Weil eben damal zwei nicht unansehnliche Häuser gebrochen waren , und zwar , wie die ganze Stadt wusste , durch Eitelkeit und Verschwendung von Weibern , die aber der Lyk so ähnlich sahen , als die Sünde der Tugend . Das eine war eine verlaufene Engländerinn , das andre eine Tänzerinn aus der Oper . Narren von Männern hatten solche Weiber geheiratet . - Diese Vorfälle lagen dem alten Mann auf dem Herzen ; und auch die Lyk war eine aus der Fremde hieher Gekommene , eine ihm völlig Unbekannte . - Was er zu Ihnen sprach , war nur als Frage zu nehmen , die Sie nicht so leichtsinnig und so beharrlich zum Nachtheil einer würdigen Frau - denn das konnte sie wenigstens seyn , und das ist sie - Hätten beantworten sollen . Aber ich wusste ja nicht , mein Herr Doctor - ich wusste so wenig , als der Herr Stark - - So wussten Sie doch dies , dass Sie nicht wussten . - Und eben dies , mein Herr Specht , war die Wahrheit , die Sie als ehrlicher Mann hätten bekennen müssen . Ach mein Gott , lieber Herr Doctor ! Da hätt ' ich ja doch widersprochen . Nun ? Und wenn Sie nun widersprachen ? So einem Manne ? so einem Herrn ? In alle Ewigkeit nicht . Wahrheit , Herr Specht - merken Sie Sich das für die Zukunft ! - Wahrheit nach Ihrer besten Erkenntniss sind Sie nicht bloss Ihrer Ehre , sondern auch Ihrer Glückseligkeit schuldig . Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten . - Die Art , wie man die Wahrheit sagt , macht den Unterschied ; sonst sagt man sie dem Könige , wie dem Bettler . Ach mein Herr Doctor ! Wenn Sie doch nur wären , wie ich ! Sie sind sehr gütig . - Da sitzt man und sorgt und grübelt , und hat Frau und Kind auf dem Halse , und weiss oft vor Angst nicht , wo aus wo ein ; und wenn man denn da in so ein Haus kömmt , und alle die grossen Kisten sieht , und die ungeheuren Ballen mit Waaren , und das Gerenne und Getreibe der Leute , und die Frachtwagen , die ab- und die aufgeladen werden , und das ganze volle Dutzend Pferde davor : - ach Herr Doctor ! es wandelt einen eine Ehrfurcht an , ein Respect ! - Wo um Gotteswillen ! nähme man da den Muth her , auch nur zu muchsen ? Der Doctor fasste jetzt seinen Mann ein wenig scharf ins Gesicht , und wollte kein Wort weiter an ihn verlieren . Er versprach ihm auf sein ängstliches Bitten , bei dem alten Herrn Alles wieder in ' s Gleis zu bringen , schrieb ihm ein Recipe zu einem niederschlagenden Pulver , das er sich in der nächsten Apotheke sollte machen lassen , und wünschte ihm wohl zu leben . XXV . Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurtheil , als durch den armen Tropf von Pathen hintergangen war : so war doch der blosse Schein von dem letztern ihm ärgerlich ; und noch ärgerlicher , dass er bei dieser Gelegenheit die Fassung verloren , und dadurch jenen Schein bestätiget hatte . Er fühlte recht gut , dass er die Sache nach seiner gewöhnlichen Art , mit lachendem Munde , hätte abmachen können . Indessen gereichte dieser Fehler , wenn es ja einer war , ihm zur Ehre : denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekränkten Eigenliebe , als in der Rechtschaffenheit seines Herzens , das ihm alle gegen die Witwe begangenen Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf , und ihm denjenigen der dazu mitgewirkt hatte , in einem nicht mehr lächerlichen , sondern gehässigen Lichte zeigte . Die Tochter , die theils durch Madam Lyk , theils durch ihren Mann , von allem Vorgefallenen genau unterrichtet war , glaubte die Herzensstimmung worin sie den Alten vermuthete , zu ihrem Zweck benutzen zu müssen . Sie machte ihm einen nur ganz kurzen , flüchtigen Besuch , bei dem sie sich nicht einmal setzte , aber gleichwohl mit sichrer Hand alle die Saiten anschlug , die sie in dem Herzen des Vaters als die empfindlichsten kannte . Den Vorwand zu diesem Besuche musste die Bitte geben , die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie gethan hatte , ihm von dem Befinden der Witwe Nachricht zu bringen . Entschuldigen Sie mich , sagte sie , lieber Vater , dass ich Ihren Befehl erst so spät erfülle . Aber am Vormittage machten es mir Geschäfte , die ich nicht aufschieben konnte , unmöglich ; auch hielt ich mich da bei der Witwe nicht lange auf : diesen Nachmittag habe ich mich etwas länger verweilt , und komme so eben - aber ich muss sagen , mit recht schwerem recht bekümmertem Herzen - von ihr . Wie so ? fragte der Alte nicht ohne Theilnahme . Hat der Zufall sich wiedergefunden ? Das nicht . Sie leidet nicht sowohl am Körper , als am Gemüthe . - Das arme Weib fürchtet zu Grunde gerichtet zu werden , weil ein gewisser Horn , der ihr Gläubiger ist , entweder bezahlt seyn , oder gegen sie losbrechen will . Horn ? - Wenn sie mit dem zu thun hat - - Leider ! Da beklag ' ich das gute Weib . Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen . - Aber ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit , in Verwirrung ? Ich glaubte , dein Bruder hätte Alles in Ordnung gebracht . Das glaubt ' ich auch ; aber - er mag Termine gesetzt haben , die nun nicht ganz können gehalten werden . Das sollte mir leid um ihn thun . Oder er mag - - Ja , wenn ich Handlungskenntnisse hätte ; da riethe ich weiter , mein lieber Vater . Lass gut seyn ! Es ist da Mehreres möglich . - So viel weiss ich denn jetzt , warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen gewesen ist . Nun ? - Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn . - Den Bruder zu sich bitten zu lassen , ging seiner Unpässlichkeit wegen nicht an ; ihn zu besuchen , da er noch ledig ist , schien gegen den Anstand zu seyn : und doch war die Sache dringend , und die Witwe - ich wiederhole ihre eigenen Worte - die Witwe fühlte durch das edle Benehmen des Bruders , wovon sie nie anders als mit inniger Rührung spricht , ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt . Sie wollte also diesmal bei dem Vater suchen , was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen : Rath , Hülfe , Vermittelung , Unterstützung . Und hat geschwiegen ? Weswegen ? Sie hat gesprochen , wie sie mir sagt . Nein ! - Sie hat wohl sicher gesprochen ; aber - - Nein ! - wiederholte der Alte mit einem Nachdruck , der seine noch fortdaurende ärgerliche Stimmung verrieth . Ich denke , mein , guter , lieber Vater hat sie nur nicht gehört , nicht verstanden . Dann hat sie auch nicht gesprochen , sondern gemurmelt . Die verwünschte Gewohnheit des Murmelns wird von Tage au Tage ärger . In meiner Jugend sprach man zum Maule heraus . - Am Ende , wahrhaftig ! fordern die Menschen noch , man soll ihre Gedanken hören . Sie ist furchtsam , das arme Weib . Verzeihen Sie ihr ! Sie Selbst haben sie dann noch furchtsamer gemacht . Ich ? - Weisst du , was du da sprichst ? - Ich mache niemand furchtsam , der etwas zu bitten hat , sondern ich muntre ihn auf und höre ihn an ; und wenn sich ' s ohne meinen eignen zu grossen Nachtheil thun lässt , helf ' ich ihm ohne Umstände und gerne . Die elende , nichtswürdige Kunst , durch Achselzucken und Sauersehen und langes Bedenken seinen Gefälligkeiten Werth zu geben , hab ' ich niemal verstanden . - Das hätte die Frau Tochter wissen und der Witwe schon sagen können . Hab ' ichs denn nicht ? - Werden Sie doch nicht unwillig , mein lieber Vater ! Unwillig ! Nun werd ' ich gar unwillig ! - Wie kömmst du mir heute vor ? Ach , ich kann wohl Unrecht haben ; ich glaub ' es selbst . - Hätt ' ich mich recht bedacht , so wär ' ich lieber gar nicht gekommen . Ich bin so missmüthig gestimmt . Über die Witwe ? - Ja . - Und dann - wie die kleinsten Umstände das Herz oft am meisten rühren - Nun ? - Ich sah , eh ' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat , ein paar Augenblicke durch das Spiegelglas in der Thüre . - Da sass die gute Frau , in die eine Ecke des Sopha gedrückt , den Arm auf ein Kissen gestützt , und ein Tuch in der Hand , um sich die Thränen zu trocknen . Ihr zur Seite sassen , jedes auf seinem Schemelchen , die zwei unschuldigen Kleinen , die sonst immer so froh um sie herumschwärmten , aber jetzt , wie es schien , an das Spiel gar nicht dachten : sie sahen so still in den Schooss nieder , als ob sie den Herzenskummer der guten Mutter theilten ; und blickten dann endlich , weil diese vielleicht eben einen tiefen Seufzer ausstieß , von der Seite zu ihr hinauf , mit einem Ausdruck in ihren Augen ! in ihren grossen , blauen , himmelreinen Augen ! mit einer Bänglichkeit , einer Zärtlichkeit , einem Ernst ! - ich dachte an meine eigenen Kleinen , und dachte an Sie . Wenn Sie das gesehen hätten , mein lieber Vater ! - Sie riss das Tuch heraus , und fuhr sich damit an die Augen . Sind ' s denn so artige Kinder ? - fragte der Alte mit einem Tone , der auf einmal wieder ganz weich war . Ach so wohlgezogen und artig ! - Freilich hat die Frau nur diese beiden zu übersehen , und ich ihrer mehrere : aber dennoch erkenn ' ich sie in der Kunst der Erziehung für meine Meisterinn ; sie regiert die Kleinen mit Einem Blicke , mit Einem Winke , und das niemal im Bösen , immer in Liebe . - Doch ich stehe und plaudre , und vergesse , dass meine Kleinen zu Nacht essen wollen . - Ich muss fort , lieber Vater . Leben Sie wohl ! Verzeihen Sie , wenn ich mit meiner üblen Laune Sie heute angesteckt habe ! Es soll nicht wieder geschehen . - Sie küsste seine Hand , und verschwand . - - Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten kleinen Erschütterungen so trefflich aufgelockerter Boden , dass es gar nicht anders seyn konnte , als der hineingestreute Same des Mitleids musste reichliche Früchte tragen . - Herr Stark konnte zu Abend nicht essen , und die Nacht über nicht schlafen . Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor , die ihm die Tochter geschildert hatte , und immer war ' s ihm , als ob er hin müsste , um der Witwe das Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen . Ausser diesem Bilde , waren es noch Gedanken anderer Art , die ihn beunruhigten , und von einer Seite zur andern warfen . - » Die Witwe fühlte ihr Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt . « - Das schien ihm gleichsam ein Schuldbrief zu seyn , ein Wechsel , den der Glaube an Tugend auf seine Ehre gezogen hatte , und den er unmöglich anders als honoriren konnte . - » Sie hatte bei dem Vater suchen wollen , was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen . « - Wie konnte er sich ' s nur denken , dass der Vater in Beweisen von Edelmuth hinter einem Sohne zurückbleiben sollte , den er seiner Engherzigkeit wegen so oft getadelt hatte ? - Dann noch der Name der Frau , der ihn an seinen ehemaligen vertrautesten Freund , den guten , redlichen Lyk , erinnerte ; ihre grosse , bis zur Ohnmacht gehende Schüchternheit , fremde Hülfe zu suchen , die er als einen sichern Beweis edler Denkungsart ansah ; ihre Thränen , die er zum Theil wohl selbst durch gewisse Züge in der Unterredung mit ihr mogte hervorgelockt haben ; das mannichfaltige Unrecht , das er ihr , von Vorurtheil geblendet , durch Spöttereien gethan , die sie so ganz nicht verdiente , und für die nun sein eignes Herz , ob sie gleich das Ohr der Unschuldigen nie erreicht hatten , Genugthuung forderte ; die Gelegenheit , die sich eben im Hause der Lyk gefunden , das verborgene Gute in dem Charakter seines Sohnes , das ihm so grosse Freude gemacht hatte , an ' s Licht zu bringen : - alle diese und ähnliche Betrachtungen hielten den Alten bis nach Mitternacht wach , und liessen ihn auch dann noch keinen festen Schlaf , nur einen unruhigen Schlummer finden . XXVI . Hier herein , Monsieur Schlicht ! - sagte am folgenden Morgen Herr Stark , dessen Gesicht noch alle Falten und Runzeln vom vorigen Abende hatte . Ich hab ' ein Wörtchen mit Ihm zu reden ; und in diesem Zimmer - es war das Schlafzimmer , das er ihm öffnete - sind wir noch am ersten allein . Dem alten Handlungsdiener , der nicht das beste Gewissen hatte , war bei dieser Anrede nicht wohl . Er war dem Schlafzimmer von alten Zeiten her gram : denn er hatte hier schon manchen schweren Kampf mit Herrn Stark zu bestehen gehabt ; und eben jetzt war ihm wieder vor einem Examen bange , worin die Falschheit seines Vorgebens , dass der junge Herr noch immer unpässlich sei , an ' s Licht kommen konnte . Er warf sich in den Trotz Kain ' s , der bekanntlich nichts als verkappte jämmerliche Furcht war , und fragte auf beide Beine gesteift : Was soll ich ? - Monsieur Schlicht , muss man wissen , war treu wie Gold ; und wenn das Interesse seines lieben alten Wohlthäters mit irgend einem fremden in Streit gerieth , so war er im Stande , für jenes Leib und Leben zu lassen . Aber , wenn im Innern des Hauses ein solcher Streit entstand : so war er sicher von der Partei der Kinder gegen den Vater ; und würd ' es auch gegen die Mutter gewesen seyn , wenn nicht diese eben so treu , als er , es mit den Kindern gehalten hätte . Er hatte die letztern ungeboren gedacht , und sie oft auf seinen Armen getragen , hatte ihnen tausend kleine Dienste und Gefälligkeiten erwiesen , und tausend kleine Schmeicheleien und Liebkosungen dafür wieder erhalten . Noch jetzt , da sie schon längst erwachsen waren , nannten sie ihn immer Du , und lieber alter Vater ; was dem fast siebzigjährigen Junggesellen , der es , bei allem guten Willen , nie bis zum Heiraten und bis zum eignen Kinderzeugen hatte bringen können , jedesmal in der Seele wohlthat . Auch vergassen die Kinder nie , was er selbst immer richtig vergass : seinen Geburtstag ; wenigstens erinnerte die Doctorinn daran ihren vergesslichern Bruder : und das ward dann ein Tag froher Feier , wo der alte Schlicht bei den Geschenken , die ihm reichlich dargebracht wurden , und die für seine Bedürfnisse sorgfältig ausgewählt waren , nicht selten Freudenthränen vergoss , und von der Doctorinn , wenn er dieser zum Dank die Hand küssen wollte , wohl gar ein Mäulchen davontrug . Durch solche Bande , die weit zarter , aber eben darum auch fester , als die der Ehrerbietung waren , die ihn an seinen Brotherrn knüpften , hing er unauflöslich an beiden Kindern ; auch hatte er eine Schrift auf das Rathhaus getragen , worin er sie zu alleinigen Erben des nicht ganz kleinen Capitals einsetzte , das er sich in seinen vieljährigen Diensten gesammelt hatte . - Vermöge dieser Anhänglichkeit , vertuschte Monsieur Schlicht , ehe der Sohn mit zunehmenden Jahren dreister ward , manche geheime Ausflüge desselben , und hatte darüber , wenn es herauskam , in dem oberwähnten Schlafzimmer manchen harten Stand mit dem Vater . Jetzt war er abermal Vertrauter des Sohnes , und hatte selbst die Chaise anspannen lassen , worin vor ein paar Tagen der junge Herr zu einem Freunde aufs Land gefahren war , weil es ihm gleich Anfangs unerträglich geworden , ohne Frost und Hitze ein Fieber zu haben , und wie ein Übelthäter zwischen vier Mauren zu sitzen . Monsieur Schlicht lebte diese Zeit über in grosser Unruhe , dass der Alte dahinter kommen , und es dann wegen seiner falschen Nachrichten vom Sohne sehr derbe Vorwürfe absetzen mögte . Indess kam er dieses mal mit dem Schrecken davon . - Ich habe etwas vor , sagte Herr Stark , wozu ich einen Mann brauche , auf den ich mich verlassen kann , und der zugleich um sich weiss , und in Handlungsgeschäften gewiegt ist . Dieses herzerhebende Wort war Trost und Balsam für Monsieur Schlicht . Seine Kenntnisse und Einsichten geehrt zu wissen , war ihm nie gleichgültig , und im gegenwärtigen Augenblick höchst erfreulich . - Befehlen Sie , befehlen Sie , sagte er , mein lieber Herr Stark ! indem er ganz nahe zu ihm hintrat , um gleichsam jedes Wort ihm von den Lippen zu horchen . - Er erfuhr nunmehr , was Madam Lyk am gestrigen Tage bei dem Alten gewollt habe ; erfuhr ihre unangenehme Lage mit Horn , und vielleicht mit noch andern Gläubigern , die Herr Stark nur näher zu kennen wünschte ; erfuhr die grossen Dienste , die der junge Herr der Lykisohen Handlung geleistet hatte , nebst der Neigung des alten Herrn , das vom Sohne angefangene gute Werk zu vollenden , und der Verlegenheit der Witwe , durch Verwendung seines Credits für sie , ein Ende zu machen . Die Herzensfreude des guten Schlicht über Alles was ihm vertraut ward , am allermeisten aber über die Ehre dieses Vertrauens selbst , war so gross , dass Herr Stark den Strom der Beredtsamkeit , womit sich der alte Mann über jeden einzelnen Punct dieser Erzählung auszubreiten im Begriff war , durch ein stets wiederholtes und immer stärkeres : Hör ' Er doch ! Wir werden ja vor Abend nicht fertig ! kaum zu hemmen vermogte . - Aber wie plötzlich stand und gefror dieser Strom , als Herr Stark hinzu setzte : dass er nicht gesonnen sei blindlings zu verfahren , sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle , ob die Activa der Witwe ihre Passiva wenigstens balancirten , und in wie kurzer oder wie langer Zeit etwa Hoffnung sei , dass sie völlig aufs Reine kommen und mit allen ihren Gläubigern auseinander seyn werde . Da mein Sohn , sagte er , die Lykischen Bücher durchgearbeitet , und also von der ganzen Lage der Handlung die vollständigste Kenntniss hat : so ist dies von ihm ohne Zweifel besser , als von der Witwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren , der wohl ohnehin nicht der thätigste und geschickteste seyn mag . Geh ' Er also gleich zu meinem Sohne hinauf , Monsieur Schlicht , und lass ' Er Sich über die angegebenen Puncte - er wiederholte ihm diese Puncte langsam und deutlich - eine recht bestimmte , ausführliche Nachricht - hört Er ? recht bestimmt und recht ausführlich - geben . Ich muss jetzt fort ; aber in einer Stunde längstens bin ich zurück , und erwarte alsdann Seine Antwort . Nachdem die lauten wird , will ich Ihm dann schon weiter sagen , was Er zu thun hat . - Es wäre unmöglich gewesen , dass Herr Stark die plötzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht hätte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen , wenn nicht eben jetzt , zu grossem Glück für Monsieur Schlicht , die alte Wanduhr geschlagen , und mit ihrem ersten lärmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn plötzlich eine andere Richtung gegeben hätte . Es war die höchste Zeit geworden , auf die Börse zu gehn , wo Herr Stark gerade heute ein Geschäft von so grosser Wichtigkeit hatte , dass er nicht schnell genug glaubte hineilen zu können . Mit einem kurz abgebrochenen : Adieu ! Mach ' Er Seine Sachen gut ! griff er hastig nach Hut und Stock ; und verliess den armen rath- und hülflosen Monsieur Schlicht , der unbeweglich wie eine Salzsäule dastand , und das einzige Wörtchen Ja ! - bis zu welchem seine ganze Beredtsamkeit jetzt versiegt war - mit immer längeren Pausen , und immer schwächerem Tone , hinter Alten her sprach . XXVII . In seiner Seelenangst , da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so gern erhalten hätte , und doch auch nicht wusste wie er es anfangen sollte , irrte Monsieur Schlicht , wie ein Unkluger , im ganzen Hause umher ; und kam zuletzt auch vor das Zimmer des jungen Herrn , ohne selbst zu wissen was er da wollte . - Man denke sich sein Erstaunen , als er das Zimmer geöffnet , und den Gegenstand seiner Sehnsucht mit aufgestütztem Arme am Tische dasitzend fand . Er kreuzte und segnete sich , eh ' er ihm näher trat , und ihn mit zitternder Stimme fragte : ob er ' s denn wirklich wäre ? Da glaubst doch nicht an Gespenster ? sagte der junge Herr Stark . Ach mein Gott ! Wenn ' s nicht heller lichter Tag wäre ; man mögt ' s beinahe . - Wie , um ' s Himmels willen ! kommen Sie hier herein ? Von hinten , mein lieber Schlicht . Durch den Thorweg . Ha ! - Stand der offen ? Sperrweit . - Nun , so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen ! Er hat Holz gefahren , der Schlingel ! und hat mir den Thorweg offen gelassen . Monsieur Schlicht , in seiner ökonomischen Wuth , wollte augenblicklich hinunter , um den Knecht rechtschaffen auszufenstern . - Aber , sagte Herr Stark , ist ' s dir denn nicht lieb , alter Vater , dass ich mich auf diese Art habe in ' s Haus schleichen können ? Ach ja ! ja ! erwiederte Monsieur Schlicht : gar zu lieb ! und ich will ja auch dem Kerl noch ein Trinkgeld , ein gutes Trinkgeld geben ; mit tausend Freuden ! - Aber ausschimpfen muss ich ihn erst , und muss erst sehen ob Alles zu ist . Wir haben Diebsbanden hier in der Stadt . - - Das Geheimniss von der frühen Zurückkunft des Herrn Stark war kein andres , als seine zur vollen Leidenschaft gediehene Liebe zur Witwe . Diese machte ihn für jede Gesellschaft , so wie jede Gesellschaft für ihn , ungeniessbar . Sein Freund , der die unglückliche Stimmung seines Gemüths bald genug inne ward , suchte ihn auf alle mögliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern : er brachte Gespräche auf die Bahn , in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwickeln konnte ; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie für ihn an ; er schlug gesellschaftliche , muntere Spiele vor , bei denen sonst Lachen und Scherz nie fehlen : aber Alles vergebens . Im Gespräch gab Herr Stark , wenn von Java die Rede war , über Jamaica Antwort ; auf der Jagd liess er die Hasen , die man ihm fast vor die Füsse trieb , ungesehen davon laufen ; und zu den Spielen war er so unlustig oder nahm sich dabei so linkisch , dass sie fast eben so schnell wieder abgebrochen , als angefangen wurden . Endlich , wie leicht zu erachten , ward man der undankbaren Mühe , ihm Vergnügen zu machen , überdrüssig ; und Herr Stark hätte noch ein wenig zerstreuter seyn müssen als er es war , um nicht zu merken , dass er seinem Freunde zur Last , und was noch mehr ihn kränkte , seinen Mitgästen lächerlich ward . Er packte also schnell wieder zusammen , und nahm schon am dritten Tage von seinem gütigen Wirthe Abschied , der zwar Ehrenhalber seine zu frühe Rückreise tadelte , aber im Grunde des Herzens froh war ihn wieder loszuwerden . - Herr Stark hatte nunmehr die völligste Überzeugung , dass er mit seiner Leidenschaft nur vergebens kämpfe , und dass er ohne den Besitz der Witwe unmöglich leben könne . Es waren drei Fälle , die bei der Bewerbung um sie Statt finden konnten ; und für jeden war sein Entschluss schon gefasst . Wenn der Vater seine Einwilligung abschlug , aber die Witwe sie gab ; so setzte er sich mit den Vormündern der Lykischen Kinder , und zog zu der Witwe in ' s Haus , um ihre Handlung , die er genugsam hatte kennen lernen , zu übernehmen und fortzuführen . Wenn der Vater , wie er zwar innig wünschte , aber zu hoffen sich nicht getraute , seiner Wahl aus vollem Herzen beistimmte - denn ein nur gezwungner oder gar erbettelter Beifall genügte ihm nicht - ; so schlug er die Lykische , ohnehin gesunkene , Handlung so vortheilhaft los als möglich , und führte die Geliebte seines Herzens in das väterliche Haus ein , wo er dann mit verdoppeltem Eifer sich seinen Geschäften widmen , nur ihnen und seiner Liebe leben , und den Vater überzeugen wollte , dass es ihm so wenig an Talenten als an Tugenden fehle . Wenn unglücklicher Weise die Witwe selbst - sie , für die er so viel gethan hatte , und die er so innig liebte - seinen Wünschen abhold war ; so blieb er keinen Augenblick länger in einer Stadt , wo er das Weib seines Herzens ohne Hoffnung des Besitzes vor Augen haben , oder wohl gar einen Dritten - er knirschte bei dieser Vorstellung - in ihren Armen glücklich sehen müsste . Er begab sich alsdann , wie er bisher gewollt hatte , nach Br ... , wo schon Alles zu seiner Aufnahme bereit war , und wohin er den Briefwechsel mit seinem Geschäftsträger eben in dieser Hinsicht noch fortsetzte . So weit stand der Entschluss des Herrn Stark , ohne zu wanken , fest : und schon dies beruhigte gewissermassen sein Herz ; aber noch erhielt ihn die Ungewißheit , welche von den aufgezählten Möglichkeiten zur Wirklichkeit kommen würde , in jenem finstern , schwermüthigen Staunen , worin ihn der alte Schlicht überrascht hatte . Um auch dieser Ungewissheit los zu werden , beschloss er jetzt , sobald der Vater zu Tische sässe , in das Haus des Schwagers zu eilen , der um das Geheimniss seines Herzens nun einmal wusste , und der ihm seines vollen , unbedingten Zutrauens werth schien . Mit ihm wollte er sich über die Art und Weise besprechen , wie er am besten die Gesinnung der Witwe , und dann auch die des Vaters , erforschen könnte . XXVIII . Alles gut ! Alles sicher ! sagte Monsieur Schlicht , indem er mit geriebenen Händen und frohem Angesichte wieder hereintrat . - Der Knecht hat seinen Ausputzer , und hat sein Trinkgeld weg ; der verwünschte , nachlässige Kerl ! Den Ausputzer , sagte Herr Stark , hättest du sparen können . Nein , nein ! Das Trinkgeld eher ; denn das hatte der Zufall verdient , aber den Ausputzer er selbst . - - Ach , was ich mich freue , mein lieber , lieber Herr Stark , dass Sie wieder zurück sind ! Ich war in gewaltiger Noth . Um mich ? - Mir fehlte nichts , lieber Vater . Aber mir desto mehr . - Denken Sie Sich nur um ' s Himmels willen ! was für einen Auftrag mir da der alte Herr giebt . Nun ? - Ich soll zu Ihnen heraufgehn - zu Ihnen , den ich nicht hier wusste ! Wie ward mir dabei ? - und soll Sie recht genau und recht umständlich befragen , wie es mit der Handlung der Madam Lyk steht , um derentwillen ich so oft habe wachen müssen . Was ? rief Herr Stark , und fuhr mit grosser Bewegung vom Stuhle . Jaja ! - Ob die Activa die Passiva wenigstens balanciren , und in wie kurzer oder wie langer Zeit sie etwa realisirt haben werde ? Schlicht ! - Er fasste den alten Handlungsdiener bei beiden Armen . - Mich , mich sollst du darum befragen ? Mich ? Wen denn sonst ? - Ihr Vater weiss alle Ihre Gänge zur Witwe . Sie selbst scheint ihm davon gesprochen zu haben . Sie selbst ? - Ich glaube bei Gott , Alter ! es ist nicht richtig mit dir ; du bist von Sinnen . - Wie kömmt mein Vater zur Witwe ? - Hören Sie , junger Herr ! sagte Monsieur Schlicht , und schüttelte ärgerlich mit dem Kopfe ; das von Sinnen seyn lassen Sie weg ! Das bitt ' ich mir aus . Ich habe Gottlob ! so alt ich bin , meine fünf Sinne so gut , wie ein Andrer . Aber noch einmal , Schlicht ! - Antworte , und sei dann böse so viel du willst ! Wie kömmt mein Vater zur Witwe ? Hab ' ich denn schon gesagt , dass Er zu ihr kam ? Sie kam zu ihm . Sie zu ihm ? - Gestern Vormittag . Hieher in ' s Haus . - Und kam hier schlimm genug wieder weg . Ha ! rief Herr Stark ,