diese erbärmlichen Seelen . Der Besiegte hätte in den Augen der Welt immer Unrecht , und darum müsse die Prinzessin nicht als besiegt erscheinen . Ich gäbe zu , daß ihr der Aufenthalt an diesem Hofe unerträglich seyn würde , so bald ich mich entfernt hätte ; allein es käme auch nur darauf an , einen besseren Vorwand zu finden , und dieser würde nicht zu theuer erkauft , wenn die peinliche Lage der Prinzessin noch einige Monate fortdauerte . Am Ende hätte sie es doch immer in ihrer Gewalt , mit gebietender Herrlichkeit hervorzutreten , so bald sie es für gut befände ; denn all dies Volk , das sie in dem gegenwärtigen Augenblick um meinetwillen verunglimpfe , würde sie anbeten , so bald sie es verlangte . » Ob Egoismus , oder Liebe für meine Freundin , « fuhr ich fort , » meine Schritte leitet , darüber kann wohl kein Zweifel statt finden . Alles , was ich vernünftiger Weise bezwecken kann , ist : Rettung derjenigen , die ich gegen alle meine Absichten unglücklich gemacht habe . Ich will bleiben , so bald Sie mir beweisen können , daß mein Bleiben sicherer zum Ziele führt . Allein davon werd ' ich mich nie überzeugen ; denn der Kampf , in welchen wir gerathen sind , ist von einer so seltsamen Beschaffenheit , daß wir , selbst mit dem höchsten Muthe , die Flucht ergreifen müssen , wenn wir uns nicht für immer besudeln wollen . Sagen Sie selbst , meine Freundin , wodurch wollen wir die Gerüchte niederschlagen , die man gegen uns in Gang gebracht hat ? Der bloße Versuch würde uns brandmarken . In uns beiden ist so Vieles enthalten , was sich durchaus nicht vor Gericht stellen läßt ; und wer würden unsere Richter seyn , wenn wir es auch in unserer Gewalt hätten , unsere Gegner zu fassen ? Das Leben gilt mir alles in Beziehung auf Sie ; aber eben deshalb möchte ich nicht vor der Zeit untergehen . Hier können wir uns nur durch das Gefühl unserer Ohnmacht vernichten . Hab ' ich mich aber einmal aus dem Strudel gerettet , der uns in seinen Abgrund zu ziehen droht , so bekomm ' ich meine ganze Freiheit wieder ; und meine Energie wird um so größer seyn , je ehrwürdiger mir das Ziel ist , das ich verfolge . Erlauben Sie mir , zu Ihren Eltern zurück zu reisen , um diesen die nöthigen Aufschlüsse über Ihre Lage zu geben . « Die Prinzessin empfand , daß ich Recht hatte . Es war nun nur noch davon die Rede , wie meine Entfernung einzuleiten sey . » Ich habe , « sagte ich , » nur von Ihnen abgehangen , und kann daher meinen Abschied nur aus Ihren Händen erhalten . « Die Prinzessin setzte sich sogleich nieder , um dem Herzog und ihrem Gemahl zu melden , daß sie für gut befunden habe , mich zu entlassen , nachdem ich selbst darauf angetragen . Unter stummen Umarmungen schieden wir von einander , nicht ohne Thränen , diesen ewigen Symbolen der Ohnmacht . Mein Reisekoffer war bald gepackt , und nach zwei Stunden befand ich mich auf dem Wege nach W ... , freier athmend , mit tausend Entwürfen für die Zukunft beschäftigt , das Bild der geliebten Prinzessin immer vor Augen habend . Ich kam wohlbehalten an . Mit meinem Berichte fand ich Eingang , so weit die elterlichen Gefühle reichten ; da diese aber bei fürstlichen Personen durch politische Verhältnisse in sehr engen Schranken gehalten werden , so war das letzte Resultat meiner großmüthigen Unternehmung , daß man das Schicksal einer geliebten Tochter beklagte , und es ihrem Verstande überließ , die Gewalt desselben zu brechen . Vergeblich sagte ich , daß dies nur dadurch geschehen könne , daß die Prinzessin zur Gemeinheit herabsänke . Die einzige Antwort , die ich hierauf erhielt , war : daß man sich nach seiner Umgebung bequemen müsse . Unstreitig bedachten diejenigen , die mir diese Antwort gaben , nicht , wie abscheulich sie war ; ich aber mußte fortan den Muth verlieren , mich noch einmal zu verwenden . Zwar blieb ich in der Nähe des Hofes , und so oft ich an demselben erschien , wurde ich auf eine Art empfangen , welche sehr deutlich anzeigte , daß man mich um der Ideale willen ehrte , die aus mir sprachen ; allein , da alle Berührungspunkte , in welchen ich ehemals gestanden hatte , wegfielen , so beschlich mich die Langeweile , und um dieser zu entrinnen , gab es keinen besseren Ausweg , als die Einsamkeit . Mit der Prinzessin blieb ich in Verbindung . Posttäglich empfing ich Briefe von ihr , worin sie mich mit den Begebenheiten des ... schen Hofes bekannt machte ; posttäglich antwortete ich ihr , und jeder meiner Briefe enthielt irgend eine Aufforderung , ihren Charakter zu behaupten . Denn ich konnte mich durchaus nicht von der Idee losreissen , daß ein menschliches Geschöpf alles preisgiebt , wenn es dem Heiligsten entsagt , das in ihm ist . Über diesen Punkt war ich mit mir selbst vollkommen im Reinen ; und wenn nur diese Denkungsart eine männliche genannt werden kann , so ist es die meinige nicht blos gewesen , sondern auch immer geblieben . Geschahe es , um meine Einsamkeit aufzuheitern , oder liebenden Gefühlen einen unmittelbaren Gegenstand zu verschaffen , daß ich mich um diese Zeit eines von seinen Eltern verlassenen liebenswürdigen Kindes annahm ? Vielleicht war noch etwas Höheres dabei im Spiele . Der Mensch hört nicht auf , die Unschuld zu lieben , welche im Fortgange seiner Entwickelung so nothwendig als unwiderbringlich verloren geht . Nun hatte ich zwar die meinige bisher bewahrt ; allein je theurer sie mir zu stehen kam , desto mehr wünschte ich , recht viel an ihr zu besitzen . Sie mir nach ihrem ganzen Werthe zu vergegenwärtigen , gab es unstreitig kein besseres Mittel , als die symbolische Repräsentation derselben in einem Kinde . Ich müßte mich sehr irren , oder es ist nichts als verlorne Unschuld , was so viele Menschen so allmächtig zu Kindern hinzieht ; in diesen wollen sie wiederfinden , was für sie selbst nicht mehr vorhanden ist ; in diesen wollen sie sich die Möglichkeit einer vom gesellschaftlichen Leben unbefleckten und selbst in ihrer höchsten Entwickelung schuldlos gebliebenen Seele denken . So etwas wirkte freilich nicht in mir ; aber , ohne den ersten Anflug davon , würd ' ich schwerlich dahin gekommen seyn , mich mit einem Wesen zu verbinden , das in jeder Hinsicht ein Kind war . Von Ideen der Nützlichkeit wurde ich durchaus nicht geleitet ; das Nützliche ordnete sich in mir dem Schönen ganz von selbst unter . Um übrigens mein Wesen auf meinen Liebling zu übertragen , erzog ich ihn nach eben den Maximen , welche meiner eigenen Erziehung zum Grunde gelegen hatten . Vor allen Dingen flößte ich ihm die Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung ein . Überhaupt dachte ich mir den Körper immer als den Abglanz der Seele ; und so wie ich selbst von dem Bedürfniß der physischen Sauberkeit zu dem einer metaphysischen aufgestiegen war , so sollte dies auch bei meinem Zögling der Fall werden . Dies ist mir auch ganz nach Wunsch gelungen , und hätte das Schicksal nicht gewollt , daß meine Luise vor mir hinsterben sollte , so könnt ' ich auf die Frau des Professors D ... als auf ein Muster aller weiblichen Tugenden hinweisen , diejenigen gar nicht ausgenommen , die zu üben ich selbst nie Gelegenheit gehabt habe . Ich kann von meinem edukatorischen Verdienste jetzt nicht ausführlicher sprechen , wenn ich meine eigene Entwickelungsgeschichte nicht allzuweit aus den Augen verlieren soll . Während ich mich in Luisen - so hieß mein Zögling - zum zweitenmale erzog , und , weil ich mir selbst lebte , auf keine Weise in der Stimmung gestört wurde , die mich zur Harmonie mit der ganzen Welt führte , gerieth die Erbprinzessin aus einer mißlichen Lage in die andere . Von ihren fürstlichen Eltern verlassen , jeder anderen Stütze beraubt , den Intriguen des ... schen Hofes blosgestellt , und , weil sie überall dieselbe Gemeinheit fand , zuletzt an sich selbst verzweifelnd , schwankte sie so lange hin und her , bis sie sich zu einer Aussöhnung mit ihrem Gemahle entschloß . Von welcher Art diese Aussöhnung war , ist leicht zu errathen ; zwei so ungleiche Naturen können nie zu einem dauerhaften Einverständniß zusammenschmelzen , nie diejenige Einheit bilden , ohne welche die Ehe nur ein leerer Schall ist . Immer war indessen die Parthie , welche die Prinzessin genommen hatte , die beste , die sie den Umständen nach nehmen konnte ; denn so lange sie auf ihrem Eigensinn beharrte , mußte sie den Hof in einer verderblichen Gährung erhalten , nicht zu gedenken , daß der Erbprinz von allen Personen ihrer Umgebung zuletzt noch die zuverlässigste und edelste war . Die Prinzessin trug einiges Bedenken , mich in diesem Schritte preiszugeben ; allein ich selbst hob alle die Gewissensskrupel , welche sie sich hierüber machte . In der That , was konnte es mir , nachdem ich mein Schicksal einmal von dem der Prinzessin getrennt hatte , noch verschlagen , daß man mich am ... schen Hofe eine Furie nannte , welche sich zwischen dem Erbprinzen und dessen Gemahlin in die Mitte gestellt und den Frieden des Hofes gestört hätte ? Ich kannte nach gerade die Welt allzugut , um nicht zu wissen , daß es den wenigsten Sterblichen verliehen ist , den Kern von der Schaale , das Wesen von den Formen desselben zu unterscheiden . » Wie man sich auch über mich erklären mag , « schrieb ich der Prinzessin , » so ersuche ich Sie , keine Notiz davon zu nehmen . Mich treffen diese Urtheile nicht ; und eben deswegen dürfen sie Ew . Durchlaucht nicht berühren . Die Hauptsache ist und bleibt , daß die ewigen Oscillationen des Hofes zum Stillstand gebracht werden ; und wenn dies durch Aufopferung meiner Renommée zu Stande gebracht werden kann , so bin ich damit sehr zufrieden ; ich schätze mich sogar glücklich , daß ich mich in Gedanken an die nicht unbedeutende Anzahl der besseren Menschen anschließen kann , die man für Verbrecher oder Wahnsinnige hielt , weil man sie durchaus nicht verstand . Übrigens bin ich unbesorgt für meine Freundin und Beschützerin . Wie auch ihre Umgebung sey , sie wird den Idealen nicht ungetreu werden , die sie bisher zwar gemartert , aber auch hoch beglückt haben ; und denke ich mir vollends , daß ihr im Verlaufe der Zeit die Verwandlung ihres Gemahls gelingen werde , so möchte ich die Stunde segnen , wo ich mich freiwillig aus ihrer beglückenden Gegenwart verbannete , um ihr ein besseres Geschick vorzubereiten . Es ist höchst selten der Fall , daß die Dinge gerade die Wendung nehmen , die wir ihnen geben möchten ; aber dafür nehmen sie oft eine weit glänzendere . « Dieser Schluß meines Briefes drückte mehr meine Wünsche als meine Hoffnungen aus . Wie hätte ich auch das Mindeste hoffen können , da sich nicht begreifen ließ , wie eine solche Verwandlung des Erbprinzen zu Stande kommen könnte ? Hat sich das Zarte einmal in eine Verbindung mit dem Starken eingelassen , so muß es sich auch darauf gefaßt machen , in ihm unterzugehen . Ich konnte nicht an die Prinzessin zurückdenken , ohne mich der unglücklichen Johanna von Castilien zu erinnern , welche , mit dem Erzherzog Philipp vermählt , so lange mit der Stärke ihres Gemahls rang , bis alle ihre Nerven rissen . Der unbesiegliche Theil des Erbprinzen war jene Heftigkeit , vermöge welcher erschütternde Sensationen ihm allein lieb und werth waren . Er konnte der Mann , aber nie der Gemahl der Prinzessin werden ; denn um das letztere zu werden , hätte er sie begreifen und verstehen lernen müssen , wozu auch nicht die mindeste Anlage in ihm war , ob man gleich nicht mit Wahrheit behaupten konnte , daß es ihm an gesundem Verstande und an einem gewissen Adel in den Gesinnungen fehle . Auf jeden Fall mußte die körperliche Schönheit der Prinzessin für dies Verhältniß das Beste thun , und die Sinnlichkeit des Erbprinzen die Vermittlerin einer Harmonie werden , die , wie lange sie auch dauern mochte , ihre Dauer nie über die den körperlichen Reizen von der Hand der Natur selbst gesetzten Schranken hinaus erstrecken konnte . Auch quälte mich in Beziehung auf die Prinzessin nichts so sehr , als der Gedanke an ein trostloses Alter , und mit Schaudern dachte ich an ihre Schwiegermutter zurück , die , bei einem weit geringeren Grad von hellen Gedanken und bestimmten Empfindungen , so nahmenlos unglücklich geworden war , daß man ihr Schicksal verabscheuen mußte . Noch war seit unserer Trennung kein Jahr verstrichen , als mir die Prinzessin meldete , daß sie sich schwanger fühle . Wie viel Mühe es ihr auch gekostet haben mochte , die mit diesem Geständniß für sie verbundene Schaamröthe zu überwinden , so durchblitzte mich doch bei dieser Nachricht ich weiß selbst nicht welche Ahnung eines besseren Geschickes für meine Freundin . Nicht als hätte ich künftige Mutterfreuden in einen hohen Anschlag gebracht ; wie hätte ich dies thun können , da ich aus Erfahrung wußte , daß die Kinder fürstlicher Personen nur einen politischen Werth haben , und eben deswegen als Unterpfänder gegenseitiger Liebe wenig oder gar nicht auf ihre Eltern zurückwirken ? Sondern weil ich mir sagte , daß der Zweck der ursprünglichen Verbindung meiner Freundin mit dem Erbprinzen jetzt erfüllt würde , und daß sich von dieser Erfüllung ein höheres Maaß von Freiheit für die vom Schicksal Verfolgte erwarten ließe . Meine Ahnung war , wie die Folge zeigen wird , sehr richtig ; was mir aber für den Augenblick die höchste Genugthuung gewährte , war : daß der ganze ... sche Hof , von dem ersten Augenblick der erklärten Schwangerschaft der Erbprinzessin an , um meine Freundin Kreis schloß , daß der alte Herzog außer sich war vor Freuden , seinen letzten Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen , daß selbst die Herzogin zu einem neuen Leben erwachte , als sie die erfahrne Rathgeberin machen konnte . Dazu kam noch , daß , außer den Jagdparthien , welchen die Erbprinzessin gegen alle ihre Neigungen hatte beiwohnen müssen , noch alle übrigen geräuschvollen und heftigen Zeitvertreibe eingestellt wurden , welche ihren gegenwärtigen Zustand gefährlich machen konnten . Der ganze Hof wurde durch die Erwartung der Dinge , die da kommen sollten , in eine Stimmung gebracht , welche dem ruhigen , von keinen Leidenschaften zersetzten Gemüth meiner Freundin entsprach ; und unaussprechlich war die Freude , als sie , nach Ablauf der gewöhnlichen Zeit , von einem so starken als schönen Prinzen genaß . Sie selbst meldete mir , wenig Tage nach ihrer Niederkunft , ihre Entbindung , und forderte mich auf , gegenwärtig zu ihr zurückzukehren , weil sie es in ihrer Gewalt habe , mich vor allen Verfolgungen zu sichern . Hätte ich dem Zuge des Instinkts folgen wollen , der mich unablässig zu meiner Freundin hintrieb ; so hätte ich , wie lieb mir auch meine Einsamkeit geworden war , keinen Augenblick verlieren dürfen , mich auf den Weg zu machen . Allein ich zog in Betrachtung , daß die temporelle Ergebenheit des Hofes gegen die Erbprinzessin , wie groß sie auch seyn möchte , keine wesentliche Veränderung in seinen Ideen und Tendenzen hervorgebracht haben könnte ; und , wie wenig ich auch mein eigenes Selbst in Anschlag bringen mochte , so blieb es noch immer problematisch , ob meine Wiedererscheinung nicht das Gegentheil von dem wirken würde , was die Erbprinzessin sich davon versprach . In diesem Sinne schrieb ich meine Entschuldigungen nieder ; und um der Prinzessin , welche nicht aufhörte , sich nach mir zurück zu sehnen , nicht auf einmal alle Hoffnung zu rauben , versprach ich zu kommen , so bald der Erbprinz seinem Vater in der Regierung gefolgt seyn würde . Dieser Zeitpunkt stellte sich weit früher ein , als ich es geglaubt hatte ; denn der alte Herzog starb wenige Monate darauf . Da die Prinzessin mich an mein Versprechen erinnerte , so machte ich mich auf den Weg , so bald ihr Gemahl mich in einem eigenhändigen Schreiben dazu aufgefordert hatte . Ich kam früh genug an Ort und Stelle , um den Festlichkeiten der Succession beizuwohnen . Die junge Herzogin empfing mich mit all dem Enthusiasmus , welcher ihrer schönen Seele eigen war ; aber eben dieser Enthusiasmus sagte mir auch , daß hier alles noch beim Alten sey ; denn die Wiedererscheinung der Freundin mußte minderen Eindruck machen , wenn zwischen Gemahl und Gemahlin eine wirkliche Harmonie statt fand . Ich sollte mich auf der Stelle entschließen , den Posten einer Oberhofmeisterin bei der jungen Herzogin anzunehmen ; allein wie hätte ich dies gekonnt , ohne dem warnenden Genius entgegen zu streben , der mir zuflüsterte , daß hier kein Gedeihen für mich sey ? Im Grunde war ich nur gekommen , das Terrain zu rekognosziren . Ich bat also , daß man mir Zeit lassen möchte ; und ich that wohl daran , mich nicht zu übereilen . Der Geist des Hofes war durchaus derselbe . Kaum war es bekannt geworden , daß ich bestimmt sey , Oberhofmeisterin zu werden , als jene Paar Familien , von welchen oben die Rede gewesen ist , alles aufboten , um mich zu kränken und wieder zu entfernen . Ich war aufrichtig genug , darüber mit der Herzogin zu sprechen . Sie zog die Schultern , und eine Thräne des ohnmächtigen Unwillens drang aus ihren schönen Augen . » Sie haben Recht , Mirabella , « sagte sie , » hier kein Gedeihen zu erwarten ; und könnten Sie noch in meiner Achtung gewinnen , so würde es durch die Entsagung geschehen , womit Sie in Beziehung auf sich selbst zu Werke gehen , indem Sie die Stelle der Ersten Dame von sich ablehnen . Ich muß es ganz Ihrem Gutbefinden überlassen , ob Sie bei mir bleiben wollen oder nicht . Welche Parthie Sie aber auch ergreifen mögen , nie werd ' ich an Ihnen irre werden , so lange noch etwas in mir ist , wodurch ich das Edle von dem Gemeinen , das Schöne von dem Häßlichen zu unterscheiden im Stande bin . Ich habe , um alles mit einem Worte zu sagen , weder das Recht , Sie unglücklich zu machen , noch die Befugniß , von Ihnen zu verlangen , daß Sie mich durch engeres Anschließen an meine Person noch unglücklicher machen sollen , als ich gegenwärtig bin ; denn dies ist es doch zuletzt , was Sie allein vermeiden wollen . « Es giebt , behaupte ich , kein angenehmeres Gefühl , als sich in einer großmüthigen Idee errathen zu sehen . Und wären mir , während meines kurzen Aufenthalts am ... schen Hofe , die größten Beleidigungen widerfahren ; so würd ' ich sie in diesem Augenblick vergessen haben . Ich küßte die Hand der Herzogin voll stummer Wehmuth , während sie mit einem Blick , aus welchem etwas Göttliches strahlte , mich ihre ewig theure Mirabella nannte . Um mir meinen Aufenthalt in der Nähe eines so herrlichen Wesens nicht unnöthig zu verbittern , sorgte ich dafür , daß es noch an demselben Tage bekannt wurde , daß ich die Stelle einer Oberhofmeisterin abgelehnt hätte . Die Wirkungen dieser Nachricht zeigten sich bald . Um die Achtung der meisten Menschen zu gewinnen , darf man ihnen nur unbegreiflich werden . Je weniger man darauf gerechnet hatte , daß ich eine so einträgliche und ehrenvolle Stelle ausschlagen würde , desto emsiger drängte man sich zu mir , um das Warum zu erforschen . Wie geschmeidig waren nun mit einemmale alle die Creaturen , welche sich noch kurz vorher so trotzig und boshaft bewiesen hatten ! Dem Kammerherrn muß ich indessen die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß er sich auch jetzt seinem legalen Charakter gemäß bewies . Kaum konnte ich mich bei seinem Anblick des Lachens enthalten , so feist und glänzend hatte ihn seine Legalität gemacht , die in ihm , wie in allen anderen Menschen , sich ganz vortrefflich mit der goldenen Mönchsregel vertrug : » daß man seine Pflicht handlich erfüllen , den Herrn Abt in Ehren halten und die Welt gehen lassen müsse , wie sie nun einmal gehen will . « Es war eine Lust , zu sehen , wie der ehrliche Kammerherr , von seiner Corpulenz gedrückt , auf einem Lehnstuhl da saß , die Ellenbogen auf die Lehnen gestützt , die Daumen um einander schiebend , und von Zeit zu Zeit so tief aufathmend , als ob die Bürde der Weltregierung auf ihm lastete . Und diesen Ehrenmann hatte ich einmal in meine Ideale verwickeln wollen ; und diesem Manne hatte ich zugemuthet , einem jungen Prinzen Erhebung und bleibenden Antrieb fürs Edle zu geben ! Fehlgriffe dieser Art werden in der Welt nicht selten gemacht ; aber sehr selten lacht man darüber , weil man nicht auf die Kontraste merkt , zu welchen sie führen . Ich wollte einen Versuch machen , mit dem guten Kammerherrn über unseren ehemaligen Entwurf zu plaisantiren ; allein ich hatte kaum davon zu sprechen angefangen , als der Schweiß aus allen seinen Poren hervorbrach ; unstreitig weil er sich noch sehr lebhaft der Folter erinnerte , auf die ich ihn gesetzt hatte . Der bewaffneten Neutralität , in welcher ich den Hofleuten gegenüber dastand , verdankte ich es , daß der Rest meines Aufenthalts am Hofe sehr angenehm war . Lange durft ' ich aber nicht bleiben , wofern ich nicht Mißtrauen und Eifersucht erregen wollte . Ich trennte mich also von der Herzogin , so bald ich es nur über mich erhalten konnte . » Wir sehen uns wieder , « sagte sie beim Abschied ; » und so Gott will , kommt nun die Reihe des Aufsuchens an mich . « Ich verstand dies so , als ginge sie damit um , ihre Eltern zu besuchen , und antwortete in diesem Sinne . Nähere Verabredungen wurden unter uns nicht genommen . Ich trat meine Rückreise mit frohem Herzen an , weil mir volle Genugthuung zu Theil geworden war . Was ich nach meiner Zurückkunft unserem Hofe berichtete , machte um so mehr Vergnügen , weil es eine indirekte Lobrede auf die Weisheit enthielt , womit man die Dinge sich selbst überlassen hatte . Mit Vergnügen trat ich in meine Einsamkeit zurück , welche nicht mehr einsam war , seitdem sie durch ein junges Geschöpf belebt wurde , das sich täglich herrlicher entwickelte . Die Tage verstrichen mir als Minuten ; aber sie dehnten sich desto mehr in der Erinnerung aus ; ein sicheres Zeichen , daß sie weder gedanken- noch empfindungslos verlebt wurden . Das einzige , was mein Gemüth in einer unangenehmen Spannung erhielt , waren die Briefe der Herzogin voll bitterer Klagen über ihr Geschick . Doch , ohne hierüber in ein Detail einzugehen , begnüge ich mich , im Allgemeinen zu erzählen , wie sich ihr Geschick entwickelte , und wie wir gegen alle unsere Erwartungen ganz plötzlich wieder vereiniget wurden . Das höhere Maaß von Freiheit , welches der Herzog durch den Tod seines Vaters gewonnen hatte , wirkte in sofern nachtheilig auf seine häuslichen Verhältnisse zurück , als es ihn zu Liebeshändeln aufgelegt machte , welche sein Ansehn kompromittirten . Seine Gemahlin war nicht sehr geneigt , davon Notiz zu nehmen ; allein , indem einzelne Hofleute , die schwache Seite des Herrn benutzend , sich ein Verdienst daraus machten , ihm behülflich zu seyn , so konnte es nicht fehlen , daß alle die Spaltungen erneuert wurden , welche den ... schen Hof in einer früheren Periode zu einem so unangenehmen Aufenthalte gemacht hatten , und daß selbst die Herzogin litte . Es kam aber noch dazu , daß , während sie auf der einen Seite durch das Daseyn eines Erbprinzen ihre Bestimmung erfüllt hatte , der Herzog auf der anderen seiner Gemahlin gegenüber eine Scham empfand , die zu überwinden er zuletzt allzugut war . Es war besonders dieser letzte Umstand , der das edelste Weib , das je die Sonne beschienen hat , lästig , wo nicht gar verhaßt , machte . Die Herzogin fühlte dies , wußte sich aber nicht eher zu rathen noch zu helfen , als bis sie auf den gesunden Gedanken gerieth , ihren Gemahl um die Erlaubniß zu einer Reise nach der Schweiz und Italien zu bitten . Ihr Vorschlag wurde auf der Stelle angenommen , und eine hinlängliche runde Summe zur Bestreitung der Reisekosten ausgemittelt . So wurde die Ahnung erfüllt , die mich bei der ersten Nachricht von der Schwangerschaft der Herzogin durchblitzte . Zwei Jahre mochten seit meiner Zurückkunft verstrichen seyn , als ich ganz unerwartet ein Schreiben voll Jubels von der Herzogin erhielt , worin sie mir nicht nur den Ausgang des langen Kampfes meldete , den sie gekämpft hatte , sondern auch sagte , daß sie , um bequemer zu reisen , nicht den ganzen Aufwand machen würde , den die eigennützige Großmuth ihres Gemahls ihr zu machen erlaube . Übrigens verstände es sich von selbst , daß ich sie begleiten sollte . » Nur auf diese Weise , « schrieb sie , » konnten wir uns wieder vereinigen , und ich schätze mich glücklich , daß ich endlich zum Ziel gelangt bin . « Ich hatte Mühe mich von meinem Erstaunen zu erholen ; allein indem ich die Sache nahm , wie sie einmal da lag , fand ich mich darin , und machte meine Reiseanstalten mit allem Eifer , den meine Liebe für die Herzogin mit sich führte . Meine Luise nicht an Andere abzutreten , beschloß ich , sie mit mir zu nehmen . Ich war , als dies geschah , ein und dreißig Jahre alt ; die Herzogin sechs Jahre jünger . Gesundheit und Erfahrung besaßen wir in gleichem Maaße ; unsere Köpfe hatten dieselbe Richtung genommen . War irgend ein Unterschied , den physischen nicht in Anschlag gebracht , zwischen uns , so bestand er darin , daß bei der Herzogin , welche durch eine weit härtere Schule gegangen war , als ich , die Empfindungen mehr Tiefe hatten , während ich , ohne deshalb nur im Mindesten leichtsinnig zu seyn , die ersten Eindrücke bei weitem leichter überwinden und zur Sprache bringen konnte . Selbst vermöge dieses Unterschiedes paßten wir herrlich zusammen ; denn indem die Herzogin in ihrer stillen Größe blieb und sich nur selten aussprach , war ich gewissermaßen ihr Dollmetsch , und ihr selbst um so willkommner , weil ich ihre Empfindungen in Ideen verwandelte . Wenige Wochen nach ihrem letzten Schreiben kam sie bei ihren Eltern an . Diese waren wiederum sehr zufrieden mit der Wendung , welche das Schicksal ihrer Tochter genommen hatte . Sie freueten sich herzlich , sie wieder zu sehen ; sie freueten sich aber noch weit mehr der bedeutenden Pension , welche ihr Gemahl ihr ausgeworfen hatte . Es wurden Feste veranstaltet , welche frohe Gefühle wecken sollten , aber , wie immer , nur Langeweile erregten . Die Herzogin konnte den Augenblick nicht erwarten , wo sie in meiner Gesellschaft ihre Reise nach der hochgepriesenen Schweiz antreten sollte . Endlich schlug die Stunde , und wir reiseten in einer wenig zahlreichen Begleitung ab . Drittes Buch Befürchten Sie nicht , mein angenehmer Freund , daß ich in meinen Bekenntnissen von Dingen sprechen werde , welche Sie weit besser wissen , als ich . Mein Reise-Journal liegt zwar neben mir ; allein ich werde mich wohl in Acht nehmen , Ihnen durch die Mittheilung desselben Langeweile zu machen . Alles , was ich Ihnen mitzutheilen habe , sind einzelne Bemerkungen , hergenommen von dem Eindruck , den Gegenstände der Natur und Kunst , oder auch sehr interessante Personen , während meiner Reise auf mich gemacht haben . Auf diese Weise werd ' ich dem Alltäglichen entrinnen , und die Geschichte meiner Entwickelung beendigen , ohne auch nur ein einziges Mal in den unverzeihlichen Fehler der Geschwätzigkeit verfallen zu seyn . Ich selbst finde meine Rechnung bei diesem Verfahren ; denn das Schreiben ist in sich selbst eine so große Beschwerde , daß ich gar nicht begreife , wie Leute sie überwinden können , die , um mich des gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen , durchaus nichts auf ihrem Herzen und Gewissen haben . Doch zur Sache ! Wenn die meisten Reisenden gar keinen Beruf zum Reisen haben , so haben dafür diejenigen Individuen den allerbestimmtesten Beruf , die aus dem Kampf mit der Gesellschaft eine Empfindlichkeit davon getragen haben , vermöge welcher sie , in bleibenden Verhältnissen , nur beleidigen oder beleidigt werden können . Auf Reisen hat man es in seiner Gewalt , seine ganze Eigenthümlichkeit zu behaupten ; denn von dem Augenblick an , wo sie bekämpft wird , reiset man weiter ; und da dem Reisenden , besonders dem bemittelten Reisenden , alles entgegen kommt , so fehlt es nie an Gelegenheit zu neuen Verhältnissen , die alsdann wiederum so lange dauern , als sie können . In dieser Hinsicht war mein Bedürfniß zu reisen bei weitem nicht so stark , als das der Herzogin ; allein da ich nur an meinen Idealen hing und in der Herzogin die Repräsentantin derselben liebte , so war es mir vollkommen gleichgültig , an welchem Orte ich existirte ; und auf diese Weise begegneten die Wünsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen . Selbst die Reise nach der Schweiz ließ ich mir sehr gern gefallen , ob ich gleich für dieses Land nie die mindeste Zärtlichkeit empfunden hatte . Die Vorliebe der Herzogin für dasselbe gründete sich