machte . Als er gegangen war , fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten Mann doch so übel nicht . Fränzchen aber riß das Fenster auf und meinte , er hätte eine Atmosphäre hinterlassen , daß sie frische Luft schöpfen müsse . Dennoch setzte sie sich an ihren Nähtisch und dachte dem Lobe nach , das Herr Sylvester seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte . Der widerliche Mann erschien ihr bei längerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends , als der » Zufall « wollte , daß Sylvester ihr , wie sie gerade von der Arbeit kam , wieder in den Weg trat , war er so artig , so manierlich , so zuvorkommend , daß sie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt , nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen , dem ein blaues Band sehr gefällig stand , aufblickte , aber doch zuhörte , was er , wenn ihn der asthmatische Husten nicht plagte , so neben ihr , in seinem gebrochenen Deutsch , hinplauderte . Er erwähnte wieder die großen Talente des jungen Armand , sprach von vielen unverfänglichen Dingen und empfahl sich an der Thür ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich , daß sie ihm wenigstens das eine wenn auch kalte Wort : Ich wünsch ' Ihnen einen guten Abend gönnte . Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen ... Oben in ihrem Stübchen fand sie damals einen Brief von Louis . Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie , seiner zu gedenken , so lange ihn ernste Pflichten fern hielten ... » Derselbe junge Mann , sagte er in dem Briefe , der schon einmal so freundlich war , an den guten Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten , hat mir das beifolgende Gedicht übersetzt , das ich Ihnen widme , meine liebe Franziska ! Möge es Ihnen den Trost in Ihrer Einsamkeit gewähren , daß wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen Bund geschlossen haben , indem wir für unsere Empfindungen einen gemeinsamen Cultus hegen . Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glücklich , sie hassen sich . Wir Armen können uns lieben . « Das letzte Wort in diesem Briefe entzückte Fränzchen ; aber Paria in der Gesellschaft und Cultus ? ... Das waren zwei Worte , die Franziska selbst mit Hülfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins , der ganzen Belesenheit der Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenübersitzenden Schneider nicht entziffern konnte und ihr unverständlich waren , wie das Gedicht selbst . Sie empfand nun plötzlich das Bedürfniß einer höheren Bildung . Wer sollte ihr sagen , was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist ? In ihrer nächsten Gedankenreihe fühlte sie , daß es gewiß ein großes Glück wäre , wenn man französisch gelernt hätte und sonderbar ! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr der Gedanke : Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen , ich möchte ihm wol einmal wieder begegnen ! Dies geschah zwei Tage später . Herr Sylvester begegnete ihr nicht nur , sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau Märtens an einem Sonntage , wo er vielleicht wußte , daß diese strengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren . Heinrich Sandrart hatte Parade und Fränzchen that dem Sergeanten nicht den Gefallen in die große Allee zu gehen , wo er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven , vor sich einen Flottwitz und hinter sich einen Flottwitz , in dem Bataillon des Majors von Werdeck marschirte ... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um , ob unter den Zuschauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde . Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen : Was gaffen Sie denn , Sandrart ? ... Der Zorn trieb ihm das Blut in ' s Gesicht ... aber Fränzchen war zu Hause , kümmerte sich nicht um die Parade , nicht um Heinrich Sandrart ' s goldene Litzen , sie saß unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weißen Zähnen an den Hanfkörnchen , die der Verschwender über ihr niederfallen ließ . Da trat Herr Sylvester ein , sehr elegant , sehr fein , wie ein vornehmer Herr , der sicher heute noch bei einem Minister speiste . Herr Sylvester sagte , er wollte sich erkundigen , wie es mit seiner Bestellung wäre , der reiche Herr drängte um die Einrahmung seiner Bilder , die große Meisterwerke wären und glänzende Ausstattung verdienten . Fränzchen bedauerte Louis ' Abwesenheit , erzählte , daß er sich der Pflege des kranken Fürsten Egon widme , den er von Paris kenne und zeigte sich so im Zuge , so angeregt über Alles , was Louis betraf , daß Herr Sylvester Muth faßte , sich umzusehen und sich sehr beherrschte , nicht wieder in den lüsternen Ton zu fallen , den er , häßlich und widerlich genug , nach dem Fortunaball angestimmt hatte . Das Gespräch kam auf die französische Sprache und Fränzchen erkundigte sich , was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus wäre ? Cultus , sagte Herr Sylvester und lächelte so stark , daß man an seinen eingesetzten Zähnen fast die feinen Drähte und das künstliche Zahnfleisch sah , Cultus ist die Verehrung , die Liebe ist ein Cultus , meine liebe Franziska , und die Parias sind eine unglückliche Kaste von Menschen in Indien , die arm , elend , verstoßen sind und bleiben , weil sie arm , elend , verstoßen geboren wurden und nichts lernen können . Sind Das einige Erinnerungen aus den Gesprächen mit Louis Armand ? Fränzchen erröthete und die Folge der weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die , daß sich der feine Mann erbot , ihr französischen Unterricht zu geben . Als sie , halb erschrocken , halb doch innerlichst erfreut , Anstand nahm und mit lächelndem Scherz auf ihre leere Kasse deutete , wies Herr Sylvester jede Zumuthung an die Voraussetzung eines materiellen Interesses zurück und drängte so lange und so artig , so wirklich gefällig in Franziska , daß es dieser vorkam , als wenn sich die grüne Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt , fast wie eine Schlange , ihr offenbart hätte . Sie fand ihn leidlich und ging auf die Vorschläge ein , bei ihm wöchentlich drei Stunden zu nehmen . Sie sagte , sie wollte ihm dafür nähen , was er wünschte ; auch Namen zeichnen in Taschentücher oder was er begehre , sie wollte sich ihm dankbar zeigen . Ich will Sie nur gelehrig sehen ! sagte Herr Sylvester und schlug vor , die Stunden bei ihm zu nehmen . In der Königsstraße Nr. 13 ? sagte sie , nein , Das geht nicht ! Er wiederholte vergeßlich : Königsstraße ? ... Sind Sie ausgezogen ! fragte sie . Er schien in Verlegenheit und antwortete : Ja wohl , ja wohl ! Königsstraße ! Franziska meinte nun , die Mühe , zu ihr zu kommen , müsse er sich nicht verdrießen lassen , sonst dürfte sie den Unterricht nicht nehmen . Er versprach diese Bemühung , fürchtete aber , die Wirthsleute seines Zöglings möchten Einsprache thun . Das soll meine Sorge sein ! sagte Fränzchen , und richtig , sie wußte den alten Leuten , als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlußmusik gehört hatten , das Glück der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen , daß die Stunden ihren Anfang nahmen . Zwar hatte Fränzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen . Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthür zwischen beiden Zimmern geschlossen wissen , dann , als ihm Fränzchen dies abschlug , wurde er nichtsdestoweniger oft hinter den schützenden Blumen und der rankenden Kresse wieder so unartig wie nach dem Fortunaball . Aber auf ein ernstes : Herr Professor ! sammelte er sich und Fränzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln , übte sich so fleißig in den Präparationen , daß sie sichtbare Fortschritte machte . Das dauerte vier Wochen , bis Onkel Heunisch kam . Ärgerlich über die Weigerung seiner Nichte , den jungen , hübschen und reichen Sandrart zu heirathen , kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen , maß diesen Mann von oben bis unten und von unten bis oben , ließ sich Dies und Jenes erzählen , hörte Heinrich ' s Klagen , daß Fränz zu hoch hinaus wolle , und daß sie mit diesem Sprachmeister in ' s Gerede komme , und erklärte ihr , als die Stunde vorbei war , daß dies die letzte gewesen wäre . Wie ? sagte Fränzchen entrüstet . Heunisch antwortete ruhig : Er dulde diese Ausschweifungen nicht länger ! Sie wäre armer Ältern Kind und müsse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen ... Punktum ! Der alte Kerl dürfte hier nicht mehr über die Schwelle kommen . Franziska war erst fast ergrimmt . Dann aber fügte sie sich und war zuletzt mit diesem Entschluß umsomehr zufrieden , als sie doch von Louis Armand , dem all ihr Mühen und Lernen galt , vergessen zu sein schien . Louis Armand ließ nichts mehr von sich hören . Herr Sylvester kam sehr unregelmäßig , blieb oft nur eine Viertelstunde , und nur , wenn Niemand , außer Fränzchen , zu Hause war , konnte sie ihn nicht wieder fort bringen . Er spottete so boshaft , er wußte so viel zweideutige Anekdoten , er blieb so wenig bei der Sache , daß sie in der That das nächste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit , aber doch entschlossen erwiderte , dem Onkel seinen Willen zu thun und ihm sagen zu wollen : Herr Sylvester , ich fühle , daß ich für meine Verhältnisse zu viel Zeit auf eine Sprache verwende , zu deren Benutzung mir mein künftiges Leben keine Gelegenheit bieten wird ! So saß Fränzchen an ihrem Fenster , las in der wehmüthigen Stimmung , die das Lied der armen Frau angeregt hatte , die beiden Gedichte wieder durch und nahm das Einerlei ihrer Arbeit vor ... Der Flickschneider von drüben machte manchmal einen Scherz mit ihr . Bon jour , Mamselle ! rief er nach einiger Zeit . Parlez vous français ? Dabei lachte er , ohne es jedoch so bös mit seinem Spotte zu meinen , wie ihn die alte Märtens , die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte , nahm und sich unterbrach mit den Worten : Portugal ... Dem Heiland sei Dank , daß die Menschen bald nicht mehr solche schändliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen können ! ... Schon wieder ein Erdbeben gewesen ... Ich begreife nicht , wie Eins dies so lange hat dulden können ! ... Fünf Häuser sind eingefallen . Während Fränzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben unterbrochenen Worte überdachte , verfloß wol eine Viertelstunde und wieder rief der Flickschneider - nach einer Viertelstunde - über den Hof : Habe ja die Flöduse so lange nicht gehört . Guter Mond du gehst so stille ... das ist mein Leibstück , Mamsell ! Frau Märtens mußte wol nebenan durch ' s Fenster ihm eine Miene des traurigsten Achselzuckens machen ; denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer , der mehr jene Gebehrde begleitete , als den Vorfall , daß in Mexiko eine Bergwerksgrube eingestürzt war und dreizehn Indianer verschüttet hatte . Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart , wenn der junge Soldat von Fränzchen nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein Wörtlein von ihr vernommen hatte . Dann ging er traurig nebenan und langte sich eine Flöte her , die er bei der Frau Märtens auf der Commode unter den darauf prangenden , großen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelgläsern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still für sich , aber zur Freude des ganzen Hinterhofes , einfache Volksmelodieen , wie er sie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte singen und jodeln hören . Die drückende Schwere des Herzens , die Fränzchen durch die halb politischen , halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beängstigte , löste ein Besuch , der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf stürmte . Man hörte das Küchengatter draußen heftig öffnen und noch heftiger zufallen . Ist Fränzchen zu Hause ? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon war der Besuch durch die größere Stube hindurch in Fränzchens Kammer getreten . Es war Louise Eisold . Achtes Capitel Volksahnungen Die Trauerkleidung , in der Louise Eisold über die Straße ging , konnte der durch diesen Besuch angenehm überraschten Franziska nicht auffallen . War doch in der Nacht , als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten , zur tiefsten Betrübniß und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louisen der alte Urgroßvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert ! Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen . Zwei Tage nach dem Ball kam sie wegen der Kleider , über deren Benutzung Mademoiselle Florentine , die Putzmacherin , furchtbaren Lärm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte . Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten , der so einsam , so verlassen , so lieblos hatte dahingehen müssen ! Die Kinder hatten alle geschlafen , so wie sie sie verlassen hatte , das Jüngste hatte sich nicht geregt , die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren , sie war leise und still mit der Morgendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt , selbst Karl , der früh auf die Arbeit mußte , schlief noch gegen fünf Uhr . Nur ein Blick auf den Alten zeigte ihr , daß Das kein lebendiger Schlaf mehr war , der so den Körper streckt , so die Züge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten läßt ! ... Sie fühlt auf die Stirn , sie fühlt den Puls , sie betastet die Hände , die Füße , der alte Mann war entschlummert , vielleicht von einem Lungenschlag getroffen . Mit einem Schrei , der ihrem ohnehin bebenden und gepreßten Herzen Luft machte , weckte sie alle Geschwister . Diese fuhren empor . Großvater ist todt ! Alle Kinder schrien und weinten . Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Thränen kommen . Sie verurtheilte sich selbst . Sie sah den Alten sich nach ihr noch einmal umblicken , sie hörte ihn rufen , sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken , daß er noch einmal aufgestanden war . Sie täuschte sich wol , aber ihre Phantasie malte ihr , daß er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte , aber sie fehlte , Sie , die die Hüterin , der Schutzengel dieser Räume sein sollte ! Erst als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren Kummer nicht ausfragen konnten , machte sie ihrem Herzen durch Thränen Luft ... Und dann die Sorge des Begräbnisses ! Glücklicherweise gehörte der Greis zu einer sogenannten Todtenbrüderschaft , bei der man sich durch Jahresbeiträge ein anständiges Begräbniß sichert . Einige schwarzgekleidete Männer nahmen ihr die Sorge der Beerdigung ab . Mit den schwarzen Kleidern angethan , die sie erst vor kurzem nach beendigter Trauer um die Ältern abgelegt hatte , folgte sie dem Sarge mit ihren Geschwistern . Jedermann erstaunte , wie sie vor der aufgeschütteten Erde so trostlos weinen konnte . Man glaubte doch , daß ihr eine Last vom Schicksal abgenommen war . Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf , ihre bittere Reue ... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen , die recht hämisch den Kopf schüttelte , als der Sarg durch die schmale Thür auf den vor ihrem Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde . Ihr Mann , der gerade von der Unternehmung bei der Schievelbein heimkam , hatte wohl gesehen , daß Louise Eisold damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg , in dem noch ein andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat saßen ... Louise , die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstände nicht liebte , machte ohne Weiteres die Kammerthür zu , umarmte Fränzchen , nahm sich einen Stuhl und setzte , erschöpft von ihrem raschen Gange , zu ihrer Freundin sich nieder . Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen , sagte sie , und bin froh , dich zu Hause zu finden . Du wirst nicht gewußt haben , wo ich so lange geblieben bin . Auch ich hatte viel zu thun , sagte Franziska . Laß dich nicht stören ! Arbeite fort ! Was wird Das ? Ein Häubchen für eine Nachbarin . Wie hübsch die Spitzen ! Kind , ich komme von Florentinen . Ach ! Ich denke , die Gefahr ist vorüber . Ich hab ' ihr zum letzten male meine Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden . Gott sei Dank ! Ich sagte ihr : Wenn wir nicht so ehrlich wären , hätte sie ' s nie zu erfahren brauchen , daß wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren . Wir hatten sie so gut erhalten ! Aber betrügen wollten wir sie nicht . Die fünfzehn Thaler , die sie mir seit Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme , würden den Flitterstaat vollkommen bezahlen , allein was sollen wir damit ? Ich gehe sobald auf keinen Ball wieder ... Und du ? Erinnere mich nicht - ! Genug , sie nimmt die Kleider wieder , ja kaum hatt ' ich sie hingeschickt , so hängen sie schon prächtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei vornehme Damen sah ich , die sie sehr bewunderten , sich Blumen als Besatz bestellten und die Überwürfe zu förmlichen Kapuzen umnähen lassen . Ich sah dem Handel ruhig zu und schüttelte für mich den Kopf , welch ' ein Ausbund die Florentine ist ! Du hättest sie reden hören sollen ! Das Neuste , das Schönste , Sie werden reizend aussehen , meine Gnädige , wie ein Engel , ach , wie ein Engel ... ! Wie die Damen fort waren , lachte sie und machte hinter ihnen eine lange Nase . Auf meiner Rechnung strich sie doch fünf Thaler als bezahlt aus ! Fünf Thaler ! Sie verkaufte beide Toiletten für dreißig Thaler . Und doch fünf Thaler für dich ? Das heißt zwei ein halb für dich und zwei und ein halb ... Wo denkst du hin ! Ich kann es Louise ! Mein Onkel der Förster ist hier , er hat mir einen Louisdor geschenkt . Das sind noch über fünf Thaler . Meine Rechnung bekäm ' ich von der Florentine doch nie bezahlt . Laß ! Laß ! Laß ! Um so mehr ! Sieh , da ist das schöne Goldstück ! Fränzchen zog ihr Nähkästchen auf , wo neben den beiden Gedichten ihr bescheidenes Geldbeutelchen lag . Louise wollte aber nichts nehmen ... Louise , begann Fränzchen , was war Das nur in jener Schreckensnacht ? Die Lichter erlöschten , der Tag schien in den Saal , mich hatte der Sergeant am Arm , du hieltest den Unglücklichen , der dich den ganzen Abend allein beschäftigte und den Alle einen Nachtwandler nannten ... der Vorfall mit der Auguste Ludmer , wie das geputzte Mädchen heißen soll , die Polizei , der Mann mit der schwarzen Binde ... ach , ich kann dir nicht sagen , wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt und summt ! Vorher der Lärm im Garten , das Geschrei , das Jammern , die drei schwarzen , berußten Menschen , die mit eisernen Stangen am Zaune lagen , der Große , mit den hohen Schultern , - einen solchen Buckligen hab ' ich mein Lebtag nicht gesehen ... wäre Der ausgewachsen , das hätte einen Riesen gegeben ... ein Glück , daß der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm sagte : Duck ' dich ! Nein , Louise , es ist mir über diese Nacht noch heute so wüst im Kopf , daß ich ordentlich den Verstand verliere , wenn ich zu lange daran denke . Liebes Kind , manchmal hab ' ich ihn schon verloren und rede wahnwitzig ... Louise ! Was sprichst du ? Mein Elend ist grenzenlos ; sagte Louise . Und nicht weinen dürfen ! Warum nicht weinen ? Die Stickereien könnten leiden , wenn sie feucht werden . Ha , ha , Fränzchen , Das ist eine schöne Welt ! Spotte nicht , Louise ! Glaubst du nicht an Gott und eine Bestimmung ? Louise blickte düster und grübelnd vor sich hin . Sie faltete ihre Hände mit den schwarzen Handschuhen und legte sie gedankenvoll in den Schooß . Die beiden Locken , die sie hinterm Ohr trug , glitten herab über die Brust , die sich mit schwerem Seufzer hob . Die edle Stirn , die feine Nase , die Lippen konnten für ein Marmorbild gelten . So steinern und starr war ihr Ausdruck . Dann wie von innerer Glut erhitzt , sprang sie auf , riß den mit schwarzem Bande besetzten Strohhut vom Kopfe , eine schwarze seidene Echarpe von den Schultern , warf Beides auf das Bett , gleichgültig , ob die Gegenstände so oder so fielen und stützte das bleiche Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles , in den sie sich niederwarf . Louise ! sagte Fränzchen mit Vorwurf über diese Heftigkeit , legte ihre Arbeit auf den Tisch , glättete die Echarpe aus und legte sie sauber aufs Bett und daneben den Hut , den sie gerade bog und seine Bänder durch die Finger gleiten ließ ... Manchmal , begann Louise nach einer Weile , manchmal bringen mein Wilhelm und Karoline von den Zeitungen , die sie nicht haben verkaufen können , einige Blätter mit und ich lese darin , bis sie Morgens wieder in die Druckerei müssen abgeliefert werden . Gestern Abend , Alle schliefen , da schrieb ich mir doch eine Stelle auf , die in einem Winkel der großen neuen Zeitung : » Das Jahrhundert « stand . » Das verschlossene Jenseits « , hieß es da , » entriegelt der Tod Derer , die uns schon vorangingen . Strahlender öffnen sich die dunkeln Pforten der Zukunft , wenn uns die abgeschiedenen Geister unserer Lieben winken und heimlich und leise wie im Abendwinde rufen : Ach folge doch nach ! « Der Name des Mannes , der unter diesen Worten stand , wird mir ewig theuer bleiben , Guido Stromer ! Damit wiederholte sie noch einmal jene kurze Sentenz , in der wir einen der ersten schriftstellerischen Versuche unsres Guido Stromer kennen lernen . Die , die gestorben sind , Louise , schalt sie Franziska , rufen dir nicht : Folge nach ! Sie sagen dir : Bleibe ! Sorge für die Nachgelassenen ! Erziehe sie ! Sei ihnen Mutter ! Louise lächelte bitter . Ihr ganzes Wesen verrieth Schmerz und Verzweiflung . » Heimlich und leise « , sagte sie träumerisch , » wie im Abendwinde : Ach ! folge doch nach ! « Du denkst an deine Ältern , an den alten Großvater , der dir in der Nacht starb , wo du nicht an seinem Lager stehen konntest ... Warum ist man leidlich tugendhaft ? sagte Louise bitter und hörte nicht auf Fränzchens Einreden . Warum hat man ein Gewissen ? Wie ich dann erst das Kind glücklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand , mocht ' ich auf die Kniee fallen , so dankt ' ich Gott ! Jeden Schläfer sah ich an und betete . Die Gardinen zog ich zurück , damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde Antlitz fiel ! Da steh ' ich bei dem alten Mann . Er sieht so bleich , so starr , ich berühre ihn . Er ist todt ! Warum belog ich mich nicht und sagte : Fataler Zufall ! Ich las noch eine andere schöne Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer . Er sagt : » Es läßt sich leider nachweisen , daß nur Die Menschen eine ewige Größe erschwangen , die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie . « O , Das ist dunkel ! Aber ich verstehe es schon ! Man ist und wird nichts , wenn man so dumm ist gut zu sein ! Du verwirrest dich , Louise ! Warum liest du solche schreckliche Sachen ! Ergib dich deinem Schicksal ! tröstete Fränzchen . Ich trag ' es ja ! sagte Louise kopfschüttelnd . Aber manchmal kommt ein Geist über mich , den ich gar nicht nennen und fassen kann . Da ist ' s mir , als sollt ' ich an einer Säule rütteln , so groß und stark wie sie am Schloß stehen . Ich möchte das Haar aufbinden und über die Straße rennen und den Untergang der Welt oder den Anfang einer neuen ausrufen ! Die Last deiner Sorgen drückt dich und du liebst unglücklich , Louise . Louise erschrak . Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser : Wer sagt Das ? Ist es dankbar von dem kranken Mann , antwortete Fränzchen , dem du soviel Sorgfalt schenktest , daß er dich verläßt ? Ich habe dich nicht fragen mögen , Louise ! Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft . Ich weiß nicht einmal , ob dieser Hackert es um dich verdient . Im Hause des Justizraths Schlurck ist er nicht gut angeschrieben ; das weiß ich von Jeannetten ... Weil sie ihn gequält , gefoltert haben , fiel Louise ein . Diesen Menschen behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn . Wer verdenkt es ihm , als diese hoffärtige , stolze , kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn ausfrägt , was Liebe ist , daß er ' s ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel betheuert ? Sie kommt zum Bewußtsein , trägt den Kopf hoch , darf ihn hoch tragen , aber will nun nichts mehr wahr haben , was sonst zwischen ihnen gegolten hat . Er vergrämte sich und wachte die Nächte , wenn sie von den Bällen heimkam ; er will ihr nur das Licht vortragen . Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr . Sie will nicht hören , daß sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit ihm durch die Straßen lief in Knabenkleidern . Weil sie jetzt Offiziere , schöne Cavaliere zu Dutzenden um sich hat , ist ihr der Mensch , den sie gefragt hat : Fritz , sag mir , was Liebe ist ? ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens geworden . Längst hätte man ihn aus dem Hause geworfen , wenn ihn der Vater nicht liebte , als guten Arbeiter , klugen , gewandten Kopf , vielleicht fürchtete als verteufelten Pfiffikus , der seine niederträchtigen Schliche durchschaut ! Ha ! Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf , und wenn man gewollt hätte , wäre mehr aus ihm geworden als ein unglücklicher Mensch . Wie schreibt Der schön ! Wie kann Der lustig sein ! Wie toll sind seine Scherze ! Ja , sein Haar ist roth , er ist einer von den Gezeichneten . Sind die alle so schlimm ? Du nennst Danebrand , der ihn auf dem Fortunaball herausschlug ... War Das Danebrand ? Der gute Schleswiger , der für Euch arbeitete ? Den du deinen Ältern zu heirathen gelobtest , weil er ihnen versprochen hatte , für Karl so lange die Stelle des Vaters offen zu halten ? Nun , was sagt ' ich , daß ich gelesen habe : » Nur Die kommen auf , die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie . « Franziska Heunisch vergegenwärtigte sich aus ihren eigenen Empfindungen vollkommen diejenigen , die Louise Eisold haben mußte . Das Unglück , einem so unschönen Manne wie Danebrand durch Älternwille und Dankbarkeit gehören zu sollen , mußte sie für ein junges , gefälliges Mädchen als eine große Aufgabe anerkennen , doch da sie selbst , freilich unendlich lieblicher und reizender als die ernste , bleiche Louise , in der Lage war , zwischen zwei schönen und gefälligen Männern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen , so begriff sie doch nicht , wie das wenig Anziehende in Hackert ' s äußerer Erscheinung für Louisen Veranlassung einer unglücklichen Leidenschaft sein konnte . Sie deutete Dies mit großer Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an . Fränzchen verstand eben Louisen nicht . Louise Eisold war eine seltene Erscheinung . In diesem Mädchen zitterten alle Regungen des neueren Volksbewußtseins . Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit bewegt wie eine zitternde Silberpappel . Ach , und nur die weiße Seite der Blätter kam immer zum Vorschein , wenn sie bebten , der Schmerz und eine gewisse todesfreudige Ahnung . Louise Eisold gehörte zu den Armen , für die recht ein neuer Christus hätte kommen müssen , wie Jesus sagte : Den Armen wird das Evangelium gepredigt ! Ihre Seele hatte Schwingen , aber sie stieg mit ihnen nicht empor ; sie fühlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche , die Luft lag zu schwer auf ihnen , sie konnte , den Vögeln der Wüste gleich , nicht aufwärts . Über die Sitte , die Religion , den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft . Sie darbte sich die Pfennige ab , um alle Jahre einige male auf der obersten Galerie das Theater besuchen zu dürfen . Wie zehrte sie von dem empfangenen Eindruck ! Wie wählte sie , wenn die Groschen beisammen waren , bis ein solches Stück gegeben wurde , wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern , ihr Herz sich zu dehnen , ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Künstlern ausgesprochen zu werden ! Schon ihre Ältern hatten , da sie gemischter Ehe waren und von der katholischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren ,