oder Jenen mit einem gnädigen Worte zu beglücken . Vergeblich hatte der Baron Brand den Versuch gemacht , die junge Dame , welche er führte , zu überreden , mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten , um , wie er sagte , die langweilige Polonaise mit süßem Geplauder zu vertauschen ; - es war ihm unangenehm , ja ihm bangte ordentlich davor , durch den Thronsaal zu gehen . Auguste dagegen hätte um Vieles ihren Platz nicht verlassen . Sie hörte gern das Flüstern um sich her und vernahm es mit Stolz , wenn man sich über ihren seltsam , aber elegant kostümirten Begleiter in allerlei Muthmaßungen erging . Der Baron mußte vorwärts und da es nun einmal nicht zu ändern war , so hob er den Kopf leicht empor und schritt dahin , als sei ihm Alles daran gelegen , die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen . Der ganze Hof war versammelt ; Ihre Majestät im geschmackvollen Kostüme einer reichen Burgfrau saß da , von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben . Aus diesem hervor machten sich besonders vier schöne Stallmeisterinnen bemerkbar , welche sie zunächst umstanden . Eine derselben war Eugenie v. S. , und sobald der Baron den Saal betrat , konnte er es begreiflicherweise nicht unterlassen , mit seinem scharfen Auge sogleich dieses reizende Mädchen aufzusuchen . Da stand sie , die prächtige , schlanke Gestalt , zunächst am Sessel Ihrer Majestät , auf dessen Lehne sie eine Hand aufgestützt hatte . Sie trug das eng anliegende dunkelblaue Reitkleid , welches ihre schönen Körperformen wunderbar hervorhob . - Weßhalb es ihn schmerzlich berührte , wußte der Baron selbst nicht , aber als er von ihrer Schulter die bekannten Achselbänder in Blau , Grün mit Silber herabflattern sah , verursachte ihm das ein widriges Gefühl . Dazu war das Gesicht des schönen Mädchens von einer erschrecklichen Blässe und ihre Augen waren geröthet , als habe sie geweint ; ja zuweilen zuckten ihre bleichen Lippen und es war , als müsse sie sich alle Gewalt anthun , um ihre Thränen zurückzuhalten . - Wo aber war der Herzog ? - Richtig , dort stand er hinter ihr und hatte dieselben Farben , welche Eugenie trug , an seinem Anzuge nicht gespart . Zuweilen beugte er sich angelegentlich und auffallend zu ihr hinüber und flüsterte ihr lächelnd einige Worte zu , welche sie ja nicht unfreundlich erwidern durfte . Doch sah das Lächeln , welches alsdann über ihr Gesicht flog , so eisig , ja unheimlich aus , daß es dem Baron ordentlich davor graute . Er verwünschte den Dienst , den er dem Herzog geleistet , und hätte sich vielleicht noch größere Vorwürfe darüber gemacht , wenn seine Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beschäftigt gewesen wären . - Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienste geleistet ? Um ihn seinerseits ebenfalls gebrauchen zu können und eine innige Verbindung mit ihm anzuknüpfen , die ihm später vielleicht von Nutzen sein konnte . Und dieses später - o es kam vielleicht nie , denn der Baron fühlte schmerzlich , daß der Zeiger seiner Lebensuhr eine Stunde anzeigte , so spät , daß mit dem Schlage derselben die Uhr gänzlich abgelaufen sein mochte ! Und doch - wenn es irgend möglich war , sollte dem Herzog nichts geschenkt sein . Unter diesen Gedanken durchschritt er den Saal , stolz , mit hoch erhobenem Kopfe , die erstaunten Blicke zurückgebend , die sich gegen ihn richteten . Es mußte etwas Eigenthümliches in seiner Erscheinung liegen , denn wo er vorbei kam , bewegten sich flüsternd die Lippen gegen den Nachbar , und selbst Eugenie erhob ihren Blick und heftete die dunkeln , schwermüthigen Augen eine Sekunde lang fest auf ihn . Vor Etwas bangte übrigens dem Baron : vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach , den er lieb gewonnen und der auch ihm stets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war . Wahrhaftig , ihn reute die Geschichte mit den Achselbändern und er hätte Gott weiß was darum gegeben , wenn er sie hätte ungeschehen machen können . - Ach , wie so Vieles ! - Dort stand der Graf in einem sehr geschmackvollen Anzuge von violettem Sammet mit Silberstickerei ; dort stand er , und als er jetzt den Baron erblickte , schien etwas Furchtbares in seinem Herzen vorzugehen . Seine Hände ballten sich zusammen , sein Auge flammte einen Moment , dann aber spiegelte sich etwas wie Bestürzung und Schrecken in demselben . Daß diese Aufregung des jungen Mannes ihm gelte , fühlte der Baron wohl , doch war sie ihm unerklärlich , denn erstens erkannte er ihn gewiß nicht und dann konnte er ja auch keine Ahnung davon haben , daß er , der Baron Brand , bei jener Geschichte mit Eugenie und dem Herzog die Hand im Spiele habe . Daß aber Graf Fohrbach bei seinem Anblick auf ' s Höchste erschreckt geschienen , ja , daß sein Auge zornig gefunkelt , war nicht zu leugnen ; hatte er doch deutlich dessen Bewegung gesehen , als wenn er vorstürzen wolle , und hatte bemerkt , daß ihn der alte Leibarzt ironisch lachend bei dem Arm ergriff und zurückzog . Auch folgte er ihm mit den Blicken , und als der Baron schon das Ende des Thronsaales erreicht hatte und nochmals rückwärts schaute , sah er , wie ihm der Graf noch immer mit vorgestrecktem Halse und starren Augen nachblickte . Die Polonaise ging bald darauf zu Ende , der Baron brachte seine Tänzerin nach mühsamem Umhersuchen endlich glücklich zu ihrer Mutter und wollte sich nun so schnell als möglich zurückziehen . Doch ließ ihn die Präsidentin nicht so wohlfeilen Kaufes davon ; er mußte sich den Polizeirath vorstellen lassen und die kluge Frau benützte hiezu den Augenblick , als er gerade Arm in Arm mit der Tochter vor sie hintrat . Es war diese Vorstellung gewissermaßen eine Lehre für den Polizeirath , denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verstehen gegeben , daß eine Verbindung mit dem Hause des Präsidenten , für ihn , der von sehr guter Familie war , vielleicht nicht unerreichbar sei . Er hatte aber bereits eine thörichte Liebe in seinem Herzen und zu wenig Weltklugheit , um einer künftigen Carrière selbst ein so kleines Opfer zu bringen . Der Baron hatte übrigens nachgerade an der Komödie genug , in die er sich so leichtsinnig hinein gewagt , und blickte rings auf das Gewühl , um eine Direktion zu finden , bei welcher er sich am leichtesten zurückziehen könne . Doch sagte ihm die Präsidentin : » Sehen Sie , wie ich alterirt bin , Baron . Haben Sie denn schon von der unglückseligen Geschichte mit der Baronin v. W. gehört ? Gerechter Gott ! man hat es mir schon von mehreren Seiten gesagt und denkt , ich , als Frau des Präsidenten , müsse darum wissen ; hatte aber keine Ahnung davon . Mein Mann spricht niemals über so etwas . Haben Sie es denn gewußt ? « Baron Brand zuckte mit den Achseln und entgegnete : » Ich erfuhr es ebenfalls vorhin . Das ist freilich eine traurige Geschichte . Und man weiß nichts Näheres ? « » Man sagt dies und das ; Gott , wenn nur der Präsident käme ! Wer weiß , wo der Mann wieder am Spieltische sitzt ! Ich sollte doch eigentlich den Leuten gegenüber etwas Genaueres wissen . « Der Polizeirath , der sich vorhin zurückgezogen , näherte sich jetzt eilig wieder und sagte : » Der Herr Herzog sucht den Herrn Polizeipräsidenten . Dort kommen Seine Durchlaucht . « Nach diesen Worten trat er mit einem tiefen Bückling zurück , um dem Herzoge Platz zu machen , der nun zu der Gruppe trat , sich vor Mutter und Tochter etwas verneigte und den ihm Fremden , der neben der Tochter stand , von der Seite anblickte . Der Baron , der an der Präsentation von vorhin genug hatte , wandte sich an den Herzog und sagte ihm lächelnd : » Gnädigster Herr , ich erlaube mir , Ihnen einen guten Abend zu wünschen . « » Ah ! die Stimme sollte ich kennen , « erwiderte der Herzog , wobei er den Andern forschend betrachtete . » Wären Sie es wirklich , Baron Brand ? « » In eigener Person ; Coeur de rose ! ich muß mir wahrhaftig auf meine Vermummung etwas einbilden . « » Ich mache Ihnen mein Kompliment , « entgegnete Seine Durchlaucht ; » suchte Sie auch schon eine gute Weile , Sie und den Herrn Polizeipräsidenten . Wissen Sie , ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen . - Gnädige Frau , « wandte er sich an die Präsidentin , » Sie müssen diesem gefährlichen Menschen den Zutritt in Ihr Haus nicht so sehr erleichtern . « Die Mutter lächelte sanft und erwiderte : » Es gibt Verhältnisse , Euer Durchlaucht , unter deren Schutz man viel gestatten kann . « » Ah ! es gibt Verhältnisse ! « rief lachend der Herzog . » Was Teufel ! Baron , hat man Sie endlich erwischt , - Sie Heuchler und Verräther ! - Fräulein Auguste , darf ich Ihnen meine Gratulation machen ? « Das Mädchen knixte und blickte sehr schüchtern zu Boden . Mama erhob ihren Kopf sehr würdevoll , wobei sie den Fächer spielen ließ , und Herr von Brand stand wie auf Nadeln . Glücklicherweise erinnerte sich der Herzog , weßhalb er eigentlich gekommen , und sprach zur Präsidentin : » Haben Sie keine Idee , wo ich Ihren Herrn Gemahl treffen kann ? Ich muß ihn dringend sprechen . « Abermals trat der Polizeirath , und diesmal noch schüchterner , zu der Gruppe und meldete gehorsamst , sein hoher Chef sei im runden gelben Salon und eben im Begriff , eine Whistpartie zu finden . Zum Glück flüsterte in diesem Augenblicke Auguste ihrer Mutter etwas zu , weßhalb es dem Baron möglich wurde , dem Herzog zuzuraunen : » Nehmen Sie mich mit . « » Dank Ihnen , « wandte sich dieser an den Rath und sagte dann zu den Damen : » Sie werden entschuldigen , daß ich Ihnen den Baron auf einige Minuten entführe . - Kommen Sie , ich habe mit Ihnen zu sprechen . « Beide entfernten sich und es gelang ihnen ohne Mühe , durch das Gedränge zu kommen , denn überall wurde dem Herzog auf das Ehrerbietigste Platz gemacht . Dieser schob seinen Arm unter den des Herrn von Brand , und als sie in eine Gallerie kamen , wo sich nur wenige Gäste ergingen , sagte er : » Baron , ich bin ungeheuer in Ihrer Schuld . Sie haben die Sache mit den Achselbändern vortrefflich arrangirt . Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte , wie Sie das angefangen ? Ich zweifelte daran und war nicht weniger überrascht als Graf Fohrbach , dessen Gesicht Sie hätten sehen sollen . Ah ! das war komisch ; haben Sie ihn nicht zufällig erblickt ? « » Nein , « erwiderte der Andere mit großer Ruhe . » Aber ich bemerkte , daß Fräulein Eugenie sehr blaß und angegriffen aussah . « » Das ist mir recht , « bemerkte der Herzog eifrig . » Glauben Sie mir , dieser Farbenwechsel kann gute Früchte tragen . « » Meinen Sie ? « » Oho ! es war das auffallend genug . Der ganze Hof erkannte augenblicklich meine Farben ; ich sah viele lächelnde Gesichter . Das hat sie ungeheuer compromittirt . « » Das thäte mir wahrhaftig leid . « » Teufel auch ! - Bei solchem Kriege gelten alle Mittel , « sprach der Herzog , und fuhr seufzend fort : » ich bin in das Mädchen rasend verliebt , und es ist nicht blos façon de parler , wenn ich wiederholt versichere , daß ich Ihnen mit meinem ganzen Einfluß zu Gebote stehe . « » Davon hoffe ich baldigst Gebrauch zu machen , « erwiderte der Baron . » Sie suchen den Polizeipräsidenten ? « » Soll ich vielleicht bei dem für Sie sprechen ? « fragte lachend Seine Durchlaucht . » Apropos , ist denn wirklich wahr , was Madame uns vorhin gesagt ? « Der Baron zuckte die Achseln und warf leicht hin : » Man kann sich nie genug in Acht nehmen . - Aber wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte : was suchen Sie bei der Polizei , gnädigster Herr ? « » Haben Sie denn noch nicht von der skandalösen Geschichte gehört ? « » Von welcher ? « fragte so unbefangen wie möglich der Baron . » Nun , mit der Baronin W. Der ganze Hof , die Gesellschaft sind empört darüber . Ich suche den Präsidenten im Namen Ihrer Majestät . « » Sie sehen mich ganz erstaunt ; ich weiß von nichts . « » Sie wissen so gut wie ich , daß der alte General beständige Differenzen mit seiner Frau hatte . Der Währwolf ! Eine so schöne , liebenswürdige Frau ! Weiß der Teufel , was sie für eine Geschichte gehabt hat , denn unter uns gesagt : in dem Punkt ist es nicht ganz richtig . Genug , da ist ein Haus in der Schilderstraße , das hat sie zuweilen incognito besucht . Nun hat aber auch - weßhalb weiß ich noch nicht - die Polizei auf eben dies Haus ein Auge . Denken Sie , Baron , man besetzt das Haus mit dem Befehl , Alles was sich dort befände , festzuhalten und arretirt zu gleicher Zeit die unglückliche Frau , die sich zufälligerweise in einem Zimmer des ersten Stocks befindet - « » Man arretirt sie ? « rief der Andere erschreckt . » Das heißt , man verbietet ihr bis auf Weiteres , das Haus zu verlassen . Nun mag der Teufel wissen , weßhalb zu gleicher Zeit die alte Excellenz von der Geschichte gehört hat . Genug , der General schlägt einen unerhörten Skandal auf und bringt die Sache direkt vor Seine Majestät . « » Das ist ja eine furchtbare Geschichte ! - Und was soll der Polizeipräsident thun ? « » Einfach der armen Frau gestatten , daß sie das Haus verläßt . « » Und wem gehört das Haus ? « » Das wissen die Götter . Es soll sehr elegant möblirt sein . Entre nous , die Sache hat schon ihren Haken . Aber Sie , der hinter Alles kommt , sollten das auch ergründen . Nicht wahr ? « » Wenn man mir den Auftrag dazu gäbe , « entgegnete ruhig der Baron . » Nun , den gibt man Ihnen mit tausend Freuden , « sagte eifrig Seine Durchlaucht . » Aber wer , gnädigster Herr ? « » Nun , meinetwegen Ihre Majestät ; ich will das verantworten . « » Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Majestät , « meinte lächelnd der Baron , » aber um jetzt da ' was vorzunehmen , müßte man einen Befehl des Präsidenten haben , mit der Gefangenen verkehren zu dürfen . « » Den würde Ihnen der künftige Schwiegerpapa gewiß nicht abschlagen . « » Scherz bei Seite , gnädiger Herr ! Da kann ich nichts machen . Aber wenn Sie im Auftrage Ihrer Majestät dem Präsidenten scharf zu Leibe gehen , so wird es Ihnen leicht , ihm einen Befehl auszupressen , der mir erlaubt , das Haus in der Schilderstraße zu besuchen . « » Und darf ich Sie ihm nennen . « » Versteht sich von selbst ; machen Sie von meinem Namen jeden beliebigen Gebrauch . « Diese Unterredung hatten beide Herren im Durchschreiten der langen Gallerie gehalten , waren aber dabei jeden Augenblick stehen geblieben und hatten jetzt das Ende derselben erreicht . In dem Moment , als sie dieselbe verlassen wollten , fast unter der Ausgangsthüre , stießen sie auf den Grafen Fohrbach , der am Arme des Herrn von Steinfeld eilig eintrat . Beim Anblick des Herzogs und des Barons trat der Graf mit einem seltsamen Ausdruck im Gesichte auf die Seite und schien einige Sekunden unschlüssig , ob er näher treten oder sich entfernen solle . Augenscheinlich hatte der Graf den Herrn von Brand aufgesucht , hielt es aber bei der Anwesenheit Seiner Durchlaucht nicht für geeignet ihn anzureden . Letzterer lächelte auf eine eigenthümliche Art - es war das ein Lächeln , welches eine tiefe Röthe auf dem Gesichte des Adjutanten hervorrief , was übrigens der Baron , der sich hastig von dem Arme des Herzogs losgemacht hatte , nicht zu bemerken schien . Wie von einer plötzlichen , sehr wichtigen Idee getrieben , trat er auf den Herrn von Steinfeld zu , der aber befremdet einen halben Schritt zurücktrat . Es war diese Begegnung übrigens für alle vier ein peinlicher Moment , welchem der Herzog dadurch entging , daß er eine leichte Verbeugung machte und seinem Begleiter sagte : » Erwarten Sie mich in der Nähe , Baron , ich hoffe Ihnen das bewußte Papier sogleich zu überbringen . « Graf Fohrbach blickte dem Herzog nach , bis derselbe im Nebenzimmer verschwunden war . Dann wandte er sich an den Baron , der wohl vorhersehend , was jetzt kommen würde , ruhig stehen geblieben war . » Wir haben Sie aufgesucht , Herr von Brand , « sagte der Adjutant nach einer Pause in einem Tone , dem man deutlich anhörte , daß sich der Sprecher zwang , ihn so ruhig als möglich zu halten . » Beide Herren haben mich aufgesucht ? « erwiderte der Baron auf die verbindlichste Art von der Welt . » Also führt Sie eine gemeinsame Angelegenheit zu mir ? Und es trifft sich das für mich sehr angenehm , denn ich war ebenfalls im Begriff , beide Herren aufzusuchen . - Gewiß , Graf Fohrbach ; beide Herren . « Die Haltung , welche der Baron bei den letzten Worten angenommen hatte , sowie die Art , wie er seine Worte betonte , waren so gänzlich verschieden von seiner sonstigen Weise , daß sie unmöglich ihren Eindruck auf die Andern verfehlen konnten . » Es ist hier eigentlich nicht der Ort zu Erklärungen , « sagte Herr von Steinfeld , » und müssen wir Sie bitten , uns in eins der leeren Nebenzimmer zu folgen . « » Auch zu dem , was ich mitzutheilen habe , « erwiderte der Baron beipflichtend , » sind die Säle eigentlich nicht passend und würde ich den beiden Herren folgen , wohin es ihnen beliebte , doch vernahmen Sie selbst den Befehl Seiner Durchlaucht , welcher mich hier an diesen Platz fesselt . « » Und die Befehle des Herrn Herzogs werden pünktlich befolgt , « erwiderte Graf Fohrbach ironisch . Doch schien der Baron das nicht verstehen zu wollen , denn er fuhr ruhig fort : » Sollten Sie es aber vorziehen , in einer spätern Stunde über mich zu verfügen , so füge ich mich , Wo es immer sei , Ihren Wünschen . « » Ich würde es als eine Gefälligkeit ansehen , wenn Sie jetzt einen Augenblick für uns hätten , « sagte der Graf . » Du bist ebenfalls frei , « wandte er sich an den Herrn von Steinfeld , » wer weiß , wozu man später commandirt wird ! Es ist hier nebenan ein kleines Kabinet , wo wir von Lauschern sicher sind . « Der Baron Brand verbeugte sich und einer Handbewegung des Adjutanten folgend , die ihn nöthigte , voran zu gehen , verließ er die Gallerie und betrat das bezeichnete Kabinet . Die Andern folgten ihm . In diesem Kabinete war man freilich von den Lauschern sicher . Es bildete eine Ecke des Schlosses und hatte auf diese Art keine Seitenzimmer . Die Wände desselben waren mit dunkelrothen Seidentapeten bedeckt , wodurch es , nur von zwei Wachskerzen erhellt , ziemlich dunkel erschien . In dem Kamine von polirtem Stahl brannte ein mächtiger Holzstoß und in kleinen Fauteuils vor demselben ließen sich der Graf , sowie Herr von Steinfeld nieder . Der Baron dagegen zog es vor , stehen zu bleiben und lehnte sich mit dem Rücken so gegen das Kamingesims , daß weder der Schein des Feuers in demselben , noch der der Wachskerzen auf sein Gesicht fiel . Rings umher war alles so still , daß es der von ferne sehr gedämpft herüber dringenden Töne der Musik bedurfte , um sich zu erinnern , daß man in der unmittelbaren Nähe eines Ballfestes sei . Es dauerte übrigens längere Zeit , ehe Einer von den Dreien das Wort ergriff . So sehr es den Grafen gedrängt , den Baron aufzufinden , den er mit Recht im Verdacht hatte , bei der Geschichte der Achselbänder mitgewirkt zu haben - denn er erinnerte sich wohl jenes Berichtes , den er damals im Schlosse angehört - so versank er doch jetzt , vor den spielenden Flammen sitzend , momentan in tiefe Gedanken , aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte , da er mehr Zeuge als Selbsthandelnder war , ebensowenig der Baron , der die Arme über einander geschlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete , die jetzt fast schwarz erschien , und gleich darauf , wenn die Flamme aus dem Holzstoße stärker emporloderte , wie glühend roth angestrahlt wurde . Dieser hatte so seine eigenen Gedanken , - wilde schreckliche Gedanken , wie vor ein paar Stunden in dem Garten der Polizeidirektion ; nur war jetzt mehr Klarheit hineingekommen , er wußte , was er wollte , und nachdem er noch eine Weile schwer mit sich gekämpft , sah er es deutlich vor sich , das Ende seines vielbewegten , seltsamen Lebens . Er fuhr aus seinen Träumereien empor und wandte sich mit den Worten an die beiden Herren : » Sie wollten mir Mittheilungen machen ? -Erlauben Sie mir , daß ich das Wort ergreife , und wenn ich zu Ende bin , werden Sie wohl eingestehen , daß ich vielleicht die meisten Ihrer Fragen ohne sie zu kennen beantwortet . « - - Achtzigstes Kapitel . Gnade und Ungnade . Der Chef des Polizeidepartements - er war wie die meisten alten Herren im schwarzen Frack , über dessen Rücken etwas wie eine schwarzseidene Schürze flatterte , einen Domino vorstellend - bedauerte unendlich , daß die berühmte Geschichte mit der Diebsbande nicht schon vor ein paar Monaten eclatrirt war , wegen der sehr leeren linken Seite seines Frackes im traurigen Gegensatz zu den andern Departementschefs , die bei den großen Gelegenheiten wie ein wandelndes Stück Firmament aussahen . Er war sich aber seiner Wichtigkeit , namentlich im gegenwärtigen Augenblicke , vollkommen bewußt , und seine Nase , nachdem er sie gehätschelt und sanft geklopft , erhielt die Freiheit , hoch über » Veränderlich « auf » Schön Wetter « zu steigen , um als getreuer Barometer dem Publikum anzuzeigen , daß ihr Herr außerordentlich mit sich zufrieden sei . So war er durch die Zimmer stolzirt , und wenn es auch sonst nicht gerade zu seinen Gewohnheiten gehörte , sich vorzudrängen , so that er doch heute Abend etwas dergleichen und wandelte zu dem Zweck den innern Appartements zu , wo der allerhöchste Hof seinen kleinen Cercle hielt , wo man unter einander plauderte oder mit Vertrauten sprach . Man mochte hier im Allgemeinen den Präsidenten wohl leiden . Die Herren schätzten ihn , weil selbst der geordnetste Mann wohl einmal in den Fall kommen konnte , von seiner mächtigen Hilfe Gebrauch machen zu müssen , und die Damen , weil er ein kleines Original war , pikante Geschichten zu erzählen wußte und während des Winters ein paar recht hübsche Bälle gab . Der Hof war gruppirt , wie es sich von selbst versteht : die glänzenden Sonnen waren von den leuchtenden Planeten umgeben , diese wieder umtanzt von den Monden , denen sie ihr Licht verliehen , und umringt von dem zahllosen Heer des gemeinen Gestirnes . Zuweilen schoß auch ein Komet durch den strahlenden Kranz in Gestalt eines bescheidenen Assessors oder unternehmenden Lieutenants , ein schüchterner Komet , der nun aus Alteration , sich in den höchsten Cirkel verirrt zu haben , ohne sich aufzuhalten , bis an ' s Ende sämmtlicher Säle sauste und sich erst da , wo ihn Niemand mehr bemerkte , erschreckt umwandte . Der Präsident betrat diesen Salon , gewiß nicht in der Absicht , dort zu bleiben , sondern nur um hier durch in den gelben Saal zu einer Partie Whist zu gelangen . Er hätte freilich auch noch einen andern Weg dorthin nehmen können , aber die kleinen Strahlen höchster Gunst , die bei solchen Gelegenheiten selten verfehlten , ihn zu beglücken , thaten seinem alten Herzen so wohl . Die Frau Herzogin besonders war ihm ziemlich gewogen und ermangelte nie einen huldreichen Spaß mit ihm zu machen ; ja , Ihre Majestät hatten , am Whisttische sitzend , schon die außerordentliche Gnade gehabt , ihm einen Blick in Höchstihre Karten zu gestatten , und selbst Seine Majestät bemerkten ihren Chef der Polizei nicht ungern und hatten immer etwas Angenehmes für ihn in Bereitschaft , war es nur ein spaßhaftes Wort oder eine huldreiche Handbewegung . Der Präsident verließ den allerhöchsten Kreis nie , ohne solchergestalt reichlich bedacht worden zu sein . So empfänglich für alles Gute , betrat er auch heute diesen Saal und zufällig durch eine Thüre , welche ihn vis à vis Ihrer Majestät brachte , die ihn einen Augenblick fixirten , die Augen zusammen zogen , und sich dann , ohne die tiefe Verbeugung des Chefs der Polizei zu bemerken , nach der andern Seite wandten , wobei Ihre Majestät zu der Frau Herzogin sagten , daß sich die neue blaue Seidentapete doch vortrefflich ausnähme . Der Präsident , etwas erstaunt , tänzelte zierlich bei den Herrschaften vorbei , und als er in den Gesichtskreis der Frau Herzogin trat , brachte er auch hier pflichtmäßig seine Verbeugung gegen Hochdieselbe an . Diese wandte sich nun gerade nicht herum , doch dankte sie mit einer Neigung des Kopfes so kalt , so steif und förmlich , daß der Präsident unwillkürlich hinter sich schielte , ob sich dort nicht zufällig ein neu erschaffener Kammerherr zeige oder die Frau eines alten Beamten von sehr jungem Adel , denen dieser Gruß gegolten . Aber hinter ihm war nichts als ein großer Spiegel , der seine eigene Gestalt und sein bestürztes Gesicht wie neckend zurückwarf . Daß der Präsident nicht falsch gesehen , bemerkte er als Mann , der den Hof kannte , an den Gesichtern der Cavaliere , durch welche er hindurch schritt , und von denen die meisten sonst für ihn voll Aufmerksamkeit waren . Heute erging es ihm wie dem Herrn von Dankwart , denn wenn er rechts und links seine Hände ausgestreckt hätte , wäre Niemand da gewesen , um sie zu ergreifen und zu schütteln . Wo er selbst ein freundliches Wort sprach , da wich man augenscheinlich zurück und hatte nur ein verlegenes Grinsen statt aller Antwort . Die Nase des Präsidenten sank auf » Veränderlich « herab ; er spürte schlechtes Wetter , und an dem Benehmen der Excellenzen in dem gelben Salon , die ihn sonst gerne zu ihrer Spielpartie zogen , fand er seine Vermuthungen bestätigt . Alle Tische waren bereits besetzt , und wo sich allenfalls noch ein Platz zeigte , da wurde fast angesichts des Präsidenten ein Nebenstehender gepreßt , um den leeren Platz einzunehmen . Es ist wundersam , wie in der Welt oft des Einen Schaden dem Andern zum Nutzen wird . So ging es bei der eben erwähnten Veranlassung - dem Pressen eines Mitspielers nämlich - dem Herrn von Dankwart . Vergeblich hatte dieser längere Zeit in dem Dunstkreis der höchsten Herrschaften herum geschwänzelt , - es wollte keines , selbst nicht einmal eines der Gestirne dritten Ranges , eine Anziehungskraft auf ihn ausüben . Seine gefälligsten und geistreichsten Bemerkungen waren nur für den leeren Raum gesprochen , und als ihm endlich eine etwas kecke Annäherung an die Frau Herzogin ein pikantes Wort eingetragen hatte , sah er sich veranlaßt , den Kreis der Sonnen und Planeten zu verlassen und als unglückliche Sternschuppe in ' s Nebenzimmer abzublitzen . Zum Glück für ihn fiel er hier an den Tisch Seiner Excellenz des Oberststallmeisters , der mit dem Hoftheater-Intendanten auf den dritten Mann wartete , und nun beim Anblick des Präsidenten in der Noth zum Herrn von Dankwart griff , als kluger Mann denkend , daß man immer unter zwei Uebeln das kleinste wählen müsse . Der Präsident wußte nicht , was er von allem dem zu halten habe ; er schien seine Nase befragen zu wollen , indem er sie faßte und tief herabzog , aber dieselbe blieb stumm und antwortete nur durch ein stilles Seufzen . Er wandelte nach und nach bei sämmtlichen Spieltischen vorbei , bald hier bald dort eine Bemerkung in das Gespräch werfend , doch waren die Antworten , die er erhielt , ebenfalls kalt und förmlich , ja mancher schaute sich um , ob wohl Jemand bemerke , daß der arme Präsident neben ihm stehe . So kam er auch an die andre Thüre des gelben Salons , wo er mit Herzog Alfred , der ihm hastig entgegen kam , zusammentraf . - » Ah ! « rief dieser mit lauter Stimme , » Sie habe ich lange gesucht . « Dem Chef der Polizei war es bei diesen Worten zu Muth , als ginge ihm in finsterer Nacht ein Stern auf . » Gott sei Dank ! « seufzte er in sich hinein , » endlich doch einmal ein Wesen , das menschlich denkt . Unter Larven die einzig fühlende Brust . « Das Aussehen des Herzogs war leutselig und freundlich wie immer , und dazu sprach er mit so hörbarer Stimme , daß fast sämmtliche Spielende ihre Köpfe herumdrehten . » Haben Sie einen Augenblick