ich diesen Turm verdorben , Weil der Plan schon hier erfüllet ; Was vollendet , ist gestorben Und die Sehnsucht nicht mehr stillet . Ja ich fleh um Ungewitter , Flehe um der Blitze Strahlen , Daß sie durch das graue Gitter Dieser Steine Flammen malen , Daß sie brechen und zerschmettern Diesen Turm , den ich geschlossen , Und schon blick ich zu den Wettern , Fest entschlossen , unverdrossen , » Nein « , rief Berthold und sprang auf , » nein Herr , keine Blitzstrahlen sende in mein Haus , obgleich ich des Hauses auch zuweilen überdrüssig bin , nun ich es überall vollendet habe ; wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses . « - » Domine « , sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend Farben auf der Scheibe zusammen , die nicht zusammen gehörten , » was fehlt Euch ? Das Poema ist nicht auf Euer Haus , sondern auf den Straßburger Münster gemacht ; soll ich einen Doktor rufen ? « » Ich danke Euch « , sagte Berthold und setzte sich wieder in die rechte Lage , » der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt , ohne ihn hätte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und hätte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen , welche die Welt in ihren Herrschern verehrt , wäre in eitlem Sinn in die Absichten der Überklugen eingegangen , welche der Zeit Gewalt antun möchten . Lassen wir das , erzählt mir weiter von dem Baumeister . « - » Es alteriert Euch « , sagte der Maler , » darum will ich mich der Kürze befleißigen , mit einem Worte , der Baumeister kniete oben auf dem Knopfe vor dem Marienbilde , wie ein kleines Figürchen , dergleichen am Eingange stehen in Stein ; kein Mensch wußte , was daraus werden sollte , und das Volk wurde gar sehr ungeduldig . Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute aufgefordert von dem Rate , den Baumeister herunter zu schaffen , aber sie versicherten alle , es sei zu viel gewagt , weil er mit der Fahne auch die kleine Leiter fortgestoßen habe , welche ganz notwendig sei , um auf den Knopf hinauf zu steigen , es scheine , daß er nicht zurück verlange . Aber der Rat wollte nun einmal nicht , daß er da oben bleibe , da erbot sich ein verruchter Mensch , für einen großen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu werfen , wenn er nicht die Zitation des Rats annehme , die ihm sogleich schriftlich ausgefertigt , auch mit dem großen Wachssiegel bedruckt wurde . Der Signor Birbante machte sich auf den Weg , aber viel Zeit war über die Ausfertigung der Zitation vergangen , und so hell es vorher war , daß wir sehen konnten , wie der Baumeister die Hände rang und beten wollte , aber immer wieder die Hände rang , weil er sie nicht falten konnte , so wurde es jetzt allmählich trübe am Himmel , die Wolken zogen gegen den Wind , es blitzte in der Ferne . Der verruchte Bote ließ sich nicht abhalten , der Teufel hatte ihn mit dem Gelde verblendet . Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken , wie ein Wiesel lustig hinauf rennen , eben wollte er hinaus , baff , - da haben wir ' s , schrien alle , die nicht davon liefen . « - » Was , was ? « , rief Berthold , » so laßt doch den Pinsel aus dem Munde , oder tut ' s nachher . « - » Es sind nur ein paar Härchen , die ich abbeißen muß « , antwortete der Maler , » nun ist es wieder ganz gut , das kann mancher Mensch nicht mit seinen Zähnen leisten . « - » Nun erzählt nur weiter , was geschah « , rief Berthold und hielt sich am Stuhle fest » ich habe mir in der Zeit schon dreimal das Genick gebrochen , es ist ein schwindelndes Unternehmen , aus der Schnecke heraus zu treten , ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur selten ansehen . « - » Besonders , wenn die Mauer so vom Winde bebt « , antwortete der Maler , » da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel , die Stufen waren auch glatt vom Regen und ein Mensch , der keine Praktik in solchen Klettereien hat , meint schon in den Schnecken , er könne wohl ausgleiten und durch die mannshohen Nasenlöcher der Steinhaube , die wie eine Brüsseler Spitze gelöchert ist , hindurch fallen . « - » Racker « , schrie Berthold auf und faßte den Maler am Kragen , » sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei , so bin ich des Todes : was wurde aus dem Wagehals , was wurde aus dem Baumeister , sag ' s mit einem Worte ! « - » Impossibile « , sagte der Maler kalt , » mit einem Worte kann ich mich nicht exprimieren ; Ihr müßt einen Arzt gebrauchen , ich erzähle Euch kein Wort mehr von selbigem Vorgange . « - » Ihr sollt aber « , rief Berthold , » sonst friert mir alles Blut in den Adern . « - » Nun « , antwortete der Maler , » auf Eure Gefahr ; als der Galgenvogel den einen Fuß hinaussetzte , zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei auf die große Glocke nieder , daß diese ganz fein aufschrie , da kriegte sein Cranium auch eine Erderschütterung , er ging sacht zurück , als ob er ' s nicht gewesen wäre , und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach zwischen beiden Türmen . Da ging mir schon der Regen durchs Hemde , ich zog mich zurück wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehört , der bewußte hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen beständig turbieret worden , bis er sich unter dem Münster in dem Wassergewölbe , das über den beiden Brüdern steht , geflüchtet , sich auf einen Kahn gesetzt und vom Lande gegen des Kirchners Rat abgestoßen habe . Der Bandit ist auch nimmermehr wieder gesehen worden , am andern Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine , so daß wir erkannten , ein Arm des Rheins fließe unterm Münster , und die Kirche mußte sich einen neuen Kahn bauen lassen , um jährlich die Gewölbe zu untersuchen . « - » Und der Baumeister ? « fragte Berthold ruhiger . » Ja der « , antwortete der Maler , » der sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde , als wäre er auch von Stein , doch kniete er noch lange davor und die Leute erzählten , er sei wohl zu Asche verbrannt . Allmählich hat ihn der Regen herunter gewaschen , es ist nichts mehr von ihm zu sehen . « Berthold wurde jetzt so blaß , daß der Maler einmal über das andre rief : » Cospetto di bacco , ich habe nicht so viel Bleiweiß bei mir , ich muß immer mehr darauf streichen , und es will immer noch nicht käseweiß werden , wie Ihr ausseht . « - Allmählich erholte sich nun wieder Berthold und erzählte dem Maler , daß er diese Kränklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage , da er ihn als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen . - » Ihr waret rot wie ein Apfel « , sagte der Maler , » habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu viel Preis gegeben . « - » Wär es nur das « , antwortete Berthold , » so wäre doch etwas mir geblieben , aber nein , mein Leben ist mir verkümmert worden , ohne daß ich einen Genuß , oder eine höhere Absicht des Himmels darin erraten kann , das Schicksal hat mich zertreten , wie der Mensch einen Wurm , der ihm zu gering ist , als daß er seinetwegen den Fuß eine Linie weiter setzen sollte . Ihr wißt , daß ich damals meine Mutter gefunden hatte , ich führte sie in den Seitenflügel , der damals allein noch stand , zu meiner Pflegemutter , um ihr die Rechte unsrer Bürgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern . Es schien auch für den Augenblick , als ob diese sich beruhigten , seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt hatte . Nun müßt Ihr wissen , daß mein Pflegevater Berthold damals gefangen saß wegen einer Kränkung , die wir dem neuen Türmer angetan hatten . Der Türmer war aber mit einer Seite des Turmes herabgestürzt , es fehlte also der Ankläger . Ich schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefängnisse des Vaters , fragte ihn , was ich tun könne , er reichte mir einen Schlüssel zu seinem Schreibtisch , wo eine Anklage gegen den Bürgermeister schon aufgesetzt liege , die ich einem Zunftmeister übergeben sollte . Ich eilte nach Hause , ich las diese Anklage , es war darin unwiderleglich erwiesen , daß der hochmütige Bürgermeister die Bürger bei öffentlichen Bauten betrogen habe . Da stand ich in gräßlichem Zweifel , ob ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in ihrem Vater von mir stoßen und vernichten sollte . Halb tot übergab ich endlich nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten Hände . Es wurde eine Versammlung der Bürger gehalten in den größten Trinkstuben , ich fühlte mich so unglücklich , wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen . Am Morgen erzählte mir Fingerling mit großem Triumph , der Bürgermeister sei mit seiner Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zuträger vernommen , daß sein Betrug verraten sei und er von der Bürgerschaft in Untersuchung genommen werde . Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen Fingerling in die Arme , ein Blutsturz machte mir Luft , ich lag schwer darnieder und konnte mich nicht freuen , als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank zum Sterben , ich war so vernichtet in meinem Herzen , daß ich gern sterben wollte . « - » Signor « , sagte der Maler , » den Kopf etwas höher , alles übrige schadet mir nichts , erzählt , das belebt die Züge . « - » Eine kränkliche Schwäche blieb mir nach der Gefahr « , fuhr Berthold fort , » die beiden Mütter waren beständig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt , ich fühlte mich zärtlich geliebt , aber von der , die ich über alles liebte , konnte mir niemand berichten , ob sie meiner Hülfe nicht dringend in der Fremde bedürfe . - Der Bürgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen , weil der Vogt aus seinen Papieren erfahren hatte , daß er abwechselnd mit den Kronenwächtern und mit den Städten heimliche Verbindungen angeknüpft habe , um die Stadt reichsfrei zu machen . Auch über Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet . Die Nonnen gaben ihr schuld , daß sie wegen heimlicher Liebeshändel dem Kloster entwichen sei . Auf mich häufte sich alle Qual der Stadt im Gespräche der Mütter , endlich auch noch das drückende Geschäft des Bürgermeisters als der Vater Berthold mehr in der Verlegenheit , als aus Überlegung von den Bürgern dazu erwählt war . Auf mich fiel die Arbeit ganz , als der Vater durch meine fürstliche Mutter in eine zeitraubende Frömmigkeit eingeweiht wurde , beide beteten Tage lang mit einander und in der Kirche . Auf mir , dem jedes Schreiben eine Anstrengung kostete , ruhte das mühsame Geschäft während des Städtekrieges . Als der gute Vater kurz vor dem Tode meiner Mutter an seinem kleinen Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwächt hatte , erwählte mich die Bürgerschaft einmütig in seine Stelle und wählte mir zugleich einen Stellvertreter für alle die Geschäfte , denen ich in meiner Kränklichkeit nicht vorstehen konnte . « - » Darüber freute sich noch gestern im Ratskeller ein alter Bürger , der es vorgeschlagen « , unterbrach ihn der Maler , » mit der Stadt sei es so schön vorwärts gegangen , wie mit Eurem Hause und Eurer Weberei und jedermann wisse jetzt vom Städtlein Waiblingen in der Fremde zu rühmen , wie von Eurem Tuche , daß es nicht besser als in Waiblingen zu finden . Aber sagt mir , habt Ihr die Mutter sterben sehen ? « - » Nein « , antwortete Berthold , » ich war damals so krank , daß mir das Unglück lange verschwiegen blieb . « - » Die Leute « , meinte der Maler , » wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben . « - » Torheit des wundersüchtigen Völkchens , sie konnte keine Stunde ohne mich leben « , erwiderte Berthold , » wie hätte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen ihres Daseins geben wollen . Übrigens könnt Ihr denken , lag manches Schmerzliche für sie in dem Verhältnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard , sie mußte ihr die Hälfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten , und Hildegard fühlte oft nicht , wo sie auch jene andre Hälfte tief kränkte , oder an sich riß . Dieser Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln , welche mir die eine , oder die andre zubrachte , da wollte keine zurücktreten und ich mußte verschlucken und einreiben , was der Wahn von Jahrhunderten in den Köpfen der Leute an Geduldsmitteln für Kranke zusammengebracht hat . Seht da alle Flaschen , Kruken und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke , die ich während der Jahre ausgeleert habe , ein gräßliches Kriegesheer des blassen Todes . Auch verheiraten wollten sie mich mehrmals und stritten sich darüber , mich den Schwachen , der mit seinem Polsterstuhle vermählt ist . « - » Domine « , sagte der Maler , » in den Flaschen , Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit , mein Paracelsus und mein Doktor Faust aus Kindlingen , der jetzt hier ist , haben die ganze Heilkunde transfiguriert , sie ätzen , schneiden , brennen , wo die andern leise überstrichen , sie schmeißen den Pinsel gegen das Bild , wo keiner fertig malen konnte , und siehe , immer treffen sie damit den rechten Fleck , ich hole den Doktor Faust , Ihr seid gesund , Signor . « - Berthold lächelte über den eifrigen kleinen Mann und sprach : » Mir hilft keiner , ich habe schon so viele von diesen Gelddieben befragt , so viel von vergeblichen Mitteln leiden müssen , daß ich seit Jahren aller vergeblichen Quacksalberei entsagte ; mag sein , weil ich so seltsam entsprossen bin , daß mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlägt . Seht Meister Sixt , ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr , studierte selbst die alten Bücher der Ärzte , lernte von einem flüchtigen Griechen , mit Namen Laskaris , das Altgriechische , um den Hippokrates lesen zu können . Die Sprache ist mir ein Trost , aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht geholfen . Ich meine , daß ich für meine inwohnende Kraft seit den heftigen Blutstürzen zu lang gewachsen bin , nur wer mich zusammendrängen könnte , der könnte mich heilen und verjüngen . « - » Das kann Faust gewißlich « , rief Sixt , » er hat mir schon so eine Geschichte erzählt , wie er die Konfiguration eines Menschen kondensiert und konzentriert habe , um ihn von dem horrorem vacui zu heilen ; ich ruf ihn , bester Herr Bürgermeister . « Und ehe noch Berthold seinen Willen drein gegeben hatte , war schon Meister Sixt die Treppe hinunter und Berthold betrachtete sein eignes Bild , das schon in den wenigen Stunden unter der Hand des fixen , vielgeübten Mannes so weit vorgeschritten war , daß jedermann die Ähnlichkeit erkennen konnte . Nun hatte sich Berthold wohl schon im Spiegel mit ganzem Gesichte , auch in einem Gemälde schon so gesehen , aber ganz von der Seite , wie ihn Sixt nach seiner unwiderstehlichen Tücke genommen , hatte er sich nie erblickt . So fehlte ihm hier , was sein Bild sonst erträglich machte , der lebendige Blick , das Friedliche und Milde des Ausdrucks im Munde und es graute ihm vor sich selbst , er meinte auf Erden nichts Gräßlicheres , keinen ärgeren Spuk in mitternächtlicher Einbildungskraft gesehen zu haben , er hätte das Gemälde zerstören mögen , aber noch lieber sich selbst ; was auch der Tod ihm bringen möchte , so meinte er doch selbst bei der Verwesung nicht übler weg zu kommen . Dieser heftigen Bewegung folgte die Schwäche , Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem Ruhelager , als sie eintrat , ihn zum Mittagessen zu rufen . Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen , daß sie über die schnelle Änderung herzlich erschrak . Darum hörte sie mit Freuden von dem Diener , als wär ' s ein Engel , daß sich ein Arzt , Doktor Faust , ansagen lasse . Meister Sixt begleitete den Wundermann , trat aber bescheidentlich , wie ein dienendes Gestirn zurück , als das feuerrote , dicke Gesicht des Arztes , mit weiß blondem Haar und kahler Platte ausgestattet , gleich einem Vollmond in dem Zimmer des Bürgermeisters aufging . Was trug der Doktor für außerordentliche , rote Pluderhosen , noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen , die Bänder hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze ; zehn Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams , der nicht minder seltsam nach Venezianer Art geschnitten war ; seine Finger waren mit unzähligen Ringen voll Grabsteine bedeckt ; auch einen prachtvollen , türkischen Dolch trug der feurige Drache , einen Kranz mit Amuletten um seine Hüften und sein Diener stellte einen kleinen Turm voll künstlicher Scheiben , Zifferblätter in die Mitte der Stube , in welchem unzählige Räder schnurrten . In solchem Aufzuge war noch kein Arzt erschienen , es war , als ob eine kleine Welt mit ihm zöge , auch war sein Wesen dermaßen heroisch , daß Frau Hildegard , die sonst wohl ihren Platz zu behaupten wußte , verlegen an ihren Armen auf - und niederstrich , als hätte der Beichtvater sie beim Fluchen über ihre Mägde angetroffen . Nun sprach Faust den Kranken lateinisch an , der ihm die Antwort in gleicher Sprache nicht schuldig blieb , und daran hatte Frau Hildegard ihre Freude , sie meinte immer , ihr Sohn wisse alles und noch etwas mehr . Doktor Faust berechnete nach dem Geburtstage die Konstellation an der Maschine und den Pulsschlag nach einem Perpendikel , den er schwingen ließ und erklärte dem Bürgermeister , er könne ohne Transfusion des Blutes nicht vierzehn Tage leben . » Aber ich habe schon dreißig Jahre so kränklich fortgelebt , warum sollen diese vierzehn Tage mehr über mich vermögen , als dreißig Jahre ? « fragte Berthold . » Die Konstellation ist zu Ende « , schrie der Doktor , » es stürzt bald alles zusammen , wie an einem Gewölbe , dem der Schlußstein entnommen wird . « Die Mutter erkundigte sich , was es denn eigentlich mit dieser Transfusion auf sich habe , wie sie gekocht und abgedämpft werde . - » Ihr Narrn « , sagte Faust , » wißt ihr hier in dem Loche noch nichts von meiner neuen Heilart , mit der ich den König von Portugal und die Königin von Neapel verjüngt habe ; durch eine große Saugepumpe ziehe ich das alte Blut aus den Adern des Kranken , indem ich junges , überkräftiges Blut gleichzeitig durch ein Druckwerk in dessen Adern ergieße ; das Faß ist oft noch gut , wenn auch das Bier verdorben ist , so ist ' s auch mit dem Menschen ; die Kunst des Arztes besteht darin , im alten Menschen einen neuen zu erbauen . « - » Da soll ich also wieder zum Kinde werden ! « rief Berthold . - » Gewissermaßen « , fuhr Faust fort , » fanget Ihr ein neues Leben an , wie ein Mensch sich neu und frisch fühlt , der von einer Fußreise heimkehrt und weiße Wäsche angelegt hat ; dreitausend habe ich erneut und jene Mühle , in der die Alten jung werden , von der das Volk erzählt , die Auferstehung selbst ist nur als Nachbedeutung meiner wunderbaren Kunst zu betrachten . « - » Ich habe sie oftmals mit großer Admiration verifiziert gefunden ! « meckerte der Maler . » Mein abgelebtes Blut will ich gern opfern « , sprach Berthold , » doch niemals möcht ich einem andern sein gesundes , junges Blut für Geld abkaufen , noch weniger mag ich tierisches Blut in meinen Adern , das wäre Blutschuld , vor der mir graut . « - » O ha « , entgegnete Faust , » es leiden und sterben eben so viele an zu starkem Blute , als andre an zu schwachem , ich gleiche aus , ich helf mit einem Kunststück beiden und seltsam ist es , wo ich einen Schwachen finde , da treff ich immer einen Überstarken , als ob zwei Leben eigentlich gesellt , zusammen innerlich gehörten . Gleich hier , bei Meister Sixt , liegt krank in wilder Phantasei der starke Knabe Anton , der ist des Todes Eigentum so gut wie Ihr , wenn ihm kein schwächres Blut kann eingetrichtert werden ; wenn Ihr für Euch das große Werk nicht wollt vollbringen , so tut es aus Erbarmen für den schönen Knaben , dem alle Welt in Freuden aufgeht . Ihr schüttelt mit dem Kopf , Frau Hildegard , verflucht , ich gehe augenblicklich von hier und laß den lieben Sohn krepieren ; seht hier mein großes Zeugenbuch , da leset , wie ich in Spanien , Frankreich und in Rom geehrt , hier sind sie alle abgemalt , wie meine Kranken vor der Kur und nach der Heilung ausgesehn , seht diese Bleichheit , Magerkeit und hier die feisten Wangen , den dicken Wanst voll wohlgefüllter Bratwürste , wie der so ritterlich turniert , der dort vom großen Stuhl sich nicht erheben konnte . « » Hier meine Hand « , rief Berthold mutig , » ich wag ' s , nichts hält mich ab und eine Kette reiche ich Euch zum Lohne , wenn ich ein Roß zum erstenmal besteige , schwerer als irgend ein König sie Euch verehrte . « - » Ich nehme den Lohn an « , sagte Faust , » aber der Ruhm , das Glück , welches ich verbreite , ist meine Hauptsache , mein deutsches Vaterland strahlt durch mich bis zu den Säulen Herkulis . « - Frau Hildegard staunte ihn gläubig an und küßte ihm die reich beringte Hand , für die Wohltat , die er ihrem Sohne erweisen wolle , und Faust hob das Kinn und zog die Falten der Stirn zur kahlen Platte hinauf , als ginge ein neuer Vorhang zur Freude der Menschen auf , dann befahl er Meister Sixt , den kranken Anton herzuführen . Während Meister Sixt fortwippte , trat ein Diener mit Flaschen und kalten Speisen zum Frühstock ein und der alte Fingerling , der bei seiner unermüdlichen Tätigkeit unersättlichen und doch nutzlosen Hunger hatte , zog dem Geruche nach . Der machte Augen über den Wundermann , glaubte ihn schon längst gesehen zu haben und wußte nicht wo , meinte aber , er habe einmal in Bopfingen einen bösen Gesellen hinrichten sehen durch den Strang , der habe ihm auf ein Haar geglichen , der sei wegen eines Bunds mit dem Teufel verrufen gewesen , habe auch den Leuten die Köpfe abgehauen und wieder anheilen können , doch einstmals zweie mit einander verwechselt , woraus großer Prozeß entstanden . Faust schnalzte verächtlich mit der Zunge und sprach : » Das sind Kleinigkeiten , ich habe schon mehr erlebt , ich habe alles versucht und das Hängen war nicht die schlechteste meiner Erfahrungen , es kommt nur darauf an , den Hals zu schützen und daß man zur rechten Zeit abgeschnitten wird , ich habe dabei sehr viel über den Zusammenhang zwischen Kopf und Herz gelernt und dies Mittel schon mehrmals mit Erfolg angewendet . « Fingerling saß da wie erstarrt , so ein Mensch war ihm nicht vorgekommen , er konnte kein Wort vorbringen und zog sich ohne den Rücken ihm zuzukehren , allmählich zur Türe zurück , wo er auf Sixt und dessen dicken Sohn Anton fiel , die leise eintraten . Berthold und Frau Hildegard schämten sich zu erklären , was das alles bedeute , aber sie fühlten sich immer mehr von Fausts Allmacht bezwungen , sie wagten nicht zu widersprechen . » Welch ein prächtiger Knabe « , rief Berthold dem Anton entgegen , » aber seine Augen glühen und seine feurigen Wangen glänzen , seine Worte irren und seine Arme winden sich jammervoll , er faßt an sein Haupt , es schmerzt ihm , und wenn ich stürbe und hätte dem Knaben das Leben gerettet , es sollte mir nicht leid sein . « Doktor Faust legte aber schnell seine Ehrenketten und sein Wams , seine Ringe und seinen Spitzenkragen ab , setzte eine große Brille auf die Nase , streifte sein Hemde auf , daß seine Muskeln wie Mäuse unter der Haut spielten , als er die Pumpe nun aus dem Planetenkasten hervorhob und in Bewegung brachte , sie nach der einen Seite an Bertholds Arm , nach der andern auf des betrübten Antons rechten Arm anbrachte . Nun öffnete er mit einem Schnepper die Adern der beiden , wies Sixt und Fingerling an , wo sie das Tretrad der Pumpe bewegen sollten ; Frau Hildegard wollte beten , er schlug ihr aber auf den Mund und arbeitete wie ein Rasender , indem er nach allem zugleich sah ; Fingerling meinte , er habe doppelte Augäpfel in diesen Minuten gezeigt . Die Hitze des Zimmers mehrte sich so schnell , daß die befrornen Fensterscheiben einen Regen herabtropften und den Lichtstrahlen freien Durchzug , als ob sie auch neugierig würden , gestatteten . Frau Hildegard bemerkte zuerst , wie der Knabe aus der dumpfen Fieberhitze erwacht , fröhlich zum Fenster blicke und von den bunten Wappen in denselben spreche , wahr und richtig wie ein verständiger Sinn sich ausdrückt ; dann sah sie mit noch größerer Freude , wie sich die Wangen Bertholds mit dem edlen Lichte des starken Blutes füllten , wie er kräftiger atme und seine Arme unwillkürlich versuche , wie ein erstarrter Vogel die angefrornen Flügel . Endlich schlug eine Glocke unter der Pumpe , Faust löste die saugenden Schläuche von den Armen der Kranken , verband die geschlagenen Aderwunden , legte die Kranken bequem auf die wohlgepolsterten Bänke , die um das Zimmer liefen , trocknete sich die Stirn , zog aus seiner Tasche eine gläserne Flöte und blies so sanft träumend hinein , daß beide Kranke in einen festen Schlummer fielen , auch Frau Hildegard , Fingerling und Sixt sich nur mit Mühe des süßen Schlafs erwehrten . Aber im Augenblicke drangen zwei Arbeiter mit Feuergeschrei ins Zimmer , der Schornstein strecke eine feurige Zunge gen Himmel . Faust , Sixt und Fingerling , auch Frau Hildegard liefen mit den Leuten fort , so blieben die beiden Kranken allein mit den seltsamen Maschinen und Gemälden . Berthold wachte zuerst aus dem Schlafe auf und konnte sich nicht gleich erinnern , was mit ihm vorgegangen ; er hatte ein Gefühl so frisch wie damals , als sich ihm der Schatz in der Nacht gezeigt hatte , den er auch jetzt wieder erwartete . Da fand er den Knaben Anton und blickte ihn wie einen Segen des Himmels , wie einen Schatz an , er fühlte ein lebendiges Wohlwollen gegen ihn , als gehörte er zu ihm , es ging ihm durchs Herz , er müsse ihn an Kindesstatt annehmen , dem er so viel danke , ja er meinte , einige Ähnlichkeit im Knaben mit seinem Bilde , das daneben stand , wahrzunehmen , obgleich jener viel stärker an Muskeln und Knochen , gewaltsamer im Ausdruck , kraushaarig und dreiahrig aus großem Überfluß der Natur entsprossen zu sein schien . Er weckte ihn mit sanftem Streicheln seiner Wangen , der junge Bullenbeißer wachte brummend auf , sprang heftig empor , sah sich um , rieb sich die Augen und setzte sich heißhungrig zu dem Frühstück , das Faust auf dem mit herrlichem Teppich bedeckten , runden , geschweiften Tische , den Adler trugen , hatte stehen lassen . » Im Himmel ist gut Leben « , sagte der Knabe mit tiefer Stimme , daß die Balken brummten , » und Ihr seid ein recht braver Herr Gott , wie haben mich die Teufel im Fegfeuer mit Hunger und Durst geplagt . « - Ehe der Bürgermeister noch antwortete , weil er in stillem Vergnügen den derben , lebenslustigen Bengel beschaute , traten Faust und die Mutter mit Sixt ein , und riefen : » Das Feuer ist gelöscht . « - » Recht so « , sagte der Knabe , » nun will ich auch meinen Durst löschen « , und leerte die irdene , mit Ritterbildern erhaben und bunt überglaste Ehrenkanne . - Meister Sixt trieb ihn aber unsanft von dem himmlischen Mahle und der Junge sagte : » Wenn Er mit in den Himmel gekommen ist , so wird es schmale Bissen geben und mein ganzer Spaß ist zu Ende . « - » Hört Meister « , sprach Berthold , » über den Knaben will ich Euch einen Vorschlag machen , jetzt muß ich zuerst unserm Retter , Erhalter , dem hochverehrten Faust danken , indem ich ihm die versprochne Kette umhänge . « - » Gebt her den Quark « , antwortete Faust , » ich will