Stätte und jagt zitternd , rastlos , an der Uferlinie der Insel hin . Kloster Chorin von 1272 bis 1542 Kloster Chorin von 1272 bis 1542 Bis 1272 bestand Kloster Mariensee auf der Ziegeninsel im Paarsteiner See . In diesem Jahre , so scheint es , kam man überein , » wegen mehrerer Unbequemlichkeit , die sich aus der Lage des Klosters ergäbe « , dasselbe weiter westwärts und zwar an den Choriner See zu verlegen , richtiger wohl , es mit einer neuen klösterlichen Pflanzung , die sich bereits am Choriner See befinden mochte , zu vereinigen . Eine solche neue Pflanzung muß nämlich , wenn auch nur in kleinen Anfängen , um 1272 schon existiert haben , wie nicht nur aus einzelnen allerdings so oder so zu deutenden urkundlichen Angaben , ganz besonders aber aus einer Steintafelinschrift hervorgeht , die noch bis zum Jahre 1769 im Kloster vorhanden war . 12 Die ersten Zeilen derselben lauteten : » Anno 1254 ist der Markgraf Johannes ( I. ) , Churfürst zu Brandenburg , der dieses Kloster Chorin Cistercienser-Ordens gestiftet , allhier begraben . « Wenn nun bereits um 1254 Markgraf Johann I. hier beigesetzt werden konnte , so mußte wenigstens ein Klosteranfang und in ihm eine Grabkapelle vorhanden sein . Wir werden nicht irregehen , wenn wir die Anfänge von Kloster Chorin gerade um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts setzen . Wie immer aber dem sein möge , jedenfalls haben wir von 1272 an ein Kloster Chorin und dürfen annehmen , daß sich die bauliche Vollendung desselben , trotz einer unverkennbaren Großartigkeit der Anlage , in verhältnismäßig kurzer Zeit vollzogen haben muß . Es sprechen dafür die zum Teil vortrefflich erhaltenen Überbleibsel des Klosters , die ihrem Baustil nach in die Wendezeit des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts gehören . Die Zeit war einem solchen raschen Aufblühen besonders günstig ; das Ansehen des Ordens stand auf seiner Höhe , und die Askanier , wie bereits hervorgehoben , waren unermüdlich , dem Kloster ihre besondere Gnade zu betätigen . Keiner mehr als Markgraf Waldemar , der letzte des Geschlechts . Fast alles Land zwischen Eberswalde und Oderberg im Süden und ebenso zwischen Eberswalde und Angermünde im Norden gehörte dem Kloster . Der Paarsteiner See war so ziemlich der Mittelpunkt der reichen Stiftung , die bei der Säkularfeier des Klosters zweiundsechzig Dörfer zählte . Diese Dörfer deuten auf einen Totalbesitz , der dem Reichtum Lehnins ( zwei Flecken und vierundsechzig Güter ) nahe kam , vielleicht auch diesen Reichtum übertraf , da die Dörfer der Odergegenden im allgemeinen für reicher und ergiebiger gelten als die Dörfer der Zauche und selbst des Havellandes ; doch mochte das damals , wo der Reichtum , der in den Sümpfen und Brüchen des Oberlandes steckte , noch nicht erschlossen war , anders sein als jetzt . Ist es doch noch nicht lange her , daß jedes Sanddorf vor dem Sumpfdorfe den Vorrang behauptete , der Sand gab wenig , aber der Sumpf gab nichts . Lassen wir aber die Frage nach dem größeren oder geringeren Besitz beiseite , so müssen wir bei Betrachtung beider Klöster sofort durch die Tatsache überrascht werden , daß wir von der Geschichte des einen , trotz aller Lücken und Mängel , verhältnismäßig viel , von der Geschichte des andern verhältnismäßig wenig wissen . Ohne die urkundlichen Überlieferungen , die Sagen und Traditionen , die sich an Lehnin knüpfen , überschätzen zu wollen , so muß doch schließlich zugestanden werden , daß etwas da ist , und daß wir Gestalten und Ereignisse von größerem oder geringerem Interesse an uns vorüberziehen sehen . Nichts derartiges aber , oder doch fast nichts , bietet Chorin . Ob diese Armut der Überlieferung einfach darin liegt , daß das Kloster Chorin in der Tat nichts anderes war als ein klösterlicher Amtshof , mit vielen Gütern und Vorwerken , oder ob uns die Glanzseiten der Geschichte , wenn solche da waren , einfach verlorengegangen sind , ist nachträglich schwer zu entscheiden , doch spricht manches dafür , daß das erstere der Fall war und daß Kloster Chorin nicht viel etwas anderes zu bedeuten hatte als eine große mönchische Ökonomie , in der es auf Erhaltung und Mehrung des Wirtschaftsbestandes , aber wenig auf die Heilighaltung ideeller Güter ankam . Was indessen mehr besagen will als die Dürre dieser urkundlichen Überlieferungen , das ist der Umstand , daß das Kloster auch bei seinen Um- und Anwohnern nicht die geringste Spur seiner Existenz zurückgelassen zu haben scheint . Da sind keine Traditionen , die an die Lehniner Sagen von Abt Sibold erinnerten , da ist kein See , kein Haus , kein Baum , die als Zeugen blutiger Vorgänge mit in irgendeine alte Klosterlegende verflochten wären ; da ist keine » weiße Frau « , die abends in den Trümmern erscheint und nach dem Mönche sucht , den sie liebte ; alles ist tot hier , alles schweigt . Ein einziger kurzer Abschnitt klingt an die Historie wenigstens an . Es bezieht sich dies auf das bayerische Interregnum in unserer Geschichte , spezieller auf die Epoche , die zwischen dem Tode des echten und dem Auftauchen und Wiederverschwinden des falschen Waldemar liegt , also auf die Zeit zwischen 1319 und 1349 . Man hat dem Kloster nachgesagt , daß es in dieser Zeit sich durch Intrige , Schweigekunst und feines politisches Spiel hervorgetan und wenigstens um seiner Klugheit willen einen gewissen Anspruch auf unsern Respekt erworben habe . Ich habe indes nichts finden können , was einen Anhaltepunkt für die Annahme einer solchen Superiorität böte . Von scharfer Vorausberechnung , von raschem Hervortreten im rechten Moment , oder wohl gar von dem Blitzenden eines genialen Coups nirgends eine Spur ; überall nur die Betätigung allertrivialster Lebensklugheit , eine Politik von heute auf morgen , von der Hand in den Mund . Verfolgen wir , wie zur Beweisführung für die vorstehenden Sätze , die Haltung des Klosters während der vorgenannten Epoche , so werden wir es einfach immer » bei der Macht « finden . Hielt die Macht aus , so hielt Chorin auch aus , schwankte die Macht , so schwankte auch Chorin . In zweifelhaften Fällen hielt sich ' s zurück und wartete ab . Wenn dies » Diplomatie « ist , so ist nichts billiger als die diplomatische Kunst . Von 1319 – 1323 waren für die Mark drei Prätendenten da : Herzog Rudolf von Sachsen , Herzog Heinrich von Mecklenburg und Herzog Wratislaw von Pommern-Wolgast . Die besten Ansprüche hatte unbedingt Rudolf von Sachsen ; das Kloster sagte sich aber : » Herzog Heinrich und Herzog Wratislaw sind uns näher und weil sie uns näher sind , sind sie wichtiger für uns . « Diese Erwägung genügte , um sich – im Gegensatze zur Mittelmark , die nach Sachsen hinneigte – auf die Seite von Pommern und Mecklenburg zu stellen . So lagen die Sachen noch im Juni 1320 . Aber das Ansehen Rudolfs von Sachsen wuchs ; zu seinem größeren Rechte gesellte sich mehr und mehr auch die größere Macht , und sobald das Kloster diese Wahrnehmung machte , war es rasch zu einer Wandlung entschlossen . Im November 1320 begegnen wir bereits einer Urkunde , worin » Herzog Rudolf das Kloster Chorin in seinen Schutz nimmt , ihm seine Ungnade erläßt « und dabei natürlich seinen Besitz ihm bestätigt . Wir sehen , das Kloster hatte es für gut befunden , seine erste Schwenkung zu machen . Indessen die Dinge gingen nicht lange so . Kaiser Ludwig hielt es um diese Zeit für angetan , die Mark als ein verwaistes Reichslehn einzuziehen und seinen ältesten Sohn damit zu begnaden . Dieser kam als Markgraf ins Land . Die Rechnung , die von seiten Chorins nunmehr angestellt wurde , war einfach die folgende : » Rudolf von Sachsen ist stärker gewesen als Mecklenburg oder Pommern , Kaiser Ludwig aber ist wiederum stärker als der Sachsenherzog . « So wurde unser Kloster denn , nachdem es drei oder vier Jahre lang sächsisch gewesen war , ohne Zögern bayrisch . Dies war die zweite Schwenkung . Aber noch andere standen bevor . 1345 tauchte der sogenannte » falsche Waldemar « auf ; wir lassen dahingestellt sein , ob er der falsche oder der echte war . Sein Anhang mehrte sich , aber die größere Macht stand zunächst noch auf bayrischer Seite . Was tat nun Chorin ? Es hielt aus bei den Bayern , solange Bayern der stärkere Teil war , und dies Ausharren führte den besten Beweis , daß man dem Kloster viel zuviel Ehre antut , wenn man ihm , wie geschehen ist , nachredet , daß es all die Zeit über ( von 1319 bis 1345 ) gut askanisch gewesen wäre oder gar an der Rückkehr und Restituierung Waldemars , nötigenfalls irgendeines Waldemars , gearbeitet habe . Nichts davon . Das Kloster Chorin hatte weder die Treue , auf die Wiedereinsetzung eines » echten Waldemar « , wenn es an einen solchen glaubte , zu dringen , noch hatte es andererseits den Mut einer politisch-patriotischen Intrige , d.h. den Mut , nötigenfalls auf jede Gefahr hin und bloß dem askanischen Namen zuliebe , den unechten Waldemar zu einem echten zu machen . Chorin tat nichts , es wartete ab . Waldemar , gleichviel ob der falsche oder der richtige , zog schon zwei Jahre durchs Land , und die Uckermark , darin unser Kloster gelegen war , hatte ihn bereits anerkannt ; nur gerade Abt und Konvent von Chorin zögerten immer noch , ein Wort zu sprechen und die alten askanischen Sympathien zu bezeigen . Warum ? Die bayrische Herrschaft , wenn auch mannigfach bedroht , erschien noch unerschüttert , jedenfalls dem Eindringling überlegen . Chorin blieb also gut bayrisch , solange es das Klügste war , gut bayrisch zu sein . Aber der Herbst 1348 änderte plötzlich die Machtstellung der Parteien , und mit der veränderten Machtstellung änderte sich natürlich auch die Stellung Chorins . Kaiser Karl IV. , der Luxemburger , der dem bayrischen Kaiser , dem Vater des bayrischen Markgrafen von Brandenburg , auf den Kaiserthron gefolgt war , trat auf die Seite des falschen Waldemar und ließ ihn für echt erklären . Jetzt wäre die Stunde für Chorin dagewesen , endlich Treue zu zeigen , wenn auch nur Treue gegen Bayern ; aber es kannte nichts als Unterwerfung unter die Macht . Mit dieser Anerkennung des falschen Waldemar durch den Kaiser war der bayrische Markgraf von Brandenburg auf einen Schlag der schwächere Teil geworden ; die natürliche Folge davon war , daß Chorin aufhörte , bayrisch zu sein , um sofort kaiserlich und Waldemarisch zu werden . 13 Dies war ein böser Fleck , eine häßliche Wandlung ; aber das Häßlichere kam noch nach . Die Sache währte nicht lange ; der Kaiser dachte bald anders und ließ Waldemar im Frühjahr 1350 ebenso leicht wieder fallen , wie er ihn achtzehn Monate früher erhoben hatte . Die Häuser Luxemburg und Bayern söhnten sich aus . Waldemar war nun wieder nichts oder doch nicht viel ; nur die askanische Partei stand noch zu ihm . Einzelne treue unter den Städten suchten ihn auch jetzt noch zu halten , nur nicht Chorin . Die Machthaber hatten ihn fallen lassen , und das Kloster tat selbstverständlich dasselbe . Von einem Einstehen , einem Zeugnisablegen , von dem , was wir heute Charakter und Gesinnung nennen würden , keine Spur . Nach halbjähriger Teilnahme an der Waldemarkomödie war Chorin wieder so gut bayrisch , wie es vorher gewesen war . Die bayrischen Markgrafen ihrerseits waren auch zufrieden damit und machten aus dem flüchtigen Abfall nicht allzuviel . Sie drückten zwar in einer Urkunde ihren Unmut und ihre Trauer darüber aus , das Kloster nicht fest befunden zu haben ; aber das war wenig mehr als eine Formalität , die Sache war beigelegt und Chorin wieder angesehen , vielleicht angesehener als zuvor . Es hielt nun auch aus , solange die Bayern im Lande waren ; aber wir dürfen wohl annehmen , nicht aus Treue , sondern einfach deshalb , weil das Ausbleiben jeder neuen Versuchung ein neues Ausgleiten unmöglich machte . Die angebliche » politische Glanzzeit « Chorins war das natürliche Resultat gegebener Verhältnisse , nicht mehr und nicht weniger , und die Quitzowzeit wird dem Kloster zu einem ähnlich abwartenden politischen Verfahren Veranlassung gegeben haben . Doch sind die Aufzeichnungen darüber lückenhafter . Chorin hatte keinen Heinrich Stich ( s. S. 57 ) , entbehrte vielmehr eines Abtes , der sich gemüßigt gesehen hätte , die Verwickelungen einer verwickelungsreichen Epoche niederzuschreiben . Die letzten anderthalbhundert Jahre des Klosters unter der sich befestigenden Macht der Hohenzollern scheinen ohne jede Gefährdung hingegangen zu sein ; Schenkungsbrief reiht sich an Schenkungsbrief , bis endlich die Reformation dazwischen tritt und den Faden durchschneidet . Die Vorgänge , die die Säkularisation Chorins begleiteten , waren wohl dieselben wie bei Einziehung der brandenburgischen Klöster überhaupt . Chorin wurde freilich zunächst aus freier Hand verkauft , aber dies hatte keinen Bestand , und binnen kurzem wurde auch hier der Klosterhof ein Amtshof , eine Domäne . Er ist es noch . Kloster Chorin wie es ist Kloster Chorin wie es ist Von den alten Baulichkeiten , wenn dieselben auch Umwandlungen unterworfen wurden , ist noch vieles erhalten ; lange einstöckige Fronten , die den Mönchen als Wohnung und Arbeitsstätten dienen mochten , dazu Abthaus , Refektorium , Küche , Speisesaal , ein Teil des Kreuzganges , vor allem die Kirche . Diese , wenn schon eine Ruine , richtiger eine ausgeleerte Stätte , gibt doch ein volles Bild von dem , was diese reiche Klosteranlage einst war . Schon die Maße , die Dimensionen deuten darauf hin ; das Schiff ist vierundvierzig Fuß länger als die Berliner Nikolaikirche und bei verhältnismäßiger Breite um siebzehn Fuß höher . Im Mittelschiff stehen auf jeder Seite elf viereckige Pfeiler ( einige zur Linken sind neuerdings verschwunden ) ; der zwölfte Pfeiler , rechts wie links , steckt in der Mauer . Die Konsolen oder die Kapitälornamente sind verschieden gestaltet und stellen abwechselnd Akanthus- , Klee- und Eichenblätter dar . Das Blattwerk zeigt hier und da noch Spuren von grüner Farbe , während der Grund rot und gelb gemalt war . Freskoartige Malereien finden sich noch in letzten Überresten im Kreuzgang ; an einer stehengebliebenen Kappe zeigt sich Zweig- und Blattwerk , das ein Walnußgesträuch darzustellen scheint . Das hohe Gewölbe , welches von den Pfeilern des Mittelschiffes getragen wurde , ist seit einem Jahrhundert eingestürzt . Anstelle desselben wurde im Jahre 1772 ein Dachstuhl aufgerichtet , der seitdem das neue Dach trägt . Dies neue Dach ist niedriger , als das alte war , was sich an den Giebelwänden , besonders an dem Frontispiz im Westen noch deutlich markiert . Von den Seitenschiffen ist nur noch eins vorhanden , das nördliche ; über dem niedrigen Dach desselben ragen die elf Spitzbogenfenster des Hauptschiffes auf , deren obere Steinverzierungen noch beinahe unversehrt erhalten sind . Leider geht dieser baulich schönen Ruine , wie gesagt , das eigentlich Malerische ab . Ruinen , wenn sie nicht bloß , als nähme man ein Inventarium auf , nach Pfeiler- und Fensterzahl beschrieben werden sollen , müssen zugleich ein Landschafts- oder auch ein Genrebild sein . In einem oder im andern , am besten in der Zusammenwirkung beider wurzelt ihre Poesie . Chorin aber hat wenig oder nichts von dem allen ; es gibt sich fast ausschließlich als Architekturbild . Alles fehlt , selbst das eigentlich Ruinenhafte der Erscheinung , so daß , von gewisser Entfernung her gesehen , das Ganze nicht anders wirkt wie jede andere gotische Kirche , die sich auf irgendeinem Marktplatz irgendeiner mittelalterlichen Stadt erhebt . Nur fehlt leider der Marktplatz und die Stadt . Und treten wir nun in die öden und doch wiederum nicht malerisch zerfallenen Innenräume ein , so fehlt uns eines mehr als alles andere . Wer immer auch unser Führer sein mag , und wäre er der beste , wir vermissen die stille Führerschaft von Sage und Geschichte . Alles läßt uns im Stich , und wir schreiten auf dem harten Schuttboden hin , wie auf einer Tenne , über die der Wind fegte . Alles leer . Kloster Chorin ist keine jener lieblichen Ruinen , darin sich ' s träumt wie auf einem Frühlingskirchhof , wenn die Gräber in Blumen stehen ; es gestattet kein Verweilen in ihm und es wirkt am besten , wenn es wie ein Schattenbild flüchtig an uns vorüberzieht . Wer hier in der Dämmerstunde des Weges kommt und plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen still einsamen Prachtbau halb märchenhaft , halb gespenstisch auftauchen sieht , dem ist das Beste zuteil geworden , das diese Trümmer , die kaum Trümmer sind , ihm bieten können . Die Poesie dieser Stätte ist dann wie ein Traum , wie ein romantisches Bild an ihm vorübergezogen , und die sang- und klanglose Öde des Innern hat nicht Zeit gehabt , den Zauber wieder zu zerstören , den die flüchtige Begegnung schuf . St. Nikolai zu Spandau St. Nikolai zu Spandau Wie Spukgestalten die Nebel sich drehn , ' s ist schaurig über das Moor zu gehn , Die Ranke häkelt am Strauche . Annette Droste-Hülshoff Ein klarer Dezembertag ; die Erde gefroren , die Dächer bereift . Aber schon mischt sich ein leises Grau in die heitere Himmelsbläue , es weht leise herüber von Westen her , und jenes Frösteln läuft über uns hin , das uns ankündigt : Schnee in der Luft . Schnee in der Luft ; vielleicht morgen schon , daß er in Flocken niederfällt ! So seien denn die Stunden genutzt , die noch einen freien Blick in die Landschaft gestatten . Das Spreetal hinunter , an dem Charlottenburger Schloß vorbei ( dessen vergoldete Kuppelfiguren nicht recht wissen , ob sie in dem spärlichen Tageslicht noch blitzen sollen oder nicht ) , über Brücken hin , zwischen Schwanenrudeln hindurch , geht der Zug , bis die Havelfeste vor uns aufsteigt , mit Brücken und Gräben , mit Torwarten und Mauern , und über dem allen : Sankt Nikolai , die erinnerungsreiche Kirche dieser Stadt . Der Zug hält . Ohne Aufenthalt , mit den Minuten geizend , steuern wir durch ein Gewirr immer enger werdender Gassen auf den alten gotischen Bau zu , der sich , auf engem und kahlem Platze , über den Dächerkleinkram hinweg , in die stahlfarbene Luft erhebt . Kein Bau ersten Ranges , aber doch an dieser Stelle . Das Innere , ein seltener Fall bei renovierten Kirchen , bietet mehr als das Äußere verspricht . Emporen , wie Brückenbogen geschwungen , ziehen sich zwischen den grauweißen Pfeilern hin und wirken hier , in dem sonst schmucklosen Gange , fast wie ein Ornament des Mittelschiffes . Die Kirche selbst , bei aller Schönheit , ist kahl ; im Chor aber drängen sich die Erinnerungsstücke , die der Kirche noch aus alter Zeit her geblieben sind . Hier , an der Rundung des Gemäuers hin , hängen die Wappenschilde der Quaste , Ribbeck und Nostitz , hier richtet sich das prächtige Denkmal der Gebrüder Röbel auf , hier begegnen wir dem berühmten Steinaltar , den Rochus von Lynar der Kirche stiftete , und hier endlich , in Front eben dieses Altars , erhebt sich das dreifußartige , schönste Kunstform zeigende Taufbecken , das zugleich die Stelle angibt , wo unter dem Estrich die Überreste Adam Schwarzenbergs ruhen . Zur Rechten die eigene Wappentafel des Grafen : der Rabe mit dem Türkenkopf . Alle diese Dinge indes sind es nicht , die uns heute nach Sankt Nikolai in Spandau geführt haben , unser Besuch gilt vielmehr dem alten Turme , zu dessen Höhe ein Dutzend Treppenstiegen hinanführen . Viele dieser Stiegen liegen im Dunkel , andere empfangen einen Schimmer durch eingeschnittene Öffnungen , alle aber sind bedrohlich durch ihre Steile und Gradlinigkeit und machen einem die Weisheit der alten Baumeister wieder gegenwärtig , die ihre Treppen spiralförmig durch die dicke Wandung der Türme zogen und dadurch die Gefahr beseitigten , fünfzig Fuß und mehr erbarmungslos hinabzustürzen . Die Treppe frei und gradlinig . Und doch ist es ein Ersteigen mit Hindernissen : die Schlüssel versagen den Dienst in den rostigen Schlössern und man merkt , daß die Höhe von Sankt Nikolai zu Spandau keine täglichen Gäste hat , wie St. Stephan in Wien , oder St. Paul in London . Endlich sind wir an Uhr und Glockenwerken vorbei , haben das Schlüsselbund , im Kampf mit Großschlössern und Vorlegeschlössern , siegreich durchprobiert und steigen nun , durch eine letzte Klappenöffnung , in die luftige Laterne hinein , die den steinernen Turmbau krönt . Keine Fenster und Blenden sind zu öffnen , frei bläst der Wind durch das gebrechliche Holzwerk . Das ist die Stelle , die wir suchten . Ein Lug-ins-Land . Zu Füßen uns , in scharfer Zeichnung , als läge eine Karte vor uns ausgebreitet , die Zickzackwälle der Festung ; ostwärts im grauen Dämmer die Türme von Berlin ; nördlich , südlich die bucht- und seenreiche Havel , inselbetupfelt , mit Flößen und Kähnen überdeckt ; nach Westen hin aber ein breites , kaum hier und da von einer Hügelwelle unterbrochenes Flachland , das Havelland . Wer hier an einem Junitage stände , der würde hinausblicken in üppig grüne Wiesen , durchwirkt von Raps- und Weizenfeldern , gesprenkelt mit Büschen und roten Dächern , ein Bild moderner Kultur ; an diesem frostigen Dezembertage aber liegt das schöne Havelland brachfeldartig vor uns ausgebreitet , eine grau-braune , heideartige Fläche , durch welche sich in breiten blanken Spiegeln , wie Seeflächen , die Grundwasser und übergetretenen Gräben dieser Niederungen ziehen . Wir haben diesen Tag gewählt , um den flußumspannten Streifen Landes , der uns auf diesen und den folgenden Seiten beschäftigen soll , in der Gestalt zu sehen , in der er sich in alten , fast ein Jahrtausend zurückliegenden Zeiten darstellte . Ein grauer Himmel über grauem Land , nur ein Krähenvolk aufsteigend aus dem Weidenwege , der sich an den Wasserlachen entlangzieht , so war das Land von Anfang an : öde , still , Wasser , Weide , Wald . Freilich , auch dieses Dezembertages winterliche Hand hat das Leben nicht völlig abstreifen können , das hier langsam , aber siegreich nach Herrschaft gerungen hat . Dort zwischen Wasser und Weiden hin läuft ein Damm , im ersten Augenblicke nur wie eine braune Linie von unserm Turm aus bemerkbar ; aber jetzt gewinnt die Linie mehr und mehr Gestalt ; denn zischend , brausend , dampfend , dazwischen einen Funkenregen ausstreuend , rasseln jetzt von zwei Seiten her die langen Wagenreihen zweier Züge heran und fliegen – an derselben Stelle vielleicht , wo einst Jaczo und Albrecht der Bär sich trafen – aneinander vorüber . Das Ganze wie ein Blitz ! – Der Tag neigt sich ; der Sonnenball lugt nur noch blutrot aus dem Grau des Horizonts hervor . Ein roter Schein läuft über die grauen Wasserflächen hin . Nun ist die Sonne unter , die Nebel steigen auf und wälzen sich von Westen her auf die Stadt und unsere Turmstelle zu . Noch sehen wir , wie aus dem nächsten Röhricht ein Volk Enten aufsteigt ; aber ehe es in die nächste Lache niederfällt , ist das schwarze Geflatter in dem allgemeinen Grau verschwunden . Das Havelland träumt wieder von alter Zeit . Das havelländische Luch Das havelländische Luch Es schien das Abendrot Auf diese sumpfgewordene Urwaldstätte , Wo ungestört das Leben mit dem Tod Jahrtausendlang gekämpfet um die Wette . Lenau Das Havelland , oder mit andern Worten jene nach drei Seiten hin von der Havel , 14 nach der vierten aber vom Rhinflüßchen eingeschlossene Havelinsel , bestand in alter Zeit aus großen , nur hier und dort von Sand- oder Lehmplateaus unterbrochenen Sumpfstrecken , die sich , trotz der mannigfachen Veränderungen und Umbildungen , bis diesen Tag unter dem Sondernamen » das Havelländische Luch « oder auch bloß » das Luch « erhalten haben . Und sie haben in der Tat Anspruch auf eine unterscheidende Bezeichnung , da sie in Form und Art von den fruchtbaren Flußniederungen anderer Gegenden vielfach abweichen und z.B. statt des Weizens und der Gerste nur ein mittelmäßiges Heu produzieren . Im großen und ganzen darf man vom » Luche « sagen , daß es weniger seine Produkte , als vielmehr sich selbst zu Markte bringt – den Torf . Denn das Luch besteht großenteils aus Torf . Seitdem es aufgehört hat , ein bloßer Sumpf zu sein , ist es ein großes Gras- und Torfland geworden . Linum , der Hauptsitz der Torfgräbereien , ist das Newcastle unserer Residenz . Wie das Havelland den Mittelpunkt Alt-Brandenburgs bildet , so bildet das Luch wiederum den Mittelpunkt des Havellandes . Das letztere ( d.h. also der West- und Osthavelländische Kreis ) ist ungefähr fünfzig Quadratmeilen groß ; in diesen fünfzig Quadratmeilen stecken die zweiundzwanzig Quadratmeilen des Luchs wie ein Kern in der Schale . Die Form dieses Kernes ist aber nicht rund , auch nicht oval oder elliptisch , sondern pilzförmig . Ich werde gleich näher beschreiben , wie diese etwas ungewöhnliche Bezeichnung zu verstehen ist . Jeder meiner Leser kennt jene Pilzarten mit kurzem dicken Stengel , die ein breites schirmförmiges Dach und eine große kugelförmige Wurzel haben . Man nehme den Längsdurchschnitt eines solchen Pilzes und klebe ihn auf ein kleines Quartblatt Papier , so wird man ein ziemlich deutliches Bild gewinnen , welche Form » das Luch « innerhalb des Havellandes einnimmt . Gleich der erste Blick wird dem Beschauer zeigen , daß das Luch aus zwei Hälften , aus einer schirmförmig-nördlichen und einer kugelförmig-südlichen besteht , die beide da , wo der kurze Strunk des Pilzes läuft , nah zusammentreffen . Die schirmförmige Hälfte heißt das Rhin-Luch , die kugelförmige das Havelländische Luch . Das Verbindungsstück zwischen beiden hat keinen besonderen Namen . Dies verhältnismäßig schmale , dem Strunk des Pilzes entsprechende Verbindungsstück ist dadurch entstanden , daß sich von rechts und links her Sandplateaus in den Luchgrund hineingeschoben haben . Diese Sandplateaus führen wohlgekannte Namen ; das östliche ist das zu besonderem historischen Ansehen gelangte » Ländchen Bellin « , das westliche heißt » Ländchen Friesack « . Diese beiden » Ländchen « sind alte Sitze der Kultur , und ihre Hauptstädte , Fehrbellin und Friesack , wurden schon genannt , als beide Luche , das Rhin-Luch wie das Havelländische , noch einem See glichen , der in der Sommerzeit zu einem ungesunden , unsicheren Sumpfland zusammentrocknete . Klöden hat den früheren Zustand der Luchgegenden sehr schön und mit poetischer Anschaulichkeit geschildert . Er schreibt : » Es war eine wilde Urgegend , wie die Hand der Natur sie gebildet hatte , ein Seitenstück zu den Urwäldern Südamerikas , nur kleiner und nicht Wald , sondern Luch . Es zeigte damals in großer Ausdehnung , was kleinere Bruchflächen der Mark noch jetzt zeigen . Weit und breit bedeckte ein Rasen aus zusammengefilzter Wurzeldecke von bräunlichgrüner Farbe die wasserreiche Ebene , deren kurze Grashalme besonders den Riedgräsern angehörten . In jedem Frühjahr quoll der Boden durch das hervordringende Grundwasser auf , die Rasendecke hob sich in die Höhe , bildete eine schwimmende , elastische Fläche , welche bei jedem Schritt unter den Füßen einsank , während sich ringsum ein flach trichterförmig ansteigender Abhang bildete . Andere Stellen , die sich nicht in die Höhe heben konnten , sogenannte Lanken , wurden überschwemmt , und so glich das Luch in jedem Frühjahr einem weiten See , über welchen jene Rasenstellen wie grüne schwimmende Inseln hervorragten , während an anderen Stellen Weiden , Erlen und Birkengebüsch sich im Wasser spiegelten , oder da , wo sie auf einzelnen Sandhügeln , den sogenannten Horsten , gewachsen waren , kleine Waldeilande darstellten . Solcher Horsten gab es mehrere , von denen einige mitten im Havelländischen Luche lagen . Die umliegenden Ortschaften versuchten es , dem Luche dadurch einigen Nutzen abzugewinnen , daß sie ihre Kühe darin weiden ließen und das freilich schlechte und saure Gras , so gut es ging , mähten . Beides war nur mit großer Mühseligkeit zu erreichen . Das Vieh mußte häufig durch die Lanken schwimmen , um Grasstellen zu finden , oder es sank in die weiche Decke tief ein , zertrat dieselbe , daß bei jedem Fußtritt der braune Moderschlamm hervorquoll , ja daß es sich oft nur mit großer Mühe wieder herausarbeitete . Oft blieb eine Kuh im Moraste stecken und ward nach unsäglicher Mühe kalt , kraftlos und krank wieder herausgebracht , oder wenn dies zu schwer hielt , an dem Orte , wo sie versunken war , geschlachtet und zerstückt herausgetragen . Nur im hohen Sommer und bei trockener Witterung war der größte Teil des Luchs zu passieren ; dann mähte man das Gras , allein nur an wenigen Stellen konnte es mittels Wagen herausgebracht werden ; an den meisten mußte man es bis in den Winter in Haufen stehen lassen , um bei gefrornem Boden es einzufahren . Unter allen Umständen war das Gras schlecht und eine kümmerliche Nahrung . So wenig nutzbar dieses Bruch für den Menschen und sein Hausvieh war , so vortrefflich war es für das Wild geeignet . In früheren Zeiten hausten hier selbst Tiere , welche jetzt in der Mark nicht mehr vorkommen , wie Luchse , Bären und Wölfe . Besonders aber waren es die Sumpfvögel , Kraniche und Störche , welche hochbeinig in diesem Paradiese der Frösche einherstolzierten , und mit ihnen bewohnte die Wasser ein unendliches Heer von Enten aller Art , nebst einer Unzahl anderer Wasservögel . Kiebitze , Rohrsänger , Birkhähne , alles war da und in den Flüssen fanden sich Schildkröten , wie allerhand Schlangen in dem mitten im Luch gelegenen Zotzenwald . « Im Rhin-Luch änderten sich die Dinge schon zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ; Gräben wurden gezogen , das Wasser floß ab und die