dem daranstoßenden angenehmen Wäldchen . Meist war dabei irgendein Buch aus der Bibliothek des Herrn v. A. , wie es ihm gerade in die Hände fiel , sein Begleiter . Seine Seele war dort so ungestört und heiter , daß er die gewöhnlichsten Romane mit jener Andacht und Frischheit der Phantasie ergriff , mit welcher wir in unserer Kindheit solche Sachen lesen . Wer denkt nicht mit Vergnügen daran zurück , wie ihm zumute war , als er den ersten Robinson oder Ritterroman las , aus dem ihm das früheste , lüsterne Vorgefühl , die wunderbare Ahnung des ganzen , künftigen , reichen Lebens anwehte ; wie zauberisch da alles aussah und jeder Buchstab auf dem Papiere lebendig wurde ? Wenn ihm dann nach vielen Jahren ein solches Buch wieder in die Hand kommt , sucht er begierig die alte Freude wieder auf darin , aber der frische , kindische Glanz , der damals das Buch und die ganze Erde überschien , ist verschwunden , die Gestalten , mit denen er so innig vertraut war , sind unterdes fremd und anders geworden , und sehen ihn an wie ein schlechter Holzstich , daß er weinen und lachen möchte zugleich . Mit so muntern , malerischen Kindesaugen durchflog denn auch Friedrich diese Bücher . Wenn er dazwischen dann vom Blatte aufsah , glänzte von allen Seiten der schöne Kreis der Landschaft in die Geschichten hinein , die Figuren , wie der Wind durch die Blätter des Buches rauschte , erhoben sich vor ihm in der grenzenlosen , grünen Stille und traten lebendig in die schimmernde Ferne hinaus ; und so war eigentlich kein Buch so schlecht erfunden , daß er es nicht erquickt und belehrt aus der Hand gelegt hätte . Und das sind die rechten Leser , die mit und über dem Buche dichten . Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel ; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde . Wer , zu träge und unlustig , nicht den Mut verspürt , die goldenen , losen Sprossen zu besteigen , dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot , und er täte besser , zu graben oder zu pflügen , als so mit unnützem Lesen müßig zu gehn . Leontin dagegen durchstrich alle Morgen , wenn er es etwa nicht verschlief , welches gar oft geschah , mit der Flinte auf dem Rücken Felder und Wälder , schwamm einige Male des Tages über die reißendsten Stellen des Flusses , der im Tale vorbeiging , und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend . Auch auf das Schloß der unbekannten Dame war er schon einige Male wieder hinübergeritten , fand aber immer niemanden zu Hause . Alle Tage besuchte er gewissenhaft ein paar wunderliche altkluge Gesellen auf dem Felde , die er auf seinen Streifereien ausgespürt hatte , gab ihnen Tabak zu schnupfen , den er bloß ihretwillen bei sich trug , und führte stundenlang eine tolle Unterhaltung mit ihnen . Er las wenig , besonders von neuen Schriften , gegen die er eine Art von Widerwillen hatte . Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich vollständig . Denn sein wunderliches Leben führte ihn von selbst und wider Willen in Berührung mit allen ausgezeichneten Männern , und was er so bei Gelegenheit kennenlernte , faßte er schnell und ganz auf . Sowohl er , als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen Viktor , dessen kleines Wohnhaus , von einem noch kleineren Gärtchen umgeben , hart am Kirchhofe lag . Dort unter den hohen Linden , die den schönberaseten Kirchhof beschatteten , fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von Meißeln , Bohrern , Drehscheiben und anderm unzähligen Handwerkszeuge , als wollte er sich selber sein Grab bauen . Hier arbeitete und künstelte derselbe täglich , soviel es ihm seine Berufsgeschäfte zuließen , mit einem unbeschreiblichen Eifer und Fleiße , ohne um die andere Welt draußen zu fragen . Ohne jemals eine Anleitung genossen zu haben , verfertigte er Spieluhren , künstliche Schlösser , neue , sonderbare Instrumente , und sein bei der Stille nach außen ewig unruhiger und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen , die oft alle in Erstaunen setzten . Seine Lieblingsidee war , ein Luftschiff zu erfinden , mit dem man dieses lose Element ebenso bezwingen könnte , wie das Wasser , und er wäre beinahe ein Gelehrter geworden , so hartnäckig und unermüdlich verfolgte er diesen Gedanken . Für Poesie hatte er , sonderbar genug , durchaus keinen Sinn , so willig , ja neugierig er auch aufhorchte , wenn Leontin oder Friedrich darüber sprachen . Nur Abraham von St. Clara , jener geniale Schalk , der mit einer ernsthaften Amtsmiene die Narren auslacht , denen er zu predigen vorgibt , war seine einzige und liebste Unterhaltung , und niemand verstand wohl die Werke dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu ergötzen , als er . In diesem unförmlichen » Gemisch-Gemasch « von Spott , Witz und Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz . Übrigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile über ihn keineswegs geirrt . Seine Gemütsart war wirklich durchaus dunkel und melancholisch . Die eine Hälfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode betrübt , mürrisch und unbehülflich , die andere Hälfte lustig bis zur Ausgelassenheit , witzig , sinnreich und geschickt , so daß die meisten , die sich mit einer gewöhnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begnügen , ihn für einen zweifachen Menschen hielten . Es war aber eben die Tiefe seines Wesens , daß er sich niemals zu dem ordentlichen , immer gleichförmigen Spiele der andern an der Oberfläche bequemen konnte , und selbst seine Lustigkeit , wenn sie oft plötzlich losbrach , war durchaus ironisch und fast schauerlich . Dabei waren alle Schmeichelkünste und alltäglichen Handgriffe , sich durch die Welt zu helfen , seiner spröden Natur so zuwider , daß er selbst die unschuldigsten , gebräuchlichsten Gunstbewerbungen , ja sogar unter Freunden alle äußern Zeichen der Freundschaft verschmähte . Vor allen sogenannten klugen , gemachten Leuten war er besonders verschlossen , weil sie niemals weder seine Betrübnis , noch seine Lust verstanden und ihn mit ihrer angebildeten Afterweisheit von allen Seiten beengten . Die beiden Grafen waren die ersten in seinem Leben , die bei allen seinen Äußerungen wußten , was er meine . Denn es ist das Besondere ausgezeichneter Menschen , daß jede Erscheinung in ihrer reinen Brust sich in ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit bespiegelt , ohne daß sie dieselbe durch einen Beischmack ihres eigenen Selbst verderben . Er liebte sie daher auch mit unerschütterlicher Treue bis zu seinem Tode . Sooft sie nachmittags zu ihm kamen , warf er sogleich alle Instrumente und Gerätschaften weit von sich und war aus Herzensgrunde lustig . Sie musizierten dann in seiner kleinen Stube entweder auf alten , halbbespannten Instrumenten , oder Friedrich mußte einige wilde Burschenlieder auf die Bahn bringen , die Viktor schnell auswendig wußte und mit gewaltiger Stimme mitsang . Fräulein Julie , die nebst ihrem Vater von jeher Viktors beste und einzige Freundin im Hause war , stand dann gar oft stundenlang gegenüber am Zaune des Schloßgartens , strickte und unterhielt sich mit ihnen , war aber niemals zu bereden , selber zu ihnen herüberzukommen . Die Tante und die meisten andern konnten gar nicht begreifen , wie die beiden Grafen einen solchen Geschmack an dem ungebildeten Viktor und seinen lärmenden Vergnügungen finden konnten . Und du seltsamer , guter , geprüfter Freund , ich brauche dich und mich nicht zu nennen ; aber du wirst uns beide in tiefster Seele erkennen , wenn dir diese Blätter vielleicht einmal zufällig in die Hände kommen . Dein Leben ist mir immer vorgekommen , wie ein uraltes , dunkel verbautes Gemach mit vielen rauhen Ecken , das unbeschreiblich einsam und hoch steht über den gewöhnlichen Hantierungen der Menschen . Eine alte verstimmte Laute , die niemand mehr zu spielen versteht , liegt verstaubt auf dem Boden . Aus dem finstern Erker siehst du durch bunt und phantastisch gemalte Scheiben über das niedere , emsig wimmelnde Land unten weg in ein anderes , ruhiges , wunderbares , ewig freies Land . Alle die wenigen , die dich kennen und lieben , siehst du dort im Sonnenscheine wandeln und das Heimweh befällt auch dich . Aber dir fehlen Flügel und Segel , und du reißest in verzweifelter Lustigkeit an den Saiten der alten Laute , daß es mir oft das Herz zerreißen wollte . Die Leute gehen unten vorüber und verlachen dein wildes Geklimper , aber ich sage dir , es ist mehr göttlicher Klang darin , als in ihrem ordentlichen , allgepriesenen Geleier . An einem schwülen Nachmittage saß Leontin im Garten an dem Abhange , der in das Land hinausging . Kein Mensch war draußen , alle Vögel hielten sich im dichtesten Laube versteckt , es war so still und einsam auf den Gängen und in der ganzen Gegend umher , als ob die Natur ihren Atem an sich hielte . Er versuchte einzuschlummern . Aber wie über ihm die Gräser zwischen dem unaufhörlichen , einförmigen Gesumme der Bienen sich hin und wider neigten , und rings am fernen Horizonte schwere Gewitterwolken gleich phantastischen Gebirgen mit großen , einsamen Seen und himmelhohen Felsenzacken die ganze Welt enge und immer enger einzuschließen schienen , preßte eine solche Bangigkeit sein Herz zusammen , daß er schnell wieder aufsprang . Er bestieg einen hohen , am Abhange stehenden Baum , in dessen schwankem Wipfel er sich in das schwüle Tal hinauswiegte , um nur die fürchterliche Stille in und um sich loszuwerden . Er hatte noch nicht lange oben gesessen , als er den Herrn v. A. und dessen Schwester aus dem Bogengange hervorbiegen und langsam auf den Baum zukommen sah . Sie waren in einem lauten und lebhaften Gespräche begriffen , er hörte daß von ihm die Rede war . » Du magst sprechen , was du willst « , sagte die Tante , » er ist bis über die Ohren verliebt in unser Mädchen . Da müßt ich keine Menschenkenntnis haben ! Und Julie kann keine bessere Partie finden . Ich habe schon lange , ohne dir etwas zu sagen , nähere Erkundigungen über ihn eingezogen . Er steht sehr gut . Er vertut zwar viel Geld auf Reisen und verschiedenes unnützes Zeug , und soll zu Hause ein etwas unordentliches und auffallendes Leben führen ; aber er ist noch ein junger Mensch , und unser Kind wird ihn schon kirre machen . Glaube mir , mein Schatz , ein kluges Weib kann durch vernünftiges Zureden sehr viel bewirken . Sind sie nur erst verheiratet und sitzen ruhig auf ihrem Gütchen , so wird er schon sein sonderbares Wesen und seine überspannten Ideen fahrenlassen und werden wie alle andern . Höre , mein Schatz , fange doch recht bald an , ihn so von weitem näher zu sondieren . « - » Das tue ich nicht « , erwiderte Herr v. A. ruhig , » ich habe mich um nichts erkundigt , ich habe nichts bemerkt und nichts erfahren . Ihr Weiber verlegt euch alle aufs Spionieren und Heiratsstiften und sehet zu weit . Wirbt er um sie , und sie ist ihm gut , so soll er sie haben ; denn er gefällt mir sehr . Aber ich menge mich in nichts . « - » Mit deiner ewigen Gelassenheit « , fiel ihm hier die Schwester heftig ins Wort , » wirst du noch alles verderben . Dich rührt das Glück deines eigenen Kindes nicht . Und ich sage dir , ich ruhe und raste nicht , bis sie ein Paar werden ! « - Sie waren unterdes schon wieder von der andern Seite hinter den Bäumen verschwunden , und er konnte nichts mehr verstehn . Er stieg rasch vom Baume herab . » Noch bin ich frei und ledig ! « rief er aus und schüttelte alle Glieder . » Rückt mir nicht auf den Hals mit eurem soliden , häuslichen , langweiligen Glück , mit eurer abgestandenen Tugend im Schlafrock ! Wohl hat die Liebe zwei Gesichter wie Janus . Mit dem einen buhlt diese ungetreue , reizende Fortuna auf ihrer farbigen Kugel mit der frischen Jugend um flüchtige Küsse ; doch willst du sie plump haschen und festhalten , kehrt sie dir plötzlich das andere , alte , verschrumpfte Gesicht zu , das dich unbarmherzig zu Tode schmatzt . - Heiraten und fett werden , mit der Schlafmütze auf dem Kopfe hinaussehen , wie draußen Aurora scheint , Wälder und Ströme noch immer ohne Ruhe fortrauschen müssen , Soldaten über die Berge ziehn und raufen , und dann auf den Bauch schlagen und : Gott sei Dank ! rufen können , das ist freilich ein Glück ! - Und doch noch tausendmal widerlicher sind mir die Faungesichter von Hagestolzen , wie sie sich um die Mauern streichen , ein bißchen Rammelei und Diebsgelüst im Herzen , wenn sie noch eins haben . Pfui ! Pfui ! « So jagten sich die Gedanken in seinem Kopfe ärgerlich durcheinander , und er war , ohne daß er es selbst bemerkte , ins Schloß gekommen . Die Tür zu Juliens Zimmer stand nur halb angelehnt , er ging hinein , fand sie aber nicht darin . Sie schien es eben verlassen zu haben ; denn Farben , Pinsel und andere Malergerätschaften lagen noch umher . Auf dem Tische stand ein Bild aufgerichtet . Er betrachtete es voll Erstaunen : es war sein eignes Porträt , an welchem Julie lange heimlich gearbeitet . Er war in derselben Jägerkleidung gemalt , in der sie ihn zum ersten Male gesehen hatte . Mit Verwunderung glaubte er auch die Gegend , die den Hintergrund des Bildes ausfüllte , zu erkennen . Er erinnerte sich endlich , daß er Julien manchmal von seinem Schlosse , seinem Garten , den Bergen und Wäldern , die es umgeben , erzählt hatte , und ihr reiches Gemüt hatte sich nun aus den wenigen Zügen ein ganz anderes , wunderbares Zauberland , als ihre neue Heimat , zusammengesetzt . Er stand lange voller Gedanken am Fenster . Ihre Gitarre lag dort ; er nahm sie und wollte singen , aber es ging nicht . Er lehnte Sich mit der Stirn ans Fenster und wollte sie durchaus hier erwarten , aber sie kam nicht . Endlich stieg er hinab , ging in den Hof und sattelte und zäumte sich selber sein Pferd . Als er eben zum Tore hinausritt , kam Julie eilfertig aus der Gartentür . Sie schien ein Geschäft vorzuhaben , sie grüßte ihn nur flüchtig mit freundlichen Augen und lief ins Schloß . Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ins Feld hinaus . Ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen , war er schon lange herumgeritten , als er mitten im Walde auf einen hochgelegenen , ausgehauenen Fleck kam . Er hörte jemanden lustig ein Liedchen pfeifen und ritt darauf los . Es war zu seiner nicht geringen Freude der bekannte Ritter , den er schon lange einmal auf seinen Irrzügen zu erwischen sich gewünscht hatte . Er saß auf einem Baumsturze und ließ seinen Klepper neben sich weiden . Romantische , goldene Zeit des alten , freien Schweifens , wo die ganze schöne Erde unser Lustrevier , der grüne Wald unser Haus und Burg , dich schimpft man närrisch - dachte Leontin bei diesem Anblicke , und rief dem Ritter aus Herzensgrunde sein Hurra zu . Er stieg darauf selbst vom Pferde und setzte sich zu ihm hin . Der Tag fing eben an , sich zu Ende zu neigen , die Waldvögel zwitscherten von allen Wipfeln in der Runde . Von der einen Seite sah man in einer Vertiefung unter der Heide ein Schlößchen mit stillem Hofe und Garten ganz in die Waldeinsamkeit versenkt . Die Wolken flogen so niedrig über das Dach weg , als sollte sich die bedrängte Seele daranhängen , um jenseits ins Weite , Freie zu gelangen . Mit einem innerlichen Schauder von Bangigkeit erfuhr Leontin von dem Ritter , daß dies dasselbe Schloß sei , wo jetzt die muntere Braut , die er auf jener Jagd kennengelernt , seit lange schon mit ihrem jungen Manne ruhig wohne , wirtschafte und hause . » Aber « , sagte er endlich zu dem Ritter , » wird Euch denn niemals bange auf Euren einsamen Zügen ? Was macht und sinnt Ihr denn den ganzen langen Tag ? « - » Ich suche den Stein der Weisen « , erwiderte der Ritter ruhig . Leontin mußte über diese fertige , unerwartete Antwort laut auflachen . » Ihr seid irrisch in Eurem Verstande , daß Ihr so lacht « , sagte der Ritter etwas aufgebracht . » Eben weil die Leute wohl wissen , daß ich den Stein der Weisen wittere , so trachten die Pharisäer und Schriftgelehrten darnach , mir durch Reden und Blicke meine Majestät von allen Seiten auszusaugen , auszuwalzen und auszudreschen . Aber ich halte mich an das Prinzipium : an Essen und Trinken ; denn wer nicht ißt , der lebt nicht , wer nicht lebt , der studiert nicht , und wer nicht studiert , der wird kein Weltweiser , und das ist das Fundament der Philosophie . « - So sprach der tolle Ritter eifrig fort , und gab durch Mienen und Hände seinen Worten den Nachdruck der ernsthaftesten Überzeugung . Leontin , den seine heutige Stimmung besonders aufgelegt machte zu ausschweifenden Reden , stimmte nach seiner Art in denselben Ton mit ein , und so führten die beiden dort über die ganze Welt das allerseltsamste und unförmlichste Gespräch , das jemals gehört wurde , während es ringsumher schon lange finster geworden war . Der Ritter , dem ein so aufmerksamer Zuhörer etwas Seltenes war , hielt tapfer Stich , und focht nach allen Seiten in einem wunderlichen Chaos von Sinn und Unsinn , das oft die herrlichsten Gedanken durchblitzten . Leontin erstaunte über die scharfen , ganz selbsterschaffenen Ausdrücke und die entschiedene Anlage zum Tiefsinn . Aber alles schien wie eine üppige Wildnis , durch den lebenslangen Müßiggang zerrüttet und fast bis zum Wahnwitz verworren . Zuletzt sprach der Ritter noch von einem Philosophen , den er jährlich einmal besuche . Leontin war mit ganzer Seele gespannt , denn die Beschreibung von demselben stimmte auffallend mit dem alten Ritterbilde überein , dessen Anblick ihn auf dem Schlosse der weißen Frau so sehr erschüttert hatte . Er fragte näher nach , aber der Ritter antwortete jedesmal so toll und abschweifend , daß er alle weitern Erkundigungen aufgeben mußte . Endlich brach der Ritter auf , da er heute noch auf dem Schlosse der niedlichen Braut Herberge suchen wollte . Leontin trug ihm an dieselbe seine schönsten Grüße auf . Der Ritter stolperte nun auf seiner Rosinante langsam über die Heide hinab , und unterhielt sich noch immerfort mit Leontin mit großem Geschrei über die Philosophie , während er schon längst in der Nacht verschwunden war . Leontin sah sich , nun allein , nach allen Seiten um . Alle Wälder und Berge lagen still und dunkel ringsumher . Unten in der Tiefe schimmerten Lichter hin und her aus den zerstreuten Dörfern , Hunde bellten fern in den einsamen Höfen . Auch in dem Schlosse des Herrn v. A. sah er noch mehrere Fenster erleuchtet . So blieb er noch lange oben auf der Heide stehen . Am folgenden Morgen frühzeitig erhielt Friedrich einen Brief . Er erkannte sogleich die Züge wieder : er war von Rosa . So lange schon hatte er sich von Tage zu Tage vergebens darauf gefreut , und erbrach ihn nun mit hastiger Ungeduld . Der Brief war folgenden Inhalts : » Wo bleibst Du so lange , mein innig geliebter Freund ? Hast Du denn gar kein Mitleid mehr mit Deiner armen Rosa , die sich so sehr nach Dir sehnt ? Als ich auf der Höhe im Gebirge von euch entführt wurde , hatte ich mir fest vorgenommen , gleich nach meiner Ankunft in der Residenz an Dich zu schreiben . Aber Du weißt selbst , wieviel man die erste Zeit an einem solchen Orte mit Einrichtungen , Besuchen und Gegenbesuchen zu tun hat . Ich konnte damals durchaus nicht dazu kommen , obschon ich immer und überall an Dich gedacht habe . Und so verging die erste Woche , und ich wußte dann nicht mehr , wohin ich meinen Brief adressieren sollte . Vor einigen Tagen endlich kam hier der junge Marquis von P. an , der wollte bestimmt wissen , daß sich mein Bruder mit einem fremden Herrn auf dem Gute des Herrn v. A. aufhalte . Ich eilte also , sogleich an Dich dorthin zu schreiben . Der Marquis verwunderte sich zugleich , wie ihr es dort so lange aushalten könntet . Er sagte , es wäre ein Séjour zum Melancholischwerden . Mit der ganzen Familie wäre in der Welt nichts anzufangen . Der Baron sei wie ein Holzstich in den alten Rittergeschichten : gedruckt in diesem Jahr , die Tante wisse von nichts zu sprechen , als von ihrer Wirtschaft , und das Fräulein vom Hause sei ein halbreifes Gänseblümchen , ein rechtes Bild ohne Gnaden . Sind das nicht recht närrische Einfälle ? Wahrhaftig , man muß dem Marquis gut sein mit seinem losen Maule . Siehst Du , es ist Dein Glück , denn ich hatte schon große Lust eifersüchtig zu werden . Aber ich kenne schon meinen Bruder , solche Bekanntschaften sind ihm immer die liebsten ; er läßt sich nichts einreden . Ich bitte Dich aber , sage ihm nichts von alle diesem . Denn er kann sich ohnedies von jeher mit dem Marquis nicht vertragen . Er hat sich schon einige Male mit ihm geschlagen , und der Marquis hat an der letzten Wunde über ein Vierteljahr zubringen müssen . Er fängt immer selber ohne allen Anlaß Händel mit ihm an . Ich weiß gar nicht , was er wider ihn hat . Der Marquis ist hier in allen gebildeten Gesellschaften beliebt und ein geistreicher Mann . Ich weiß gewiß , Du und der Marquis werdet die besten Freunde werden . Denn er macht auch Verse und von der Musik ist er ein großer Kenner . Übrigens lebe ich hier recht glücklich , so gut es Deine Rosa ohne Dich sein kann . Ich bekomme und erwidere Besuche , mache Landpartien usw. Dabei fällt mir immer ein , wie ganz anders Du doch eigentlich bist als alle diese Leute , und dann wird mir mitten in dem Schwarme so bange , daß ich mich oft heimlich wegschleichen muß , um mich recht auszuweinen . - Die junge , schöne Gräfin Romana , die mich alle Morgen an der Toilette besucht , sagt mir immer , wenn ich mich anziehe , daß meine Augen so schön wären , und wickelt sich meine Haare um ihren Arm und küßt mich . - Ich denke dann immer an Dich . Du hast das auch gesagt und getan , und nun bleibst Du auf einmal so lange aus . Ich bitte Dich , wenn Du mir gut bist , laß mich nicht so allein ; es ist nicht gut so . - Ich hatte mich gestern soeben erst recht eingeschrieben und hatte Dir noch so viel zu sagen , da wurde ich zu meinem Verdrusse durch einen Besuch unterbrochen . Jetzt ist es schon zu spät , da die Post sogleich abgehen wird . Ich schließe also schnell in der Hoffnung , Dich bald an mein liebendes Herz zu drücken . Diesen Winter wird es hier besonders brillant werden . Wie schön wäre es , wenn wir ihn hier zusammen zubrächten ! Komm , komm gewiß ! « Friedrich legte den Brief still wieder zusammen . Unwillkürlich summte ihm der Gassenhauer : » Freut euch des Lebens « usw. , den Leontin gewöhnlich abzuleiern pflegte , wenn seine Schwester etwas nach ihrer Art Wichtiges vorbrachte , durch den Kopf . Der ganze Brief , wie von einem von Lustbarkeiten Atemlosen im Fluge abgeworfen , war wie eine Lücke in seinem Leben , durch die ihn ein fremdartiger , staubiger Wind anblies . Habe ich es oben auf der Höhe nicht gesagt , daß du in dein Grab hinabsteigst ? Wenn die Schönheit mit ihren frischen Augen , mit den jugendlichen Gedanken und Wünschen unter euch tritt , und , wie sie die eigene , größere Lebenslust treibt , sorglos und lüstern in das liebewarme Leben hinauslangt und sproßt , sich an die feinen Spitzen , die zum Himmel streben , giftig anzusaugen und zur Erde hinabzuzerren , bis die ganze , prächtige Schönheit , fahl und ihres himmlischen Schmuckes beraubt , unter euch dasteht wie euresgleichen - die Halunken ! Er öffnete das Fenster . Der herrliche Morgen lag draußen wie eine Verklärung über dem Lande , und wußte nichts von den menschlichen Wirren , nur von rüstigem Tun , Freudigkeit und Frieden . Friedrich spürte sich durch den Anblick innerlichst genesen , und der Glaube an die ewige Gewalt der Wahrheit und des festen religiösen Willens wurde wieder stark in ihm . Der Gedanke , zu retten , was noch zu retten war , erhob seine Seele , und er beschloß , nach der Residenz abzureisen . Er ging mit dieser Nachricht zu Leontin , aber er fand seine Schlafstube leer und das Bett noch von gestern in Ordnung . Er ging daher zu Julie hinüber , da er hörte , daß sie schon auf war . Das schöne Mädchen stand in ihrer weißen Morgenkleidung eben am Fenster . Sie kehrte sich schnell zu ihm herum , als er hereintrat . » Er ist fort ! « sagte sie leise mit unterdrückter Stimme , zeigte mit dem Finger auf das Fenster und stellte sich wieder mit abgewendetem Gesichte abseits an das andere . Der erstaunte Friedrich erkannte Leontins Schrift auf der Scheibe , die er wahrscheinlich gestern , als er hier allein war , mit seinem Ringe aufgezeichnet hatte . Er las : » Der fleißigen Wirtin von dem Haus Dank ich von Herzen für Trank und Schmaus , Und was beim Mahl den Gast erfreut : Für heitre Mien und Freundlichkeit . Dem Herrn vom Haus sei Lob und Preis ! Seinen Segen wünsch ich mir auf die Reis , Nach seiner Lieb mich sehr begehrt , Wie ich ihn halte ehrenwert . Herr Viktor soll beten und fleißig sein , Denn der Teufel lauert , wo einer allein ; Soll lustig auf dem Kopfe stehn , Wenn alle so dumm auf den Beinen gehn . Und wenn mein Weg über Berge hoch geht , Aurora sich auftut , das Posthorn weht , Da will ich ihm rufen von Herzen voll , Daß er ' s in der Ferne spüren soll . Ade ! Schloß , heiter überm Tal , Ihr schwülen Täler allzumal , Du blauer Fluß ums Schloß herum , Ihr Dörfer , Wälder um und um . Wohl sah ich dort eine Zaubrin gehn , Nach ihr nur alle Blumen und Wälder sehn , Mit hellen Augen Ströme und Seen , In stillem Schaun , wie verzaubert , stehn . Ein jeder Strom wohl findt sein Meer , Ein jeglich Schiff kehrt endlich her , Nur ich treibe und sehne mich immerzu , O wilder Trieb ! wann läßt du einmal Ruh ? « Darunter stand , kaum leserlich , gekritzelt : » Herr Friedrich , der schläft in der Ruhe Schoß , Ich wünsch ihm viel Unglück , daß er sich erbos , Ins Horn , zum Schwert , frisch dran und drauf ! Philister über dir , wach , Simson , wach auf ! « Friedrich stutzte über diese letzten Zeilen , die ihn unerwartet trafen . Er erkannte tief das Schwerfällige seiner Natur und versank auf einen Augenblick sinnend in sich selbst . Julie stand noch immerfort am Fenster , sah durch die Scheiben und weinte heimlich . Er faßte ihre Hand . Da hielt sie sich nicht länger , sie setzte sich auf ihr Bett und schluchzte laut . Friedrich wußte wohl , wie untröstlich ein liebendes Mädchen ist . Er verabscheute alle jene erbärmlichen Spitaltröster voll Wiedersehens , unverhofften Windungen des Schicksals usw. » Lieb ihn nur recht « , sagte er zu Julien , » so ist er ewig dein , und wenn die ganze Welt dazwischenläge . Glaube nur niemals den falschen Verführern : daß die Männer eurer Liebe nicht wert sind . Die Schufte freilich nicht , die das sagen ; aber es gibt nichts Herrlicheres auf Erden , als der Mann , und nichts Schöneres , als das Weib , das ihm treu ergeben bis zum Tode . « - Er küßte das weinende Mädchen und ging darauf zu ihren Eltern , um ihnen seine eigene , baldige Abreise anzukündigen . Er fand die Tante höchst bestürzt über Leontins unerklärliche Flucht , die sie auf einmal ganz irre an ihm und allen ihren Plänen machte . Sie war anfangs böse , dann still und wie vernichtet . Herr v. A. äußerte weniger mit Worten , als durch ein ungewöhnlich hastiges und zerstreutes Tun und Lassen , das Friedrich unbeschreiblich rührte , wie schwer es ihm falle , sich von Leontin getrennt zu sehen , und die Tränen traten ihm in die Augen , als nun auch Friedrich erklärte , schon morgen abreisen zu müssen . So verging dieser noch übrige Tag zerstreut , gestört und freudenlos . Am andern Morgen hatte Erwin frühzeitig die Reisebündel geschnürt , die Pferde standen bereit und scharrten ungeduldig unten im Hofe . Friedrich machte noch eilig einen Streifzug durch den Garten und sah noch einmal von dem Berge in die herrlichen Täler hinaus . Auch das stille , kühle Plätzchen , wo er so oft gedichtet und glücklich gewesen , besuchte er . Wie im Fluge