stand wieder auf , aber nun nahm er einen stolzen trotzigen Anstand an , er runzelte die Stirn , er riß die Augen auf und sprach : » Mein ist die Welt ! - Ich bin reicher , klüger , verständiger als ihr alle , ihr Maulwürfe ; beugt euch vor mir ! Sehen Sie , mein Herr , « sagte der Kleine , » das sind die Hauptingredienzien Ihres äußern Anstandes , und wenn Sie es wünschen , so will ich , Ihre Züge , Ihre Gestalt , Ihre Sinnesart beachtend , etwas Caracalla , Abälard und Boccaz zusammengießen und so in der Glut , Form und Gestalt bildend , den wunderbaren antik-romantischen Bau ätherischer Locken und Löckchen beginnen . « - Es lag so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen , daß ich es für geraten hielt , ihm zu gestehen , wie ich in der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur erhalten , die ich jetzt soviel möglich zu verstecken wünsche . Unter seltsamen Sprüngen , Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete der Kleine mein Haar . Bald sah er finster und mürrisch aus , bald lächelte er , bald stand er in athletischer Stellung , bald erhob er sich auf den Fußspitzen , kurz , es war mir kaum möglich , nicht noch mehr zu lachen , als schon wider meinen Willen geschah . - Endlich war er fertig , und ich bat ihn , noch ehe er in die Worte ausbrechen konnte , die ihm schon auf der Zunge schwebten , mir jemanden heraufzuschicken , der sich , ebenso wie er des Haupthaars , meines verwirrten Barts annehmen könnte . Da lächelte er ganz seltsam , schlich auf den Zehen zur Stubentüre und verschloß sie . Dann trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und sprach : » Goldene Zeit , als noch Bart und Haupthaar in einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes ergoß und die süße Sorge eines Künstlers war . - Aber du bist dahin ! - Der Mann hat seine schönste Zierde verworfen , und eine schändliche Klasse hat sich hingegeben , den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die Haut zu vertilgen . O , ihr schnöden , schmählichen Bartkratzer und Bartputzer , wetzt nur eure Messer auf schwarzen , mit übelriechendem Öl getränkten Riemen zum Hohn der Kunst , schwingt eure betroddelten Beutel , klappert mit euern Becken und schaumt die Seife , heißes , gefährliches Wasser umherspritzend , fragt im frechen Frevel euere Patienten , ob sie über den Daumen oder über den Löffel rasiert sein wollen . - Es gibt Pietros , die euerm schnöden Gewerbe entgegenarbeiten und , sich erniedrigend zu euerm schmachvollen Treiben , die Bärte auszurotten , noch das zu retten suchen , was sich über die Wellen der Zeit erhebt . Was sind die tausendmal variierten Backenbärte in lieblichen Windungen und Krümmungen , bald sich sanft schmiegend der Linie des sanften Ovals , bald traurig niedersinkend in des Halses Vertiefung , bald keck emporstrebend über die Mundwinkel heraus , bald bescheiden sich einengend in schmaler Linie , bald sich auseinanderbreitend in kühnem Lockenschwunge - was sind sie anders , als die Erfindung unserer Kunst , in der sich das hohe Streben nach dem Schönen , nach dem Heiligen entfaltet ? Ha , Pietro ! zeige , welcher Geist dir einwohnt , ja , was du für die Kunst zu unternehmen bereit bist , indem du herabsteigst zum unleidlichen Geschäft der Bartkratzer . « - Unter diesen Worten hatte der Kleine ein vollständiges Barbierzeug hervorgezogen und fing an , mich mit leichter geübter Hand von meinem Barte zu befreien . Wirklich ging ich aus seinen Händen ganz anders gestaltet hervor , und es bedurfte nur noch anderer , weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke , um mich der Gefahr zu entziehen , wenigstens durch mein Äußeres eine mir gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen . Der Kleine stand , in inniger Zufriedenheit mich anlächelnd , da . Ich sagte ihm , daß ich ganz unbekannt in der Stadt wäre und daß es mir angenehm sein würde , mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu können . Ich drückte ihm für seine Bemühung und um ihn aufzumuntern , meinen Kommissionär zu machen , einen Dukaten in die Hand . Er war wie verklärt , er beäugelte den Dukaten in der flachen Hand . » Wertester Gönner und Mäzen , « fing er an , » ich habe mich nicht in Ihnen betrogen , der Geist leitete meine Hand , und im Adlerflug des Backenbarts sind Ihre hohe Gesinnungen rein ausgesprochen . Ich habe einen Freund , einen Damon , einen Orest , der das am Körper vollendet , was ich am Haupt begonnen , mit demselben tiefen Sinn , mit demselben Genie . Sie merken , mein Herr , daß es ein Kostümkünstler ist , denn so nenne ich ihn statt des gewöhnlichen trivialen Ausdrucks Schneider . - Er verliert sich gern in das Ideelle , und so hat er , Formen und Gestalten in der Phantasie bildend , ein Magazin der verschiedensten Kleidungsstücke angelegt . Sie erblicken den modernen Elegant in allen möglichen Nuancen , wie er , bald keck und kühn alles überleuchtend , bald , in sich versunken , nichts beachtend , bald naiv tändelnd , bald ironisch , witzig , übellaunigt , schwermütig , bizarr , ausgelassen , zierlich , burschikos erscheinen will . Der Jüngling , der sich zum erstenmal einen Rock machen lassen ohne einengenden Rat der Mama oder des Hofmeisters ; der Vierziger , der sich pudern muß des weißen Haars wegen ; der lebenslustige Alte , der Gelehrte , wie er sich in der Welt bewegt , der reiche Kaufmann , der wohlhabende Bürger : alles hängt in meines Damons Laden vor Ihren Augen ; in wenigen Augenblicken sollen sich die Meisterstücke meines Freundes Ihrem Blick entfalten . « - Er hüpfte schnell von dannen und erschien bald mit einem großen , starken , anständig gekleideten Manne wieder , der gerade den Gegensatz des Kleinen machte , sowohl im Äußern als in seinem ganzen Wesen und den er mir doch eben als seinen Damon vorstellte . - Damon maß mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket , das ihm ein Bursche nachgetragen , Kleidungsstücke heraus , die den Wünschen , welche ich ihm eröffnet , ganz entsprachen . Ja , erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers , wie ihn der Kleine preziös nannte , eingesehen , der in dem Sinn durchaus nicht aufzufallen , sondern unbemerkt und doch beim Bemerktwerden geachtet , ohne Neugierde über Stand , Gewerbe u.s.w. zu erregen , zu wandeln , so richtig wählte . Es ist in der Tat schwer , sich so zu kleiden , daß der gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung , man treibe dies oder jenes Gewerbe , nicht aufkommen läßt , ja , daß niemand daran denkt , darauf zu sinnen . Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch das Negative bedingt und läuft ungefähr darauf hinaus , was man das gebildete Benehmen heißt , das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt . - Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken Redensarten , ja , da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich , schien er überglücklich , sein Licht recht leuchten lassen zu können . - Damon , ein ernster und , wie mir schien , verständiger Mann , schnitt ihm aber plötzlich die Rede ab , indem er ihn bei der Schulter faßte und sprach : » Schönfeld , du bist heute wieder einmal recht im Zuge , tolles Zeug zu schwatzen ; ich wette , daß dem Herrn schon die Ohren wehe tun von all dem Unsinn , den du vorbringst . « - Belcampo ließ traurig sein Haupt sinken , aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut , indem er zur Türe hinaussprang : » So werd ' ich prostituiert von meinen besten Freunden ! « - Damon sagte , indem er sich mir empfahl : » Es ist ein Hasenfuß ganz eigner Art , dieser Schönfeld ! - Das viele Lesen hat ihn halb verrückt gemacht , aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem Metier geschickt , weshalb ich ihn leiden mag , denn leistet man recht viel wenigstens in einer Sache , so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur hauen . « - Als ich allein war , fing ich vor dem großen Spiegel , der im Zimmer aufgehängt war , eine förmliche Übung im Gehen an . Der kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben . Den Mönchen ist eine gewisse schwerfällige , ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen , die durch die lange Kleidung , welche die Schritte hemmt , und durch das Streben , sich schnell zu bewegen , wie es der Kultus erfordert , hervorgebracht wird . Ebenso liegt in dem zurückgebeugten Körper und in dem Tragen der Arme , die niemals herunterhängen dürfen , da der Mönch die Hände , wenn er sie nicht faltet , in die weiten Ärmel der Kutte steckt , etwas so Charakteristisches , das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht . Ich versuchte dies alles abzulegen , um jede Spur meines Standes zu verwischen . Nur darin fand ich Trost für mein Gemüt , daß ich mein ganzes Leben als ausgelebt , möcht ' ich sagen , als überstanden ansah und nun in ein neues Sein so eintrat , als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt , von der überbaut , selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz , immer schwächer und schwächer werdend , endlich ganz unterginge . Das Gewühl der Menschen , der fortdauernde Lärm des Gewerbes , das sich auf den Straßen rührte , alles war mir neu und ganz dazu geeignet , die heitre Stimmung zu erhalten , in die mich der komische Kleine versetzt . In meiner neuen anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel , und jede Scheu verschwand , als ich wahrnahm , daß mich niemand bemerkte , ja daß mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab , mich anzuschauen , als ich mich neben ihn setzte . In der Fremdenliste hatte ich , meiner Befreiung durch den Prior gedenkend , mich Leonhard genannt und für einen Privatmann ausgegeben , der zu seinem Vergnügen reise . Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben , und um so weniger veranlaßte ich weitere Nachfrage . - Es war mir ein eignes Vergnügen , die Straßen zu durchstreichen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen , der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen . Abends besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge , wo mich oft meine Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern Empfindungen erfüllte . - Von niemanden gekannt zu sein , in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten zu können , wer ich sei , welch ein wunderbares , merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen , ja was ich alles in mir selbst verschließe , so wohltätig es mir in meinem Verhältnis sein mußte , hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches , indem ich mir selbst dann vorkam wie ein abgeschiedener Geist , der noch auf Erden wandle , da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst gestorben . Dachte ich daran , wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles freundlich und ehrfurchtsvoll grüßte , wie alles nach seiner Unterhaltung , ja nach ein paar Worten von ihm geizte , so ergriff mich bittrer Unmut . - Aber jener Kanzelredner war der Mönch Medardus , der ist gestorben und begraben in den Abgründen des Gebirges , ich bin es nicht , denn ich lebe , ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen , das mir seine Genüsse bietet . - So war es mir , wenn Träume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten , als wären sie einem anderen , nicht mir , geschehen ; dieser andere war doch wieder der Kapuziner , aber nicht ich selbst . Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen , aber wie ein tiefer , nie zu verwindender Schmerz tötete er oft die Lust , die mir aufgegangen , und ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen , womit mich immer mehr das Leben umfing . - Ich unterließ nicht , die vielen öffentlichen Häuser zu besuchen , in denen man trank , spielte u.d.m. , und vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden , in dem sich des guten Weins wegen jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft versammelte . - An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben Personen , ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich . Es gelang mir , den Männern , die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten , näher zu treten , indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank , endlich irgend eine interessante , literarische Notiz , nach der sie vergebens suchten , mitteilte und so einen Platz am Tische erhielt , den sie mir um so lieber einräumten , als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse , die ich , täglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft , die mir bisher unbekannt bleiben mußten , erweiterte , zusagten . So erwarb ich mir eine Bekanntschaft , die mir wohl tat , und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewöhnend , wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer ; ich schliff all die rauhen Ecken ab , die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig geblieben . - Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft , die ich besuchte , viel von einem fremden Maler , der angekommen und eine Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet habe ; alle außer mir hatten die Gemälde schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr , daß ich mich entschloß auch hinzugehen . Der Maler war nicht zugegen , als ich in den Saal trat , doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemälde , die der Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt . - Es waren herrliche Stücke , mehrenteils Originale berühmter Meister , deren Anblick mich entzückte . - Bei manchen Bildern , die der Alte flüchtige , großen Freskogemälden entnommene Kopien nannte , dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf . - Immer deutlicher und deutlicher , immer lebendiger erglühten sie in regen Farben . Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde . So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers , der mir den wunderbaren Knaben brachte . Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang mich , aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren , als mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt fiel , in dem ich die Fürstin , meine Pflegemutter , erkannte . Sie war herrlich und mit jener im höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit , wie Van Dyck seine Porträts malte , in der Tracht , wie sie in der Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte , gemalt . Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen , als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt aus ihrem Zimmer zu treten , um die Prozession zu beginnen , auf welche das versammelte Volk in der Kirche , die sich in der Perspektive des Hintergrundes öffnet , erwartungsvoll harrt . In dem Blick der herrlichen Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts , ach , es war , als schien sie Vergebung für den frevelnden frechen Sünder zu erflehen , der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen , und dieser Sünder war ja ich selbst ! Gefühle , die mir längst fremd worden , durchströmten meine Brust , eine unaussprechliche Sehnsucht riß mich fort , ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Zisterzienserklosters , ein muntrer , unbefangener , froher Knabe , vor Lust jauchzend , weil der Bernardustag gekommen . Ich sah sie ! - » Bist du recht fromm und gut gewesen , Franziskus ? « frug sie mit der Stimme , deren vollen Klang die Liebe dämpfte , daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte . - » Bist du recht fromm und gut gewesen ? « Ach , was konnte ich ihr antworten ? - Frevel auf Frevel habe ich gehäuft , dem Bruch des Gelübdes folgte der Mord ! - Von Gram und Reue zerfleischt , sank ich halb ohnmächtig auf die Knie , Tränen entstürzten meinen Augen . - Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig : » Was ist Ihnen , was ist Ihnen , mein Herr ? « - » Das Bild der Äbtissin ist meiner , eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich « , sagte ich dumpf in mich hinein und suchte , indem ich aufstand , so viel Fassung als möglich zu gewinnen . » Kommen Sie , mein Herr ! « sagte der Alte , » solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft , man darf sie vermeiden , es ist noch ein Porträt hier , welches mein Herr für sein bestes hält . Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet , wir haben es verhängt , damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben verderbe . « - Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg . - Es war Aurelie ! - Mich ergriff ein Entsetzen , das ich kaum zu bekämpfen vermochte . - Aber ich erkannte die Nähe des Feindes , der mich in die wogende Flut , der ich kaum entronnen , gewaltsam hineindrängen , mich vernichten wollte , und mir kam der Mut wieder , mich aufzulehnen gegen das Ungetüm , das in geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte . - Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize , die aus dem in regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten . - Der kindliche milde Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders anzuklagen , aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern feindlichen Hohn , der , in meinem Innern aufkeimend , mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben . - Nur das peinigte mich , daß in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein geworden . Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen , aber er büßte mit dem Tode ! - Aurelie lebt , und das ist genug , der Hoffnung Raum zu geben , sie zu besitzen ! - Ja , es ist gewiß , daß sie noch mein wird , denn das Verhängnis waltet , dem sie nicht entgehen kann ; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis ? So ermutigte ich mich zum Frevel , indem ich das Bild anstarrte . Der Alte schien über mich verwundert . Er kramte viel Worte aus über Zeichnung , Ton , Kolorit , ich hörte ihn nicht . Der Gedanke an Aurelie , die Hoffnung , die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen , erfüllte mich so ganz und gar , daß ich forteilte , ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht näher zu erforschen , was für eine Bewandtnis es mit den Gemälden haben könne , die wie in einem Zyklus Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten . - Um Aureliens Besitz war ich entschlossen alles zu wagen , ja es war mir , als ob ich selbst , über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend , niemals zu fürchten und daher auch niemals zu wagen haben könne . Ich brütete über allerlei Pläne und Entwürfe , meinem Ziele näher zu kommen , vorzüglich glaubte ich nun , von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu erforschen , die mir zu wissen als Vorbereitung zu meinem Zweck nötig sein konnte . Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn , als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloß zurückzukehren , und das schien mir nicht einmal ein sonderlich kühnes Wagstück zu sein . - Am Abend ging ich in jene Gesellschaft ; es war mir darum zu tun , der immer steigenden Spannung meines Geistes , dem ungezähmten Arbeiten meiner aufgeregten Phantasie Schranken zu setzen . - Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von dem seltnen Ausdruck , den er seinen Porträts zu geben wüßte ; es war mir möglich , in dies Lob einzustimmen und mit einem besondern Glanz des Ausdrucks , der nur der Reflex der höhnenden Ironie war , die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer brannte , die unnennbaren Reize , die über Aureliens frommes engelschönes Gesicht verbreitet , zu schildern . Einer sagte , daß er den Maler , den die Vollendung mehrerer Porträts , die er angefangen , noch am Orte festhielt und der ein interessanter herrlicher Künstler , wiewohl schon ziemlich bejahrt sei , morgen abends in die Gesellschaft mitbringen wolle . Von seltsamen Gefühlen , von unbekannten Ahnungen bestürmt , ging ich den andern Abend später als gewöhnlich in die Gesellschaft ; der Fremde saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische . Als ich mich setzte , als ich ihn erblickte , da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten entgegen , der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand und mich mit Angst und Entsetzen erfüllte . - Er sah mich lange an mit tiefem Ernst , aber die Stimmung , in der ich mich befand , seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte , gab mir Mut und Kraft , diesen Blick zu ertragen . Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten , und es galt , den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen . - Ich beschloß , den Angriff abzuwarten , aber dann ihn mit den Waffen , auf deren Stärke ich bauen konnte , zurückzuschlagen . Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten , sondern setzte , den Blick wieder von mir abwendend , das Kunstgespräch fort , in dem er begriffen gewesen , als ich eintrat . Man kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich Aureliens Porträt . Jemand behauptete , daß das Bild , unerachtet es sich auf den ersten Blick als Porträt ausspreche , doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen benutzt werden könne . - Man frug nach meinem Urteil , da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt , und unwillkürlich fuhr es mir heraus , daß ich die heilige Rosalia mir nicht wohl anders denken könne , als ebenso wie das Porträt der Unbekannten . Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken , indem er sogleich einfiel : » In der Tat ist jenes Frauenzimmer , die das Porträt getreulich darstellt , eine fromme Heilige , die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt . Ich habe sie gemalt , als sie , von dem entsetzlichsten Jammer ergriffen , doch in der Religion Trost und von dem ewigen Verhängnis , das über den Wolken thront , Hilfe hoffte ; und den Ausdruck dieser Hoffnung , die nur in dem Gemüt wohnen kann , das sich über das Irdische hoch erhebt , habe ich dem Bilde zu geben gesucht . « - Man verlor sich in andere Gespräche , der Wein , der heute dem fremden Maler zu Ehren in beßrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst , erheiterte die Gemüter . Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen , und wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen und dies innere Lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien , so wußte er doch , oft nur durch ein paar hineingeworfene kräftige Worte , das Ganze in besonderem Schwunge zu erhalten . - Konnte ich auch , so oft mich der Fremde ins Auge faßte , ein unheimliches grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken , so überwand ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung , von der ich erst ergriffen , als ich den Fremden erblickte . Ich erzählte von dem possierlichen Belcampo , den alle kannten , und wußte zu ihrer Freude seine phantastische Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen , so daß ein recht gemütlicher dicker Kaufmann , der mir gegenüber zu sitzen pflegte , mit vor Lachen tränenden Augen versicherte , das sei seit langer Zeit der vergnügteste Abend , den er erlebe . Als das Lachen endlich zu verstummen anfing , frug der Fremde plötzlich : » Haben Sie schon den Teufel gesehen , meine Herren ? « - Man hielt die Frage für die Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein , daß man noch nicht die Ehre gehabt ; da fuhr der Fremde fort : » Nun , es hätte wenig gefehlt , so wäre ich zu der Ehre gekommen , und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im Gebirge . « - Ich erbebte , aber die andern riefen lachend : » Nur weiter , weiter ! « - » Sie kennen « , nahm der Fremde wieder das Wort , » wohl alle wahrscheinlich , wenn Sie die Reise durch das Gebirge machten , jene wilde schauerliche Gegend , in der , wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt , sich ihm ein tiefer schwarzer Abgrund öffnet . Es ist der sogenannte Teufelsgrund , und oben ragt ein Felsenstück hervor , welches den sogenannten Teufelssitz bildet . - Man spricht davon , daß der Graf Viktorin , mit bösen Anschlägen im Kopfe , eben auf diesem Felsen saß , als plötzlich der Teufel erschien und , weil er beschlossen , Viktorins ihm wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen , den Grafen in den Abgrund schleuderte . Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons , und nachdem er seine Lust mit der Baronesse gehabt , schickte er sie zur Hölle , sowie er auch den wahnsinnigen Sohn des Barons , der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte , sondern laut verkündete : Es ist der Teufel ! erwürgte , wodurch denn aber eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde , das der arglistige Teufel beschlossen . Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise , und man sagt , er sei feige geflohn vor Viktorin , der aus seinem Grabe blutig emporgestiegen . - Dem sei nun allem , wie ihm wolle , so kann ich Sie doch davon versichern , daß die Baronesse an Gift umkam , Hermogen meuchlings ermordet wurde , der Baron kurz darauf vor Gram starb und Aurelie , eben die fromme Heilige , die ich in der Zeit , als das Entsetzliche geschehen , auf dem Schlosse malte , als verlassene Waise in ein fernes Land , und zwar in ein Zisterzienserkloster , flüchtete , dessen Äbtissin ihrem Vater befreundet war . Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner Galerie gesehn . Doch das alles wird Ihnen dieser Herr ( er wies nach mir ) viel umständlicher und besser erzählen können , da er während der ganzen Begebenheit auf dem Schlosse zugegen war . « - Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich gerichtet , entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme : » Ei , mein Herr , was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten , mit Ihren Morderzählungen zu schaffen , Sie verkennen mich , Sie verkennen mich in der Tat , und ich bitte , mich ganz aus dem Spiel zu lassen . « Bei dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug , meinen Worten noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben ; die Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers sowie meine leidenschaftliche Unruhe , die ich zu verbergen mich vergebens bemühte , war nur zu sichtlich . Die heitre Stimmung verschwand , und die Gäste , nun sich erinnernd , wie ich , allen gänzlich fremd , mich so nach und nach dazu gefunden , sahen mich mit mißtrauischen , argwöhnischen Blicken an . - Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren lebendigtoten Augen wie damals in der Kapuzinerkirche . - Er sprach kein Wort , er schien starr und leblos , aber sein gespenstischer Anblick sträubte mein Haar , kalte Tropfen standen auf der Stirn , und von Entsetzen gewaltig erfaßt , erbebten alle Fibern . - » Hebe dich weg , « schrie ich außer mir , » du bist selbst der Satan , du bist der frevelnde Mord , aber über mich hast du keine Macht ! « Alles erhob sich von den Sitzen : » Was ist das , was ist das ? « rief es durcheinander ; aus dem Saale drängten sich , das Spiel verlassend , die Menschen hinein , von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt . » Ein Betrunkener , ein Wahnsinniger ! Bringt ihn fort , bringt ihn fort « , riefen mehrere . Aber der fremde Maler stand unbeweglich , mich anstarrend . Unsinnig vor Wut und Verzweiflung , riß ich das Messer , womit ich Hermogen getötet und das ich stets bei mir zu tragen pflegte , aus der Seitentasche und stürzte mich auf den Maler , aber ein Schlag warf mich nieder , und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn , daß es im Zimmer widerhallte : » Bruder Medardus , Bruder Medardus , falsch ist dein Spiel , geh und verzweifle in Reue und Scham . « - Ich fühlte mich von den Gästen angepackt , da ermannte ich mich , und wie ein wütender Stier drängte und stieß ich gegen die Menge , daß mehrere zur Erde stürzten und ich mir den Weg zur Türe bahnte . - Rasch eilte ich durch den Korridor , da öffnete sich eine kleine Seitentüre , ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen , ich widerstrebte nicht