allem Irdischen mich abwendend , nur auf das Heil meiner unsterblichen Seele bedacht sein . Von dem Tage ab , an welchem man die Wappen des Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zu Vaudricourt , an der Seite meines vielgeliebten Gatten , des verstorbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert Chlodwig von Duras , befestigen wird , sollen , sofern die Gräfin Haughton die Hand des Fürsten Polydor nicht annimmt , die frommen Väter des Jesuiten-Klosters zu Malanche die alleinigen Erben meines ganzen Vermögens und Besitzes werden , damit mein Andenken in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner armen Seele die Gebete und die erlösenden Fürbitten nicht fehlen mögen , auf welche ich in dem Falle von meiner Nichte , der Gräfin Haughton , nicht zu rechnen haben würde . « Der Notar hielt inne . Er las danach den Schluß des Formulars , man reichte der Herzogin die Feder hin , hielt einen Leuchter so in die Höhe , daß sie sehen und schreiben konnte , ohne von dem Lichte geblendet zu werden , und erwartete , daß sie jetzt unterzeichnen würde . Aber sie zögerte , es zu thun . Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen , blickte sie den Fürsten noch einmal an . Keiner von beiden , man konnte es in ihren Mienen lesen , hatte diesen Schluß des Testaments erwartet . Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich überrascht ; auf eine Wendung des Testamentes , die Alles von der Entscheidung der Gräfin abhängig werden ließ , hatte er nicht gerechnet . Es war todtenstill im Zimmer . Renatus , der auf der linken Seite des Lagers der Herzogin zunächst stand , meinte in ihren erstarrenden Zügen plötzlich noch einmal jenes überlegene sarkastische Lächeln zu gewahren , vor dem er als Knabe Scheu getragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war . Die Herzogin athmete immer schwerer . Wie betrübt sie sind ! sagte sie kaum hörbar . Wie betrübt sie Alle sind ! Mein Tod macht Niemanden froh , und sie werden Alle , Alle lange an mich denken ! - Die Feder , die Feder ! - Licht , schnell das Licht ! rief sie mit letzter , plötzlicher Kraftanstrengung , und die Hand mit Gewalt fest auf das Papier auflegend , daß sich ihre Schwäche nicht verrieth , unterzeichnete sie mit klaren Buchstaben ihren vollen Namen . Dann ließ sie die Feder fallen , ihr Haupt sank ihr zurück , und ehe noch die Zeugen ihre Namen unter das Testament geschrieben hatten , war die Herzogin gestorben . Jeder von ihnen hatte seine besonderen Rückerinnerungen bei dem Tode dieser Frau . Eine halbe Stunde später war das Zimmer verlassen . Der Notar traf die nöthigen gerichtlichen Maßregeln , die herrenlose Dienerschaft ging ihrem Belieben nach . Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der Herzogin ohne besondere Theilnahme und ohne irgend ein Erstaunen . Man fand es natürlich , daß des Königs Ungnade ihr das Herz gebrochen hatte . Als aber der Monarch , im Angedenken alter Freundschaft , den Befehl gab , daß sein Wagen den Leichenzug der Herzogin eröffnen solle , folgten der Hof und die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser Anweisung , und die Herzogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Ruhe bestattet . Fünfzehntes Capitel Niedergeschlagen wie Einer , den ein schweres Unglück betroffen hat , saß Renatus in dem Reisewagen , der ihn von Paris entfernte . Als er vor vier Jahren inmitten eines begeisterten Heeres , von Gefecht zu Gefecht , von Schlacht zu Schlacht siegreich fortschreitend , durch diese Gegenden zog , war ihm anders zu Sinne gewesen . Aus der Fremde nach der Heimath gehend , kam er sich wie ein Verbannter , wie ein Flüchtling vor . Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und völlig unentschlossen , wie er seine Zukunft zu gestalten habe . Er war unzufrieden mit sich , unzufrieden mit seinen Verhältnissen , unsicher in seinen Ueberzeugungen , und sein Gewissen war beschwert . Wenn er sich vorhielt , daß er nach Hause zurückkehre , um sein Wort gegen Hildegard zu lösen , schien es ihm unnatürlich , daß er zu dieser ging , die seiner nicht bedurfte , statt Eleonoren nachzueilen , die ihn , oder doch in jedem Falle den Beistand eines Freundes nöthig haben mußte . Wenn er sich sagte , daß es Zeit sei , sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu machen , wozu Paul ihn immer dringender ermahnte , überkam ihn die drückende Einsicht , wie er von diesen Dingen nichts verstehe , und die Abneigung gegen den persönlichen Verkehr mit Paul verminderte dieses Unbehagen nicht . Wohin er seine Gedanken richtete , überall stieß er auf Dinge , die ihn beunruhigten . Der Aufenthalt in Paris war ihm verleidet und peinlich geworden , in Berlin erwarteten ihn lästige Erörterungen und Geschäfte , denen er sich nicht gewachsen wußte , während ihm die Möglichkeit vorschwebte , daß die Gerüchte , welche auf seine Kosten in Paris in Umlauf gewesen waren , ebenso nach Berlin gelangt sein konnten ; und die Mißverständnisse und Zerwürfnisse zwischen seiner Braut und seiner Stiefmutter , mit deren Schilderung man ihn aus der Ferne schon behelligt hatte , versprachen auch nicht , ihm den Aufenthalt in Richten zu erleichtern oder zu verschönern . Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung vorgehalten hatte , dann bemächtigte sich seiner immer wieder die Erinnerung an Eleonore , um ihn vollends unglücklich zu machen . In dieser Verfassung langte er an einem der letzten Tage des Februar in der Hauptstadt seines Vaterlandes an . Es war gegen den Abend hin und noch sehr kalt . Bis man seinen Wagen abpackte , seine Koffer öffnete , verging eine geraume Zeit , und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleidet hatte , war es vollends spät geworden . Nahezu sechs Jahre waren vergangen , seit er Berlin verlassen hatte . Damals war die Stadt voll von Franzosen gewesen , und er selber war , ihren Fahnen folgend , für Napoleon in den Kampf gezogen , für denselben Kaiser , der jetzt , ein zum zweiten Male Niedergeworfener , auf dem einsamen Felsen-Eilande inmitten des Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah . Jetzt herrschten Ruhe und Friede in dem Lande , das Geschlecht der Hohenzollern saß wieder in voller Sicherheit auf seinem Throne , und doch wollte es Renatus , als er , von seinem Gasthofe kommend , durch die Straßen ging , bedünken , als sei es sonst belebter und lustiger in denselben gewesen . Berlin erschien ihm traurig , kleinstädtisch und leer . Das schnell fluthende Leben des glänzenden Paris hatte den Maßstab verändert , nach welchem der Freiherr die Dinge maß , und mehr noch , als der Ort , kam er selber sich verwandelt vor . Wo waren all die Wünsche und Hoffnungen , wo war die schöne , schmerzliche Sehnsucht , wo war die ganze innere Zuversicht geblieben , mit welcher er an jenem hellen , kalten Mittage an seines Onkels Haus vorüber in den russischen Krieg gezogen war ? Als er , von seinem Gasthofe ausgehend , an das Schauspielhaus kam , sah er aus alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf . Einer seiner liebsten Kameraden hatte dort gewohnt . Der fröhliche Gesell war in einem der ersten Gefechte des Freiheitskrieges gefallen ; auch sein Vetter , der Renatus diesen Todesfall gemeldet hatte , war ein Opfer des Krieges geworden . Der Bruder lebte noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter ; aber er hatte sich verheirathet und Renatus es versäumt , sich um seine Wohnung zu erkundigen . Er dachte an diesen und jenen von seinen früheren Bekannten , ohne zu wissen , ob sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wären . Das ließ ihn nur noch deutlicher merken , wie lange er entfernt gewesen sei , wie fremd er in Berlin geworden war , und diese Einsicht , verbunden mit jener Scheu , welche man , wenn man mit sich selbst nicht einig ist , vor jeder Erörterung über sich und seine Zustände empfindet , machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken , die zu sehen er eigentlich gekommen war . Wäre er seiner Stimmung gefolgt , hätte er einen Zauberstab besessen , er wäre in demselben Augenblicke davongegangen . Aber wohin ? Es blühten ihm an keinem Orte Freuden . Unbehaglich , ohne eine bestimmte Absicht , ging er in den Straßen vorwärts . Endlich fing er an , sich seines Zustandes zu schämen , und wie einer , der lange zaudernd vor dem kalten Wasser steht , bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse kopfüber hineinstürzt , so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem Hause ein , welches einst das Wappen seines Geschlechtes über dem Portale getragen hatte . Als er in die Straße kam , in welcher es gelegen war , und in die Nähe des Hauses selbst , fand er Alles sehr verändert . Der gartenartige Hof , der das Haus nach der Straße und zu beiden Seiten umgeben hatte , war verschwunden , das Eisengitter gegen die Straße hin war abgerissen , rechts und links waren ein paar stattliche Wohnhäuser entstanden , und Renatus sah an den Wagen , die vor dem ehemaligen Arten ' schen Hause hielten , an dem Diener , der den ankommenden Gästen die Thüre des Hauses mit Beflissenheit öffnete , wie an der Reihe der hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke , daß man irgend ein Festgelage in demselben begehen müsse . Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf . Ein paar Leute aus dem Volke , ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und betrachteten die Aussteigenden . Er hatte eine äußerst unangenehme Empfindung , als er sich also einsam , in solcher Gesellschaft vor dem Hause seiner Väter umhergehend fand , und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte , konnte er sich nicht überwinden , eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und sagen zu lassen , daß er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde . Unentschlossen , wohin er sich wenden solle , kehrte er nach den Linden zurück , und weil ihm die Aussicht , den Abend einsam in der Stube seines Gasthofes zuzubringen , unerträglich fiel , beschloß er , seinen Oheim aufzusuchen , obschon dieser im Grunde der Letzte war , den wiederzusehen er Verlangen trug . Aber Renatus war in einer Verfassung , in welcher jede Unterhaltung , jede Gesellschaft ihm willkommener war , als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken , und er war endlich wirklich froh , er kam sich wie geborgen vor , als er auf seine Anfrage den Bescheid erhielt , daß der Graf zu Hause sei , sich freilich nicht ganz wohl befinde , aber sehr erfreut sein werde , den Herrn Baron zu empfangen . Es war noch die Wohnung , noch die etwas prunkende Einrichtung , die der Graf zur Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte ; indeß es war mit beiden doch eine Veränderung vorgenommen worden , und am meisten hatte der Graf selbst sich verändert . Wie er sich einst geflissentlich aus einem preußischen Offizier in einen Napoleonisten verwandelt , so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche zurück übersetzt , und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten Anblicke besser , obschon er in dem Zeitraume , in welchem sie einander nicht gesehen , verhältnißmäßig sehr gealtert hatte . Sein Haar , das er vor Jahren in der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herabhängen lassen , war am Vorderhaupte und an den Schläfen weit zurückgewichen und dünn geworden . Man konnte noch nicht sagen , daß er kahl sei , aber die Stirn war bedenklich hoch , und wenn sein von Natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward , so veränderte es seinen Ausdruck doch . Dazu war er magerer geworden , erschien also noch größer , und die weißen Hände , die aus dem weiten seidenen Schlafrocke auf das sorgfältigste gepflegt hervorsahen , hatten nicht mehr den eisenfesten Druck , der sonst den Ankommenden zu begrüßen pflegte . Die Bilder der französischen Kaiserfamilie , welche einst an den Wänden des Wohnzimmers hingen , waren entfernt , sie hatten ein paar guten Bildern von des Grafen Eltern Platz machen müssen . An der Stelle des antik gehaltenen französischen Canapee ' s stand ein großes , weiches Sopha , und einige Lehn- und Ruhestühle zeigten , daß der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen liebe und verstehe . Als Renatus eintrat , streckte der Graf ihm die Hände entgegen und sagte : Es ist , auf Ehre , um einen Menschen abergläubisch zu machen . Ein Glück kommt nie allein ! Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten , daß Seine Majestät der König mir eine große Gnade , daß er mir - der Graf hob ein mit großem Siegel versehenes Blatt empor - daß er mir den Orden verliehen , den unser Vater auch getragen hat , und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika , kommst Du , alter Junge , uns in die Heimath zurück ! Nun , willkommen zu Hause , herzlich willkommen ! - Einen Sessel für den Herrn Baron - Du siehst vortrefflich aus - aber ganz vortrefflich ! Nimm Platz , Renatus , nimm Platz ! Wie wird die gute Hildegard sich freuen ! Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen , ohne seinem Neffen Zeit zu einer Unterbrechung zu lassen . Dann warf er sich auf das Sopha , hüstelte leise , wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein , zog die Beine auf das Lager und sagte , während der alte Diener ihm eine Decke über die Füße legte : Verzeihe , mein Bester , aber wenn man die erste Jugend hinter sich , und sie , wie es sich gebührt , genossen hat , muß man zum Dank für treu geleistete Dienste mit seiner Gesundheit , seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen , um sich die zweite Jugend möglichst lange zu erhalten . Ich dorlottire mich ein wenig , wie Du siehst , aber ich befinde mich wohl dabei . Wie findest Du mich aussehen ? Renatus versicherte ihm , daß er sich sehr gut erhalten habe ; der Graf nahm das mit Wohlgefallen auf . Du wirst auch , wenn Du nach Berka kommst , den Onkel Felix sehr munter finden . Die Feldzüge haben ihm entschieden gutgethan . Er hat das ganze Haus voll Kinder , schöne Kinder ! Ich war zu Weihnachten mit den Rhoden ' s dort , denn - Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war Deine Schwiegermutter , der ich den gegenwärtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke . Ich hatte früher wenig Familiensinn , aber ich habe das selbst nicht geglaubt , der Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren . Er war ganz ausschließlich mit sich und seinen Angelegenheiten beschäftigt . Er erzählte , wie er während der Freiheitskriege durch die Gräfin Rhoden , die er jetzt immer nur die Cousine nannte , mit der Prinzessin in nähere Beziehung gekommen sei , wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann auch neuerdings die Verleihung jenes Ordens erwirkt hätte , der , in ferner Zeit , als Lohn für besondere Tugend und Selbstverläugnung gestiftet , jetzt zu einer Auszeichnung für den Adel geworden war . Es ist eine schöne Decoration , sagte er , auf das Kästchen weisend , in welchem der Orden vor ihm lag , und man mußte doch endlich auch etwas für mich thun ! In das Militär zurückzutreten , fühlte ich keine Neigung mehr , und eine Anerkennung war man mir für die mannigfachen und oft recht peinlichen und drückenden Vermittlungen , die ich während der Franzosenherrschaft über mich genommen hatte , allerdings wohl schuldig . Du glaubst nicht , wie viel Uebles ich verhütet , wie oft ich durch meine Kenntniß der Personen und der Verhältnisse recht arge und bedenkliche Zusammenstöße verhindert habe , und ich hätte vielleicht sehr recht daran gethan , wie die Prinzessin mir es vorschlug , eines der zu vergebenden großen Consulate anzunehmen , um mir auf diesem Wege den Uebergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten . - Aber was willst Du ? Ich bin bequem geworden . Ich hänge an meiner Wohnung , an meinen Gewohnheiten , meinen Freunden - ich bin ohne Ehrgeiz ! Tout bonnement ein alter Junggeselle , der sich von seinen Freunden verbrauchen läßt . Und ich versichere Dich , sie machen sich das zu Nutze ! Alle , alle sammt und sonders , selbst Deine Hildegard , die ein Juwel von einem Mädchen ist ! So klug , so umsichtig , ein wahrer Schatz ! Wir sind große Freunde , nun , sie hat Dir ' s ja geschrieben ! Er unterbrach sich endlich selbst , da die Verwunderung des Freiherrn diesen lange nicht zum Sprechen kommen ließ ; denn Renatus traute seinen Ohren nicht . Wie mußten die Zeiten und die Zustände sich hier geändert haben , wenn man den Grafen für Handlungen belohnen konnte , die ihm einst den gerechten Zorn seiner ganzen Familie und die Mißachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde zugezogen hatten ! Wie sicher mußte der Graf sich fühlen , daß er auf gar keine mögliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nöthig fand . Und was war es mit dem Ordenswesen überhaupt , wenn ein Gerhard von Berka den Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte , der als ein Zeichen besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte ? Alles , was er hörte und vernahm , war dazu angethan , den Heimgekehrten zu überraschen , denn weit mehr noch als alle diese Thatsachen setzten die Zustände ihn in Verwunderung , aus denen heraus sie einzig möglich geworden sein konnten . Dazu berührte die Weise , in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens Lob aussprach , den Freiherrn nicht angenehm . Er meinte überall herauszufühlen , daß der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr , als es nöthig sei , besitze . Es klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung , als müsse Hildegard sich sogar über ihn , über sein langes Ausbleiben , ja , über seine Beziehungen zu der Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben , denn der Eifer , mit welchem Graf Gerhard das Deutschthum auf Kosten des Franzosenthums , und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau über alle Reize der Ausländerinnen erhob , klangen in seinem Munde so unberechtigt , daß er , bei seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit , nothwendig eine bestimmte Absicht haben mußte , um eine solche Ungeschicktheit zu begehen . Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten , zu der er nicht geneigt war , abzukommen wünschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen wollte , brachte er die Rede auf seine Geschäfte . Er sagte , daß er eben nur so lange in Berlin zu bleiben vorhabe , als dieselben es erheischen würden , erwähnte , daß er schon heute zu Tremann habe gehen wollen , daß die Auffahrt einer Gesellschaft ihn aber davon zurückgehalten und daß er morgen gleich in der Frühe sich zu ihm zu begeben denke . Der Graf ließ sich das ruhig erzählen , schenkte sich und seinem Neffen sorgfältig den Thee ein , welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte , wählte mit Kennerblick für seinen Gast die besten Stücke der kalten Küche aus und zeigte überhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten für ihn , durch welche eine achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude über seine Anwesenheit auszudrücken liebt . Renatus rühmte dies dankbar , der Graf nannte es scherzend seine Hagestolzenkünste , und das brachte Jenen auf die Frage , ob der Onkel seine frühere Haushälterin , die Kriegsräthin , noch bei sich habe . Der Graf verneinte es . Ich habe sie schon vor drei Jahren fortgeschickt , sagte er . Sie war eine vortreffliche Köchin , überhaupt eine brauchbare Person , aber Eine Kunst ging ihr völlig ab : sie verstand nicht , alt zu werden . Sie wurde eine lächerliche Figur , und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben , konnte mir nicht passen . Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen , und Graf Gerhard meinte , es sei ihm unbegreiflich gewesen , wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmächtigten habe wählen mögen . Auf die Frage , ob der Graf denn Gründe habe , Tremann zu mißtrauen , versetzte er : Und welche Gründe hast Du , ihm zu vertrauen ? Es entstand eine kleine Pause , ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das Wort nahm , daß er für sein Theil überhaupt keinem Kaufmanne vertraue , und dem thätigen , dem unternehmenden am wenigsten . Der Besitz , sagte er mit einer jener hochtönenden Phrasen , welche der müßige Uebermuth so leicht erlernt , der Besitz ist für diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld , der zu pflegende Baum , von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen , ruhig leben wollen . Nicht der Besitz erfreut sie , sondern der Erwerb . Das Jagen nach demselben , die rastlose Arbeit ist ihr eigentlicher Genuß . Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad des wechselnden Glückes ; und jene widerwärtige Spannung zwischen Gewinn und Verlust , die einem gebildeten Geiste wie die Marter eines Ixion bedünken würde , ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen . Nimm Dich mit ihm in Acht ! Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz , vor Allem , wenn er auf irgend etwas anwendbar ist , das mit ihren besonderen Verhältnissen zusammenhängt , Anfangs immer einen bannenden Eindruck , und trotz seiner achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten Lebens war Renatus in sich nicht freier , nicht von der leichten Bestimmbarkeit geheilt worden , welche , als eine Folge seiner Erziehung , ihn immer unsicher über sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte , die ihm mit Sicherheit entgegentrat . Er hatte sich bisher etwas damit gewußt , daß er Paul zu seinem Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatte . Es war auch alles , was derselbe bis jetzt für ihn gethan , soweit Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und beurtheilen können , durchaus zufriedenstellend gewesen , so daß er in seinem Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war , den er bewiesen hatte . Jetzt aber kam plötzlich bei des Grafen Worten der böse Genius aller schwachen Seelen , das Mißtrauen gegen sich und Andere , über den jungen Freiherrn , und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich , wem die beiden Häuser gehörten und wer sie errichtet hätte , die neben dem alten von Arten ' schen Hause emporgestiegen waren . Wer anders soll sie erbaut haben , als Tremann ! entgegnete der Graf . Es war eine Spekulation , die ihm , glaube ich , gut eingeschlagen ist , und es gibt kein großes Unternehmen irgend einer Art , in dem er nicht die Hände hätte . Wo er die Capitalien dazu hernimmt , ist freilich nicht zu sagen . Ich denke , Flies war reich , wendete Renatus ein . Reich genug ! Aber der Alte kannte seine Leute , lächelte der Graf . Nicht ein Pfennig des Flies ' schen Capitals ist in dem Geschäfte geblieben . Tremann muß andere Quellen haben , und Du selbst hast ihm vielleicht mehr , als wir übersehen können , damit genutzt , als Du ihm Deine Angelegenheiten überantwortet hast ! Es war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir , und ich bekenne Dir , mein Lieber , ich wußte nicht , was ich von Dir denken sollte ! Mein Bruder Felix stand freilich eben so wie Du im Felde . Aber war ich denn nicht da ? Ich hatte in meiner unfreiwilligen Muße mir ein gut Theil Geschäftskenntniß erworben , und abgesehen davon , Bester , so wären , dünkt mich , Eure immerhin ein wenig delikaten Familien-Angelegenheiten in Deines Onkels , in eines Edelmanns Händen besser , als in denen dieses - dieses Tremann aufgehoben gewesen ! Es ging Renatus , wie es ihm mit dem Grafen stets gegangen war . Er hatte eine Abneigung , eine Scheu , ja , ein entschiedenes Mißtrauen gegen ihn und fühlte sich doch von ihm beherrscht . Sich dieser Herrschaft zu entziehen , oder doch mindestens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns zu befreien , den der Graf ihm machte , überwand er sich so weit , demselben von seinem Abenteuer in der Schlacht von Möckern und von der heldenmüthigen Aufopferung zu sprechen , mit welcher Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte . Der Graf ließ ihn ruhig erzählen und berichten . Als er aber geendet hatte , schien der Graf ein spöttisches Lächeln länger nicht verbergen zu können . Wie der Vater , sagte er - genau wie dein Vater ! Verzeihe mir , daß ich lachen muß ! Ich glaube , es muß Eure Religion sein , die Euch so gläubig für Zeichen und für Wunder macht ! Es fehlt nur noch , daß Ihr , wie Schiller ' s Wallenstein , Euch einen Astrologen haltet und pathetisch Euer : » Und dieses Pferdes Schnelligkeit entriß mich Bannier ' s verfolgenden Dragonern ! « deklamirt ! Ich habe das Stück erst gestern mit angesehen - schade , daß Du nicht dabei warst ! Es hätte Dir eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Zeichen und der Wunder geben können . - Er hielt inne und sagte dann ernsthaft und mit achselzuckender Geringschätzung : Du thust wahrhaftig , lieber Junge , als ob solch ein Dazwischenspringen im Gefechte etwas auf sich hätte ! Bedenke doch nur , daß dieser Tremann allen Grund hat , Dich und Dein Geschlecht zu hassen ! Glaubst Du , daß er nicht gern ein Herr von Arten-Richten wäre ? Glaubst Du , daß diese Flies , die ihn erzogen hat , sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätte ? Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt , sie hassen Dich und mich - und ich verdenke ihnen das nicht im geringsten ! Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle eben so . Aber daran halte fest , der Wahlspruch aller dieser Leute , aller sammt und sonders , ist : » Stehe auf , damit ich mich setze ! « - und wenn man sie nicht niederwirft , sie nicht in ihre alten Schranken mit Entschiedenheit zurückdrängt , so werden wir diese sogenannten Freiheitskriege einst noch gründlich zu verwünschen haben ! Er war aufgestanden , hatte die Serviette von sich geworfen und ging während des Sprechens lebhaft in dem großen Zimmer auf und nieder . Renatus war sehr nachdenklich geworden . Alles , was er hier vernahm , bedrängte ihn , und mit der schweren Besorgniß , daß er einen großen Fehler begangen , dessen Folgen er zu tragen haben werde , verließ er endlich den Grafen , der ihn aufgefordert hatte , seinen Rath zu benutzen , wo und wie er es für nöthig finden würde . Sechszehntes Capitel In Paul ' s Arbeitszimmer brannten in der Frühe des folgenden Morgens noch die Lichter , denn es war nebelig draußen , und Paul war zeitig aufgestanden , um einige Entwürfe und Rechnungen durchzusehen , die ihm von Dritten zur Prüfung vorgelegt worden waren . Im Comptoir daneben war noch Alles still , auch von den Seinigen wachte noch Niemand . Das Fest hatte lange gedauert ; Seba bedurfte jetzt bisweilen doch schon der Ruhe , Davide aber , die es sich sonst nicht nehmen ließ , ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe Stunde mit ihm zu haben , ehe die Geschäfte ihn beanspruchten , war durch den Knaben , den sie selbst nährte , mehr als gewöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne bereden lassen , sich dafür durch ein paar Stunden Schlaf am Morgen zu entschädigen . Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter auslöschte , weil die Sonne die Nebel zu durchdringen und durch die Aeste der prächtig bereiften Bäume freundlich in sein Zimmer zu scheinen begann , meldete der Diener ihm , daß die Dame , die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe , wiedergekommen sei . Paul befahl , sie einzulassen , und sich mit übertriebener Demuth tief verneigend , trat eine große , noch rüstige Frau in Trauerkleidern in das Zimmer . Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr einen Stuhl in der Nähe seines Schreibtisches an und fragte dann nach ihrem Begehren . Ich komme , sagte sie , Ihnen für all das Gute zu danken , das Sie , lieber Herr Tremann , meinem geliebten seligen Manne bis an sein Lebensende erwiesen haben . Daß er so sanft seine alten Tage beschließen konnte , das dankte er ja Ihnen ganz allein und noch auf seinem Todtenbette hat er .... Lassen Sie das , ich bitte , lassen Sie das ! unterbrach sie Paul . Es hat mich gefreut , den alten Mann ohne Sorgen zu wissen . Hat das Geld zu seiner Beerdigung ausgereicht , das ich Ihnen gegeben habe ? Beinahe , beinahe ganz , entgegnete die Trauernde ; aber ich wollte nur sagen , noch auf seinem Todtenbette hat der gute Weißenbach den Tag und die Stunde gesegnet , in welcher der Herr Caplan Sie in unser Haus gebracht hat ; und er hat auch mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt , daß ich ihn damals überredete , Sie aufzunehmen , denn