- Fürchten Sie , fiel Luise ein , daß Fernando ? - hierüber bin ich eben so wenig als irgend jemand im Irrthum , erwiederte sie etwas heftig , allein , Emilie wird unsicher in sich selbst , und das könnte ihrem Gefühl grade eine Richtung geben , die mir nicht willkommen wäre . Wenn ich sie bis jetzt mit scheinbarer Sorglosigkeit sich selbst überließ , so geschahe das auf die Ueberzeugung hin , daß ich sie in jedem Augenblick verstehe , und bei der Gewalt , die ich über sie habe , einlenken kann wenn ich will . Emilie ist sehr unbefangen hingebend , aber auch eben so fügsam in die Nothwendigkeit äußrer Verhältnisse . Sie schließt sich an , und wendet sich ab , wenn es die Umstände gebieten , ohne sonderlichen Kummer zu empfinden . Mein Gott , unterbrach sie Luise , fürchten Sie denn nicht , daß , bey diesem steten Herumschweifen , ihr eigentliches Gefühl zu Grunde geht ? Ihr eigentliches Gefühl ? erwiederte die Baronin ; verwechseln Sie doch damit ein flüchtiges Wohlwollen nicht . Die jungen Leute halten gemeinhin Eins für das Andre , und wenn man denn recht viel Aufhebens damit macht , so künsteln sie sich eine Leidenschaft zusammen , die sie und Andre erschreckt . Ueber die große Ruhe , ja Nichtachtung , mit der ich jede Bewegung in Emiliens Herzen kommen und schwinden sah , ist es bei ihr niemals recht zur Sprache gelangt , und ich denke , sie soll die Tiefe und den Umfang ihres eigentlichen Gefühles , wie Sie sagen , unter ernstren Beziehungen kennen lernen . Hier ist sie indeß in einer mißlichen Lage . Wenn Fernando ein künstliches Feuerwerk vor ihr aufsteigen läßt , so ruft Stein mit seinen bilderreichen mystischen Worten Irrlichter aus der Tiefe , die sie vollends verwirren . Er hat gestern lange mit mir über sie geredet . Ich habe eine herzliche Achtung vor ihm , allein für Emilien paßt er nicht . Seine Welt ist nicht die ihrige , und eben , daß sie sich für einen Augenblick in jene könnte hinüberziehn lassen , machte unsre Abreise nothwendig . Von hier aus trennen wir uns alle . Stein geht mit Herrn Werner nach Berlin , Carl zu seinem Fürsten , und der Maler bleibt bei Fernando zurück . Luise sagte noch einige höfliche Worte , um sie länger zurückzuhalten . Lassen wir das , erwiederte jene , unsre Gegenwart hat Ihnen nicht wohl gethan ; allein besser , wir reden davon nicht weiter ! ich hätte vielleicht überall besser gethan , zu schweigen . Doch war es bei Ihnen ganz anders als bei Emilien . Die leidenschaftliche Heftigkeit Ihres Gemüthes war früher durch den steten Kampf aufgeregt , zu dem Sie eine verfehlte Wahl verdammt . - Bis dahin hatte es Luise noch nie gewagt , klar zu denken , daß sie besser hätte wählen können . Wie eine schwere , drückende , Kette schlang sich plötzlich das Band , das sie an Julius fesselte , um ihr Herz . Tausend frevelhafte Wünsche flogen kreuzend an ihr vorüber ; das Unmögliche zeigte sich aus der Ferne erreichbar ; es trat immer näher und näher auf sie zu . Verzeihen Sie , sagte die Baronin , wenn diese Worte Sie verletzen . Sie sind nicht glücklich , liebes Kind ; aber eben darum müssen Sie auf sich achten und Ihr Gefühl vor der Welt verbergen . Ein Wort , Luise , um Gotteswillen , ein Wort , flüsterte Fernando , der sich an sie herangedrängt hatte , ich kann den Druck nicht länger ertragen , der bittre Schmerz liegt auf Ihren gesenkten Augen , auch Julius - was ist vorgegangen ? Gleich , lieber Fernando , erwiederte sie , in der tödtlichsten Angst , daß die Baronin alles hören werde , - so bald wir allein sind . Wann werden wir das sein , fragte er unmuthig , es umringt Sie ja immer die halbe Dienerschaft ; wann denn , Luise ; wann meinen Sie ? Bald , bald ; diesen Abend , sagte sie , sich schnell wieder zu ihrer aufmerksamen Gefährtin wendend . Nun denn ! rief er , bis dahin ! Die Baronin hatte sich zu Emilien gekehrt , und Carl trat in ihre Stelle an Luisens Seite . Liebe Gräfin , sagte er , ich habe Sie noch um Vergebung zu bitten , wegen des Lärmens von heute Morgen . O ich weiß , unterbrach sie ihm , ich weiß alles . Sie wissen ? fragte er , Sie ? Nein , Sie wissen nicht , Sie sollen auch nicht wissen , bewahre Gott , das fehlte noch ! Nein , setzte er hinzu , es war nur von dem kleinen Schreck die Rede . Ich hatte nicht auf die Kammerfrau gemerkt , die im Vorzimmer das Frühstück besorgte , sie hat denn auch mehr davon gemacht , als dran war . Julius kam sehr ungerufen dazu ! Na , es ist vorbei , alles ist gut , Sie sind es doch auch ? Gewiß , mein guter Carl , erwiederte Luise . Er hatte sie bei der Hand gefaßt , und ging einige Schritte mit ihr voraus . Nun , und Julius , fuhr er fort , hat auch weiter keinen Unwillen gegen den Italiener ? Gegen Fernando ? fragte Luise , die es wie eine Ahndung anflog , daß Werner etwas in Beziehung auf ihn und sie könne gesagt haben . Um ' s Himmelswillen , ist er denn auch in dem Streit vermischt ? Nun , so halb , erwiederte Carl . Ich bitte Sie , sagte Luise dringend , was ist vorgefallen ? Nichts , nichts , antwortete er , was Sie jetzt noch ängstigen darf . O ich weiß es dennoch ! rief sie ganz trostlos . Fernando - Herr Werner hat von mir und ihm - sie barg das Gesicht in den Tuch und weinte . Wenn Sie es denn doch wissen , sagte Carl , so will ich es weiter nicht leugnen ; ja , er sagte so etwas , mit dem kalten , spitzen Ton , was ich nicht ganz verstand , was doch aber so zweideutig klang , und wie ich es nicht leiden mag , daß man über Sie redet . Ich bat mir eine Erklärung aus . Da lachte er höhnisch , und meinte , die läge in der Natur der Sache , wie er sich denn immer so gelehrt ausdrückt . Ich versicherte ihn aber , ich verstände ihn noch nicht . Mein Himmel , sagte er , was ist denn Dunkles darin , daß ein hübscher , junger Mann sein Glück bei einer hübschen Frau versucht ? Nun verstand ich ihn freilich , aber es kochte auch alles in mir , ich hätte ihn mögen zum Fenster ' raus werfen . Er blieb aber fest und keck bei seinem Satz , und , wie nachher Julius herzukam und sich nach der Ursach unsers Streites erkundigte , wiederholte er auf eine recht geschickte Manier beinahe dasselbe , so daß er eigentlich nichts widerrief und man ihm auch nichts anhaben konnte ; dabei sah er unverändert so ruhig und blaß aus , wie immer , indeß ich über und über glühete . Wir gingen darauf ruhig auseinander , aber Julius kriegte doch einen Stich weg , das merkte ich ihm an . Er zuckte ein paarmal mit der Oberlippe , konnte aber kein Wort hervorbringen . Armer , armer Julius , dachte sie , als sie eben wieder das finstre Schloß betraten , und ihr eignes Leid und das seine ihr doppelt schwer auf ' s Herz fielen . Sie wollte fort , nach dem Landhause ihrer Mutter ; von dort aus wollte sie Fernando schreiben und ihn dringend bitten , diese Gegend zu verlassen . Ihr ödes , freudloses Leben , hoffte sie , solle so nicht lange währen . Sie machte im Geheim alle Anstalten zu ihrer Reise , und als ihre Gäste sie nun endlich gegen Abend verließen , suchte sie Julius auf , und sagte ihm so ruhig als sie konnte , daß sie schon längst den Wunsch gehegt habe , das Grab ihrer Mutter zu besuchen , und daher gesonnen sei , auf ein paar Tage nach ihrem kleinen Dörfchen zurückzukehren . Julius drückte ihr gerührt die Hand und sagte : geh ' nur , meine Luise , wohin Dein guter Geist Dich ruft . Der Maler und Fernando kamen darauf , sie zu einem Spatziergang abzuholen , und alle Viere bestiegen die nahen Berge . Luise , sagte Fernando , als sich Julius , eben mit dem jungen Künstler in einem Gespräch verwickelt , abwärts wandte , ich erinnre Sie an Ihr Versprechen . Hoffen Sie nicht , mir zu entgehn . Bei allem was heilig ist , ich muß Sie sprechen . Sie zögern - Bei dem ew ' gen Gott , Sie wissen nicht was Sie thun ! Ich zerreiße alle Bande , ich ehre kein Gesetz , nichts mehr . Auf diesen Armen trage ich Sie weit , weit weg von hier , wo keine Pflicht Sie bindet , wo Sie nichts hindert , mein zu sein - jetzt - Luise - jetzt in diesem Augenblick ! - Er trat mit einer Heftigkeit auf sie zu , daß sie zusammenfuhr und ihre Hände flehend gegen ihn aufhob . - Um Gotteswillen , eine Entscheidung ! ich ertrag ' es nicht länger ! Der Traum von Freundschaft ist hin , ich fühle nichts als die glühendste , zerstörendste Leidenschaft ; ich muß Sie sprechen , heute noch - gewiß , Luise , heute noch - oder wir sehen uns nie wieder , oder dieser Augenblick ist der letzte meines Lebens . Er trat dicht an den Abhang des Felsens ; den Kopf weit vorgebeugt , sah er schwindelnd in den Abgrund . Ich will , ich will Sie ja sprechen ! rief Luise . O , mein Gott , wann ! fragte er mit einem wilden Blick . Ich weiß es nicht , sagte sie zitternd . Ach Gott ! wie soll ich in der Todesangst - Nun denn , hub er milder an , diesen Abend , wenn alles schläft , dann erwarte ich Sie da drüben in dem stillen Buchengange vor dem Kloster . Luise schauderte zusammen . Fernando hatte sich schnell zu dem rückkehrenden Julius gesellt . Sie hatte nicht die Kraft , den Fuß von der Stelle zu bewegen . Wie gebannt stand sie an die Felswand gelehnt . Luise ! rief Julius , Du wirst Dich in der feuchten Abendluft erkälten . Sie schwankte unsicher an seiner Seite zum Schlosse zurück . Als nun in der Nacht die Uhr , welche die Todesstunde ihrer Mutter anzeigte , Eins schlug , hüllte sie sich in einen Shawl und ging , die Hölle in der Brust , dumpf und zagend zur Gartenthür hinaus . Sie warf einen scheuen Blick auf Julius Fenster . Das Licht brannte hell dahinter . O Gott , dachte sie , wenn er ahndete - Sie lief , ohne sich umzusehen , mit klopfender Brust , bis sie plötzlich vor dem Mönch zurückprallte , der ihr wie ein Geist aus dem Gebüsch entgegentrat . So spät , sagte er verwundert , in dem kalten Nebel ! - Ich muß , guter Vater , erwiederte sie , ohne zu wissen was sie sagte ; ich muß , ich kann nicht schlafen - Armes Kind ! rief er ihr wehmüthig nach . Armes Kind , wiederholte sie ; ja wohl , armes , armes Kind ! Sie weinte heftig , als ihr plötzlich der Anblick des nahen Klosters ein unbeschreibliches Grausen einflößte . Hier ! rief sie , ohne zu wissen was sie mit diesem Hier ausdrückte . Fernando trat ihr entgegen . Sie sank schweigend an seine Brust . Täusche Dich nicht , meine Luise , sagte er sanft , Dir ist dieser Augenblick so erwünscht als mir ; du hast ihn durch schwere , unnütze , Kämpfe erkauft . Die kleine Unruhe wird sich legen . Es war Luisen , als zupfe sie etwas am Kleide . Sie sah sich um ; der Hund ihrer Mutter sprang spielend um sie her . Wie vor einem menschlichen Auge schreckte sie bei dem Anblick des kleinen Thieres zusammen . Ihr war , als müsse er Zeugniß der dunklen , verbotnen That ablegen . Ach Fernando ! rief sie angstvoll , verbirg mich vor mir selber . Ja , Unglückliche ! rief eine bekannte Stimme , verbirg Dich in die innerste Tiefe Deiner Seele . Luise erkannte , laut schreiend , Julius . Wie das rächende Schicksal trat er vor Beide . Alle zurückgedrängte Gluth seiner entzündeten Brust flammte lodernd auf . Er griff Fernando heftig beim Arm . Verflucht ! rief er , verflucht sei die Stunde , wo Dich Deine Mutter gebahr , unwürdiger Freund ! Lösche Dein Verbrechen mit Deinem oder meinem Blute . Er warf ihm ein Pistol hin . Fernando hob es still auf . Sie stellten sich gegenüber . Luise sank sprachlos zu Boden , indem sie ihre Arme flehend gegen Beide aufhob . Um aller Heiligen Willen ! rief der Mönch herzustürzend , haltet ein , ihr seid Brüder , Fernando ist mein , ist Violas Sohn ; ich bin Eduard von Mansfeld ! Der Knall beider zugleich abgedrückten Pistolen fuhr schneidend durch die Luft , ehe er noch endete ; Fernando fiel blutend in seine Arme . Zweites Bändchen Erstes Buch Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst , wie durch einen Zauberspiegel , in die Umgebungen ihrer Kinderwelt . Hell , wie der Morgen des Lebens , stralten ihr die blaßrothen Wände ihres kleinen Zimmers in der mütterlichen Wohnung entgegen . Alles stand und lag hier wie ehemals . Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge , die Julius mit unsäglicher Liebe in der Schweiz und Italien für sie sammelte und in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen ließ , hing wie sonst an den Pfeilern umher . Vom Kamin glänzten noch all die bunten Steinchen , Kristallspitzen und die tausend Spielereien , die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen mitbrachte . Ach ! und die vielen Schildereien , unter denen sein Bild und das ihre so still aus jenen Tagen herübersahen , daß Luise unbewußt lächelte und durch die schneeweißen Gardinen des jungfräulichen Bettes wie in leichten , wogenden Morgenduft hineinsah . Ihr Innres war zusammengestürzt . Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe verschüttet , keine Spur führte dahin zurück , der gewaltige Schlag lag betäubend auf allen ihren Sinnen . Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr . Sie richtete sich schnell in die Höhe , und sah Marianen , wie an jenem Tage , als der erste Schmerz ihr nahete , unter stillem Weinen an ihrem Bette stehn . Luise sah sie starr an , dunkle Gestalten schwebten an ihr vorüber , sie wollte sie festhalten , behielt aber nichts als das Bild des Todes . Schaudernd sank sie in die Kissen zurück . Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen , die erstorbne Welt regte sich darin , und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Gräbern herauf . Von allen Seiten faßte es sie mit unnennbarer Angst , so daß sie laut aufschrie und die Arme fest auf der Brust zusammenschlang , als wolle sie das beginnende Leben darin ersticken . Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt . Unter ihnen trat der alte Geistliche zunächst zu ihr hin , und fragte sie leutselig : ob sie irgend einen Schmerz empfinde . Aber Luise antwortete nicht , sondern ergriff mit Heftigkeit seine Hand , die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete . Zufällig heftete sie den Blick auf die verschlungnen Hände . Der Trauring glänzte hell an ihrem Finger , und mahnte sie , wie das leuchtende Antlitz des Greises , an den gebrochnen Eid . O mein Gott ! o mein Gott ! stammelte sie wiederholt , und verhüllte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke . Der fromme Alte sah sie verwundert an . Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt , und wäre er auch davon unterrichtet gewesen , er würde schwerlich Luisen verstanden haben , da er durch ein langes , gedrängtes Leben jeder Widerwärtigkeit nur mit stillem Sinn zu begegnen wußte . Wenn Sie sich etwas sammeln könnten , hub er nach einer Weile an , ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie , vielleicht würde Sie dieser beruhigen . Luise sah auf , ihre Thränen stockten , ihr war , als bräche das Strafgericht über sie ein . Zitternd , ohne Muth , das unvermeidlich scheinende abzuwenden , saß sie aufgerichtet im Bette . Der Prediger hielt diese beredte Zeichen für eine stille Einwilligung . Den Brief vor sie hinlegend , stand er auf , und eilte , durch ein Amtsgeschäft berufen , sich für den Augenblick zu entfernen . Luise erbrach das Siegel , ohne recht zu wissen was sie that , und las Folgendes : » Laß Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken , liebe Luise . Es steht alles besser als Du denkst . Fernando lebt , und wird im Kloster bei den frommen Brüdern bald genesen . Ich bin ja nun auch nicht so unglücklich , als ich hätte werden können ; und doch liegt es so schwer , so entsetzlich schwer auf meiner Seele , ich weiß auch nicht , wie das jemals anders werden soll ! Ueberhaupt kann ich nicht mehr an den nächsten Augenblick denken . Es ist alles so losgerissen , so dunkel ; ich weiß mich in nichts zu finden . Du eiltest auch so schnell vom Falkenstein ! Ach Du hattest wohl Recht ! Was solltest Du auch bei mir ! Ich war Dir nichts , konnte Dir nie etwas sein ! Ich habe das immer mit unsäglichem Schmerz gefühlt ; aber es mußte so kommen , damit ich es Dir wie mir gestand . Nun ist alles aus ; der lange , schöne Traum meines Glückes ist aus ! Ach und ich habe Dich doch so sehr , so sehr geliebt . Sieh , ich könnte denken Du seist meine Schwester , und mit Dir reden wie ehemals . Aber dann fällt mir ' s mit Todesangst ein , daß du das nicht bist , daß es sonst anders war , und ich frage mich und Gott und die Natur , was Du mir bist . Sage mir , Luise , was bist Du mir denn ? Ich könnte über die Frage den Verstand verlieren ! Zuweilen ist ' s auch , als verwirrten sich mir alle Begriffe . Ich fodre Dich dann mit bittrem Trotz vom Schicksal , als mein heiligstes Eigenthum ; ich will hin zu Dir , ich will Dich fragen , ob Du ein theuer gelobtes Wort brechen , ob Du alle göttliche Ordnung verhöhnen darfst ? Ach ich vergesse , daß mein Glück wie mein Recht nur in dem kunstreichen Gewebe zweier geschäftigen Frauen erwuchs , daß mein Sinn zufällig in die Dichtung verstrickt ward , während der Deine sie weit überflog , daß nichts von dem allen wirklich bestand , als meine Liebe , meine qualvolle Liebe , die nun , da die bunten Fäden zerschnitten sind , in meiner Brust ihr Grab findet . Ach Luise , Luise , wie elend sind wir ! Ja , Du bist es auch ; ich fühle es wohl , wie Reue und Sehnsucht zerstörend um Dich kämpfen , wie alles in der Zukunft Dich anzieht und abstößt , wie Du zwischen mir und Fernando , zwischen dem alten , befreundeten Jugendgespielen , dem Liebling Deiner Mutter , und dem heißersehnten , durch Blut und Sünde erkauften , Geliebten dastehst , und bei keinem , keinem die Ruhe Deines Herzens wiederfindest . Armes Kind ! wärst Du hier , Dir wäre doch wohl besser ! Denn ich - sieh , ich würde Dich in meine Arme nehmen und mit Dir weinen ; wir ständen dann Beide an den Trümmern unsers Glückes ! Aber nein , nein , bleib , o bleibe ! Ich kann Dich nun nicht wiedersehn . Ich müßte Dich ja fragen , was Du mir bist ? und das weißst Du nicht , und ich nicht , und kein Gott kann mir ' s sagen . Mir war leichter , als ich anfing mit Dir zu zu reden . Nun zieht sich wieder alles dicht um mich her ; ich kann kaum athmen ! Lebe wohl ! ach lebe tausendmal wohl , Du schöne Frühlingsblume meines Lebens , Du hast Dir wie mir gelogen , der Sommer bleibt wohl ewig fern ! Wärst Du todt , ich könnte sagen , was vergangen , ist dennoch gewesen ; aber so ist nichts vergangen und nichts gewesen , und das süßeste Glück meines Lebens , ja mein ganzes Dasein , ist nur ein neckendes Traumgesicht . Noch schwebe ich oft am goldnen Saum des Traumes zwischen Wachen und Schlafen ; wenn nun aber der volle bleibende Tag hereinbricht , dann muß ich vergehn wie alle Truggestalten der Nacht . O es ist erschrecklich , Luise , wenn uns die Vergangenheit so zur Lüge wird und wir hinter uns in das öde Nichts sehn ! Ich sollte Dir das alles wohl nicht sagen , aber Du fühlst es , um der Wahrheit willen , die in Deiner Seele ist und die nichts daraus verdrängen kann . Auch bestand ja von je mein lebendigstes Denken aus innren an Dich gerichteten Worten . Gönne mir noch eine Zeitlang die liebe Gewohnheit , sie ist mir zur Natur geworden . Vielleicht freuet es Dich , wenn ich Dir sage , daß der Mönch seine Liebe und Sorgfalt zwischen mir und dem wiedergefundnen Sohne theilt . Du weißst ja wohl ? oder weißst Du nicht ? Er meint ja , Du habest die letzten Worte gehört , und seiest erst , nachdem Fernando fiel , verschwunden . Ja wohl , verschwunden ! Vergebens strecke ich meine Arme nach Dir aus ; das Luftbild ist zerronnen , meine Luise bleibt ewig fern . Man sagt , Du seiest krank . Ich kann das wohl begreifen ; und doch erschrickt ' s mich nicht wie sonst . Der Tod scheint mir so wünschenswerth , so lösend und beruhigend . Ganz anders fühl ' ich die Schmerzen Deiner Seele . « Luise ward für den Augenblick ruhiger . Fernando lebte , Julius redete zu ihr , keines seiner Worte verdammte sie , ihr Vergehn erschien ihr weniger groß , seit der Ausgang der letzten Begebenheiten milder war als sie fürchtete . Nach und nach ward es heller in ihrer Seele . Sie konnte das Einzelne festhalten , ansehn und erkennen . Nur war ihr die Zeit zwischen jenem blutigen Ereigniß im Walde und ihrem jetzigen Erwachen ganz entfallen . Sie sann lange darauf , wie sie hieher gekommen sei , konnte aber nichts als einzelne vorüberfliegende Erinnrungen auffinden . Mariane saß indeß unermüdet zu ihren Füßen und schien bereit , das lange Schweigen auf den ersten Wink zu brechen . Daher schöpfte sie tief Athem , als Luise sie nach den nähern Umständen ihrer Reise befragte , und erwiederte , nachdem sie die letzten Ereignisse noch einmal überflog : Lieber Himmel , gnädge Gräfin , das ging alles so wunderlich zu , daß ich ' s noch heute am Tage nicht zu erklären weiß . Es war fast Mitternacht , als ich Sie vorigen Mittewochs ausgekleidet hatte , und mich ebenfalls anschickte , schlafen zu gehen , da trat Georg noch zu mir in die Stube , setzte sich still in einen Winkel und sagte lange kein Wort . Ich wußte nicht , was das zu bedeuten hatte , und sahe ihn verwundert an . Jungfer , sagte er endlich halblaut , es geht hier was vor , es ist seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gängen . Gestern fiel ' s in der Rüstkammer , daß der Boden dröhnte . Ich sagte es heute Morgen dem Herrn Grafen . Wir gingen hinein , und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am Knopf , von dem ich Ihnen oft erzählte , halb aus der Scheide heraus , am Boden liegen . Der Herr Graf nahm ' s auf , besah ' s und hing ' s still wieder an , aber der Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus . Da hat ' s der Herr Graf mit auf sein Zimmer genommen . Jungfer , das ist ein Unglückszeichen . Der Todesengel wird kommen und sich ' s abfordern . Sagen Sie , daß ich ' s gesagt habe . Heute ist ' s nun schon dreimal um das Schloß geritten , und so oft ich hinaus sah , war nichts da . Gott bewahre uns ! rief ich , was sind das für wunderliche Grillen ! aber ich zitterte , wie ich das sagte , und konnte den alten Georg nicht ansehn , der mir in der Angst ganz fremd vorkam . Da rief er mit einemmale : Herr Jesus , was war das ! Ich hatte nichts gehört und nichts gesehn ; aber ich erschrak so , daß ich mir mit beiden Händen die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah , als bis der Jäger fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwünschte , der nichts als Teufeleien im Schlosse anfange , wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde . Er solle , sagte er , noch spät in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort Order erwarten . Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen , das alles gelte sicher so ein italienisches Stückchen , eine Streiferei im Gebürge , die der Fremde angezettelt habe . Georg saß während dem immer noch mit gefalteten Händen , sein kleines schwarzes Mützchen weit über die Augen gezogen , ohne ein Wort zu sagen . Ja , ja , der Fremde ! rief er jetzt , schob sich die Mütze aus den Augen und wankte zur Thür . Der Jäger folgte ihm . Ich war nun ganz allein , und so angst und bange , daß ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht über den Kopf zog . Zuletzt mochte ich wohl eingeschlafen sein , als ich ' s leise um mich herum gehen hörte . Der Athem stockte mir , ich zitterte am ganzen Leibe , und konnte nicht einmal beten , so schnürte mir ' s die Brust zusammen . Da hörte ich meinen Nahmen ; es zog erst sacht , dann stärker an meiner Decke , eine Hand fuhr mir über die Augen , so daß ich sie halb öffnen mußte ; da standen Sie , gnädige Gräfin , nein niemals werde ich ' s vergessen , Sie standen in den langen , dunkelrothen Shawl gewickelt , blaß wie der Tod neben mir , und sagten mit zitternder Stimme : steh auf , Mariane , laß anspannen , wir müssen fort , geschwind , geschwind . Ich weiß nicht , wie ich auf die Beine und zur Thür hinaus kam . Im Flur stieß ich auf Georg . Ich wiederholte ihm Ihren Befehl . Schon gut , sagte er , ohne weiter zu fragen , als wisse er alles . Ich konnte mich lange nicht finden , endlich erinnerte ich mich , daß Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten , daß ich eingepackt hatte und noch mancherlei besorgen müsse . Als ich nach einer Weile zu Ihnen zurückkehrte , standen Sie noch , wie zuvor , an mein Bett gelehnt , ohne sich um etwas zu bekümmern oder weiter zu befehlen . Endlich fuhr der Wagen vor . Auf sein erstes Geräusch gingen Sie zur Thür . Georg öffnete sie und sagte : es ist nun so weit . Im Hofe fanden wir das Gesinde versammelt . Der Jäger hielt zu Pferde mitten unter ihnen . Im Walde , hörten wir , sei ein Schuß gefallen , einer sei verwundet , der Herr Graf sei auch dabei ; mehr konnten wir in der Eil nicht erfahren , denn Sie , gnädige Gräfin , riefen wiederholt : fort , um Gotteswillen fort ! Ich und die Andern glaubten Anfangs , Sie wollten nach dem Walde fahren , der Kutscher lenkte auch dahin ; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen , sagten Sie aufs neue : Mariane , mach ' daß wir nach Quedlinburg kommen , aber bald , recht bald ! Wir nahmen den Weg dahin . Sie legten darauf den Kopf auf meine Schulter und schienen einzuschlafen . Da ward mir nun vollends erst recht beklommen . Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen , dazu ward die Nacht immer finstrer , ich konnte nicht vor , nicht neben mir sehen , und wenn wir denn so hart an den Bäumen hinfuhren und die langen , dürren Zweige oft raschelnd an die Wagenfenster schlugen , dann fuhr ich zusammen und wußte vor Angst nicht meines Bleibens . So lange wir im Gebürge reisten , kam mir ' s immer so vor , als ritte jemand neben dem Wagen , ich konnte aber nichts erkennen . Gegen Morgen zu hörte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben , dabei pfiff es wie ein kalter Wind durch den Wagen . Mir schauderte , wenn ich an alles zurückdachte . Als wir endlich in die Stadt kamen , redeten Sie ein paar Worte . Wir mußten Pferde wechseln , und Sie verlangten ausdrücklich , hierher gebracht zu werden . Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still . Ihre Augen schlossen sich , die Brust flog wie im heftigsten Krampfe . So kamen wir