Allein der eilfertige Wirth ließ ihr nicht Zeit zu antworten , er flog den vornehmen Gast zu bedienen . Rodrich setzte sich indessen zwischen den blühenden Ranken und freuete sich der lustigen Geschäftigkeit , die Groß und Klein in Bewegung setzte . Ueberall sahe man Vorkehrungen zu dem morgenden Tage , während die heutige Feier Geladne und Ungeladne herbeizog und Alle auf irgend eine Weise daran Theil nahmen . Vor einem gegenüber stehenden Hause wiegten sich zwei zierliche Mädchen mit geschmückten glänzenden Strohhütchen , auf einem schmalen Bret , das über einem abgehauenen Baumstamm lag , während sie mit großer Geschicklichkeit Körbe flochten , die sie öfters in die Höhe warfen , und indem Eine die Andre hob , auf einem Stäbchen wieder auffingen . Ein jedesmal trat dann eine keiffende Alte zur Thüre heraus und verhieß ihnen nicht die freundlichste Hülfe ; sie aber wiesen die fast vollendete Arbeit , und trieben das Spiel immer aufs neue , bis plötzlich ein feiner Knabe mitten auf das Bret sprang und ihnen die Körbe wegfing . Auf ihr Geschrei kam die Alte gelaufen , und Rodrich klopfte wirklich das Herz bei ihrem Anblick , denn er sah alles Unheil , was nun entstehen mußte . Der betretne Knabe ließ die Körbe sogleich fahren , und die Mädchen folgten willig in das Haus , wo sie Rodrichs Blicke lange vergebens suchte , bis sie endlich aus einem Dachfensterchen hervorguckten , und den bunten Gasthof verlangend und neugierig betrachteten . Alle ihre Bewegungen drückten die höchste Lebhaftigkeit aus , die keine Unfälle beugen könnte , im Gegentheil schien ihre Zuversicht nur zu wachsen , denn sie zeigten einander ihre Arbeit , und klopften in die kleinen Hände voll froher Erwartungen . Bald kam auch der Knabe geschlichen und flisterte ihnen etwas zu , was Rodrich indessen nicht verstehen konnte . Sie bogen sich aber heraus , und lachten heimlich , indem sie ihm die Körbe hinhielten und ihn unaufhörlich neckten , als höchst unerwartet das Gesicht der Alten zwischen den Cherubsköpfchen hervorsahe ; doch die Körbe waren fertig , und sie küßten die dürren Wangen , bis sie ein Strahl ihrer Freude belebte und Alle bald wieder vor der Thüre erschienen . Rodrich war durch den kleinen Vorgang so gefesselt worden , daß er es nicht bemerkte , wie es nach und nach immer lebendiger um ihn her ward , und Gäste und Reisende um die besetzten Tische Platz nahmen . Die Emsigkeit des Wirthes , sein unaufhörliches Rufen : » Marie , hierher ! Marie , Gläser ! o eilig , eilig , ich wäre schon zehnmal wieder da ! « machte ihn endlich auf die Anwesenden aufmerksam , und schon zog die Mutter des neugebohrnen Kindes seine Blicke auf sich . Ein langer röthlicher Mantel , in welchen sie das Kind eingeschlagen hatte , und der die eine Schulter deckte , während er sich in den reichsten Falten um die Hüften schlang , gab ihrer übrigens ländlichen Kleidung etwas vornehmes und phantastisches , wie der leichte Anflug von Kränklichkeit und Erschöpfung über ihre funkelnden Augen eine zauberische Milde ausgoß . So oft sie das geliebte Kind an die Brust drückte , oder sich über dasselbe hin bog , flog die schönste Röthe über ihr klares durchsichtiges Antlitz , und sie blickte dann freudig auf Marien , die ihr Entzücken theilte , während der unruhige Vater mit einem flüchtigen Kuß und einer ungeschickten Liebkosung an dem zarten Kinde vorüberflog . Rodrich hatte sie lange Zeit mit Bewundrung angestaunt . Alle Madonnen , die er je gezeichnet kamen ihm wieder ins Gedächtniß , und er sah recht , wie diese Weichheit , diese Demuth und Zuversicht mütterlicher Liebe , dies reiche Spiel wechselnder Gefühle in den strahlenden Zügen unerreichbar sey , als er zufällig einen Mann erblickte , dessen Augen von den aufgestützten Händen beschattet , unverwandt auf die Frau gerichtet waren , als wolle er das schöne Bild , rein von allen störenden Umgebungen , auffassen . Wie einen das Bekannteste , bei unerwarteter Erscheinung , oft fremd dünkt , so konnte er sich im ersten Augenblick nicht besinnen , wen er vor sich habe ; doch plötzlich stürzte er voll Freude in die Arme des betroffnen Mahlers , der ihn zweifelhaft ansahe , und halb froh halb betrübt sagte : so schnell bist du der Kunst untreu geworden ? Rodrich war wirklich verlegen , was er antworten sollte , denn er fühlte wohl , daß seine Gründe wenig Eingang bei dem eifrigen Künstler finden würden , als dieser heftig fortfuhr : sieh ' hieher , was kannst du herrlicheres vollbringen , als diesen ewigen Gedanken der Schöpfung , diese Mensch gewordne Liebe , in dem verklärten Bilde , was hier vor meinen trunknen Sinnen schwebt , immer und immer wieder außer dir hinzustellen und die Kunst in ihm zu verewigen ? - Was kannst du noch anders wollen ? und darfst du hoffen , bei dem unruhigen Gewerbe , das du ergreifst , je das Bleibende zu erfassen ? Was ist bleibend , sagte Rodrich , als der Gedanke des Lebens ? und spiegelt sich der nicht in dem steten Wechsel , wie in der ruhigen Wirksamkeit des Menschen ? Mich reißt der Augenblick fort , und ich muß mich dem beweglichen Spiele hingeben oder in der innern Unzufriedenheit vergehen . Und zu was , fragte der Mahler , soll dies zwecklose Spiel führen ? Zwecklos ? wiederholte Rodrich . Nennen Sie so das freieste Ringen und Entfalten der Kräfte , das wie Himmelsklang das Innere durchrauscht und jede trübe Sorge von dem reinen Spiegel einer muthigen Seele weghaucht ? Und was , als dieses Entzücken , wird fortleben , wenn die Zeit auch Ihre blühenden Träume verwischt und die Früchte einer mühevollen Laufbahn verschwinden ? - Sie hatten sich gleich beim ersten Erkennen aus der Laube entfernt . Rodrich sprach mit vieler Heftigkeit , denn es erbitterte ihn , daß seine Freude so ungetheilt blieb , und der Freund nur auf die Verschiedenheit ihrer Wege achtete . Und wiederum konnte sich dieser gar nicht zufrieden geben , so die besten Erwartungen getäuscht und alle Sorge und Fleiß verschwendet zu sehen . Er betrachtete Rodrich mit unwilligen Blicken , ohnerachtet dessen freier Anstand und die edle Haltung dem künstlerischen Auge nicht zuwider seyn konnte . Tausend Versuche ihn der Kunst wieder zu gewinnen , glitten an der verschloßnen Seele des gereitzten Jünglings ab , der endlich unwillig ausrief : Ich kann nun einmal weder die Ruhe , noch die Freiheit erringen , in den abgeschloßnen Bahnen eine Welt aus mir hervorzurufen , die reich und gehaltvoll genug wäre , um mein Verlangen zu stillen , und ich will der Natur den Schimpf nicht anthun , zu glauben , als führe nur ein Weg zur Seligkeit . Ich habe es immer gefühlt , sagte der Mahler , daß dir die rechte Liebe fehle , aber ich glaubte dich nun schon zu vertraut mit der Kunst , um je wieder von ihr lassen zu können . Jetzt sehe ich wohl , es war der Ritter und das Schwerdt , was dich an jenem Abend in der Hütte bewegte , und nicht die Freude am Bilde selbst , wie ich thöricht glaubte . Und doch , sagte Rodrich , durch jene Erinnerungen erweicht , ich kann da nichts trennen , und ich wollte , ich hätte diese Einheit , dies Zusammenfallen oder Zusammenhalten der Gefühle in allen Verzweigungen des Lebens bewahren können , aber da spaltet und fächert sich alles so seltsam von einander , daß die rechte Lust in tausend Stückchen zerbröckelt , und nichts übrig bleibt , als die dürre Ueberlegung , die in besonnenen Augenblicken das Gerippe zusammenhält . Der Mahler wandte sich verdrießlich von ihm ab , und er blieb in dem Andenken des hervorgerufnen Bildes und der Stunde versenkt , die ihn zuerst der Welt zuführte . Alles was er dem gütigen Beschützer verdankte , die edlere Bildung , äußeres Wohlseyn , die jetzigen Verhältnisse , alles dies reihete sich unmittelbar an jene Erinnerungen , und es that ihm leid , sich so schroff und stolz gezeigt zu haben , da auch sein jetziger Tadel eine Theilnahme verrathe , welche die Liebe für ihn und die Kunst so umfasse , daß er sie vielleicht selbst nicht zu trennen wußte . Indessen war es ihm tröstlich , daß ihm dieser Streit wieder neue Anregungen gegeben , und ihn klar einsehen lehrte , wie nur das bewegliche , flüssige Licht des Geistes durch alle Zeiten fortströme , und sich von Geschlecht zu Geschlecht in den Herzen verjünge , während die kleinen Werke der Menschen zerfallen und ihr unscheinbares Daseyn von der Erde verschwindet . Und so , rief er , ist auch die stille Liebe und Seligkeit der Unglücklichen , deren Grab ich heut betrat , nicht gestorben , denn alles , was nur recht tief im Innern empfunden wird , das ist so gewiß ewig , wie das Leben selbst . Er sehnte sich mehr als jemals nach dem Kriege , wo die Gegensätze recht scharf hervorspringen , und der Mensch so groß über die Erde hinsieht und sich freudig vergißt in der Ehre und dem Ruhm , der ihn weit überleben soll . Unter diesen Gedanken ging er mit raschen Schritten auf und ab , als ganz unerwartet , die beiden Mädchen vor ihm standen , die ihn vor wenigen Augenblicken so ergötzten . Es waren zwei zarte Röschen , deren nahes Erschließen sich in den halb jungfräulichen halb kindischen Blicken und Geberden offenbarte . Die Älteste sah schon recht listig aus dem Strohhütchen hervor , und als sie Rodrich umschlang , wehrte sie den Kuß nur leicht ab , der den frischen Mund flüchtig berührte . Die kleine Laura erzählte nun alles , was sie auf dem Herzen hatte , und wünschte sehnlich , die Aufmerksamkeit des schönen Herrn auf sich zu ziehn . Rodrich hörte auch willig zu , und ließ sich gern von dem Syrenenstimmchen in den süßesten Taumel hineinschwatzen . Cyane trieb indeß zur Eile , da die Musi klängst angefangen hätte , und in der Laube schon getanzt würde . Als sie unter das Laubdach traten , kam ihnen Marie mit einem Korbe der schönsten Kränze entgegen , die sie überall an den Ranken befestigte , und das bunte Gewinde in der Luft spielen ließ , was den lustigsten Anblick gewährte , indeß die bewegten Blumen erfrischenden Duft verbreiteten und die zarten Wangen der Mädchen mit ihrem Glanze färbten . Alles war wie berauscht , und der Wirth , der es wirklich war , lief mit lächerlichen Geberden umher , und indem er den vollsten Kranz herunterriß , und ihn auf die rothe Stirn drückte , glich er einem Faun , der mit seinen Bocksprüngen die Gesellschaft zum unversiegbaren Gelächter reizte . Rodrich hätte Cyanen , die beim Tanzen den Strohhut ablegte , des Gegenstücks wegen die schönsten Blumen zwischen die braunen Locken geflochten , und fühlte , als er die Reihen mit ihr hinunterflog , nicht ohne Bewegung die kleine Brust an der seinigen schlagen . Die andern Mädchen hatten sich indessen vertraulich genähert , und sahen mit Wohlgefallen in die hellen Blicke des vornehmen Fremden . Der leichte Ton , den er sich hier erlauben durfte , die ungezwungene Art des Tanzes , die leichtfertigen freien Blicke seiner Tänzerinnen , alles riß ihn fort , und er wiegte sich an der Hand einer schlanken Blondine in lüsterne Träume , als seine Augen denen der einsamen Mutter begegneten , die in dem Anschauen ihres Kindes versenkt , in einer eignen Welt lebte , und nur zuweilen und flüchtig auf die wogende Fluth blickte . Er wußte selbst nicht , wie es geschah , daß er an Miranda dachte , und sich jeder unheiligen Regung in tiefster Seele schämte . Marie , die dem Kinde auch ein Blumenkettchen gewunden hatte , kniete vor diesem nieder , und schlang den Kranz um die weißen Küssen . Die schöne Frau küßte sie auf die Stirn , und Rodrich , der sich genahet hatte , hörte daß sie ihr leise zuflisterte , bringe doch den Bruder zur Ruhe , die Thorheiten ängstigen mich . Großer Gott ! dachte er , muß dieser Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrübt werden , und ist denn nichts rein in der Welt , daß man sich an keinem Gebilde ohne wehmüthige Störungen erfreuen darf . Ach es ist wahr , das Glück und die Freude spielen nur auf der Oberfläche des Lebens , und wenn man sie fassen will , so winken sie uns weit aus der unerreichbaren Tiefe , wo der Mensch schaudert , hinabzusteigen . Der Mahler trat jetzt auf ihn zu , und fragte spöttisch , bist du so schnell mit der Wirklichkeit zerfallen , daß Du mit diesen trübseligen Mienen in die allgemeine Freude hineinschauest ? - Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser , dem Du dich so gern hingiebst ? Wer hat ihn , fesseln wollen , fragte Rodrich , durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht . Dies Ziehen und Wandeln , dieser ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben , dessen höchstes Ziel wohl jedem gleich abwärts steht . Dem Künstler nicht , erwiederte jener , der weiß den Streit zu lösen , und den Augenblick zu verewigen . In den reinen Himmel seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt , und die niedre Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schönen , das seinen Blick verklärt . Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet , sagte Rodrich , so sind dies auch nur Erhebungen , die er überall mit den höhern Menschen gemein hat , und was ist denn der Künstler anders als ein rüstiger Streiter , dem die Siegespalme aus der Ferne winkt . Oder ist es nicht ein Streit zu nennen , wenn Gedanke und That mit einander ringen , und die Schöpfung langsam ans Licht tritt und oft ganz anders , dem schaffenden Geiste fremd da steht , und er das eigne Kind widerstrebend anerkennt ? - Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit , wenn der zurückgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des Lebens ihm begegnen , den frischen Muth anfallen , an ihm nagen und zerren , bis er geängstet in seinen Himmel flüchtet , und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt , was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen , sondern Eins mit ihm in der innern und äußern Verklärung gedacht werden soll ? Wohl dem , erwiederte der Künstler , der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte , er ist ihm ein sichrer Anker auf der tosenden Fluth , wo die meisten ohne Halt herumirren und rettungslos untergehen . Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt , und mit Riesenarmen die ganze Fülle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden Lebens umfassen will , dem widersteht alles , bis die Hand , in der jede Lust zerbrach , dem thörichten Herzen Fesseln schmiedet , und ihm in der gänzlichen Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erblühet . So ging es manchem frommen Einsiedler , den ein mühevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drängte . Haben Sie , sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend , den Heiligen gekannt , dessen Bild Sie mit der hinreißenden Wahrheit auffaßten , so daß ihn Niemand ohne Rührung sieht . Ja , sagte der Mahler ernst . Mein keimendes Talent entfaltete sich unter seinem Schutz . Er stand zu hoch , als daß ich in sein Inneres hätte dringen sollen , allein ich weiß , wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne Seele befreien sollte , und darum ward er zum Märtyrer an des Sohnes That . - Rodrich , den diese Worte außerordentlich bewegten , wollte weiter in ihn dringen , und sagte ihm , was er selbst Näheres von dem Zusammenhange des Ganzen wußte ; allein der Mahler bat ihn , diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwecken . Hat doch , setzte er hinzu , die Hand des Himmels jede Spur getilgt , und es soll ja vergessen seyn . Ein allgemeiner Lärm zog sie hier zu der Menge hin . Der Wirth hatte in der Trunkenheit das Kind von dem Schooße der Mutter gerissen , und sprang in den gefährlichsten Stellungen mit ihm umher . Niemand wagte sich zu nahen , aus Furcht , ihn zu wildern Ausbrüchen zu reitzen . Vergebens flehete Marie , vergebens streckte die weinende Mutter die Arme aus , er schrie und jauchzte vor innerer Lust und trieb sein tolles Spiel ungestört . Rodrich kannte sich nicht vor Wuth , er theilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit fürchterlicher Stimme : steh ' Kobold , und gieb mir das Kind ! Wie gebannt ließ der Erschrockne die Arme sinken , und Rodrich faßte leicht und behend den zarten Liebling , den er in der heiligsten Rührung an das geängstete Mutterherz legte , indem er sagte : die Engel der Unschuld mögen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden ; und als umfinge ihn diese Unschuldswelt , neigte er sich vor der segnenden Hand der bewegten Frau , die ihm nur weinend dankte . Der Mahler drückte ihn an das Herz und konnte lange nicht sprechen , dann sagte er : lebe wohl , mein liebes Kind , ich muß dich jetzt verlassen , aber ich scheide ruhiger von dir , als ich dich begrüßte , und wer weiß wie alles kommt , du kehrst wohl noch einmal zu deiner frühern Beschützerin zurück . Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst , und freuete sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohlthäters , der sich seinen Umarmungen entriß und forteilte . Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen , da ihm ohnehin die vorige Störung das kleine Fest verleidet hatte , und als er hierzu Anstalten machte , sah er mit großer Beschämung den reich gekleideten Felix von der schönen Blondine mehr als sich begünstigt . Er ließ schnell die Pferde kommen und ritt eiligst davon . Wie er nun endlich das Ziel seiner kleinen Reise erreichte und die alte stark befestigte Stadt betrat , fühlte er eine innere Scheu , die sich beim Anblick des etwas feierlichen Generals nur noch mehrte . Er konnte Anfangs nicht begreifen , wie dieser für den heitern offnen Grafen passe , und was sie eigentlich verbinde . Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite seines Standes , die er bis jetzt noch nicht so beachtete , und die der erfahrne Graf wohl zu ehren verstand . Es war nicht sowohl das freie muthige Soldatenleben , was er hier traf , sondern der tiefere Kriegersinn , das Wissenschaftliche der edlen Kunst , was sich im Laufe der ernsten Gespräche verkündete , und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte , mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Fleiß und strengen Studium an , und gab ihm mit vieler Güte selbst einige Anleitungen , indem er ihm die reichen Hülfsquellen seiner Büchersammlung eröffnete . Ich sehe wohl , sagte er , es fehlt Ihnen nicht an dem schnellen Blick , der Gewandtheit und Kraft , die das eigentliche Geniale des Kriegers verkünden , und was keine Kunst der verschloßnen Natur aufdringt ; allein verschmähen Sie nichts , was Sie tiefer in das Wesen der Sache einführt , und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert . Es ist nicht selten , daß die jugendliche Fülle sich ohne innern Halt früh erschöpft , und das schnell verströmte Feuer eine leere , schlaffe Unthätigkeit zurückläßt . Ich habe Jünglinge gekannt , die wohl früher die Welt erstürmt hätten , und sich dann in den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zurückzogen , um ein träges Leben hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen . Und wer weiß , ist die früh geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen . Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl , der dann eine glorreiche Jugend durch kleine Rücksichten befleckte . Es ist nothwendig , eine große innere Thätigkeit in sich zu erhalten , um den gewaltsamen Drang nach außen zu beschränken , der nicht immer das Rechte erzielt . Nur da , wo die Einsicht Vorsicht wird , und den eigentlichen prophetischen Blick erzeugt , ohne welchen der Feldherr nicht einen Schritt thun kann , da soll sich die innere Kraft ungemessen ergießen , bei der wachsenden Gefahr immer stärker anschwellen und wie ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen , erkannten Ziele fortreißen . Rodrich sah wohl daß ihm noch vieles mangele , um mit Sicherheit den leicht betretnen Weg fortzugehen , und daß er , wie es wohl mehrere thun , die umfassende Wirksamkeit zu flüchtig überschaute , um sie gehörig zu würdigen . Es beruhigte ihn daher , als der General fortfuhr : Sie haben durch die Kenntniß alter Sprachen vielfache Mittel in Händen , alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen . Je tiefer Sie sich in die großen Begebenheiten der Welt verlieren , je herrlichere Ideen strömen Ihnen von allen Seiten entgegen . Dies weite Feld eigener Nachforschungen und spekulativer Folgerungen , kann nur der rohe Haufe zu betreten verschmähen . Ich dächte , auch ein wenig entzündbares Gemüth müsse es bewegen , die großen Worte des Cäsar zu lesen , und wer nimmt ohne Ehrfurcht die Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten , oft mitgefochtnen Schlachten großer Geschichtschreiber ! Es gehört glücklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinplätzen , daß dem Soldaten Gelehrsamkeit unnütz sey , und ich freue mich Ihretwegen , daß Sie die größten Schwierigkeiten überwunden haben . Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden Gesellschaft verflossen , als ein Brief des Grafen seine Rückreise beschleunigte . Er schied von seinem neuen Gönner und den leicht gewonnenen Cameraden in der besten Hoffnung , Sie Alle nächstens im Felde zu begrüßen und eilte der Hauptstadt entgegen , wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden meinte , statt dessen aber Straßen und Häuser festlich geschmückt , und viel Volk vor den Fenstern des Schlosses stehen , aus welchem laute freudige Klänge erschallten . Auf sein Nachfragen erfuhr er , daß der Cardinal den Abend zuvor eingezogen und heut seine Ankunft bei Hofe gefeiert werde . Er blickte nicht ohne Widerwillen zu dem Schlosse auf , wo die ersten unangenehmen Eindrücke seine Freude trübten , und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten . Allein hier war alles leer . Die große Feierlichkeit hatte die schöne Seraphine und ihren Gemahl nothwendig herbeigezogen , kaum erfuhr er noch , was sie alle beschäftige , da die ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesammt , den Glanz zu vergrößern , begleitet hatte . Er ging verdrießlich durch die leeren Zimmer , und da der Auftrag des Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt , und er ihn noch nicht zurück erwarten konnte , so beschloß er , zu Stephano zu gehen , wenn er nicht auch etwa zu dem verhaßten Feste geladen sey . Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch eine Seitenthür Rosalien , die emsig schrieb , während ihre Cammerfrau mit Einpacken beschäftigt , Anstalten zu einer Reise machte . Er trat hinein , um die Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren . Doch als er sich nahete , und sie die seltsam glänzenden Augen aufschlug , ohne ihn eigentlich zu sehen , ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten , fühlte er sich so befangen , daß er sie kaum anzureden wagte . Nach einigem Besinnen schob sie indessen das Geschriebene fort , und sagte : Sie sehen , ich muß wieder fort ! Es geht hier auch nicht . Ich finde überall keine Ruhe , und alles widersteht mir so leicht , so gar die Musik , ich kann keinen Ton mehr finden , der mir nicht die heftigsten Schmerzen erregte . Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden könnte , bis sich alles löste und der Druck , der furchtbare Druck verginge ! Aber die Worte versagen mir , und meine Freunde verstehen mich nicht mehr , und sehen mich so befremdet an , daß mir gleich die Lust am Gespräche vergeht . Darum will ich auch in die Einsamkeit zurück , und immer fort schreiben , bis ich selbst nichts mehr weiß . Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf , und ein leerer Bogen sieht mich so lange lockend an , bis ich ihm mein heiligstes Geheimniß vertraue . Ich könnte gar nicht mehr leben , wenn ich die weiße Fläche nicht vor mir sehe . Nur fühle ich zuweilen hier , auf der Stirn einen unerträglichen Schmerz , dann wird mir so seltsam , alle meine Träume verschwinden , ich kann dann gar nichts denken . Die Cammerfrau sagte jetzt , daß alles bereit sey und der Wagen sie erwarte . Rodrich bat um die Erlaubniß , sie in ihrem Schlosse aufsuchen zu dürfen , und versicherte sie seiner zärtlichsten Theilnahme , die jeden Augenblick für ihr schönes Vertrauen dankbar seyn werde ; allein sie schien auf nichts anders zu achten , als nur schnell fortzukommen , und so entkräftet sie war , eilte sie mit ängstlicher Hast dem Wagen entgegen . Rodrich sah ihr wehmüthig nach . Die schöne Gestalt , über die der Schmerz so hinziehend alle Blüthen eines edlen Geistes grausam abstreifte , rührte ihn unbeschreiblich . Er sah mit Schmerzen , wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich verwirrte , und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb . Die hellen Flammen des Verstandes entzündeten wohl auch ihr Licht , aber der Brennpunkt war verschoben , und es kreisete alles wild durcheinander . Er hatte sich unter wehmüthigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt , als ihm jene Blätter in die Augen fielen , die sie ohnlängst beschrieb , und ohne weiter einen Werth auf sie zu legen , hier vergaß . Er konnte sich nicht erwehren , hineinzusehn , und fand gleich zu Anfang folgende Worte . » Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glänzen , Du verschmähst nicht länger , was Dir ewig angehört . Wie könntest Du auch den schmeichelnden Regungen widerstehen , die Dich , wie mich gefangen halten . Ende darum nur bald das ängstende Spiel , und löse die Ketten , die Dich halten . « Gleich darunter stand : » Niemand darf unsre Verbindung ahnen . Die Todten sollen unser Glück beschützen . Ich fliehe aus der Stadt , am Grabe meiner Mutter erwarte ich Dich . Da ist es still und heimlich . « Rodrich wußte kaum , was er las , die Sicherheit und der Zusammenhang dieser Worte machte ihn zweifelhaft , ob sie nicht mehr als einen glücklichen Traum enthielten . Doch bald riß ihn Folgendes aus allen Zweifeln . » Fernando weiß um unsre Liebe . Er wird mich begleiten . Fürchte Dich nur nicht . Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher , und berührt mich oft mit seinen Strahlen , daß es wie Flammen auf meiner Stirn brennt ; aber er hat mir versprochen , ihn zu verdecken , und darum sey nur ruhig . « Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglücklichen Freundinn so lebendig als heut empfunden . Alle Kämpfe dieser geängsteten Brust , das fruchtlose Ringen und der arme Trost einer geträumten Liebe , preßten ihm heiße Thränen aus . Er lag noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Cabinet , als ein nahes Geräusch ihm die Ankunft des Grafen verkündete . Er sammelte sich so gut es gehen wollte , um mit Anstand vor ihm zu erscheinen . Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste seines Geschäfts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft , so blitzte die alte Lust wieder in ihm auf , und er ging rüstig und frei zu dem Grafen und richtete seine Aufträge aus . Nach einer kurzen Unterredung , in welcher er mit Freuden hörte , daß die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich sey , der Herzog aber die jetzige fröhliche Stimmung durch keine voreilige Nachricht trüben wolle , trat die Gräfinn herein , und berührte Rosaliens schnelle Abreise , die ihrem Gemahl noch unbekannt war , mit aller ihr eignen Schonung , indem sie hinzusetzte , daß der Arzt mit dieser Veränderung ihres Aufenthaltes zufrieden sey , und von der Stille und Ruhe ländlicher Einsamkeit wenigstens körperliche Erholung erwarte . Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu beruhigen , und verlor sich in vergeblichen Muthmaßungen über diesen unerwarteten Entschluß . Rodrich , der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerrüttetes Gemüth gethan , wußte ihm nichts tröstliches zu sagen , und so schwiegen sie alle betrübt , denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig blühenden Hoffnungen laut werden zu lassen . und blickte selbst muthlos in die Zukunft . Doch riß sie der Graf , der sich nie dem Kummer ergab , und den Schmerz als seinen bittersten Feind haßte , gegen den er schnell und immer ankämpfte , aus der augenblicklichen Verstimmung , indem er selbst andre Gespräche herbeiführte , und sich mit vieler Laune über den Hof und seine ganz eigne Demuth gegen den Cardinal ausließ . Ich weiß nicht , sagte Seraphine , welche seltsame Scheu er auch mir einflößt , es ist nicht Ehrfurcht , nicht Andacht , die ich bei seinem Anblick empfinde ; aber mir ist als wenn die göttliche Verdammniß über der Erde hinschritte , und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen , jeder lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge , wenn die scharfen Blicke so gerade auf mich hinzielen , und auf der glatten Fläche des kalten Gesichts keine Spur von Theilnahme und Wohlwollen zu finden ist . Ich begreife nur nicht , wie man noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann . Er sieht so gleichgültig darüber hinweg