ein unversöhnlicher Feind meines Vaters , seinen Haß auch auf mich Unschuldigen übertrug , ja , daß mein Leben nicht sicher in seiner Nähe war , und mein , um mich besorgter Vater , deshalb auf meine Entfernung so eifrig , so ohne Aufschub drang . Ja ich muß ihr das alles sagen , und wie konnte ich nur so lange schweigen ? - welche Verblendung ist es , die den Menschen oft verführt , gegen einen falschen Stolz , kleinliche Bedenklichkeit oder ein übereilt gegebenes Wort , sein Liebstes , sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen ? Zweiter Theil Erster Brief Amanda an Julien Seit langer Zeit , Julie , ist dies der erste Augenblick , wo ich Dir wieder schreiben kann . Zu welchem Wechsel von Gefühlen ist mein Leben bestimmt ! - ich wandle wie in einem dichten , düstern Hain , wo nur zuweilen die wankenden Zweige sich öffnen , und mir die Aussicht auf ein fernes glänzendes Thal zeigen . Aber schnell schließen sie sich wieder , und ungewiß , ob mich der Weg in eine Einöde , oder in jene lichte Gegend führt , gehe ich im Dunkel weiter , wie das Schicksal es mir gebietet . Ich schrieb Dir , daß Albrets Krankheit gefährlich gewesen sei , und sie ist es noch . Sein Gemüth scheint in gewissen Augenblicken , vielleicht zum erstenmal , von Vertrauen gegen ein fremdes Wesen durchdrungen , und eine wunderbare Weichheit nimmt dann die Stelle seiner gewohnten Fühllosigkeit ein . In solchen Momenten hat er mir Vieles aus seinem frühern Leben vertraut . Da war es , wo mir von ihm entdeckt ward , daß Wilhelm sein Kind sei ; daß er einst eine heftige Leidenschaft für dessen Mutter gefühlt , sie aber bald darauf wieder ganz verlassen habe . - Sie sei , fuhr er fort , wahrscheinlich aus Gram darüber , gestorben ; er habe das Kind hier erziehen lassen , und der Wunsch es zu sehen , wäre unter andern Gründen , mit eine Veranlassung gewesen , warum er an diesen Ort gereist sei . » Sorgfältig , setzte er hinzu , war ich bisher bemüht , Dir aus diesem Verhältniß ein Geheimniß zu machen , denn , Amanda , ob gleich ich in Dir das vorzüglichste Weib verehre , das ich je habe kennen lernen - aber , sei so edel Du willst ; frag Dich selbst , ob Du nach dieser Entdeckung nicht ein Recht über mich zu haben glaubst ? und wer kann mir bürgen , daß Du diese Gewalt nie misbrauchen wirst ? - o ! die Gewalt über uns , ist für ein Weib das schönste Ziel , nach dem sie ringt , und dem Vergnügen , dann nach Laune und Willkühr verfahren zu können , opfert sie mit Freuden jede andere Rücksicht auf ! « Wie seltsam ich bei diesen Scenen bewegt war , kann ich Dir nicht beschreiben . Es war mir genugthuend , diesem verödeten HerzenEtwas sein zu können , es durch mich mit leisen Banden des Vertrauens , des Wohlwollens wieder an das Leben gebunden zu sehen . Aber dann war mir dieser Mann wieder so fremd ; seine lange Verschlossenheit , sein Argwohn , seine kalten Berechnungen stießen mein Gefühl zurück , und machten mir seine Nähe schauderhaft . Ja , Julie , diese Verschiedenheit unsrer Ansichten , unsrer Empfindungen , liegt wie ein tiefer Abgrund , den wir nicht überschreiten können , zwischen uns beiden ; vergebens sende ich die Blüthen der Innigkeit , der Mitempfindung , mit weichem Herzen zu ihm hinüber ; kaum Eine derselben erreicht ihn ; die meisten flattern in die Tiefe , und ich fühle nur die dunkle Leere , die uns trennt . - Und doch muß ich so innig das Herz bedauern , das seine schönsten Gefühle zu verbergen strebt , weil es fürchtet , in die Gewalt eines Andern zu gerathen , das unabläßig , ferne , dunkle Zwecke verfolgt , die ihn doch nie glücklicher machen , und sein Auge für das nahe , helle Leben um ihn her verschließen ; doch bleibt mir der Wunsch immer lebendig , ihn durch Wahrheit und Gefühl mit dem Leben wieder auszusöhnen , und das verschlossene Gemüth den Empfindungen der Menschlichkeit wieder zu eröffnen . Und so bin ich denn jetzt ganz allein gelassen , mit diesen wechselnden Gefühlen ? Du bist fern , und ich kann und will Deine Gegenwart nicht fodern . Nanette ist zu ihren Verwandten gereist , und wer weiß wann sie zurückkehrt . Barton hat schleunig diesen Ort verlassen , wahrscheinlich um mit Eduards Vater , ich weiß nicht wo ? zusammen zu treffen . Und Eduard - ach ! wie entfremdet ist mir dieser Name geworden ! wie anders , wie so ganz anders sind die Bilder , die jetzt mein Gemüth erfüllen ! - Schon sind beinahe drei Monate verflossen , ohne daß ich die geringste Nachricht von ihm erhalten hätte , und Alles was mir so nah , was so ganz Mein zu sein schien , droht wie ein wesenloser Traum zu verschwinden . - O ! warum mußte der Liebe kindlicher Glaube , das heitre Vertrauen , so leicht dem beleidigten Stolz , dem unverständlichen Schein , weichen ? - Warum vertraute er mir nicht ? - Schreibe mir bald , ich bedarf es . Alles ist mir fern und dunkel , und ich stehe allein in dem fremd gewordenen Gebiete des Lebens . Albret ist nicht mehr ! - Der stille Genius des Todes hat nun dies Herz beruhig ' t , und alles Widersprechende in sanftem Frieden aufgelöst . - Wie ein aufgerolltes Gemälde liegt das farbige Spiel seiner irdischen Freuden und Leiden vor meinem Blick , und auf der Rückseite steht mit schwarzen Zügen das Grab . - Ich weiß es , Julie , daß er selten wahrhaft gegen mich war , daß ihm mein ganzes Dasein bloß für ein Opfer seiner Absichten galt , daß bei ihm auf jede wahre Aeusserung seines Gefühls nur Reue folgte , aber ich fühle in diesen Augenblicken nichts , als daß er unglücklich war . Ach ! ist dieser Kampf , diese Mischung von Wahrheit und Lüge , von Hölle und Himmel , nicht in jedem Menschen , wie in ihm , nur mit etwas mildern Farben ? - laß mein Urtheil über ihn , immer so weich als möglich sein , es ist gewiß ein gutes menschliches Gefühl , was uns so mild gegen die Todten macht , die sich nun nicht mehr vertheidigen , nicht mehr sagen können , wie oft sie misverstanden worden , und wie schmerzlich ihnen vielleicht oft eben dann zu Muthe war , wann sie Andern hart und gefühllos erschienen ! - Ich erwarte sehnlich einen Brief von Dir . Eine Menge Geschäfte , die alle Geistesgegenwart erfordern , drängen sich in trauriger Verwirrung um mich her ; so bald ich kann , schreibe ich Dir wieder . Zweiter Brief Amanda an Julien Nur mit Mühe , meine Freundin , vermag ich mich aus dieser Verwirrung von prosaischen Dingen heraus zu reissen . Albrets Angelegenheiten sind zum Theil in großer Unordnung ; und doch möchte ich dem Vertrauen , mit welchem er mir die Berichtigung derselben übertrug , gern auf das Vollständigste entsprechen . Täglich kommen Briefe ; täglich giebt es neue Geschäfte abzuthun . - Wie verändert , wie tief verändert ist alles um mich her ! - Wohin sind die lieblichen Bilder , die himmlischen Träume , geliebte Schmerzen ? - Oft dünkt es mir , ich sei mit kalten Blicken in die todte Sphäre hinüber getreten , wo alles in das öde Gebiet des Irrdischen versinkt , wo die klingenden Spiele der Phantasien schweigen , kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt , und die Nothwendigkeit nicht mehr durch den Schleier des Schönen verhüllt , offen und vernehmlich ihre Ansprüche geltend macht . - O ! warum ist das Leben denn ein immerwährender Kampf ! - Frei tritt der Mensch in die Welt ; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein einer höhern Sonne beglänzt ; aber überall lauern die unterirdischen Geister , die Sorgen der Erde , ihn zu sich herab zu ziehen ; wohin er flieht , verfolgen sie ihn , und rettet er sich auf die Höhen der Liebe und Phantasie ; so dringen die Stürme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein , und beängstigen sein schlagendes Herz ! Wilhelm soll mich nun nie verlassen ; er war mir immer lieb , aber nun ist er mir heilig . Mit sonderbarem Gefühl betrachte ich ihn , als ein Wesen , das mir so ganz hingegeben ist , und fühle dann mit ruhigem Selbstbewußtsein , daß er sich dieses Looses wohl erfreuen darf . - Ich werde für seine künftige Bildung sorgen , so gut ich kann , das heißt , ich werde ihm seine Eigenthümlichkeit zu erhalten suchen . Denn die Menschen werden verschieden gebohren . Wie die Pflanze , das Thier , jede Erscheinung , eine besondere Form hat ; so auch sie . Keiner darf deshalb zürnen , wenn ihm die Natur vorzügliche Gaben versagte , denn jeder erscheint , wie er kann , und ist darum für sich nicht schlechter , wenn er sich nur den Sinn erhält , über seine Verhältnisse zu den Andern frei denken zu können . - Der Mensch , so denke ich , Julie , soll immerhin Alles um sein selbst willen thun , aber man kann ihn lehren , sein eigenes Glück darin zu finden , daß er für Andre lebt . Diese einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz , und ist dem Kinde , dem ungebildeten Menschen , verständlich . Jede Aufopferung für einen Andern , die nicht aus Neigung geschieht , ist unnatürlich ; sie zerwühlt das eigene Herz und steht fruchtlos im Aeußern da . Menschen sollen recht gegen einander handeln , aber nicht großmüthig . Großmuth ist anmaaßend , weil sie nur höhern Wesen zukömmt , und grausam , weil sie Andere erniedrigt . - Könnte nur , - ich wiederhole es - ein jeder seine Natur verstehen lernen ! Und glücklich der , dessen Neigungen ein freies , angemessenes Gebiet im Leben finden , wo sie sich äußern können , denn die Neigungen sind immer gut ! Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * * , der sehr bekannt mit Albrets Angelegenheiten ist , und mir in meiner verwickelten Lage , viele Dienste leistet . - Manches von dem , was er mir aus Albrets Leben erzählt , giebt mir Aufschluß über Vieles , was mir so lange dunkel geblieben ist , und neue Veranlassung über die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern . - Denn ich weiß es wohl , Julie , daß Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann ; daß der Mensch , der für Andere und mit Andern leben will , oft etwas von der Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muß , um des Ganzen willen . Auch möchte ich nicht gern zu denen gehören , die bitter auf die Klugheit schimpfen , weil sie zu ungeschickt sind , ihr eigenes Leben , so wie sie gern es wollten , durchzuführen . Aber , ich fühle es jetzt innig in der Seele , geoffenbart : nichts kann beruhigen als Wahrheit , nichts erfreuen , nichts beglücken , als sie . - Und darum ist - die Zeit der Liebe , auch die schönste , glücklichste Zeit des Lebens , weil da reine , ewige Wahrheit ist ; denn niemals werde ich so thöricht sein , das Unendliche , Himmlische - Wahn , und das Irrdische , Beschränkte , - Wahrheit zu nennen . Dritter Brief Amanda an Julien Die Natur lebt wieder auf ; die letzten dürren Blätter säuseln in den singenden Strom hernieder ; ein frisches Grün breitet sich über den Grund , und die Rebe weint schon dem Frühling ihre süssen Thränen . Durch das Dunkel der Tannenwälder , schimmern die lichten , grünen Gruppen der jungen aufsprossenden Birken , wie freudige Erinnerungen die Schwermuth eines trauernden Gemüths unterbrechen . - Mit dem Frühling erwacht mein Herz aus seinem Schlummer , und die Zeit der Ruhe ist , wie ein leichtes Gewölk , weit über mir dahin gezogen . - Vergebens nehme ich ein Buch , um mich zu zerstreuen ; - ich kann nicht lesen . Mein Auge kann sich von den erfreulichen Bildern nicht losreissen . Die verklärten Bäume , die röthlichen Wolken , die den Himmel durchfliegen ; die blühenden Büsche , welche Felder und Wiesen , wie Perlen , umfassen - in allen sieht mein treuloses Herz sein Bild ! Vergebens rufe ich Stolz und Leichtsinn zu Hülfe ; in meine einsamsten Stunden , drängen sich Bilder aus der Vergangenheit , und mit der ambrosischen Luft , athme ich neue Wünsche , neue Phantasien ein . O ! ihr holden Genien des Lebens , rufe ich dann , Liebe , Hoffnung und Freude , solltet ihr mir auf immer entwichen sein ? Sollte kein Tropfen eurer Götterschaale jemals wieder das verödete Herz erquicken ? - Und doch , Julie , wenn ich seine Briefe lese - ach ! ich lese sie öfterer , als ich selbst will ! - und mich das Innige derselben bis zum Zerstöhren ergreift - dann wird mir der Gedanke kalte , tödtende Pein , daß auch dies enden konnte , auch dies , wie Alles endet ! - Nein ! wie es auch sei , ich kann ihm dieses Schweigen , dies Ersterben , ich kann es ihm nie verzeihen ! - Denn was steht in meiner Macht zu thun , da ich nicht einmal seinen Aufenthalt weiß ? - Und wenn ich auch handeln könnte , würde ich es wollen ? Nein ! nur dem Mann , dem Machtvollen , kömmt es zu , die Begebenheiten zu schaffen , alles Aeußre nach seinem Gefallen zu lenken . - Doch - was ich auch denken mag - bald kehrt die Erinnerung , des höchsten , einzigen Glücks , wieder siegreich in meine Seele zurück , und Er erscheint mir wieder ganz wie vormals . - Dann klage ich ; warum bist du mir fern , Geliebter ! in dieser heiligen Abenddämmerung , hier , wo alles die Sehnsucht nach dir erneut ? - Wie ein Dolchstich fährt es mir durchs Herz , wenn ich dann bedenke , wie glücklich wir sein könnten , und jede Minute , die ich ohne ihn verleben muß , dünkt mich ein unersetzlicher Verlust . -Ja ! alle beßre Seelen , haben Momente des höhern Lebens , der Begeisterung . Diese Momente verschwinden , und sie steigen zur Nüchternheit des Gewöhnlichen wieder herab ; aber wenn zwei Seelen sich in solchen Momenten finden , wenn sie sich da begegnen , dann ist der Himmel zwischen den beiden . - O ! da auch dies enden mußte , wie Alles , was hält denn den flüchtigen Geist noch hier ? Wo erwartet denn nun noch das Herz , Befriedigung seiner unendlichen Sehnsucht ? - Weh mir , daß ich unsterbliche Gefühle in mir nähren , und nur sterbliche erwecken konnte , daß mein Leben in dem Herzen des Geliebten aufhörte , und doch die Liebe unsterblich in mir lebt ! Vierter Brief Eduard an Barton Wir leben nun hier in der Residenz , und ich bin ganz ruhig . Es ist vieles in mir anders geworden ; ich komme mir klüger , aber auch schlechter vor , und ich kann meinen vorigen Gemüthszustand , nicht ohne eine gewisse Art von Ehrfurcht betrachten . - Du weißt , daß ich an Amanda schreiben wollte , und ich that es mit aller Innigkeit meiner Liebe . Ich schickte diesen Brief an Nanetten , die ihn mit einem eignen begleitete . Aber keine Antwort von Amanda erfolgte , und nur von Fremden habe ich die Nachricht erhalten , daß Albret todt ist , daß sie noch immer in B * * lebt , und der Graf ihr einziger und steter Gesellschafter ist . Nun , Barton , was kann ich denn noch zu wissen begehren ? Ist es nun nicht klar , daß ihre Liebe zu mir nur ein Sommertraum war , der Nachhall einer schönen Phantasie , die nun den Gegenstand gewechselt hat ? Sie ist ruhig , und hat mich vergessen . Ich kann sie nicht tadeln , nur erscheint sie mir anders wie ehemals , doch auch jezt noch unaussprechlich liebenswürdig . - Sie ist eine von jenen schönen , heitern Naturen , welche gleich den Blumen , mit jedem Frühling neue Wünsche , wie Blüthen hervor treiben , wo sie dann den Sommer hindurch wachsen und grünen , bis sie bei dem leichtesten Sturme des Schicksals dahinwelken und sterben , so lange kein neuer Lenz , neue Blüthen und neue Wünsche erweckt . - O ! wenn sie die Geistesstärke gehabt hätte , mir das alles freimüthig selbst zu sagen , ich hätte sie ewig ! göttlich in meinem Herzen verehren müssen ! dann wäre sie bei der liebenswürdigsten Natur , auch die edelste gewesen . Denn die Weiber , die durch ihre Neigung zur Güte , Aufopferung für Andere geführt werden , können nur dann edel sein , wann sie wahr und selbstständig sind , und ihre Weichheit besiegen , die sie leicht zur Verschlossenheit und Anhängigkeit geneigt macht . Wie sonderbar fällt es mir jezt auf , daß die kurze Zeit von einigen Jahren , und ein paar Erfahrungen , so viel an unsern Ansichten verändern können ! Ich hätte es nie geglaubt , denn die Bilder , die ich in mir trug , schienen mir alle ewig und unveränderlich . - Freilich weiß ich , daß ich ohne den Umgang meines Vaters , lange mit schweren Zweifeln hätte kämpfen müssen , und vielleicht auf immer , bitter und ungerecht gegen Welt und Menschen , oder ein kränkelnder Phantast geblieben wäre . Wie bewundre ich diesen Mann , der eine so reiche Imagination , mit einem so großen praktischen Verstand verbindet , und dem es so oft im Leben gelungen ist , die geistigen Blüthen der Phantasie und Liebe , und die irrdischen Früchte mühevoller Thätigkeit zu brechen , und in zwei Gebieten zu genießen . - Auch ich stehe nun erheitert im Leben da , und entschlossen , das Ruder meines Schicksals , so viel ich kann , selbst zu lenken , ohne mich , und überhaupt den einzelnen Menschen , für außerordentlich wichtig , aber auch eben so wenig , für vergessen zu halten . Ein großer Verstand beherrscht das Ganze ; und es ist klein und eitel , sich als Zweck desselben zu denken . Das ist die Freiheit des Menschen und sein Werth , daß er mit Weisheit in die Umstände eingreift , die ihn umgeben ; und wohl ihm , wenn er es versteht , sie mit seinem eigentlichen Wesen in Harmonie zu bringen ! - Ich strebe darnach , mir feste Ideen zu bilden , nach denen ich handle ; denn wären sie auch falsch , so machen sie doch das Leben zu einem Ganzen , da Erfahrung allein nicht zum Leitstern unserer Handlungen taugt , weil man fast bei allen Zweifeln , die uns im Leben aufstoßen , Erfahrungen dafür und dagegen anführen kann . Andere werde ich immer nach mir selbst beurtheilen , denn ein jeder kann sich selbst der Repräsentant der Menschheit sein , wenn er Geistesjugend und Freiheit genug besitzt , um Menschen und Welt im Allgemeinen denken zu können , und nicht in dem engen Kreise einer ängstlichen , kurzsichtigen Selbstsucht fest gebannt ist . Fünfter Brief Eduard an Barton Ich gieng vor einigen Monaten aufs Land . Mein Vater selbst rieth es mir , weil er meine Gesundheit nicht für ganz befestigt hielt . Aber während der ersten Tage , die ich in der freien Natur zubrachte , war mir sehr weh zu Muthe . Hier erst , fühlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals , fühlte , daß die Musik in meiner Seele verstummt war . Ein Schleier schien zwischen mir und der Natur herunter gefallen zu sein ; ich hörte die sehnende Nachtigall nicht , sahe unbewegt die neubelebte Gegend . Oft lief ich weit , und strebte mit Ungeduld an einen Ort zu kommen , und wenn ich nun da war , so hatte ich keinen Zweck gehabt ; alles war stumm , und ich mußte rastlos weiter . - Da drang das Andenken an Amanda , an ihre unnennbare Liebenswürdigkeit , mit voller , siegender Gewalt in mein Herz . O ! süßes , süßes Glück der Liebe ! rief ich einsam , du einziges nicht zu vergleichendes Gut ! O , könnten alle meine Seufzer , alle meine Thränen , Flügel werden , und ich so , Dich wieder erreichen ! - Aber , Freund , ich fühlte bald das Gefährliche dieser Stimmung , und ich hatte nun schon Kraft genug , mich heraus zu reissen . Ich beschloß in der Gegend Bekanntschaft zu suchen ; vielleicht konnte ich hier finden , was ich so sehr bedurfte - neues Leben , neue Liebe . Denn Barton , was ist denn das Leben , ohne weiblichen Umgang ? - Warum sollte ich es nicht sagen : das Weib ist die Seele von Allen . Sie sind die innersten , feinsten Triebfedern des großen Kunstwerks , alles menschlichen Thuns und Beginnens ; wir sind die äusseren Räder , und natürlich , daß unsre stärkern Bewegungen immer sichtbar sind , während jene , meist ungesehn , und nur dem geschärften Auge bemerkbar wirken . Ich suchte mich also , mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen , bekannt zu machen . Bald führte mich das Ungefähr in eine Gegend , die mich unbeschreiblich anzog . Mitten im Walde , lag die schönste Ruine , die ich je gesehen habe . Die ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung , von süßer , weichlicher Ländlichkeit , und reizender romantischer Wildheit ; nie hab ' ich etwas Lieblicheres gesehen . Ich stand vor den Ruinen , in der dunkelsten , angenehmsten Schwärmerei vertieft , und ward nur durch das Haus des Amtmanns , darinnen gestöhrt , das recht unschicklich in die edlen Trümmer hineingebaut war , als ich an einem Fenster desselben , ein frisches , weibliches Gesicht erblickte . - Es ist nicht zu leugnen , daß der Anblick eines artigen Mädchens , in einer einsamen , schönen Gegend , einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht , und ich empfand dies um so mehr , da mir unwillkührlich Werthers Amtmanns Tochter , dabei einfiel . - Auch hatte ich schon vorher im Wirthshause , von der Schönheit dieses Mädchens gehört , und , daß schon viele , sich , ihr zu gefallen , hier aufgehalten hätten . - Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war ; so entstand der Plan sehr leicht , einige Zeit in dem Orte zu leben , und es war nicht schwer , in dem Amthause selbst aufgenommen zu werden , um so mehr , da das außerordentliche , schlechte Wirthshaus des Orts , meine Bitte vollkommen rechtfertigte . Ich wohnte nun da , und konnte täglich , so viel ich wollte , den Anblick eines wirklich schönen Mädchens genießen , die , mit ein paar jüngern Geschwistern , ihrem Vater , einem freundlichen , verbindlichen Mann , der für vieles Sinn zu haben schien , und der Mutter , einer geschäftigen Hausfrau , das reizendste , liebenswürdigste Gemälde von der Welt darstellte . - Ich fühlte mich wirklich glücklich , weil ich unter Menschen lebte , die es zu sein , und es zu verdienen schienen , und wär ' ich bald wieder abgereist , so hätte ich eine reine , schöne Erinnerung für mein Leben gewonnen ; so aber blieb ich , und zerstöhrte meine angenehme Illusion . Es entgieng mir nicht , als einige Wochen vorbei waren , daß ich von Agnes , - dies war der Name des schönen Waldmädchens - mit günstigem Auge angesehen wurde . Sie hörte meine Gespräche mit der ungetheiltesten Aufmerksamkeit an , und ihr schönes Auge lächelte mir immer den süßesten Beifall zu . Sie selbst sprach nicht viel , aber alles was sie sagte , schien mir einfach , gefühlvoll und zärtlich - genug , es gefiel mir , denn es lag fast immer etwas Schmeichelhaftes für mich darinnen . Beinah ' glaubte ich , sie im Ernst zu lieben . Schon malte mir in manchen Stunden , meine Phantasie , ein reizendes Bild der Zukunft . Hier - in lieblicher Wildniß , beglückt durch die Liebe der schönen , unschuldigen Geliebten , in Einsamkeit , das Leben zu verträumen - konnte dies Glück , das mir so freundlich entgegen kam , nicht das unruhige Herz befriedigen ? - Ach ! nur quälte es mich , daß ich bei allem diesen , so leicht die Gränze sah , daß ich hinter den Armen der Liebe , der jugendlichen Begeisterung , die um das ganze Landleben ein frisches , entzückendes Colorit verbreiteten , gleich die dumpfe , leere Einförmigkeit , das Drückende der Eingeschränktheit , mußte hervorblicken sehen ! - Auch Agnes schien mir nicht ganz zufrieden , oft hörte ich ihre stillen Seufzer , und ich dachte mir sogleich , daß Sehnsucht , nach einem geliebten Wesen , der Grund dieser kleinen Verstimmung sein müßte , denn nur eine schöne Trauer , war mir bei ihr denkbar . Und wenn ich dann diese Vermuthung leise äußerte , dann bestärkte mich ein süßes Lächeln , das halb zufrieden , halb verlegen war , ganz fest in meinen Ideen . - Soll ich Dir sagen , daß ich mir oft , dem Mädchen gegenüber , die so sanft und tief zu fühlen schien , bittere Vorwürfe darüber machte , daß ich , aller vorigen Sehnsucht , all ' der schönen Bilder , die mich umgaben , zum Trotz , oft eine tiefe , unerträgliche Leere in meinem Herzen empfand ? - Ach ! dachte ich , und meine eigenen Gedanken stimmten mich zur Wehmuth , du kömmst mir entgegen , liebende Seele , mit allen deinen Blüthenträumen von Lebensglück , die vom schmeichelnden Hauch der Hoffnung verführt , zum erstenmal lieblich erwachen - und die Kälte , die oft wie ein schneller Nachtfrost aus meinem einst so tief gekränkten Herzen dringt , wird vielleicht die schönsten dieser Blüthen verderben ! Nach einiger Zeit , erhielt Agnes einen Besuch aus dem benachbarten Städtchen ; es war ein Mädchen , die sie ihre vertrauteste Freundin nannte . Sie schien von einem neuen Geist belebt , nie war sie mir so schön , so lebhaft , so anziehend erschienen . Das halblaute Geschwätz , die Neckereien , das frohe Gelächter der beiden Mädchen , nahm kein Ende , und kaum war das Mittagsmahl vorbei , so sprangen sie beide in den Wald . Wie süß , wie reizend dünkte mich der frohe Sinn dieser harmlosen Geschöpfe ! und wie freute ich mich , diese einzige , liebe Gabe des Himmels , auch bei dem geliebten , von der Natur so reich ausgestatteten , Mädchen zu finden ! Ich gieng von einer andern Seite gleichfalls in den Wald , und suchte mir ein romantisches Plätzchen zu meinem Ruheheert . Ich lag auf weichen Rasen , und ein dichter Busch , entzog mich allen Blicken . Der wohlbekannte , frische , geliebte Waldduft kam mir entgegen , und drang in mich mit allen den stillen , dunkeln Bildern von Einsamkeit , von ländlichem Leben und einfachem Glück , und mit der Gegenwart , schmolz die Vergangenheit in meinem Sinn wunderbar zusammen . - Ich fühlte auf Augenblicke ganz das süße , reine Leben , das nichts will , und alles in sich trägt . - Da hörte ich Stimmen , und erkannte bald Agnes und ihre Freundin . Es freute mich , etwas von ihrem schuldlosen , vertrauten Geschwätz zu erfahren . Sie sprachen sehr lebhaft , und blieben nicht weit von mir stehn . O ! ja , sagte Agnes , ich bin Wilhelm gewiß sehr gut , aber sage mir selbst , was habe ich denn für Aussichten mit ihm ? - wer weiß , ob er die Stelle bekömmt , und wenn auch - soll ich mich denn ewig auf dem Lande begraben ? Warum soll ich denn nicht auch das Leben genießen , wie die Mädchens und Weiber in großen Städten , wovon mir so viele erzählt haben ? - Nein ! ich muß Dir sagen , ich sehne mich recht von hier weg ; und ich glaube , was mir auch schon viele versichert haben , daß ich ganz für die Stadt geschaffen bin . Ach ! schweig nur , sagte die andere , Wilhelm gefällt dir nicht mehr , weil du den Fremden lieber hast . - Nein , antwortete Agnes lebhaft , ich kann dir versichern , daß ich Wilhelm weit mehr liebe , als ihn . Aber die Mutter hat erfahren , daß der Fremde sehr reich , und der Sohn eines vornehmen Mannes ist , und wenn er mir nun wirklich gut wäre ; so könnte ich ja durch ihn , ein sehr großes Glück machen - und Wilhelm , könnte ich deswegen doch immer noch sehen . Wie schneidend dies Gespräch mit meinen Gefühlen und mit dem einfachen Reiz der Waldgegend abstach , brauche ich Dir nicht zu beschreiben . - Mit meiner Liebe war es aus . Dieses Mädchen war Alles das , nur noch unausgebildet , was verdorbene Weiber in großen Städten vollendet sind . Die schaale Bewunderung , der Flittertand , die leeren , rauschenden Freuden , galten ihr für das Höchste , wofür sie alles hingeben möchte . Ihre Seufzer , die mir so süß , so