Geheimnis bleiben . Der Hauptmann hatte unterdessen , je näher der Tag heranrückte , seine polizeilichen Einrichtungen getroffen , die er für so nötig hielt , wenn eine Masse Menschen zusammenberufen oder - gelockt wird . Ja sogar hatte er wegen des Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten , wodurch die Anmut eines Festes gestört wird , durchaus Vorsorge genommen . Eduard und sein Vertrauter dagegen beschäftigten sich vorzüglich mit dem Feuerwerk . Am mittelsten Teiche vor jenen großen Eichbäumen sollte es abgebrannt werden ; gegenüber unter den Platanen sollte die Gesellschaft sich aufhalten , um die Wirkung aus gehöriger Ferne , die Abspiegelung im Wasser , und was auf dem Wasser selbst brennend zu schwimmen bestimmt war , mit Sicherheit und Bequemlichkeit anzuschauen . Unter einem andern Vorwand ließ daher Eduard den Raum unter den Platanen von Gesträuch , Gras und Moos säubern , und nun erschien erst die Herrlichkeit des Baumwuchses sowohl an Höhe als Breite auf dem gereinigten Boden . Eduard empfand darüber die größte Freude . Es war ungefähr um diese Jahrszeit , als ich sie pflanzte . Wie lange mag es her sein ? sagte er zu sich selbst . Sobald er nach Hause kam , schlug er in alten Tagebüchern nach , die sein Vater , besonders auf dem Lande , sehr ordentlich geführt hatte . Zwar diese Pflanzung konnte nicht darin erwähnt sein , aber eine andre häuslich wichtige Begebenheit an demselben Tage , deren sich Eduard noch wohl erinnerte , mußte notwendig darin angemerkt stehen . Er durchblättert einige Bände , der Umstand findet sich . Aber wie erstaunt , wie erfreut ist Eduard , als er das wunderbarste Zusammentreffen bemerkt ! Der Tag , das Jahr jener Baumpflanzung ist zugleich der Tag , das Jahr von Ottiliens Geburt . Funfzehntes Kapitel Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen , und nach und nach stellten viele Gäste sich ein ; denn man hatte die Einladungen weit umhergeschickt , und manche , die das Legen des Grundsteins versäumt hatten , wovon man soviel Artiges erzählte , wollten diese zweite Feierlichkeit um so weniger verfehlen . Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schloßhofe , ihren reichen Kranz tragend , der aus vielen stufenweise übereinander schwankenden Laub-und Blumenreifen zusammengesetzt war . Sie sprachen ihren Gruß und erbaten sich zur gewöhnlichen Ausschmückung seidene Tücher und Bänder von dem schönen Geschlecht . Indes die Herrschaft speiste , setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort , und nachdem sie sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und Mädchen gleichfalls um manches Band gebracht , so kamen sie endlich , begleitet und erwartet von einer großen Menge , auf die Höhe , wo das gerichtete Haus stand . Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermaßen zurück . Sie wollte keinen feierlichen , förmlichen Zug , und man fand sich daher in einzelnen Partieen , ohne Rang und Ordnung , auf dem Platz gemächlich ein . Charlotte zögerte mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht besser ; denn weil Ottilie wirklich die letzte war , die herantrat , so schien es , als wenn Trompeten und Pauken nur auf sie gewartet hätten , als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft nun gleich beginnen müßte . Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen , hatte man es mit grünem Reisig und Blumen , nach Angabe des Hauptmanns , architektonisch ausgeschmückt ; allein ohne dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlaßt , in dem Gesims das Datum mit Blumen zu bezeichnen . Das mochte noch hingehen ; allein zeitig genug langte der Hauptmann an , um zu verhindern , daß nicht auch der Name Ottiliens im Giebelfelde glänzte . Er wußte dieses Beginnen auf eine geschickte Weise abzulehnen und die schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen . Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar . Bunt flatterten die Bänder und Tücher in der Luft , und eine kurze Rede verscholl zum größten Teil im Winde . Die Feierlichkeit war zu Ende , der Tanz auf dem geebneten und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem Gebäude sollte nun angehen . Ein schmucker Zimmergeselle führte Eduarden ein flinkes Bauermädchen zu und forderte Ottilien auf , welche danebenstand . Die beiden Paare fanden sogleich ihre Nachfolger , und bald genug wechselte Eduard , indem er Ottilien ergriff und mit ihr die Runde machte . Die jüngere Gesellschaft mischte sich fröhlich in den Tanz des Volks , indes die Ältern beobachteten . Sodann , ehe man sich auf den Spaziergängen zerstreute , ward abgeredet , daß man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln wolle . Eduard fand sich zuerst ein , ordnete alles und nahm Abrede mit dem Kammerdiener , der auf der andern Seite in Gesellschaft des Feuerwerkers die Lusterscheinungen zu besorgen hatte . Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit Vergnügen ; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard sprechen , als ihn derselbe etwas hastig bat , er möge ihm diesen Teil der Feierlichkeit doch allein überlassen . Schon hatte sich das Volk auf die oberwärts abgestochenen und vom Rasen entblößten Dämme gedrängt , wo das Erdreich uneben und unsicher war . Die Sonne ging unter , die Dämmerung trat ein , und in Erwartung größerer Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient . Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken , künftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu genießen . Ein ruhiger Abend , eine vollkommene Windstille versprachen das nächtliche Fest zu begünstigen , als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand . Große Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt , man sah mehrere Menschen ins Wasser stürzen . Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Drängen und Treten der immer zunehmenden Menge . Jeder wollte den besten Platz haben , und nun konnte niemand vorwärts noch zurück . Jedermann sprang auf und hinzu , mehr um zu schauen als zu tun ; denn was war da zu tun , wo niemand hinreichen konnte . Nebst einigen Entschlossenen eilte der Hauptmann herbei , trieb sogleich die Menge von dem Damm herunter nach den Ufern , um den Hülfreichen freie Hand zu geben , welche die Versinkenden herauszuziehen suchten . Schon waren alle teils durch eignes , teils durch fremdes Bestreben wieder auf dem Trocknen , bis auf einen Knaben , der durch allzu ängstliches Bemühen , statt sich dem Damm zu nähern , sich davon entfernt hatte . Die Kräfte schienen ihn zu verlassen , nur einigemal kam noch eine Hand , ein Fuß in die Höhe . Unglücklicherweise war der Kahn auf der andern Seite , mit Feuerwerk gefüllt , nur langsam konnte man ihn ausladen , und die Hülfe verzögerte sich . Des Hauptmanns Entschluß war gefaßt , er warf die Oberkleider weg , aller Augen richteten sich auf ihn , und seine tüchtige , kräftige Gestalt flößte jedermann Zutrauen ein ; aber ein Schrei der Überraschung drang aus der Menge hervor , als er sich ins Wasser stürzte , jedes Auge begleitete ihn , der als geschickter Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn , jedoch für tot , an den Damm brachte . Indessen ruderte der Kahn herbei , der Hauptmann bestieg ihn und forschte genau von den Anwesenden , ob denn auch wirklich alle gerettet seien . Der Chirurgus kommt und übernimmt den totgeglaubten Knaben ; Charlotte tritt hinzu , sie bittet den Hauptmann , nur für sich zu sorgen , nach dem Schlosse zurückzukehren und die Kleider zu wechseln . Er zaudert , bis ihm gesetzte , verständige Leute , die ganz nahe gegenwärtig gewesen , die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen , auf das heiligste versichern , daß alle gerettet seien . Charlotte sieht ihn nach Hause gehen , sie denkt , daß Wein und Tee und was sonst nötig wäre , verschlossen ist , daß in solchen Fällen die Menschen gewöhnlich verkehrt handeln ; sie eilt durch die zerstreute Gesellschaft , die sich noch unter den Platanen befindet . Eduard ist beschäftigt , jedermann zuzureden : man soll bleiben ; in kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben , und das Feuerwerk soll beginnen . Charlotte tritt hinzu und bittet ihn , ein Vergnügen zu verschieben , das jetzt nicht am Platze sei , das in dem gegenwärtigen Augenblick nicht genossen werden könne ; sie erinnert ihn , was man dem Geretteten und dem Retter schuldig sei . » Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun , « versetzte Eduard . » Er ist mit allem versehen , und unser Zudringen wäre nur eine hinderliche Teilnahme . « Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien , die sich sogleich zum Weggehen anschickte . Eduard ergriff ihre Hand und rief : » Wir wollen diesen Tag nicht im Lazarett endigen ! Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut . Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich abtrocknen . « Charlotte schwieg und ging . Einige folgten ihr , andere diesen ; endlich wollte niemand der letzte sein , und so folgten alle . Eduard und Ottilie fanden sich allein unter den Platanen . Er bestand darauf , zu bleiben , so dringend , so ängstlich sie ihn auch bat , mit ihr nach dem Schlosse zurückzukehren . » Nein , Ottilie ! « rief er , » das Außerordentliche geschieht nicht auf glattem , gewöhnlichem Wege . Dieser überraschende Vorfall von heute abend bringt uns schneller zusammen . Du bist die Meine ! Ich habe dirs schon so oft gesagt und geschworen ; wir wollen es nicht mehr sagen und schwören , nun soll es werden . « Der Kahn von der andern Seite schwamm herüber . Es war der Kammerdiener , der verlegen anfragte , was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte . » Brennt es ab ! « rief er ihm entgegen . » Für dich allein war es bestellt , Ottilie , und nun sollst du es auch allein sehen ! Erlaube mir , an deiner Seite sitzend , es mitzugenießen . « Zärtlich bescheiden setzte er sich neben sie , ohne sie zu berühren . Raketen rauschten auf , Kanonenschläge donnerten , Leuchtkugeln stiegen , Schwärmer schlängelten und platzten , Räder gischten , jedes erst einzeln , dann gepaart , dann alle zusammen und immer gewaltsamer hintereinander und zusammen . Eduard , dessen Busen brannte , verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick diese feurigen Erscheinungen . Ottiliens zartem , aufgeregtem Gemüt war dieses rauschende , blitzende Entstehen und Verschwinden eher ängstlich als angenehm . Sie lehnte sich schüchtern an Eduard , dem diese Annäherung , dieses Zutrauen das volle Gefühl gab , daß sie ihm ganz angehöre . Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten , als der Mond aufging und die Pfade der beiden Rückkehrenden beleuchtete . Eine Figur , den Hut in der Hand , vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein Almosen an , da er an diesem festlichen Tage versäumt worden sei . Der Mond schien ihm ins Gesicht , und Eduard erkannte die Züge jenes zudringlichen Bettlers . Aber so glücklich wie er war , konnte er nicht ungehalten sein , konnte es ihm nicht einfallen , daß besonders für heute das Betteln höchlich verpönt worden . Er forschte nicht lange in der Tasche und gab ein Goldstück hin . Er hätte jeden gern glücklich gemacht , da sein Glück ohne Grenzen schien . Zu Hause war indes alles erwünscht gelungen . Die Tätigkeit des Chirurgen , die Bereitschaft alles Nötigen , der Beistand Charlottens , alles wirkte zusammen , und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt . Die Gäste zerstreuten sich , sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der Ferne zu sehen , als auch um nach solchen verworrnen Szenen ihre ruhige Heimat wieder zu betreten . Auch hatte der Hauptmann , geschwind umgekleidet , an der nötigen Vorsorge tätigen Anteil genommen ; alles war beruhigt , und er fand sich mit Charlotten allein . Mit zutraulicher Freundlichkeit erklärte er nun , daß seine Abreise nahe bevorstehe . Sie hatte diesen Abend so viel erlebt , daß diese Entdeckung wenig Eindruck auf sie machte ; sie hatte gesehen , wie der Freund sich aufopferte , wie er rettete und selbst gerettet war . Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft , aber keine unglückliche zu weissagen . Eduarden , der mit Ottilien hereintrat , wurde die bevorstehende Abreise des Hauptmanns gleichfalls angekündigt . Er argwohnte , daß Charlotte früher um das Nähere gewußt habe , war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten beschäftigt , als daß er es hätte übel empfinden sollen . Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle Lage , in die der Hauptmann versetzt werden sollte . Unbändig drangen seine geheimen Wünsche den Begebenheiten vor . Schon sah er jenen mit Charlotten verbunden , sich mit Ottilien . Man hätte ihm zu diesem Fest kein größeres Geschenk machen können . Aber wie erstaunt war Ottilie , als sie auf ihr Zimmer trat und den köstlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand ! Sie säumte nicht , ihn zu eröffnen . Da zeigte sich alles so schön gepackt und geordnet , daß sie es nicht auseinanderzunehmen , ja kaum zu lüften wagte . Musselin , Batist , Seide , Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit , Zierlichkeit und Kostbarkeit . Auch war der Schmuck nicht vergessen . Sie begriff wohl die Absicht , sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den Fuß zu kleiden ; es war aber alles so kostbar und fremd , daß sie sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute . Sechzehntes Kapitel Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefühltes Blatt an die Freunde von ihm zurückgeblieben . Er und Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen . Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein ; denn in dem zweiten Briefe des Grafen , den ihr der Hauptmann zuletzt mitteilte , war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die Rede , und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte , so hielt sie doch die Sache schon für gewiß und entsagte ihm rein und völlig . Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt , die sie über sich selbst ausgeübt , von andern fordern zu können . Ihr war es nicht unmöglich gewesen , andern sollte das gleiche möglich sein . In diesem Sinne begann sie das Gespräch mit ihrem Gemahl , um so mehr offen und zuversichtlich , als sie empfand , daß die Sache ein für allemal abgetan werden müsse . » Unser Freund hat uns verlassen , « sagte sie ; » wir sind nun wieder gegeneinander über wie vormals , und es käme nun wohl auf uns an , ob wir wieder völlig in den alten Zustand zurückkehren wollten . « Eduard , der nichts vernahm , als was seiner Leidenschaft schmeichelte , glaubte , daß Charlotte durch diese Worte den früheren Witwenstand bezeichnen und , obgleich auf unbestimmte Weise , zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle . Er antwortete deshalb mit Lächeln : » Warum nicht ? Es käme nur darauf an , daß man sich verständigte . « Er fand sich daher gar sehr betrogen , als Charlotte versetzte : » Auch Ottilien in eine andere Lage zu bringen , haben wir gegenwärtig nur zu wählen ; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit , ihr Verhältnisse zu geben , die für sie wünschenswert sind . Sie kann in die Pension zurückkehren , da meine Tochter zur Großtante gezogen ist ; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen werden , um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmäßigen Erziehung zu genießen . « » Indessen « , versetzte Eduard ziemlich gefaßt , » hat Ottilie sich in unserer freundlichen Gesellschaft so verwöhnt , daß ihr eine andere wohl schwerlich willkommen sein möchte . « » Wir haben uns alle verwöhnt , « sagte Charlotte , » und du nicht zum letzten . Indessen ist es eine Epoche , die uns zur Besinnung auffordert , die uns ernstlich ermahnt , an das Beste sämtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen . « » Wenigstens finde ich es nicht billig , « versetzte Eduard , » daß Ottilie aufgeopfert werde , und das geschähe doch , wenn man sie gegenwärtig unter fremde Menschen hinunterstieße . Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht ; wir dürfen ihn mit Ruhe , ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen . Wer weiß , was Ottilien bevorsteht ; warum sollten wir uns übereilen ? « » Was uns bevorsteht , ist ziemlich klar , « versetzte Charlotte mit einiger Bewegung , und da sie die Absicht hatte , ein für allemal sich auszusprechen , fuhr sie fort : » Du liebst Ottilien , du gewöhnst dich an sie . Neigung und Leidenschaft entspringt und nährt sich auch von ihrer Seite . Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen , was uns jede Stunde gesteht und bekennt ? Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben , uns zu fragen , was das werden wird ? « » Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann , « versetzte Eduard , der sich zusammennahm , » so läßt sich doch soviel sagen , daß man eben alsdann sich am ersten entschließt abzuwarten , was uns die Zukunft lehren wird , wenn man gerade nicht sagen kann , was aus einer Sache werden soll . « » Hier vorauszusehen , « versetzte Charlotte , » bedarf es wohl keiner großen Weisheit , und soviel läßt sich auf alle Fälle gleich sagen , daß wir beide nicht mehr jung genug sind , um blindlings dahin zu gehen , wohin man nicht möchte oder nicht sollte . Niemand kann mehr für uns sorgen ; wir müssen unsre eigenen Freunde sein , unsre eigenen Hofmeister . Niemand erwartet von uns , daß wir uns in ein Äußerstes verlieren werden , niemand erwartet , uns tadelnswert oder gar lächerlich zu finden . « » Kannst du mirs verdenken , « versetzte Eduard , der die offne , reine Sprache seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte , » kannst du mich schelten , wenn mir Ottiliens Glück am Herzen liegt ? und nicht etwa ein künftiges , das immer nicht zu berechnen ist , sondern ein gegenwärtiges ? Denke dir aufrichtig und ohne Selbstbetrug Ottilien aus unserer Gesellschaft gerissen und fremden Menschen untergeben - ich wenigstens fühle mich nicht grausam genug , ihr eine solche Veränderung zuzumuten . « Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter seiner Verstellung gewahr . Erst jetzt fühlte sie , wie weit er sich von ihr entfernt hatte . Mit einiger Bewegung rief sie aus : » Kann Ottilie glücklich sein , wenn sie uns entzweit , wenn sie mir einen Gatten , seinen Kindern einen Vater entreißt ? « » Für unsere Kinder , dächte ich , wäre gesorgt , « sagte Eduard lächelnd und kalt ; etwas freundlicher aber fügte er hinzu : » Wer wird auch gleich das Äußerste denken ! « » Das Äußerste liegt der Leidenschaft zu allernächst , « bemerkte Charlotte . » Lehne , solange es noch Zeit ist , den guten Rat nicht ab , nicht die Hülfe , die ich uns biete . In trüben Fällen muß derjenige wirken und helfen , der am klarsten sieht . Diesmal bin ichs . Lieber , liebster Eduard , laß mich gewähren ! Kannst du mir zumuten , daß ich auf mein wohlerworbenes Glück , auf die schönsten Rechte , auf dich so geradehin Verzicht leisten soll ? « » Wer sagt das ? « versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit . » Du selbst , « versetzte Charlotte ; » indem du Ottilien in der Nähe behalten willst , gestehst du nicht alles zu , was daraus entspringen muß ? Ich will nicht in dich dringen ; aber wenn du dich nicht überwinden kannst , so wirst du wenigstens dich nicht lange mehr betriegen können . « Eduard fühlte , wie recht sie hatte . Ein ausgesprochnes Wort ist fürchterlich , wenn es das auf einmal ausspricht , was das Herz lange sich erlaubt hat ; und um nur für den Augenblick auszuweichen , erwiderte Eduard : » Es ist mir ja noch nicht einmal klar , was du vorhast . « » Meine Absicht war , « versetzte Charlotte , » mit dir die beiden Vorschläge zu überlegen . Beide haben viel Gutes . Die Pension würde Ottilien am gemäßesten sein , wenn ich betrachte , wie das Kind jetzt ist . Jene größere und weitere Lage verspricht aber mehr , wenn ich bedenke , was sie werden soll . « Sie legte darauf umständlich ihrem Gemahl die beiden Verhältnisse dar und schloß mit den Worten : » Was meine Meinung betrifft , so würde ich das Haus jener Dame der Pension vorziehen aus mehreren Ursachen , besonders aber auch , weil ich die Neigung , ja die Leidenschaft des jungen Mannes , den Ottilie dort für sich gewonnen , nicht vermehren will . « Eduard schien ihr Beifall zu geben , nur aber , um einigen Aufschub zu suchen . Charlotte , die darauf ausging , etwas Entscheidendes zu tun , ergriff sogleich die Gelegenheit , als Eduard nicht unmittelbar widersprach , die Abreise Ottiliens , zu der sie schon alles im stillen vorbereitet hatte , auf die nächsten Tage festzusetzen . Eduard schauderte , er hielt sich für verraten und die liebevolle Sprache seiner Frau für ausgedacht , künstlich und planmäßig , um ihn auf ewig von seinem Glücke zu trennen . Er schien ihr die Sache ganz zu überlassen ; allein schon war innerlich sein Entschluß gefaßt . Um nur zu Atem zu kommen , um das bevorstehende unabsehliche Unheil der Entfernung Ottiliens abzuwenden , entschied er sich , sein Haus zu verlassen , und zwar nicht ganz ohne Vorbewußt Charlottens , die er jedoch durch die Einleitung zu täuschen verstand , daß er bei Ottiliens Abreise nicht gegenwärtig sein , ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen wolle . Charlotte , die gewonnen zu haben glaubte , tat ihm allen Vorschub . Er befahl seine Pferde , gab dem Kammerdiener die nötige Anweisung , was er einpacken und wie er ihm folgen solle , und so , wie schon im Stegreife , setzte er sich hin und schrieb . Eduard an Charlotten » Das Übel , meine Liebe , das uns befallen hat , mag heilbar sein oder nicht , dies nur fühle ich : wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll , so muß ich Aufschub finden für mich , für uns alle . Indem ich mich aufopfre , kann ich fordern . Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter günstigern , ruhigern Aussichten zurück . Du sollst es indessen besitzen , aber mit Ottilien . Bei dir will ich sie wissen , nicht unter fremden Menschen . Sorge für sie , behandle sie wie sonst , wie bisher , ja nur immer liebevoller , freundlicher und zarter . Ich verspreche , kein heimliches Verhältnis zu Ottilien zu suchen . Laßt mich lieber eine Zeitlang ganz unwissend , wie ihr lebt ; ich will mir das Beste denken . Denkt auch so von mir . Nur , was ich dich bitte , auf das innigste , auf das lebhafteste : mache keinen Versuch , Ottilien sonst irgendwo unterzugeben , in neue Verhältnisse zu bringen ! Außer dem Bezirk deines Schlosses , deines Parks , fremden Menschen anvertraut , gehört sie mir , und ich werde mich ihrer bemächtigen . Ehrst du aber meine Neigung , meine Wünsche , meine Schmerzen , schmeichelst du meinem Wahn meinen Hoffnungen , so will ich auch der Genesung nicht widerstreben , wenn sie sich mir anbietet . « Diese letzte Wendung floß ihm aus der Feder , nicht aus dem Herzen . Ja , wie er sie auf dem Papier sah , fing er bitterlich an zu weinen . Er sollte auf irgendeine Weise dem Glück , ja dem Unglück , Ottilien zu lieben , entsagen ! Jetzt fühlte er , was er tat . Er entfernte sich , ohne zu wissen , was daraus entstehen konnte . Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen ; ob er sie je wiedersähe , welche Sicherheit konnte er sich darüber versprechen ? Aber der Brief war geschrieben ; die Pferde standen vor der Tür ; jeden Augenblick mußte er fürchten , Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluß vereitelt zu sehen . Er faßte sich ; er dachte , daß es ihm doch möglich sei , jeden Augenblick zurückzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wünschen näher zu kommen . Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor , aus dem Hause gedrängt , wenn er bliebe . Er siegelte den Brief , eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Pferd . Als er beim Wirtshause vorbeiritt , sah er den Bettler in der Laube sitzen , den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte . Dieser saß behaglich an seinem Mittagsmahle , stand auf und neigte sich ehrerbietig , ja anbetend vor Eduarden . Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen , als er Ottilien am Arm führte ; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glücklichste Stunde seines Lebens . Seine Leiden vermehrten sich ; das Gefühl dessen , was er zurückließ , war ihm unerträglich ; nochmals blickte er nach dem Bettler : » O du Beneidenswerter ! « rief er aus ; » du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am gestrigen Glücke ! « Siebzehntes Kapitel Ottilie trat ans Fenster , als sie jemanden wegreiten hörte , und sah Eduarden noch im Rücken . Es kam ihr wunderbar vor , daß er das Haus verließ , ohne sie gesehen , ohne ihr einen Morgengruß geboten zu haben . Sie ward unruhig und immer nachdenklicher , als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenständen sprach , aber des Gemahls , und wie es schien vorsätzlich , nicht erwähnte . Doppelt betroffen war sie daher , bei ihrer Zurückkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden . Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten , aber schmerzlich empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen . Eduard und der Hauptmann fehlten , Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch selbst angeordnet , und es wollte Ottilien scheinen , als wenn sie abgesetzt wäre . Die beiden Frauen saßen gegeneinander über ; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung , ihn bald wiederzusehen . Das einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage , daß sie glauben konnte , Eduard sei , um den Freund noch eine Strecke zu begleiten , ihm nachgeritten . Allein da sie von Tische aufstanden , sahen sie Eduards Reisewagen unter dem Fenster , und als Charlotte einigermaßen unwillig fragte , wer ihn hieher bestellt habe , so antwortete man ihr , es sei der Kammerdiener , der hier noch einiges aufpacken wolle . Ottilie brauchte ihre ganze Fassung , um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen . Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges . Es war eine Mundtasse des Herrn , ein paar silberne Löffel und mancherlei , was Ottilien auf eine weitere Reise , auf ein längeres Außenbleiben zu deuten schien . Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken : sie verstehe nicht , was er damit sagen wolle ; denn er habe ja alles , was sich auf den Herrn beziehe , selbst im Beschluß . Der gewandte Mann , dem es freilich nur darum zu tun war , Ottilien zu sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken , wußte sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren , das ihm Ottilie auch zu gewähren wünschte ; allein Charlotte lehnte es ab , der Kammerdiener mußte sich entfernen , und der Wagen rollte fort . Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick . Sie verstand es nicht , sie begriff es nicht ; aber daß ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war , konnte sie fühlen . Charlotte fühlte den Zustand mit und ließ sie allein . Wir wagen nicht , ihren Schmerz , ihre Tränen zu schildern . Sie litt unendlich . Sie bat nur Gott , daß er ihr nur über diesen Tag weghelfen möchte ; sie überstand den Tag und die Nacht , und als sie sich wiedergefunden , glaubte sie , ein anderes Wesen anzutreffen . Sie hatte sich nicht gefaßt , sich nicht ergeben , aber sie war nach so großem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befürchten . Ihre nächste Sorge , nachdem das Bewußtsein wiedergekehrt , war sogleich , sie möchte nun , nach Entfernung der Männer , gleichfalls entfernt werden . Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen , wodurch ihr der Aufenthalt neben Charlotten gesichert war ; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung . Diese suchte das gute Kind zu beschäftigen und ließ sie nur selten , nur ungern von sich ; und ob sie gleich wohl wußte , daß man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu wirken vermag , so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit , des Bewußtseins , und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache . So war es für diese ein großer Trost , als jene gelegentlich mit Bedacht und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte : » Wie lebhaft ist « , sagte sie , » die Dankbarkeit derjenigen , denen wir mit Ruhe über leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen ! Laß uns freudig und munter in das eingreifen , was die Männer unvollendet zurückgelassen haben