sprach einige Worte , aus denen ich merkte , daß sie mich für einen andern nehmen mußte . Ich antwortete so , daß sie nicht sogleich aus dem Irrtum gerissen ward . Als ich hoffen durfte , daß die Unterhaltung sie genugsam interessierte , gab ich ihr zu verstehen , daß ich ihr unbekannt sei . Sie war aufgebracht , ging zurück , sprach aber doch immer weiter durch die offen gebliebene Türe ; es währte nicht gar lange , so hatte ich sie wieder durch Bitten und Schmeicheleien auf den Balkon gezogen . Sie wollte meinen Namen wissen , ich sagte ihn ihr , sie schien einiges Zutrauen zu gewinnen als sie ihn hörte . Sie hatte schon viel zu meinem Vorteil gehört , sagte sie , und schon lange gewünscht mich pesönlich zu kennen . Was konnte sie mir Erfreulicheres sagen ? Auch war unsre Bekanntschaft mit diesen wenigen Worten so gut als befestigt . Meine Rolle war etwas schwierig , ich mußte durchaus sie schon gesehen , gekannt , geliebt haben , sonst wäre mein Eindringen ganz unverzeihlich gewesen , auch sprach sie ganz so , als ob mir alle ihre Verhältnisse bekannt sein müßten , da ich doch nicht das mindeste , nicht einmal ihren Namen wußte , und sie zum erstenmal sah . Gewandtheit und Dreistigkeit halfen mir glücklich durch . Nach einigen kleinen Debatten erhielt ich Erlaubnis , sie den folgenden Abend an demselben Ort wiederzusehen . Ich mußte nun zurück , ich fand meine Gefährten am bestimmten Ort wieder , und schiffte mich mit ihnen ein . Auf meine Erkundigung erfuhr ich von ihnen , wer meine schöne Unbekannte sei . Die Nachrichten waren gut und erfreulich . Aus einem großen Hause , vom Kloster an einen Mann vermählt , der alt genug war ihr Großvater zu sein ; sie lebte größtenteils auf dem Lande , wo ihr Gemahl sie dann und wann besuchte . Sie liebte ihn nicht , war keine Feindin der muntern Gesellschaft , ... kurz ich fand keine Ursache zu verzweifeln . Die folgende Nacht fand ich mich wieder vor dem allerliebsten Balkon ein . Dasselbe Licht , derselbe Glanz . Ich stand nicht lange , als sie heraustrat , sie sprach freundlich mit mir , ich bat um Erlaubnis zu ihr hinaufzukommen , sie verweigerte es nur schwach , ich ward dringender , sie nachgebender ; mit einem Sprung war ich auf dem Balkon zu ihren Füßen . Das Geständnis ihrer Liebe entzückte mich . Nun saß ich ihr gegenüber , auf demselben Teppich , von demselben Kronleuchter beleuchtet . Sie saß wieder auf demselben Sofa , schälte Orangen , die sie mit mir teilte , ich war wie berauscht , meine Sinne waren gefangen . Einige Stunden waren schnell verscherzt , nun verlangte sie , ich sollte wieder fort ; dieser leichte Anstrich von Sprödigkeit , mich nicht länger bei sich zu behalten , konnte mir nicht sehr imponieren , ich bestand darauf nicht fortzugehen , und es ward mir erlaubt zu bleiben . Doch mußte ich wieder hinaus auf den Balkon , um dort zu warten , bis sie mich wieder rufen würde , und ihre Frauen erst fortzuschicken . Die Lichter wurden ausgelöscht , ich mußte lange draußen stehen , es fing an zu regnen , ich ward verdrießlich , Langeweile war mir von jeher unter jeden Umständen unleidlich . Endlich kam eine Gestalt , die mich bei der Hand nahm , nicht die bekannte , es war eine vertraute alte Kammerfrau , sie führte mich durch einige finstre Zimmer , jeder Umstand fiel mir unangenehm auf . Endlich öffnete sie eine Tür und ging zurück . Die Gebieterin kam mir entgegen , sie war im nachlässigen Nachtgewande , sehr schön , das Zimmer äußerst prächtig , der Schein einer Lampe erleuchtete es nur dämmernd , alles war köstlich , unvergleichlich , aber es war nicht jenes Zimmer , jene Erleuchtung , jene Spiegel , jener schöne Teppich ; mich umgab nicht der süße Blumenduft , es war nicht dieselbe Grazie , die umherschwebte . Ich sehnte mich nach dem Schimmer , nach der Luft jenes kleinen Tempels , der mich zuerst so freundlich begrüßt , und meine Phantasie gefangengenommen hatte . Das ganze reizende Bild war mir entrückt , meine Wünsche mir fremd geworden . Ich setzte mich neben die schöne gütige Dame , und sprach einiges mit ihr , wahrscheinlich waren es höchst gleichgültige abgeschmackte Phrasen , die die Dame sehr betreten machten , und ebenso gleichgültig beantwortet wurden . Es gab einen Augenblick der sonderbarsten verlegensten Stille , ich fühlte das Unschickliche , wollte durchaus wieder in meine vorige Stimmung kommen , die Anstrengung gelang mir schlecht , ich ward völlig verdrießlich , und ... schlief endlich ein ! Als ich erwachte , schien der Tag hell ins Zimmer hinein ; ich fand mich allein , noch auf demselben Sofa : es währte einige Minuten eh ' ich mich entsinnen konnte , wie ich in dieses Zimmer gekommen , und was mit mir vorgegangen war ? Aber mit welcher Beschämung fiel mir nun mein ganzes Abenteuer und mein unerklärlich albernes Benehmen ein . Die Türen waren alle offen , kein Mensch kam mir in den Weg , ich schlich mich unbemerkt aus dem Hause , und eilte aus der Gegend , so schnell als möglich . Ich war überzeugt , daß meine Geschichte so höchst lächerlich , als sie wirklich war , und gewiß mit den unvorteilhaftesten Zusätzen , in Venedig herumkommen würde , und traute mich gar nicht , mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen . Ich verließ also Venedig auf einige Monate , und zog aufs Land . Das war die Zeit , von der ich Ihnen erzählt , die ich unter Hirten auf dem Lande gelebt habe . « - » Dies ist gegen die Abrede , Florentin « , sagte Juliane , » diese Geschichte gehörte noch zu Ihren Konfessionen ! « Eilftes Kapitel Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt , als die Sonne sich auf einmal hinter eine dicke Wolke verbarg , die ein plötzlicher Wind von Abend her am Horizont herauftrieb ; es donnerte in der Entfernung . Unsere Wanderer rafften sich auf , um vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen , von dem sie nicht weit entfernt waren . Das Wetter zog sich aber schneller zusammen , als sie dahin gelangen konnten . Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke über ihnen empor , der Donner kam näher , die Blitze wurden stärker , einzelne große Regentropfen fielen . Juliane ward ängstlich , sie lief aus allen Kräften , bald versetzte der Sturm ihr den Atem , der Staub verdunkelte , und verletzte ihre Augen . Sie fürchtete ebensosehr auf freiem Felde zu bleiben , als Schutz unten einem Baume zu suchen . Ihre Füße waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund geworden , und sie stieß allenthalben an . Ein starker Blitz , dem der Donner gleich nachfolgte , fiel vor ihnen nieder , Julianes Knie wankten , sie fiel halb ohnmächtig zu Boden . Die beiden Freunde nahmen sie abwechselnd in ihre Arme , und trugen sie fort . Das Gewitter war nun ganz nahe , Blitz und Donner wechselten unaufhörlich , der Regen strömte in Güssen herab . In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum Dorfe , sie irrten , für Julianes Gesundheit besorgt , ängstlich umher ; endlich erblickten sie , indem sie an einem Bache hinaufgingen , am jenseitigen Ufer eine Mühle , die einsam im Tale lag , von Bergen umschlossen . Eine Brücke ging nicht hinüber , sie riefen laut ; aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen . Endlich gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden ; einige Müllerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen herüber , nahmen die beiden Freunde und die von Angst und Müdigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne Mühe über den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Mühle . Sie waren vom Müller und von seiner Frau nicht gekannt , wurden aber gastfrei aufgenommen . Eduards erste Sorge war trockne Wäsche und Kleider für Julianen zu verschaffen . Eine neue Verlegenheit entstand . Sie mußten Julianens Geschlecht der Müllerin entdecken , diese war erstaunt und getraute sich nicht , ihnen zu glauben . Nach vielen Bitten und Beteurungen ließ sie sich endlich bewegen , Wäsche und Kleider für Julianen herzugeben , und ihr bei der Umkleidung hülfreich zu sein , denn die Arme war so erschöpft , daß sie kaum zu stehen vermochte . Während sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward , war in der daranstoßenden Stube ein Kaminfeuer gemacht worden ; Eduard und Florentin waren dabei beschäftigt , ihre Kleider zu trocknen . Die Müllerin trat aus der Kammer , und berichtete ihnen , die Jungfer wäre eingeschlafen ! Sie sah die jungen Leute mit mißtrauenden neugierigen Blicken an . Sie konnte sich das Verhältnis auf keine rechtliche Weise erklären , in dem diese junge schöne Person , von deren Geschlecht sie nun völlig überzeugt war , mit den beiden Männern stehen müsse . Sie hatte allerlei Vermutungen , schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang , den sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab . Zuletzt sagte sie etwas ängstlich : sie habe zwar ihre Hülfe nicht versagen dürfen , aber weder sie noch ihr Mann würden gern Leute beherbergen , die sich zu verbergen Ursache hätten ; und mehr solcher Redensarten , die eben keine günstige Meinung von ihren Gästen verrieten . Die beiden belustigte ihre Besorgnis , und sie vermehrten sie mutwillig durch geheimnisvolle Bitten , sie nicht zu verraten . Florentin trieb tausend kleine Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz freundlich zu erhalten . Sie schien dafür auch gegen ihn besonders gefällig , und Eduard zog sie deshalb auf . Bald war sie so dreist gemacht , daß sie sich einige zweideutige Späße über Julianen erlaubte , deren Stand sie weit entfernt war zu ahnden . Sie drang immer mehr mit Fragen in sie , die aber nicht ernsthaft beantwortet wurden . Der Müller war unterdessen seinen Geschäften nachgegangen , und hatte seiner Frau die Sorge für die Wanderer überlassen . Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und hörte zu ihrer nicht geringen Beschämung die Zweifel und den Argwohn der Müllerin . Sie gab ein Zeichen , daß sie erwacht sei , Eduard eilte zu ihr ans Bett , um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen ; sie bat ihn , diesen für sie sehr verdrüßlichen Auftritt zu endigen , und die Frau über ihren Irrtum ernsthaft aufzuklären ; sie hatte zwar anfangs gewünscht , unbekannt zu bleiben , lieber wollte sie aber diesen Vorsatz aufgeben und ihren Namen entdecken , um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten der Frau ein Ende zu machen . Eduard ging sogleich wieder hinaus , und verkündigte ihr nun , wen sie unter ihrem Dache bewirte . Juliane rief sie zu sich , und bestätigte , was Eduard gesagt hatte ; aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht glauben . Alles was sie zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten , schien eben dem Argwohn der guten , etwas einfältigen Frau nur neue Nahrung zu geben ; » das machen Sie mir nicht weis « , rief sie , » daß meine gnädige Herrschaft zu Fuß , ohne Bedienten und verkleidet ausgehen wird « ! Florentin lachte ausgelassen über diese tolle Begebenheit , Juliane mußte trotz der Verwirrung auch lachen . Die Müllerin lief hinaus und holte ihren Mann . Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an , als er sie gleich erkannte : er hatte sie oft gesehen , wenn er in seinen Geschäften aufs Schloß gekommen war , in der Männertracht aber , blaß und ohnmächtig , mit nassen herunterhängenden Haaren , beim Eintritt nicht wiedererkannt ; er bat sie sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung , suchte diese , so gut als er vermochte , zu entschuldigen , und verließ sogleich das Zimmer wieder . Die Müllerin war beschämt und verwirrt , sie erbot sich zu allen Diensten mit der größten Bereitwilligkeit , und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen Gräfin . Vor allen Dingen bat Juliane , ihr einen Boten zu verschaffen , den sie aufs Schloß schicken könnte , um ihren Wagen herauszuholen , weil sie gleich nach Hause fahren wolle . Die Nacht war aber unterdessen völlig hereingebrochen , das Gewitter hatte zwar aufgehört , aber der Sturm war noch stark und der Regen strömte gewaltig herab , dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt vor sich sehen . Der Müller entschuldigte sich , daß er jetzt niemand über den Bach könne fahren lassen , es wäre beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei , da er vom Regen sehr angeschwollen sei , und der Sturm den Kahn gegen die Pfähle schleudern möchte . Bis zu Tagesanbruch müßte sie also geduldig warten . Man erkundigte sich , ob nicht noch ein andrer Weg als der über den Bach nach dem Schloß führte ? Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge , dieser führte aber so weit herum , daß der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen würde . Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst , wegen der Angst ihrer Eltern . Sie zitterte und weinte , ihre Phantasie füllten die schreckhaftesten Vorstellungen . Eduard war bereit , sich selbst über den Bach zu wagen , nur um sie desto eher zu beruhigen ; hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein . - » Wollen Sie mich hier allein lassen « , rief sie , » und sich selbst in Gefahr geben ? Das würde ja meine Angst noch vermehren ? « Sie versprach endlich , geduldig den Tag abzuwarten . Nun wollte sie versuchen aufzustehen , sie fühlte aber eine solche Mattigkeit und so große Schmerzen an ihren Füßen , daß sie sich entschließen mußte , im Bette zu bleiben . Die Müllerin hatte ein Abendessen bereitet . Eduard und Florentin setzten sich vor das Bett ; auf eine solche Ermüdung fehlte es unsern jungen Wanderern nicht an Eßlust , und wären die Speisen auch noch so niedlich und sorgfältig zubereitet gewesen , es würde ihnen dennoch gewiß trefflich geschmeckt haben ; an diesen hatte aber die Müllerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet , um ihre Gäste nach Würden zu bewirten , die sie anfangs zu ihrer großen Beschämung so verkannt hatte . Es gelang den beiden Freunden , Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe vergessen zu machen , und sie etwas zu erheitern . Sie fanden aufs neue Gelegenheit über ihre Schönheit zu erstaunen . Die Blässe und die Mattigkeit in Blick und Stimme verlieh ihr neue Reize , und kontrastierte auf eine interessante Weise mit der Kleidung , die die Müllerin ihr geliehen hatte , die tüchtig und für das Bedürfnis gemacht , ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte . Florentin wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen , damit sie sich künftig in ihrem höchsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern möge . » Denn « , setzte er hinzu , » wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste und abenteuerlichste sein , die Sie in Ihrem ganzen künftigen Leben erfahren werden . « - In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zärtlichkeit hervor . - » Darf er so kühn unser künftiges Leben verspotten ? « schien Juliane mit ihrem beseelten Blick zu fragen ; und in Eduards Augen las sie die Versicherung der ewigen Liebe , des unvergänglichen Glücks . Er hatte seinen Arm um sie geschlungen , sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern ; die Seligkeit der Liebe hielt ihre Lippen verschlossen , sie sprachen nicht , und sagten sich doch alles . Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Haustüre gelehnt . Er hörte auf die Wogen des Bachs , der sich reißend fortwälzte , und sprudelnd und schäumend über die Räder der Mühle hinstürzte ; auf das Brausen des Windes im Walde , und das friedliche Klappern innerhalb der Mühle . Es klang ihm wie vernehmliche Töne . Wie ein Wettgesang des tätigen zufriedenen Landmanns und des mutigen , ehrsüchtig drohenden Kriegers tönten Mühle und Waldsturm ; der Bach rauschte in immer gleichen Gesängen ununterbrochen dazwischen , wie die ewige Zeit , allem Vergänglichen , allem Irdischen trotzend , und seine Bemühungen verhöhnend . Er hörte im Wohnzimmer des Müllers laut reden , er schlich sich aus einem Anfall von Neugierde unter das offene Fenster , und hörte ein Gespräch zwischen dem Müller und seiner Frau an , das sie über ihre Gäste führten ; diese Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen . - Der Müller konnte , wie es schien , die Sitte nicht billigen , die die vornehmen Leute einführen , inkognito zu reisen . » Man kennt sie nicht « , rief er , » am Ende werde ich noch in jedem wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen , oder eine Prinzessin vermuten müssen , und mich in acht nehmen , daß ich ihm nicht zu nahe trete . « - Die Müllerin war ganz besänftigt , und wollte ihn mit dieser Sitte aussöhnen : » Sie hören und sehen doch « , sagte sie , » wenn sie so reisen , manches , was sie sonst nimmermehr erfahren würden , und daß die yielen Umstände und Weitläuftigkeiten wegfallen , ist bequemer für sie , und auch für unsereinen . « - » Nun « , sagte der Müller wieder , » manches brauchen sie auch nicht zu erfahren , und dafür , daß wir keine Umstände mit ihnen machen dürfen , machen sie auch wieder mit uns keine . « - » Nun Vater , du wirst dich noch einmal um den Kopf reden , ich dächte doch , wir hätten nicht zu klagen . « - » Wer spricht davon ? Ich meinte nur . « - » Ja dir macht man ' s nimmermehr recht ! Mit deinem häßlichen Mißtrauen machst du einen auch mit so argwöhnisch ; hätte ich mich nicht beinahe ganz erschrecklich gegen die junge gnädige Herrschaft vergangen ? Und wer war schuld als du ? « - » Ich will alles verantworten , was ich spreche , aber das können nicht alle , und darum müssen sie sich wohl in acht nehmen ! « - » Ach und es ist doch gewiß eine liebe allerliebste Herrschaft ! Ich würde mich in meinem Leben nicht zufrieden geben , wenn ich sie beleidigt hätte . « - » Beleidigt hast du sie doch , aber sie hat es dir wieder verziehen ! « - » Ja so gütig ist sie , und so herablassend , wie eine Heilige , und dabei so zart und so schön ! Vater , wenn du das so gesehen hättest , wie ein Wachsbild , man kann sie doch gar nicht genug ansehen ! « - » Und die beiden jungen Herren sind wohl auch so gütig wie die Heiligen ? Ja ihr Frauen ! « - - » Nun , was fällt dir wieder ein ? Du hast immer ganz besondere Gedanken . « - » Ja vorzüglich der eine , der ist nun vollends lauter Güte ! Nicht wahr ? « - » Welchen meinst du denn , Väterchen ? « - » Nun den , du weißt wohl , du hast ihn mir ja so schlau gezeichnet . « - » Ich versteh ' dich nicht , mein Schatz ! « - » Sieh doch nur seine grüne Jacke an , der linke Ärmel ist ja ganz weiß ! Wo sollte er denn das wohl herhaben ? « - » Weiß ? der linke Ärmel ? Wie soll ich ' s denn wissen ? In der Mühle macht man sich leichthin weiß . « - » Ja besonders , wenn die Müllerin so leicht rot wird ! « - » Es muß auch alles zusammentreffen , um dich argwöhnisch zu machen . « - » Behüte , lieber Schatz « , sagte der Müller laut lachend , und küßte sie , » ich bin nicht im geringsten argwöhnisch , wenn ich deutlich alles sehe und höre , wo man mich nicht vermutet . « - » Nun , wenn du alles gesehen hast , so wirst du auch wohl gesehen haben - « - » Daß du dich wacker gesträubt hast , als er einen Kuß von dir verlangte . Ja mein Kind , siehst du , daher ist er weiß am Ärmel ! « - Florentin gefiel die leichte gutmütige Art , womit der Müller über die kleine Begebenheit scherzte . Er selbst war gemeint ; er hatte sich mit der jungen artigen Müllerin einige Schäkereien erlaubt , um sie bei guter Laune zu erhalten , als ihre Gäste ihr noch unbekannt waren , und er ihr mit immer neuen Forderungen für Julianen viel Mühe machen mußte . Er trat vom Fenster zurück und pfiff und rief den beiden Hunden , um sich vom Müller bemerken zu lassen . Dieser kam ans Fenster und nötigte ihn , noch ein wenig in die Stube zu kommen . Florentin ging hinein und unterhielt sich mit ihm ; der heitre , grade Sinn des Mannes und sein guter Verstand gefielen ihm immer besser . Florentin nahm , während er sprach , mit der größten Unbefangenheit die Bürste vom Nagel , die unter dem Spiegel hing , und bürstete sich ruhig das Mehl vom Ärmel ; die Müllerin lief ganz beschämt aus der Stube , aber der Müller lächelte und ließ sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen . Er sprach viel von seinem Stande und seinem Geschäft . Seine sparsamen , ruhigen Worte , und die Überzeugung der Wichtigkeit , mit denen er die Sorgen und Freuden davon schilderte , ohne irgendeinen andern Stand im Leben unnötig und mit affektierter Verachtung mit dem seinigen zu vergleichen , gab ihm eine Würde , der Florentin mit Ehrerbietung begegnen mußte . Er gedachte dabei mit einem Gefühl von Beschämung an die Unruhe , mit der er selbst sich umtrieb , um einen Zweck zu finden , der seinem Leben Wert und Bestimmung gäbe . Der Müller bemerkte endlich , es wäre nun wohl Zeit für ihn , sich zu Bett zu legen ; Florentin bot ihm eine gute Nacht , und war im Begriff hinauszugehen , als Eduard hereintrat , und in Julianens Namen den Müller und seine Frau ersuchte , die Nacht mit den beiden Herren durchzuwachen , sie selbst wollte versuchen zu schlafen , sie wäre aber so ängstlich , daß sie gewiß nicht würde schlafen können , wenn nicht alles im Hause wachte . Sie ließ die Frau bitten , bei ihr im Zimmer zu bleiben , und den Müller , ja sobald der Tag anbräche , jemand aufs Schloß zu schicken . Die Müllerin ging sogleich zu ihr , und der brave Mann war ebenso willig , den Befehlen der jungen Gräfin zu gehorchen . Florentin bemerkte etwas ungewöhnlich Heftiges und Leidenschaftliches an seinem Freunde . Er ließ sich in kein Gespräch mit hineinziehen , gab zerstreute oder gar keine Antwort , und ging hastig , und mit ungleichen Schritten in der Stube auf und ab . Florentin glaubte sogar in seinen Augen Spuren von vergoßnen Tränen wahrzunehmen . Diese Äußerungen waren bei dem sonst sanften stillen Eduard etwas befremdend , doch beunruhigten sie seinen Freund nicht weiter ; er hielt es höchstens für Zeichen eines kleinen Zwistes zwischen ihm und Julianen , von denen , welche die Liebe ebenso schnell zernichtet , als sie sie erzeugte . Er redete ihn an und äußerte fein spottend seine Vermutung ; Eduard blieb aber ernst und trübe , und bat ihn kurz darauf , mit ihm hinaus ins Freie zu gehen . Die Nacht war kalt und stürmisch , er bestand aber darauf dennoch hinauszugehen , und Florentin begleitete ihn . Sie saßen schweigend nebeneinander auf der Bank vor dem Hause . Florentin unterbrach die Stille zuerst : » - Immer höre ich doch wieder diese Töne des Waldes , des Stroms und der Mühle mit derselben angenehmen , gleichsam anregenden Empfindung . Beinah ' möcht ' ich glauben , daß ich eigentlich für das beschränkte häusliche Leben bestimmt bin , weil alles dafür in mir anspricht , nur daß ein feindseliges Geschick wie ein böser Dämon mich immer weit vom Ziele wegschleudert ! « - » Glaub mir « , sagte Eduard , » es weiß selten einer , was er soll . « - » Jawohl « , fiel Florentin ein , » und es dauert lange , bis er weiß , was er will ! - Es ist auch beinahe alles einerlei , und alles Tun ist das rechte . Nur daß man etwas tue ! - Jawohl ! Und darum will ich eilen . Ich will fort ! Vielleicht habe ich schon zu lange verweilt . « - Eduard antwortete nicht , Florentin hörte ihn seufzen . » Was ist dir , Eduard ? « fragte er ihn mit herzlicher Liebe , » du hast Schmerz , warum verhehlst du ihn mir ? « - » Nein , ich will ihn dir nicht verhehlen « , rief Eduard aus . » Sieh , Florentin ! Eine Seele , wie die deinige , einen Freund , wie du bist , suchte ich , seitdem Freundschaft mir ein Bedürfnis ist , und das ist sie , seit ich mich meiner selbst bewußt bin . Unverhofft fand ich dich ; ich vermutete gleich in den ersten Stunden , du seist der , den ich suchte , und diese Vermutung fand ich in der Erzählung deiner Schicksale mehr als einmal bestätigt . Und nun soll ich dich , kaum gefunden , wieder verlieren ! Halte es nicht eines Mannes unwürdig , wenn ich dir mein Leid darüber gestehe . Ich kann dich nicht wieder lassen , es ist mir in manchen Augenblicken ganz unmöglich zu denken , daß ich dich wieder lassen soll ! Ich bin sehr reich , ich weiß es , vielleicht ist es Unrecht , mehr zu verlangen , als ich besitze : aber ich bin in der Freundschaft unersättlich , und an dich fühle ich mich mit unnennbaren Banden geknüpft ! « - » Ich begreife dein Gefühl , mein Freund ! Dies sei dir Bürge , daß ich dessen wert bin ; du bist mir teurer , als ich es sagen kann . Daß du bei allen Gütern , die dir nie fehlten , selbst in dem Besitz der Geliebten noch Raum für Freundschaft hast , und dir den Sinn dafür erhieltest , macht dich mir verwandt und ewig wert . Wie kann dich aber eine Trennung so wehmütig ergreifen , die doch eben durch keine besonders unglücklichen Umstände bezeichnet ist ? Wie selten dürfen Freunde ihren Lauf beieinander beginnen und vollenden ? Ist das Band , das Freunde verknüpft , durch die Trennung gelöst ? Muß nicht , in der Welt zerstreut , von ihnen ausgeführt werden , was sie vereint beschlossen ? O , daß ich Armer , Einsamer , dich Reichbegleiteten trösten soll ! Verzeih meinem Zweifel , ich kann nicht glauben , daß meine Trennung von dir dieses Mal allein die Ursach ' deiner Traurigkeit ist . « - » Es kann sein ; aber wie es auch sei , Florentin , ich mag , ich werde dich nicht lassen ! Höre , ich gehe mit dir ; ich teile deine Unternehmungen , ich will die Stelle deines Manfredi ersetzen , ich verschmähe jedes andre Schicksal , als das deinige . Was mir fehlt , besitzest du so groß und frei ! Du wirst auch in mir manche gute Gabe finden . Vereint , ungetrennt , wollen wir ersinnen und ausführen , fechten , leben und sterben , sterben für die Freiheit ! Ich gehe mit dir nach Amerika ! « - » Wie ist dir ? Wie ist dir ? Du schwärmst ! « - » Nein , ich lasse dich nicht wieder , ich gehe mit dir ! « - » Was kann ich dir anders zurufen , als Juliane ! O Eduard , mir ist dieser ganze Auftritt wie ein Traum . Welches Rätsel ! Du bist durch irgendeinen Vorfall aufgebracht , ja gereizt bis zum Wahnsinn . Mit Fragen will ich dich nicht quälen . Aber ich beschwöre dich , sei gefaßt , sei ruhig , und wenn du es vermagst , so entdecke mir , was dich so erschüttern konnte . Erinnere dich , was du so rasch verlassen willst ! Mich laß aber ziehen , mir ein Glück zu erringen , für das und mit dem du geboren wardst , erfreue dich dessen , und bleibe in Frieden . « - » So bleibe du bei mir , Florentin ! Nur noch ein Jahr bleibe bei mir , dann ziehe ich mit dir , wohin du willst ! « - » Ach , Eduard ! Du solltest mich nicht halten wollen ! « - » Was du nicht sagen kannst « , fiel Eduard ein , » weiß ich längst , mein Freund ! Du liebst Julianen , ich weiß es , aber - « - » Wer ? wer darf das sagen ? « - » Bleib ruhig , Florentin , es blieb mir nicht unbemerkt . « - » Du hast dennoch falsch gesehen - Kannst du so dein eignes Gefühl verleugnen , und was hast du zu fürchten ? « - » Ich fürchte nichts von dir , sei überzeugt ! Ich kenne dich , dir ist die Freundschaft heilig . Du wirst dich für den Freund aus aller Kraft deiner Seele zu bekämpfen wissen . Auch wird deine Leidenschaft sich bald in das reinste Freundschaftsgefühl