paar große Augen an den Mann machte , der einer Unbekannten so sonderbare Fragen vorlegte , und ihr dennoch , seines schlechten Aufzugs ungeachtet , Ehrfurcht und Zutrauen einzuflößen schien . - » Aha ! Nun versteh ich ; du bist Eigenthümerin einer großen Fabrik , worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld für dich verdienen ? « - Ich ? ich besitze nichts dergleichen . - » Wovon kannst du denn einen solchen Aufwand machen ? « - Die Freigebigkeit meiner guten Freunde , erwiederte sie erröthend , und hielt inne - » Gute Freunde ? Das gesteh ' ich ! Da hast du allerdings ein großes Besitzthum . Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer Reichthum als eine Heerde Rinder , Schafe und Ziegen ! Aber wie fängst du es an , schöne Theodota , daß du so gute Freunde bekommst ? Läßt du es auf den Zufall ankommen , ob sich so ein Freund , wie eine Fliege , von ungefähr an dich setzt , oder gebrauchst du etwas Kunst dazu ? « - Ich verstehe dich nicht ; wie käme ich zu einer solchen Kunst ? » Wenigstens so leicht als eine Spinne . Du weißt doch wie sie es machen , um sich ihren Unterhalt zu verschaffen ? Sie weben eine Art feiner Netze ; die Mücken verfangen sich darin , und dienen ihnen zur Speise . « - Ich soll also auch so ein Netz weben , meinst du ? - » Warum nicht ? Du wirst dir doch nicht einbilden , daß ein so köstliches Wildbret , als gute Freunde sind , dir so ohne alle List und Mühe , mir nichts dir nichts , in die Küche laufen werde ? Siehst du nicht , wie mancherlei Anstalten die Jäger machen , um nur einen schlechten Hasen zu erhaschen ? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht , schaffen sie sich Hunde an , die bei Nacht jagen ; und weil er ihnen bei Tage entlaufen würde , halten sie Spürhunde , die , wenn er von der Atzung in sein Lager zurückgeht , seiner Fährte folgen und ihn dort zu fangen wissen . Weil er so schnellfüßig ist , daß er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt , haben sie Windspiele bei der Hand , die ihn im Laufen fangen ; und da er ihnen auch so vielleicht noch entrinnen könnte , stellen sie überall , wohin er seinen Lauf nehmen könnte , Jagdnetze auf , worein er sich verwickeln muß . « - Das alles mag zur Hasenjagd sehr dienlich seyn , sagte Theodota mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen ; nur sehe ich nicht , welches von diesen Mitteln mir dienen könnte um Freunde zu erjagen . - » Was meinst du , Theodota , wenn du dir statt eines Spürhundes jemand anschaffen könntest , der die Gabe hätte dir die reichen Dilettanten auszuriechen und in deine Netze zu jagen ? « - In meine Netze ? Was für Netze hätte ich denn ? - » Das fragst du , schöne Theodota ? Eines wenigstens gewiß , das auf alle Fälle schon weit reicht , und von der Natur selbst gar zierlich gestrickt wurde ; und wie kannst du vergessen , daß du in diesem schönen Leibe eine Seele hast , die dich lehren könnte , wie du die Augen brauchen mußt um die Männer durch deine Blicke zu bezaubern ; was du reden mußt um sie aufgeräumt und fröhlich zu machen ; wie du den , der dich ernstlich liebt , durch die Anmuth deines Betragens fest halten , und den Lüstling , der nur in deinen Reizen schwelgen will , abschrecken und entfernen sollst . Und hast du nicht auch ein Gemüth , das dich an deinem Freunde Antheil nehmen macht ? Das dich antreibt die zärtlichste Sorgfalt an ihn zu verschwenden wenn er krank ist ; ihm die lebhafteste Theilnehmung zu zeigen wenn er irgend etwas Rühmliches gethan hat , und mit ganzer Seele an ihm zu hangen , wenn er dir Beweise gibt , daß auch er es recht herzlich mit dir meine ? Ich zweifle nicht , du kannst mehr als nur liebkosen , du kannst auch lieben ; und du machst dir ein Geschäft daraus , die Gewalt , die du über die Gemüther deiner Freunde hast , dazu anzuwenden , sie zu den edelsten und besten Menschen zu machen . « - Ich versichre dich ( sagte Theodota , indem sie den Mund mehr als nöthig war aufthat , um uns zwei Reihen der schönsten Perlenzähne zu weisen ) , von dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen . - » Das ist mir leid für dich ; denn es ist nichts weniger als gleichgültig , ob man den Menschen gehörig und seiner Natur gemäß behandelt , oder nicht . Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen Freund weder bekommen noch behalten ; das ist ein Wild , das sich nicht anders fangen und an die Krippe gewöhnen läßt , als daß man ihm wohl begegnet und Vergnügen macht . Das erste also , worauf du zu sehen hast , ist , daß du von deinen Liebhabern nichts verlangest als was sie dir leicht und mit dem wenigsten Aufwand gewähren können ; das zweite , daß du ihnen in eben dieser Art keine Gefälligkeit schuldig bleibest . Dieß ist ein unfehlbares Mittel zu machen , daß sie dich immer lieber gewinnen , dich desto länger lieben und desto freigebiger gegen dich sind . Du weißt , warum es ihnen eigentlich bei dir zu thun ist ; und es ist wohl nicht deine Meinung die Tyrannin mit ihnen zu spielen . Das , wovor du dich hüten mußt , ist also bloß , vor lauter Gefälligkeit , dem Guten nicht zu viel zu thun . Du siehest daß die leckerhaftesten Gerichte dem , der keine Lust zum Essen hat , nicht schmecken wollen , und dem Satten sogar Ekel erwecken : kannst du hingegen deinem Gaste Hunger machen , so wird ihm auch gemeine Kost willkommen seyn . « - Was müßt ' ich denn thun ( sagte Theodota mit der schafmäßigsten Miene in einem der schönsten Gesichter ) , um denen die mich besuchen Hunger zu machen ? - » Vor allen Dingen dich wohl in Acht nehmen , ihnen wenn sie satt sind nichts weiter vorzusetzen , geschweige sie noch gar nöthigen zu wollen . Lässest du ihnen Zeit , so wird der Appetit von selbst wiederkommen ; wenn du aber siehest , daß dieß der Fall ist , so übereile dich ja nicht ; locke sie durch die artigsten Manieren , die feinsten Liebkosungen : sey lebhaft , reizend , sogar muthwillig ; aber entschlüpfe ihnen immer wieder wenn sie dich zu haben meinen , und ergib dich nicht eher , bis du gewiß bist daß sie den höchsten Werth auf deine Gefälligkeit legen . « - Diese Lehre schien der jungen Person einzuleuchten . Wenn nur du , sagte sie und lächelte den alten Herrn so holdselig an als ihr möglich war , wenn nur du mir Freunde jagen helfen wolltest ? - » Warum nicht , wenn du mich dazu bereden kannst ? « - Das möchte ich wohl gern , wenn du mir nur sagen wolltest , wie ich es machen muß . - » Das ist deine Sache ; du mußt eine Seite ausfindig machen , wo du mir beikommen kannst . « - So besuche mich nur recht fleißig , lieber Sokrates ! - Ich habe nur nicht viel übrige Zeit , meine gute Theodota , erwiederte Sokrates , der des Scherzens mit der albernen Puppe überdrüssig zu werden anfing ; meine häuslichen und öffentlichen Geschäfte lassen mir wenig müßige Augenblicke . Auch habe ich eine hübsche Anzahl guter Freundinnen , die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen , weil ich sie gar wirksame Liebestränke und Zauberlieder lehre . - Ei , was du sagst ! Verstehst du dich auch auf solche Dinge , Sokrates ? - » Wie sollt ' ich nicht ? Meinst du der Apollodor und der Antisthenes hier gehen mir um nichts und wieder nichts nie von der Seite ? Oder Cebes und Simmias kommen ohne ihre guten Ursachen bloß meinetwegen bis von Theben hergelaufen ? Du begreifst doch daß so was nicht ohne Hexerei und Liebestränke und Zauberschnüre möglich ist . « - So sey so gut und leihe mir eine solche Schnur , damit ich sie gleich auf dich werfen kann . - » Ich will aber nicht zu dir gezogen seyn , sagte Sokrates lächelnd , du sollst zu mir kommen . « - Von Herzen gern , wenn du mich nur annehmen willst . - » Das will ich wohl , es wäre denn daß eben eine bei mir wäre die ich lieber habe . « - Hier endigte sich dieser in seiner Art einzige Sokratische Dialog ; 85 wir empfahlen uns und gingen lachend unsres Weges . Schade , sagte Lais , daß so viel Witz und Laune an so ein Attisches Hühnchen verschwendet wurde ! Ich hätte mir nie vorgestellt , daß es eine so erzeinfältige Hetäre in einer Stadt wie Athen geben könnte . - Das macht , sie ist eine geborne Athenerin , eines ehrsamen Bürgers Tochter , so wohl erzogen wie du vorhin sagtest daß die Griechischen Töchter beinahe alle erzogen würden , und bloß durch Armuth und Hang zum Müßiggang und zur Ueppigkeit verleitet , sich in eine Profession zu werfen , worin sie , ungeachtet aller Mühe , die sich Sokrates selbst mit ihr gegeben , schwerlich jemals eine Virtuosin zu werden die Miene hat . Aber weißt du , sagte Lais , daß ich ganz verliebt in deinen Sokrates bin , und große Lust habe , dich nach Athen zu begleiten und seine Schülerin zu werden ? - Beim Anubis ! fuhr ich etwas unbesonnen heraus , ich traue dir Muthwillen genug zu , einen solchen Einfall , wenn er dich anwandelt , auszuführen . Niemand kann eine größere Meinung von deiner Zaubermacht haben als ich ; ich glaube daß dir - alles mögliche möglich ist ; und doch wollte ich dir nicht rathen , diese Probe an dem kaltblütigsten Achtundsechziger , den vermuthlich der Erdboden trägt , zu machen - falls es dich etwa verdrießen könnte wenn sie fehl schlüge . - Reize mich nicht , Aristipp ! versetzte sie ; wer weiß wie weit ich es , trotz seiner achtundsechzig Jahre und seiner Kaltblütigkeit , mit Hülfe seiner eigenen Theorie , bei ihm bringen könnte ? Ich schmeichle mir , Freund Kleonidas , durch die großmüthige Vertraulichkeit , womit ich dich an meinem neuen Verhältniß und der schönen Lais Theil nehmen lasse , einigen Dank von dir zu verdienen ; und in dieser gerechten Voraussetzung könnt ' ich mich leicht zu der angenehmen Arbeit entschließen , eine Art von Tagebuch über alles Merkwürdige , was während meines Aufenthalts in Aegina vermuthlich noch begegnen wird , für dich zu halten . Freilich werd ' ich wenig Zeit zum Schreiben haben , und große Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner glänzendsten Tugenden . Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben . Ich überlasse mich , wie du weißt , am liebsten den Eingebungen des Augenblicks , und so thue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte . Mein Wirth Eurybates , der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer beladen ist , besitzt wenigstens Eine , und gerade die , wodurch er sich jetzt am meisten um mich verdient machen kann , in einem hohen Grade ; und das ist die edle Tugend , seinen Freunden nicht durch übermäßige Dienstgeflissenheit lästig zu seyn , und sie ihrer Wege gehen zu lassen , wenn er merkt daß ihnen ein Gefallen damit geschieht . Ich gestehe daß mir anfangs ein wenig bange war , ich möchte ihn bei der schönen Lais in meinem Wege finden . Aber nichts weniger ! man sieht ihn nie in ihrem Hause als wenn sie große Gesellschaft hat , und auch dann ist er eine ziemlich seltene Erscheinung , und oft schon wieder verschwunden , ehe man seine Gegenwart recht gewahr wurde . Auch zeigt er nicht die geringste Neugier , von meinem Verhältniß gegen sie mehr zu wissen als andere . Kurz , es ist etwas ganz Exemplarisches , wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich sind . - Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgültigkeit gegen eine Nachbarin , wie es keine andere in der Welt gibt ? Es ging mir wie dir ; ich erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Thun und Lassen , und es entdeckte sich , als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen Tugenden , daß - mein Freund Eurybates bis über die Ohren in Liebe zu einer - Dame in Aegina , der Frau eines dasigen Rathsherrn , befangen ist , die ihn so künstlich bei der Nase herumzuführen weiß , daß er sich ihr für das Opfer ihrer Tugend zu gränzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt , während die gleißnerische Spitzbübin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und wohlweisen Gemahl angelegt hat , ihm ihre besagte Tugend so theuer zu verkaufen , daß er sich für das , was sie ihn kostet , das schönste Haus , die schönsten Gemälde und Statuen , die schönsten Pferde und Hunde , und ein Halbduzend der schönsten Tänzerinnen und Flötenspielerinnen im ganzen Achaja hätte anschaffen können ; wiewohl noch viel fehlt , daß sie die schönste Frau auch nur in Aegina wäre . So spielt » der Götter und der Menschen Herrscher Amor « einem Abkömmling des großen Kodrus mit , mein Freund . 15. An Kleonidas . Vor einigen Tagen langte ein junger Künstler aus Paros auf dem Landsitze der schönen Lais an , um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu überbringen , welche Leontides , kurz vor seiner Reise in das Land , aus welchem man nicht wiederkommt , bei ihm bestellt hatte . Sie war für einen kleinen Tempel in dem Myrtenwäldchen bestimmt , das einen Theil der weitläufigen Gärten dieser schönen Villa ausmacht ; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell dazu dienen müssen . Es versteht sich , daß diese Venus - zwar nur hier und da von einem nebelartigen Gewand umflossen , aber doch nicht gewandlos ist ; denn zu einer noch größern Gefälligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht bequemen wollen . Die Stellung , die der Eupatride selbst gewählt hat , und die dir keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird , ist der Augenblick , da die junge Göttin zum erstenmal in der Olympischen Götterversammlung erscheint . Die Ausführung läßt von dem jungen Künstler , der sich Skopas86 nennt , noch viel Schönes und Großes erwarten ; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres aufstellen , als der Kopf und der halb entblößte Oberleib dieser Liebesgöttin ist . - » Man verlangt von uns , « sagte mir Skopas , daß wir göttliche Naturen nach einem höhern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt : aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschönern ; mir war nur bange daß ich es nicht würde erreichen können , und in der That bin ich noch nicht mit mir selbst zufrieden . - Ich der das Werk freilich mit keinem Künstlerauge ansah , wußte , sogar wenn Lais dabei stand , nichts zu finden , worin es dem Urbilde noch ähnlicher seyn könnte . Selbst den Geist , der die Beschauer anzusprechen scheint , ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfräulicher Befangenheit und innigem Selbstbewußtseyn dessen was sie ist , hat er aus dem Zaubergesichte meiner schönen Freundin herausgestohlen ; gleich beneidenswürdig , es mag Geschicklichkeit oder Glück seyn , wodurch es ihm gelang . Fühlt ihr ' s , scheint sie den um sie her sich drängenden Göttern zu sagen , daß ich die Göttin der Schönheit bin ? Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen für mich , und wiewohl viel fehlt , daß ich es auch für ihn seyn müßte , so scheint er doch einiges Belieben an meiner Unterhaltung zu finden , und ich bringe täglich etliche Stunden in seiner Werkstatt zu . Denn außer der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des Eros und Anteros , und einige Stücke in halberhabener Arbeit zu fertigen , die für den kleinen Tempel bestimmt sind . Er ist ein helldenkender Kopf , und hat ( wie ich sehe ) ohne es von Sokrates gelernt zu haben , ausfindig gemacht , daß ein Bild eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll , sich bewußt zu seyn , als Leben zu athmen , scheinen müsse . Seiner Versicherung nach , hat er es dem berühmten Sophisten Prodikus zu danken , daß er von Natur und Kunst , und von dem was für den Menschen in beiden das Höchste ist , klärere Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten . Lais ist nicht selten die dritte Person in seinem Arbeitsaale , und wenn ich zur Eifersucht geneigt wäre , so käm ' es bloß auf mich an , in dieser häßlichen Leidenschaft schnelle und große Fortschritte zu machen . Denn es ist nicht zu läugnen , daß Skopas durch seine Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat , und ich müßte mich sehr irren , oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet , da er wirklich ein liebenswürdiger junger Mann , und , dem Ansehen nach , von unverdorbenen Sitten ist . Wie ich mich in dieser Lage benehme , fragst du ? - wie ein weiser Mann , Kleonidas ! Ich scheine nichts zu merken , nichts zu fürchten , nichts vorauszusehen ; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler , freundschaftlich und anspruchlos gegen die Dame des Hauses , und glaube durch dieses Betragen bei der letztern desto mehr zu gewinnen , da der gute Skopas ( wie alle Göttermacher , denke ich ) ziemlich hitzig ist , und einen zu seinem Nachtheil begünstigten Mitwerber nicht so leicht ertragen könnte als ich , der sich ' s zum Gesetz gemacht hat , den Grazien keine Gunst weder abverdienen , noch viel weniger abnöthigen zu wollen . Daß wirkliche Gleichgültigkeit die Quelle meiner anscheinenden Ruhe seyn könnte , ist ein Gedanke , der ihr gar nicht in den Sinn kommt . Gestern traf Lais die Einrichtung , daß wir den ganzen Tag ungestört allein beisammen seyn konnten , weil Skopas noch eine Sitzung nöthig fand , um den Kopf seiner Venus zu vollenden . Gleichwohl schien er selbst nicht recht zu wissen , was noch fehlen sollte , und begnügte sich indessen , hier und da mit leisen Schlägen an den Haarlocken herum zu spielen . In der That hatte er etwas ganz anderes auf dem Herzen , und weil ihm vermuthlich keine feinere Wendung , um die Sache einzuleiten , beifallen wollte , fing er zuletzt an , eine Art von mißmüthiger Laune zu zeigen , zu welcher nirgends ein sichtbarer Grund vorhanden war . Was fehlt dir , Skopas ? fragte ihn Lais endlich in einem so sanften Ton , als ein übellauniger Ehemann von der geduldigsten Gattin nur immer verlangen könnte . - » Ich kann es nicht länger verbergen , ich bin ärgerlich , daß einem Bilde wie dieß etwas fehlen soll . « - Und was fehlt ihm denn noch ? fragte ich so bescheiden als einem in den Mysterien der Kunst Uneingeweihten gebührt . - Alles , antwortete Skopas . - Alles ist viel , sagte Lais mit einem komischen Zucken der Augenbrauen und Lippen : arme Aphrodite ! da müßten wir dich ja gar in irgend einen unzugangbaren Gartenwinkel verbannen ? Skopas . Genug , es fehlt ihr daß sie nicht so schön ist als sie seyn könnte ; ich nenne dieß Alles . Lais . Erkläre dich , lieber Skopas . Du siehest mehr als wir andern . Glaubst du noch etwas verbessern zu können ? Bricht sich vielleicht irgend eine Falte nicht zierlich genug ? Ich will dir gern noch stehen , so oft und lange du es nöthig findest . Eine Falte ? sagte Skopas mit einem schweren Seufzer ; die Falten sind es eben was mich ärgert ; die Göttin der Schönheit sollte gar keine Falten haben ! Lais . Also ein nasses Gewand , meinst du ? Skopas . Wozu überall ein Gewand ? Kann das verwünschte Gewand , wie leicht es auch geworfen ist , etwas anders thun als die Schönheit umwölken , die , vermöge ihrer Natur , nichts , was nicht wesentlich zu ihr gehört , an sich dulden kann ? Lais . Kommst du wieder auf deine alte Grille ? Skopas . Verzeih ' , schöne Lais ! daß die Göttin der Schönheit auch durch die zierlichste Bekleidung verliert , ist Natur der Sache ; das Grillenhafte - es muß nun einmal heraus - ist die falsche Scham , die eines edlen und freidenkenden Wesens unwürdig ist . Daß ein einfältiges Ding von einem Attischen Bürgermädchen , wiewohl es sich den Augen der Künstler ohne Bedenken stückweise vermiethet , sich mit Zähnen und Klauen wehrt , wenn es sein letztes Gewand fallen lassen soll , begreift sich und hat immer seine guten Ursachen . Aber was für einen Grund könnte eine untadelige Schönheit haben , sich verbergen zu wollen ? Ohne Verschleierung gesehen zu werden , ist ja ihr höchster Triumph . Lais . Und wenn sie nun keine Lust hätte sich dem möglichen Fall auszusetzen , von lüsternen Augen entweiht zu werden ? Skopas . Das ist als wenn die Sonne nicht leuchten wollte , um ihr Licht zu keinen schlechten Handlungen herzugeben . Vollkommene Schönheit ist das Göttlichste in der Natur ; so betrachtet sie das reine Auge des wahren Künstlers , so jeder Mensch von Gefühl ; für beide ist sie ein Gegenstand der Anbetung , nicht der Begierde . Lais . Das mag von der Göttin selbst gelten , Skopas ; aber welche Sterbliche dürfte sich ohne Uebermuth einer vollkommenen Schönheit vermessen ? Skopas . Wenn dieß deine einzige Bedenklichkeit ist , so hab ' ich gesiegt . Ich nehme die Verantwortung bei der furchtbaren Nemesis auf meinen Kopf . Lais . Komm mir zu Hülfe , Aristipp ! du siehst mit was für einem verwegenen Menschen ich zu kämpfen habe . Aristipp . Ich fürchte sehr , du wirst einen schwachen Beschützer an mir haben . Der Genius der Kunst ist auf seiner Seite ; das Rathsamste wäre , däucht mich , einen gütlichen Vergleich mit ihm zu treffen . Lais ( in einem tragischen Ton ) . Auch du gegen mich , du den ich für meinen Freund hielt ? Nun dann , wenn ich ja das Opfer seines Eigensinns werden soll . Skopas . Um Vergebung , schöne Lais ! Ich fühle daß mich das Interesse meiner Bildsäule und der Kunst über die Gebühr zudringlich gemacht hat . Ich besinne mich . Es wäre allerdings unbillig - in der That - am Ende bist auch du nur eine Sterbliche - Aristipp . Mir fällt ein Ausweg ein , der , wofern er deinen Beifall hat , schöne Lais , den Künstler zufrieden stellen könnte . Wenn mich meine Augen nicht sehr getäuscht haben , so ist unter deinen Aufwärterinnen eine , welche völlig deine Größe hat , und , die Gesichtsbildung ausgenommen , dir an Gestalt so ähnlich ist , daß sie in einiger Entfernung leicht mit dir verwechselt werden könnte . Wie wenn du diese an deiner Statt der Kunst Preis gäbest ? Skopas . Dem Aristipp ist ' s zu verzeihen , einen solchen Vorschlag gethan zu haben ; ich machte mich des Namens eines Künstlers auf immer unwürdig , wenn ich ihn annähme . Meine Venus muß in sich selbst vollendet , muß ( so zu sagen ) eine reine Auflösung des Problems der Schönheit seyn ; nicht das leiseste Mißverhältniß darf die vollkommne Symmetrie aller Theile und die höchste Einheit des Ganzen stören . Lais . Dieses Unglück ist leicht zu verhüten . Wir lassen das Bild , wozu ich selbst , weil es mein ehmaliger Gebieter wollte , zum Modell dienen mußte , wie es ist , wenig und leicht genug bekleidet , sollt ' ich denken , um einen nicht gar zu eigensinnigen Kunstliebhaber zu befriedigen ; und weil Skopas so große Lust hat , seine Idee einer vollkommenen Schönheit in einer ganz enthüllten Aphrodite darzustellen , so überlasse ich ihm meine Lesbia dazu . Ihr Gesicht mag wohl einiger Verschönerung fähig seyn : aber dafür bin ich gut , daß er im ganzen Griechenland und allen seinen Inseln keinen schönern Körper finden soll . Skopas . Als den , dessen Hälfte in diesem Bilde eine jede andere , als die Göttin selbst , eifersüchtig machen muß . Lais . Da mich Skopas aus billiger Rücksicht daß ich doch nur eine Sterbliche bin , und also meine geheimen Ursachen haben kann , ein für allemal dispensirt hat , so kann von mir nicht mehr die Rede seyn . Ungütige Lais , rief Skopas , gewiß zweifelst du nicht , daß das in einer ganz andern Absicht gesagt wurde ? Wirklich ? versetzte sie mit einer naiven Miene , deren Ironie der junge Mann nur zu stark zu fühlen schien ; aber was sollte man einem so heißen Liebhaber seiner Kunst nicht zu gut halten ? Und wie könnt ' ich dir meinen Dank für deine andere Absicht thätiger beweisen , als indem ich dir in meiner Lesbia eine so reiche Entschädigung anbiete ? Dieß war zu viel für die Empfindlichkeit und den Stolz eines Künstlers , der sich auf einmal , wiewohl durch seine eigene Unvorsichtigkeit , von einer schon nahe geglaubten Hoffnung herabgestürzt sah . Ich werde mein Aeußerstes thun ( sagte er , sich vergeblich bemühend ihre Ironie mit einer eben so naiven Miene zu erwiedern ) , um dich von dem hohen Werth zu überzeugen , den ich auf die reiche Entschädigung lege , die du mir versprichst . Ich gehe mit deiner Erlaubniß sogleich , um zu dem neuen Werke , das du mir aufträgst , Anstalt zu machen . Was für ein reizbares Völkchen diese Götter- und Menschenbildner sind , sagte Lais als Skopas sich entfernt hatte . - » Du mußt es ihm zu gute halten , schöne Lais ; er fiel auf einmal von einer so schönen Hoffnung herab ! « - Aber that ich nicht wohl daran , fuhr sie fort , daß ich seinem grillenhaften Eigensinn nicht nachgab ? - Wenn ich meine Meinung unverhohlen sagen soll , erwiederte ich , so ist die Idee der Göttin der Schönheit , wie sie unter den Händen ihrer Dienerinnen , der Grazien , mit ihrem Gürtel geschmückt hervorgeht , erst lebendig in mir geworden , seitdem ich dieses Bild gesehen habe . Skopas hat unstreitig Recht , wenn er behauptet , daß die Bekleidung der Schönheit insofern nachtheilig ist , als sie uns die reinen Formen der bedeckten Theile mehr oder weniger entzieht , und das Ganze mehr errathen als sehen läßt . Aber er hat Unrecht zu vergessen , daß Schönheit mit Grazie in Eins verschmolzen eine viel stärkere Wirkung thut ; und ich wenigstens bin überzeugt , daß eine Bekleidung wie diese hier ( die Bildsäule stand uns gegenüber ) gerade das ist , was jene Vereinigung bewirkt und einen großen Theil ihres Zaubers ausmacht . Während sie die Schönheit des Unverschleierten dem äußern Sinn auffallender macht , setzt sie zugleich den innern in Bewegung , und verdoppelt das Vergnügen des Anschauers , indem sie die Einbildungskraft beschäftigt , mit leiser lüsterner Hand den neidischen Schleier von dem Verhüllten wegzuziehen . Lais . Das ist es eben was ich meinte . Ich . Und was ich nicht hätte sagen sollen , denn ich rede gegen mein eigenes Interesse . Vielleicht hättest du mir erlaubt zugegen zu seyn , wenn du dem Verlangen des Skopas nachgegeben hättest ? - Du sollst nichts dabei verlieren , daß es nicht geschehen ist , sagte sie , indem sie mir die Hand reichte , und mich durch eine kleine Galerie in einen anmuthigen , einsamen Theil des Gartens führte ; ich glaube zu fühlen , daß wir dazu geboren sind Freunde zu seyn . Es gibt keine ewige Liebe ; aber Freundschaft ist ewig , oder verdiente diesen Namen nie . - Der Altar hier ist dieser Unsterblichen geheiligt . Hier , Aristipp , lass ' uns schwören , Freunde zu bleiben so lange wir leben , und dieser erste Kuß sey das Siegel unsers schönen Bundes . - Beneide mich nicht zu sehr , guter Kleonidas ! Lais ist eine große Zaubrerin ; sie läßt immer noch viel zu wünschen übrig , und indem wir uns trennen müssen , wundre ich mich hintennach , wie wenig das war , wodurch sie mich so glücklich wie einen Gott gemacht hatte . 16. An Kleombrotus von Ambracien . Ich danke dir , Lieber , für die guten Nachrichten , die du mir von unsern Freunden gibst . Mir ist angenehm daß sie die Dauer der Poseidonien zu Aegina so genau ausrechnen ; ich nehme es als ein Zeichen ihrer Zuneigung auf , daß sie mich so bald zurück verlangen , wiewohl mir leid wäre , wenn sie aus meinem langen Ausbleiben ( wie sie es nennen ) das Gegentheil von mir vermuthen wollten . Die Zeit ist vielleicht das zauberartigste Ding in der ganzen Natur , wenn man anders ein Ding nennen kann , was das , was es ist , bloß durch unsre Einbildung und unsern Maßstab wird . Eben dieselbe Zeit , sagt man , die dem Einen