Zeit wo du mir gehörst , gehörst du mir ganz . Kein Laufen , kein Gaffen ! das sage ich dir ! - Ich binde mich ; aber auch du bist gebunden . Hältst du nicht Wort ; so ziehst du weiter . Aber die Kinder bleiben mir , oder aus der ganzen Sache wird nichts . « Du merkst wohl , daß ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe . Ist er damit zufrieden , dann mag er nach den ersten fünf Jahren schon weiter ziehen , und den größten Theil meiner Reichthümer mitnehmen . Ich bleibe doch reicher als er . Ob er aber dabey glücklich seyn wird ? - O ja ! wenn er vernünftig ist , warum nicht ? - Ich würde für ihn braten und kochen , ihn warten und pflegen und alles , was mir an Freuden bekannt wäre in unserm Hause versammlen . Aber , die Kinder gehören mir ! damit wecke ich ihn des Morgens , und die Kinder gehören mir ! wiederhole ich ihm des Abends , und wenn er das nicht vertragen kann ; so zieht er weiter ; oder zieht gar nicht , weil er nicht kommt . Nichts von Inconsequenz ! die gewöhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so sehr wie vormals . Es ist mir unbegreiflich , warum sich die Leute schlechterdings auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen . Was wäre denn nun dabey verlohren ? wenn sie alle vier , oder fünf Jahre gesetzmäßig erinnert würden ; wie viel große Ränke des Bräutigams und viel kleine der Braut erfoderlich waren , um des heiligen Joches würdig erachtet zu werden . Nein ! nein ! auf kurze Zeit wenigstens müßten sie getrennt , und ohne feyerliche Erklärung nicht wieder verbunden werden . Denke Dir ! alle fünf Jahre eine neue Hochzeit ! Welch ein Familienfest ! Väter , Mütter , Kinder , Gesinde , alles würde jauchzen , und jede eheliche Frau würde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zählen . Sage nur , warum sind die Menschen nicht längst auf diesen Einfall gekommen ? Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben ? Bewillkommen sich mit Gähnen Morgens und Abends , und denken auf kein Mittel zur Rettung . Leb wohl ! Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts ; die Zeit wird schon antworten . Ein und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Sie ist in Sicherheit , und ich fange an ruhiger zu athmen . Ach wie ist hier alles verwandelt ! - Nachtigallen sind erwacht , Blumen entfaltet , köstliche Früchte zu tausenden gereift ! Wohin sie kommt , da blüht ein Paradies ihr entgegen . Lächelnd schwebte sie über die Zugbrücke und die Ketten bewegten sich nicht . Nur unter mir fiengen sie an zu rasseln . Sie wandte sich um ; aber das himmlische Lächeln blieb auf dem Engelgesichte . Nein ! nein ! ich habe sie nicht unglücklich gemacht ! Ach Du hast Recht ! unter Ketten ist sie frey , und ich bin der Gefangene . Aber Geduld ! - sagt Wilhelmine . - Ich fange an mich mit ihr auszusöhnen . Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges geleitet . Geduld ! aber kein Predigen ! kein Vorschreiben ! - Was ich thue , muß aus eigner freyer Entschließung geschehen ; nicht , weil es Andern so beliebt , weil es Andre für das Beste erkennen . Euer Einreden , Euer Tadeln , Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrinth geführt . Hättet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen ; es wäre jetzt leichter um mich her . Ich hätte früher gewußt , was ich sollte . Habe ich kein menschliches Herz ? Bin ich ein Tyrann , ein Barbar ? Ich fühle tiefer , lebhafter wie Ihr , mein Vater war einige hundert Meilen südlicher gebohren ; daher kommt alles . Gebt mir Euer nordisches Blut , und ich werde sie nicht einschließen , ich werde nicht wissen , was ein Blick , ein Händedruck bedeutet , woher er kommt , und wohin er führt . Ihr Eismassen wißt ja nur von Hörensagen , was Leidenschaft ist ! Thauet erst auf an einem südlichen Strahle , und dann richtet über südliche Naturen . Ich gehe , ich verlasse sie . Sie , sie ! - Nennt Ihr das nichts ? Opfre ich nicht jetzt schon mein Wohlseyn einem höhern Zwecke ? - Wer darf mir ein Ziel stecken ? Wer darf sagen : » bis hieher und nicht weiter ? « - Darum zähmet Euch , und redet mir nicht ein . Der Sclave ist frey , sobald er es seyn will . Zwey und vierzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Ihr Brief , meine theure Freundin , ist so richtig besorgt , als er besorgt werden konnte . Das heißt : er ist durch des Generals Hände gegangen . Ein anderes Mittel giebt es jetzt nicht . Heimliche Wege , Bestechungen , das mag für andre Leute gut seyn ; für uns ist dergleichen nicht gemacht . Ihr Brief war offen , und so ist er geblieben . Der General hat ihn gelesen , und das kann Ihnen sehr gleichgültig seyn . Doch nein ! nicht so ganz gleichgültig . Sie haben ihn - dies sind seine Worte - auf etwas sehr Wichtiges geleitet . Auf was ? - Die Zeit wird es ja lehren . Mehr als jemals kämpft er mit sich selbst . Das ist gewiß . Aber wie dieser Kampf endigen wird ? - wer kann es bestimmen ! - Auf mich - ich gestehe es - wirkt das alles ganz sonderbar . Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas Entscheidendes für mich zu wagen . » Ein sorgenloseres , bequemeres Amt - sagen meine Freunde - Späterhin brauchst Du mehr Ruhe . « Aber mir ist wie einem Landmanne , über dessen Saaten ein schweres Gewitter aufsteigt . Man spricht von der nahen , gesegneten Ärndte . » Verbeßre dein Haus ! Erweitre die Scheuren ! « - ruft man ihm zu . - Aber sein Ohr ist verschlossen , sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke . Trifft sie die Saaten ; was bedarf er der Scheuren ? - Drey und vierzigster Brief Julie an Wilhelmine Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst , meine theure geliebte Freundin ; aber mich dünkt Du bist auf dem Wege dazu . Wohl mir ! meine Wilhelmine wird glücklich seyn ! was habe ich dann noch zu wünschen ? Wie sehr hast Du Recht , mir nichts auf mein Geschwätz zu antworten . Es war ein Fiebergeschwätz . Gott Lob ! jetzt bin ich genesen . Der König kommt nach R .... Mein Mann fürchtete mit Recht , mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen , und brachte mich hieher . Julianens Ruh , nennt er diese liebliche Einsiedeley . Macht es der Nahme ; oder was ist es sonst ? aber in der That , ich bin hier ruhiger . Dort war mir als fehlte ich mir selbst ; hier habe ich mich wieder . Zwar ist alles fremd was mich umgiebt . Anna ist fortgeschickt , und ein andres , sehr junges , aber , wie mich dünkt , unschuldiges Mädchen , hat ihre Stelle bekommen . Ein offenbarer Gewinnst für mich . Anna schien mit ein äußerst verderbtes Geschöpf , und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand , konnte ich sie dulden . Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie , durch ihre schreckliche Demuth , beynahe unmöglich , in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen . Meine Bitten scheinen ihr immer Befehle . Zitternd und zagend , als ob das Richtschwerdt sie verfolgte , lauscht sie auf meine Worte , und hat vor Angst immer die Hälfte vergessen . Auch den andern Mädchen geht es nicht besser . Nur Meister Ubaldo , der Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen . Im Gegentheil bedarf er aller seiner Feinheit , und wirklich angenehmen Gesprächigkeit , um selbst nicht ein wenig schrecklich zu werden . Mir schien er es nur ein paar Stunden . Jetzt sind wir die besten Freunde von der Welt . Ich muß mich noch gar in Acht nehmen ; sonst werde ich in der That sein verzogenes Kind . Nichts ist ihm gut genug , wenn es für Donna Julia seyn soll , und darum macht er freywillig Koch , Kellermeister und Gärtner . Schönere Blumen und Früchte erinnere ich mich nicht gesehen zu haben . Zu meiner kleinen Tafel könnte ich Fürsten einladen . Nur Schade , daß ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es wünscht . Den Teller in der Hand steht er mir gegenüber und lauscht mit Ängstlichkeit : ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde . Lobe ich dann die gute Auswahl , die treffliche Zubereitung ; so werden meine Hände , meine Kleider mit Küssen bedeckt , und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu bekommen . Noch ärger treibt er es , wenn er meinen Flügel , oder meine Stimme hört . Aber leider versteht er keine Note ; sonst würde er bey seinem zum Erstaunen richtigen Gefühle , ein sehr angenehmer Begleiter für mich werden . Sonst läßt er sich freylich das Begleiten sehr angelegen seyn . Nur seitdem ich ihn gebeten habe , kann ich allein in den Garten gehen . Es scheint ihm trotz seines Mißtrauens ; oder , wie ich es jetzt lieber nennen mögte - trotz seiner Anhänglichkeit , unmöglich , mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen . Und so führe ich dann hier ein sonderbares , beynahe ätherisches Leben . Ich habe angefangen Kräuter und Blumen zu sammlen , Ein unaussprechlich belohnendes Geschäft . Ich glaube es könnte Götter und Menschenfeinde zähmen . Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die köstlichen Blumen , nur so weit ich sie erreichen kann , sammle , die ganze Pracht dann über mein weißes Kleid verbreite , sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen Mannigfaltigkeit und Schönheit . O nein ! ich bin nicht allein , bin nicht verlassen ! Allenthalben finde ich die große , gütige Mutter . Im Hauche des Frühlings , im Gesange der Nachtigall , im Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir . Mit Empfindungen , mit Gedanken , mit Tönen , die sie mir gab , darf ich ihr antworten . O ich unaussprechlich Glückliche ! in meinem Herzen ist Friede . Wohl habe ich gefehlt , vielleicht meine Wilhelmine betrübt . - Aber wenn es nicht Selbstsucht , nicht Leidenschaft , wenn es nur Schwäche und Irrthum war , hatte ich dann Strafe verdient ? - Nein ! nein ! auch meine Wilhelmine wird mir vergeben , und dann bedarf ich keinen andern Himmel , als den ich schon habe . Welche reine köstliche Luft ich hier athme ! R .... ist schön ; aber es liegt zu tief . Oft wiederholte ich es mir , meine Schwermuth hätte keinen andern Grund . Aber das Herz überwand die Vernunft . Immer sollte noch etwas anderes , wunderbares , übersinnliches auf mich wirken . - Mein Vater erzählte von einem Manne , der ein äußerst angenehmer Gesellschafter war , aber oft durch sich selbst , mitten im fröhlichsten Scherze unterbrochen wurde . Bleich , verstört , beynahe ohnmächtig sank er dann zurück , verschüttete den köstlichen Wein und hörte nicht mehr das Rufen der fröhlichen Brüder . » Er dachte an mich ! « - war dann seine ganze Entschuldigung . Ein Freund von ihm war nämlich in türkische Gefangenschaft gerathen , und erzählte wirklich mehrere Jahre nachher : daß er durch mannigfaltige Arbeiten am Tage zerstreut , nur des Abends , aber dann mit unbeschreiblicher Sehnsucht , seiner gedacht habe . So liebste Wilhelmine war mir in R ... » Laß ab ! laß ab ! « - rief manchmal der Freund des türkischen Gefangenen . Laß ab ! Laß ab ! meine Wilhelmine ! hätte auch ich manchmal rufen mögen . Aber , nicht wahr ? jetzt denkst Du ruhiger an mich ? ziehst mich nicht mehr so schmerzhaft zu Dir hinüber ? - Ja ! ich fühle es an meinem erleichterten Herzen , wir sehen uns wieder meine Wilhelmine ! wir sehen uns wieder ! Vier und vierzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Ob der General meinen Brief gelesen hat - ja wohl ! mir einerley ! Nur Schade , daß er nicht ein wenig mehr für ihn eingerichtet war . Will es mir merken . Ist er so sehr für diese heimlichen Näschereyen ; wie viel heilsame Pülverchen lassen sich da beybringen . - Ob er aber auch Juliens Antworten liest ? Das wäre nun freilich eine ganz eigne Sache . - Hier zum Beyspiel , sehen Sie einmal diese Briefe . Wie mögen ihm wohl die Träume , wie mag ihm wohl das Laß ab ! laß ab ! gefallen ? - Ob er es auch , wie Julie , auf mich ; oder was ein wenig natürlicher wäre , auf gewisse Bergbewohner1 deutet ? - Seit der plötzlichen Abreise mögen ihm diese Leute wohl ziemlich zu schaffen machen . In der Angst scheint er sie ganz vergessen zu haben . Ja ! ja ! da herum stehn die Saaten verzweifelt schlecht . Noch ein wenig schlechter als ich es vor geraumer Zeit verkündigte . Bey andern Orakeln dankt man dem Himmel , wenn sie nur so halb und halb erfüllet werden . Bey den meinigen giebt es immer ein gerütteltes und geschütteltes Maaß . Finde ich nur erst einen bequemen Ort ; der Dreyfuß und die Pythia ist fertig . Dann können Sie sich wegen der Häuser und Scheuren gerade an mich wenden . Mit , und ohne Wetterwolken ; ich prophezeihe frisch aus dem Stegreife . Fünf und vierzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Die Prophetin scheint , wie alle übermenschliche Wesen , schwächliche Empfindungen und besonders das Mitleid zu verachten . Aber übermenschlich oder nicht ; man ist nicht immer sicher vor dem was man verachtet . Unsrer Prophetin geht es vielleicht trotz aller Schadenfreude - wie Uneingeweihte es nennen mögten - nicht besser . Die Wetterwolken sind ihr sehr wahrscheinlich noch fürchterlicher als mir . Ohne Bilder ! Meine Freundin scheint sie nicht zu lieben . Hier sind die Briefe zurück . Wenn ich Ihnen dafür danke ; so danke ich für Schmerz und Freude zugleich . Beydes habe ich im hohen Grade empfunden . Ich begreife , ich entschuldige jetzt alles . Ja für dieses himmlische Herz giebt es freylich keinen Ersatz . Der Erste , der Einzige darin seyn wollen ; ach es ist ein schöner , es ist ein sehr menschlicher Wunsch ! Wäre ich an Oliviers Stelle , wer wüßte wozu er mich bringen könnte . - Wahrscheinlich zu Vielem , was ich tadeln und doch nicht unterlassen würde . Meister Ubaldo hat mir ein Lächeln abgezwungen . Armer Olivier ; wofern Deine Oberaufseher nicht blind und taub sind ; so steht es sehr schlimm mit der Aufsicht . Sechs und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Der König mag bald kommen ; sonst muß er sich andre Wirthe suchen . Ob er glaubt , ich könne mich nicht losreißen ? Mehr als einmal habe ich ihm den Dienst aufgekündigt . Immer hat er mich durch allerley Ränke wieder hineingezogen . Hätte ich nur meine Güther verkauft , noch morgen gienge ich aus dem verwünschten Lande . Das allein hält mich zurück . Nicht die abgeschmackte Puppe , der Ruhm , womit er mich vormals gelockt hat . Von ihr verlassen , bin ich nun dem Wahnsinn des unbändigen jungen Menschen ausgesetzt . An ihm sehe ich , was aus mir werden würde , wenn ich sie nicht mehr hätte . Erklären soll ich ihm : wie diese Trennung möglich war ? - entdecken soll ich : wo sie ist ? Er will sie nicht sehen ; aber bewachen , beschützen will er sie . » Von uns entfernt , droht ihr Gefahr . Der König , tausend Andre können sie rauben . Sie ist schon geraubt , und ich , ich habe es zu verantworten . « - » Was kümmert mich der Dienst und der König ! - rief er - Mögt Ihr doch Standrecht über mich halten ! Ich gehe davon und suche sie auf ! « Kein andrer Rath ; ich mußte ihn arretiren lassen . Es hat mich Überwindung gekostet ; aber bis der König da ist , muß es so bleiben . Bin ich etwa glücklicher ? - Um den leisesten Verdacht zu entfernen , habe ich seit acht Tagen jeder Nachricht von ihr entsagt . Meine Vertrautesten ahnen nicht wo sie ist , und sollen es nicht ahnen . So wie ich sie nicht sehe , bekomme ich meine Festigkeit wieder , bin hart wo ich es seyn muß , und gefaßt mit dem Schicksale in die Schranken zu treten ; falle auf dem Wege Freund , oder Feind . Und so muß es auch seyn . Auf welche Weise ich sie erworben haben mögte ; sie ist mein Eigenthum . Wer sich daran wagt , mag es mit mir versuchen . Sieben und vierzigster Brief Wilhelmine an Julie Ich habe sie gesehen . Das war eine Freude ! - Ich dachte sie mir - warum weiß ich selbst nicht - wie ein altes kraftloses Mütterchen , und fand eine angenehme , lebhafte aber freylich , trotz den Spuren großer Schönheit , nicht auf nordische Art , roth und weiß blühende Frau . Im vierzehnten Jahre wurde sie verheyrathet , Antonelli ist drey und zwanzig ; jetzt kannst Du zusammen rechnen . Sie hat Dein Gemählde , und betet alle Tage für Dich . Eine Deutsche kannst Du nicht seyn ; das ist ihr nicht auszureden . Schon mehr als ein paar Dutzend Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen . Von der Einen hast Du die Stirn , von der Andern die Augen , von der Dritten , Vierten , Fünften , die Nase , den Mund , das Kinn u.s.w. Wohl bemerkt ! unter diesen Allen keine Einzige Deutsche . - Ohne Zweifel aber sämmtlich Deine Frau Muhmen , Basen , Urgroßmütter im hundert und funfzigsten , sechzigsten Gliede . - Ach Gott ! wer sich doch auch einer solchen Familie rühmen könnte ! Ja , hat es mich jemals geschmerzt , aus keinem heiligen Blute entsprossen zu seyn ; so ist es gerade jetzt . In allem könnte ich mit dieser liebenswürdigen Frau sympathisiren ; nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen . Gott weiß wie es zugeht ! - Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges . - Nennt alle Dinge bey ihren Nahmen , liebt und haßt so südlich , so unheilig wie möglich . Allen Rosenkränzen und Heiligenbildern unbeschadet . Indessen ist doch die Glückseeligkeit dieser Auserwählten nicht ohne Wechsel . Auch sie haben ihre Sonnen- und Regentage . Ja manchmal könnten sie den ersten , besten Unheiligen beneiden . Signora Antonelli ' s Schutzpatron , hat es zwar , im Ganzen genommen , recht gut . Aber ich weiß mich gleichwohl der Zeiten zu erinnern , wo er , statt vier Wachskerzen nur zwey , ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange bitten ließ , wohl gar keine erhielt . Die Schutzpatrone der Köche , Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer . Stöße , Schläge , die ärgsten Schimpfnahmen müssen sie sich gefallen lassen , wenn sie die Bitten ihrer Gläubigen vergessen , oder zu saumseelig erfüllen . Bey dem allen hat aber ein solcher Schutzgott für den Besitzer sehr viel Angenehmes . Ich wenigstens lasse mir einen machen , und zwar nach dem Modelle eines jungen Bauers hier in der Nähe . Jeden Abend trägt er seine alte Mutter in die Kühle , unter ein Laubdach , was er gerade meinem Fenster gegenüber aufgeschlagen hat . Die Art , wie er ihr Lager bereitet , die Zweige an einander fügt , Blumen und Früchte herbeyholt , giebt ihm wirklich etwas Heiliges . Letzt , als er sie wieder hinaus trug , hatte er zu gleicher Zeit die Früchte mitgenommen ; aber plötzlich stieß er an einen Stein und da lag der Korb und die Früchte . Geschwinde lief ich hinunter , sammelte sie wieder in den Korb und brachte sie ihm entgegen . Er nahm sie , sah mich an , konnte mir nichts sagen , ich ihm auch nicht , und so giengen wir langsam von einander . Als er nun den folgenden Tag wiederkam , fand er schon ein recht hübsches Sopha in der Laube und noch schönere Früchte als die seinigen . Er blickte nach meinem Fenster , legte die Hand aufs Herz und grüßte mich auf eine Art - ja , die sich recht gut sehen , aber nicht beschreiben läßt . Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache . Mir gefällt sie so wohl , daß ich den Augenblick fürchte , wo sie sich in Worte verwandeln wird . Auch suche ich ihn so viel als möglich zu entfernen . Aber unterdessen der junge Heilige draußen mit seiner Mutter beschäftigt war , bin ich in ihrer Wohnung gewesen , und habe mir da verschiedenes gemerkt , was die arme , kranke Frau entbehrte . Jedesmal nun , wenn er ins Haus tritt , findet er irgend etwas neues . Da kommt er dann gelaufen und peinigt meine Leute : » Sie sollen ihn vorlassen ! Es wird zu viel - Er kann es nicht tragen « u.s.w. - Aber da bin ich nun hart , meine Leute dürfen nicht wanken , und er muß mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zurück . Nun , wie gefällt Dir mein Heiliger ? - Soll ich Dir eine Kopey machen lassen ? oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben ? Er gleicht ihrem Sohne , wie ein Tropfen Wasser dem andern . Acht und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Der König ist hier , und Antonelli ist fort . Kaum war er des Arrests entlassen und dem Könige vorgestellt ; so bat er um seinen Abschied . Bat ? sage ich - trotzte , und zwar so arg ; daß ihn der König in völligem Unwillen entließ . Er findet sie nicht , das ist gewiß ; und doch bin ich auf der Folter . Durch einige absichtliche Nachlässigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten gesucht . Er findet sie nicht , er kann sie nicht finden . Auch ist Ubaldo eben so behutsam , ja noch behutsamer , als ich . Volle acht , ja vielleicht zwölf , vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so dulden . Muß täglich auf neue Feste und andere Spielereyen denken . Die herrliche Frau , die Königin , ist noch das Einzige was mich tröstet . Scheinbar glaubt sie alles , was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzähle ; aber fühlt sie , daß es meinem gepreßten Herzen Noth thut , verstanden zu werden , - o so versteht , so theilt sie alles , was ich ihr nimmermehr sagen mögte . Die Gewalt dieser Frau über sich selbst , geht in das Unbegreifliche . Nach allen Schrecklichkeiten die sie erleben mußte , mit welcher Schonung sie ihn behandelt ! Nein ! ich war ein roher , verwahrloster Mensch ; aber so vieler Liebe , so vieler Geistesgröße könnte ich nicht widerstehn . Freylich , es ist wahr , diese außerordentliche Klugheit - ich könnte sie doch nicht an der Einzigen ertragen . Ach die hohe göttliche Einfalt ihres Herzens ! beynahe glaube ich : sie ist mir noch reizender , als ihre Schönheit . - Sich selbst kann sie täuschen ; Andre nimmermehr . Nein ! nein ! wenn ich ihr jemals untreu würde ; mögte sie mich dann verabscheuen , mich verstoßen : ich wollte es lieber , als diese Schonung . Auch kann es der König nicht bergen , wie klein er sich fühlt , in der Nähe dieser wahrhaft großen Frau . Denn groß ist sie ; mangelt ihr auch die unendliche Liebenswürdigkeit der Einzigen . Ach meiner Einzigen - Ich Überglücklicher ! ist es möglich daß ich sie besitze ? daß sie mein bleiben wird ? - Ich darf dem Gedanken nicht nachhängen ! Todesangst überfällt mich . - Nein ! nein ! er wird , er kann sie nicht finden ! Neun und vierzigster Brief Reinhold an Wilhelmine Diesen Brief , bestes Fräulein ! ich kann ihn wahrlich nicht abschicken . Wozu die Anspielung auf Antonelli ? - Glauben Sie , mein unglücklicher Freund leide ohnehin nicht genug ? - Er würde den Brief zurückbehalten , und wahrscheinlich thäte ich an seiner Stelle dasselbe . Wir können ja nicht bessern , warum sollen wir verschlimmern ? Wenn die Erbitterung des Generals aufs höchste steigt ; wird Ihre Freundin dann glücklicher ? - Ich bitte Sie das zu bedenken , und Juliens Ruhe nicht Ihrem Unwillen zu opfern . Gerecht , oder ungerecht ; darauf kommt es ja nicht mehr an . Noch einmal ! wir können nicht bessern , warum wollen wir verschlimmern ? - Nein , mag Fräulein Wilhelmine den langweiligen Prediger auch schelten - wahrlich sie ist ein wenig zu muthwillig . Die Heiligenbilder gebe ich ihr preis ; aber meine Freunde sollte sie schonen . Ich glaube sogar , es bedürfe dazu keiner andern Ursach , als daß sie meine Freunde sind . Sie versicherte mich einst ihrer Achtung - muß ich nun glauben , sie habe meiner gespottet . Funfzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Sie schicken meinen Brief zurück ? - Gut ! ich werde mir schon helfen . - Sie klagen über Muthwillen ? Der Ernst gefällt Ihnen besser . O wie Sie wollen ! ich kann auch ernsthaft seyn . Und so sage ich Ihnen denn : daß ich Sie sehr ernsthaft schätze , daß ich aber die Gefangenschaft meiner Freundin - nennen sie es anders , wenn sie können - mit allem Unwillen , dessen ich fähig bin , verabscheue . Sind es Ihre Freunde , die mein Liebstes auf der Welt so schändlich mißhandeln ; da bedauere ich Sie um dieser Freunde willen . Aber billiger Weise könnte ich nun auch einmal fragen : warum es Ihnen denn gar nicht einfällt mich zu bedauern ? - Weil ich muthwillig bin ? Also haben Sie noch nicht gehört , daß oft der tiefste Schmerz sich hinter Muthwillen versteckt ? Doch mein Muthwille und meine Geduld ist zu Ende . Ich werde andre Maaßregeln ergreifen , und glaube Niemandem mehr Rechenschaft geben zu müssen . Ein und funfzigster Brief Olivier an Reinhold Er ist krank , oder will es scheinen , um mich aufs Äußerste zu bringen . Die Königin zwingt sich wieder daran zu glauben und erschöpft alles , was der sorgsamsten Liebe nur möglich ist . Ich aber kann mich des Gedankens nicht erwehren : es sind Tücke , er will nur meine Geduld ermüden , ich soll Julie wiederkommen lassen , und dann glaubt er , werden seine und seiner Hofschranzen Ränke das Übrige thun . Wie mich seine süßlichen Schmeicheleyen anekeln ! Welche Quaal ! das Geschmeiß den ganzen langen Tag so dulden zu müssen . Er hätte nichts Besseres ersinnen können , um mein bischen Ruhe ganz zu zerstören , um mich dem Wahnsinne so nahe als möglich zu bringen . Was macht sie die Einzige , unaussprechlich Geliebte ! Ein Blick aus ihrem Himmelauge würde das unbändige Klopfen dieses zerrissenen Herzens mildern . Kann ich sie denn nicht einmal , nicht ein einzigesmal sehen ! Ach ! da überfällt mich die Todesangst : sie mögte entdeckt werden . - Meinen Verstand erhalte mir , o Gott ! daß ich der Leidenschaft nicht erliege , daß ich dieses kostbare Kleinod , für das die Welt keinen Ersatz hat , daß ich es nicht preis gebe den tückischen Mördern , die nach meinem Herzen zielen . Nein , ich will entsagen , für eine kurze Zeit entsagen , und dann will ich kommen mit aller , aller meiner Liebe , die sie nicht kennt , die ich selbst noch nicht kannte . Um dieser unendlichen Leidenschaft willen muß sie mich lieben , kann sie nie einem Andern gehören . Zwey und funfzigster Brief Julie an Wilhelmine So bin ich denn schon von allem was ich liebte geschieden ! - Ubaldo redet nur durch Blicke , die ich nicht verstehen mag . Die Mädchen zittern und schweigen , mein Mann schweigt , Du , von der ich Verzeihung , Versicherung Deiner wiederkehrenden Liebe hoffte , Du schweigst auch . - So schweigt denn alles ! ist alles für mich todt . - Ach Gott ! so schauderhaft muß die Meeresstille seyn vor einem Sturme . Wird man mich diesem Menschen überlassen ? Ist er es allein , den ich fürchte ; oder was ist es sonst ? - Der süße Friede ist von mir gewichen . Eine leidenschaftliche Unruhe , eine Bangigkeit verfolgt mich . - O Gott ! was habe ich gethan ? was steht mir bevor ? Habe Dank , Unglücklicher ! du hast meinen Schmerz in Wehmuth aufgelöst . Ich kann weinen . Ach lange habe ich nichts seelenerschütterndes gehört . Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen , eingelassen zu werden . Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus . Aber nun stimmte er auf seiner Klarinette ein Adagio an , das alles , was auf dem Hofe war , herbeylockte und endlich den harten Oberaufseher überwältigte . Ich selbst stand unbeweglich am Fenster und horchte auf die schön verbundenen Töne . Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem äußersten Elende . Er war mit Lumpen bedeckt , und hatte ein großes