, was er von dem Hinaussetzen der Liebe über äußere Verhältnisse sagt , insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus versetzen kann . « - » Das meinte ich nicht « , antwortete die Gräfin , » aber mir sind viele Beispiele bekannt , daß Ehen bloß der Ausstattung wegen gestiftet wurden , die sehr glücklich ausschlugen ; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden . « - » So etwas muß man nicht sehen ! « brummte der Graf vor sich . » ... Lenardo genas , und Hollin zog sich von dem großen Studentenhaufen zu seinen Büchern zurück ; der Wunsch andre zu bilden , mißlang ihm fast gänzlich , denn er wollte alles in der Natur übereilen . Einsam durchstrich er zum erstenmal die schnell aufgrünende Frühlingsbühne , schwelgte an jedem neu grünen Blatte und im Laufe der krummen Fußwege kam er über eine Brücke auf eine Insel ; im Gefühle der Einsamkeit ließ er sich einen kleinen Geiger kommen , setzte sich in eine Laube und knackte Nüsse , die meist hohl waren ; sein Herz war voll . Lenardo schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf , er werde gleich seine Schwester zu ihm führen , die heute angekommen ; sein Vater sei versöhnt , Hollins Brief habe das ganze Haus entzückt , alle wären begierig ihn kennen zu lernen . Er sprang fort , ohne Hollins Antwort zu hören , der ihm versicherte , er könne in dem Augenblicke mit keinem Weibe reden . Hollin warf aus Verdruß Tisch und Bank um , ließ den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht . Bald kam Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mädchen . Lenardo erklärte ihnen lachend den wunderlichen Haß seines Freundes gegen alle Weiber ; beide schienen dadurch etwas beleidigt . Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und für seinen Haß und für seine Ruhe sah er zu viel ; beide verschwanden im Augenblicke . Was hätte er jetzt dafür gegeben mit Marien sprechen zu dürfen ; aber er hatte sie beleidigt , was hätte er ihr sagen können ; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich vor , als sie lange fort war , und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum und meinte , wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster dunkelte , da stehe sie , und da meinte er etwas zu sehen . - Lenardo reiste den nächsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort ; nach seiner Weise hatte er vergessen , irgend jemand davon zu sprechen ; niemand wußte wohin . Hollin ärgerte diese Nachlässigkeit , denn er konnte nicht Ruhe finden , bis er die Beleidigung gut gemacht , der er selbst diese stille Abreise fälschlich zuschrieb ; er entschloß sich zur Zerstreuung den Harz zu Fuße zu durchstreichen und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Höhen , in den großen Ansichten der Natur sich selbst mehr zu vergessen . Eines Tages kehrte er in Goslar spät abends ein ; die Altertümlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt ; er ging durch die engen Gassen , von fließendem Wasser durchschnitten , vor dem Rathause voll bunter Schnitzwerke , vor der alten Kirche , mit wunderbaren Bildern geziert , vorbei ; ihm ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen , als kehre er nach abgebüßten Sünden von einem Kreuzzuge heim , als werde ihm morgen des Glückes Sonne einmal wieder scheinen . Im Gasthofe fand er einen trüben Brief von Odoardo ; Werthers Leiden waren dem in die Hände gefallen , und fühlte er auch nicht das zerstörende , sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt , so fühlte er doch , bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis , die er für seinen Vater übernommen hatte , eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung , ein törichtes ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen , eine ewige Wiederkehr der Jahre , derselben Blüten , derselben Menschen , ihrer Verhältnisse , weswegen man in alle Ewigkeit hin in demselben Sinne , aus derselben Apokalypse prophezeien könne . Wir müssen so laufen , schrieb er , damit die Schuhe ausgetreten werden , und sind sie ausgetreten , so sind sie zerrissen , und die neuen drücken wieder ; die Unendlichkeit steht , lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können ihr Angesicht nicht erblicken . Und denke ich Deiner Freundschaft , sieh , da füllt sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir , in welchem noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte , mit klarem Wasser , nachdem die Schleusen erschlossen sind . Wie ist alles so voll und so leer , so freundlich und traurig zugleich : alles Tag in Nacht . Im Lichte der Freundschaft glänzt die Spitze unsres Hauptes in Klarheit , aber die Augen trauren schon in der dunkelen Nacht . Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen ; die wenigen , welche ihr Inneres austauschen und Freude zeugen , sie treibt der starke Bogen des Schicksals in alle vier Weltteile . Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile erreichen ein Ziel ! Gibt es ein Ziel ? Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus mir los werden - alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer Gräfin , von der erzählt worden , wie sie ruhig zu Bette gegangen , und in Selbstverbrennung vernichtet , ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung , in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei . - Hollin antwortete gleich seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung : Dein Brief war Selbstmord . Glaub mir nur dies , die meisten Menschen sind Selbstmörder , und Du gehörst zu den vielen , die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen Giftbecher zu enden , aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen aufsuchen und einsaugen . Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach Leben , der Todeskampf , das letzte Aufatmen , der Todesseufzer ein eigentlicher Abscheu der Natur , das Verdammungsurteil des Selbstmörders . Uns leitet das elende Zeitalter zum Selbstmorde ; die meisten folgen und fallen darin , wenn sie auch nicht Hand an sich legen ; laß uns mutig und kräftig dem Strome der Zeit entgegen schwimmen ; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt , der stirbt für die Freiheit und lebt in ihr . Bist Du aber wahnsinnig in trüben Stunden und kannst nicht anders , und mußt so denken wie Werther , so laß Dich anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche , weniger anstrengende , Dir mehr angemessene Tätigkeit , als jene ist , zu welcher Dich Dein Vater bestimmt , auf daß Dir die müßige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde , die Dir nicht taugt und nie getaugt hat . Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestört ; das regte ihn an , allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen ; es klingelte im Nebenzimmer , er hörte eine weibliche Stimme ; seine Lust an Abenteuern erwachte ; er trat an die Türe und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme : Was beliebt ? - Eine alte Weiberstimme antwortete ihm : Bitt ' Er doch den Herrn im Nebenzimmer , daß er seine Nachtmusik bis morgen verspart , wenn wir fort sind . - Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spaß ; aber wie wurde er erschreckt , als er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hörte ; es war Maria Lenardo mit ihrer Mutter gewesen . Beide waren ganz früh mit dem Vater dem Brocken zugewandert . Kaum war der Kellner fort , so sprang er in sich wütend und tief gekränkt in das Nebenzimmer , alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu sammeln ; sie mußte ganz ihm zunächst geschlafen haben , durch ein dünnes Brett geschieden ; denn das andere Bett war nach der Gewohnheit älterer Leute hoch aufgestapelt mit Kissen . Er konnte es nicht lassen , er stürzte sich in das glückliche Bett , das sie umschlossen ; es war noch erwärmt , und der Duft der Gesundheit erfüllte es ganz und immer tiefer drängte er sich in das Federbett , es schlägt über ihm zusammen , er sinkt in Wohlsein unter . Als er sich zusammengerafft , sich angezogen hatte , eilte er der Gesellschaft mit solcher Eile nach , daß er sie in drei Stunden schweißtriefend erreichte ; er wollte sich erst als Fremdling ihnen vorstellen , um kein Vorurteil für sich und gegen sich zu erregen . In der schönen Gegend ließ er sich aber so frei aus , daß sein Geheimnis bald seinen Lippen entfiel , von Marien recht zart aufgenommen und mit einem Kranze für alles Verdienst zurückgegeben wurde , was er sich um ihren Bruder erworben . Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte für die Haushaltung aller , und Marie schenkte mit sorgsamen , freundlichen , fragenden Blicken den Tee ein ; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau , die nichts davon verstand ; Hollin ging mit Marien über Tal und Höhe so selig , daß er über die schöne Gegend kein Wort sagen konnte . Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause an , das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen , woraus ihnen aber Lenardo mit vollem Glase entgegentrat . Er neckte Schwester und Freund ; der Vater stellte sich auch jung mit ihm , um sich vor seiner Frau auszuzeichnen . Lenardo brachte eine Zahl steifer Gesellen herein , die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und Bein auf den Felsen gebrochen hatten ; alle wußte er in Tätigkeit zu bringen , sie mußten mit seiner Schwester tanzen ; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf ihren schönen Rücken . Dann forderte Lenardo Hollin auf , seine Schwester zur Ruhe zu magnetisieren ; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment , und Hollin mußte sich anschicken , mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nähe der Geliebten , in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der magnetischen Bewegung über alle Schönheit zwischen Berührung und Nichtberührung hinzuschweben : der qualvollste Genuß in der ganzen Welt , fast wie aller Umgang zwischen Braut und Bräutigam , die zu vertraut sind , um sich Gewöhnliches zu sagen und sich nicht mehr erlauben dürfen . Einer meiner Freunde klagte mir einst in solchem Zustande , daß ihm von dem ewigen Lächeln dabei die Lippen wehe täten . Hollin lief gleich darauf ins Freie , während der Rat das Einschlafen der Tochter wissenschaftlich erklärte ; er ging und stolperte über die Hexenaltäre und als er zurückkam , stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des Fensters gelehnt , zu tief in sich versenkt , um zu bemerken wie er still einen Kuß auf dieselbe Scheibe von außen drückte . Nachher stieg er zu den Studenten auf den Turm , und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch ! - Am Morgen früh auf , sah er Städte , Hügel , Ströme im Frühscheine durch das Wolkenmeer leise vordringen , sah die Grundsteine vieler Häuser rings , wo jetzt alles unbewohnt nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist , und er dachte sich ein Volk , das diese große Natur und ihre Beschwerden in täglicher Gewohnheit gebraucht , und fragte sich , ob wohl alle Künste zu dieser Herrschaft über die Natur wieder hinführen könnten . Ein scharfes Wehen am Himmel verkündete ihm die Nähe der Sonne , er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstrauße hinaus . Er glaubte , das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben vorausgesehen zu haben ; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete unbewußt . Sie berührte seine Stirne mit ihrer Hand , er sprang freudig auf ; die Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort , daß eine Welt in der Reinheit erster Schöpfung vor ihnen lag , und als sie sich vom Glanze abwandten und hinter sich blickten , da sahen sie sich selbst in ungeheurer Größe auf den Wolken , daß sie in sich tief erschauderten . Der Rat und die Studenten , die beim Kaffee den Sonnenaufgang versäumt hatten , kamen dazu und freuten sich über die Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes , wovon sie alle gehört hatten . Lenardo spielte eine lächerliche Tragödienszene als Schattenspiel in den Wolken . - Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird , so scheint es nötig , ihre frühere Geschichte zu charakterisieren . Nie gab es ein ergebneres Mädchen : der Ausdruck läßt sich durch keinen andern erklären ; sie setzte sich allen nach und wo sie liebte , wußte sie nichts Höheres , als ganz demütig zu dienen , den leisesten Wünschen des Geliebten ohne Überlegung und Rücksicht entgegen zu kommen . Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen , sie werde noch viel Not erleben ; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter , Bruder , und Vater , so streitig jene drei unter einander waren ; jedem tat sie einzeln wohl , schmeichelte und half jedem ; waren sie beisammen , dann ging ihre Verlegenheit an , die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte . Unserm Hollin fühlte sie sich eigen , noch ehe sie ihn gesehen , und seit der Zeit war ihr stetes Bemühen , ihm das zu beweisen , doch lange vergeblich , da seine Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte . Aber sie reisten jetzt weiter mit einander , waren oft allein , durchkrochen die Bielshöhle zusammen , und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben ; alles war abgemacht , doch mußte alles geheim gehalten werden , weil Hollin ohne Amt in den Augen des Vaters für keinen Freier gelten konnte . Bald sollte auch der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe werden , denn die Liebe hat höhere Geheimnisse . Maria verweilte einige Zeit mit ihren Eltern bei Freunden in der Nähe von Blankenburg ; um Marien desto ungestörter allein zu sehen , nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich in der Nähe in einer öden Försterhütte unter dem angenommenen Namen eines bekannten Malers , und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief , träumte er die ganze Nacht , er liege verkehrt in seinem Bette . Maria ging oft allein aus , dies fiel niemand auf ; an einem der schönsten Morgen traf sie mit dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Roßtrappe : sie gestützt auf ihn , er umschlungen von ihr , so strichen sie in leisem Geflüster durch das dichte Buchengebüsch ; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen . Auf einmal wurde es hell über ihnen , sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann auf der Spitze der Granitwand , die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben und Blühen freier Natur im eingeschlossenen grünen Tale , von Wasserfällen durchschnitten , und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen , von welchem das dumpfe gleiche Stoßen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte . Und sie gedachten mit Rührung der schönen Königstochter , die von einem verhaßten Freier verfolgt ihr Roß mutig über den Abgrund spornte und ihm entkam . Noch war der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen ; der Regen hatte den Eindruck erfüllt und Maria ließ eine Träne dabei fallen ; auch sie erwartete bei ihrer Rückkehr ein verhaßter reicher Freier und sie fühlte nicht Kraft in sich , den Bitten von Vater und Mutter zu widerstehen . Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer , der in den festen Schranken bürgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schönes Leben aufzehren wollte . Zu uns ! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die tiefe Klarheit des Tals , das dichte Grün , die Stimmen der Vögel in ihrer Sicherheit : ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schönheit in allen ihren Schrecken ; hier unten lieget die goldne Krone der schönen Königstochter , die ihr im raschen Sprunge vom Haupte fiel , euch ist ' s bestimmt sie zu finden , die lange aufgegeben ist . Ich steige hinab , sagte Hollin , und will da einsam mein Leben beschließen , wenn du mir nicht folgst , Maria . - Und so stieg er rasch voran , und bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten , so kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach . Und wie sie unten ins Tal kamen , da schien ihnen alle Welt anders , sie glaubten sich im Paradiese und die einzigen Menschen auf Erden ; sie lagerten sich unter einer Laube , wo ein Reh aufgesprungen war ; die Schranken des Lebens öffneten sich , er fand und raubte die Myrtenkrone , der ewige Bund wurde geschlossen . Sie waren eins , aber dieses Einssein war ihr alles ; sie hatten die Welt vergessen , auf der sie so sanft ruhten , den Himmel , der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz über ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte . Mit Anstrengung aller Kraft brachte Hollin die Halbohnmächtige nach Hause . Der Liebe Leben währt ewig ! rief er ihr scheidend ; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer verzögerten Rückkehr angeben . Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurück , so lange die guten Tage dauern wollten , und doch kam endlich der schwere letzte Tag , wo Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem bürgerlichen Unterkommen . Als Hollin nun nach der Universität zurückkehrte , war es Nacht ; einzelne Lichtfenster blickten im Tale , die Türme sahen finster über die dunkle Häusermasse hinaus , das Wasser unter ihm glänzte und rauschte über das Wehr , Gesang schallte an einer Seite ; im ganzen herrschte tiefe Ruhe und keiner dachte seiner . Und da grauete ihm , wie er dachte , daß andre noch Lust am Leben bewahren könnten , die nicht lebten wie er ; er fragte sich , womit er dies Glück vor allen andern verdiene . Alles schwieg umher , auch zwei Nachtigallen , die bis dahin wetteifernd geschlagen ; ihm war , als hätten sie sich tot gesungen , weil nichts ihr Glück ganz sagen und verkünden könne . - Bald eilte er von der Universität nach der Hauptstadt ; die bürgerliche Ordnung , die er erst kühn gebrochen , suchte er jetzt auf , um darin Schutz , Unterhalt und Ruhe für sein Glück zu finden . Er gefiel allgemein ; seine Kenntnisse waren eben so gründlich als mitteilbar ; der Strom der Gesellschaft erfaßte ihn von allen Seiten und er spielte mit jeder Welle , denn alles war ihm neu , und er trauete jeder . Sie erinnern sich , daß eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel begleitete , wo Hollin sie so unhöflich abgewiesen hatte ; dieses Mädchen , deren Namen ich verschweige , die häßlich und boshaft , dennoch das Vertrauen von Marien gewonnen hatte , hielt sich in der Hauptstadt auf , und wurde von Marien erwählt , den geheimen Briefwechsel zu bestellen . Sie haßte Hollin seit jenem Tage , und nun hörte sie in dem gemeinen Stadtgeschwätze , wie er verschiedene sehr verdächtige Frauen besuche , wie er mit verschiedenen Mädchen versprochen sei ; darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurück , und berichtete ihr alles so bedenklich , daß Maria sich nicht trauete , wieder zu schreiben . Hollin , ohne allen bösen Willen und Absicht , in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig mit seiner Marie beschäftigt , konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen . Mariens Freundin leugnete ihm alle Aufträge ab , Briefe an sie zu bestellen . Endlich schrieb er an Odoardo , er möchte ihm doch von Marien Nachricht geben . Odoardo suchte mit großer Feinheit Bekanntschaft , fand nie eine gute Gelegenheit , mit Vorsicht sich zu erklären , und konnte ihm weiter nichts schreiben , als was die Stadt wußte , daß die Heirat Mariens mit dem reichen Kaufmanne rückgängig geworden ; dabei warnte er seinen Freund , keiner flüchtig feurigen Gewalt eines Frühlingsaugenblickes über seine ganze Zukunft die Zügel zu geben . Maria sei kein Weib für ihn ; sein umfassender Geist würde ihres kleinen häuslichen Kreises bald überdrüssig sein ; die Schönheit werde bei einer gewissen Geistesbeschränkung undenklich verhaßt . - Hollin lachte des Briefes ; er kannte seine Marie besser ; aber der Brief verschloß ihn gegen den Freund , sein Urteil schien ihm hochmütig ; ließ er aber seine Empfindlichkeit aus , so konnte jener das Geheimnis erraten , das er ihm mit Mühe verbarg . Er schob seinen Brief auf , bis eine Krankheit , die er rettend bei einer großen Feuersbrunst sich zugezogen , ihn längere Zeit dazu unfähig machte . Kaum war er so weit genesen , so schrieb er in erster Freude dem Freunde ; die Versündigung an Marien verwies er ihm mit wenigen Worten ; dann erzählte er ihm seine Krankheit ausführlich , insbesondre einen schweren Traum , der ihn sehr gequält . Bald sah ich viele Erscheinungen umher , schreibt er , Maria in einem schwarzen Kleide , eine Königskrone auf dem Haupte , trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf meine Stirn ; Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder , es standen viele alte Krieger umher , man trug mich fort ; die Leichenfrau war mit mir beschäftigt ; ich sah mich selbst , wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag . Da schoß es mir urplötzlich in den Sinn ; aber ich sähe ja das alles , wie könne ich tot sein ; ich schauderte vor dem Gedanken , lebend begraben zu werden ; ich wollte den Trauernden umher mein Leben kund tun . Aber keinen Arm konnte ich heben , mein Mund war geschlossen , nur mit den starren Augen blickte ich , um Schonung von Euch zu fordern . Da kam Marie und drückte auch diese Augen mir zu und ließ eine Träne darauf fallen . Ich fühlte ihren Schmerz und den meinen , sie zu verlassen ; ich konnte Euch und mich nicht mehr retten ; der Sargdeckel wurde zugeschlagen , die Träger hoben mich , die Schüler sangen : Ach wie herrlich , ach wie labend ist nach einem heißen Tage , solch ein schöner kühler Abend ; das Geläut der Glocken klang durch und das Weinen der Lieben , die mich begleiteten . Da sammelte ich meine letzte Kraft , Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben , und erwachte zum Genesen . - Mariens Freundin war unterdessen beschäftigt gewesen , ihr jede Stunde zu verkümmern ; von ihr erfuhr sie , er sei durch Ausschweifungen gefährlich krank ; eine sehr verrufene Frau pflege sein . Dieser Pflege , es ist wahr , dankte er sein Leben ; aber diese Pflege war bloß Folge jener Güte , die fast das einzige Löbliche ist , wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird ; der herrliche Mann tat ihr leid , ob sie ihn gleich nie näher gekannt hatte . Sie wissen noch nicht , in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestoßen , auch in allen andern Verhältnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin unglücklich wurde ; Sie wissen nicht , was Marie sich und der ganzen Welt gern verheimlicht hätte , daß sie in wenig Monaten von den Folgen jener schönen Besuche im einsamen Gebürge entbunden werden sollte , die jetzt ihr Inneres doppelt zerrissen . Lenardo quälte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen ; er hatte die eben erschienene Maria Stuart Schillers so lieb gewonnen und den Vater ganz auf seine Seite gebracht , daß dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der Mutter in ihrem Hause aufgeführt werden solle , und daß Maria die Hauptrolle übernehmen müsse . Er schrieb an Hollin , daß er ihm auf dem Krankenlager nach der Verwundung versprochen , ihm einmal einen Dienst zu leisten , insofern er seinen Kräften angemessen ; nun sei niemand in G. , der den Mortimer machen könne , und niemand in der Welt , der ihn besser machen könne als Hollin , er möchte sich also dazu einfinden . Hollin kam die Einladung sehr gelegen ; er war denselben Morgen als Bergrat angestellt worden ; er konnte jetzt , bei dem Besitze von dem eignen Vermögen , eine Frau ernähren ; gleich schrieb er an Lenardo , er komme gewiß , aber erst am Tage der Aufführung ; er müsse ganz geheim halten , wer die Rolle übernommen ; er selbst könne sie leicht in den Proben spielen und für die Kleider wolle er selbst sorgen . - Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen ; den letzteren Brief legte er in jenen . - Lenardo war zu erfreut über das Gelingen seines Planes , um den Brief an seinen Freund richtig zu bestellen ; erst am Morgen der Aufführung fand er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo , der den Leicester im Stücke recht brav probierte . Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria eingeschlossen ; er fand keine Gelegenheit ihn während der Probe abzugeben und wollte ihr nachher einen Besuch machen . Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zurückgelegt ; er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G. an . Hier am Ziele seiner Wünsche scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben , die erste Besorgnis über Mariens Schweigen , das er bis dahin der strengen Bewachung der Ihren zugeschrieben hatte , man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben : Maria , als mein Arm zuerst Dich umfing , spielte die Natur zu unserm Tanz eine fröhliche Weise ; Blumen sproßten unter Deinem Tritte , die Vögel liebkosten Dich mit süßen Klängen . Die Blumen sind verblüht , die Vögel hinweggezogen , der kalte Herbstwind kräuselt mit dürrem Laube den Staub des Bodens . Noch in eben dem Tanze bebt , pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche Deiner Erinnerung , sein Frühling ist nicht entschwunden , nicht seine Blüten . Bist Du es noch , Hochgeliebte , die wie ehemals meiner wartet ; süße Liebe , hättest Du nur ein Wort zur Antwort mir geschrieben , nur ein Angedenken jener Zeit , ein Tannensträußchen mir gesandt , ich wäre nicht einsam allein so nahe Dir ; doch ich war ja immer Dir nahe und selbst Dein Schweigen war mir lieb . Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von der boshaften Freundin , die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise anzeigte ; man glaube , er hole sich eine Frau aus der Gegend , wer aber diese Glückliche sei bei den vielen , denen er Hof gemacht , sei schwer zu bestimmen . - Mariens erste Empfindung war , das sei gelogen ; aber dann ergriff sie eine Angst , Rache härtete sie ; mit aller Heftigkeit der gemißhandelten Liebe wollte sie ihm schreiben , sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen . In dem Augenblicke trat Hollin herein , der sich bei einem Untermieter im Hause ein Zimmer schon frühmorgens zu verschaffen gewußt hatte - er sieht sie und stürzt sprachlos in ihre Arme . Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von ihm weg ; sie drückt ihn sanft von sich . In diesem Wegwenden fühlt er unschuldig die Qual der Verdammten , von denen Gott sein Angesicht gekehrt ; halb erstickt ruft er : Maria , du wendest dich von mir , bist nicht mehr ganz mein ? Nur ein Wort , ein Blick bei aller Liebe , die uns einte , bei aller heil ' gen Treue , du bist mein ! - Treue , Liebe ! rief sie , das ist vorbei , ganz vorbei ; wie hast du mich so berauben können um beide , und sie nachher der Welt Preis gegeben ; fort , deine Nähe quält mich mehr als ewige Entfernung von dir ; wie warst du anders sonst , wie war alles anders ! - Was sollte er sagen ; es gibt Augenblicke , wo man glaubt , die Welt habe eine andre Sprache gelernt , oder man habe die eigne vergessen ; er stammelte unzusammenhängende Worte von Angedenken und Seligkeit ; sie sagte mit den ersten Tränen , die sich in ihren Augen gesammelt hatten : Wohl bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe , der Schmerz ! - Jetzt hörte sie im Gange vor der Türe einige laute Fußtritte ; sie rief : Um meiner Ruhe willen fort , fort , mein Vater kommt ! Sie drängte Hollin mit Angst , mehr aus einer unwillkürlichen Scheu , als aus Überlegung nach der Türe . - Elende ! sagte er leise im Abgehen und ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich träumenden Zustande , wie ein Opfertier , das der Schlag , der es niederstrecken sollte , nur betäubt hatte . So saß er auf einem Stuhle betäubt und einsam , während Odoardo , denn der war es , sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genähert und im dunklen Gange den nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte . Die mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude , an die sie nicht glauben wollte . Sie mußte ihm ganz laut den Schluß von Hollins Briefe lesen : Dir bringe ich dasselbe liebende Herz zurück , welches in den herrlichsten Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfüllte , das Deine Liebe mir gewonnen . Maria , die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfüllt mich ganz ; bald liebes Lebenswunder , werde ich Dich umfangen , Dich küssen im fremden Namen , aber Dich nicht mein nennen . Du wirst mich zurückstoßen . Sei nur recht hart zurückstoßend , weiches Herz , verbirg Dich im