , und um mich ihr gleich als einen Jüngling von guter Erziehung , von galanten Sitten darzustellen , machte ich einen höheren , schöneren Katzenbuckel als jemals . Ihr Lächeln wurde lautes Lachen . » Endlich eine schöne Seele , ein teilnehmendes Herz gefunden ! - O Himmel , wie tut das wohl der wunden Brust ! « So dachte ich und langte mir eine von den Würsten herab , aber in demselben Nu schrie auch das Mädchen laut auf , und hätte mich der Schlag , den sie mit einem derben Stück Holz nach mir führte , getroffen , in der Tat , weder die Wurst , die ich mir im Vertrauen auf die Loyalität , auf die menschenfreundliche Tugend des Mädchens herabgelangt , noch irgendeine andere hätte ich jemals mehr genossen . Meine letzte Kraft setzte ich daran , der Unholdin , die mich verfolgte , zu entrinnen . Das gelang mir , und ich erreichte endlich einen Platz , wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte . Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemüt , und da eben die Sonne mir warm auf den Pelz schien , so fühlte ich lebhaft , daß es doch schön sei auf dieser Erde . Als aber dann die kalte feuchte Nacht einbrach , als ich kein weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister , als ich , vor Frost starrend , vom Hunger aufs neue gepeinigt , am andern Morgen erwachte , da überfiel mich eine Trostlosigkeit , die an Verzweiflung grenzte . » Das ist « ( so brach ich aus in laute Klagen ) , » das ist also die Welt , in die du dich hineinsehntest von dem heimatlichen Dache ? - Die Welt , wo du Tugend zu finden hofftest und Weisheit und die Sittlichkeit der höhern Ausbildung ! - O diese herzlosen Barbaren ! - Worin besteht ihre Kraft als im Prügeln ? Worin ihr Verstand als in hohnlachender Verspottung ? Worin ihr ganzes Treiben als in scheelsüchtiger Verfolgung tieffühlender Gemüter ? - O , fort - fort aus dieser Welt voll Gleißnerei und Trug ! - Nimm mich auf in deine kühlen Schatten , süßer heimatlicher Keller ! - O Boden ! - Ofen - o Einsamkeit , die mich erfreut , nach dir mein Herz sich sehnt mit Schmerz ! « Der Gedanke meines Elends , meines hoffnungslosen Zustandes übermannte mich . Ich kniff die Augen zu und weinte sehr . Bekannte Töne schlugen an mein Ohr . » Murr - Murr ! - geliebter Freund , wo kommst du her ? Was ist mit dir geschehen ? « Ich schlug die Augen auf , der junge Ponto stand vor mir ! So sehr mich Ponto auch gekränkt hatte , doch war mir seine unverhoffte Erscheinung tröstlich . Ich vergaß die Unbill , die er mir angetan , erzählte ihm , wie sich alles mit mir begeben , stellte ihm unter vielen Tränen meine traurige , hilflose Lage vor , schloß damit , ihm zu klagen , daß mich ein tötender Hunger quäle . Statt mir , wie ich geglaubt , seine Teilnahme zu bezeugen , brach der junge Ponto in ein schallendes Gelächter aus . » Bist du , « sprach er dann , » bist du nicht ein ausgemachter törichter Geck , lieber Murr ? - Erst setzt sich der Hase in eine Halbchaise hinein , wo er nicht hingehört , schläft ein , erschrickt , als er weggefahren wird , springt hinaus in die Welt , wundert sich gar mächtig , daß ihn , der kaum vor die Türe seines Hauses geguckt , niemand kennt , daß er mit seinen dummen Streichen überall schlecht ankommt , und ist dann so einfältig , nicht einmal den Rückweg finden zu können zu seinem Herrn . - Sieh , Freund Murr , immer hast du geprahlt mit deiner Wissenschaft , mit deiner Bildung , immer hast du vornehm getan gegen mich , und nun sitzest du da , verlassen , trostlos , und all die großen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin , dich zu belehren , wie du es anfangen mußt , deinen Hunger zu stillen und nach Hause zurückzufinden zu deinem Meister ! - Und wenn sich nun der , den du tief unter dir glaubtest , nicht deiner annimmt , so stirbst du zuletzt eines elendiglichen Todes , und keine sterbliche Seele frägt was nach deinem Wissen , nach deinem Talent , und keiner von den Dichtern , denen du dich befreundet glaubtest , setzt ein freundliches : Hic jacet ! an die