mich . Was war die Ursache ihres plötzlichen Uebelbefindens ? - Er wußte es , das war sichtbar . Ja , er schien es veranlaßt zu haben . Wodurch ? - O trügt mich nicht die Stimme meines Herzens ! - - Geduld ! das kann nicht verborgen bleiben . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde , wie dank ' ich es ihr , herzliebste Mutter ! daß sie mich früh vor Hochmuth und vor allem Tand , der vom ewigen Frieden abziehen kann , gewarnt haben . Wie leicht könnt ' ich sonst nun eine dumme Thörin werden , und glauben , das , was das Glück mir gäbe , oder was andere in übertriebener Einbildung mir zuschrieben , wäre ich selbst . Nein ! nein ! herzliebste Mutter ! vertraue sie nur auf Gott ! Er hat mich bisher vor solchem dummen Uebermuth bewahrt , und wird es auch ferner . Es kam mir einmal der schlechte Gedanke , ich wolle ihr , herzliebste Mutter ! etwas verheimlichen , damit sie sich nur keine unnöthige Sorge machen möge . Aber das war Abends , und als ich am andern Morgen meine Haare flocht , und sie vor dem Spiegel aufstecken wollte , konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen . Vor Unmuth fing ich bitterlich an zu weinen , dann aber faßte ich mich und dachte : es gehe , wie es wolle ! deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles . Was meint sie nun wohl , herzliebste Mutter ! sey auf dem Bilde , was Herr Stephani malt , vorgestellt ? - Ich selbst , sagt der Fürst . Nicht wahr , sie erstaunt ? Ich aber bin noch weit mehr erstaunt , und habe nichts davon glauben wollen . Ich solle nur Fränzchen fragen , und ob ich mich nicht erinnere , wie das Kind gesagt habe ? ich werde am meisten darüber erschrecken und mich freuen . Nun erschrack ich wirklich , und zwar so , daß ich kein Wort mehr vorbringen konnte . Glaubst du nun noch nicht - fuhr der Fürst fort - daß du eines Thrones würdig bist ? Gnädigster Herr ! - antwortete ich , und fing heftig an zu weinen - wessen ich würdig bin , das weiß ich wohl ! nämlich , daß sich Gott meiner erbarme , und mich vor Hochmuth bewahre . Mein Gott ! - rief er - was bewegt dich so tief ? Gnädigster Herr ! - sagt ' ich - ich weiß es selbst nicht recht ; aber mir ist schon seit einigen Tagen so zu Muth ; denn ich sehe wohl , daß mein Leben ganz anders wird , als ich es mir gedacht habe . Wie hast du es dir gedacht ? - So soll es werden ! das betheure ich dir bei meiner fürstlichen Ehre ! Gnädiger Herr ! - rief ich , weinte noch viel stärker , und fiel ihm zu Füssen - Sie werden Ihr Wort erfüllen ! denn Sie haben es immer gethan . So werde ich es ferner thun . Und darum steh ' auf , und sage mir Alles . Nun stand ich auf , und sagte : wie gern wollt ' ich es , wenn ich es nur recht könnte . Du wirst es können . Sammle dich , und verbanne alle Gedanken der Furcht . Gnädigster Herr ! - hub ich nun an - Sie verstehen mich am besten , wenn ich von dem Leiden der Menschen , und von dem Wunsche , ihnen zu helfen spreche . Werden Sie mich aber auch verstehen , werden Sie mir glauben , wenn ich Ihnen sage , daß ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit , ja , daß ich eine ordentliche Sehnsucht nach ihr habe ? - Gnädigster Herr ! Ihre Zimmer sind schön ; Ihre Gemälde sind unaussprechlich schön ; aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nähe . - Man braucht nur einen der Menschen , die hier aus- und eingehen , zu sehen , fort ist alle Freude . Eine Angst , eine Beklommenheit überfällt einen . - Man muß fort , und oft dünkt einem , irgend ein Unglück folge dicht auf der Ferse - dünkt einem , fliehe man nicht schnell , werde man sich selbst verlieren . Mir das , Gretchen ! Ach ! ach ! - rief ich nun schluchzend - ich weiß es wohl , daß ich Ihnen weh thue ! und Gott ist mein Zeuge ! wie Sie mir letzthin erzählten : Sie haben mich im Traume mit ein Paar Flügeln gesehen , dacht ' ich gleich : ach , hättest du nur ein Paar solche Flügel ! wärst du nur ein recht starkes übermenschliches Wesen ! du rissest ihn gleich heraus , und brächtest ihn dahin , wo Fried ' und Seligkeit ist . Wo ist Friede ? Wo ist Seligkeit ? - auf Erden nicht mehr ! Da sey Gott vor ! Ach gnädiger Herr ! wüßten Sie nur , wie einem so in einem kleinen , reinlichen Stübchen zu Muthe ist ! Ein weisser hölzerner Tisch , ein Strohstuhl , ein reinliches Bettchen . Ach , so wie in meines Vaters Hause ! Und des Sonntags noch Alles ganz anders ! und an den Festtagen himmlisch schön ! und keine Lüge , kein Betrug ! Alles ein Herz und eine Seele ! Und das man weiß , was man hat , haben Tausende , und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden , und wenn man es verliert , kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden . Wie ? dieses ruhige Glück wäre das , was du suchst ? du ? die hinaus will in die Welt unter Noth und Jammer ! Ich sprach nicht von mir , gnädiger Herr ! Ich wollte nur sagen , daß es gewiß noch Fried ' und Seligkeit auf Erden giebt . Welches beides dennoch von dir verschmäht wird . O glauben Sie das nicht , gnädiger Herr ! Wer weiß aber besser , als Sie , daß der eine Mensch so , der andere so empfindet ? Mir läßt es nun einmal keine Ruhe , und wenn ich auch wenig hätte , würde ich doch denken : es giebt Tausende , die noch weniger haben . Darum , gnädigster Herr ! fleh ' ich Sie an , lassen Sie mich ziehen und thun , was mein Herz mir gebeut ! Sonderbar , daß die ganze Welt sich deines Mitleids erfreut ! wir allein , meinst du , bedürfen dessen nicht . Ach , gnädigster Herr ! wäre Ihnen denn mit meinem Mitleiden gedient ? - Nun wandte er sich schnell von mir ab , und ich fürchtete schon , er würde sich wieder erzürnen ; als er mit einemmale wieder auf mich zukam und sagte : Aber wie , wenn mir nun damit gedient wäre ? - Wie , wenn ich es darauf wagte ? Ach , Sie würden sich irren , gnädiger Herr ! Sie verlangen weit mehr . Und was wäre dieses Mehrere . Sie verlangen , daß ich glücklich seyn soll . Und , nicht wahr ? das ist mit mir , an meiner Seite unmöglich ? O , nicht unmöglich mit Ihnen , an Ihrer Seite ! aber an Ihrem Hofe . Wie , wenn ich ihn abschaffte ? Gnädigster Herr ! Sie spotten meiner nicht ; wenn aber Jemand dieses hörte , würd ' er es glauben . Was er glauben würde , weiß ich nicht ; aber sehen würde er , und wahrscheinlich zum erstenmale : daß es in den Augen eines Mädchens ein Fehler ist , Fürst zu seyn . Ach ja , gnädigster Herr ! und er würde mich auslachen , und darum sehen Sie wohl , daß ich mich an einen Hof niemals schicken werde . Und darum ? O , darum lassen Sie mich ziehen ! Und wie es mir dann geht ? - Wie kommt es , daß diese Frage dir gar nicht einfällt ? O , sie fällt mir ein ! Es wird Ihnen gut gehen , und Sie werden bald wieder einsehen , was Sie schon lange gewußt und eingesehen haben : daß Sie zum Fürsten geboren sind , und ich zur Niedrigkeit und Verborgenheit . Verborgen ! wenn du dein Leben Hunderten widmest ? O ja , gnädigster Herr ! Stiften Sie nur das Kloster ! Dann trag ' ich ein Kleid , wie Alle , die darin sind , und wer kann dann gerade wissen : ob es Diese oder Jene ist , die Diesem oder Jenem geholfen habe ? - Er sah mich nun wieder unbeschreiblich gütig an , und sagte : Wohlan , ich stifte das Kloster ! Die Schwärmerei hat ihre Periode , wie die Ruhmsucht , und beides sind Krankheiten , die geheilt werden können . Worüber lachst du ? Daß Sie mich für krank halten . Jetzt sah er wieder etwas verdrüßlich von mir weg , fragte dann aber mit einemmale : Wer soll die Gesetze für das Kloster erfinden ? - Du ? Jetzt , gnädiger Herr ! spotten Sie meiner ganz gewiß . Nichts weniger ! Der Gedanke kommt von dir , und die Gesetze eines Andern könnten dir vielleicht nicht gefallen . Wenn sie von Ihnen kommen , werden sie mir schon gefallen . Auch das , daß die Nonnen niemals ein Gelübde ablegen , und das Kloster verlassen können , wann sie wollen ? - Das vor allem Andern . Wohlan ! Deine Bitte ist dir gewährt . Ich stifte das Kloster . Nun fiel ich ihm wieder zu Füssen , und dankte ihm mit tausend Thränen . Er aber hob mich ganz gerührt wieder auf , und sagte : Thue nur so etwas nicht mehr ! denn ich kann es nicht tragen . Gehe , du heiliger Engel ! meine Geschäfte rufen mich jetzt . Und wenn du dann ausziehst , den Verlassenen zu helfen ; so denke , daß ich der Verlassenste von Allen bin . Diese Worte drangen mir , wie ein zweischneidiges Schwerdt durch die Seele ; ich konnte meine Thränen nicht mehr stillen , und als ich durch die häßlichen Menschen in den Vorzimmern ging , dacht ' ich recht mit Unwillen : o möcht ' euch Gott bessern , oder Alle vertilgen ! Da ihr den vortrefflichen Mann so unglücklich macht , daß er sich für den Verlassensten von uns Allen hält . Stephani an seine Verwandten . Franz behauptete schon seit mehreren Tagen : Gretchen wisse von dem Bilde . Auch war sie sichtbar verändert , und ihr unschuldvolles Himmelauge begegnete dem meinigen nicht mehr . Gestern kam dann auch die Antwort von Pisa , und ich mußte zum Fürsten . Er empfing mich sehr ernst ; aber doch gütig , und auf die Nachricht mit sichtbarer Freude . Dann aber brach er schnell ab , und ließ einige Gemälde , die er gekauft hatte , und über welche er meine Meinung wissen wollte , herein bringen . Es waren zwei vortreffliche darunter , eine Madonna , und ein Johannes in der Wüste . Wir sprachen viel über die Stellung der Ersten , und von der gefährlichen Klippe , bei Darstellung heiliger Gegenstände an der Grazie zu scheitern . Er behauptete : sie solle ganz bei denselben verbannt werden ; ich aber sucht ' ihm das Gegentheil zu beweisen . Er brauste auf , wie gewöhnlich , und ließ mich nicht zu Worte kommen . Endlich wurd ' er aber doch aufmerksam , als ich sagte : es kommt Alles darauf an , über die Bedeutung des Wortes Grazie einverstanden zu seyn . In dem Sinne , in welchem ich es nehme , muß ich darauf bestehen , daß kein heiliger Gegenstand richtig ohne dieselbe dargestellt werden könne . Und ich sage dir : daß mich gerade diese verwünschte Grazie bei der Madonna ärgert , und daß ich sechsmal so viel , wenn sie das Bild nicht hätte , dafür bezahlt haben würde . Mit Recht ! denn sie ist ihr einziger Fehler . Heute verstehst du dich wohl selbst nicht . Ich glaube doch . Nehmen Sie ein gesundes Kind , in den ersten Monaten seines Lebens , befreien sie es von seinen Windeln ; oder noch besser , sorgen Sie , daß es nie welche gehabt habe , legen Sie es auf den Rasen , schützen Sie es vor Hitze und Kälte , und vor einem unbefriedigten Bedürfnisse . Geben Sie nun Acht auf die Bewegungen dieses Kindes , und Sie werden erstaunen , keine einzige unmalerisch , im Gegentheile alle höchst graziös , höchst malerisch zu finden . Woher kommt das ? Daher : daß die Grazie tief in der heiligen Natur liegt , und eben deswegen allen heiligen Gegenständen vorzugsweise zukommt . Daher : daß sie nur der höchsten Unschuld eigen ist , und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen Kindern , oder bei Menschen , welche diese göttliche Reinheit nie verloren , gefunden werden kann ; nicht sowohl dem Plumpen und Rohen , als dem Erlernten und Conventionellen entgegengesetzt ist . Wer dieses bezweifelt , kann augenblicklich durch die französische Grazie überzeugt werden . Und die griechische ? Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben . Sie wurde dargestellt , ohne begriffen zu werden . Ein Produkt reiner Naivität . Denn offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr , als sie sagen wollten , oder sich bewußt waren , gesagt zu haben . Inspirirte , die ihre selbstverkündigten Orakel nicht verstanden . Gleichwohl können nicht alle ihre Werke von dem Conventionellen freigesprochen werden , und ermangeln eben deswegen der wahrhaften Grazie . Eine Behauptung , der man noch so lange widersprechen , als man fortfahren wird , Reiz mit Grazie zu verwechseln . Wie aber , wenn man dir sagt : deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmuth heissen ? So würde ich das nicht zugeben , sondern nur eingestehen , daß sie nicht ohne Unschuld bestehen könne , ohne darum die Unschuld selbst zu seyn . Wer das Erste wiederum bezweifelt , betrachte nur einen , in allen sogenannten Künsten der Grazien vollkommen geübten Wüstling , und sehe zu , ob er sich das heimlich Verrenkte , Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen läugnen kann . Gewiß und wahrhaftig giebt es aber doch Menschen , welche , obwohl durchaus unschuldig , der Grazie gänzlich entbehren . Allerdings ! und dieses beweißt abermals , daß sie nicht die Unschuld selbst ist . Nun ! was ist sie denn ? Die zarteste Blüte vollkommen menschlicher Organisation ! Welche leider durch Erziehung oft im Keime erstickt , oft , wenn dieses auch nicht geschehen , durch widriges Schicksal am Entfalten gehindert , durch Laster völlig zerstört wird ; deren Anblick aber , wo sie sich noch findet , das Auge des Kenners mit hohem Entzücken erfüllt . Rosamunde ! Rosamunde hat sie im hohen , Margarethe im höchsten von mir erblickten Grade . Und man kann mit Wahrheit sagen : die ganze Fülle der menschlichen Gottheit , der göttlichen Menschheit ruhe in ihr . Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg , und ging mit heftigen Schritten auf und ab , ergriff dann aber sichtbar gerührt meine Hand , und sagte : O du fühlst ganz ihren Werth ! aber dir wird sie nicht werden , und mir auch nicht . Nach langem Stillschweigen setzt ' er hinzu : weißt du , daß sie uns verläßt ? - Nein ! - sagt ' ich - auch ist es mir unglaublich . Unglaublich ? - Warum ? Ach ich kann es nicht sagen ! aber es widersteht Allem , was ich denken kann . Warum sollte sie uns verlassen ? Weil sie das Glück , welches sie hier genießt , nicht mehr tragen kann . Ich sah ihn an , ohne zu antworten . Ja ! ja ! - fuhr er mit bitterm Lächeln fort - bei einem hölzernen Tische , einem Strohstuhle , einem reinlichen , aber ärmlichem Bettchen , in einem niedrigen Zimmerchen , da kann man viel glücklicher seyn , als bei uns . Und wenn nun Sonntags , oder wohl gar Festtags die Glocken läuten , dann steigt die Glückseligkeit bis zu einem überirdischen Grade ! - Es ist zwar ganz hübsch bei uns , meine Gemälde , unter anderm , ganz erträglich ; aber was sie umgiebt , gar zu häßlich . Ich ein armer , mitleidswerther Mann , den man gern , wär ' es nur möglich , aus dieser höllischen Pracht reissen möchte , und da dieses nun nicht möglich ist , rathe was geschieht ! Ich sah ihn abermals , von der Bitterkeit seines Tones erschreckt , fragend und stillschweigend an . Du erräthst es nicht ? - Nun wohl , so erfahre es dann ! Ein Kloster wird gestiftet ; ich selbst muß es stiften . Nicht etwa , damit sie die Oberste und Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde . O nein ! das ist ihr Alles ganz gleichgültig , lästig sogar . Die Hauptsache ist und bleibt , daß sie ein Kleid , wie die Andern bekomme , damit sie nicht erkannt , nicht verlacht werde , wenn sie nach Osten und Westen zieht , die Kranken , Nothleidenden , Verwundeten aufzusuchen . Ja ! ja ! staune , wie du willst ! Das bleibt die Hauptsache . Und wenn du ihr auch die unbeschreibliche Glückseligkeit des hölzernen Tisches , des Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst ; so wähne darum nicht , sie zu halten : denn so lang ' es noch Tausende giebt , die auch das nicht haben , bleibt sie dir nicht . Bedürfte sie der Gesundheit nicht unumgänglich , würde sie es unfehlbar unerträglich finden , nicht krank zu seyn , weil Tausende es sind . Wie es aber dir , wie es mir geht ; ob wir von Sehnsucht verzehrt werden - das kümmert sie nicht . Der himmlische Vater , auf welchen sie sich freilich in Ansehung der Andern nicht verläßt , wird schon für uns sorgen . Du hast deine Kunst , ich mein Reich , und damit Gott befohlen . Und Sie haben wirklich Ihre Einwilligung gegeben ? Konnt ' ich sie verweigern ? - Sie beweist mir , daß mir mit ihrem Mitleid nicht gedient sey . Daß ich weit mehr , daß ich ihr Glück , ihre Zufriedenheit verlange . Daß aber daran bei uns nicht zu denken sey , war nach ihrer Meinung längst erwiesen , Sie wird uns auf ewig verlassen ? Nein ! Das ist das Einzige , was ich mir bei dieser unerhörten Schwärmerei vorbehalten habe . Die Nonnen können das Kloster verlassen , wann sie wollen , und es wird in meiner Nähe gestiftet . Gott sey gelobt ! Was hilft es dir ? was mir ? - Wofern wir nicht dafür sorgen , krank , oder verwundet zu werden , wird sie uns schwerlich erscheinen . Und darum mache nur schnell Anstalt zu einem Bilde für mich . Ganz eigentlich für mich ! Aber in keiner himmlischen Glorie will ich sie haben ! So , wie ich sie zum erstenmale an deinem Bette sah , im ländlichen Gewande der Unschuld ; so will ich sie ! Zweimal will ich sie so ! Im Grossen und im Kleinen , damit ich sie mit mir führen , sie zwingen kann , mich nicht zu verlassen . Wann wird das Kloster gestiftet ? So bald , als möglich ! ja ! so bald , als möglich ! denn je früher die Schwärmerei ans Ziel kommt , je früher wird sie geheilt . Sollte sie ihre Freunde vergessen ? O nein . Führt die Strasse gerade dahin , wird sie ihrer schon gedenken . Liegt aber irgend ein Vagabund am Wege , mögen sie sich nur gedulden : denn fürs erste ist ihr dieser der Nächste . Seine Bitterkeit stieg bei diesen Worten , und er warf ein kleines Gemälde , was er die ganze Zeit scheinbar betrachtet hatte , mit Unwillen zur Seite . Nach langem Stillschweigen machte er endlich eine Bewegung mit der Hand , und ich deutete dies sogleich als Zeichen meiner Entlassung . Er aber schien erst jetzt aus seiner Träumerei zu erwachen , und rief hinter mir her : daß du dich nur meines Auftrages erinnerst ! - Ich neigte mich noch einmal schweigend und bejahend , und eilte , in freier Lust Athem zu holen . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Ich danke dem allgütigen Gotte , daß sie es eingesehen , wie das , was ich erwählet , das sicherste Mittel ist , mich vor Hochmuth , Eigendünkel und Weichlichkeit zu verwahren . Die guten Menschen , welche mich umgeben , bedauern mich , und meinen , ich sey von einer Krankheit befallen . Ach , - denk ' ich dann - möge euch Gott nur immer so gesund erhalten , als ich mich fühle , und möget ihr nie mehr zu bereuen haben , als ich zu bereuen haben werde ! Alles , was ihr mir von Genuß des Lebens vorsagt , ist ja keiner für mich . Könnt ihr in Ruhe geniessen , während Andere im Elende verschmachten - O ich tadle euch ja nicht ! Nur laßt mich gehen und thun , was mein Herz mir gebeut . Alle Tage , herzliebste Mutter ! wird so in mich hinein geredet . Herr Stephani schweigt zwar ganz still ; aber sein Gesicht verräth die äusserste Wehmuth . Ach , denk ' ich dann , wenn du nur wüßtest , daß du der erste Leidende bist , dem ich helfen will , und dem ich gerade durch meine Entfernung die grösseste Wohlthat erzeige . Denn , sage sie selbst , herzliebste Mutter ! giebt es wohl einen andern Rath , oder eine andere Hülfe ? Würden sich die beiden vortrefflichen Menschen , er und der Fürst , nicht hassen , wenn ich Einen von Beiden erwählte ? - Und das müßt ' ich mit ansehen und ertragen ! - Nein ! nein ! so ist ' s am besten ! Sehen sie mich nicht mehr , werden sie meiner auch nicht so vielfältig gedenken . Wer hätte glauben sollen , Herr Stephani werde Rosamunde vergessen ? und doch ist es geschehen . So werden sie auch mich vergessen , und sehen sie mich hin und wieder , sich doch an meine Abwesenheit gewöhnen . Sie werden Freunde bleiben , und wenn sie ja unwillig werden wollen , ihren Unwillen auf mich werfen . Das hat aber auch nichts zu sagen ; denn wenn sie mich wiedersehen , werden sie mir doch nicht böse seyn können , und begreifen , daß das was ich that , das beste war , was ich thun konnte . Eine Viertelstunde von der Stadt , mitten in einem unabsehbaren Garten , wird das Kloster erbaut . Die Nonnen können aus- und eingehen , wie sie wollen , die Kranken und Verwundeten in ihren Häusern oder im Kloster pflegen . Gestern zeigte mir der Fürst den Riß , nach welchem das Gebäude von ausserordentlicher Grösse , und mit allen für die Unglücklichen erforderlichen Bequemlichkeiten versehen wird . Nun ! was sagst du dazu - fragte er . Ich sage - rief ich ihm zu Füssen fallend , und indem mir die Freudenthränen aus den Augen stürzten - daß ich schon selig werde hier auf Erde ! Am andern Morgen . Ich dachte noch mehr zu schreiben , herzliebste Mutter ! aber ich mußte schliessen , denn es giebt auf das Fest noch gar viel zu nähen . Die Kinder sollen alle neu gekleidet werden , weil am ersten Ostertage ein sehr prächtiger Gottesdienst mit herrlicher Musik wird gehalten werden . Die Frau Präsidentin sagt : ich müße diesesmal auch mit in die katholische Kirche gehen , sie wolle mich mit in ihren Stuhl nehmen , welcher dicht neben dem Fürstenstuhle ist ; und ich möge nur Alles so machen , wie sie , dann werde es nicht auffallen . Herzliebste Mutter ! frage sie doch den Herrn Pfarrer : ob ich das thun soll , und ob es auch Recht ist3 ? Stephani an seine Verwandten . Das Bild ist vollendet , in Gretchens Abwesenheit fortgetragen , und über dem Hochaltare aufgestellt . Ich sehe zu meiner Freude , daß ich die Höhe und die Entfernung richtig berechnet , und die wahre Proportion zu den Umgebungen gefunden habe . Gretchens Vetter , ein Handwerker , der sich zum Künstler erhebt , hat beim Aufstellen geholfen , und sein Entzücken kaum mässigen können . Ich habe mir seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf , im Augenblicke der überirdischen Freude , sogleich abgezeichnet , und finde , daß er einer der schönsten Menschen gewesen seyn muß . Er ist Margarethens Mutter Bruder , und die Schönheit ohne Zweifel schon lange erblich in dieser Familie . Ich denke den Fürsten mit diesem Kopfe auf das herrlichste zu überraschen . Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande , auf dem nach Pisa bestimmten Bilde , ausnehmen . Der Alte wußte noch nichts von Gretchens Entschlusse , und gerieth in das höchste Erstaunen . Als ich ihm aber sagte , daß sie ihrer Freiheit durchaus nicht beraubt werde , faßte er sich , blickte noch einmal mit gefaltenen Händen und Thränen im Auge nach dem Bilde und sagte : Ach , ich habe es lange gedacht , daß sie auf dem gewöhnlichen Wege nicht bleiben werde ! Ihr Sinn war niemals auf Irdisches gerichtet . Aber , theuerster Herr ! sagen Sie doch unserm gnädigsten Fürsten im Namen eines armen Mannes den demüthigsten Dank , daß er sie vor dem Einsperren bewahrt hat . Es wäre ein Nagel zu meinem Sarge gewesen . Auch zu dem meinigen , liebster Alter ! erwiederte ich , drückt ' ihm die Hand , und entfernte mich schnell . Als ich zu Hause kam , fühlte ich erst meinen Verlust . Ach , der Platz , auf welchem das Bild gestanden hatte , war leer , und das ganze Zimmer eine Wüste . Aber Gretchen war vom Fürsten noch nicht zurück , und so eilte ich , die schon angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen setzen zu lassen . Alles im Hause ist in ungewöhnlicher Bewegung . Die Kinder springen lächelnd hin und her , machen allerhand bedeutende Zeichen , und als das Bild weggetragen wurde , war des Flüsterns kein Ende . Auch mir kommt dieses Fest ganz anders vor , als alle , die ich jemals erlebte . Ein unüberwindlicher Trübsinn , den selbst die Kunst nicht zerstreut , hält meine ganze Seele umfangen , und es dünkt mich , als fürchte ich nicht blos den bekannten , sondern einen noch fremden Schmerz , welchen das Schicksal mir bereitet . Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschliessen und thue nichts , als die vorigen mustern . Es ist auffallend , wie ich in meinen ersten Entwürfen nur nach dem Leidenschaftlichen gestrebt , und erst später Sinn für das Harmonische bekommen habe . Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Uebersicht ; jetzt ist sie die einzige Beschäftigung , zu welcher ich fähig bin , und wird mir in der That sehr anziehend und lehrreich . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Da es der Herr Pfarrer erlaubt , werde ich mit in die Kirche gehen , und habe es auch der Frau Präsidentin gesagt . Wir sind mit Allem fertig , und die Kinder freuen sich über die Maassen . Herzliebste Mutter ! wie schön ist es doch , wenn es auf Ostern geht ! Man freut sich nicht blos wegen der Auferstehung des Heilandes , sondern auch wegen der Auferstehung der ganzen Natur . Unsere Winter sind freilich nicht mit den nördlichen , von welchen sie und der selige Vater erzählten , zu vergleichen . Die mögen wohl schrecklich seyn ; aber hier sind sie eine wahre Wohlthat des Himmels . Und , herzliebste Mutter ! - Ach , wie soll ich ' s nur recht sagen ? - dünkt ihr nicht , als läge etwas ganz Wunderbares in der Frühlingsluft ? - Ach , es ist nicht blos die Stimme der Vögel , das Sumsen der tausend und tausend Würmchen , die zum neuen Leben erwachen , ach es ist noch ganz etwas Anderes . Mutter ! herzliebste Mutter ! wenn ich so des Morgens , gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen gehe , rauscht es an mir vorbei in einem Getön , daß mein Innerstes von hoher Wonne erbebt . Es spricht zu mir , aber nicht menschliche Worte ; doch fühl ' ich , was sie bedeuten ; aber mit Worten ausdrücken kann ich es auch nicht . Singen konnt ' ich es , und sing ' es auch , wenn ich allein bin . O Mutter , es antwortet mir ! - Ist das Gott ? - O geliebte Mutter ! ich glaube , das ist Gott . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Wo soll ich anfangen , ihr das viele Wunderbare , was mir in diesen Tagen begegnet ist , zu erzählen ? Wir gingen unter herrlichem Glockengeläute in die Kirche , und fanden eine unzählbare Menge Leute in derselben versammelt . Auch der Fürst war schon da , und saß dicht neben unserm Stuhle . Ich war verschleiert , wie fast alle Frauenzimmer in der Kirche , und sehr froh , es zu seyn . Ich hätte mich des vielen Herumsehens geschämt , und hätte es doch wohl nicht lassen können . Ich glaube , man muß an die Pracht des katholischen Gottesdienstes gewöhnt seyn , um nicht durch dieselbe zerstreut