an es ernstlicher zu nehmen , und ich machte zu meinem eigenen Entsetzen mehrere Gedichte in Versen , schaute auch in den Mond , und sang gar zu Zeiten mit , wenn draußen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen . Ich habe wahrhaft einmal einige Rührung an einem sogenannten melancholischen Abende verspürt ; ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushöle schauen , und weniger denken als nichts . - Auch Betrachtungen habe ich in diesem Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt , von welchen ich doch hier einige für gefühlvolle Seelen ausheben will . An den Mond Sanftes Antlitz voll Gutmüthigkeit und Rührung ; denn beides mußt du in dir vereinen , weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreißest , weder zum Fluchen , noch zum Gähnen , wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wünsche zu dir hinaufrichten , und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen ; so lange du auch schon um die Erde herumgelaufen bist , als ihr Begleiter und Cicisbeo , so hast du dich doch beständig als ein treuer Confident gehalten , und man findet kein einziges Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin , wo du unwillig geworden wärest , die Nase gerümpft , oder einige hämische Mienen angenommen hättest , ob du gleich diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen hörtest . Noch immer bist du gleich aufmerksam , ja man sieht dich so oft gerührt das Wischtüchlein einer Wolke vorhalten , um deine Thränen dahinter zu verbergen . Welchen bessern Zuhörer könnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter wählen , als dich , welchen innigern Vertrauten ich , der ich hier im Tollhause mich liebend verzehre . Wie blaß du bist , Guter , wie theilnehmend , und zugleich wie aufmerksam auf alle , die noch in diesem Augenblicke außer mir stehen , und dich anschauen ! Deine gutmüthige Miene könnte man leicht für Einfalt halten , besonders heute , wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genährt anzuschauen ist ; aber du magst zunehmen , wie du willst , ich lasse mich dadurch in deinem Antheile nicht täuschen , bleibst du doch immer der Alte , und nimmst auch wieder ab , und verzehrst dich - ja verhüllst du nicht gar , wenn dich die Rührung überwältigt , dein Gesicht , wie der weinende Agamemnon , daß man nichts von dir sieht , als den vor Gram kahlen Hinterkopf ! - Leb wohl , Trauter , Guter ! An die Liebe Weib , was willst du von mir , daß du dich an mich hängst ? Hast du mir auch schon ins Gesicht geschaut ? - Du mit deinem Lächeln und deinen holden liebäugelnden Mienen , und ich , mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz ! - Traute , überleg es , wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab . Laß mich los , beim Teufel ! ich habe nichts mit dir zu schaffen ! Du lächelst wieder und hältst mich fest ? Was soll die vorgehaltene Göttermaske , mit der du mich anblickst ? Ich reiße sie dir ab , um das dahintersteckende Thier kennen zu lernen ; denn in der That , ich halte dein wahres Gesicht nicht für das reizendste . - Himmel , das wird immer ärger , ich girre und schmachte ganz erbärmlich - willst du mich völlig rasend machen ! Weib , wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden Instrumente , wie ich bin , spielen zu wollen ! Die Komposizion ist für einen Fluch gesetzt , und ich muß ein Liebeslied dazu absingen . O laß mich fluchen und nicht in so schrecklichen Tönen schmachten ! hauche deine Seufzer in eine Flöte , aus mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete , und ich rühre die Lermtrommel , wenn ich girre . - Und nun gar der erste Kuß - o das andere ließe sich noch überstehen , wie alles , was sich blos in der Sprache und in Tönen umhertreibt , und es wäre mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken - aber der erste Kuß - ich habe niemals geküßt , aus Abscheu gegen alle rührende und zärtliche Heuchelei - Unhold , wüßte ich daß du mich dazu verleiten könntest , ich böte meine letzte Kraft auf , und schüttelte dich von mir ! In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet , und mich ordentlich methodisch auszuschreiben gesucht , wie mancher Dichter , der seine Gefühle so lange auf dem Papiere von sich giebt , bis sie zuletzt alle abgegangen sind , und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nüchtern dasteht . Es schlug indeß alles fehl bei mir , ja die Symptome wurden immer kritischer , und ich fing gar an in mich vertieft umherzuwandern , und fühlte mich fast human und kleinlaut gegen die Welt gestimmt . Einmal meinte ich gar , sie könnte doch wohl die beste sein , und der Mensch selbst wäre etwas mehr , als das erste Thier darauf , ja er habe einigen Werth und könne vielleicht gar unsterblich sein . Als es so weit gekommen war , gab ich mich selbst verloren , und betrieb es jetzt ganz so langweilig und alltäglich wie ein anderer Verliebter . Ich entsetzte mich schon nicht mehr , wenn ich versifizirte , ja ich konnte auf eine längere Zeit gerührt bleiben , und gewöhnte mich an manche Ausdrücke , die ich sonst gar nicht in den Mund genommen hätte . Jetzt ließ ich den ersten Liebesbrief vom Stapel laufen , den ich hier sammt dem andern Briefwechsel zu Erbauung anhänge : Hamlet an Ophelia Himmlischer Abgott meiner Seele , reizerfüllteste Ophelia ! Dieser Eingang zwar , mit dem ich meinen ersten Brief an dich überschrieb , als wir noch blos auf dem Hoftheater uns zum Vergnügen der Zuschauer liebten , könnte dich vielleicht täuschen , und es dir einreden wollen , als ob ich noch eben so wie damals an einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfündigkeiten , die ich von der hohen Schule mitbrachte , laborirte . - Aber laß dich dadurch nicht täuschen Abgott , denn ich bin für diesesmal wirklich toll - so sehr liegt alles in uns selbst und ist außer uns nichts Reelles , ja wir wissen nach der neuesten Schule nicht , ob wir in der That auf den Füßen , oder auf dem Kopfe stehen , außer daß wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben angenommen haben . - Es ist dies ein ganz verwünschter Ernst , Ophelia , und du sollst nicht etwa glauben , daß ich es als Persiflage von mir gebe . - Ach , wie ist es alles jetzt verändert in deinem armen Hamlet - diese ganze Erde , die ihm sonst wie ein verödeter Garten voll Dornen und Disteln , wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer Ausdünstungen vorkam , hat sich jezt vor ihm in ein Eldorado verwandelt , in einen blühenden Garten der Hesperiden ; er war einst so frei und kerngesund , als er sie haßte , und ist jetzt ein Sklav und fast krank , da er sie liebt . - Theuerste - ich wollte daß ich Verhaßteste sagen könnte , es gäbe dann doch wenigstens nichts , was mich an diesen dummen Ball fesselte , und ich könnte ganz froh und lustig mich von ihm hinunterstürzen in das ewige Nichts - also leider Theuerste ! ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir : Geh in ein Nonnenkloster ! denn ich bin toll genug zu glauben , wenn der Mensch liebe , so sei der Narr etwas , ob er gleich deshalb doch immer nur dem Tode rascher entgegen geht , und dieser ihm , bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen ; es sei dies nun an dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte , auf dem Gerüste wo die schöne Maria blutete , oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte . Ich weiß gewiß , der böse Feind schwebt hohnlachend über der Erde , und hat die Liebe , als eine bezaubernde Maske , auf sie herabgeworfen , um die sich jezt alle Menschenkinder reißen , sie auf eine Minute lang vorzuhalten . Sieh , auch ich habe sie leider gefaßt , und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zärtlich hinter ihr , und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen . O wäre die verwünschte Larve nicht , es hätten dann die Erdensöhne hienieden gewiß dem jüngsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevölkerung , damit unser Herrgott , oder wer sonst zulezt den Erdball noch einmal anschauen will , ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvölkert gefunden hätte . Doch laß mich endlich zu dem Punkte kommen , den ich leider , so sehr ich mir auch Mühe gebe , nicht umgehen kann - zu meiner Liebeserklärung ! Zorniger , wilder , menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht ausgesehen , als in diesem Augenblicke , wo ich es dir aufgebracht hinschreibe , daß ich dich liebe . dich anbete , und daß ich nach dem Wunsche dich zu hassen und zu verabscheuen , keinen sehnlichern hege , als das Geständniß deiner Gegenliebe zu vernehmen . Bis dahin dein liebender Hamlet . Ophelia an Hamlet Liebe und Haß steht in meiner Rolle , und zulezt auch Wahnsinn - aber sage mir was ist das alles eigentlich an sich , daß ich wählen kann . Giebt es etwas an sich , oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie . - Sieh da kann ich mich nimmer herausfinden , ob ich ein Traum - ob es nur Spiel , oder Wahrheit , und ob die Wahrheit wieder mehr als Spiel - eine Hülse sitzt über der andern , und ich bin oft auf dem Punkte den Verstand darüber zu verlieren . Hilf mir nur meine Rolle zurücklesen , bis zu mir selbst . Ob ich denn selbst wohl noch außer meiner Rolle wandle , oder ob alles nur Rolle , und ich selbst eine dazu . Die Alten hatten Götter , und auch einen darunter , den sie Traum nannten , es mußte ihm sonderbar zu Muthe sein , wenn es ihm etwa einfiel sich für wirklich halten zu wollen , und er doch immer nur Traum blieb . Fast glaube ich der Mensch ist auch solch ein Gott . Ich möchte gern mich auf einen Augenblick mit mir selbst unterreden , um zu erfahren , ob ich selbst liebe , oder nur mein Name Ophelia - und ob die Liebe selbst etwas ist , oder nur ein Name . - Sieh , da suche ich mich zu ereilen , aber ich laufe immer vor mir her und mein Name hinterdrein , und nun sage ich wieder die Rolle auf - aber die Rolle ist nicht Ich . Bring mich nur einmal zu meinem Ich , so will ich es fragen , ob es dich liebt . Ophelia . Hamlet an Ophelia Grübele dergleichen Dingen nicht so tief nach , Theure , denn sie sind so verworrener Natur , daß sie leicht zum Tollhause führen könnten ! Es ist Alles Rolle , die Rolle selbst und der Schauspieler , der darin steckt , und in ihm wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possen - alles gehört dem Momente an , und entflieht rasch , wie das Wort , von den Lippen des Komödianten . - Alles ist auch nur Theater , mag der Komödiant auf der Erde selbst spielen , oder zwei Schritte höher , auf den Brettern , oder zwei Schritte tiefer , in dem Boden , wo die Würmer das Stichwort des abgegangenen Königs aufgreifen ; mag Frühling , Winter , Sommer oder Herbst die Bühne dekoriren , und der Theatermeister Sonne oder Mond hineinhängen , oder hinter den Koulissen donnern und stürmen - alles verfliegt doch wieder und löscht aus und verwandelt sich - bis auf den Frühling in dem Menschenherzen ; und wenn die Koulissen ganz weggezogen sind , steht nur ein seltsames nacktes Gerippe dahinter , ohne Farbe und Leben , und das Gerippe grinset die anderen noch herumlaufenden Komödianten an . Willst du aus der Rolle dich herauslesen , bis zum Ich ? - Sieh dort steht das Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fällt jezt selbst zusammen ; - aber hinterdrein wird höhnisch gelacht . Das ist der Weltgeist , oder der Teufel - oder das Nichts im Wiederhalle ! Sein oder Nichtsein ! Wie einfältig war ich damals , als ich mit dem Finger an der Nase diese Frage aufwarf , wie noch einfältiger diejenigen , die es mir nachfragten , und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte . Ich hätte das Sein erst um das Sein selbst befragen sollen , dann ließe sich nachher auch über das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln . Ich brachte damals noch die Unsterblichkeitstheorie von der hohen Schule mit , und führte sie durch alle Kategorien . Ja , ich fürchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halber - und beim Himmel mit Recht , wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch eine zweite folgen sollte - - ich denke es hat damit nichts zu sagen ! Darum , theure Ophelia , schlag dir das alles aus dem Sinne , und laß uns lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreiben - blos aus Rache , damit nach uns noch Rollen auftreten müssen , die alle diese Langweiligkeiten von neuen ausweiten , bis auf einen lezten Schauspieler , der grimmig das Papier zerreißt und aus der Rolle fällt , um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre spielen zu müssen . Liebe mich kurz und gut , ohne weiteres Grübeln ! Hamlet . Ophelia an Hamlet Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle , und ich kann dich nicht herausreißen , so wenig wie die Blätter aus dem Stücke , worauf meine Liebe zu dir geschrieben ist . So will ich denn , da ich mich aus der Rolle nicht zurücklesen kann , in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes , hinter dem dann doch wohl das eigentliche Ich stehen wird . Dann sage ich dir , ob außer der Rolle noch etwas existirt und das Ich lebt und dich liebt . Ophelia . Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein , und jeder nachfolgende Wechsel , von den Blicken , Küssen und dergleichen an , bis zum Selbstwechsel . Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben . - Ich war doch fast glücklich in der Zeit , und spürte in dem Tollhause zuerst einige Menschenliebe , so daß ich ernsthaft über Planen brütete mit den Narren um mich her Plato ' s Republick zu realisiren . Doch da strich der Traumgott wieder alles aus ! Die Ophelia wurde immer blasser und vernünftiger , obgleich der Arzt meinte , der Unsinn sei bei ihr im Steigen ; aber es war der Moment , wo ein großer Sinn in ihn eintrat . - Es stürmte wild um das Tollhaus her - ich lag am Gitter und schaute in die Nacht außer der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war . Es war mir , als stände ich dicht am Nichts und riefe hinein , aber es gäbe keinen Ton mehr - ich erschrack , denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben , aber ich hörte mich nur in mir . Ein Bliz , ohne nachfolgenden Donnerschlag , flog pfeilschnell , aber still durch die Nacht , und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr , wie ein Geist . Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit seinen Ketten , auf der anderen hörte ich Ophelia abgerissene Stücke ihrer Balladen singen , doch wurden die Töne oft Seufzer , und zulezt schien mir alles eine große Disharmonie , zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik abgaben . Es dünkte mich , als entschliefe ich . Da sah ich mich selbst mit mir allein im Nichts , nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde , wie ein auslöschender Funken - aber es war nur ein Gedanke von mir , der eben endete . Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die Öde - es war die ausschlagende Zeit , und die Ewigkeit trat jetzt ein . Ich hatte jezt aufgehört alles andere zu denken , und dachte nur mich selbst ! Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden , als das große schreckliche Ich , das an sich selbst zehrte , und im Verschlingen stets sich wiedergebar . Ich sank nicht , denn es war kein Raum mehr , eben so wenig schien ich emporzuschweben . Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit verschwunden , und es herrschte eine fürchterliche ewig öde Langeweile . Außer mir , versuchte ich mich zu vernichten - aber ich blieb und fühlte mich unsterblich ! - Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Größe und ich erwachte tiefaufathmend - das Licht war erloschen , ringsum tiefe Nacht ; nur Ophelien hörte ich leise ihre Balladen singen , wie wenn sie jemand damit in den Schlaf wiegte . Ich tappte an den Wänden aus meiner Kammer , neben mir schlichen draußen durch die Finsterniß noch Wahnsinnige und zischelten leise . Ich öffnete Opheliens Thür , sie lag blaß auf ihrem Lager , bemüht ein todtes eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen ; neben ihr stand ein irres Mädchen und legte den Finger auf den Mund , wie wenn sie mir Stille zuwinkte . Jezt schläft es ! sagte Ophelia und blickte mich lächelnd an , und das Lächeln war mir , wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute . - Gottlob , es giebt einen Tod , und dahinter liegt keine Ewigkeit ! sprach ich unwillkührlich . Sie lächelte fort und flüsterte nach einer Pause , wie wenn die Sprache sich allmälig in Hauche auflösen und leise verschwinden wollte : Die Rolle geht zu Ende , aber das Ich bleibt , und sie begraben nur die Rolle . Gottlob daß ich aus dem Stücke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann ; hinter dem Stücke geht das Ich an ! - Es ist nichts ! sagte ich schüttelnd . - Sie fuhr kaum hörbar fort : Dort steht es schon hinter den Koulissen und wartet auf das Stichwort ; wenn nur der Vorhang erst ganz nieder ist ! - Ach , ich liebe dich ! das ist die lezte Rede im Stücke , und sie allein will ich aus meiner Rolle zu behalten suchen - es war die schönste Stelle ! Das Übrige mögen sie begraben ! - Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab - niemand klatschte und es war , als ob kein Zuschauer zugegen wäre . Sie schlief schon ganz fest mit dem Kinde an der Brust , und beide waren nur sehr blaß und man hörte keine Athemzüge , denn der Tod hatte ihnen seine weiße Maske schon aufgelegt . - Ich stand stürmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich zornig Luft , wie zu einem wilden Gelächter - ich erschrack , denn es wurde kein Gelächter , sondern die erste Thräne , die ich weinte . Nahe bei mir heulte noch einer ; - doch war es nur der Sturm , der durch das Tollhaus pfiff . Als ich aufblickte , standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das Lager her , alle schweigend , aber seltsam gestikulirend und sich gebärdend ; einige lächelnd , andere tief nachsinnend , noch andere den Kopf schüttelnd , oder starr die weiße Schlummernde und das Kind betrachtend ; - auch der Weltschöpfer war darunter , aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund . Es ward mir fast bange in dem Kreise ! Funfzehnte Nachtwache So sehr es auch die tägliche Erfahrung lehrt , daß man an allen Plätzen Narren duldet , so aufgebracht war man doch darüber , daß ich den Versuch angestellt hatte , sie fortzupflanzen , und mir wurde darüber sogar zur Strafe mein Narrenkämmerchen aufgesagt . Ach es war mir recht traurig , als ich von meinen Brüdern Abschied nehmen sollte , um wieder unter die Vernünftigen zu laufen und wie nun die Thür des Tollhauses hinter mir in das Schloß rasselte , stand ich ganz einsam da und suchte melancholisch den Gottesacker auf , wo sie die Ophelia hingetragen hatten . O hätte ich nur mindestens einen Laertes auffinden können , um mit ihm an dem Grabe mich herumzuschlagen , denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstärkten Haß gegen alle Vernünftige mitgebracht , die mit ihren platten nichtssagenden Physiognomien , jezt wieder um und neben mir wandelten . Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewöhnlichen Menschenkindern , daß sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen dürfen . Der Reiche schließt sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlüssel in seiner Hand auf ; der Arme hat ein Freibillet für die ganze Natur , und er kann die höchsten und schönsten Wohnungen nach Belieben beziehen ; heute den Ätna , morgen die Fingalsgrotte ; in dieser Woche den Sommeraufenthalt des Weisen am Genfersee , und in der folgenden die köstliche krystallene Halle des Rheinfalles , wo statt der Deckengemälde ihm die Sonne Regenbogen über das Haupt webt , und die Natur seinen Pallast im immerwährenden Zerstören wieder aufbaut . Zeigt mir einen König , der glänzender wohnen kann , als ein Bettler ! Ich reisete überdies mit dem Vortheile , nirgend um meine Zeche gemahnt zu werden , oder mich für die Nachtmahlzeit bei jemand anderm , als bei der alten Mutter selbst bedanken zu müssen ; denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem Schooße , die sie mir nicht verweigerte , und sie reichte der durstigen Lippe in der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des stürzenden Wasserfalls . - Ich war recht froh und frei und haßte die Menschen nach Belieben , weil sie so klein und nichtsnutzig durch den großen Sonnentempel hinschlichen . Einst hatte ich mich eben von meinem Lager , einem duftenden blumigten Rasen , aufgerichtet , und schaute in die Morgenglut , die wie ein Geist aus dem Meere aufstieg , wobei ich , um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden , eine aufgegrabene Wurzel anbiß . Es gehört zur menschlichen Größe in der Nähe erhabener Gegenstände , Nebengeschäfte zu betreiben , z.B. der aufgehenden Sonne , mit der Pfeife im Munde ins Antlitz zu schauen , oder während der Katastrophe einer Tragödie Makkaroni zu speisen und dergleichen ; die Menschen haben es darin sehr weit gebracht . Als ich nun so behaglich da lag , wandelte mich die Laune zu einem Monologe an , den ich folgendergestalt hielt : » Nichts geht doch über das Lachen , und ich schlage es fast so hoch an , wie andere gebildete Leute das Weinen , obgleich sich eine Thräne leicht zu Tage fördern läßt , blos durch starkes Hinschauen auf einen Fleck , oder durch mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen , ja zuletzt schon durch heftig anhaltendes Lachen allein . Habe ich nicht letzthin einen ziemlich abgezehrten Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne häufig Thränen vergießen sehen , und andere standen nahe dabei und rühmten es als ein Zeichen eines gefühlvollen Gemüthes , und weinten zuletzt über den Weinenden . Nur ich trat hinzu , und fragte : Freund , rührt der Gegenstand so heftig ? - Nicht doch ; sagte jener , aber der Lichtstrahl wirkt nach neuern Beobachtungen , außerdem daß er niesen und weinen zuwege bringt , auch auf das Erzeugen ; und ich war in Italien ! - Ich verstand den Mann , der der Sonne zu etwas Reellerm ins Auge schaute , als zum bloßen Phantasieren . - Als ich mich lachend umdrehete , schalten die andern mich weinend in sehr harten Ausdrücken ; ich lachte über diesen Kontrast noch stärker , und es fehlte wenig , so hätten sie mich aus Rührung gesteinigt ! - Wo giebt es überhaupt ein wirksameres Mittel jedem Hohne der Welt und selbst dem Schicksale Troz zu bieten , als das Lachen ? Vor dieser satirischen Maske erschrickt der gerüstetste Feind , und selbst das Unglück weicht erschrocken von mir , wenn ich es zu verlachen wage ! - Was beim Teufel , ist auch diese ganze Erde , nebst ihrem empfindsamen Begleiter dem Monde , anders werth als sie auszulachen - ja sie hat allein darum noch einigen Werth weil das Lachen auf ihr zu Hause ist . Es war alles auf ihr so empfindsam und gut eingerichtet , daß es dem Teufel , der sie einst zum Zeitvertreibe sich beschaute , zum Ärger gereichte ; um sich an dem Werkmeister zu rächen , schickte er das Gelächter ab , und es wußte sich geschickt und unbemerkt in der Maske der Freude einzuschleichen , die Menschen nahmen ' s willig auf , bis es zuletzt die Larve abzog und als Satire sie boshaft anschaute . - Laßt mir nur das Lachen mein lebelang , und ich halte es hier unten aus ! « - Hoho ! rief es jetzt dicht an meinem Ohre und als ich mich umdrehete , schaute mir ein hölzerner Hanswurst keck und trotzig ins Antlitz . » Er ist mein Patron ! sagte ein großer Kerl , der ihn mir entgegenhielt , und neben sich einen großen Kasten stehen hatte . Er hat Talente zum Hanswurst , und ich brauche eben einen , denn der meinige ist mir heute verstorben . Hat er Lust , so schlage er ein ; der Posten ist einträglich , und wirft mehr ab , als Wurzeln fressen ! « - Der hölzerne Spaßmacher schaute mich dabei vertraulich an , und ich fühlte mich zu ihm hingezogen , wie zu einem Freunde . » Der Kerl ist in Venedig geschnitzt , - sagte der Puppenspieler wie zur Aufmunterung - und ich wette , er macht seine Sache besser , als irgend ein anderer ; schaue er nur , er geht und steht , wie auf lebendigen Beinen , legt die Hand aufs Herz , trinkt und ißt , wenn ich am Faden ziehe , und kann lachen und weinen , wie ein gewöhnlicher Mensch , bloß durch einen leichten mechanischen Druck ! « - Topp ! rief ich , und nahm den Kasten auf die Schultern , und die hölzerne Gesellschaft klapperte drinnen unter dem Tragen , wie wenn sie eine französische Revoluzion zum Zeitvertreib aufführte . Im Wirthshause fanden wir das Theater , und schon Leute , die sichs ansehen wollten ; der Direktor gab mir einen flüchtigen theoretischen Unterricht in der tragischen sowohl , wie in der komischen Kunst , auch eröffnete er mir zur Zerstreuung eine kleine Seitenthür , wo mein Vorgänger im Hanswurst auf der Streu im Leichentuche lag , und seine Rolle ausgespielt hatte ; das Gesicht war recht boshaft verzogen , und jener sagte : Er ist im Lachen verstorben , wodurch er sich hinter der Bühne einen Stickfluß zuzog ! - Ein schöner Tod ! erwiderte ich , und wir machten uns nun bereit die hölzerne Treppe zu dirigiren . Mein Gefährte hatte große Force in den Liebhabern und Liebhaberinnen , wovon er diese durch die Fistel sprach . Mein Hauptfach dagegen war der Hanswurst , doch hatte ich auch nebenzu die Könige zu besorgen . Als der Vorhang fiel , umarmte mich der Mann feurig , und sagte daß ich meinem Posten Ehre mache . Wie theuer einem indeß das Dirigiren zu stehen kommen kann , das hatten wir Gelegenheit auch unter Marionetten zu erfahren ; die Sache trug sich folgendergestalt zu : Wir hatten unsere Bühne in einem kleinen deutschen Dorfe , nahe an der französischen Grenze , aufgeschlagen . Sie gaben drüben grade die große Tragikomödie , in der ein König unglücklich debütirte , und der Hanswurst , als Freiheit und Gleichheit , lustig Menschenköpfe , statt der Schellen , schüttelte . - Wir hatten den unglücklichen Einfall den Holofernes auf das Theater zu bringen , und erhizten dadurch die zuschauenden Bauern so heftig , daß sie die Bühne erstürmten , unter den Schauspielerinnen uns die Judith entführten , und mit ihr und dem abgeschlagenen hölzernen Haupte des Holofernes geradeweges vor das Haus des Schulzen zogen , und nicht weniger als seinen Kopf von ihm forderten . Das in Anspruch genommene Haupt erblaßte , als die Rebellen ihm das blutige hölzerne entgegenhielten , und weil die Sache mir immer bedenklicher schien , so suchte ich ihr rasch eine andere Wendung zu geben . Ich bemächtigte mich des Holoferneskopfes , sprang auf einen Stein , und suchte in der Angst folgende Rede zu Stande zu bringen : » Lieben Landleute ! « » Schaut dieses hölzerne blutige Königshaupt an , das ich hier hoch emporhalte . Es wurde , als es noch auf dem Rumpfe saß , durch diesen Drath regiert , den Drath regierte wieder meine Hand , und so fort bis ins Geheimnißvolle , wo das Regiment nicht mehr zu bestimmen ist . Dieses Haupt ist ein königliches , ich aber , der an dem Drathe zog , daß es so oder so nickte , oder schüttelte , bin ein ganz gewöhnlicher Kerl , und komme im Staate in gar keine Betrachtung . Wie könntet ihr euch also wohl gegen diesen Holofernes erzürnen , wenn er nickte , oder schüttelte wie ich es wollte ? - Ich denke ihr findet meine Rede vernünftig , Landleute ! - Doch aber scheint der Zorn über dieses hölzerne Haupt , sich bestimmt auf das Haupt eures Schulzen übertragen zu haben - und das finde ich unbillig . - Ich will mich bildlich auszudrücken