bedauerten sie den Löwenwirth Brenzel im Zuchthause , und sagten : » Er war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann ; er hielt auf alte Gerechtigkeiten und Herkommen ; unter ihm wäre so etwas nie geschehen . Der Oswald ist ein Franzos , ein Jakobiner , ein Neuerer , ein Bonapartler und dergleichen . « 24. Und abermals die Schulden müssen getilgt werden . Schon im folgenden Frühjahr war Jubel und Freude in der vormaligen Wüste des Gemeinlandes . Denn wo sonst einsame Kühe am kurzen schlechten oder sauern Grase rupften und zupften , blühete nun ein wahrer Garten . Da sah man nun Bohnen , Hopfen und Hanf , Erbsen und Flachs , Kohl und Erdäpfel , Klee und Getreide in bunter Mannigfaltigkeit . Jeder konnte leicht berechnen , daß er mit der Aernte nicht nur den kleinen Zins abtragen , sondern Ueberschuß haben würde . Selbst die reichen Bauern , sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen , was oft sehr schwer bei ihnen hielt , erkannten ihren Vortheil dabei . Denn nicht nur hatten sie Gewinn am Futter für ihre Kühe im Stall , an Milch und Dünger , sondern auch an baarem Geld . Denn hätte Jeder , wenn es nach ihrem Kopf gegangen wäre , zum Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert , so hätten sie verhältnißmäßig das Meiste dazu haben zahlen müssen , während jetzt , ein Jeder von seinem Pachtland , gleich viel Zins entrichtete . Der Oswald aber war noch nicht zufrieden , und nicht vergebens so oft in den Wäldern Tage lang umhergestrichen . Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberförster besucht , der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war , und hatte denselben links und rechts in den Goldenthaler Gemeindswaldungen herumgeführt und um Rath gefragt . Der Oswald brütete wieder über etwas , aber Keiner wußte recht worüber ? Die reichen Bauern sagten : » Wir wissen ' s wohl , es soll wieder über unser Fell hergehen ! « Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt . Jedermann war sehr neugierig , als die gesammte Bürgerschaft von Goldenthal wieder versammelt wurde , um von den Vorgesetzten wichtige Anträge zu hören . Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter Stimme : » Ihr Männer , liebe Mitbürger ! Ein Mann ohne Schuld hat Jedermanns Huld . Unser Dorf hat aber noch Schulden . Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande . Besser wäre es , wir behielten den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack , wenigstens zehn Jahre lang oder länger . Damit wäre uns allen geholfen . « Die Leute lachten und sprachen unter sich : » Der Vorschlag ist nicht unbillig . « Oswald fuhr fort zu reden : » Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es übernehmen , dafür gut zu stehen , daß die Gemeindeschuld ganz oder doch größtenteils abgetragen werden soll , ohne eure Unkosten , sobald ihr einwilliget , drei Beschlüsse zu genehmigen und zu befolgen . « » Aha ! « schrien die reichen Bauern : » Jetzt kommt der hinkende Bote nach ! « Oswald sprach : » Höret mich an und denket wohl nach , ob ich wahr rede oder nicht . Wir haben in Goldenthal ungefähr hundert Haushaltungen . « » Das ist wahr ! « riefen die Bauern . » Jede Haushaltung , « sagte Oswald , » bekommt jährlich drei Klafter Holz nebst Reiswellen aus dem Gemeindswald . « Die Bauern sagten : » Das ist wieder wahr . « » Und , « fuhr Oswald fort , » so viel braucht jede Haushaltung ; manche mehr , manche aber auch weniger , die aus der Garküche speist . Aber alle könnten sich mit Wenigerem behelfen , wenn sie nicht Jahr aus Jahr ein zum Brodbacken , Obstdörren und zu den Wäschen gar viel Holz nöthig hätten . Bedenket , wenn in einer einzigen Woche zehn , zwanzig Familien Wäsche halten oder Brod backen , wie viel Holz in so vielen Häuseln auf einmal verbrannt wird ! « Die Bauern murrten und sprachen : » Das ist ganz richtig ; aber wir können nicht ohne Brod leben und in unreiner Wäsche gehen . « Oswald sagte : » Es gibt viele Gemeinden im Lande , die weit reicher sind , denn wir , und doch weit mehr hausen und besser sparen , als wir . Aber eben darum sind sie reicher . Es gibt Gemeinden , sie haben nicht so viel Waldung , als wir , und haben doch Holz genug und können davon sogar verkaufen . Aber wie machen sie es ? Da haben mehrere Häuser zusammen nur einen einzigen Back- und Dörrofen . Da trägt jeder in der Woche seinen Teig und sein Obst hin , wenn die Reihe an ihn kommt . Und weil der Ofen nie kalt wird , braucht Jeder nur wenig Holz zur Feuerung hineinzuthun , um ihm die gehörige Hitze zu geben . Das nennt man hausen und sparen ! - Warum können wir das nicht ? Warum thaten wir das nicht schon längst ? Antwort : Weil wir zum Guten entweder zu träg oder zu unverständig waren . Und bedenkt noch dazu , wie leicht wir durch das Backen und Dörren in den Wohnhäusern ein ganzes Dorf in Feuersgefahr setzen . Bedenket , wie viel Holz wir nur dadurch sparen könnten , wenn wir kleinere , bequemere Stubenöfen hätten , die weniger Holz fressen , statt der ungeheuern Steinmassen , die wir haben müssen , weil sie auch zum Backen und Dörren dienen sollen . Holz brennen heißt Geld verbrennen ! « Bei diesen Worten kratzte sich die ganze ehrsame Gemeinde von Goldenthal verdrießlich hinter den Ohren . Doch der erste Vorsteher ließ sich nicht stören , und sprach weiter : » Schauet rechts und links . Andere Gemeinden haben längst schon Gemeindswaschhäuser , deren sich alle Haushaltungen nach der Reihe bedienen , und wozu sie sich einschreiben lassen . Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparniß , wegen Feuersgefahr die gleiche Sicherheit für das Dorf . Wir wissen das und wir finden das löblich . Warum muß denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wäsche bei sich im Hause halten ? - Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen , durch das Feuer beim Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft . Wir müssen daher beide öfters ausbessern lassen . Das kostet Geld . Hätte die Gemeinde ein gemeinsames Waschhaus , hätte eine ganze Reihe Häuser ihren gemeinsamen Backofen zu unterhalten , das würde ungleich weniger kosten . « » Nun denn , liebe Männer und Mitbürger ! Wir machen euch den Vorschlag zur Errichtung von Gemeindsbacköfen mit Einrichtung zum Dörren , und zur Erbauung eines gemeinsamen Waschhauses , wie andere Gemeinden haben . Die ersten Unkosten dazu sollen aus dem Gemeindssäckel gegeben werden . Wir alle wollen dazu fuhrwerken und handlangen . Was meinet ihr ? « Die Bauern meinten vielerlei . Die Einen wollten beim Herkommen bleiben ; mehrere aber sahen ein , daß ein Gemeindswaschhaus besser wäre . Doch die Backöfen wollten sie nicht , weil sie dergleichen noch nicht kannten . Andere aber stimmten auch zur Errichtung der gemeinsamen Dörr- und Backöfen . Als nun endlich einmal abgestimmt werden sollte nach langem Streit , geschah es , daß sowohl für Waschhaus als für Backöfen die größte Mehrheit war . Da sprach Oswald mit freudigem Antlitz : » Bravo , ihr Männer und Mitbürger , euer Beschluß macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen . Nun kommt das Letzte . Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunft gebrauchet , so brauchet denn weniger . Machet aus dem Holz , was ihr auf diese Weise ersparet , ein Geldkapital , und bezahlet damit die Gemeindsschulden ab . Höret mich an und helfet mir rechnen . « » Wenn sich jede Haushaltung , die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz empfängt , im Jahr mit zwei Klaftern durchbringt , so werden von den hundert Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart . Das Klafter ist fünf Gulden werth , bringt im Jahr fünfhundert Gulden . Binnen zehn Jahren haben wir so fünftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt . « » Höret mich weiter . Wir haben etwas über sechshundert Jucharten Gemeindswaldung . Seit die hohe Regierung in den Wäldern den Weidgang verboten hat , wächst darin Alles , wie ihr wisset , freudig und hanfdick auf . Ich bin mit dem Herrn Oberförster durch den Wald gegangen . Er sagte : alle Jahr wächst auf einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu . Ferner sagt er : Wir müssen das vom Stock ausgeschlagene Laubholz . wie Buchen , Erlen , Hagebuchen , Espen , Ahorn , dreißig Jahre alt werden lassen ; große Eichen , Buchen , Tannen und was zu grobem Bauholz dient , muß siebenzig , hundert und mehr Jahre alt werden . Folglich , wenn wir gehörig holzen , so müssen wir alle niedere Laubholzwaldungen in dreißig Portionen eintheilen , und alle Bauholzwaldungen in hundert und mehr Portionen . Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur eine Portion nehmen , so hätten wir natürlich alle Jahre gleich viel Holz , und schlügen nicht zu viel und nicht zu wenig , und wir und unsere Nachkommen hätten allezeit altes , reifes Holz zu schlagen . Ferner sagt er : Wir hätten im Tannenwald so altes Holz , daß , wenn wir nach der Ordnung holzten , vieles davon überalt und faul werden würde . Wenn wir dies in einigen Jahren wegschlügen , würde in hundert Jahren da wieder für unsere Nachkommen hundertjähriges Holz stehen . - So ist denn mein Rath und der Rath der ehrsamen Beisitzer : Wenn wir uns im Gebrauch alle Jahre hundert Klafter absparen , so sind tausend Klafter ungefähr das Ersparniß von zehn Jahren . Statt nun zehn Jahre zu warten , holzen wir das Ersparniß in zwei Jahren ab , bezahlen unsere Schuld , behalten den Zins im Geldsack für uns , und behelfen uns zehn Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reiswellen . « Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehört hatte , erhob sich wieder Streit und tobendes Geschrei . Die Meisten hätten gern zwar den Zins behalten , aber auch das Holz . Man stritt bis es Nacht ward , und kam zu keinem Schluß und lief auseinander . 25. Es geht immer besser . Die wohldenkenden und verständigen Männer im Dorfe schüttelten den Kopf und sagten : » Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnäckigen Gemeinde nie durch . « Oswald aber lachte und antwortete : » Nur Geduld ! Gutes Ding will seine Zeit haben . Die Leute müssen das Ding erst besprechen , beschlafen und sattsam verdauen . Goldenthal ward nicht in einem Tage gebaut . Unsere Bauern , wenn ihnen ein nützlicher Vorschlag gemacht wird , der ihnen neu ist , sind wie die Kinder , wenn sie einen unbekannten Mann erblicken . Die laufen erst schreiend und erschrocken davon ; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an ; dann kommen sie wieder einen halben Schritt näher , wenn sie merken , daß er nicht beißt ; endlich spielen sie mit ihm und werden gute Freunde . « So redete Oswald . Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der Backöfen Anstalt gemacht . Man fällte Holz , brach Steine , führte Leimen und Kalk und Ziegel herbei , Alles durch gemeines Werk . Die Haushaltungen , welche einen Back- und Dörrofen gemeinschaftlich haben wollten , traten zusammen , beredeten die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens , und bestimmten den sichersten und bequemsten Platz . Oswald ließ einen sehr verständigen Maurermeister kommen , der die besten Vortheile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wußte . Er selbst besuchte verschiedene Dörfer , um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das Beste davon für Goldenthal zu benutzen . Gegen den Herbst waren das Waschhaus und die Oefen schon aufgerichtet und zum großem Vergnügen der Goldenthaler in vollem Gebrauch . Jetzt spürten die Haushaltungen in der That , daß dabei viel Holz erübrigt werde und größere Sicherheit vor Feuersbrunst sei . Aber Eins folgt aus dem Andern . Manche Leute kamen nun von selbst auf den Gedanken , die unfläthigen großen Stubenöfen wären nicht mehr so nothwendig wie ehemals ; man könnte kleinere haben , die weniger Holz fräßen . Oswald und der Herr Pfarrer hatten solche kleine Stubenöfen , welche sogar auch zum Kochen bequem eingerichtet waren , in ihren Stuben . In der Stadt sah man fast überall dergleichen . Der ehemalige Löwenwirth Brenzel hatte sich auch schon solche angeschaut , damit es bei ihm städtischer aussehe . Es war Gewinn dabei . Man konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen . Keinem kamen die Worte Oswalds wieder aus dem Sinn : Holz verbrennen heißt Geld verbrennen ! Man scheute nur die Unkosten für das Umsetzen und Abändern der Oefen . Doch verschiedene von den zweiunddreißig heimlichen Genossen des Goldmacherbundes , auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen großen Einfluß hatte , ließen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verändern , besonders da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorschoß . Ein geschickter Mann aus der Stadt richtete Alles höchst vorteilhaft und einfach ein . Nun hätte man sehen sollen , wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes kamen , die neuen Stubenöfen , als wahre Wunderthiere , zu beschauen . Alle lachten darüber , Alle spotteten und tadelten . Hintennach , da der kalte Winter mit Eis , Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog , verwunderten sie sich , daß die kleinen , von den Wänden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten . Als aber im Frühjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften , kam den Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor . Die alten , ungeheuern Oefen verloren ihre alten Vertheidiger , und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines Wunderthier haben . Viele , welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten , bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf , und sogar noch mit kleinen Verbesserungen , die allgemeinen Beifall hatten . - Im Frühjahr ging der Weibel herum von Haus zu Haus und sagte : Geld her ; der Zins von der Gemeindsschuld soll bezahlt werden , darum bezahlet den Zins vom Pachtlande , das ihr von der Gemeinde habet ! Das war ein böses Geschäft , so mit einmal zwei Gulden und darüber für nichts und wieder nichts wegzugeben . Einige sagten : » Hole der Kukuk die Gemeindsschulden ! « Andere liefen zu Oswald und sagten : » Herr Vorsteher , warum redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag , die Gemeindsschulden mit Holz aus dem Wald für immer abzuthun ? Fangt doch wieder an ! « Das war ' s , was Oswald erwartete . Und als die Gemeinde zusammen berufen war , sagte er : » Die ganze Bürgerschaft ist darin einig , wie ich von allen Seiten vernehme , die Schuld abzustoßen . Keiner will jährlich ein Klafter Holz weniger empfangen . Nun denn , so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab . Das wird bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen , als ein ganzes . Nehmet ihr also jährlich , statt drei , nur zwei und ein halbes Klafter , so lange , bis wir wieder Holz im Walde genug haben , so ist die Schuld in zwei , drei Jahren vernichtet . « Der Vorschlag erregte zwar auch Murren , aber er ging durch . Und als ihn die hohe Landesregierung nicht nur billigte , sondern auch belobte , ward nahe und fern der Holzschlag angekündigt . Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur Steigerung . Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberförsters das älteste Bauholz , auch an vielen Orten junges an , wo es zu dicht stand , verkaufte aber daran zwei Jahre lang , um die Preise nicht zu niedrig zu halten , und in zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöset , so daß die Gemeindsschuld nicht nur bezahlt , sondern auch ein schöner Geldüberschuß für Nothfälle der Gemeinde an Zins gethan werden konnte . Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung . Nämlich um den Wald , als das beste Stück vom Gemeindsvermögen , recht ordentlich bewirtschaften zu können , ließ man einen Feldmesser kommen . Der vermaß alle Waldungen und brachte sie in Karten . Der Oberförster ging durch die Gehölze , und nachdem er sie besichtigt hatte , theilte er sie in Portionen oder Schläge , und schrieb dazu , welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen könne . Und so war dabei für dreißig und für hundert Jahre Vorsorge gethan . Der Oberförster machte den Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu , was sie alle Jahre beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten . Und die Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung , darin , als in einem Gesetz fürs Dorf , geschrieben war , was künftig bei Fällung des Holzes , bei Austheilung der Gaben , bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde , bei Freveln , bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvögte u.s.w. zu beobachten sei , damit Alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe . Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich . Und wenn es einmal an einen Schlag im Walde kam , der zu wenig Holz gab , ward das Fehlende aus dem Ueberschuß eines andern ersetzt . Der Bannwart empfing bessern Gehalt , damit er den Lumpen und Holzdieben Tag und Nacht fleißiger nachgehen könne . Alle zwei Jahre wurden die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten , Feldhütern , Bannwarten , Güterbesitzern u.s.w. , von alten Männern und jungen Knaben umgangen , besichtigt und berichtigt . Das verhütete vielen Grenzstreit , viele Prozesse , die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren . 26. Es ist noch viel Noth im Dorfe . Das ganze Land konnte sich nicht genug über die Goldenthaler verwundern . Denn der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu . Nicht nur das Dorf hatte keine Schulden , sondern Leute , die sonst tief darin steckten , trugen nach und nach ihre kleinen Kapitale ab . Jedermann in der Stadt , welcher Geld austhun wollte , lieh den Goldenthalern am liebsten ; denn Jedermann wußte , die Ortsvorgesetzten waren bei Schätzung der Unterpfänder sehr gewissenhaft , und kannten haargenau , wie viel Schuld auf einem Stück Landes haftete . Das war nicht so in andern Gemeinden , darum hatten die Goldenthaler überall den Vorzug und das Ansehen . Und wenn einmal ein Bettler kam , und sagte , er sei aus Goldenthal , so sprach man : » Pfui , schämst du dich nicht zu betteln , und du bist aus Goldenthal ? « Man bildete sich ein , im Goldmacherdorf wären gar keine bettelarmen Leute . Darin aber irrte man sich sehr . Denn in diesem neuaufblühenden Dorfe war noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit . Da lebten einige verlumpte Familien , die nicht zu bessern waren , der Herr Pfarrer mochte mit ihnen reden , oder die Obrigkeit drohen , wie sie wollte . Da lebten Leute , die lieber müßig gehen , hungern und betteln wollten , als im Schweiß ihres Angesichts das saure Brod verdienen . Da lebten Leute , die sogar ihre Kinder zum Bettel-und Diebshandwerk abrichteten , und sie Abends abprügelten , wenn sie nicht genug gesammelt hatten . Da lebten Leute , die immer wieder das , was sie entweder verdient , oder als Almosen bekommen hatten , für Wein , Branntewein und allerlei Nasch- und Leckerwaare hingaben . Man hatte auch keine Hoffnung , daß die Menschen endlich einmal aussterben würden . Umgekehrt , sie vermehrten sich mit dem Wohlstande der Goldenthaler . Denn sie verheiratheten sich unter einander und setzten Kinder in die Welt , ohne sich darum zu bekümmern , wie sie sich und ihre Kinder ernähren möchten . Die Lumpen sagten nur : » Die Gemeinde hat ein Armengut , das gehört uns an ; und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde , sie muß uns erhalten , sie mag wollen oder nicht . Verstoßen oder verhungern lassen , darf sie uns doch nicht . « Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des Gesindels besonders zu Herzen . Und er sagte vielmals zu den Vorstehern : » Arbeitet , wie ihr wollet : so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit , Ueppigkeit und Liederlichkeit , die Pflanzschule alles Lasters , im Dorfe habet , so lange kommt die Gemeinde auf keinen grünen Zweig . Denn was rechtschaffene Haushaltungen verdienen , davon zehren die Müßiggänger auch mit . Diese vermindern immerdar das Vermögen der Andern , und verführen durch ihre Schlechtigkeit andere Leute zur Schlechtigkeit . « Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein , wie der Herr Pfarrer . Aber wie sollte man dem muthwilligen Bettel und Müßiggang abhelfen ? Das war der Knoten ! - Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus , welches man das Spital hieß , allein es war für die Menge der Bettelschaft zu klein ; darum kamen Viele nicht hinein . Und man mußte sich scheuen , Menschen hinein zu thun . Der Herr Pfarrer ging oft in das sogenannt Spital , und hoffte die Leute darin zu bessern , - aber hoffte vergebens . Hier wohnten Alt und Jung : Männer , Weiber , die sonst kein eigenes Obdach mehr hatten , elend beisammen . Das Haus war , wie der Herr Pfarrer oft sagte , eine wahre Mördergrube der Seelen . Denn die Kinder sahen und hörten da von den Alten viele schändliche Sachen . Das Beisammensein von Personen beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen Ausschweifungen Anlaß . Das Land , welches zum Spital gehörte , war immer am unordentlichsten besorgt , und Oswald hatte große Mühe , im Hause selbst nur mehr äußerliche Reinlichkeit herzustellen . Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte , er konnte nichts ersinnen , dies zusammengepackte , müßige , lüderliche Gesindel zu ändern , und er glaubte zuletzt selbst , das sei nun einmal leider ein nothwendiges Uebel . Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe , und wollte nicht Zeuge so vielen Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein . Er war aber ein kluger Herr , der sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte , weil er , um heilsam zu wirken , mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte . Er gab hin und her einen guten Rath , warf einen guten Gedanken hin , und freute sich , wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefaßt wurde . Dann that er gar nicht , als wenn das von ihm herrühre ; sondern er ließ den Vorgesetzten die Ehre , von selbst den rechten Weg gefunden zu haben . Das schmeichelte diesen und sie verfolgten den rechten Weg um so williger . Pfarrer Roderich meinte auch : es sei recht , daß die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in höchster Achtung ständen ; und es schade ihrem Ansehen , wenn es hieße , sie ließen sich vom Herrn Pfarrer gängeln und lenken . Das sollte nicht sein . Auf solche Weise wirkte der weise Mann im Stillen , ohne eigenen Ruhm , und mehr als selbst diejenigen wußten oder glaubten , auf die er wirkte . Und wenn auch nicht Alles so geschah , wie er wohl gewünscht hätte , ward er deshalb doch nicht mißvergnügt , und zog die Hand nie von der guten Sache zurück . Denn er war bescheiden genug zu glauben , daß andere Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere Erfahrung und Kenntniß hätten , als er . Jedes Nützliche belobte er ungemein ; das gab großen Muth und Freudigkeit . Und wo man begriff , daß gefehlt worden sei , entschuldigte er freundlich den Irrthum ; das gab wieder Trost und richtete die Verdrossenen auf . » Das kann nicht länger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und müßigen Bettlern ! « sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich : » Aber ich weiß keinen guten Rath zu schaffen . Diese Erb-Bettler sind für eine ehrsame Gemeinde , was die Filzläuse für einen Menschenkörper sind : eine Plage , eine Schande ; und das Ungeziefer sauget Blut , Saft und Kraft aus , daß man nicht geneset . Ich habe ein Grausen , so oft ich unser Spital erblicke . Die Verwaltung kostet so viel und taugt offenbar nichts , und ist nur eine Plage und Schande und Lüderlichkeit . « Pfarrer Roderich antwortete und sprach : » Ihr habet mir endlich aus der Seele gesprochen , Oswald . Hätte die Gemeinde kein Spital , so hätte sie auch keine Bewohner desselben . Die meisten Bettler und Müßiggänger wird man allezeit in denjenigen Orten finden , in denen das meiste Armengut angehäuft ist , und wo man die meisten Almosen austheilt . « Oswald versetzte darauf : » Ich habe freilich schon daran gedacht , das Spital abzuschaffen . Aber damit ist nichts gebessert . Es wird in den besteingerichteten Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse . Wohin mit diesen ? - Ich habe in andern Gemeinden gesehen , daß man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern umherziehen läßt in die Runde , oder eine Woche lang von einer bestimmten Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält . Das ist gegen Alte und Kranke oft unmenschlich , und für die Arbeitsfähigen Bestätigung im Müßiggang , seelen- und sittengefährlich . Ich habe wieder in andern Gemeinden , die den Bettel abschafften , gesehen , daß sie ihre Bettler auf Unkosten der Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten . Man übergab dann die Verpflegung des Gesindels denjenigen , die am wenigsten dafür forderten . Das waren nun wieder höchst arme Leute , die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten , und in so ruchloser Gesellschaft ganz verdarben . Dabei hatte die Gemeinde gar keinen Nutzen , sondern Schaden , denn die Bettler besserten sich nicht und steckten Andere mit ihrer Liederlichkeit an , bei denen sie wohnten . - Ja , Herr Pfarrer , und Blut weinen möchte ich , wenn ich zumal an arme , verwaisete Kinder denke , welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an den Wenigstnehmenden gegeben worden sind . Ich weiß , wie man in den theuern Zeiten für solche Kinder das Geld nahm , aber sie hungern ließ ; und wenn die armen Würmer jammerten und vor Hunger schrien , wie man sie mit Ruthen gestrichen hat , um sie zum Schweigen zu bringen , damit die Leute es nicht vernehmen sollten . Ich weiß , wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet wurde , fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser , und der Rücken und die Lenden waren blutrünstig . Wahrlich , wahrlich , es ist unter Türken und Heiden mehr Barmherzigkeit , als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird . « » Ich weiß auch gar wohl , « fuhr Oswald fort , » daß die Vorsteher in vielen Gemeinden an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten , worein sie ihre Bedürftigen thun wollten . Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit ; sondern die hartherzigen , bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe erleichtern und die Plage abschaffen , immer an die armen Leute denken zu müssen . Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Würde , aber erleichtert sich auf ehr- und gottvergessene Weise die Bürde , wie es gehen mag ! « So sprach Oswald . Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers gründliche Kenntniß der Dinge und sprach : » Ich habe über diesen höchstwichtigen Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfaßt ; leset doch diese Blätter . Es sind viele unreife Gedanken darin ; aber ändert und bessert oder verwerfet Alles , was ihr wollet . « Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich . Er las sie mehrmals durch . Er sprach darüber mit den Beisitzern , Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei Einwürfe , hörte dessen Antworten und berieth sich wieder mit den Beisitzern . Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern Versorgung der Armen im Dorfe . Dann versammelte er die achtbarsten Männer der Gemeinde , zog auch diese zu Rath und hörte ihre Einwendungen . Da ward wieder allerlei abgeändert und wieder verbessert . 27. Was die Goldenthaler mit ihren Bettlern machen . Nachdem Alles wohl berathen war , ging man ans Geschäft . Doch wußten Wenige im Dorfe , wie man so viele Bettler , Müßiggänger , hilflose Kranke , Gebrechliche und Kinder , ohne ungeheure Kosten , ernähren könne und wolle . Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes , mit Genehmigung der hohen Regierung , erhoben ; damit schaffte man eine Dreherbank , Aexte , Hobel , Sägen , Schaufeln , Spaten , Hacken und anderes Arbeitsgeräthe an . Man verbesserte auch die Küche des Spitals , um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu können , und machte allerlei Aenderungen im Hause des Spitals , also daß darin eine Arbeitsstube für Männer , eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für beiderlei Geschlechts angelegt wurden . Auch ward dafür gesorgt , daß für jeden Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde . Das war eine enge Zelle , nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit , am Boden nur Platz für einen Strohsack , ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt , mit grobem Bettuch und einer warmen Wollendecke . Jede Zelle hatte eine eigene Thür mit Luftloch . » Man muß es