schauderhaften Tänzen zu nahe gelebt haben , mit denen die Heiden ihre Götzen , die Venus , den Jupiter , die Minerva und ähnliche Affenschande verehrt haben . Aber glaubt ihr denn nicht , daß unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend , unter der Spreu auf der Tenne noch so viel edler Weizen liegt , daß man ein solches Frauenzimmer - oder - nehmt ' s mir nicht übel - euere eigenen Weiber und Töchter , in aller Güte nehmen und ihr sagen kann : Kind , ein Wort im Vertrauen ! Sieh Griete , Anne Marie , so ein Bursch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heißen , die kürzlich ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem rothen Streifen an ihren Mützen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen , in die Kirche , wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll , das durchstochene Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlösers Jesu Christi ! - ich sage , wenn ihr sagen wolltet : Griete , Anne Marie , - Gott , Gott , diese heiligen Taufnamen ! - wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete , in dem hochwallenden Gotteskorn oder im heiligen Walde - nein , den hauen uns die Lutheraner hier nächstens auch noch ab ! - oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die Hüfte fassen , wie er ' s auf dem Tanzboden thut - Mädchen , könntest du das denn leiden ? Würdest du nicht über den Buben außer dir sein ? Würdest du nicht über die Schlenker , die man machen muß beim » Pfaffen von Ystrup « Brust an Brust und Mund an Mund - in den Boden versinken vor Scham ? Und würdest du diesen Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mützen nicht hinter die Ohren schlagen , daß ihnen Hören und Sehen vergeht ? Nun sieh , würd ' ich als Vater sagen , dergleichen duldest du nun alle Sonntage ! Marie Anna , Magdalena , du , die niemand zweideutig ansehen darf , wenn sie im Felde schanzt und züchtig sich schon die Kleider hält , nur wenn der Wind geht , du mein holdseliges Kindlein , du putzest dich Sonntags , behängst dich mit Ketten und Schaustücken , setzest dich in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick , ob dich denn nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wol gar sitzen bleibest und das Blut , hui ! das spritzt dir förmlich vor Ungeduld aus den Wangen , wenn immer mehr antreten und du noch vacant bist ! Gott , bei deinen hochheiligen Wunden , würd ' ich doch so ein geliebtes theures Kind , die Freude einer Mutter , das Nestküchlein eines Vaters , so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte , beschwören , daß sie sich vergleichen möchte , wie sie daheim sitzen könnte am Spinnrad , eine züchtigliche Maid , sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine Taube ... Und , mit dem Bilde vergleicht dann diese Ländler und diese Schottischen ! Wie die Röcke fliegen ! Wie der Boden kracht ! O Familienväter ! Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes , um dieses ersten Pfarrers auch in einer Wüste , willen ! Schildert den Eindruck , wenn nun später die Bursche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die süße Unschuld des Herzens , der zarte jungfräuliche Leib euerer liebsüßen Mägdelein , deren Kindeslallen euch ach ! so inniglich erquickte , in die Arme solcher Buben sinkt ! Schildert ihnen , was diese beweinenswerthen Lümmel nun die Dreistigkeit haben in ihr keusches Ohr für Gift zu träufeln ! Wie sie sich hinsetzen , euern Töchtern das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern , mit ihnen erst durch Redensarten hindurchzuwaten , durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen , die sie aus ihren gottesvergessenen lutherischen Garnisonen mit heimgebracht haben , aus der Plage der allgemeinen Militärpflicht , die ihr schon so oft zu allen drei Teufeln , wo sie herstammt , hingewünscht habt ! Unsere Bursche sind schön , herrlich gewachsen , wie ihr selber noch die strammsten Männer seid ! O , so kommt es , sie standen fast alle bei der Garde ! Nun kehren sie wieder aus der Residenz selbst , wo diese Unglücklichen leben müssen ohne die trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter , wo sie nur dürftig genießen die heilige Zehrung , die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Priesters , ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar möglich gemacht hat , daß diese armen Tröpfe , diese guten lieben Kerle , euere Söhne , euere Neffen , euere jüngern Brüder , wol gar in die Kirchen der Ketzer commandirt werden und ihr treues Herze , ihr manchmal doch noch reines , unverdorbenes Gemüthe die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab hören müssen , deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn haben - Gott im Himmel erbarme dich ! einen » Priester « mit sieben lebendigen Kindern ! ... O , ich beschwöre euch , Familienväter , thut das Eurige , euere Kinder und Kindeskinder , an die ihr mit Stolz denken könnt , nicht zu verkaufen an den , der ausgeht , sie zu verschlingen ! Uebernehmt , obschon nicht geweiht , das Amt des Priesters ! Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hütte von der Sünde , die ja schon darin liegt , nur etwas zu wagen , was möglicherweise Sünde werden könnte ! Grabt es ihnen im Bilde vor , das Grab der Unschuld und Tugend ! Sagt ihnen : Wandle , Mensch - Mensch , wandle dort , wo du wünschen möchtest einst dein Sterbebett hingestellt zu haben ! Kannst du , o Jungfrau , o Jüngling , dir unter Gefahr einer Todsünde nur vorstellen , daß der Tanzboden dein Sterbebett wäre ? Kannst du dir denken , daß an diese Stelle ein Priester hinkäme und dir das heilige Oel brächte ? Kannst du dir denken , daß die Gliedmaßen deines Leibes dir dort gesalbt werden könnten zum letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit ? ... Längst schluchzte der Meyer ... Diesem kam die Wehmuth am ersten zu und sie war ihm natürlich . Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und dem stärkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung zwischen Gemeinde und Pfarrer ... Auch der Moorbauer wandte sich ab ... Auch die beiden andern äußerten Bedürfniß , sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktüchern ... Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein : Bitte , Herr Pfarrer - Schweigen Sie ! fuhr ihn Müllenhoff an , ganz aus der sanften Rolle fallend ... Als der Finkenmüller dann schwieg , fiel er auch gegen ihn wieder in den sanftesten Ton zurück und fuhr fort : Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich sein da drüben in den Berg- und Fabrikdistricten , wo die lutherischen Pastores nichts vom Christenthum kennen als die Bibel , und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch genommen werden , daß sie für euer Seelenheil keine Zeit mehr übrig haben ? Sollen wir nicht zeigen , was gerade wir vermögen aus unserm Grunde , der da ist der Fels Christi ? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen : Seht , soviel Kinder kommen außerhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen ! Schlagt mir den Tanzboden ein , sag ' ich , oder ich prophezeie nichts Gutes für unsere Mutter Kirche ! Finkenmüller ! Geh in dich ! Denke , daß die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird ! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen ! Sie wird den Jungfrauen- und Jünglingsbund nicht abhalten , dennoch bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen ! Ich schlage vor , daß jedes Mitglied in eine Büchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes ! Der heilige Augustinus , der auch erst ein lasterhafter Heide war , ehe er zur Erkenntniß kam , wird diese Spende segnen ! Die heilige Afra wird sie segnen , sie , die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hause zur Anlockung der Sünde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden mußte , wird sie segnen ! Es ist wahr , der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umständen den Tanz gestattet . Aber so innig ich ihn sonst verehre , den frommen Bischof , ich fürchte , er lebte in zu vornehmen Verhältnissen , um sich - ( Müllenhoff stockte jetzt etwas ) einen Zustand , wie den um Witoborn herum vergegenwärtigen zu können ... Er kannte diese Menschen nicht , die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr werthen Paris kommen ... Er kannte Menschen nicht , die dort die Theilung der Güter proclamiren , diese Handwerksburschen , die keinen Hof sehen können , ohne zu sagen : Aber der Garten dazu ist mein ! keine Kuh , ohne zu sagen : Aber das Kalb gehört mir ! keine Henne , ohne zu sagen : Aber die Eier legt sie für mich ! Haben wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns ? Maîtres-tailleurs und ähnliche - Schneider ? Schneid hieß der neue Hausknecht , der in Schloß Westerhof eingetreten und dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war ... Jean Tübbicke bürgte für ihn ... Müllenhoff hielt eine Secunde inne . Da fand der Finkenmüller Zeit , einzuwerfen : Ich bin aber gewiß , der Herr Archipresbyter - Was sind Sie gewiß ? unterbrach Müllenhoff . Ich , ich , auch ohne den Archipresbyter , ja ohne den Heiligen Vater in Rom , hätte die Macht , im Beichtstuhl zu strafen ! Ich könnte denen , die in den Stand der Ehe zu treten gedenken , nur eine stille Messe lesen , wenn sie nicht das Versprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen , auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu lassen ! Ich thu ' das nicht . Ich will euch in Güte gewinnen . Hier ist das Büchlein über die Stiftung der Bündnisse . Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Vertheilung . Zu nächsten Ostern ist alles in Ordnung . Am Charsamstag hält der Bund eine Procession und laßt nur die Buben stehen und lachen und die losen Weiber und die Hebammen an der Spitze , wir werden die Lästerer schon auf die Knie bringen , wenn in der Mitte der Jugend Ihr , Finkenmüller , selbst die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe , die Hand mit dem hochwürdigsten Gute ! Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wol die Männer ... Der junge Kämpfer siegte ... Alles blieb still ... Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig kleine Broschüren und zählte sie ihnen ab ... Herr Pfarrer ... sagte der Meyer inzwischen . Sie sehen , wir werden das Unserige thun ! Es wird einen schweren Kampf kosten ! setzte er seufzend hinzu . Schon heute , wo infolge des Leichenbegängnisses alles auf den Beinen ist , schon heute sollt ' es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden - Dem Lutterberg zu Ehren ! meinte Müllenhoff im Zählen . Ja , was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren ! Aber tanzen lass ' ich heute nicht ! sagte der Finkenmüller . Aber in Zukunft - Ja habt doch nur Muth , Leute ! unterbrach Müllenhoff ; habt doch Muth ! Das Uebrige macht das Rügengericht und der Kirchenconvent - ! Ja , Kirchenconvent und Rügengericht - ! riefen alle durcheinander ... Es war ein Thema , dessen Erörterung noch im Rückstand blieb ... Nun ? lautete Müllenhoff ' s erwartungsvolle Frage ... Sie haben das Rügengericht eingeführt , Herr Pfarrer , sagte der Meyer , und ziehen sich nun selbst zurück ? Schieben uns nur so vor ? Jeden Ersten sollen wir zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns den Buckel voll Schläge androhen und wir nicht wissen , wie wir unsere Autorität aufrecht erhalten sollen , wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren Büchern studiren ? Nein , mit Vergunst , Herr Pfarrer ! Wenn das Rügengericht sich halten soll - und ich habe nichts dagegen , wenn wir sorgen , daß nicht jeder Plunder an den Landrath oder die Gerichte kommt - so müssen Sie den Vorsitz führen , Herr Pfarrer ! Und Sonntags Nachmittags müssen Sie die Kirche dazu hergeben ! fielen alle ein ... Erst wollte Müllenhoff ironisch ausweichen . Aber auf das Wort » Kirche hergeben « rief er , als sollte man es hundert Schritt weit hören : Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schöpfers Himmels und der Erden ! Nein , setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu , gebt euch nur getrost diese Autorität selbst ! Die aber - das - das können wir nicht ! Wird kommen , wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den Zöllnern sitzt ! Halten wir uns von den Leuten apart , Herr Pfarrer , so vermögen wir erst gar nichts ! sagte Hennicke ... Pro Deo ! rief Müllenhoff mit feierlich lauter Stimme . Nicht Per Deum ! So fängt jedes Concordat an und ich will euch das übersetzen ... Glaubt ihr , guten Leute , daß ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes schenken könnt , als was ihr von ihm ausdrücklich zum Geben empfangen habt ? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem Eurigen , von euerer eigenen Tugend , von euerer eigenen Moral , euerer eigenen Gerechtigkeit ? Könnt ihr nichts , nichts beisteuern zur Herstellung der Ordnung in der Welt ? Ihr lieben Leute , diese Opfer bringt getrost aus euch selbst ! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft , nicht immer die , die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt ! Ein Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Händel mischen . Nur vorarbeiten sollt ihr seinem Wirken , sollt ihm in die Hand arbeiten , sollt - Wir sollen nur so vorm Schuß stehen , Sie hinter unserm Rücken ! rief der Finkenmüller , der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbüchse am verschlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht traute ... Wenn ich unsichtbar unter euch bin , antwortete Müllenhoff , schon siegestrunken , aber doch scheinbar gelassen und milde , so ist das für euch eine Schande , Männer ? Ich werde , wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die Bündnisse erst haben , nicht verfehlen , das Rügengericht im Beichtstuhl zu unterstützen . Ich werde auch die schwierige Aufgabe , die wir die Visitation nennen , nicht von mir weisen . Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen , der zu den gottverlorenen , unglückseligen Menschen , dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau , sich nicht die Mühe verdrießen läßt wöchentlich einmal zu gehen , anzupochen , an ihren Herd sich zu stellen und sie zu bitten , an den heiligsten Ort der Welt zurückzukehren und von dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit Gewalt auszuschließen . Ihr wißt , wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden Leute sind , und wißt , warum ? Ja wohl , Herr Pfarrer ! Die Schuld traf - Den Pfarrer Langelütje - sagte der Finkenmüller ... Den Landrath ! betonte Müllenhoff mit berichtigender Schärfe . Sogleich fuhr er wieder sanfter fort : Es soll mir ein Stolz sein , wenn solche Verstocktheit mir die Thüre weist ! Ein Stolz , wenn ihr mir die Bücher aus der Hand reißt , die ich auf euerer Ofenbank finde und untersuche , ob sie zu lesen euch auch ziemlich ist ! Diese Visitationen werden mir gelingen , denn die Kinder sollen mich dabei beschützen ! Die Bilder der Heiligen werde ich euern Kleinen zeigen , denen die Thaten derselben erzählen und die Alten werden dann auch schon heranrücken und sich schämen nicht zuzuhören dem , was christlich ist , und ich werde der Freund auch eueres häuslichen Herdes werden . Das Rügengericht aber , das ist euere Sache ! Wenn Sie nur wenigstens , Herr Pfarrer , sagte der bedrängte Meyer , bei der Strafe , die der Kirchenconvent dictirt , mitstimmen wollten ! Auch das nicht , lieb ' Väterchen ! Ich bedanke mich , gutes Meyerchen ! Ihr sollt selbst am Kreuz des Erlösers tragen helfen ! Ei , wißt ihr denn nicht , was unser hochheiliges Rom mit seinen » Concordaten « sagen will ? ... Nicht , weil ich nicht die Kraft hätte - ach , unser hochheiligster Jesus , der hatte die Kraft , die Erde aus ihren Angeln zu reißen - Daß er aber dennoch auf Golgatha das Marterholz mit rinnendem Schweiß und tropfendem Blut getragen hat und daß er lieber zusammenbrach wie euersgleichen , das war blos um zu sehen , wer hinzutreten würde - um ihm zu helfen ! Gelegenheit wollte er blos andern geben , sich den Miteintritt ins Paradies zu erwerben . Und in dieser göttlichen Güte ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowol beim Rügengericht wie beim Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach . Ihr könnt alle Tage so heilig werden , wie Simon von Cyrene es wurde , der dem Heiland das Kreuz tragen half ! Weist , ich bitte , die Gelegenheit dazu nicht ab ! Kennt ihr den Fluch , der jenen Schuster traf , der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen Kreuzwegs unterbrach und frech die beiden Kreuzträger anschnauzte , was sie hier vor seinem Laden halt machten und ihm die Kundschaft verjagten ? Bis zur heutigen Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters auch noch keine Ruhe gefunden ; sie irren innerlich noch immer umher , wenn sie auch äußerlich in Witoborn allerlei Seelen und einige Landräthe im Sack haben . Jeder Jude , den ich sehe , und säng ' er noch so schön , wie der , der neulich hier mit dem Herrn von Terschka die Güter vermaß und eine gottlose Arie nach der andern pfiff , kommt mir wie eine unbegrabene Leiche vor . Der Kirchenconvent , das seid ihr ! Wer die Gemeinde als Spieler und Vagabund belästigt , nicht zum Abendmahl kommt , schlechte Bücher liest , den laßt getrost euere Entrüstung fühlen und wenn es zehnmal die meinige ist und es euere Schwäger oder Vettern sind , die es trifft ! Ich kenne das . Auf meiner ersten Pfarre - ja , da saß ich im Kirchenconvent . Was geschah ? Jede Strafe mußte ich dictirt haben ! Der Meyer dort war Soldat gewesen und ein wahrer Profoß an Zorn und Strafwuth . Für jedes Zuspätkommen bei der Messe hätte er einen Louisd ' or verlangen mögen , von denen zumal , wo er wußte , daß sie dergleichen Waare im Kasten haben . Begegnete er dann so einem um lumpige fünf Groschen Gestraften , so grüßte er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und schüttelte ihm die Hand und sagte : Brüderlein fein , wie leid that mir ' s doch neulich wieder mit den fünf Groschen , aber - nun bohrte er einen Esel in die Luft und mit einer Kutte drüber und gleichsam als wenn - siehst du , der Pfaffe drüben , der hat ' s decretirt , hat nicht eher nachgelassen ! Ja , der Kerl haßte seinen Schwager so , daß er ihn über den Weg hätte vergiften können , und nun sollte ichs immer gewesen sein ? Nein , solche Niedertracht lass ' ich bei uns nicht aufkommen ... Ihr richtet ! Ihr straft ! Und dann muß ich euch auch noch in aller Aufrichtigkeit sagen : Die Beweise der Würdigkeit , die ihr habt , in meiner Gesellschaft zu sitzen , müßt ihr mir erst noch geben . Ich schätze euch als Männer von Rang und Ansehen , aber der Taback , den ihr manchmal raucht , ist nicht meine Sorte . Ich meine das in aller Güte und anders als hier in der Pfeife ( - er nahm diese jetzt wieder - ) aber es ist mir bereits schon vorgekommen - ich will nichts von euch sagen - daß Jockel , wenn er einmal wegen Schwächung citirt wurde - den Vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte : Wir sind allzumal Sünder und brauchen einen und denselben Doctor ! Nein , unsern Willen sollt ihr thun ; das versteht sich ; aber aus euerer eigenen Entschließung ! So machen wir ' s von jetzt an auch allüberall ! Auch im Großen , auch in Staatsangelegenheiten . Das nennt man Concordate . Ihr Leute ! Pastoralklug ist gut . Leider aber , wie die Welt nun einmal ist , muß man auch manchmal ein Bissel pastoralpfiffig sein ! Damit lachte Müllenhoff sich selbst so vergnügt Beifall , daß auch die Bauern um ihn her lachen mußten und der Meyer meinte : Na , wir kommen schon zusammen , Herr Pfarrer ! Geben Sie ein bischen nach und wir auch ein bischen - alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu vergeben ! Neulich noch rieth uns Herr von Terschka selber dazu , daß wir uns ganz nach Ihnen richteten ! So ? sagte Müllenhoff , sich im Lachen mäßigend ... Ja , fuhr der Moorbauer fort , wir sollten für den Bund die Auszeichnung einer Medaille einführen , dann würden alle beitreten ! Da hatte er Recht ! meinte Müllenhoff und setzte hinzu : Nun , der ist ja wenigstens noch von uns ! Und dann sagte er auch , sollten wir mit dem Domherrn sprechen ! Der würde allem schon das rechte Schick geben ... Nun ist ' s genug ! sagte Müllenhoff kurzweg und that , als wollte er gehen . Das Lob des Domherrn mochte er nicht hören ... Die Männer öffneten die Thür . Erst wollte der Moorbauer hinaus , der am nächsten stand ... Wie er sich verbeugte , fiel er fast , sah dann hinter sich und entdeckte etwas , das auf der Flur draußen stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde ... Auch Hennicke stolperte schon ... Was steht denn da ? fragte Müllenhoff aus seinem innersten Vergnügtsein heraus ... Die Männer traten in die Stube zurück und blickten auf einen Korb , der dicht an der Thürschwelle stand und verdeckt war ... Was soll denn das da ? sagte Müllenhoff und suchte nach seiner Bedienung . Der Korb sah seltsam aus . Niemand hatte recht den Muth ihn wegzuheben . Er war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach , das mit rothem Zeuge verhängt war ... Man hätte glauben mögen , es war ein Korb , wie man ihn auf Wiegen befestigt ... Müllenhoff , blutroth schon , sah die verlegen lächelnden und zurückweichenden Männer an ... Kathrein ! rief er laut . Was steht denn hier im Wege ? Eine Magd , die das kanonische Alter hatte , eine jüngere , die nicht beim Pfarrer , sondern bei ihr diente , kamen herbei und verwunderten sich » des Todes « über den Korb ... Alle hatten die Ahnung , daß sich jemand ins Hans geschlichen und an der Thürschwelle des Pfarrers - ein Kind ausgesetzt hätte ... Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riß Müllenhoff die rothen Vorhänge des Korbes auf und richtig ! in Betten versteckt , lag mit weißem Häubchen ein Kind , wie sich jedoch die Kathrein sofort überzeugte , kein lebendes , sondern ein allerliebstes , niedliches Wachspüppchen ... Unter Gelächter zog sie es hervor ... Die Männer wagten nicht in das Gelächter mit einzustimmen , sondern hielten die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch , um erst draußen , wie man zu sagen pflegt , » loszupruhschen « ... Das ist - das ist ja ein niederträchtiger Streich - ein Streich nur von der Schmeling ! rief der Pfarrer . Meyer ! schrie er diesem nach . Sie untersuchen das ! Melden ' s gleich dem Landrath ! Er soll euern Schreiber schicken ! Auf der Stelle ! Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung ! Ich werde das Schandstückchen von euch auf die Kanzel bringen ! Der Meyer stand verlegen an der Hausthür ... Es wurde gefragt und geforscht , ob man denn nichts erblickt , niemanden im Hause gesehen hätte ... Den Jean Tübbicke , den buckeligen Stammer , den Perrükenmacher Schneid , alle Verdächtigen rief Müllenhoff der Reihe nach auf ... In Witoborn sollten alle Korbmacher , alle Puppenverkäufer , alle Händler mit Betten und rothem Kattun Haussuchung bekommen ... Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen Vorfalls auf . Schäumend warf er die Thür hinter sich zu und schrieb nun selbst an die Polizei in Witoborn . Hätte er nur den Tübbicke gehabt , um seinen Zorn ganz auslassen zu können ! Erst allmählich kehrte ihm die Ruhe zurück beim Blättern in den Exercitien Loyola ' s und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking ... Dann ordnete er seine Toilette , rüstete sich mit einigen » geistreichen Gedanken « für das Diner und ging , ganz ein Papst Hildebrand vom Dorfe , mit festem Schritt hinaus in den frischen Wintertag . 3. Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der unermeßlichen Wolkendecke , die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue entledigte . Da , wo die Sonne verborgen gestanden , bekam der Himmel das Ansehen , als wär ' er ganz von geschliffenem Achat , von durchsichtigem , gelbröthlich geflammtem ... Um die Kirche her standen die Bäume in ihrem weißen Krystallschmuck . Im Sommer konnte man sich hier , wenn rings die Ulmenäste wogten und ihre langen Schatten warfen , an einen alten Opferhain erinnert fühlen . Jetzt war es licht ringsum . Schon unter den gefrornen Eiszapfen , die wie die Orgelpfeifen über dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen , sah man weit in die schneeverhüllte Ebene hinaus , wo die Wintersaat schlummerte , die Hasen dahinschossen , die Krähen einsam auf rauchenden Dächern stolzierten ... In einer großen , etwas alterthümlichen , nicht aus Hoffart , sondern des Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche saß Paula im Fond mit Tante Benigna , auf dem Rücksitz Armgart und der Doctor Laurenz Püttmeyer , der Philosoph von Eschede , langjähriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Müller . Der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwerth hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie angenommen ... Ein so enger Raum ! ... Und wie mächtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier Personen in die Welt aus , weit , weit über diese winterliche Fläche und das Echo der wieder beginnenden Glocken hinweg ! So aber ist das Leben in seiner Wirklichkeit . Auf der Bühne , da treten Helden durch weit aufgerissene Flügelthüren ein und die Spannung steht , wie eine sich verbeugende Kette von Kammerherren und Lakaien , um einen Fürsten oder - Bettler , wenn gerade das Interesse auf einem Bettler ruht , auf die Scene treten zu lassen . Im Leben aber ist so ein gefeierter Philosoph wie Püttmeyer plötzlich da wie unsereins ! Dieser große Mann , für den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen läßt , auf diesen unerschöpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der Gegenwart , saß hier völlig unerkennbar , tief verloren in einen Mantel , Muff , Shawl und Fußsack - Laurenz Püttmeyer war heute ein völlig von den Todten Erstandener ... Eschede ist ein kleines Städtchen und Püttmeyer bewohnte daselbst zwei Zimmer im Erdgeschoß seines eigenen älterlichen Hauses . Ins grüne Freie , einen Hausgarten , ging er nur , wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwüsteten - die Nelke war ihm die liebste Blume ; sie hat eine schöne Symmetrie und an ihrem Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt . Und hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines großen alten Katers ? Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Frühe , als ihn eine gräfliche Kutsche von Eschede brachte , es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Härchen - und Hinz wäre fertig . So berichtete sie auch schon neulich , als sie zum ersten mal des Doctors Bekanntschaft machte . In Lindenwerth wurde oft Püttmeyer ' s Porträt den Mädchen als Medaillon in Aquarell gezeigt . Da hatte er noch blonde Haare , eine scharfe , nicht gar zu spitze Nase , graue , entschlossene Augen , eine bläuliche Färbung des abrasirten Barts und eine ungeheure weiße Halsbinde , in der sich ein vornehm spitzes Kinn versteckte . Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief Vierzigjährigen alles grau in grau . Der Doctor war ein Sonderling geworden . Man erzählte von dem Sophahocker , daß er eine Wasserflasche , die dem Sonnenstrahl ausgesetzt war und die gegenüberliegenden Gegenstände als Brennspiegel entzündete , nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug , sondern mit einem Makulaturbogen seines Werkes : » Christus und Pythagoras « , umhüllte , blos weil er zu träge war , um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schöngestickten Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen . Ins Freie ging Püttmeyer dann nur noch jeden Abend , wenn er das beste Hotel von Eschede » bei Schönian ' s « und jeden Sonntag die Kirche besuchte . Seine Verehrerinnen mußten ihn in seiner Wohnung aufsuchen . Und diesen Mann mobil zu machen , das war Armgart gelungen ! Gleich nach ihrer Flucht