fahrende Habe dareinzuschaffen . Auf einem Teetischchen von Zinn konnte alles Kalte und das Heiße getrunken werden , da es beides so kühlte . Er erstaunte über den Überfluß , worin er künftig schwimmen sollte . Denn es war noch eine Paphose da ( er wußte gar nicht , was es war ) - ein Bücherschrank mit Glastüren , deren Rahmen und Schlösser ihm , weil die Gläser fehlten , ganz unbegreiflich waren , und worein er oben die Bücher schickte , unten die Notariats-Händel - ein blau angestrichener Tisch mit Schubfach , worauf ausgeschnittene bunte Bilder , Jagd- , Blumen- und andere Stücke , zerstreuet aufgepappet waren , und auf welchem er dichten konnte , wenn ers nicht lieber auf einem Arbeitstischchen mit Rehfüßen und einem Einsatz von lackiertem Blech tun wollte - endlich ein Kammerdiener oder eine Servante , die er als Sekretär an den Schreibtisch drehte , um auf ihre Scheiben Papier , eine feine Feder zur Poesie , eine grobe zum Jus zu legen . Das sind vielleicht die wichtigern Pertinenzstücke seiner Stube , wobei man Lappalien , leere Markenkästchen , ein Nähpult , einen schwarzen basaltenen Kaligula , der aus Brustmangel nicht mehr stehen konnte , ein Wandschränklein u.s.w. nicht anschlagen wollte . Nachdem er noch einmal seine Stiftshütte und deren Ordnung vergnügt überschauet und sich zum Fenster hinausgelegt und unten die weißen Kiesgänge und dunkeln vollaubigen Bäume besehen hatte : machte er sich auf den Weg zum Vater und freuete sich auf den Treppen , daß er in einem so kostbaren Hause ein elendes Wohn-Nest besitze . Auf der Treppe wurde er von einem hellblauen Kuvert an die Hofagentin festgehalten . Es roch wie ein Garten , so daß er bald auf der Duftwolke mitten in die niedlichsten Schreibzimmer der schönsten Königinnen und Herzoginnen und Landgräfinnen hineinschwamm ; indes hielt ers für Pflicht , durch das Ladengewölbe zu gehen und das Kuvert redlich mit den Worten abzugeben : hier sei etwas an Madame . Hinter seinem Rücken lachte sämtliche Handels-Pagerie ungewöhnlich . Er traf seinen Vater in historischer Arbeit und Freude an . Dieser stellte ihn als Universalerben sämtlichen Gästen vor . Er schämte sich , als eine Merkwürdigkeit dieser Art lange dem Beschauen bloßzustehen , und beschleunigte die Erscheinung vor dem Stadtrat . Verschämt und bange trat er in die Ratsstube , wo er gegen seine Natur als ein hoher Saitensteg dastehen sollte , auf welchen andere Menschen wie Saiten gespannt waren ; er schlug die Augen vor den Akzessit-Erben nieder , die gekommen waren , ihren Brotdieb abzuwägen . Bloß der stolze Neupeter fehlte samt dem Kirchenrat Glanz , der ein viel zu berühmter Prediger auf dem Kanzel- und dem Schreibpulte war , um zur Schau eines ungedruckten Menschen nur drei Schritte zu tun , von dem er die größte Begierde forderte , vielmehr Glanzen aufzusuchen . Der regierende Bürgermeister und Exekutor Kuhnold wurde mit einem Blick der heimliche Freund des Jünglings , der mit so errötendem Schmerz sich allein , vor den Augen stehender gefräßiger Zuschauer , an die gedeckte Glückstafel setzte . Lukas aber besichtigte jeden sehr scharf . Das Testament wurde verlesen . Nach dem Ende der 3ten Klausel zeigte Kuhnold auf den Frühprediger Flachs , als den redlichen Finder und Gewinner des Kabelschen Hauses ; und Walt warf schnell die Augen auf ihn , und sie standen voll Glückwünsche und Gönnen . Als er in der 4ten Klausel sich anreden hörte vom toten Wohltäter : so wäre er den Tränen , deren er sich in der Ratsstube schämte , zu nahe gekommen , wenn er nicht über Lob und Tadel wechselnd hätte erröten müssen . Der Lorbeerkranz und die Zärtlichkeit , womit Kabel ihm jenen aufsetzte , begeisterte ihn mit einer ganz andern , heißern Liebe als das Füllhorn , das er über seine Zukunft ausschüttete . - Die darauf folgenden Stellen , welche für den Vorteil der sieben Erben allerlei aussprachen , versetzten dem Schultheiß den Atem , indem sie dem Sohne einen freiern gaben . Nur bei der 14ten Klausel , die seiner unbefleckten Schwanenbrust den Schandfleck einer weiblichen Verführung zutrauete oder verbot , wurde sein Gesicht eine rote Flamme ; wie konnte , dachte er , ein sterbender Menschenfreund so oft so unzart schreiben ? Nach der Ablesung des Testaments begehrte Knoll nach der 11ten Klausel » Harnisch muß « einen Eid von ihm , nichts auf das Testament zu entlehnen . Kuhnold sagte , er sei nur » an Eides Statt « es zu geloben schuldig . » Ich kann ja zweierlei tun ; denn es ist ja einerlei , Eid und an Eides Statt und jedes bloße Wort « , sagte Walt ; aber der biedere Kuhnold ließ es nicht zu . Es wurde protokolliert , daß Walt den Notarius zum ersten Erbamt auswähle - Der Vater erbat sich Testaments-Kopie , um davon eine für den Sohn zu nehmen , welche dieser täglich als sein Altes und Neues Testament lesen und befolgen sollte - Der Buchhändler Paßvogel besah und studierte den Gesamt-Erben nicht ohne Vergnügen und verbarg ihm seine Sehnsucht nach den Gedichten nicht , deren das Testament , sagt ' er , flüchtig erwähne - Der Polizei-Inspektor Harprecht nahm ihn bei der Hand und sagte : » Wir müssen uns öfters suchen , Sie werden kein Erb-Feind von mir sein , und ich bin ein Erbfreund ; man gewöhnt sich zusammen und kann sich dann so wenig entbehren wie einen alten Pfahl vor seinem Fenster , den man , wie Le Vayer sagt , nie ohne Empfindung ausreißen sieht . Wir wollen einander dann wechselseitig mit Worten verkleinern ; denn die Liebe spricht gern mit Verkleinerungswörtern . « Walt sah ihm arglos ins Auge , aber Harprecht hielt es lange aus . Ohne Umstände schied Lukas vom gerührten Sohne , um die Kabelschen Erbstücke , den Garten und das Wäldchen vor dem Tore und das verlorne Haus in der Hundsgasse , so lange zu besehen , bis der Ratsschreiber den Letzten Willen mochte abgeschrieben haben . Gottwalt schöpfte wieder Frühlings-Atem , als er die Ratsstube wie ein enges dumpfiges Winterhaus voll finsterer Blumen aus Eis verlassen hatte ; so vieles hatt ' ihn bedrängt ; er hatte der unreinen Mimik des Hunds- und Heißhungers gemeiner Weltherzen zuschauen - und sich verhaßt und verworren sehen müssen - die Erbschaft hatte , wie ein Berg , die bisher von der Ferne und der Phantasie versteckten und gefüllten Gräben und Täler jetzt in der Nähe aufgedeckt und sich selber weiter hinausgerückt - der Bruder und der Doppelroman hatten unaufhörlich ihm in die enge Welt hinein die Zeichen einer unendlichen gegeben und ihn gelockt , wie den Gefangnen blühende Zweige und Schmetterlinge , die sich außen vor seinen Gittern bewegen . Der liebliche Jesuiterrausch , den jeder den ganzen ersten Tag in einer neuen großen Stadt im Kopfe hat , war in der Ratsstube meistens verraucht . An der Wirtstafel , an der er sich einmietete , kam unter der rauhen ehelosen Zivil-Kaserne von Sachwaltern und Kanzelisten über seine Zunge , außer etwas weniges von einer geräucherten , nichts , kein warmer Bruder-Laut , den er hätte aussprechen oder erwidern können . Den Bruder Vult wußt ' er nicht zu finden ; und am schönsten Tage blieb er daheim , damit ihn dieser nicht fehlginge . In der Einsamkeit setzte er ein kleines Inserat für den Haßlauer Kriegs- und Friedens-Boten auf , worin er als Notarius anzeigte , wer und wo er sei ; ferner einen kurzen anonymen Streckvers für den Poetenwinkel des Blattes-Poets corner- , überschrieben Der Fremde - - - - - , - - - - , - - - - - , - - - - - - - - , - - - , - , - - - - . Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt , die so rein und offen ist ; so deckt graue Rinde das Eis , das zerschlagen innen licht und hell und blau wie Äther erscheint . Bleib ' euch stets die Hülle fremd , bleib ' es nur der Verhüllte nicht . * Schwerlich werden einem Haßlauer Ohre von einiger Zärte die Härten dieses Verses - z.B. der Proceleusmatikus : kel wird oft die - der zweite Päon : die Hülle fremd - der Molossus : bleib ' euch stets - entwischen ; durfte aber nicht der Dichter seine Ideen-Kürze durch einige metrische Rauheit erkaufen ? - Ich bemerke bei dieser Gelegenheit , daß es dem Dichter keinen Vorteil schafft , daß man seine Streck- und Einverse nicht als eine Zeile drucken lassen kann ; und es wäre zu wünschen , es gäbe dem Werke keinen lächerlichen Anstrich , wenn man aus demselben armlange Papierwickel wie Flughäute flattern ließe , die herausgeschlagen dem Kinde etwan wie ein Segelwerk von Wickelbändern säßen ; aber ich glaube nicht , daß es Glück machte . Darauf kaufte sich der Notar im Laden drei unbedeutende Visitenkarten , weil er glaubte , er müsse auf ihnen an die beiden Töchter und die Frau des Hauses seinen Namen abgeben ; und gab sie ab . Als er eilig seine Inserate in der nahen Zeitungsdruckerei ablieferte : fiel sein Auge erschreckend auf das neueste Wochenblatt , worin noch mit nassen Buchstaben stand : » Das Flötenkonzert muß ich noch immer verschieben , weil ein schnell wachsendes Augen-Übel mir verbietet , Noten anzusehen . J. van der Harnisch . « Welch einen schweren Kummer trug er aus der Druckerei in sein Stübchen zurück ! Auf den ganzen Frühling seiner Zukunft war tiefer Schnee gefallen , sobald sein freudiger Bruder die freudigen Augen verloren , die er an seiner Seite darauf werfen sollte . Er lief müßig im Zimmer auf und ab und dachte nur an ihn . Die Sonne stand schon gerade auf den Abendbergen und füllte das Zimmer mit Goldstaub ; noch war der Geliebte unsichtbar , den er gestern von derselben Sonnenzeit erst wiederbekommen . Zuletzt fing er wie ein Kind zu weinen an , aus stürmischem Heimwehe nach ihm , zumal da er nicht einmal am Morgen hatte sagen können : guten Morgen und lebe wohl , Vult ! Da ging die Türe auf und der festlich gekleidete Flötenist herein . » O mein Bruder ! « rief Walt schmerzlich-freudig . » Donner ! leise « , fluchte Vult leise , » es geht hinter mir - nenne mich Sie ! « Flora kam nach . » Morgen vormittag demnach , Hr . Notarius « , fuhr Vult fort , » wünsche ich , daß Sie den Mietkontrakt zu Papier brächten . Tu parles français , Monsieur ? « - » Misérablement « , versetzte Walt , » ou non . « - » Darum , Monsieur , komme ich so spät « , erwiderte Vult , » weil ich erstlich meine eigne Wohnung suchte und bezog und zweitens in einer und der andern fremden einsprach ; denn wer in einer Stadt viele Bekanntschaften machen will , der tue es in den ersten Tagen , wo er einpassiert ; da sucht man noch die seinige , um ihn nur überhaupt zu sehen ; später , wenn man ihn hundertmal gesehen , ist man ein alter Hering , der zu lange in der aufgeschlagenen Tonne auf dem Markte bloßgestanden . « » Gut « , sagte Walt , » aber mein ganzer Himmel fiel mir aus dem Herzen heraus , da ich vorhin in dem Wochenblatte die Augenkrankheit las « - und zog leise die Türe des Schlafkämmerchens zu , worin Flora bettete . » Die Sache bleibt wohl die « , fing Vult an und stieß kopfschüttelnd die Pforte wieder auf - » pudoris gratia factum est atque formositatis « 8 , erwiderte Walt auf das Schütteln - » bleibt wohl die , sag ' ich , was Sie auch mögen hier eingewendet haben , die , daß das deutsche Kunstpublikum sich in nichts inniger verbeißet als in Wunden oder in Metastasen . Ich meine aber weiter nichts als soviel : daß das Publikum z.B. einen Maler sehr gut bezahlt und rekommandiert , der aber etwan mit dem linken Fuße pinselte - oder einen Hornisten , der aber mit der Nase bliese - desgleichen einen Harfenierer , der mit beiden Zahnreihen griffe - auch einen Poeten , der Verse machte , aber im Schlafe - und so demnach auch in etwas einen Flautotraversisten , der sonst gut pfiffe , aber doch den zweiten Vorzug Dulons hätte , stockblind zu sein . - Ich sagte noch Metastasen , nämlich musikalische . Ich gab einmal einem Fagottisten und einem Bratschisten , die zusammen reiseten , den Rat , ihr Glück dadurch zu machen , daß der Fagottist sich auf dem Zettel anheischig machte , auf dem Fagott etwas Bratschen-Gleiches zu geben , und der andere , auf der Bratsche so etwas vom Fagott . Ihr machts nur so , sagt ' ich , daß ihr euch ein finsteres Zimmer wie die Mundharmoniker oder Lolli bedingt ; da spiele denn jeder sein Instrument und geb ' es für das fremde , so wie jener ein Pferd , das er mit dem Schwanze an die Krippe gebunden , als eine besondere Merkwürdigkeit sehen ließ , die den Kopf hinten trage . Ich weiß aber nicht , ob sie es getan . « Flora ging ; und Vult fragte ihn , was er mit der Türschließerei und dem Latein gewollt . Gottwalt umarmte ihn erst recht als Bruder und sagte dann , er sei nun so , daß er sich schäme und quäle , wenn er eine Schönheit wie Flora in die knechtischen Verhältnisse der Arbeit gestürzt und vergraben sehe ; eine niedrig hantierende Schönheit sei ihm eine welsche Madonna mitten auf einem niederländischen Gemälde . - » Oder jener Correggio , den man in Schweden an die königlichen Stallfenster annagelte als Stall-Gardine « 9 , sagte Vult ; » aber erzähle das Testament ! « Walt tats und vergaß etwan ein Drittel : » Seit die poetischen Äthermühlflügel , die du Mühlenbaumeister angegeben , sich vor mir auf ihren Höhen regen , ist mir die Testaments-Sache schon sehr unscheinbar geworden « , setzte er dazu . - » Das ist mir gar nicht recht « , versetzte Vult . » Ich habe den ganzen heutigen Nachmittag auf eine ennuyante Weise lange schwere Dollonds und Reflektors gehalten , um die Hrn . Akzessit-Erben von weitem zu sehen - so die meisten davon verdienen den Galgenstrang als Nabelschnur der zweiten Welt . Du bekommst wahrlich schwere Aufgaben durch sie . « - Walt sah sehr ernsthaft aus . - » Denn « , fuhr jener lustiger fort , » erwägt man dein liebliches Nein und Addio , als Flora vorhin nach Befehlen fragte , und ihr belvedere , d.h. ihre bellevue von schönem Gesicht und dazu das enterbte Diebs- und Siebengestirn , das dir vielleicht bloß wegen der Klausel , die dich um ein Sechstel puncto sexti zu strafen droht , eine Flora so nahe mag hergesetzt haben , die zu deflorieren « - - - » Bruder ! « unterbrach ihn der zorn- und schamrote Jüngling und hoffte , eine ironische Frage zu tun , » ist das die Sprache eines Weltmanus wie du ? « - » Auch wollt ' ich effleurer sagen statt déflorer « , sagte Vult . » O , reiner starker Freund , die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh , womit man auf dem glatten reinen kristallenen Boden des Ideals leicht fliegt , aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse . « Er brach ab und fragte nach der Ursache , warum er ihn vorhin so traurend gefunden . Walt , jetzt zu verschämt , sein Sehnen zu bekennen , sagte bloß , wie es gestern so schön gewesen und wie immer , so wie in andere Feste Krankheiten10fallen , so in die heiligsten der Menschen Schmerzen , und wie ihm das Augen-Übel in der Zeitung wehe getan , das er noch nicht recht verstehe . Vult entdeckt ' ihm den Plan , daß er nämlich vorhabe , so gesund auch sein Auge sei , es jeden Markttag im Wochenblatt für kränker und zuletzt für stockblind auszurufen und als ein blinder Mann ein Flötenkonzert zu geben , das ebenso viele Zuschauer als Zuhörer anziehe . » Ich sehe « , sagte Vult , » du willst jetzt auf die Kanzeltreppe hinauf ; aber predige nicht ; die Menschen verdienen Betrug - Gegen dich hingegen bin ich rein und offen , und deine Liebe gegen den Menschen lieb ' ich etwas mehr als den Menschen selber . « - » O wie darf denn ein Mensch so stolz sein und sich für den einzigen halten , dem allein die volle Wahrheit zufließe ? « fragte Walt - » Einen Menschen « , versetzte Vult , » muß jeder , der auf den Rest Dampf und Nebel loslässet , besitzen , einen Auserwählten , vor dem er Panzer und Brust aufmacht und sagt : guck hinein . Der Glückliche bist nun du ; bloß weil du - soviel du auch , merk ' ich , Welt hast - doch im ganzen ein frommer , fester Geselle bist , ein reiner Dichter und dabei mein Bruder , ja Zwilling und - so laß es dabei ! « Walt wußte sich in keine Stelle so leicht und gut zu setzen als in die fremde ; er sah der schönen Gestalt des Geliebten diese Sommersprossen und Hitzblattern des Reiselebens nach und glaubte , ein Schattenleben wie seines hätte Vulten diese vielfarbige moralische Nesselsucht gewiß erspart . Bis tief in die Nacht brachten beide sie mit friedlichen Entwürfen und Grenzrezessen ihres Doppelromans zu , und das ganze historische erste Viertel ihrer romantischen Himmelskugel stieg so hell am Horizonte empor , daß Walt den andern Tag weiter nichts brauchte als Stuhl und Dinte und Papier und anzufangen . Froh sah er dem morgenden Sonntag entgegen ; der Flötenist aber jenem Abend , wo er , wie er sagte , wie ein Finke geblendet pfeife . Nr. 16. Berggur Sonntag eines Dichters Walt setzte sich schon im Bette auf , als die Spitzen der Abendberge und der Türme dunkelrot vor der frühen Juli-Sonne standen , und verrichtete sein Morgengebet , worin er Gott für seine Zukunft dankte . Die Welt war noch leise , an den Gebürgen verlief das Nachtmeer still , ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu . Walt hätte sich gefürchtet , seine namenlose Wonne laut zu machen , wenns nicht vor Gott gewesen wäre . Er begann nun den Doppelroman . Es ist bekannt genug , daß unter allen Kapiteln keine seliger geschrieben werden ( auch oft gelesen ) als das erste und dann das letzte , gleichsam auch ein Sonntag und ein Sonnabend . Besonders erfrischt ' es ihn , daß er nun einmal ohne allen juristischen Gewissensbiß auf dem Parnaß spazierengehen durfte und oben mit einer Muse spielen ; indem er , hofft ' er , gestern im juristischen Fache das Seinige gearbeitet , nämlich das Testament vernommen und erwogen . Da den Abend vorher war ausgemacht worden , daß der Held des Doppelromans einen langen Band hindurch sich nach nichts sehnen sollte als bloß nach einem Freunde , nicht nach einer Heldin : so ließ er ihn es zwei Stunden , oder im Buche selber so viele Jahre lang , wirklich tun ; er selber aber sehnte sich auch mit und über die Maßen . Das Schmachten nach Freundschaft , dieser Doppelflöte des Lebens , holt ' er ganz aus eigner Brust ; denn der geliebte Bruder konnte ihm so wenig wie der geliebte Vater einen Freund ersparen . Oft sprang er auf , beschauete den duftigen goldhellen Morgen , öffnete das Fenster und segnete die ganze frohe Welt , vom Mädchen am Springbrunnen an bis zur lustigen Schwalbe im blauen Himmel . So rückt die Bergluft der eignen Dichtung alle Wesen näher an das Herz des Dichters , und ihm , erhoben über das Leben , nähern die Lebendigen sich mehr , und das Größte in seiner Brust befreundete ihn mit dem Kleinsten in der fremden . Fremde Dichtungen hingegen erheben den Leser allein , aber den Boden und die Nachbarschaft nicht mit . Allmählich ließ ihn der Sonntag mit seinem Schwalbengeschrei , Kirchengeläut , seinen Ladendiener-Klopfwerken und Nach-Walkmühlen an Sonntagsröcken in allen Korridoren schwer mehr sitzen ; er sehnte sich nach einem und dem andern leibhaften Strahl der Morgensonne , von welcher ihm in seinem Abendstübchen nichts zu Gesichte kam als der Tag . Nachdem lange der Schreibtisch und die sonnenhelle Natur ihre magnetischen Stäbe an ihn gehalten und er sich vergeblich zwei Ichs gewünscht , um mit dem einen spazierenzugehen , während das andere mit der Feder saß : so verkehrte er dieses in jenes und trug die Brust voll Himmelsluft und den Kopf voll Landschaften ( Aurorens Gold-Wölkchen spielten ihm auf der Gasse noch um die Augen ) über den frohen lauten Markt und zog mit dem Viertels-Flügel der fürstlichen Kriegsmacht fort , welcher blies und trommelte , und der Nikolaiturm warf dazu seine Blasemusik in die untere hinein , die mit ihr im verbotenen Grade der Sekunde verwandt wurde . Draußen vor dem Tore hörte er , daß das magische , wie von fernen kommende Freudengeschrei in seinem Innern von einem schwarzen fliegenden Korps oder Chor Kurrendschüler ausgesprochen wurde , das in der Vorstadt fugierte und schrie . Herrlich wiegte sich in bunter Fülle der van der Kabelsche Garten vor ihm , den er einmal erben konnte , wenn ers recht anfing und recht ausmachte ; er ging aber verschämt nicht hinein , weil Menschen darin saßen , sondern erstieg das nahe Kabelsche Wäldchen auf dem Hügel . Darin saß er denn entzückt auf Glanz und Tau und sah gen Himmel und über die Erde . Allmählich sank er ins Vorträumen hinein - was so verschieden vom engern Nachträumen ist , da die Wirklichkeit dieses einzäunt , indes der Spielplatz der Möglichkeit jenem freiliegt . Auf diesem heitern Spielplatze beschloß er das große Götterbild eines Freundes aufzurichten und solches ganz so zu meißeln - was er im Romane nicht gedurft - , wie ers für sich brauchte . » Mein ewig teurer Freund , den ich einmal gewiß bekomme « , sagt ' er zu sich , » ist göttlich , ein schöner Jüngling und dabei von Stande , etwa ein Erbprinz oder Graf ; - und eben dadurch so zart ausgebildet für das Zarte . Im Gesicht hat er viel Römisches und Griechisches , eine klassische Nase , aus deutscher Erde gegraben ; aber er ist doch die mildeste Seele , nicht bloß die feurigste , die ich je gefunden , weil er in der Eisen-Brust zur Wehre ein Wachs-Herz zur Liebe trägt . So treuen , unbefleckten , starken Gemüts , mit großen Felsen-Kräften , gleich einer Bergreihe , nur gerade gehend - ein wahres philosophisches Genie oder auch ein militärisches oder ein diplomatisches - daher setzt er mich und viele eben in ein wahres Staunen , daß ihn Gedichte und Tonkunst entzücken bis zu Tränen . Anfangs scheuete ich ordentlich den gerüsteten Kriegsgott ; aber endlich einmal in einem Garten in der Frühlings-Dämmerung , oder weil er ein Gedicht über die Freundschaft der zurückgetretenen Zeiten hörte , über den griechischen Phalanx , der bis in den Tod kämpfte und liebte , über das deutsche Schutz- und Trutzbündnis befreundeter Männer , da greift ihm das Verlangen nach der Freundschaft wie ein Schmerz nach dem Herzen , und er träumt sich seufzend eine Seele , die sich sehnet wie er . Wenn diese Seele - das Schicksal will , daß ichs sei - endlich neben seinen schönen Augen voll Tränen steht , alles recht gut errät , ihm offen entgegenkommt , ihn ihre Liebe , ihre Wünsche , ihren guten Willen wie klare Quellen durchschauen lässet , gleichsam als wollte sie fragen : ist dir weniges genug ? , so könnt ' es wohl ein zweites gutes Schicksal fügen , daß der Graf , gleich Gott alle Seelen liebend , auch wie ein Gott sich meine zum Sohne des Herzens erwählte , der dem Gotte dann gleich werden kann - daß dann wir beide in der hellsten Lebensstunde einen Bund ewiger , starker , unverfälschter Liebe beschwüren « ..... Den Traum durchriß ein schöner langer Jüngling , der in roter Uniform auf einem Engländer unten auf der Heerstraße vorüberflog , dem Stadttore zu . Ein gut gekleideter Bettler lief mit dem offnen Hute ihm entgegen - dann ihm nach , dann voraus- der Jüngling kehrte das Roß um - der Bettler sich - und jetzt hielt jener , in den Taschen suchend , den stolzen Waffentanz des schönen Rosses so lange auf , daß Walt ziemlich leicht die Melancholie auf dem prangenden Gesicht , wie Mondschein auf einem Frühling , bemerken konnte , sowie einen solchen Stolz der Nase und der Augen , als könn ' er die Siegszeichen des Lebens verschenken . Der Jüngling warf dem Manne seine Uhr in den Hut , welche dieser lang an der Kette trug , indem er mit dem Danke dem Galoppe nachzukommen suchte . Jetzt war der Notarius nicht mehr imstande , eine Minute aus der Stadt zu bleiben , wohin der Reiter geflogen war , der ihm fast als der Freund , nämlich als der Gott vorkam , den er vorher im Traume mit den Abzeichen aller übrigen Götter ( signis Pantheis ) geputzet hatte . » Befreunden « , sagt ' er zu sich , in seinem romantischen , durch das Testament noch gestärkten Mute , und auf sein liebe-quellendes Herz vertrauend , » wollten wir uns leicht , falls wir uns erst hätten . « - Er wäre gern zu seinem Bruder gegangen , um sowohl das dürstende Herz an dessen Brust zu kühlen , als ihn über den schönen Jüngling auszufragen ; aber Vult hatte ihn gebeten , der Spionen wegen und besonders vor dem Blinden-Konzert den Besuch viel lieber anzunehmen als abzustatten . Mitten aus dem heiligen Opferfeuer rief ihn der Hofagent Neupeter in seine dunkle Schreibstube hinein , damit er darin vor dem Essen einige Wechsel protestierte . Wie an einem Käfer , der erst vom Fluge gekommen , hingen an ihm die Flügel noch lang unter den Flügeldecken heraus ; aber er protestierte doch mit wahrer Lust , es war sein erster Notariats-Aktus ; und - was ihm noch mehr galt - seine erste Dankhandlung gegen den Agenten . Nichts wurde ihm länger und lästiger als das erste Vierteljahr , worin ein Mensch ihn beherbergte oder bediente oder beköstigte , bloß weil ihm der Mensch so viele Dienste und Mühen vorschoß , ohne von ihm noch das Geringste zu ziehen . Er protestierte gut und sehr , mußte sich aber vom lächelnden Kaufmann den Monatstag ausbitten und war überhaupt kaum bei sich ; denn immerhin komme ein Mensch mit der poetischen Luftkugel , die er durch Adler in alle helle Ätherräume hat reißen lassen , plötzlich unten auf der Erde an , so hängt er doch noch entzückt unter dem Glob ' und sieht verblüfft umher . Das war der Sonntags-Vormittag . Der Nachmittag schien sich anders anzufangen . Walt war von der hellen Wirtstafel - wo er mit seinem Puder und Nanking zwischen Atlas , Manchester , Lackzöpfen , Degen , Batist , Ringen und Federbüschen wettgeeifert und gespeiset hatte - in seine Schattenstube im völligen Sonntagsputz zurückgegangen , den er nicht ausziehen konnte , weil eben der Putz in nichts als in einigem Puder bestand , womit er sich sonntäglich besäete . Sah er so weiß aus , so schmeckt ' er freilich so gut als der Fürst , was sowohl Sonntage heißen als Putz . Sogar dem Bettler bleibt stets der Himmel des Putzwerkes offen ; denn das Glück weht ihm irgendeinen Lappen zu , womit er sein größtes Loch zuflickt ; dann schauet er neugeboren und aufgeblasen umher und bietet es still schlechtem porösen Bettelvolk . Nur aber war der frohe Vorsatz , den ganzen Nachmittag seinem Kopfe und seinem Romane dichtend zu leben , jetzt über seine Kräfte , bloß wegen des Sonntags-Schmucks ; ein gepuderter Kopf arbeitet schwer . So müßte zum Beispiel gegenwärtiger Verfasser - steckte man ihn in dieser Minute zur Probe in Königsmäntel , in Krönungsstrümpfe , in Sporenstiefel , unter Kurhüte - , auf solche Weise verziert , die Feder weglegen und verstopft aufstehen , ohne den Nachmittag zu Ende gemalt zu haben , denn es geht gar nicht im herrlichsten Anzug ; - ausgenommen allein bei dem verstorbenen Buffon , von welchem Madame Necker berichtet , daß er zuerst sich wie zur Gala und darauf erst seine Bemerkungen eingekleidet , um welche er als ein geputzter und putzender Kammerdiener herumging , indem er ihnen vormittags die Nennwörter anzog , und nachmittags die Beiwörter . Den Notar störte außer dem Puder noch das Herz . Die Nachmittags-Sonne glitt jetzt herein , und ihre Blicke sogen und zogen hinaus in die helle Welt , ins Freie ; er bekam das Sonntags-Heimweh , was fast armen Teufeln mehr bekannt und beschwerlich ist als reichen . Wie oft trug er in Leipzig an schönen Sonntagen die Vesper-Wehmut durch die entvölkerten Alleen um die Stadt ! Nur erst abends , wenn die Sonne und die Lust-Gäste heimgingen , wurd ' ihm wieder besser . Ich habe geplagte Kammerjungfern gekannt , welche imstande waren , wöchentlich siebenthalbe Tage zu lachen und zu springen , nur aber sonntags nach dem Essen unmöglich ; das Herz und das Leben wurd ' ihnen nachmittags zu schwer , sie strichen so lange in ihrer unbekannten kleinen Vergangenheit herum , bis sie darin auf irgendein dunkles Plätzchen stießen , etwan auf ein altes niedriges Grab , worauf sie sich setzten , um sich auszuweinen , bis die Herrschaft wiederkam . Gräfin , Baronesse , Fürstin , Mulattin , Holländerin oder Freiin ,