Alban und dem Herzog mochte er in dieser Stimmung nicht begegnen , gleichwohl verschmähete sein Stolz wie die Natur seiner Liebe jeden Schritt , den Blansche ' s Würde zu nahe trat . Unter wechselnden Stürmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt , was er zuvor als wünschenswerth und nothwendig erkannte , und vergeudete Zeit und Kraft in ungleichen Kämpfen . Er erfuhr , daß Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte , und wieder bei dem Herzog wohne . Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen . Er ritt und fuhr und ging spät und früh an dem dunkeln Eisengatter hin , ohne daß es sich gastlich wie ehemals vor ihm aufschloß . Es schien , die Familie verharre noch in der angenommenen klösterlichen Stille . Nur des jungen Bocourt Cabriolet sahe er zuweilen unter den Kastanien halten . Er ahndete wohl , was Frau von Saint Alban mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wünsche Louis hegen durfte . Gleichwohl konnte er dem unbefangenen , anspruchlosen Herzen nicht feind sein , das sich unter der stillen Begünstigung natürlicher Verhältnisse vielleicht zum erstenmale ganz einig fühlte . Er empfand sogar ein schmeichelndes , wohlthuendes Mitleid mit ihm und spürte selbst einige Neigung Louis Gutmüthigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen . Es dünkte ihm wahrscheinlich durch freie Eröffnung der wahrhaften Lage der Dinge , die Theilnahme des treuen Menschen zu gewinnen , er erwartete von der Uneigennützigkeit des geprüften , an nichts verwöhnten Gemüthes um so mehr , als er deren bedurfte . Selbst nicht aus noch ein wissend , in der Verwirrung dunkler , treibender Gefühle wenig auf Gottes Beistand rechnend , dachte er dem Geschick vertrauen zu müssen , das ihm vielleicht in Blansche ' s Verwandten einen Freund zuführte . Sehr überrascht war er daher , als er Louis bei ihrem nächsten Zusammentreffen etwas feierlich , bei weitem weniger schüchtern , vielmehr in der Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand . Alonzo brannte vor Ungeduld , die fremde angelegte Rinde zu lösen und zu dem Kern des wohlwollenden Innern zu kommen , doch jener blieb behutsam , sprach mit seiner gewohnten leisen Höflichkeit wenig , nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf alle Weise los zu machen . Haben Sie ihn auch umstrickt , dachte Alonzo , und führen sie ihn nun an den künstlich gesponnenen Fäden ? oder hat er sich selbst so diplomatisch überfeint ? Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetüncht bleiben ? Sie standen noch bei einander als mehrere französische Truppen-Detaschements , die früher Paris verlassen mußten , jetzt wiederkehrend , an ihnen vorbeizogen . Die vergelbten , abgeflachten Gestalten gingen unter brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Straßen . Der dünne Wirbel matter Trommeln , das Zittern heiserer Trompeten verkündete ihre unerfreuliche Ankunft . Die Menge achtete bei stetem Hin- und Hertreiben wenig auf sie . Einzelne blieben stehn , es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen , wie dunkle Flammen aus qualmender Gluth aufprasseln , der Name des Kaisers , Fluch der Fremden , Schmähung der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander . Gemüthloser Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen . Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lächeln . Das ist etwas ! sagte er , in den Kerlen steckt Nationalität , da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn , der gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen , da ist Kern und Mark , das macht sich wohl von selbst . Was , fragte Alonzo befremdet , was soll sich von selbst machen ? Eine Verfassung , entgegnete jener , die nicht da ist . Und die auch diese Uebermüthigen , fiel Alonzo ein , wahrhaftig nicht wollen , was sollte den Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins ? Erwarten Sie doch nichts von dem gährenden Unrath , dem der flüchtige Geist unter unnatürlicher Uebertreibung verflog . Glauben Sie mir , das gehet so in sich selbst und verbrökelt im Wechsel der Zeit . Ich meine nicht , sagte Louis etwas empfindlich , die Elemente sind offenbar vorhanden , sie verlangen nach Bestimmtheit , nach Farbe und Physionomie . Die haben sie schon , erwiederte Alonzo rasch , und eine so fertige , so ausgesprochene , daß sie an Carikatur gränzt , nicht ein Tüttelchen darf die Zeit hinzusetzen , so fällt das mürbe Staubwerk zusammen . Das Rad der Zeit , entgegnete jener , geht um sich selbst herum , was da ist , soll etwas , wo Leben zu spüren ist , dürfen wir an Verjüngung denken . Gallien hat sich vielfach verjüngt , sagte Alonzo lächelnd , doch waren es Fremdlinge , welche die verderbte Frucht zu brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen wußten . An solche Verjüngung will ich glauben . Es ist mit der Gesundheit , sagte Louis , nur überall nicht weit her , die Keime sind im Ganzen faul , denn ach du mein Gott , der Rock , den die Gegenwart angelegt hat , ist mit Lumpen geflickt , das hält nicht über das nächste Bedürfniß hinaus , in der Nähe kann man die Fasern nackt und blos liegen sehen , man zieht dann einen neuen an und es ist eben so gut . Alles bleibt am Ende gebrechliches Stückwerk und die Erfahrung giebt zuletzt noch die beste Auskunft , wie wir wieder nach Hause finden . Das ist überall Eins . Alonzo war es , als würde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben . Er war ganz still geworden . Das ist also Weisheit , dachte er , die an alles zweifelt und höchstens das Alte wiederkommen sieht , just so , wie es auf einem gewissen Punkt war . Auch dies warme Herz , das so liebendes Verlangen in sich trägt , ehe giebt er alles auf als das Eine , was ihm einen Leib gab , aus dem er nicht heraus kann . Er konnte nicht mit Louis streiten , und ihm auch nicht vertrauen . Er fühlte , sie verstanden einander nicht . Jener hatte sich gewissermaßen behauptet und war nun wieder mild und einlenkend wie immer . Man sahe offenbar , er war auf Alonzo aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet . Dies alles , was fremde Absichtlichkeit ahnden ließ , verschloß Alonzo Herz und Lippen , er trennte sich sehr lau und ging in verdrüßlicher Ungewißheit in sich selbst zurück . Auf seinen müßigen Streifzügen durch Straßen , über Plätze und Brücken gerieth er eines Tages an eine kleine Glücksbude . Unter leinenem Dach , auf niederm Schemel saß ein alter Invalide , die beiden Krücken lagen gekreutzt gegen seine Knie , neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde , den Becher und die Glückswürfel in den zitternden Händen . Das kleine braune Mädchen hielt einen schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand , von dem sie Nummern und Gewinnste ablas . Auf langen rothen Bändern , hingen in verschlungenen Bogen am Saum des überhangenden Daches grüne Börsen , Ringe und Tuchnadeln , Ohrgehänge , Uhrschlüssel und andrer schillernder Tand sorgfältig aneinander gereihet , und sahe vornehm auf braune Tabacksdosen , messingene Leuchter , Balsambüchschen und dergleichen mehr herab . Die blinde Glücksgöttin hatte Alonzo angelockt . Er setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken , das ihm der Alte herhielt und nahm die Becher , schüttelte die Würfel hin und her , und warf mahl auf mahl eine Niete . Er ward ärgerlich , auch in dieser Kleinigkeit kein Glück zu haben . Der alte Soldat lächelte über den Eifer des vornehmen Herrn , der so erpicht auf einen kleinen Gewinst schien . Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlüssel zu , mehr als Zierrath als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen . Die Blinde hatte ihn geschickt von dem Bande losgeknüpft und hielt ihn Alonzo hin . Dieser besann sich noch einen Augenblick . Nehmen Sie immer , sagte sie , er gehört ihnen . Sie bedürfen seiner nicht , setzte der galante Franzose hinzu , deßhalb hielt ihn das Schicksal so lange zurück ; die Herzen schließen sich Ihnen von selbst auf , hüten Sie sich keinen Mißbrauch davon zu machen . Ein Schlüssel ! dachte Alonzo , diesen gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend , welch Geheimniß soll er mir eröffnen ? Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn , vielleicht das Räthsel meines ganzen Lebens ! Er sahe die Alte scharf an , durch sie hatte er ihn bekommen , sie konnte , sie sollte vielleicht mehr für ihn thun , von Anfang her war sie ihm hier prophetisch gewesen . Immer hatte er sie vor einem entscheidenden Augenblick gesehen . Er beschied sie zu den andern Morgen nach seiner Wohnung , fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen . Noch in selbiger Stunde schrieb er Blansche : Ein wunderliches Wesen , von dem ich nicht weiß , wie es in meinen Weg kommt , noch was das Schicksal mit ihr will , bringt Dir diese Zeilen , liebste Blansche . Ich weiß nichts von Dir , als daß du mich liebst , daran glaube ich , darauf baue ich . Doch kann ich Frankreich nicht verlassen , ohne dich zuvor gesprochen zu haben . Du sollst über mich bestimmen . Ich verstehe nichts mehr von mir , von der Welt , von den Menschen , ich lebe und denke in Dir , Blansche . Kannst Du wollen , daß es anders sei ? O könntest Du dies zerrissene Innere sehen ! wüßtest Du , was an eines Menschen Seele zerren und martern kann ! - Und weißt Du es nicht , Blansche ? Bist Du so ruhig ? Ich beschwöre Dich , laß Dir von niemand Dinge einreden , die Deinem schönen Herzen fremd sind . Denke an Deinen armen Freund ! fühle , daß Du ihm mit dem holden , berauschenden Geständniß Deiner Liebe Rechte gegeben hast , die keine Klugheit , keine Rücksicht der Welt aufheben kann ; die ich , erwäge es wohl , nur mit meinem Leben aufgeben kann . Einmal nur laß mich Dich sprechen , ruhig , ungehindert , allein , Blansche . Kannst Du , so verbanne mich dann auf ewig von Dir . Denkst Du es zu können ? Unmöglich , unmöglich ! Was willst Du mit einem armen , nüchternen Leben ohne Liebe ? Sieh ich möchte dir alles opfern , Namen , Vaterland , den Stolz und die Hoffnung kühner feuriger Jugend , alle Gedanken , alle Wünsche , die mühselige Arbeit angestrengter Jahre , darfst Du zögern , Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen ? Hast Du ein anderes Glück als das meine ? Sieh ich bin so stolz , so kühn und dreist , wenn ich aus der Ferne zu Dir rede , und Du beherrschest mich so gewaltig , wenn ich Dich sehe , Blansche , um Gotteswillen mißbrauche Deine Gewalt nicht . Ich bitte Dich , versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen , als Dich streng und ernst wie neulich zu finden ! Nein , Blansche , nein , höre das voreilige Wort nicht , willige vor allem andern in meine Bitte , laß mich zu Dir reden , laß mich dir ein einzigesmal alles , alles sagen , was auf diesem Herzen lastet . Morgen Abend , schöne Blansche , bin ich an dem Gartenpförtchen , Engel , laß es mich offen finden ! und wenn Du wolltest - wenn du Deinem Freunde folgen könntest - ein Wagen ist bereit , meine angebetete Geliebte , England giebt dem Gedanken wie dem Herzen eine Freistatt ! - Die Alte kam des andern Tages . Alonzo sprach mit ihr . Sie verstand ihn schnell . Leicht , meinte sie , sei es , in des Herzogs Hause Eingang zu finden und ein Herzchen wie Blansche zu rühren . Vor Abend versprach sie Antwort . Es ward Alonzo ganz leicht . Es gab Augenblicke , wo er gar nicht an seinem Glücke zweifelte . Er konnte sich die Zukunft mit allem , was sie Reizendes hatte , ausmalen , das Aengstigende , Trübe legte er bei Seite . Blansche liebte ihn ja , was hatte er denn noch zu fürchten ! Gleichwohl liefen die Stunden ab , sein Herz schlug immer gewaltiger . Er hatte auf keiner Stelle Ruhe . Jetzt brachte man ihm einen Brief , die Blinde , rief er , und riß das Blatt von einander . Es war Philipps Hand , er schrieb ihm : » Mußten Sie denn mein stilles Innere aufreißen , um das Ihrige daran zu messen und zu beruhigen ? Warum berührten Sie ein Geheimniß , das geahndet noch zu zart ist , um es zu denken ? Sie haben dem leisen Traume Worte gegeben , und die bescheidene Woge über des Stromes Bett hinausgerissen ! Dachten Sie rein zu werden , wenn Sie sich Mitschuldige schufen ? Sie haben fehl geschlossen . Der Maaßstab , den Sie anlegen , paßt hier nicht . Anders ist es mit der Kunst , anders mit dem Leben . Mein schönes Ideal bleibt für alle Ewigkeit rein , wenn Sie das Ihrige im Sturm eigennütziger Leidenschaft tausendfach zerreißen . Dem Leben gehört der unstäte Wunsch , der Kunst die stille Anschauung . Was fahren Sie so ungestüm in den verborgenen Schacht , in welchem Sie nie zu Hause waren , wo Sie durch ihr dreistes Erscheinen nur hindern , ohne selbst belehrt zu werden ? Mißgönnen Sie mir den demüthigen Heiligendienst nicht , da Sie so laut den Göttern dieser Welt dienen ! Ihr Brief ist ein trüber Beleg , wie auch ein starkes Herz sich selbst untreu werden kann . Ich verstehe es nicht , Sie mit Worten zu bestreiten , es ist wohl so weitläuftig als unnütz . Doch wenn Sie mich mit den eignen Waffen zu schlagen glauben , so muß ich mich schon vor Ihnen behaupten , und Sie auf den Sinn aufmerksam machen , in welchem diese gebraucht wurden . Der Haß ist von dieser Welt , habe ich gesagt . Sie gehören in ihr , darum hassen Sie aus fester Seele , was nicht zu lieben ist . Werfen Sie nicht alles übereinander , verwischen Sie die Gränzen nicht ! es kommt nichts als Unsicherheit , Reue , Trotz und Kälte aus dem wüsten Selbstbetrug heraus . Gott allein darf alles lieben wollen , für uns giebt es Leben und Tod , Haß und Liebe ! - Machen Sie sich nicht weiß , Ihre Brust sei weit genug , die ganze Welt zu umfassen . Wir halten nichts , wenn wir nach allem greifen . Und tüchtig gefaßt will die Welt sein , hören Sie wohl , tüchtig , nicht lose und halb . Um Gottes Willen übertünchen und verkleiden Sie den gerechten Zorn nicht , der allein Versöhnung schafft ! Im Uebrigen sehen Sie zu , wie weit Sie das schmeichelnde Gelispel bestochener Sinne locken wird . Don Alonzo , Don Alonzo , darf auch ein dritter zwischen ihnen und der Ehre den Dolmetscher machen ? Stolzer Castilier , konnte es dahin kommen , und duldet die freie Brust das kranke Herz ! « Neunzehntes Kapitel Der Abend dunkelte durch die Fenster , Blitze zuckten in der Luft , der Regen schlug rasselnd gegen die Fenster . Alonzo hielt Philipps Brief in der Hand und sah starr in das Unwetter hinein . Da klopfte es leise . Das braune Kind führte die blinde Mutter über die Thürschwelle , Haar und Kleider trieften , die Alte schauerte fröstelnd zusammen . Mühsam wickelte sie aus einem alten Stück Leinen einen kleinen Zettel , den sie Alonzo mit zitternden Händen hinhielt . Er griff hastig danach , seine Blicke verschlangen die kleinen , mit Bleistift geschriebenen Zeilen , er las folgendes » Das Gartenpförtchen wird sich gegen 11 Uhr Abends öffnen , ich werde Sie sprechen . - Blansche « - Gold fiel in der Blinden Schoos , Alonzo drückte ihr taumelnd die welken Hände , Himmel und Erde war sein , er hätte alle Herzen beglücken , alle Thränen trocknen mögen . Sie ließ das Geld prüfend zwischen den Fingern hin und her fallen , dann wog sie das Sümmchen bedächtig , indem sie sagte , man sollte denken , mir wäre der Schlüssel zu verborgenen Goldkammern zugekommen , aber das bedeuteten mir die funkelnden Sterne . Meine arme Augen , fuhr sie fort , haben Sie niemals gesehen , doch müssen Sie es sein , ich erkannte Sie an der Stimme , Sie sind mir im Traume erschienen . Alonzo ward es unheimlich , als sie jetzt Zug für Zug seine Gestalt beschrieb , und dann fortfuhr : ich mußte Sie just über dieselbe Brücke führen , wo wir neulich zusammentrafen . Die Brücke war sehr lang , über uns hing eine dunkle Wolke , sie sah aus wie ein langer fliegender Mantel . Sie gingen ganz stolz vor mir her , und es kam mir zuletzt vor als stünden Sie in der Wolke und stießen mit dem Kopf gegen den Himmel . Ich hatte ängstlich in die Höhe gesehen , da stolperte ich und es war mir als schlüge mich jemand in den Rücken , so daß mir der Kopf auf die Brust sank und ich niedersahe , ich erschrak aber sehr , als mir zwei rothe Blutstropfen über die Stirn rannen und auf die Erde niederfielen . Ich lasse Dir mein Herzblut zurück , sagten Sie , und als ich aufblickte , waren Sie und die Wolke fort , aber im Osten funkelten viele , viele tausend Sterne und ein weißlicher Streif zog durch die rothe Gluth . Meiner Liebe Himmel ! rief Alonzo ganz entzückt , du hast auch mir den Weg dahin gebahnt , gute Alte , dein stiller Abend soll nun ferner auch hell und ungetrübt bleiben . Er drückte noch mehr Geld in ihre Hand und geleitete sie freudig an die Thür . Das Wetter tobte indeß ungestüm fort . Alonzo zitterte , daß Blansche vielleicht gehindert werden könnte , Wort zu halten . Doch wickelte er sich in seinen Mantel und ging ungeduldig durch Regen und Sturm dem ersehnten Augenblick entgegen . Er kam an der kleinen Thür an . Es war noch meist um eine Stunde zu früh , alles war dunkel , das Schloß verriegelt , unter ungeduldigen Herzschlägen die Hand an den Degen gelegt , ging er auf und nieder , als halte er Wache hier . Die schwanken Baumstämme jenseit der Mauer wanden sich ängstlich unter heulenden Windstößen , das Laub schüttelte sich rauschend , es rang und arbeitete peinlich in der Natur . Alonzo setzte sich ermüdet auf einen Stein an der Thür . Die Knie übereinandergeschlagen , seine Waffen im Arm , saß er , den Kopf auf die Brust gesenkt , tiefsinnig da , und ließ es nun über sich toben und flüstern und wimmern , er hörte auf nichts als Blansche ' s leisen Schritt , den er alle Augenblicke über den knirrenden Kies zu vernehmen glaubte . Die Zeit verging langsam , allerlei lief ihm durch den Sinn , er hatte die Augen geschlossen und sah in wachsender Fiebergluth Bild auf Bild vor sich aufsteigen . Die Blinde , der alte Stelzfuß , dann ein hoher , greiser Herr in seiner Landestracht , sahe ihn streng und scheltend an , Alonzo kannte ihn wohl aus alter Bildersammlung , es war sein Ahnherr , den er frühe ehren gelernt . Die hohe Gestalt schien ihm so ängstlich nahe , daß er aufsprang und einen Schritt zurücktrat . Alonzo , rief eine leise Stimme , die Thüre ging auf , Blansche trat heraus , hinter ihr ein Mann , dessen Gesicht im Mantelkragen verdeckt lag . Bei seinem Anblick alles , auch Blansche vergessend , zog Alonzo das Schwerdt aus der Scheide , und : der dritte ist hier überflüßig , rufend , drang er auf den vermummten Begleiter ein . Sehen Sie um sich , sagte Blansche mit gebietender Stimme , dieser Boden hat schon einmal theures Blut getrunken , zügeln Sie die Unglück bringende Hand ! Alonzo ließ Arm und Degen sinken und mit einem Schauer , als stehe Turgis Schatten mit aufgehobenem Finger vor ihm , fragte er leise , was wollen Sie mit mir , Blansche , machen Sie es kurz , ich bin gefaßt . Die Erinnerung , mein armer Freund , entgegnete sie sanft , die Sie jetzt so lähmend trifft , sagt Ihnen , was für diese Welt zwischen uns steht . Es ist nicht des Bruders junger , früh geopferter Leib , es ist die Unvereinbarkeit ewig geschiedener Elemente . Alonzo , es ist ein Wahn , das Leben auf ungleichem Boden gestalten zu wollen . Niemand kann aus sich heraus . Sie können uns das nie verzeihen , der Haß bahnt sich tausend Wege , beflecken Sie die Liebe nicht so sehr , sie in solchen Kampf herabzuziehen ! Ein andrer Erdenfleck ward Ihnen angewiesen , ein andrer mir , was die Gränzen überstrahlt , ist ein himmlisches Licht , es scheint eine kleine Weile , dann zieht es sich betrübt zurück , es weilt nicht auf dieser Erde . Sie gehören hier nicht her , ich habe das immer beklemmend gefühlt , die Angst hat mich in Ihrer Nähe nie verlassen , darum mein Freund - sie drückte leise seine Hand , ihr Blick lag ungewiß und bang am Boden , Alonzo fühlte ihre Finger auf den seinigen ruhend , ohne aus seiner starren , düstern Hingebung zu erwachen . Wir trennen uns , flüsterte Blansche kaum hörbar , dies Leben gehört der Pflicht , ich habe es mir gelobt , vor diesem Zeugen wiederhole ich es Ihnen und mir . Philipp schlug den Mantel zurück und faßte bebend ihre dargereichte Hand . Alonzo sahe ihn verwundert an . Jetzt bog ein Reisewagen um die Ecke , Alonzo erkannte Gepäck und Leute , es war sein eigner , ha ! ich verstehe , rief er , heftig zitternd , Blansche stand abgewandt , ihre Brust arbeitete unter leisem Schluchzen . Nach Osten , sagte Philipp , die Hand nach dem klaren Himmel hebend , der von dort aus die tief blauen Gewitterschauer langsam aufrollte . Nach Osten , wiederholte Alonzo langsam . Er sank an Philipps Brust , Thränen erstickten seine Stimme . Darauf den Kopf muthig in die Höhe gehoben , sagte er , mit kräftigem Blick und Händedruck : junger Preuße , ihr tapfres Volk war der Wegweiser für Europa , ich folge Ihnen , treuer Bundesgenosse ! - Nach Rom dann , sagte Philipp , Alonzo schüttelte ihm bejahend die Hand . Da warf sich Blansche an sein krankes Herz , der Scheidekuß , rief sie , sei Ihre Weihe . - Er drückte sie heftig an sich , - Blansche , Blansche stammelte er unter unsäglichem Schmerz - sie wand sich sanft los und verschwand hinter der zufallenden Thür . Stumm standen beide Freunde einander gegenüber . Ein stiller Heilgendienst ? war es nicht so ? fragte Alonzo nach einer kleinen Weile . Philipp winkte bejahend . Es mag , fuhr jener fort , leicht der einzige Weg zum Glücke sein , was wir im Leben anfassen , es ist todt und welk , - Philipp führte ihn schweigend zum Wagen . Als sie nun einstiegen und der Postillion in sein Horn stieß und die Räder sich fortbewegten , da brach Alonzos letzte Kraft zusammen . Er warf sich in die Ecke des Wagens , und weinte ohne alle Kraft , dem Schmerz zu widersteh ' n. Philipp hatte seine Hand gefaßt , er wagte kein Wort in den augenblicklichen schweren Kampf hineinzureden . Der Wagen rasselte über das Steinpflaster , sie fuhren über die Brücke , wo der Alten kleine Bude stand , Alonzo bog sich weit zum Schlage hinaus , das Wetter war still und klar , tausend Sterne funkelten über seinem Kopf , im Osten dämmette schon die rothe Morgengluth , jetzt waren sie an der Barriere , Alonzo riß plötzlich seine Hand aus Philipps los , warum folge ich Ihnen dann , rief er mit wildem Blick , was wollt Ihr Alle von mir , wer hat über mich zu gebieten ? Blansche , entgegnete Philipp , Sie wissen ' s ja - o Gott , o Gott , rief Alonzo , beide Hände vor die Augen drückend , sie - freilich sie will es ! Was , hub Philipp nach kurzer Pause an , was hoffen Sie denn auch , nach dem letzten , höchsten Moment ihres ganzen Lebens noch Großes zu gewinnen ? Blansche lag an Ihrer Brust , sie gehörte Ihnen - was noch kommen konnte , was ist ' s dagegen . Im Genuß spürt der Mensch die Armuth des Daseins . Wie voll und lebendig der Gedanke , wie reich die Phantasie . Das Errungene , Erlebte , wie trübe und gemischt , wie kahl und nüchtern ; glauben Sie ' s doch , nur in der schaffenden Kraft des Gedankens ist Leben ! Zwanzigstes Kapitel Wochen waren verflossen . Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom : » Von den Stufen der versöhnten , verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen , meine hohe , strenge Mutter . Wenn die Liebe mich das Leben vergessen ließ , so wußte sie auch Wege zu finden , mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen . Worte sagen nicht , was ich hier erfuhr . Der Mensch wähne nicht , große Offenbarungen kommen ihm durch sich selbst . Auge und Sinne müssen empfangen , ehe die Seele erzeugt . In den Schauren geheimnißvoller Stille sahe Jesu Auge aus menschlicher Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prüfung wie die Weihe des Lebens . Wem die Glorie göttlicher Sendung nie geleuchtet , wer vor dem herandringenden Geheimniß niemals erbebte , wer das tiefsinnige Räthsel in des Menschen , in des Geweiheten Nähe nicht empfand , den durchzuckte nie höhere Ahndung , dem ist das Innere todt . Ich bin gestärkt , zu neuem Dasein gerüstet . Mein Vaterland ruft mich , vieles verwirrt sich dort aufs neue , vieles muß sich lösen . Sie sehen mich in Kurzem wieder . Was aus der Vergangenheit mir blieb , möge Sie nicht stören , es ist die still begleitende Wehmuth , die niemand , der die Welt erkennt , verläßt . Sie sind gerecht , deßhalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewiß . « - Während Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zurückwarf , bereitete dieser auf solche Weise seine Rükkehr nach Spanien vor . Er hatte sich schon von seinem treuen Gefährten getrennt , als er , recht wie ein Abschiedsgruß des kurzen , schwindenden Traumes , einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt ; sie schrieb ihm : » Wüßten Sie , wie schwer es mir geworden ist , was es mich gekostet hat , wie lieb ich Sie habe ! doch alles war dagegen , ich sahe es wohl nachher , wie sehr ich mich auch anfangs selbst betrog . Ich habe geweint , geschluchzt , mit mir , mit dem Herzoge gescholten , ich wollte Blansche den letzten Abend , der mir so viel Thränen gekostet hat , zurückrufen , Sie im Triumph in unser Haus einholen , ich wäre Ihnen um den Hals gefallen , - aber was wäre es gewesen ? Sie hätten mich nicht verstanden , so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd , das ist es eben ! das hat mich in den Tod beleidigt , das vergißt sich nicht . Lieber guter , junger Freund , der Mensch stelle sich wie er wolle , er ist unter Bedingungen da , von denen hängt er ab , die lassen ihn nicht , Sie nun ganz und gar gehörten nicht zu uns . - Blansche ist so vernünftig , so still und freundlich ! das liebe Kind ! gestern fragte der Herzog seine Nichte , ob sie sich der Worte noth erinnere , die sie ihm bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe : es giebt Verhältnisse , die das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen . Blansche küßte seine Hand , und erwiederte lächelnd , ich habe noch nicht aufgehört so zu denken . Mein armer Alonzo , thut Ihnen das wehe ? - Ich berge es Ihnen nicht , lieber Freund , ich habe viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht . Bocourt ist so bescheiden , er versteht das sanfte Kind so gut , aber es wird nichts draus ! Blansche liebt ihn wie einen Bruder , doch ich glaube , sie stürbe lieber als diesen Schritt zu thun . Sie fragte mich gestern , wo nähme ich denn ein Gemüth zu solchem Betruge her ? - Ich schwieg , lieber Alonzo , ich erröthete vor mir selbst , Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem Gleichgewicht , ich beneide sie darum ! Ich fürchte , Blansche hat weit anderes im Sinn . Sie geht fast täglich nach dem Kloster St. Genevieve . Klage ich darüber , so sieht sie mich so bittend an , daß es mir das Herz bricht . Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schönen La Vallière . Armand mußte es ihr herunterheben , sie wischte und säuberte daran und betrachtete es mit leidenschaftlicher Theilnahme . Blansche ! rief ich , Thränen stürzten mir aus den Augen , sie flog an meine Brust , ich zog sie sanft an mich , mein Kind , fragte ich leise , denkst du daran mir Schmerz zu machen ? sie weinte ; was recht ist , sagte sie darauf , wird Sie nicht betrüben . Ich weiß es , Alonzo , ich werde Himmel