abgewiesen ; nun aber werde sie sich ehestens mit einem prächtigen jungen Herrn vermählen , der so reich , als großmüthig sei . Er habe heut ' noch ein Stückchen gemacht , darum die Damen ihm gewiß gut seyn müssen . Ihre Dame sei zwar eine recht gute Wirthin ; aber die Gelder wollten doch nicht immer zureichen , und da habe der allerliebste Baron ihr aus der Noth geholfen , und so charmant , daß sie nicht einmal davon gewußt hätte . - » Schlange , du lügst ! « rief der Fremde entrüstet . » Du lästerst einen Engel ! Sprichst du noch eine Sylbe , du bist des Todes ! « - » Herr Je ! man weiß doch auch gar nicht , wie man mit dem Herrn daran ist ! « - Jetzt hielt sie ihn wieder für rein toll ; und da sie viel von Albertinens Bruder gehört hatte , hielt sie den Herrn dafür , verließ das Gemach , nachdem sie frische Lichter hingestellt hatte , und den Fremden an Albertinens Bette sitzend , in tiefe Betrachtungen versenkt . Zwanzigstes Kapitel Albertine fand die Parthie , an der Hand des Hofmarschalls , der immer witzig seyn wollte , diesen Abend so langweilig , daß sie ihre Gesellschaft aufsuchte , die denn auch sogleich willig war , das Haus zu verlassen , weil es durch aus ennuyant sei , sie auch den großen Herrn nicht angetroffen habe . Schon waren sie dem Ausgange nahe , als Rosa munde sich plötzlich wendete . » Da ist er ! « rief sie . » Ich muß zurück ; dazu muß ich Sie haben , Herr Hofmarschall ! Herr Baron , Sie führen indeß die Frau von Lindenhain nach Hause ; und Sie , Albertine , sind so gut , mich in meinem Zimmer mit dem Thee zu erwarten ! « Albertine fand nichts Bedenkliches darin , dem Baron ihren Arm zu geben . Indem aber diese Auswechselung geschah , streifte der Kosake dicht an ihr vorüber und machte eine mißbilligende Bewegung mit der Hand , die Weißensee nicht bemerkte . Dem Kosaken warf sein Diener einen braunen Mantel um , gab ihm Pistolen , die er am Gürtel befestigte , und nun bestieg derselbe , wie es Albertinen vorkam , indem sie in die Kutsche stieg , ein Pferd , worauf er schnell von dannen eilte . Als sie sich mit dem Baron allein im Wagen befand , nahm er plötzlich ein Betragen an , wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte . Vertraut umschlang er ihren zarten Leib , und sprach von Leidenschaft und Liebe , indem er ihr einen Kuß zu rauben strebte . Angstvoll entwand sie sich ihm und versuchte den Kutschenschlag zu öffnen ; da bemerkte sie , daß sie in einer ihr unbekannten Gegend der Stadt sei , und eben über eine Brücke fuhr , die zu einer entlegenen Vorstadt führte . » Wo sind wir ? Wo bringen Sie mich hin , Baron ? Hier ist ' s nicht richtig ! « - » Es ist alles ganz richtig , meine Geliebte ! Ich führe Sie in ' s Paradies der Liebe ein . Sie streben vergebens , sich los zu machen . Der Kutscher hat seine Anweisungen . « - Albertine benahm sich hier mit der ganzen Würde der Tugend ; sie tobte , sie schmähte nicht ; sie schwieg , mit dem vollen Gewichte der Verachtung ; ihr Herz war gebrochen , doch sagte sie ganz ruhig : » Ich hielt Sie für einen ehrlichen Mann , der keines Bubenstückes fähig sei ; ich stehe unter dem Schutz der Gesetze und fürchte Sie nicht ; so verlassen ich in diesem schrecklichen Moment scheine , ahne ich die unausbleibliche Erlösung ! « - » Die Liebe begeht keine Bubenstücke und kennt keine Gesetze . Sie sind mein ! « - Der Wagen hielt vor einem kleinen , einsamen Häuschen . Ein altes Weib erschien auf ein Zeichen , mit einem Lichte an der Thüre . Albertine weigerte sich , auszusteigen ; der Baron wollte sie mit starkem Arme fassen , als er selbst von einem stärkeren gefaßt wurde . » Was hast du vor , Nichtswürdiger ? « rief eine Stimme . Albertine erkannte an dem Scheine des Lichtes den Kosaken , und in diesem ihren Erretter Albert . - » Wer bist du , daß du es wagst , mich auf meinem Wege zu verfolgen ? « - » Der Freund dieser Dame , die du jetzt in dieser Höle des Verderbens vernichten willst . « - » O , daß ich keinen Degen habe ! « - » Sei ruhig ; ich schlage mich nicht mit Nichtswürdigen ; aber die Gesetze sollen dich schlagen , da du so vieler Unthaten überwiesen bist . Diese bricht dir und deiner Rotte den Hals ! « - Albertine hörte bebend diesem seltsamen Gespräche zu , das sich damit endigte , daß die im Hinterhalt lauernden Polizeidiener hervortraten und den überführten Verbrecher in ihre Obhut nahmen . Jetzt gab Albert sein Pferd seinem Diener , und stieg zu Albertinen in den Wagen . - » Verzeihen Sie mir , meine arme , auf den Tod erschreckte Freundin ! Ich konnte Ihnen diese Scene nicht ersparen ; denn ohne diese Überführung seiner Nichtswürdigkeit , konnt ' ich mich seiner nicht bemächtigen . Keiner weiß , wer Sie sind . Ihre Ehre ist ungefährdet . Erst heute erfuhr ich mit Gewißheit seinen wahren Stand ; und ich habe Anstalten getroffen , daß er morgen schon über die Grenze gebracht wird . « Albertine war starr und stumm vor Schreck und Beschämung . Sie weinte still . Die letzte Periode ihres Lebens stand schwarz vor ihr , und schnitt scharf die vorigen goldenen Tage ihrer reinen Unbefangenheit von der Gegenwart ab . - » Ich darf ' s Ihnen , Edelster der Freunde , nicht verhehlen , daß ich diesem Elenden unglücklicherweise Geldverbindlichkeiten habe . « - Albert erschrak , wurde aber sehr beruhigt , als sie ihm erklärt wurden ; da er denn bekennen mußte , daß er der Unbekannte , der ihre Schuld getilgt habe , gewesen sei , indem er Madame Eulers Aufträge ausgerichtet habe . Albertine rief mit gefalteten , empor gehobenen Händen : » O , ihr einzigen , einzigen , edelsten Freunde ! verdien ' ich euch ? « - Albert ließ bei Madame Euler halten , aus Delicatesse , daß Albertine sich erst am Herzen dieser auserlesenen Freundin erholen möchte , ehe sie in ihrem Hause erschiene . Henriette stand da mit offnen Armen , ihre Albertine aufzunehmen ; aber Albertine lag , ehe sie es hindern konnte , stumm weinend zu ihren Füßen . - » Wollen Sie Ihre Albertine , Ihre arme , verirrte Albertine wieder annehmen ? « - » Jetzt haben Sie es versucht , meine einzige Liebe , wie sich ' s schutzlos leben läßt . Albertine , meine immer gute Albertine , begeben Sie sich unter den Schutz eines Mannes , dieses Mannes . Albert , möcht ' ich sagen dürfen , dieses Kleinod sei dein ! « - Albert lag zu Albertinens Füßen ; sein Blick sprach , flehete ; Albertine reichte ihm die Hand , und verhieß ihm ihre Liebe . Henriette sprach gerührt den Segen zu diesem schönen Bunde , durch den alle glücklich werden sollten . Unter diesen Ereignissen war die Nacht beinahe vergangen . Albertine wünschte in ihre Wohnung zurück zu kehren , und Henriette , die sich in dieser einzigen Situation nicht von ihr trennen konnte , wünschte sie zu begleiten . Sie kamen alle drei bei Albertinen an . Die Begierde , mit der seltsamen Neuigkeit heraus zu platzen , hatte Lisetten dieses Mal wundersam munter erhalten . » Ach Herr Je ! « begann sie ; » hier ist recht was kurioses passirt ! « - Albertine , die irgend eine Beziehung auf ihre eigne Geschichte ahnete , stieß das Mädchen leise zurück , und wollte in ihr Schlafzimmer . - » Aber so warten Sie doch , gnädige Frau ! Da ist ja Einer drin , der nicht recht klug ist . Er ist , Gott verzeih ' mir ' s ! ganz gewiß Euer Gnaden gnädiger Herr Bruder , so wie ich mir den vorstelle . « Albertine vernahm nicht sobald das Wort Bruder , als sie rasch in ' s Zimmer flog , und der Gestalt , die sie bei den trübe brennenden Kerzen leicht für die ihres Bruders halten konnte , in die Arme . Albert und Henriette waren ihr auf dem Fuße gefolgt , die schöne Scene des Wiedersehens mit zu feiern . Lindenhain vermochte nicht zu sprechen ; die Freude tödtete die Worte . Langsam rollte die männliche Thräne die Wange herab . Endlich kam ein : » O , meine Albertine ! « in gebrochenen , bebenden Accenten hervor . Albertine vernahm den Laut der Stimme , richtete den Blick auf das Antlitz des vermeinten Bruders , riß sich mit einem Schrei des Entsetzens aus seinen Armen und stürzte an Henriettens Busen . » Es ist Louis , Louis ! « ächzete sie matt und bebend . » Mein Strafgericht beginnt ! « - - Louis - er war es wirklich - blieb den zu Albertinens Umarmung ausgebreiteten Armen schweigend mit auf sie gerichtetem Blicke stehen . - Endlich sagte er langsam und dumpf : » was ist mit dieser , daß sie sich des Wiederkehrenden nicht freut ? Weiß sie es denn schon , daß ich ein Krüppel bin ? Freilich ist die Hand , die ich zum Unterpfand der Treue gab , verloren . Aber sie , sie gab freiwillig die Hand , die noch mein ist ! « Er sprach mit sich selbst . Albert und Henriette blieben stumm . Albertinens Brust hob sich krampfhaft ; sie wagte keinen Blick auf den für sie Erstandenen . » Sind Sie es , Baron Weißensee , der mir dieses himmlische Herz stahl ? « - » Lindenhain , was darf den Mann so fassungslos machen , daß er seine ältesten , besten Freunde nicht erkennt ? Daß er seines Ulmenhorsts vergißt ? « - - » Ulmenhorst ! O Gott ! Ja , er ist ' s , er ist ' s ! « als er ihn beleuchtet hatte . » Aber verzeihe , wenn dieser Anblick , diese schrecklichen Vermuthungen mich für diesen Moment ganz hinnehmen . O Albertine ! jeder Vorwurf löst sich ja in Liebe auf . Komm ! Sei wieder mein ! « - Albertine blickte einen Augenblick nach ihm hin , und verbarg schnell wieder das Angesicht an der Freundin Busen . » O , der strafende Blick ! Dieses verruchte Kleid ! « ( ihr Maskenkleid ) lispelte sie Henrietten zu . » Albertine , bin ich dir denn nun schrecklich ? Hat eine neue Liebe dich so ganz hingenommen ? Siehe , Albertine , betteln muß ich um deine Liebe , betteln um mein Eigenthum . Ein armer , verstümmelter Mensch darf nicht fordern . Siehe hier , wie sie deinen Ludwig zugerichtet haben ! « - der rechte Arm war bis an den Ellenbogen abgenommen - » und hier diese zerfleischte Brust ! Mag dies ein junges , rasches Weib von mir abwenden ; aber so die erste Freude verbittern ; o , o , das ist sehr hart ! « - Albertinens Zartgefühl malte ihr ihre Vergehen mit schwärzeren Farben , als sie es verdiente . Wir wissen , daß sie in Alberten nur den edlen Mann , den treuen Freund achtete ; und wissen es gewiß , daß nur ein Wohlgefallen an der Unterhaltung des Weißensee und eine Auszeichnung desselben vor den andern Männern , die sie sah , alles war , was sie sich vorzuwerfen hatte . Und sie hat es feierlich betheuert , daß sie keinen Mann auf Erden dem lebenden Lindenhain je vorgezogen haben würde ; wie sie sein Andenken auch heilig in der Tiefe ihrer Brust ehrte und werth hielt . Als Albertine Lindenhains Wunden sah , als sie vernahm , wie er sich einen Krüppel nannte , hielt sich ihr Herz nicht länger . Der Verdacht , sie verlasse ihn deshalb , war ihr unerträglich . Ehe er die Worte noch ganz vollendet hatte , lag sie in seinen Armen . Ihr Herz ergoß sich nun in vollen , segnenden Strömen ; in der vollständigen Erweichung , in der sie war , würde sie sich aller Arten von Vergehen , allenfalls auch Verbrechen , wie unsere Kirchenagenden uns so treuherzig zu thun zwingen , schuldig bekannt haben , hätte die vorsichtigere Henriette nicht den Strom gehemmt , indem sie , die alte Freundin , sich auch von Lindenhain bemerken ließ . Jetzt , da die ersten tumultuarischen Bewegungen der von beiden Theilen gereizten Empfindsamkeit sich legten und der Gang des Gesprächs ruhiger daher floß , wurde auch Lindenhain aufgefordert , von seinem Benehmen Rechenschaft zu geben ; und Ulmenhorst warf es ihm vor , daß alles , was er vielleicht mißbilligen zu müssen glauben könne , nur durch sein störriges Schweigen , wodurch er die Nachricht von seinem Tode bestätigt habe , veranlaßt sei . Lindenhain gab ihm Recht , und sagte : » Nur diese Liebe hier hat ein Recht , mich zur Rechenschaft zu ziehen . Sie wird viel zu verzeihen haben ; aber kein Wort davon heute . Morgen erscheint meine Rechtfertigung . « Alle waren einstimmig dafür , daß man diese erste Zusammenkunft durch den Schlaf abbrechen müsse , sich zu einer zweiten stärkend zu bereiten . Besonders war die arme Albertine auf so mancherlei Weise angegriffen und erschüttert worden , daß wir ihr die Ruhe nach so erschöpfenden Auftritten gern gönnen . Henriette blieb im Wohnzimmer auf dem Sopha , und Albert versprach , sich gleich früh Morgens wieder einzustellen . Ein und zwanzigstes Kapitel Niemand war mehr erstaunt über das , was sich in seinem Hause in der Nacht zugetragen und er so ganz verschlafen hatte , als Onkel Dämmrig ; obschon er das , was ihn eigentlich anging , erst noch erfahren sollte und wir selbst es noch nicht wissen . Über den schnurrigen Spaß mit dem todten Mann , der am Ende , wie ' s heraus kam , nicht todt war , wollte er sich immer zu Tode lachen . » Ja , ja ! « wiederholte er beim Frühstück hundertmal , » ja , ja , Neveu , die luftigen Kerle , Ulmenhorst und Weißensee , hätten Ihnen Ihr Albertinchen bald weggekapert ; aber sie hat sich gehalten , wie der leibhafte Paswan Oglu , hahaha ! Nun hört , Kinder , das giebt nun auf Ehre eine recht scharmante Ehe en quatre , mit der Henriette oder Euler , wie sie da heißt . Ei , ei , daß Tante Elise das nicht erlebte ! « So ging das in einem fort ! Denn der arme Onkel war politisch ; er wollte nicht gern das Gespräch über gewisse andere Dinge aufkommen lassen , deren Erwähnung er mehr , als den Tod scheute ; als da waren : sein ehrlicher Bankerutt , Albertinens verlornes Vermögen und was der odiösen Dinge mehr waren . Er hätte sich aber getrost alles Kopfbrechen hierüber ersparen können , denn Lindenhain war bereits auf ' s Zureichendste durch Albertinens Schwägerin , die gute Luise , unterrichtet , die es ihm , in ihrer beliebten schwarzen Kunst gearbeitet , mit den kleinsten Umständen mitgetheilt hatte , wovon er sich aber aus Schonung nichts merken ließ . Es stand indeß da oben geschrieben , daß Onkels guter Humor getrübt werden sollte . So wie der Trost , kommt auch oft die Unlust aus Winkeln her , wo man sie nicht vermuthet . Ein unholder Polizeibeamter war der Freudenstörer . Madame Rosamunde sollte wegen eines ihrer artigen launigen Einfälle arretirt werden ; sie und ihre Gesellschaft hatten sich den kleinen Spaß gemacht , einen jungen Ausländer von der verführerischen Last einer reichen Erbschaft zu befreien , indem sie ihn , wie es in der Kunstsprache heißt , ausgeschält hatten . Weißensee hatte , in der Hoffnung sich durchzustehlen , seine edle Beschützerin verrathen , mit der er nun die Reise in ' s Ausland angetreten hatte . Die kluge Rosamunde war nicht wieder über Dämmrigs Schwelle gekommen , sondern war vom Balle gleich der nächsten Gränzstadt zugeeilt . Ihre Zofe hatte für diesen Fall längst ihre Anweisungen . Auf den verabredeten Wink hatte sie sich eilig mit den Kostbarkeiten ihrer Gebieterin auf den Weg gemacht ; in der Geschwindigkeit verfehlte sie aber des rechten , woran freilich Monsieur George , Weißensee ' s Kammerdiener , Schuld seyn mochte , der , als ein Fremder , die rechten Wege nicht alle in dem Kopf haben konnte . Die Herrschaft ging durch Sachsen nach Frankfurt am Main zur Messe , und die Dienerschaft kam auf dem allernächsten Wege in Hamburg wohlbehalten an , wo Minette lange untröstlich weinte ; denn Monsieur George war mit Wechseln und Juwelen gleich in den ersten Tagen verschwunden . In Laurettens Natur lag etwas , wodurch sie sich unwiderstehlich angereizt fühlte , Hiobsposten zu überbringen ; auch diese brachte sie dem Onkel ohne alle Schonung , im dürren Tone eines Gerichtsdieners , der sein Amt thut . Der arme Mann entfärbte sich , sank zurück , und als er in sein Zimmer geschafft war , fand sich ' s , daß er vom Schlage gerührt war . Doch hielt der Arzt den Zufall für diesen Augenblick nicht tödtlich . Indeß Albertine mit der herzlichsten Gutmüthigkeit um ihren Verwandten bemüht war , und sich kaum abmüßigte , zuweilen ihr niedliches Amorköpfchen in die Thüre herein zu stecken , ihrem Louis zu zuwinken oder ihm einen Kuß zu zuwerfen , war Laurette ihrer Seits bemüht , die Freuden des Wiedersehens zwischen den beiden zu verbittern . Sie gab Lindenhain mancherlei Winke über Albertinens Aufführung und ihre Verhältnisse zu den Männern ihrer Bekanntschaft ; aber nie gab es eine untreuere Übersetzung , nie ein boshafteres Unterschlagen des Textes , als in dieser höllischen Erzählung , der Lindenhain ganz ruhig zuhörte . Als sie geendigt war , entgegnete er sehr kalt : » Ihr Gemälde hat viel Schatten , Cousine ! Indeß habe ich es von Ihrer Hand so erwartet . Mein Weib , meine engelgute Albertine , hat gleich in den ersten Stunden unserer Wiedervereinigung ihre ganze Beichte mit der Offenheit , die keine Zweifel gestattet , bei mir abgelegt , und ich habe sie mit der vollsten Zustimmung meiner Vernunft absolvirt . Gebe Gott , daß sie meiner Beichte eben das könne angedeihen lassen ! « » Die ist klug gewesen , wahrhaftig ! « tief Laurette , indem ein gallichtes Roth ihre dickhäutige Wange überzog . » Die Dummen haben doch immer eine eigene Schlauheit , ihr Interesse wahrzunehmen ! « Albertine hatte in der That aus dem edelsten Antriebe ihres ehrlichen Gemüths ihrem Manne jegliches ihrer Verhältnisse erzählt , so ohne alle Selbstschonung , als es bei Menschen möglich ist . Mit der größten Naivetät schilderte sie ihre aufgeregte Eitelkeit , und den flüchtigen Reiz , den Weißensee dadurch für sie gehabt hatte ; sie gestand , daß sie Ulmenhorst allen Männern vorgezogen haben würde , hätte das gütige Schicksal ihr nicht den Gatten wieder zugeführt . - » Aber « - setzte sie strafend hinzu - » warum mußte ich eine Wittwe heißen ? Warum gab mein Louis zu , daß ich mich selbst dafür halten mußte ? « Lindenhain lauschte mit brennender Wange und thränentrübem Auge der banglichen Erzählung , bei der er oft unwillkürlich seine Stirne rieb . » Ach , Albertine ! « rief er endlich , als sie schon einige Zeit schwieg , » Albertine , du bist ein Engel ! In diesem Hause der Üppigkeit und des Wohllebens hast du die Feuerprobe bestanden . Wohl dir und wohl mir , daß der edle Albert der Mann war ! Ach , Albertine , möchte ich dir nicht strafbarer erscheinen , möchten meine Bekenntnisse das Engelsherz nicht von mir wenden ! Dir war ich ein Todter ; mir lebte meine Albertine ; lebte mir in allen ihren Reizen , in der Ausübung theuer verheißner Treue . « - » Was hast du mir zu beichten ? Ich fürchte mich , zu hören , « sagte Albertine , ihm unruhig in ' s Auge schauend . » Du wirfst einen Pfeil in meine Seele , der meine Freuden tödtet . « » Du sollst alles hören ; ihr alle , der ganze Kreis der Freunde sollt hören ; ihr sollt zu Gericht über mich sitzen , und ich will ehrlich seyn , wie du es gewesen bist ! « - Zwei und zwanzigstes Kapitel Viele Tage waren verstrichen , wo die Familie einzig mit der Krankheit des alten Herrn beschäftigt war , der sich nach gerade wieder erholte , die Bübin Rosamunde , wie er sie nun selbst nannte , bei allen Teufeln wünschte , sich seiner Befreiung von dem unleidlichen Joche freute , und den Kreis seiner Freunde , die er nun erst recht unterscheiden lernte , um sein Bette versammelt zu sehen wünschte . Daß dieses letztere geschah , veranstaltete Lindenhain selbst ; denn ihm verlangte nach gerade , sich der Bürde seines Herzens zu entledigen , da die Entwickelung so nahe vor der Thüre seyn mußte , von der auch wir noch nichts ahnen . Er hatte Ulmenhorst , Madame Euler , Laurette , die nicht übergangen werden durfte , vor des Onkels Bette beschieden , der bald selbst Anlaß gab , das Gespräch einzuleiten , indem er sagte , der Herr Neveu sei doch nun schon so lange hier , und man hätte noch nichts von seinen Schicksalen und Kriegesthaten erfahren , und wie er von den Todten auferstanden sei ? - » Es war hohe Zeit , Herr , daß Sie sich wieder einfanden , sonst hätte es mit der jungen Wittwe leicht eine Hochzeit geben können ! « Dies sagte er , lose auf Albert blickend , der dadurch , daß ihn Lindenhain ungestüm an seine Brust drückte , aus einer Verlegenheit kam , um in eine andere überzugehen ; denn ganz verstand er Lindenhains Umarmung nicht , da er von Albertinens Geständnisse nichts wußte . » Ja « - fuhr der Onkel fort - » erzählen Sie doch vom Kriege ; ich höre für mein Leben gern davon . Ich war schon ein großer Bengel , als Mama , selige , immer noch dafür hielt , ich werde wohl dem Kalbfelle folgen . Erstlich : weil ich so eine Art von einem kleinen Taugenichts war ; und dann : weil ich als ein beinahe großer Mensch noch immer mit bleiernen Soldaten spielte , mir Festungen von Marzipan baute und sie dann mit stürmender Hand einnahm . Ich gedenke immer noch eines tausend Spaßes « - Albertine fiel schlau genug ein , als sie den Onkel Anstalt machen hörte , eine schon hundertmal erzählte Kinderei wieder aufzuwärmen . » Lieber Onkel , der Arzt befiehlt , Sie sollen sich durchaus schonen ! « Denn Albertinens Herz klopfte hoch vor ängstlicher Erwartung , was Louis zu erzählen habe , und darum mochte sie den Alten , den sie sonst mit der größten Gefälligkeit radotiren ließ , diesmal nicht anhören . » Meine Kriegsthaten « - begann Lindenhain - » wenn der Diensteifer der Subalternen je diesen Namen verdient , haben hiermit , ( auf seinen abgenommenen Arm deutend , ) ihr Ende erreicht . Aber leicht wurde es mir nicht , dieses Ehrenzeichen zu verdienen . Der merkwürdige Tag , an welchem ich zum einhändigen Bettler wurde , verdient eine Schilderung , die ich meinem beschränkten Talent nicht zutrauen darf . « Laurette faßte das Wort Bettler auf , und brachte auf ihre Weise zur Erörterung , was so lange zu erwähnen , von allen Seiten vermieden wurde ; nemlich den Verlust von Albertinens Vermögen . » Wußten Sie das damals schon ? « fragte sie schneidend . - » Nein , « sagte Lindenhain , halb scherzend , » es gab da keine Lauretten . Wenn diese Vorstellung aber irgend einem guten Gemüthe kränkend ist , dann kann ich die tröstende Nachricht geben , daß das Schicksal mir und meiner Albertine mehr als zehnfachen Ersatz in der Erbschaft meiner alten Tante , der Gräfin Bodenheim , deren Universalerbe ich bin , gegeben hat . « Alle stürmten nun glückwünschend auf ihn ein . Ulmenhorst sagte herzlich und anspruchslos : » Auch ohne diese Erbschaft warest du noch reich ; du hattest Albertinen und deinen Albert , der für euch alle reich genug ist . « - Laurette konnte nicht aufhören , Albertinens unerhörtes Glück zu preisen ; und ganz leise , doch so , daß Albertine es deutlich vernehmen mußte , setzte sie noch den Gellertschen Spruch hinzu : » Für Gürgen ist mir gar nicht bange , der kommt gewiß durch seine Dummheit fort . « Jetzt ersuchten alle , Lindenhain möchte ihnen die Art seiner Gefangennehmung erzählen . Und Lindenhain begann : » Sie werden sich erinnern , daß unsre vortrefflichen Truppen , und mit ihnen das Regiment , zu welchem ich gehörte , sich durch Mühseligkeiten vielfacher Art und die äußersten Anstrengungen um ruhige Winterquartiere wohl verdient gemacht hatten . Indeß war eine schwere Winterkampagne vorauszusehen . Die rauhe Witterung , gegen welche uns weder Zelte noch Hütten mehr Schutz gaben , und die ernstlicheren Anstalten der Feinde zum Angriff , machten die Lage unserer Armee immer bedenklicher , und unsern Wunsch , uns durch irgend etwas Entscheidendes herauszureißen , immer heißer . Nie hatten bejahrte Krieger mehr guten Willen und mehr wahren Heldensinn gesehen , als da ein Detaschement von 1600 Mann aus verschiedenen Bataillons ausgehoben wurde und Befehl erhielt , sich bei Nusweiler zu versammeln . « » Friedrichs und des edlen Braunschweigers Geist ruhete auf der auserlesenen Schaar , die von ihrer Bestimmung nichts wußte , so wie auf den Zurückbleibenden , die sich laut darüber beklagten , daß sie ihre tapfern Kameraden den Weg zur Ehre allein antreten sähen . « » Ohne an ' s Sentimentale zu streifen , darf ich sagen , daß die ganze Scene sich ganz zum Romantisch-Schauerlichen eignete . Voll des entschlossensten Heldenmuthes , der sich nicht in rohe , wilde Flüche , sondern in ruhigen Vorsatz , das Äußerste zu thun , ausließ , schritt mit kühnen , wiederhallenden Tritten die edle Schaar vorwärts . Das soldatisch-freundliche Lebewohl des Bruders oder Vetters , das ihnen die Zurückbleibenden nachriefen , hatte ihren Muth mehr angefeuert , als erweicht . Es sollte ein schwerer Kampf mit dem eisernen Schicksale beginnen . Jeder ahnete es ; keiner wußte bestimmt , was ihrer harrte . Es war eine feierliche Nacht , in der der Todes-Engel eine reiche Erndte hielt . Sie war herbstischkalt . Leichte Wolken streiften über dem aufgeklärten Himmel , und machten , daß der Mond den Kriegeszug nur dämmernd beleuchtete , und die weiße Binde , die jeder der Unsrigen am Arme trug , sichtbar werden ließ . « » In feierlicher , furchtbarer Stille näherten sich unsere Detaschements der Bergfestung Bitsch , umgingen sie , und kamen auf der Straßburger Straße , eben um Mitternacht , bei dem bedeckten Gange an . Unbesorgt pfiff sich die Schildwache an den ersten Pallisaden ihr : ça ira , und schien nicht an die Möglichkeit eines feindlichen Besuchs zu denken . Man hörte unten ihr gewöhnliches : sentinelle , prennez garde à Vous ! und beides diente zur Richtschnur . « » In schauerlichem Schweigen kletterte nun die Kolonne den Berg hinan . Die Schildwache gewahrte den Feind erst , als er nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt war , und rief zweimal ihr : qui vit ? worauf sie die Antwort : republique francaise ! erhielt . Als sie ihren Irrthum einsah , warf sie das Gewehr hin und lief davon . Wir überstiegen die Pallisaden und eilten dem bedeckten Gange zu . « » Jetzt wurde in der Stadt Lärmen , nachdem zwei Posten Feuer gegeben hatten . Ein schrecklicher Tumult verbreitete sich ; allenthalben erscholl : aux armes ! aux armes ! de ce coté , citoyens ! içi Camerades ! « » So glücklich der erste Angriff geschehen war , so viel unübersteigliche Hindernisse setzten sich ihm jetzt entgegen . Wir fanden eine wüthende Gegenwehr . Handgranaten , Steine , Balken , Kugeln und gehacktes Eisen unterhielten einen unaufhörlichen mörderischen Regen auf die andringenden Preußen . « » Ewig unvergeßlich in Preußens Annalen wird die Unerschrockenheit bleiben , womit die vortrefflichen Truppen dem Tode , der in so vielerlei Gestalt unter ihnen wüthete , trotzten ! Der Hinterste drängte den Vordersten ; vorwärts , vorwärts ! war der ununterbrochene Ruf der Tapfern . Während dieses mörderischen Gefechtes , wo die Gefahr der Vertheidigung in gar keinem Vergleiche mit der des Angriffs stand , waren zwei Thore gesprengt worden . In dem engen Gange konnten nur drei Mann in Fronte stehen . Waren diese getödtet oder blessirt , so eilten von hinten andere herbei , ihren Platz zu ersetzen ! Der Sterbende ward unter die Füße getreten und seines Ächzens durfte nicht geachtet werden , wenn gleich der Freund oder Bruder darin erkannt wurde . Die Blessirten , die noch gehen konnten , drängten sich an den Wänden bis hinten hin zurück , wo sie fortgeschafft wurden . « » In der Dunkelheit und dem Tumulte waren Äxte , Brecheisen und alle erforderlichen Instrumente verloren gegangen ; die sie führten , waren getödtet oder verwundet , die Dunkelheit ließ nichts erkennen ; ein wildes Durcheinanderrufen machte die Scene gräßlich . Am dritten Thore standen wir nun , und alle Anstrengung , es zu sprengen , war vergebens . Vergebens floß das