für die Nothwendigkeit unsichtbarer Verbindung durch alle Welten . Er verlor sich in die weiten Sternenräume , bezog ihren Lauf auf des Menschen Dasein und Bestimmung , und verwirrte sowohl Gegenstand als Ausgangspunkt des Streites , durch das Viele und Seltsame , was er durcheinander warf . Ohne so weit auszuholen , sagte Adalbert einlenkend , würden mehrere Erfahrungssätze schon hinlänglich für das Ferngefühl beweisen , und da dieses , einmal angenommen , auf Schritte , oder Meilen ausgedehnt , seiner Idee nach immer dasselbe bleibt , so kann ich aus meinem eigenen Leben einen furchtbaren Beitrag zu vielen andern hierüber gesammelten Beobachtungen liefern . Er schwieg einen Augenblick , und schien die raschen Worte zu bereuen , alles war indeß gespannt , und man drang lebhaft in ihn , fortzufahren . Ich hatte , begonn er endlich , in den schönen Jünglingstagen , wo das Herz so neu und die Hoffnung so frisch und muthig ist eine holde Freundin gefunden , die ihr junges , liebliches Leben , in der zärtlichen Anhänglichkeit zu mir , jeden Tag reizender entwickelte . Familienbande hatten sie mir , wie Dich meine Marie , nahe gebracht . Des Jünglings Seele will durch eine freundlichere Hand geweckt sein , als die gewohnten Tagesverhältnisse ihm zuführen . Sie berührt zugleich sein ganzes Dasein , und öffnet alle verschlossenen Behälter des überschäumenden Jugendlebens . Ich liebte in dem zarten Kinde die Welt , meine Bestimmung , die Ehre , Gott , eine tiefe unergründliche Unendlichkeit . Unsere Verbindung entwickelte sich mit unsern Ansichten und Vorstellungen von dem Leben . Die Politik der Eltern meiner Geliebten führte indeß eine andere Sprache als unsere Herzen , das arme Kind ward für das Kloster bestimmt . Ich wüthete , drohete , versuchte das Unerhörteste , die Jugend erschöpft sich nie in Hoffnungen , aber sie weicht mit gesunder Kraft schnell dem Unabwendbaren . Ist das Entscheidende einmal geschehn , so kehrt der Muth in sich selbst zurück , und erträgt ein Uebel , das er vorher mit Riesengewalt von sich zu stoßen bemüht war . Meine junge Freundin hatte ein ergeben , fügsam Gemüth , sie konnte sich dem Willen der Eltern nicht widersetzen . Aber ihr zartes Herz brach unter den Ketten , die auf ihr lasteten . Man hatte sie unbarmherzig von der Welt und ihrer freundlichen Bestimmung geschieden . Ein Jahr lebte sie das trübe , enge Klosterleben , in zweckloser Vorbereitung , denn sie starb , noch ehe sie den Schleier nahm . Die Veranlassung ihres Todes blieb mir lange verborgen . Nach mehreren Jahren erfuhr ich das Nähere hierüber aus einem Briefe der Aebtissin jenes Klosters . Es ist vergebens , schrieb mir diese , man versucht es nie ungestraft , Gott zu täuschen , hier hat ein unmündig Kind des Herrn Sache geführt . Am Tage der Einkleidung - Adalbert ward durch Antoniens Annäherung unterbrochen , sie war aufgestanden und stellte sich hinter seinen Stuhl , er wandte sich seitwärts gegen sie , und richtete seine Worte zu ihr hin . Am Tage der Einkleidung , fuhr er fort , war die Novize bereits im Begriff , den Eid abzulegen , als ein wunderbares Kind betäubt zur Erde sinkt , und in einem Zustande , den ich Schlaf nennen muß , laut in die Versammlung ruft , und der Freundin heißt , das Bild wegwerfen , das sie an goldner Kette im Busen trägt , es drücke ihr das Herz entzwei ! - Der Marquis faßte Antoniens Hand , die kalt und zitternd in der seinen lag . - Adalbert hielt einen Augenblick inne , ihre Bewegung auf rückkehrendes Uebelsein deutend , denn sagte er weiter : Es war mein Bild , mein unglückselig Bild , was auf dem armen , gequälten Herzen verborgen lag , niemand wußte darum , auch das Kind hatte es nie gesehen . Die Unglückliche bebte bei den fürchterlichen Worten , und , sich zur Aebtissin neigend , reißt sie selbst in unvorsichtiger Bewegung das stumme Zeugniß ihrer verrätherischen Liebe an das Licht . Aller Augen richten sich darauf , dumpfes Murren rollt zu ihr heran , und , als habe sie Gottes Gericht getroffen , so stürzt sie leblos nieder und kehrt niemals zur Vernunft zurück . Antonie schlug hier beide Hände zusammen und mit aufwärtsgerichteten Blicken ging sie schweigend zur Thür hinaus . Der Marquis und der Arzt folgten ihr nach , allein sie hatte sich in dem entferntesten Zimmer eingeschlossen , und antwortete keinem von beiden auf ihr wiederholtes Andringen , eingelassen zu werden , denn sie lag betend am Boden und gelobte es sich , Gottes Fingerzeig von nun an streng zu folgen . In ihr war kein Zweifel mehr . Es lag klar und unwidersprechlich vor ihr ; sie war Adalberts Schutzgeist . Schon damals hatte sie ihn vor der ewigen Verdammniß gerettet , einen Meineid veranlaßt zu haben , das Herz mußte brechen , das er dem Himmel entrissen hatte , ehe es sich neuem Frevel hingab . Später hauchte sie den Tod von seiner Stirn , und gestern zerbrachen die unglückseligen Vermählungsringe in ihrer Hand , als warnend untrügliches Zeichen . Niemand hatte das beachtet , sie wußte es jetzt , ihr war es Pflicht , ein Band zu trennen , gegen welches Gott gesprochen hatte . Der Marquis belehrte , rückkehrend , die Anwesenden von dem Antheil , welchen Antonie an jenem Ereigniß hatte . Adalbert erschrak heftig . So nahe stand ihm das Werkzeug ewiger Rache ! Sein Verhältniß zu dem seltsamen Wesen schien ein anderes geworden , und wie eine Geweihete mußte er sie betrachten , als sie ruhig , ja heiter , zur Gesellschaft wiederkehrte . Auf Marien hatte Adalberts Erzählung ebenfalls einen peinlichen Eindruck gemacht . Die frühe Jugendliebe erschien ihr so reizend ! Adalbert noch so innig , so leidenschaftlich , in ihr fortlebend ! Sie erinnerte sich des schönen , früh gefallenen Opfers gar wohl . Der Tag war ihr immer unvergeßlich geblieben . Es war , als sähe sie die bleiche , schmachtende Gestalt in diesem Augenblicke niedersinken , und durch eine wunderbare Täuschung der Sinne , lieh sie dieser die eigenen Züge , wie sie ihr unendlich Leid in sich selbst übertrug . Sie konnte sich der Thränen nicht enthalten , ihr Herz schlug so ängstlich , sie sank an Adalberts Brust , der sie liebreich , aber verstört und eigen zerstreut , an sich drückte , ohne gleichwohl nach der Ursach ihres Kummers zu fragen . Die Präsidentin nutzte die allgemein verbreitete Stimmung zu ihrem Vortheil , und sehr überzeugt , daß ein jeder willig etwas außer ihm liegendes ergreifen werde , schlug sie vor , eine von ihr kürzlich verfaßte Dichtung vorzulesen . Sie hatte richtig geurtheilt . Ihr Anerbieten ward von allen Seiten , sowohl aus Artigkeit , als Mißbehagen mit der innern Gegenwart , angenommen . Man schloß sogleich einen engen Kreis um die Vorleserin , die , mit voller , angenehmer Stimme , recht wohltönende Worte las . So viel Behendigkeit sie indeß im Auffassen und Darstellen gesellschaftlicher Verhältnisse , eigenthümlicher Sonderbarkeiten der Menschen , und daraus entstehender Verwirrungen des Lebens und der Schicksalsbestimmungen besaß , so fehlte es ihr doch gänzlich an Umsicht und Tiefe , wenn sie über diese leicht angedeuteten Kreise hinausschweifte . Da sie nun jetzt durch eigenes und fremdes Mißgeschick widerwärtig getroffen , politische Ansichten und Zwecke schärfer ins Auge gefaßt und häufig in sich umhergeworfen hatte , so wagte sie sich unbedacht in dies weite Feld ; das sie noch unsicherer betrat , indem sie den Schauplatz nach dem Oriente verlegte , wohin die Phantasie nur unbequem hinübergetragen und in die entwachsene Märchenform gezwängt wurde . Den Zuhörern war dabei , als seien sie auf einem Maskenball . Bei jedem Schritte stießen sie auf ein Bekanntes , dessen Verkleidung gleichwohl , wie eine abhaltende Scheidewand , die alte Vertraulichkeit hinderte . Man war zu Hause und auch wieder nicht , der Standpunkt für Wahrnehmung und Mitgefühl blieb verrückt , niemand konnte mit der behaglichen Theilnahme recht zu Stande kommen , da die Ereignisse , statt frisch und beweglich aus gesunder Wurzel zu erwachsen , wie eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Erfahrungssätze , aufeinander gepackt dalagen , und das Schmerzliche , was ein jeder in der Zeit mit durchlebt , mit durcharbeitet hatte , das im rüstigen Gegenstreit überwunden war , jetzt schroff und schneidend in die Seele zurückfiel . Zudem griffen die häufig vorkommenden politischen Diskussionen alte Streitpunkte ungeschickt an , und da sie sämmtlich , auf Zufälligkeiten begründet , aller soliden Basis ermangelten , so verletzten sie nicht selten Wahrheit und Sitte , und ließen alle Partheien unbefriedigt . Es stand daher nach beendigter Vorlesung mit der geselligen Heiterkeit um nichts besser , als zuvor , und die Verlegenheit , mit welcher ein jeder das dürftige Lob über kaum geöffnete Lippen drückte , gehörte in die Reihe aller peinlichen Zustände , die an diesem Tage auf einander folgten . Der Herzog nahm indeß ziemlich mürrisch den Faden der Unterhaltung bei der eben verhandelten Politik auf , und brachte das Gespräch nach und nach leidlich in Gang . Er griff die Präsidentin nicht ohne Gründe an , behauptete indeß mit seiner gewohnten Strenge , Frauen haben gar keine Stimme über öffentliche Angelegenheiten , weil ihnen der innere , wie der äußere Maaßstab , zu deren Beurtheilung , fehle . Was , fragte er , wollen Sie als Grundsatz , was als Zweck annehmen ? Sie haben nur Familienruhe , Lebensglanz , oder höchst abentheuerliche Weltbürgerliche Ideen im Sinne . Gewöhnlich ist etwas Einseitiges der trübe Quell ihrer Ehr- und Freiheitsliebe ; ja sie haben kein anderes Vaterland , als den engen Raum , welchen die vier Pfäle ihrer häuslichen Wirksamkeit einschließen . Die Welt mögen sie hier ahnden und fühlen , Liebes-und Lebensverhältnisse mögen sie hier begründen , aber Staatsverhältnisse werden sie nie begreifen , weil diese auf Bedingungen beruhen , deren Wesen ihnen nur undeutlich vorschwebt . Abgeschlossenes Recht , Gewalt , erfassender Wille , stehn ihnen so fern , wie der hohe Gedanke königlicher Weltherrschaft . Sie träumen davon , wie von allem , aber empfunden hat es keine . Viktorine , auf welche diese Worte hauptsächlich gerichtet waren , nahm sie auch ganz ausschließend übel auf . Ihr Mann focht mit den Engländern gegen das Vaterland , und so wenig man es tadeln mochte , daß sie sein Verfahren , wie die hierbei zum Grunde liegende Ansichten , billigte , so konnten es ihr die Männer niemals verzeihen , daß sie mit sarkastischen Ausfällen solche angriff , welche anderen Grundsätzen folgten . Sie stand daher in einer Art kriegerischem Verhältniß mit Vielen unter ihnen , wenn Andere im Gegentheil die Oriflamme in ihrer Hand gewünscht hätten . Jetzt insbesondere hatte sie sich in ihrer einmal genommenen Stellung zu behaupten . Sie vertheidigte sich daher nachdrücklich , doch , wie immer , ohne Wortreichthum , mit gedämpfter , etwas gedehnter , Stimme , welche den bescheidenen Rückzug anzukündigen schien , im Grunde aber den Feind zu heftigerem Angriff verlocken sollte . Den Sinn für Ehre , sagte sie sanft , werden Sie uns wenigstens lassen müssen , da sie es allein ist , um derentwillen wir die Männer lieben . Drehen Sie den Satz um , unterbrach sie der Herzog lachend , Sie lieben die Ehre , der Männer willen . Denn diese Gattung der Ehre liegt außerhalb ihrer Welt . Aber es ist Frauenart , sich in alles Fremde hineinzuwerfen und das Einzelne ins Allgemeine , Gränzenlose auszudehnen . Die Theilnahme an dem Ruf , der günstigen Stellung eines Mannes , macht ihnen glauben , ihr Wesen wie das der Männer überhaupt , glühe und flamme in Thatendurst und ritterlichem Stolz . Ihr Wesen ist Liebe , wenn sie lieben , verstehn sie alles , sind sie alles , aber sie sollen sich auch nur liebend zeigen . Bei ihrem Antheil an dem Heil und Segen eines Staates , eines Volkes , soll immer die zärtliche Sorge für befreundete Wesen und durch diese für alle Menschen hervorsehen , denn das Wort Volk an und für sich , ist ihnen nichts , so wenig wie Staat und Regierung . Sie schweigen zu dem Allem , flüsterte der Chevalier Antonien zu , haben Sie nichts zur Rechtfertigung Ihres Geschlechtes zu erwiedern ? Wir sollen lieben , sagte sie zerstreuet , war es nicht so ? Erschreckt Sie das Gebot , fragte er leiser , wollen Sie ihm folgen ? können Sie es Antonie ? Sie sah ihn befremdet an , eine wunderliche Röthe flammte über ihre Stirn , sie rückte einigemal ängstlich hin und her , dann , als könne sie seine Nähe nicht ertragen , stand sie hastig auf , und setzte sich an das andere Ende des Zimmers . Der Herzog fuhr indeß fort , seinem Unwillen Luft zu machen . Wüßten die Frauen nur , sagte er weiter , wie sehr sie sich aus dem Vortheil geben , wenn sie sich an etwas wagen , dem sie nicht gewachsen sind . Die fremden Mienen zu den fremden Gedanken und Worten , die erhöhete Stimme , die unnatürliche Gluth in ihren Augen , und all die gemachte Exaltation , lassen es die Männer vergessen , wer gegen sie streitet , Worte reihen sich an Worte , und wenn der Mann sein Leben an eine Meinung setzt , wodurch behauptet sich die Frau vor sich und der Welt , hat sie die Würde ihres Geschlechtes verletzt ? Viktorine stand aufs höchste beleidigt von ihrem Sitze auf ; Thränen des allerbittersten Unmuthes traten ihr in die Augen . Der Herzog faßte sie begütigend bei der Hand , warum , sagte er sanfter , wollen sie dem Schicksal etwas abtrotzen und sich dürftig aneignen , was Ihnen nicht werden sollte ? warum wollen sie sich des schönen Vorrechtes begeben , durch ihr bloßes Erscheinen zu herrschen , Gesinnungen wie Thaten zu zügeln . Was sollen Ihnen die ungeschickten Waffen , die sie nicht zu lenken wissen , die unsicher umher schwanken , und meist nur sie selbst verletzen . Niemals , versetzte Viktorine , werde ich mich überzeugen , daß wir aus irgend einer Sphäre menschlicher Wirksamkeit ausgeschlossen seien . Wie häufig sind es grade Frauen , welche die Zügel des Staates geheim und sicher lenken , und nicht selten verdanken es die Männer nur ihnen , wenn sie auf ihrem rechtem Platze stehn . Meine schöne Freundin , entgegnete der Herzog , in Staatsintriguen sind die Frauen immer die Ueberlisteten , sie werden zufällige Mittel , man giebt ihnen ein buntes Seilchen in die Hand , und macht ihnen weiß , sie lenken das gewaltige Fahrzeug , indeß sie selbst weit sichrer durch Eitelkeit , Ruhmsucht und andere unreine Motive gelenkt werden . Weiser Einfluß , sagte die Präsidentin , ist sehr wohl von gewinnsüchtiger Intrigue zu unterscheiden . Wie viel erhabene Fürstinnen haben durch ihr ruhiges Erkennen , geschicktes Sondern , und schnelles Durchdringen , Gatten und Söhne zum Vortrefflichen geführt , wie viele waren selbst vom Throne aus das Heil ihrer Völker . Es ist wohl unleugbar , hub hierauf der Doktor an , daß den Frauen ein Organ für jedes Verständniß inwohnt ; und sie augenblicklich in verwandtliche Berührung mit allem setzt , was ihnen nahe tritt . Sie erlangen dadurch eine geheimnißvolle Gewalt über Dinge und Menschen , welche selbst der gesellschaftliche Sprachgebrauch zauberisch nennt . Solch ein Zauber war von jeher anerkannt , die königlichen Frauen der Vorzeit übten ihn , mittelbar in das äußere Leben und dessen Gestaltung einwirkend ; aber es gehört dazu das treueste Verharren in der eigenen Natur , denn , wie es Ihre Worte erschöpfend sagten , in der Liebe , welche der Frauen Wesen ist , verstehn und sind diese allein jedes und alles . Als nun hierauf Viktorine unversöhnt und die Präsidentin unbefriedigt die Gesellschaft verließen und der kleine Kreis sich immer enger zusammenzog , fragte der Chevalier die Baronin , wie ihr die Vorlesung behagt habe ? Ich kann das noch nicht wissen , erwiederte sie . Noch nicht ! wiederholte er , mein Gott , wann wollen Sie es denn erfahren ? Ich weiß nicht , war ihre Antwort , vielleicht zufällig einmal , wenn mir die Dichtung ganz von ohngefähr in die Hände fällt und ich sie wieder vergessen habe . Mir ist es allezeit ängstlich , Werke meiner Bekannten von ihnen selbst vortragen zu hören . Ich behalte kein freies Urtheil dabei . Mir ist bange , sie entweder zu überschätzen , oder nicht hoch genug zu stellen . Darüber geht mir der Totaleindruck verloren . Es ist so schwer , Menschen , die man essen und trinken , Gewöhnliches im Tageslauf denken und thun sieht , plötzlich auf einer höhern Stufe zu erblicken , sie dreist zu der ganzen Welt reden zu hören , man kann sich nicht einbilden , daß dies nicht zuviel gewagt sei , man vermischt die einzelnen Stunden der Erhebung mit ihrem übrigen Leben , und glaubt sie früherhin oder jetzt mißkannt zu haben ; so wird das Urtheil trübe , und es kommt zu keinem gesunden Gedanken . Antonie , welche während dem unruhig auf und ab gegangen war , fragte jetzt den Arzt , ob man nicht in alten Büchern das Leben jener wunderthätigen Frauen , deren er zuvor Erwähnung gethan , aufgezeichnet fände ? und ob sie solche Schriften wohl zu lesen bekommen könne ? sie erinnere sich aus ihrer Kindheit , ein Lied von einer Zauberkönigin gehört zu haben , es schwebe ihr aber nur ganz dunkel vor , sei ihr auch nichts Besonderes daraus erinnerlich , allein sie fühle oft eine wehmüthig Sehnsucht nach dem alten Liede , und möge gern etwas ähnliches hören . Der erfahrene Mann sah mit Bedauern , daß seine unschuldigen Worte die kranke Phantasie des armen Kindes in ein dunkles Meer verwirrender Bilder hineingezogen hatten . Er lenkte daher ihren Wunsch , mehr über das geheime Wirken einzelner Geweiheten der Vorzeit zu erfahren , auf die genauere Kenntniß der Naturkräfte überhaupt ; rieth ihr , beweglichern Verkehr mit dem Lebendigen ; freien , vertrauten Umgang mit der Gegenwart zu pflegen , verhieß ihr freundlich , sie in das geschäftige Innenleben der Natur einzuführen , und suchte ihren Blick auf alle Weise von dem trüben Wiederschein verblichener Gestaltungen abzulenken . In Antonien war aber das Wort Zauberei wie ein zündender Funke hineingefallen . Sie dachte , es ist alles unbegreifliches Wunder , was uns umgiebt , warum sollen wir selbst nichts Wunderbares vollbringen dürfen ! Und gäbe es einen Zauber , ihn an mich zu bannen , wie ich an ihn gebannt bin , weshalb sollte ich nicht ? - Es giebt so viel Verborgenes im Menschen , wovon er selbst nichts weiß - Gott hat es ihm eingepflanzt - Gott will - Sie konnte es nicht vergessen , wozu sie Gott ausersehen habe . Ihre Eltern fielen ihr ein . Sie konnten nicht von einander laßen , sagte sie ! - ihr Herz bebte in freudigem Entzücken ; sie beschloß , sich dem Marquis zu nähern , von ihm über vieles Auskunft zu erhalten . Auch das Anerbieten des Arztes nahm sie an , sie hoffte , mehr unter seiner Anleitung zu ergründen , als er ihr offenbaren konnte ; denn gewinnen mußte sie sich den Geliebten , das war im Himmel wie in ihrem Herzen beschlossen ! Dreizehntes Kapitel Während ein unnatürlich Beginnen der nothwendigen Ordnung des Lebens vorgreifen wollte , entfaltete sich der Frühling nach alten , ewigen Gesetzen , und schien es den Menschen an das Herz zu legen , sich der stillen Führung der Natur ruhig zu überlaßen . Unwetter und Stürme hatten ausgekämpft , die Erde lachte ein neues Dasein in jedes Herz hinein , ihre feste Rinde gewann ein lockeres duftiges Ansehn , man sah sie arbeiten , und wenn sie Abends wogender Dampf umzog , und wieder in ein großes Meer umzuwandeln schien , schwirrende Insekten durcheinander brausten , und tief unten alles hämmerte und pochte , dann fühlte jeder die Welt aufs neue in sich entstehn ! Marie , wie Giannina und Alexis , waren die allerseligsten Kinder ! Tagelang schweiften sie umher , sie waren nicht im Hause zu erhalten , und Marie , welche im Kloster ein eigenes Gärtchen hatte , ließ nicht ab mit Bitten , bis ihr Adalbert auch jetzt ein Sommerhaus , mit recht freundlicher Umgebung , vor dem Thore miethete . Hier war sie ganz in ihrem Element , sie verstand und trieb die Blumenzucht mit vielem Eifer . Alexis ging ihr dabei ganz besonders zur Hand . Der Knabe hatte Geschick und Trieb zu allem , was er Andere machen sah , deshalb war er auch überall , wo es etwas zu thun gab , und überall aufmerkend , behend und tauglich . Giannina lief viel hin und her , allein mit der Arbeit wollte es nicht recht von statten gehn , indeß erhielt sie das Geschäft stets heiter , und Adalbert mußte sich eingestehn , daß er nichts reizenderes kenne , als die drei zarten Wesen , welche , wie Elfen auf grünem Boden , ihr freundlich Beginnen so leicht und anmuthig förderten . Sie hatten recht nach Feeenart einen Blumenthron unter zwei dicht ineinander verwachsenen Ulmen erbauet . Eine Wand schlanker Kelchblumen , hoher Feuerlilien und glührothen Mohnes , faßte den lieblichen Sitz ein , am Boden blüheten Doppelveilchen und Anemonen , den Rasen aber bezog ein Gewinde der schönsten Vinka . Adalbert saß hier oft Stundenlang , und tändelte mit Marten , die , immer geschäftig , sich nur einzelne Augenblicke abstahl , um dem geliebten Mann in die Arme zu fliegen , und allen freundlichen Spott und die tausend kleinen Neckereien von seinem Lippen wegzuküssen . Nicht selten feierte Giannina solche Augenblicke mit ihrer Herrin , und , sich in die Zweige der starken Ulme schwingend , saß sie über dem jungen Ehepaare , wiegte sich nachläßig in dem Grün , und stimmte ein scherzendes Liedchen auf ihrer Mandoline an . Einst waren alle hier versammelt , als die Baronin herzukam und Marien bat , sie nebst mehrern Andern auf einem Spatziergang den Rhein hinunter zu begleiten , wo sie in einer Meierei zu Abend essen und Nachts zu Wasser rückkehren wollten . Marie ließ sich sogleich willig finden . Giannina sollte ihr Instrument mitnehmen , Alexis , der zeither ganz artig das Flageolet blies , durfte auch nicht fehlen , man versprach sich unendliches Vergnügen . Auch Adalbert ward bestürmt , mit zu gehn , er hatte noch Geschäfte , wollte indeß gewiß nachkommen . Antonie war mit dem Marquis ; man wußte nicht , ob sie zu dem lustigen Feste gestimmt seien , doch ward Bertrand aufgetragen , sie einzuladen , wenn sie aus ihren Zimmern kämen . Die Andern waren zum Aufbruch bereit . Marie hatte ihren Strohhut mit Mohn geschmückt , und sah sehr reizend aus , als sie , von ihren jungen Gefährten begleitet , den Zug eröffnete . Giannina wußte sich nicht zu laßen vor innerer Lust , sie bewegte den kleinen Körper in tausend zierlichen Verdrehungen , spielte , sang und tanzte , und zwang Alexis , in ihre komische Liedchen und Geberdensprache mit einzustimmen . Adalbert blieb noch auf seinem Platze sitzen , sah innerlich entzückt der anmuthigen Frau nach , und sich selbst in unzählige liebliche Bilder hinein , bis der Blumenduft , das Säuseln der Blätter , die schwüle Stille um ihn her , seine Augen schloß und er fest einschlief . Nicht lange , so theilte sich die Blumenwand hinter ihm , Antonie beugte sich leise hervor , legte ihre rechte Hand unter sein Herz , und flüsterte , mit den Lippen fast seine Schläfe berührend : » Laß mein Bild in Dich eingehn , halte es fest , wie es der Traum Dir zeigt , werde mein für alle Ewigkeit . « Sie wiederholte die Worte mehreremale , wie lebhaft sich auch Adalbert regte , und gegen den Traum anzukämpfen schien , endlich seufzte er tief , öffnete seine Arme , und breitete sie ihr entgegen . Antonie hauchte einen flüchtigen Kuß über seine Lippen , und zog sich hinter die Blumen zurück . Es war bereits dunkelnder Abend geworden , als die Fehlenden , einer nach dem andern , zur übrigen Gesellschaft stießen . Marie flog Adalbert entgegen , er begrüßte sie zerstreut , seine Blicke flogen überall unruhig umher , endlich fanden sie Antonien , diese saß im Hintergrunde unter dem Vorgebäu der Hausthür , um welche die Uebrigen einen Kreis geschlossen hatten . Ihr schneeweißes Kleid , das in einen hohen , weit abstehenden Kragen , dicht unter dem Kinn , zusammenlief , das Blendende ihrer fast blutlosen Haut , und die großen , dunkelglühenden Augen , gaben ihr in der abendlichen Dämmerung etwas überaus Wunderbares und Schauerliches . Adalbert bebte , als er sie sah , doch konnte er seine Augen nicht von ihr wenden . Sie schien gelassen , nur einmal fiel ihr Blick mit unbeschreiblicher Gewalt auf ihn nieder . Er senkte , wie davon getroffen , den Kopf auf Mariens Schulter , hinter deren Stuhl er stand , diese bog das Gesichtchen nach ihm zurück , so daß ihr Mund seine Wange streifte . Zum erstenmal befiel ihn tödtliche Angst bei ihren Liebkosungen , er machte sich schnell los , und eilte in das Gärtchen der Meierwohnung . Hier traf er den Herzog , welcher mit großer Aufmerksamkeit den Fleiß und die Anordnungen des thätigen Besitzers beachtete . Alles war hier wohl übersehen , benutzt und bekommen . Innerer Wohlstand , Stille und behagliches Gnügen , schienen durch die einfache Anlage hindurch zu sehen . Der Herzog redete gebrochenes deutsch mit den Arbeitern , er schien über manches Auskunft zu wünschen . Als er Adalbert ansichtig ward , ging er ihm heiter entgegen ; und indem er ihn auf die friedliche Betriebsamkeit der Leute aufmerksam machte , sagte er : mein Sohn , man ist nicht unglücklich , wenn man so ein stürmisches Leben beschließt . Adalbert sah ihn betroffen an , als er fortfuhr : für uns ist wenig anders zu erwarten . Die thörigen Träume , welche wir lange nährten , schrumpfen zu nichts zusammen . Unser Vaterland ist ein anderes geworden , seit die Republik sich konstituirte . Die Ruhe kehrt allmählich darin zurück , aber weder mein Einfluß , noch die alte Stellung zur Welt , kehren wieder ; damit ist es vorbei , wie mit dem Glanz unsers Hauses , ich lerne das begreifen , deshalb freue ich mich jetzt Deiner einfachen Aussohnung mit dem Schicksal , Deiner frühen Resignation ! Du hast ein häuslich , bescheiden Weib zur Gefährtin gewählt , ich hatte Anfangs andere Pläne , ich dachte Antonie - Antonie , rief Adalbert entsetzt , Antonie mein Vater ! Laß Dich das nicht befremden , entgegnete der Herzog , sie ist ein wunderbares Wesen von königlichem Stolz und hoher Entschlossenheit , sie hat mir oft seltsame Gedanken gegeben , ich konnte nie in ihre Augen sehen , ohne so etwas von Weltherrschaft zu träumen . Laß das jetzt ! es ist so besser , ich sehe das ein . Zwar glaube ich , hat sie Dich geliebt , heftig , gewaltsam , wie ihre ganze Natur es fodert , aber auch das ist wohl vorbei ! Und Du hast glücklicher für Dich , für uns Alle , gewählt . Die stille heitere Marie paßt sich wohl für ein beschränktes Dasein , das unser aller Loos geworden ist . Mich drückt dies auch nicht mehr . Das Leben reibt nach grade alle Stacheln der Ehrsucht stumpf . Wie ich hier so mitten in der kleinen Schöpfung stand , und die Familie ihre Geräthschaften nach gethaner Arbeit bei Seite legte , die Hände freudig schwenkend zusammenschlug und nun Feierabend machte , mir ward mit ihnen wohl , unzähligemal habe ich Deine Marie so spielend arbeiten sehen , ich mußte mit Liebe an sie denken , und ich kann sagen , ich freuete mich Deiner Wahl zum erstenmal recht von Herzen . Er umarmte hier Adalbert und führte ihn zu der Gesellschaft zurück . Die war besonders laut und aufgewekt . Das Abendessen war bereit . Man saß um einen runden Tisch . Antonie hatte noch ihren vorigen Platz , der Kreis war dadurch nicht geschlossen , daß man neben ihr einen Raum ließ für die Ab- und zu- Gehenden aus dem Hause . Adalbert stand , ohne es zu wollen , neben ihr , doch redeten sie einander nicht an , beide aßen nichts , sondern tranken nur ein wenig Milch . Sein Blut kochte , die Hand zitterte ihm , mit der er an Antonien vorbei , nach dem Glase faßte , unversehens vergriff er sich , er nahm Antoniens Glas , das er mit wilder Hast herunterstürzte . Indeß hatte die fröhliche Laune allgemein um sich gegriffen , auch der Herzog war munterer als je , und stimmte schöne Kriegslieder an . Adalbert mußte auch singen , er stockte erst , dann aber ward er ganz zu Flammen und Gluth , die eigene Stimme schien ihm den Taumel seines Hochzeitsabends zurückzurufen , er kannte sich kaum noch ! Auch Giannina und Alexis waren durch die anregende Abendluft , den Gesang , den würzigen Duft der Wiesenkräuter , wie betäubt . Das ausgelassene Mädchen tanzte mit ungewöhnlicher Heftigkeit , und fast gänzlichem Zerfließen der üppigsten Geberden , die Tänze ihres Landes ; die Saiten schrillten wunderbar dazwischen , und wenn sie auf dem Anger , in dem heraufgezogenen Mondlicht so leicht hinschwebte , glaubte man wirklich , eine feenartige Erscheinung zu sehen . Der Kahn war jetzt angekommen , der sie zurückführen sollte . Es war an keinen Aufschub mehr zu denken . Man stieg ein . Adalbert nahm das Ruder , um