Die wenigen , die ich gehört habe , haben mich unbeschreiblich ergötzt , so unbedeutend sie auch seyn mochten . Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen . Es ist mir Eins erinnerlich , was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte , wovon es auch noch deutliche Spuren an sich trägt , indeß wird es dich vielleicht desto lehrreicher unterhalten , und dich an manches erinnern , was ich dir gesagt habe . Die Sprache , sagte Heinrich , ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und Tönen . Wie der Mensch sie beherrscht , so möchte er gern die große Welt beherrschen , und sich frey darinn ausdrücken können . Und eben in dieser Freude , das , was außer der Welt ist , in ihr zu offenbaren , das thun zu können , was eigentlich der ursprüngliche Trieb unsers Daseyns ist , liegt der Ursprung der Poesie . Es ist recht übel , sagte Klingsohr , daß die Poesie einen besondern Namen hat , und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen . Es ist gar nichts besonderes . Es ist die eigenthümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes . Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute ? - Eben trat Mathilde in ' s Zimmer , als Klingsohr noch sagte : Man betrachte nur die Liebe . Nirgends wird wohl die Nothwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar , als in ihr . Die Liebe ist stumm , nur die Poesie kann für sie sprechen . Oder die Liebe ist selbst nichts , als die höchste Naturpoesie . Doch ich will dir nicht Dinge sagen , die du besser weißt , als ich . Du bist ja der Vater der Liebe , sagte Heinrich , indem er Mathilden umschlang , und beyde seine Hand küßten . Klingsohr umarmte sie und ging hinaus . Liebe Mathilde , sagte Heinrich nach einem langen Kusse , es ist mir wie ein Traum , daß du mein bist , aber noch wunderbarer ist mir es , daß du es nicht immer gewesen bist . - Mich dünkt , sagte Mathilde , ich kennte dich seit undenklichen Zeiten . - Kannst du mich denn lieben ? - Ich weiß nicht , was Liebe ist , aber das kann ich dir sagen , daß mir ist , als finge ich erst jetzt zu leben an , und daß ich dir so gut bin , daß ich gleich für dich sterben wollte . - Meine Mathilde , erst jetzt fühle ich , was es heißt unsterblich zu seyn . - Lieber Heinrich , wie unendlich gut bist du , welcher herrliche Geist spricht aus dir . Ich bin ein armes , unbedeutendes Mädchen . - Wie du mich tief beschämst ! bin ich doch nur durch dich , was ich bin . Ohne dich wäre ich nichts . Was ist ein Geist ohne Himmel , und du bist der Himmel , der mich trägt und erhält . - Welches selige Geschöpf wäre ich , wenn du so treu wärst , wie mein Vater . Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt ; Mein Vater weint fast alle Tage noch um sie . - Ich verdiene es nicht , aber möchte ich glücklicher seyn , als er . - Ich lebte gern recht lange an deiner Seite , lieber Heinrich . Ich werde durch dich gewiß viel besser . - Ach ! Mathilde , auch der Tod wird uns nicht trennen . - Nein , Heinrich , wo ich bin , wirst du seyn . - Ja wo du bist , Mathilde , werd ' ich ewig seyn . - Ich begreife nichts von der Ewigkeit , aber ich dächte , das müßte die Ewigkeit seyn , was ich empfinde , wenn ich an dich denke . - Ja Mathilde , wir sind ewig weil wir uns lieben . - Du glaubst nicht Lieber , wie inbrünstig ich heute früh , wie wir nach Hause kamen , vor dem Bilde der himmlischen Mutter niederkniete , wie unsäglich ich zu ihr gebetet habe . Ich glaubte in Thränen zu zerfließen . Es kam mir vor , als lächelte sie mir zu . Nun weiß ich erst was Dankbarkeit ist . - O Geliebte , der Himmel hat dich mir zur Verehrung gegeben . Ich bete dich an . Du bist die Heilige , die meine Wünsche zu Gott bringt , durch die er sich mir offenbart , durch die er mir die Fülle seiner Liebe kund thut . Was ist die Religion , als ein unendliches Einverständniß , eine ewige Vereinigung liebender Herzen ? Wo zwey versammelt sind , ist er ja unter ihnen . Ich habe ewig an dir zu athmen ; meine Brust wird nie aufhören dich in sich zu ziehn . Du bist die göttliche Herrlichkeit , das ewige Leben in der lieblichsten Hülle . - Ach ! Heinrich , du weißt das Schicksal der Rosen ; wirst du auch die welken Lippen , die bleichen Wangen mit Zärtlichkeit an deine Lippen drücken ? Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorübergegangenen Liebe seyn ? - O ! könntest du durch meine Augen in mein Gemüth sehn ! aber du liebst mich und so glaubst du mir auch . Ich begreife das nicht , was man von der Vergänglichkeit der Reitze sagt . O ! sie sind unverwelklich . Was mich so unzertrennlich zu dir zieht , was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat , das ist nicht aus dieser Zeit . Könntest du nur sehn , wie du mir erscheinst , welches wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegen leuchtet , du würdest kein Alter fürchten . Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses Bildes . Die irdischen Kräfte ringen und quellen um es festzuhalten , aber die Natur ist noch unreif ; das Bild ist ein ewiges Urbild , ein Theil der unbekannten heiligen Welt . - Ich verstehe dich , lieber Heinrich , denn ich sehe etwas Ähnliches , wenn ich dich anschaue . - Ja Mathilde , die höhere Welt ist uns näher , als wir gewöhnlich denken . Schon hier leben wir in ihr , und wir erblicken sie auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt . - Du wirst mir noch viel herrliche Sachen offenbaren , Geliebtester . - O ! Mathilde , von dir allein kommt mir die Gabe der Weißagung . Alles ist ja dein , was ich habe ; deine Liebe wird mich in die Heiligthümer des Lebens , in das Allerheiligste des Gemüths führen ; du wirst mich zu den höchsten Anschauungen begeistern . Wer weiß , ob unsre Liebe nicht dereinst noch zu Flammenfittichen wird , die uns aufheben , und uns in unsre himmlische Heimath tragen , ehe das Alter und der Tod uns erreichen . Ist es nicht schon ein Wunder , daß du mein bist , daß ich dich in meinen Armen halte , daß du mich liebst und ewig mein seyn willst ? - Auch mir ist jetzt alles glaublich , und ich fühle ja so deutlich eine stille Flamme in mir lodern ; wer weiß , ob sie uns nicht verklärt , und die irdischen Banden allmählich auflöst . Sage mir nur , Heinrich , ob du auch schon das grenzenlose Vertrauen zu mir hast , was ich zu dir habe . Noch nie hab ' ich so etwas gefühlt , selbst nicht gegen meinen Vater , den ich doch so unendlich liebe . - Liebe Mathilde , es peinigt mich ordentlich , daß ich dir nicht alles auf einmal sagen , daß ich dir nicht gleich mein ganzes Herz auf einmal hingeben kann . Es ist auch zum erstenmal in meinem Leben , daß ich ganz offen bin . Keinen Gedanken , keine Empfindung kann ich vor dir mehr geheim haben ; du mußt alles wissen . Mein ganzes Wesen soll sich mit dem deinigen vermischen . Nur die grenzenloseste Hingebung kann meiner Liebe genügen . In ihr besteht sie ja . Sie ist ja ein geheimnißvolles Zusammenfließen unsers geheimsten und eigenthümlichsten Daseyns . - Heinrich , so können sich noch nie zwey Menschen geliebt haben . - Ich kanns nicht glauben . Es gab ja noch keine Mathilde . - Auch keinen Heinrich . - Ach ! schwör es mir noch einmal , daß du ewig mein bist ; die Liebe ist eine endlose Wiederholung . - Ja , Heinrich , ich schwöre ewig dein zu seyn , bey der unsichtbaren Gegenwart meiner guten Mutter . - Ich schwöre ewig dein zu seyn , Mathilde , so wahr die Liebe die Gegenwart Gottes bey uns ist . Eine lange Umarmung , unzählige Küsse besiegelten den ewigen Bund des seligen Paars . Neuntes Kapitel Abends waren einige Gäste da ; der Großvater trank die Gesundheit des jungen Brautpaars , und versprach bald ein schönes Hochzeitfest auszurichten . Was hilft das lange Zaudern , sagte der Alte . Frühe Hochzeiten , lange Liebe . Ich habe immer gesehn , daß Ehen , die früh geschlossen wurden , am glücklichsten waren . In spätern Jahren ist gar keine solche Andacht mehr im Ehestande , als in der Jugend . Eine gemeinschaftlich genoßne Jugend ist ein unzerreißliches Band . Die Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe . Nach Tische kamen mehrere . Heinrich bat seinen neuen Vater um die Erfüllung seines Versprechens . Klingsohr sagte zu der Gesellschaft : Ich habe heute Heinrichen versprochen ein Mährchen zu erzählen . Wenn ihr es zufrieden seyd , so bin ich bereit . - Das ist ein kluger Einfall von Heinrich , sagte Schwaning . Ihr habt lange nichts von euch hören lassen . Alle setzten sich um das lodernde Feuer im Kamin . Heinrich saß dicht bey Mathilden , und schlang seinen Arm um sie . Klingsohr begann : Die lange Nacht war eben angegangen . Der alte Held schlug an seinen Schild , daß es weit umher in den öden Gassen der Stadt erklang . Er wiederholte das Zeichen dreymal . Da fingen die hohen bunten Fenster des Pallastes an von innen heraus helle zu werden , und ihre Figuren bewegten sich . Sie bewegten sich lebhafter , je stärker das röthliche Licht ward , das die Gassen zu erleuchten begann . Auch sah man allmählich die gewaltigen Säulen und Mauern selbst sich erhellen ; Endlich standen sie im reinsten , milchblauen Schimmer , und spielten mit den sanftesten Farben . Die ganze Gegend ward nun sichtbar , und der Wiederschein der Figuren , das Getümmel der Spieße , der Schwerdter , der Schilder , und der Helme , die sich nach hier und da erscheinenden Kronen , von allen Seiten neigten , und endlich wie diese verschwanden , und einem schlichten , grünen Kranze Plaz machten , um diesen her einen weiten Kreis schlossen : alles dies spiegelte sich in dem starren Meere , das den Berg umgab , auf dem die Stadt lag , und auch der ferne hohe Berggürtel , der sich rund um das Meer herzog , ward bis in die Mitte mit einem milden Abglanz überzogen . Man konnte nichts deutlich unterscheiden ; doch hörte man ein wunderliches Getöse herüber , wie aus einer fernen ungeheuren Werkstatt . Die Stadt erschien dagegen hell und klar . Ihre glatten , durchsichtigen Mauern warfen die schönen Strahlen zurück , und das vortreffliche Ebenmaaß , der edle Styl aller Gebäude , und ihre schöne Zusammenordnung kam zum Vorschein . Vor allen Fenstern standen zierliche Gefäße von Thon , voll der mannichfaltigsten Eis- und Schneeblumen , die auf das anmuthigste funkelten . Am herrlichsten nahm sich auf dem großen Platze vor dem Pallaste der Garten aus , der aus Metallbäumen und Krystallpflanzen bestand , und mit bunten Edelsteinblüthen und Früchten übersäet war . Die Mannichfaltigkeit und Zierlichkeit der Gestalten , und die Lebhaftigkeit der Lichter und Farben gewährten das herrlichste Schauspiel , dessen Pracht durch einen hohen Springquell in der Mitte des Gartens , der zu Eis erstarrt war , vollendet wurde . Der alte Held ging vor den Thoren des Pallastes langsam vorüber . Eine Stimme rief seinen Namen im Innern . Er lehnte sich an das Thor , das mit einem sanften Klange sich öffnete , und trat in den Saal . Seinen Schild hielt er vor die Augen . Hast du noch nichts entdeckt ? sagte die schöne Tochter Arcturs , mit klagender Stimme . Sie lag an seidnen Polstern auf einem Throne , der von einem großen Schwefelkrystall künstlich erbaut war , und einige Mädchen rieben ämsig ihre zarten Glieder , die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen . Nach allen Seiten strömte unter den Händen der Mädchen das reizende Licht von ihr aus , was den Pallast so wundersam erleuchtete . Ein duftender Wind wehte im Saale . Der Held schwieg . Laß mich deinen Schild berühren , sagte sie sanft . Er näherte sich dem Throne und betrat den köstlichen Teppich . Sie ergriff seine Hand , drückte sie mit Zärtlichkeit an ihren himmlischen Busen und rührte seinen Schild an . Seine Rüstung klang , und eine durchdringende Kraft beseelte seinen Körper . Seine Augen blitzten und das Herz pochte hörbar an den Panzer . Die schöne Freya schien heiterer , und das Licht ward brennender , das von ihr ausströmte . Der König kommt , rief ein prächtiger Vogel , der im Hintergrunde des Thrones saß . Die Dienerinnen legten eine himmelblaue Decke über die Prinzessin , die sie bis über den Busen bedeckte . Der Held senkte seinen Schild und sah nach der Kuppel hinauf , zu welcher zwey breite Treppen von beyden Seiten des Saals sich hinauf schlangen . Eine leise Musik ging dem Könige voran , der bald mit einem zahlreichen Gefolge in der Kuppel erschien und herunter kam . Der schöne Vogel entfaltete seine glänzenden Schwingen , bewegte sie sanft und sang , wie mit tausend Stimmen , dem Könige entgegen : Nicht lange wird der schöne Fremde säumen . Die Wärme naht , die Ewigkeit beginnt . Die Königin erwacht aus langen Träumen , Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt . Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen , Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt . In Freyas Schooß wird sich die Welt entzünden Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden . Der König umarmte seine Tochter mit Zärtlichkeit . Die Geister der Gestirne stellten sich um den Thron , und der Held nahm in der Reihe seinen Platz ein . Eine unzählige Menge Sterne füllten den Saal in zierlichen Gruppen . Die Dienerinnen brachten einen Tisch und ein Kästchen , worin eine Menge Blätter lagen , auf denen heilige tiefsinnige Zeichen standen , die aus lauter Sternbildern zusammengesetzt waren . Der König küßte ehrfurchtsvoll diese Blätter , mischte sie sorgfältig untereinander , und reichte seiner Tochter einige zu . Die andern behielt er für sich . Die Prinzessin zog sie nach der Reihe heraus und legte sie auf den Tisch , dann betrachtete der König die seinigen genau , und wählte mit vielem Nachdenken , ehe er eins dazu hinlegte . Zuweilen schien er gezwungen zu seyn , dies oder jenes Blatt zu wählen . Oft aber sah man ihm die Freude an , wenn er durch ein gutgetroffenes Blatt eine schöne Harmonie der Zeichen und Figuren legen konnte . Wie das Spiel anfing , sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten Theilnahme , und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden , gleichsam als hätte jeder ein unsichtbares Werkzeug in Händen , womit er eifrig arbeite . Zugleich ließ sich eine sanfte , aber tief bewegende Musik in der Luft hören , die von den im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen , und den übrigen sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien . Die Sterne schwangen sich , bald langsam bald schnell , in beständig veränderten Linien umher , und bildeten , nach dem Gange der Musik , die Figuren der Blätter auf das kunstreichste nach . Die Musik wechselte , wie die Bilder auf dem Tische , unaufhörlich , und so wunderlich und hart auch die Übergänge nicht selten waren , so schien doch nur Ein einfaches Thema das Ganze zu verbinden . Mit einer unglaublichen Leichtigkeit flogen die Sterne den Bildern nach . Sie waren bald alle in Einer großen Verschlingung , bald wieder in einzelne Haufen schön geordnet , bald zerstäubte der lange Zug , wie ein Strahl , in unzählige Funken , bald kam durch immer wachsende kleinere Kreise und Muster wieder Eine große , überraschende Figur zum Vorschein . Die bunten Gestalten in den Fenstern blieben während dieser Zeit ruhig stehen . Der Vogel bewegte unaufhörlich die Hülle seiner kostbaren Federn auf die mannichfaltigste Weise . Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschäft ämsig betrieben , als auf einmal der König voll Freuden ausrief : Es wird alles gut . Eisen , wirf du dein Schwerdt in die Welt , daß sie erfahren , wo der Friede ruht . Der Held riß das Schwerdt von der Hüfte , stellte es mit der Spitze gen Himmel , dann ergriff er es und warf es aus dem geöffneten Fenster über die Stadt und das Eismeer . Wie ein Komet flog es durch die Luft , und schien an dem Berggürtel mit hellem Klange zu zersplittern , denn es fiel in lauter Funken herunter . Zu der Zeit lag der schöne Knabe Eros in seiner Wiege und schlummerte sanft , während Ginnistan seine Amme die Wiege schaukelte und seiner Milchschwester Fabel die Brust reichte . Ihr buntes Halstuch hatte sie über die Wiege ausgebreitet , daß die hellbrennende Lampe , die der Schreiber vor sich stehen hatte , das Kind mit ihrem Scheine nicht beunruhigen möchte . Der Schreiber schrieb unverdrossen , sah sich nur zuweilen mürrisch nach den Kindern um , und schnitt der Amme finstere Gesichter , die ihn gutmüthig anlächelte und schwieg . Der Vater der Kinder ging immer ein und aus , indem er jedesmal die Kinder betrachtete und Ginnistan freundlich begrüßte . Er hatte unaufhörlich dem Schreiber etwas zu sagen . Dieser vernahm ihn genau , und wenn er es aufgezeichnet hatte , reichte er die Blätter einer edlen , göttergleichen Frau hin , die sich an einen Altar lehnte , auf welchem eine dunkle Schaale mit klarem Wasser stand , in welches sie mit heiterm Lächeln blickte . Sie tauchte die Blätter jedesmal hinein , und wenn sie bey ' m Herausziehn gewahr wurde , daß einige Schriften stehen geblieben und glänzend geworden war , so gab sie das Blatt dem Schreiber zurück , der es in ein großes Buch heftete , und oft verdrießlich zu seyn schien , wenn seine Mühe vergeblich gewesen und alles ausgelöscht war . Die Frau wandte sich zu Zeiten gegen Ginnistan und die Kinder , tauchte den Finger in die Schaale , und sprützte einige Tropfen auf sie hin , die , sobald sie die Amme , das Kind , oder die Wiege berührten , in einen blauen Dunst zerrannen , der tausend seltsame Bilder zeigte , und beständig um sie herzog und sich veränderte . Traf einer davon zufällig auf den Schreiber , so fielen eine Menge Zahlen und geometrische Figuren nieder , die er mit vieler Ämsigkeit auf einen Faden zog , und sich zum Zierrath um den magern Hals hing . Die Mutter des Knaben , die wie die Anmuth und Lieblichkeit selbst aussah , kam oft herein . Sie schien beständig beschäftigt , und trug immer irgend ein Stück Hausgeräthe mit sich hinaus : bemerkte es der argwöhnische und mit spähenden Blicken sie verfolgende Schreiber , so begann er eine lange Strafrede , auf die aber kein Mensch achtete . Alle schienen seiner unnützen Widerreden gewohnt . Die Mutter gab auf einige Augenblicke der kleinen Fabel die Brust ; aber bald ward sie wieder abgerufen , und dann nahm Ginnistan das Kind zurück , das an ihr lieber zu trinken schien . Auf einmal brachte der Vater ein zartes eisernes Stäbchen herein , das er im Hofe gefunden hatte . Der Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum , und brachte bald heraus , daß es sich von selbst , in der Mitte an einem Faden aufgehängt , nach Norden drehe . Ginnistan nahm es auch in die Hand , bog es , drückte es , hauchte es an , und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben , die sich nun plötzlich in den Schwanz biß . Der Schreiber ward bald des Betrachtens überdrüßig . Er schrieb alles genau auf , und war sehr weitläuftig über den Nutzen , den dieser Fund gewähren könne . Wie ärgerlich war er aber , als sein ganzes Schreibwerk die Probe nicht bestand , und das Papier weiß aus der Schaale hervorkam . Die Amme spielte fort . Zuweilen berührte sie die Wiege damit , da fing der Knabe an wach zu werden , schlug die Decke zurück , hielt die eine Hand gegen das Licht , und langte mit der Andern nach der Schlange . Wie er sie erhielt , sprang er rüstig , daß Ginnistan erschrak , und der Schreiber beynah vor Entsetzen vom Stuhle fiel , aus der Wiege , stand , nur von seinen langen goldernen Haaren bedeckt , im Zimmer , und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod , das sich in seinen Händen nach Norden ausstreckte , und ihn heftig im Innern zu bewegen schien . Zusehends wuchs er . Sophie , sagte er mit rührender Stimme zu der Frau , laß mich aus der Schaale trinken . Sie reichte sie ihm ohne Anstand , und er konnte nicht aufhören zu trinken , indem die Schaale sich immer voll zu erhalten schien . Endlich gab er sie zurück , indem er die edle Frau innig umarmte . Er herzte Ginnistan , und bat sie um das bunte Tuch , das er sich anständig um die Hüften band . Die kleine Fabel nahm er auf den Arm . Sie schien unendliches Wohlgefallen an ihm zu haben , und fing zu plaudern an . Ginnistan machte sich viel um ihn zu schaffen . Sie sah äußerst reizend und leichtfertig aus , und drückte ihn mit der Innigkeit einer Braut an sich . Sie zog ihn mit heimlichen Worten nach der Kammerthür , aber Sophie winkte ernsthaft und deutete nach der Schlange ; da kam die Mutter herein , auf die er sogleich zuflog und sie mit heißen Thränen bewillkommte . Der Schreiber war ingrimmig fortgegangen . Der Vater trat herein , und wie er Mutter und Sohn in stiller Umarmung sah , trat er hinter ihren Rücken zur reitzenden Ginnistan , und liebkoste ihr . Sophie stieg die Treppe hinauf . Die kleine Fabel nahm die Feder des Schreibers und fing zu schreiben an . Mutter und Sohn vertieften sich in ein leises Gespräch , und der Vater schlich sich mit Ginnistan in die Kammer , um sich von den Geschäften des Tags in ihren Armen zu erholen . Nach geraumer Zeit kam Sophie zurück . Der Schreiber trat herein . Der Vater kam aus der Kammer und ging an seine Geschäfte . Ginnistan kam mit glühenden Wangen zurück . Der Schreiber jagte die kleine Fabel mit vielen Schmähungen von seinem Sitze , und hatte einige Zeit nöthig seine Sachen in Ordnung zu bringen . Er reichte Sophien die von Fabel vollgeschriebenen Blätter , um sie rein zurück zu erhalten , gerieth aber bald in den äußersten Unwillen , wie Sophie die Schrift völlig glänzend und unversehrt aus der Schaale zog und sie ihm hinlegte . Fabel schmiegte sich an ihre Mutter , die sie an die Brust nahm , und das Zimmer aufputzte , die Fenster öffnete , frische Luft hereinließ und Zubereitungen zu einem köstlichen Mahle machte . Man sah durch die Fenster die herrlichsten Aussichten und einen heitern Himmel über die Erde gespannt . Auf dem Hofe war der Vater in voller Thätigkeit . Wenn er müde war , sah er hinauf ans Fenster , wo Ginnistan stand , und ihm allerhand Näschereien herunterwarf . Die Mutter und der Sohn gingen hinaus , um überall zu helfen und den gefaßten Entschluß vorzubereiten . Der Schreiber rührte die Feder , und machte immer eine Fratze , wenn er genöthigt war , Ginnistan um etwas zu fragen , die ein sehr gutes Gedächtniß hatte , und alles behielt , was sich zutrug . Eros kam bald in schöner Rüstung , um die das bunte Tuch wie eine Schärpe gebunden war , zurück , und bat Sophie um Rath , wann und wie er seine Reise antreten solle . Der Schreiber war vorlaut , und wollte gleich mit einem ausführlichen Reiseplan dienen , aber seine Vorschläge wurden überhört . Du kannst sogleich reisen ; Ginnistan mag dich begleiten , sagte Sophie ; sie weiß mit den Wegen Bescheid , und ist überall gut bekannt . Sie wird die Gestalt deiner Mutter annehmen , um dich nicht in Versuchung zu führen . Findest du den König , so denke an mich ; dann komme ich um dir zu helfen . Ginnistan tauschte ihre Gestalt mit der Mutter , worüber der Vater sehr vergnügt zu seyn schien ; der Schreiber freute sich , daß die beiden fortgingen ; besonders da ihm Ginnistan ihr Taschenbuch zum Abschiede schenkte , worin die Chronik des Hauses umständlich aufgezeichnet war ; nur blieb ihm die kleine Fabel ein Dorn im Auge , und er hätte , um seiner Ruhe und Zufriedenheit willen , nichts mehr gewünscht , als daß auch sie unter der Zahl der Abreisenden seyn möchte . Sophie segnete die Niederknieenden ein , und gab ihnen ein Gefäß voll Wasser aus der Schaale mit ; die Mutter war sehr bekümmert . Die kleine Fabel wäre gern mitgegangen , und der Vater war zu sehr außer dem Hause beschäftigt , als daß er lebhaften Antheil hätte nehmen sollen . Es war Nacht , wie sie abreisten , und der Mond stand hoch am Himmel . Lieber Eros , sagte Ginnistan , wir müssen eilen , daß wir zu meinem Vater kommen , der mich lange nicht gesehn und so sehnsuchtsvoll mich überall auf der Erde gesucht hat . Siehst du wohl sein bleiches abgehärmtes Gesicht ? Dein Zeugniß wird mich ihm in der fremden Gestalt kenntlich machen . Die Liebe ging auf dunkler Bahn Vom Monde nur erblickt , Das Schattenreich war aufgethan Und seltsam aufgeschmückt . * Ein blauer Dunst umschwebte sie Mit einem goldnen Rand , Und eilig zog die Fantasie Sie über Strom und Land . * Es hob sich ihre volle Brust In wunderbarem Muth ; Ein Vorgefühl der künft ' gen Lust Besprach die wilde Glut . * Die Sehnsucht klagt ' und wußt ' es nicht , Daß Liebe näher kam , Und tiefer grub in ihr Gesicht Sich hoffnungsloser Gram . * Die kleine Schlange blieb getreu : Sie wies nach Norden hin , Und beyde folgten sorgenfrey Der schönen Führerin . * Die Liebe ging durch Wüsteneyn Und durch der Wolken Land , Trat in den Hof des Mondes ein Die Tochter an der Hand . Er saß auf seinem Silberthron , Allein mit seinem Harm ; Da hört ' er seines Kindes Ton , Und sank in ihren Arm . * Eros stand gerührt bey den zärtlichen Umarmungen . Endlich sammelte sich der alte erschütterte Mann , und bewillkommte seinen Gast . Er ergriff sein großes Horn und stieß mit voller Macht hinein . Ein gewaltiger Ruf dröhnte durch die uralte Burg . Die spitzen Thürme mit ihren glänzenden Knöpfen und die tiefen schwarzen Dächer schwankten . Die Burg stand still , denn sie war auf das Gebirge jenseits des Meers gekommen . Von allen Seiten strömten seine Diener herzu , deren seltsame Gestalten und Trachten Ginnistan unendlich ergötzten , und den tapfern Eros nicht erschreckten . Erstere grüßte ihre alten Bekannten , und alle erschienen vor ihr mit neuer Stärke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen . Der ungestüme Geist der Flut folgte der sanften Ebbe . Die alten Orkane legten sich an die klopfende Brust der heißen leidenschaftlichen Erdbeben . Die zärtlichen Regenschauer sahen sich nach dem bunten Bogen um , der von der Sonne , die ihn mehr anzieht , entfernt , bleich da stand . Der rauhe Donner schalt über die Thorheiten der Blitze , hinter den unzähligen Wolken hervor , die mit tausend Reizen dastanden und die feurigen Jünglinge lockten . Die beyden lieblichen Schwestern , Morgen und Abend , freuten sich vorzüglich über die beyden Ankömmlinge . Sie weinten sanfte Thränen in ihren Umarmungen . Unbeschreiblich war der Anblick dieses wunderlichen Hofstaats . Der alte König konnte sich an seiner Tochter nicht satt sehen . Sie fühlte sich zehnfach glücklich in ihrer väterlichen Burg , und ward nicht müde die bekannten Wunder und Seltenheiten zu beschauen . Ihre Freude war ganz unbeschreiblich , als ihr der König den Schlüssel zur Schatzkammer und die Erlaubniß gab , ein Schauspiel für Eros darin zu veranstalten , das ihn so lange unterhalten könnte , bis das Zeichen des Aufbruchs gegeben würde . Die Schatzkammer war ein großer Garten , dessen Mannichfaltigkeit und Reichthum alle Beschreibung übertraf . Zwischen den ungeheuren Wetterbäumen lagen unzählige Luftschlösser von überraschender Bauart , eins immer köstlicher , als das Andere . Große Heerden von Schäfchen , mit silberweißer , goldner und rosenfarbner Wolle irrten umher , und die sonderbarsten Thiere belebten den Hayn . Merkwürdige Bilder standen hie und da , und die festlichen Aufzüge , die seltsamen Wagen , die überall zum Vorschein kamen , beschäftigten die Aufmerksamkeit unaufhörlich . Die Beete standen voll der buntesten Blumen . Die Gebäude waren gehäuft voll von Waffen aller Art , voll der schönsten Teppiche , Tapeten , Vorhänge , Trinkgeschirre und aller Arten von Geräthen und Werkzeugen , in unübersehlichen Reihen . Auf einer Anhöhe erblickten sie ein