, einen Waffenbruder haben - aber auch weiter nichts , keine Waffenschwester ; denn einem Heros schadet eine Heroine sehr . In den starken Jüngling zieht die Freundschaft eher als die Liebe ein ; jene erscheint wie die Lerche im Vorfrühlinge des Lebens und geht erst im späten Herbste fort ; diese kommt und fliehet wie die Wachtel mit der warmen Zeit . Albano hörte schon diese Lerche unsichtbar in den Lüften über ihm schmettern ; er fand einen Freund , nicht in Blumenbühl , nicht in der Lindenstadt , an keinem Orte , sondern in seiner - Brust ; aber diesen hieß er - Roquairol . Die Sache war diese : für Leute wie ich ist das Landleben der Honig , worin sie die Pille des Stadtlebens einnehmen ; Falterle hingegen brachte das bittre Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter ; wöchentlich lief er dreimal nach Pestitz , entweder in die Logen der Liebhabertheater als Dramaturg oder auf diese selber als Akteur . Nun nahm er jedesmal sein Rollenbüchlein aufs Dorf hinaus und studierte da - im Vertrauen auf die Komödienprobe - - seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein ; so wie noch jeder Staatsdiener seine ohne einen Blick in die mitspielenden memoriert ; daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und , wie in der russischen Jagdmusik , nur einen Ton zu pfeifen weiß und seine Stärke ins Pausieren setzen muß . - In diesen von Falterle geliehenen Bruchstücken der Bühne ging nun Albano mit einem Entzücken herum , das jener bald höher zu treiben suchte durch den Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren . Der Wiener hatt ' ihm längst den selbstmörderischen Wildfang Roquairol als ein Genie im Lernen - besonders sich als eines im Lehren - vorgelobt ; jetzt führt ' er den Beweis aus den großen Rollen , die der Wildfang immer gut spiele . Übrigens war es nicht seine Schuld , daß er den Ministers-Sohn nicht ungemein heruntersetzte , dem er nicht nur die theatralischen Siege beneidete , sondern auch die erotischen . Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum Regisseur des ans Liebhabertheater gestoßenen Liebhaberinnentheater , indes der scheue blöde Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schöne zu einem andern Schritte brachte als zum Rückpas im Menuett und statt der Setzung seines Ichs zu nichts als zur Fingersetzung . Aber der Eitle kann andern kein Lob versagen , das sein eignes wird . Wie mußte das alles unsern Freund für einen Jüngling gewinnen , den er bald als Karl Moor - bald als Hamlet - als Clavigo - als Egmont durch seine Seele gehen sah ! - Was den bekannten Redoutenschuß in frühern Jobelperioden anlangt , so mußte unser so unerfahrner Herkules , den der blanke Dolch des Kato blendete , einem so verwandten Herakliden den Schuß als eine seiner tragischen 12 Arbeiten anrechnen . - Der Lehnpropst Hafenreffer erzählt sogar , Albano habe einmal mit dem Wiener , der längst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter war , über die schönsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften Falterle , der sich für den Schlaftrunk erklärte , auf Roquairols Seite getreten , sogar mit dem stärkern Zusatze : » am liebsten stieg ' er auf einen Turm und zöge den Wetterstrahl auf seinen Kopf ! « - Im letztern zeigt er das hohe Gefühl der Alten , die den Donnertod für keine Verdammnis , sondern für eine Vergötterung hielten ; sollt ' aber nicht der Körper etwas dabei tun , da seine Ellenbogen und seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer aussprühen und sein Kopf in der Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt ? Der Lehnpropst ist sehr dafür . - - Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kühlen , als daß er Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab . Falterle , der die Gefälligkeit selber war - und dabei auch die Unwahrheit selber - , nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit » ich bin beim Minister ja wie zu Hause « , sagt ' er - , bestellte aber , da er sowohl im stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt , keinen einzigen und brachte bloß jedesmal eine neue gültige Ursache mit , warum Roquairol nicht darauf antworten können ; er war entweder zu sehr in der Arbeit - oder auf dem Krankenstuhle - oder in Gesellschaft - jedesmal aber entzückt darüber gewesen ; - und unser argloser Jüngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort . Vom Legationsrate wär ' es brav gewesen , wenn er mich , falls er anders konnte , sich verbindlich gemacht und mir Albanos Palm-Blätter eines liebenden Herzens eingeliefert hätte ; nicht für das Archiv dieses Buchs , sondern bloß für meine Manualakten , für den Blumenblätterkatalog , den ich mir zu eignem Gebrauche von Albanos Nelkenflor hefte und leime . - 20. Zykel Plötzlich wurde unser Zesara , der in die Jahre trat , wo der Gesang der Dichter und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt , ein anderer Mensch . Er wurde stiller und wilder zugleich , sanfter und aufbrausender , wie er denn einmal einem unter Prügeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu Hülfe lief - Himmel und Erde , die bisher in ihm , wie nach dem ägyptischen Systeme , ineinander gelegen , nämlich das Ideal und die Wirklichkeit , arbeiteten sich voneinander los , und der Himmel stieg rein und hoch und glänzend zurück - über die innere Welt ging eine Sonne auf und über die äußere ein Mond , aber beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde langsamer , sein helles Auge träumerisch , seine Athleten-Gymnastik seltener - er mußte jetzt alle Menschen wärmer lieben und sie näher fühlen , und er fiel oft seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm draußen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heißern Abschied . - Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der Natur durchsichtig , und eine lebendige Göttin blickte mit seelenvollen Zügen darunter in sein Herz . Ach als wenn er seine Mutter fände , so fand er jetzt die Natur - jetzt erst wußt ' er , was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrot und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewußt , wir wurden alle einmal von der Morgenröte des Lebens gefärbt ! .... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur für heilig , als Erstlinge für den göttlichen Altar ? Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft , unsere erste Liebe , unser erstes Streben nach Wahrheiten , unser erstes Gefühl für die Natur ; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche ; wie Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert ; - und das Ideal eilet der Wirklichkeit , wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten rohen Blättern , vor , damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener stellen . - Wenn oft Albano von seinen innern und äußern Irrgängen nach Hause kam , zugleich trunken und durstig - zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit geschärften , träumend , aber wie Schläfer , die das Auslöschen des Lichts herber empfinden - : so braucht ' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten , damit die heiße , in Fluß gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in Zickzack und Klumpen zerschoß , indes eine warme Form den Guß zur lieblichsten Gestalt geründet hätte . - Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das , was ich bald berichten werde . Der Tanz- , Musik- und Fecht-Meister , der wenig auf seine Pas , Griffe und Stöße großtat , aber desto mehr auf seine ( Reichstags- ) Literatur - denn die neuen Monatsnamen , die Klopstocksche Rechtschreibung und die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt ' er früher in seinen als einer von uns - , wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen , daß er ein wenig mehr von Literatur verstehe und da wisse , wo der Hase liegt , als andere Wiener ( um so mehr , da er gar nichts las , nicht einmal politische Zeitungen und Romane , weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren ) ; - er trat daher nie ins Haus , ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano . Dazu half seine unendliche Dienstbeflissenheit - und sein kollegialisches Wettrennen mit Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge , dem er aus den süßen Träumen , die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt , mit den exegetischen Traumbüchern , den Dichterwerken , helfen wollte . Die Umwälzung des Jünglings , der nun ganze romantische Everdingens-Wiesen abmähete und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflückte , auch nur leidlich zu schildern , hab ' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit noch Lust ; genug , daß Albano , so dasitzend - der Himmel der Dichtkunst vor ihm aufgetan , das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet - , einem Erdballe glich , an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen gemeinschaftlich aufbrennt . Allein wie weiter ? Der Wiener , das muß ich noch vorher sagen , war ein eitler Narr ( wenigstens in Punkten der Demut , z.B. seiner Zwergfüße , seiner Literatur , seines Glücks bei Weibern ) und ließ besonders durch vertraute Gemälde von Großen und Damen gern auf sein Föderativsystem mit den Originalen schließen . Der arme Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren , er und diese hätten - ungleich dem Salomo , der Weisheit erbat und Gold erhielt - umgekehrt das Unglück gehabt , nur erstere zu empfangen , indes sie um letzteres geworben . Kurz aus solchen Gründen wollt ' er - im Vorbeigehen gesagt - gern den Glauben im Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen , daß er sehr gut stehe bei seiner vorigen Schülerin , der Ministers-Tochter- Liane , glaub ' ich , wenn ich anders Hafenreffer Hand richtig lese - , und daß er sie oft genug sehe und spreche bei ihrer Mutter . Dazu kam noch , daß kein wahres Wort daran war ; durch den Tempel , worin Liane war , ging kein Durchgang für ihn . Allein um so weniger konnt ' er den Direktor vorauslassen , der sie öfters sah und zu Hause immer eifriger lobte , bloß um die roh unschuldige , von niemand je erzogne Rabette auszuschelten . Der Wiener wollte freilich auch noch den Grafen - dem er nur die Küste der Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte , aber keine Anfurt zur Landung - durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken ( er war unvermögend , ihn länger zu belügen und hinzuhalten ) : denn warum malt ' ers ihm so lange aus , wie giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost über den Retraiteschuß des Bruders , den sie zu innig liebe , auf diese so zarten weißen Herzblätter gefallen sei ? Öfters hing er unter dem Essen breite , von Wehrfritz kontrasignierte Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf , um scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschüler zu größern anzutreiben . Denn wär ' es nicht scheinbar : warum klebt ' er ebenso lange Altarsblätter von Lianens Reizen bei Rabetten auf , bei dieser Unparteiischen , die , nur mit Pfarrers- , nicht mit Ministers-Töchtern wettrennend , fast so freudig städtische Schönheiten wie wir Homerische preisen hörte und vor der nur ein windiger Tropf , der sich vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge auf fremde erhalten will , seine auf Lianen anstimmen konnte ? Wahrlich , vor einer so resignierten und neidlosen Seele , als Rabette war - zumal da ihre Gesichtshaut und Hände und Haare nicht am weichsten waren , wenigstens härter als die Falterleschen - , wär ' ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesen - wie ers doch war - , den glücklichen Erfolg näher zu kolorieren , womit der Minister , um Lianens ungewöhnliche Schönheit der jüngern Jahre durch Erziehung in die jetzigen herüberzubringen , das Seinige getan durch zarte und fast magere Kost - durch Einschnüren - durch Zusperren seines Orangeriehauses , dessen Fenster er selten von dieser Blume eines mildern Klimas abhob - noch weniger hätt ' ich wie er malen können , daß sie dadurch ein zartes , nur aus Pastellstaub zusammengelegtes Gebilde geworden , das die Windstöße des Schicksals und die Passatwinde des Klimas fast zerblasen können - und daß sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus waschen könne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen . - Der flache Wiener , der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden Manne von Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte , ohne leise dabei zu sagen : » Ihr ganz Untertänigster ! « und der von vornehmen Leuten höchstens nur im vertrauten oder satirischen Tone ( seine Konnexion zu zeigen ) , aber nie im ernsthaft-kritischen sprach , war freilich - was doch seine Pflicht war - nicht imstande , den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heißen , unter welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu , mit Lianen , sich gebogen und gedrückt ans Licht aufwinden . Herr v. Hafenreffer macht hier zu seiner Ehre - in Betracht , daß er ein Legationsrat und Lehnpropst ist - die ganz andere , gefühlvollere Bemerkung , daß die harten Erdschichten solcher Verhältnisse , wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern müsse , diese reiner und heller machen , so wie alle harte Schichten Filtriersteine des Wassers sind - und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen , aber auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize . - Aber , guter Zesara ! wenn du nun das alles täglich hören mußt - und wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu schildern vergisset , wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer Zögerung gekränkt , wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das Schulgeld oder eine Einladung gebracht - und wie besorgt und mild und höflich sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man hätte denken sollen , ihr Herz , könne nicht wärmer werden , als schon die Menschenliebe es mache , hätte man nicht ihre noch heißere Tochterliebe gegen die Mutter gesehn - - guter Zesara , sag ' ich , wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der Schwester deines Roquairols - weil jeder , wenn es nur halb praktikabel ist , sich gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalide - und noch überdies von einem Mädchen in der geheiligten Lindenstadt , um welche Don Gaspard , wie die alten Preußen31 um ihre Götter-Haine , noch mystische Vorhänge herumzieht - und was ärger als alles ist , gerade nach deinem 16 1 / 2 Jahre , Zesara , wo schon die Moussons und Frühlingswinde der Leidenschaften über die Blutwellen fahren ! Denn früher freilich wars allerdings von dir mitten im gelehrten Kränzchen von so vielen Linguisten - d.h. von Büchern der Linguisten - von Eklektikern - Ober-Rabbinern - von 10 Weisen aus Morgen- und aus Griechenland - und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen , die das gedachte Weisen-Dezemvirat am Tags-Sterne der Weisen angezündet hatte , da wars wenig zu vermuten , daß dir Amors Turiner Lichtchen , das er noch unaufgebrochen in der Tasche hatte , sehr ins Auge fallen möchte ! - Aber jetzt , mein Lieber , jetzt , sag ' ich ! - Wahrlich nirgends war es uns allen weniger übelzunehmen , wenn wir ungemein attent darauf sind , was er im 21sten Zykel macht , als im zwanzigsten . Vierte Jobelperiode Hoher Stil der Liebe - der gothaische Taschenkalender - Träume auf dem Turme - das Abendmahl und das Donnerwetter - die Nachtreise ins Elysium - neue Akteurs und Bühnen und das Ultimatum der Schuljahre 21. Zykel Wie viele selige Adams von 16 1 / 2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen künftige Schoßjüngerin erschaffen sehen ! - Aber sie suchen sie nicht , wie der erste Adam , neben sich auf der Baustelle , sondern recht weit vom eignen Lager , weil die Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit . Daher setzet sich jeder Jüngling mit dem Glauben auf die Post , daß in den Städten , wohin er eingeschrieben ist , ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Haustüre stehen als in seiner verdammten ; - und die Jünglinge jener Städte sitzen wieder ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein . Ach das klingt für alles , was ich vorhabe , viel zu rauh und roh , und mir ist , als bring ' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die starre schwere dicke Porzellanrose ! - Albano , ich will dein stilles , dicht verhangenes Herz aufdecken und aufschließen , damit wir alle darin Lianens Heiligenbild , die aufschwebende Raffaels-Marie , aber , wie Heiligengestalten in der Leidenswoche , hinter dem Schleier hängen sehen , den du bebend wegziehest , um es anzubeten , wenn du die Andachtsbücher - die Romane - aufschlägst und wenn du darin die Gebete antriffst , die deiner Heiligen gehören . Sogar mir wird es schwer , nicht , wie du und die Alten , den Namen deiner Schutzgöttin zu verheimlichen - über innere Geistererscheinungen ( denn äußere sind Körpererscheinungen ) schweiget der Seher gern neun Tage lang - und bei deinem blöden Glauben an einen tausendmal höhern Tugendgehalt Lianens , als deiner ist , und bei deiner heiligen Ehrliebe , die über die fremde wacht , ist dirs freilich ein Rätsel , wie andere , z.B. der Wiener oder Wehrfritz , ohne das geringste Erröten so laut und lieb von ihr sprechen konnten , da du selber kaum wagst , vor andern viel von ihr zu - träumen . Wahrlich , Albano ist ein guter Mensch ! - Ferner , wie vollends eine solche in gediegnen Äther vererzte lichte Psyche wie Liane , etwa gleich dem auferstandnen Christus , Karpfen essen und ausgräten könne - oder mit den langen hölzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen Napfe umstechen - oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer Schmetterling - oder wie sie laut lachen könne ( das tat sie aber auch nie , mein Freund ! ) : alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Rätsel und eine wahre Unmöglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung ; was soll ichs verhalten , daß er über ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fußtritte von Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde , und daß er für irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr - ich nenne nur einen Zwirnwickler oder eine Tambourblume - nichts Geringeres hingegeben hätte als ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fässern der heiligen Nägel und mehrere apostolische Kleiderschränke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu . - So hab ' ich oft sehnlich gewünscht , nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und anzugreifen . - So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser außer Landes als ähnliche feine ätherische Gebilde vor , von denen schwer zu fassen ist , wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar Stiefel gebrauchen können ; es ist , als wenn die Leute zusammenführen , wenn sie etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasiermesser - Shakespeares englischem Sattel Rousseaus Bärenmütze - des Psalmodisten Davids Nabel - Homers Ärmel - Gellerts Zopfband - Ramlers Schlafmütze - und der Glatze unter der meinigen , wiewohl sie wenig mehr bedeutet . Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens - da eine Jungfrau durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt als durch Lobreden , die ihr seine Eltern geben - dadurch ansehnliche Zuschüsse , daß er die ländlich- und wie er selber lachende Rabette häufig mit jener wog , und seine nachgiebige Frau heimlich mit der strengen Ministerin ; er nahm dann Gelegenheit , auseinanderzusetzen , nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese Kontrapunktistin die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne und wie sie besonders Roheit und Gelächter ausmerze . Die weiblichen Seelen sind Pfauen , deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweißten Wohnungen unterbringen muß , indes unsere in Entenställen sauber bleiben . - Albano zeichnete sich Mutter und Tochter bloß in den doppelten Gestalten vor , worin uns Maler die Engel geben , nämlich die verständige strenge Mutter als einen , der in einer langen Wolke steckt , nur mit dem Kopfe sichtbar , und Liane als ein verklärtes Kind , das mit den zarten Flügeln eine weiße Wolke umflattert . Nur etwas , und wär ' s eine verblichene zerfallne Rose aus Seide , wünscht ' er sich herzlich aus Pestitz - und konnte doch verschämt den Wiener um nichts ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen , obwohl verräterisch-erglühend , um eine Stunden-Marke ; » denn er habe noch keine gesehen « , sagt ' er . - Falterle hatte noch eine in der Tasche - die Zahl 15 , Lianens voriges Alter , stand darauf - sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben - etwas wars immer . Ach konnt ' er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliothek der Ministerin angehen , in welchen die Tochter gewiß gelesen , ja sogar einige Lesezeichen vergessen haben wird ? - Er tats auch ; aber Wehrfritz verwünschte und verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe ; auch vergaß ers über fünfmal , einige zu fordern ; und endlich bracht ' er ihm einen von Madame Genlis mit , samt einem gothaischen Taschenkalender . Diese Bücher der Seligen wogegen meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende remittenda sind - hatten alle Stempel weiblicher Bücher ; denn sie trugen alle Zieraten weiblicher Köpfe , nämlich einen Fingerhut voll Puder wie diese - seidne Band-Endchen wie diese , als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektüre - und einen Wohlgeruch wie diese ( den Semler auch an alchymischen rühmt ) , welchen sie aus den Blüten des Paradieses angezogen zu haben schienen . Ach seliger Leser des schönsten Buchs ( ich meine den Grafen ) , willst du mehr ? Allerdings ; und er fand auch mehr , nämlich hinten im gothaischen Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblättern die Worte : » Armenkonzert d. 21. Februar « und » Schauspiel für die Armen d. 1. Nov . « - Ich habe auf meiner Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche geklopft . - » Das ist ja meiner Schülerin Hand « ( sagte Falterle ) - » sie versäumt mit ihrer Mutter so was selten , weils der Minister nicht leidet , daß sie sonst den Armen viel geben . « - - Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer Handschrift auf - da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als auf Papier und da gerade eine Gelehrte , ungleich den Gelehrten , mehr Kalligraphie hat als Ungelehrte - , sondern lasset mich zur Wirkung dieser Inkunabeln Lianens eilen , deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Blätter an Heiligkeit den Briefen gleichen , die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen . Erst jetzt war ihm , als wenn der fliegende Engel , dessen Schatten nur vorher über die Erde weglief , die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom Stande Albanos die Niederfahrt halte . Er lernte den gothaischen Taschenkalender auswendig . Da er glaubte , Liane sei viel sanfter und besser als er , und da sie ihm wie der Hesperus vorkam , der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um die Sonne geht , und er sich als der ferne Uranus , ders mit der größten tut ; - und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte , einmal vor der moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zurückzustehen : so wurd ' er auf einmal ( kein Mensch wußte warum ) leiser , milder , williger , über seine Außenseite wachsamer , dem Wiener folgsamer - denn Liane wars ja auch gewesen - , und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt . Der Nordamerikaner betet die Gestalt , die ihm in dem Traume erscheint , als seinen Schutzgeist an : o wird nicht oft ebenso für den Jüngling ein schöner Traum sein Genius ? 22. Zykel Ein Pfingsten , wie ichs jetzt beschreiben will , Albano , trifft man außer in der Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner ! Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines markigen feuerfesten Jünglings angehört , als einmal der Direktor es nach Hause brachte , daß die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das Abendmahl empfangen lasse , weil sie besorge , der Tod halte solche für eine Erdbeere , die man pflücken müsse , ehe sie die Sonne beschienen . - Ach Albano sah nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote Beere tappen und sie ertreten . Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge , weil sie bisher verstummen mußte , ihm wie einer Progne nur die gemalte Geschichte ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentblätter ! - Alle liebenden Empfindungen gehen , wie Gewächse , bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller in die Höhe ; Albano fühlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine quälende Fieber-Wärme in seinem vom Tode ausgehöhlten Herzen . - Auf eine sonderbare Art mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem Österleinschen Flügel die geträumten Töne von Lianens Stimme und das tönende Weinen , die Harmonika , die sie spielen konnte und die er nie gehört , gleichsam als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen . Aber nicht genug : er schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel ( du gute Seele ! ) , worin er alle seine zartesten und bittersten Gefühle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber sie fürchterlich anfachte , indem er sie ausdrückte . - Jeder kann merken , daß er damit dem Schwätzer und Spione , dem Zufalle , entgehen wollte ; aber nicht jeder merkt - etwas ganz Eigenes : in fremdem Namen dürf ' er , glaubt ' er , dem tiefen Schmerze eine heftigere Sprache geben , zu welcher er in seinem vor so vielen stoischen klassischen Helden verschämt den Mut nicht hatte . So aber konnten die Klassiker nichts anfangen . Das stille warme Schwärmen wuchs unter dieser bedeckenden heißen Glasglocke noch viel größer ; nämlich dergestalt , daß er die Pflegeeltern rührend bat , ihn am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen . Die Baufälligkeit der Dorfkirche , worin man es schwerlich ein Jahr später nehmen konnte , mußte für ihn so gut wie die körperliche für Liane sprechen . - Ewig wird den armen , durch Leiber und Wüsten zerteilten Menschenseelen die Sehnsucht bleiben , miteinander wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun , zu einer Stunde Blicke an den Mond , oder Gebete über ihn hinauf ( wie Addison erzählt ) ; und so ist dein Wunsch , Albano , ein menschlicher , zarter , mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der Krönung des innern Menschen ! - Er hatte auf dem stillen Lande den Altar der Religion in seiner Seele hoch und fest gebauet , wie alle Menschen von hoher Phantasie ; auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen . Aber ich werde ihn nie früher in die Pfingstkirche begleiten als auf den Kirchturm . Gibt es etwas Trunkneres , als wenn er damals an schönen Sonntagen , sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm , zum Glockenstuhle des Turms aufstieg und , überdeckt von den brausenden Wellen des Geläutes , einsam über die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhügel der geliebten Stadt ? - Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander- und zusammenwehte ; und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager des hüpfenden Frühlings und die roten Schlösser an den weißen Straßen und die langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrünen Saaten und der um reiche Auen gegürtete Strom und die blauen Berge , diese rauchenden Altäre der Morgenopfer , und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dämmernd überfüllte und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien : o dann ging sein inneres Kolosseum voll stiller Götterformen der geistigen Antike auf , und der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes magisches Leben umher - - und da sah ' er unter den Göttern einen Freund und eine Geliebte ruhen , und er glühte und zitterte .... Dann schwankten die Glocken bang-verstummend aus - er trat vom hellen Frühlinge in den dunkeln Turm zurück - er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm , in welche die ferne Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling , eine vorbeikreuzende Schwalbe und eine vorüberwogende Taube - der blaue Schleier des Äthers34 . flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten Göttern in der Weite - o dann , dann mußte das berückte Herz verlassen ausrufen : ach wo find ' ich in