lang seinen Namen und die Daten seines Lebens bewahrt hatte , erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff die Geschichte seines Todes . Diese Bilder , wichtig wie sie sind , sind alles andere eher als ein Schmuck . Zu dem Grauen über die Tat gesellt sich ein Unbehagen über die Häßlichkeit der Darstellung , die diese Tat gefunden . Das ursprünglich bessere Bild ist kaum noch erkennbar . Es ist ein trister Aufenthalt , diese Klosterkirche von Lehnin , aber ein Bild anheimelnder Schönheit tut sich vor uns auf , sobald wir aus der öden , freudlosen Kirche mit ihren hohen , weißgetünchten Pfeilern ins Freie treten und nun die Szenerie der unmittelbaren Umgebung : altes und neues , Kunst und Natur auf uns wirken lassen . Innen hatten wir die nackte , nur kümmerlich bei Leben erhaltene Existenz , die trister ist als Tod und Zerstörung , draußen haben wir die ganze Poesie des Verfalls , den alten Zauber , der überall da waltet , wo die ewig junge Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt . Hohe Park- und Gartenbäume , Kastanien , Pappeln , Linden , haben den ganzen Bau wie in eine grüne Riesenlaube eingesponnen , und was die Bäume am ganzen tun , das tun hundert Sträucher an hundert einzelnen Teilen . Himbeerbüsche , von Efeuranken wunderbar durchflochten , sitzen wie ein grotesker Kopfputz auf Säulen und Pfeilerresten , Weinspaliere ziehen sich an der Südseite des Hauptschiffs entlang , und überall in die zerbröckelten Fundamente nestelt sich jenes bunte , rankenziehende Gestrüpp ein , das die Mitte hält zwischen Unkraut und Blumen . So ist es hier Sommer lang . Dann kommt der Herbst , der Spätherbst , und das Bild wird farbenreicher denn zuvor . Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher , jeder Zweig steht in Frucht , und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern aus den roten Beeren heraus . Aber wenn die Sonne unter ist , geben sie das Spiel in den Trümmern auf , und wer dann das Ohr an die Erde legt , der hört tief unten die Mönche singen . Dabei wird es kalt und kälter ; das Abendrot streift die Kirchenfenster , und mitunter ist es , als stünde eine weiße Gestalt inmitten der roten Scheiben . Das ist das weiße Fräulein , das umgeht , treppauf , treppab , und den Mönch sucht , den sie liebte . Um Mitternacht tritt sie aus der Mauerwand , rasch , als habe sie ihn gesehen , und breitet die Arme nach ihm aus . Aber umsonst . Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint . Und unter den Altangesessenen , deren Vorfahren noch unter dem Kloster gelebt , ist keiner , der das weiße Fräulein nicht gesehen hätte . Nur die reformierten Schweizer und alle die , die nach ihnen kamen , sehen nichts und starren ins Leere . Die Alt-Lehninschen aber sind stolz auf diese ihre Gabe des Gesichts , und sie haben ein Sprichwort , daß diesem Stolz einen Ausdruck gibt . Wenn sie einen Fremden bezeichnen wollen , oder einen später Zugezogenen , der nichts gemein hat mit Alt-Lehnin , so sagen sie nicht : » er ist ein Fremder oder ein Neuer « , sie sagen nur : » er kann das weiße Fräulein nicht sehen . « Die Lehninsche Weissagung Die Lehninsche Weissagung Jetzo will ich , Lehnin , dir sorgsam singen die Zukunft , Die mir gewiesen der Herr , der einstens alles geschaffen . Vaticinium Lehninse Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts , während der Regierungsjahre Friedrich Wilhelms I. , erschienen an verschiedenen Druckorten , teils selbständig , teils umfangreicheren Arbeiten einverleibt , hundert gereimte lateinische Hexameter , sogenannte Leoninische Verse , die in dunklem Prophetenton über die Schicksale der Mark und ihrer Fürsten sprachen und die Überschrift führten : » Weissagung des seligen Bruders Hermann , weiland Lehniner Mönches , der ums Jahr 1300 lebte und blühte « . Diese Verse , die sich gleich selbst , in ihren ersten Zeilen , als eine Weissagung ankündigen : » Jetzt weissage ich dir , Lehnin , dein künftiges Schicksal « , machten großes Aufsehen , da in denselben mit bemerkenswertem Geschick und jedenfalls mit ungewöhnlicher poetischer Begabung das Aussterben der Hohenzollern in der elften Generation nach Joachim I. und die gleichzeitige Rückkehr der Mark in den Schoß der katholischen Kirche prophezeit wurde . Eine solche Prophezeiung war durchaus dazu angetan , Aufsehen zu erregen , da es auch damals ( 1721 ) in Deutschland nicht an Parteien fehlte , die freudig aufhorchten , wenn der Untergang der Hohenzollern in nähere oder fernere Aussicht gestellt wurde . In Berlin selbst , wie sich annehmen läßt , war das Interesse nicht geringer , und man begann nachzuforschen , nach welchem Manuskript die Veröffentlichung dieser Weissagung erfolgt sein könne . Diese Nachforschungen führten zuletzt auf eine mehr oder weniger alte Handschrift , die etwa um 1693 in der nachgelassenen Bibliothek des in dem genannten Jahre verstorbenen Kammergerichtsrats Seidel aufgefunden worden war . Diese älteste Handschrift , die übrigens nie die Prätension erhob , das rätselvolle Original aus dem Jahre 1300 sein zu wollen , existierte bis 1796 im Staatsarchiv . In eben diesem Jahre wurde sie durch Friedrich Wilhelm II. nach Charlottenburg gefordert und von dort nicht wieder remittiert . Man muß annehmen , daß sie verlorengegangen ist . Die vier ältesten Abschriften , die jetzt noch in der Königlichen Bibliothek vorhanden sind , gehören , ihrer Schrift nach , dem Anfange des vorigen Jahrhunderts an . Jedenfalls also fehlt nicht nur das wirkliche Original , sondern auch alles , was sich , wohl oder übel , als Original ausgeben könnte ! Hiermit fällt selbstverständlich die Möglichkeit fort , aus allerlei äußerlichen Anzeichen , wie Handschrift , Initialen , Pergament usw. irgend etwas für die Echtheit oder Unechtheit beweisen zu wollen , und wir haben die Beweise pro und contra eben wo anders zu suchen . Solche Untersuchungen sind denn nun auch , gleich vom ersten Erscheinen der » Weissagung « an , vielfach angestellt worden , und haben im Laufe von anderthalb hundert Jahren zu einer ganzen Literatur geführt . Katholischer- und seit einem Vierteljahrhundert auch demokratischerseits hat man ebenso beharrlich die Echtheit der Weissagung , wie protestantisch-preußischerseits die Unechtheit zu beweisen getrachtet . Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel kommen vor . Die demokratischen Paraphrasen und Deutungen , die an die Weissagung anknüpfen , sind sämtlich tendenziöser Natur , bloße Pamphlete und haben keinen Anspruch , hier ernstlicher in Erwägung gezogen zu werden ; sie rühren aus den Jahren 1848 und 1849 her und sind eigentlich nichts anderes als damals gern geglaubte Versicherungen , der Stern der Hohenzollern sei im Erlöschen . Was die katholischen Arbeiten angeht , die alle für die Echtheit eintreten , so sind sicherlich viele derselben bona fide geschrieben , dennoch haben sie samt und sonders wenig Wert für die Entscheidung der Frage , da sie , ohne mit der Grundempfindung , aus der sie hervorgingen , rechten zu wollen , doch schließlich aller eigentlichen Kritik entbehren . Unter den protestantischen Gelehrten , die sich mit dieser Frage beschäftigt haben , begegnen wir sehr bewährten , zum Teil sogar hervorragenden Namen : Oberbibliothekar Wilckens , Dr. C. L. Gieseler , Professor Giesebrecht , Schulrat Otto Schulz , vor allem Professor Guhrauer in Breslau , meist Historiker , die mit einem großen Aufwand von Studium , Gelehrsamkeit und Scharfsinn die Unechtheit darzutun getrachtet haben . Sie haben indessen , meinem Ermessen nach , den Fehler gemacht , daß sie zu viel und manches an der unrechten Stelle haben beweisen wollen . Anstatt einen entscheidenden Schlag zu tun , haben sie viele Schläge getan , und wie es immer in solchen Fällen geht , sind die Schläge nicht nur vielfach nebenbei , sondern gelegentlich auch zurückgefallen . Man schadet einem einzigen , aber ganzen Beweise jedesmal dadurch , daß man zur Anfügung vieler Halbbeweise schreitet , namentlich dann aber , wenn man bei der Anwendung unkünstlerisch verfährt und , statt aus dem Halben zum Ganzen fortzuschreiten , aus dem Ganzen zum Halben hin die Dinge zurückentwickelt . Ich sagte schon , die Angreifer hätten vielfach an unrechter Stelle angegriffen ; ich muß hinzusetzen , nicht bloß an unrechter Stelle , sondern gelegentlich just an dem allerstärksten Punkte der feindlichen Position . Dieser stärkste Punkt der Lehniner Weissagung aber ist meinem Dafürhalten nach ihr Inhalt , ihr Geist , ihr Ton . Sehen wir , wogegen die protestantischen Kritiker sich richteten . Sie haben zunächst als verdachterweckende Punkte hervorgehoben , erstens , daß der Prophet , wenn er denn nun mal durchaus ein solcher sein solle , vielfach falsch prophezeit , zweitens aber , daß er in vorhohenzollerscher Zeit bereits antihohenzollersch gesprochen habe . Dies deute auf spätere Zeiten , wo es bereits Sympathien und Antipathien in betreff der Hohenzollern gegeben . Auf beide Einwände ist die Antwort leicht . Was die Irrtümer des Propheten Hermann angeht , so hat es sich ja niemals darum gehandelt , endgültig festzustellen , ob Mönch Hermann richtig prophezeit habe oder falsch , es hat sich bei dieser Kontroverse immer nur darum gehandelt , ob er überhaupt geweissagt habe . Wenn nun aber einerseits die Prophetie keine Garantie übernimmt , daß alles Prophezeite zutreffen muß , so übernimmt sie noch viel weniger – und hiermit fassen wir den zweiten Punkt ins Auge – die Verpflichtung , kommenden Herrschergeschlechtern , gleichsam in antizipierter Loyalität angenehme Dinge zu sagen . Der Prophet sagt die Dinge so , wie er sie sieht , und kümmert sich nicht darum , wie kommende Zeiten sich zu den Menschen und Taten stellen werden , die er , lediglich kraft seiner Kraft , vorweg hat in die Erscheinung treten sehen . Nehmen wir einen Augenblick an , die Prophezeiung sei echt , so liegt doch für einen gläubigen Zisterziensermönch , der plötzlich , inmitten seiner Visionen , die Gestalt Joachims II. vor sich hintreten sieht , nicht der geringste Grund vor , warum er nicht gegen den Schädiger seiner Kirche und seines Klosters vorweg die heftigsten Invektiven schleudern sollte . Er weiß nicht , daß er Joachim heißen , er weiß auch nicht , daß er einem bestimmten Geschlecht , das den Namen der Hohenzollern führt , zugehören wird , er sieht ihn nur , ihn und die Tat , die er vorhat – das genügt , ihn zu verwerfen . Dies sagen wir nicht , wie schon angedeutet , zur Rechtfertigung dieser speziellen Prophezeiung oder als Beweis für ihre Echtheit , sondern nur zur Charakterisierung aller Prophetie überhaupt . Wenn nun weder die Irrtümer , die mit drunter laufen , noch der antihohenzollersche Geist , der aus dieser sogenannten Weissagung spricht , etwas Erhebliches gegen die Echtheit beibringen können , so ist doch ein dritter Punkt allerdings ernster in Erwägung zu ziehen . Alle protestantischen Angreifer der Weissagung ( mit Ausnahme W. Meinholds ) sind dahin übereingekommen , daß die sogenannte Lehninsche Weissagung in ersichtlich zwei Teile zerfalle , in eine größere Hälfte , in der es der , nach Annahme der Gegner , um 1690 lebende Verfasser leicht gehabt habe , über die rückliegenden Ereignisse von 1290 bis 1690 zutreffend zu prophezeien , und in eine kleinere Hälfte von 1690 an , in der denn auch den vorgeblichen Mönch Hermann seine Prophetengabe durchaus im Stich gelassen habe . Hätten die Angreifer hierin unbedingt recht , so wäre der Streit dadurch gewissermaßen entschieden . Indessen existiert meiner Meinung nach eine solche Scheidelinie nicht . Es zieht sich vielmehr umgekehrt ein vieldeutigorakelhafter Ton durch das Ganze hindurch , eine Sprache , die überall der mannigfachsten Auslegungen fähig ist und in der zweiten Hälfte , in rätselvoll anklingenden Worten , ebenso das Richtige trifft wie in der ersten Hälfte . Es ist kein essentieller Unterschied zwischen Anfang und Ende : beide Teile treffen es , und beide Teile treffen es nicht ; beide Teile ergehen sich in Irrtümern und Dunkelheiten , und beide Teile blenden durch Lichtblitze , die , hier wie dort , gelegentlich einen völlig visionären Charakter haben . Beschäftigen wir uns , unter Heranziehung einiger Beispiele , zuerst mit der ersten Hälfte . Wir bemerken hier eine Verquickung jener drei Hauptelemente , die nirgends in dieser sogenannten Weissagung fehlen : Falsches , Dunkles , Zutreffendes . Frappant zutreffend vom katholischen Standpunkt aus sind die acht Zeilen in der Mitte des Gedichts , die sich auf Joachim I. und II. beziehen . Sie lauten : Seine ( Johann Ciceros ) Söhne werden beglückt durch gleichmäßiges Los ; Allein dann wird ein Weib dem Vaterlande trauriges Verderben bringen , Ein Weib , angesteckt vom Gift einer neuen Schlange , Dieses Gift wird auch währen bis in ' s elfte Glied , Und dann Und nun kommt der , welcher dich , Lehnin , nur allzu sehr haßt , Wie ein Messer dich zerteilt , ein Gottesleugner , ein Ehebrecher , Er macht wüste die Kirche , verschleudert die Kirchengüter . Geh , mein Volk : Du hast keinen Beschützer mehr , Bis die Stunde kommen wird , wo die Wiederherstellung ( restitutio ) kommt . Die Vorgänge in der Mark in dem zweiten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts , der Übertritt Elisabeths zur neuen Lehre und die Aufhebung der Klöster durch Joachim II. , der die Axt an den Stamm legte , konnten , wir wiederholen es , vom katholischen Standpunkt aus , nicht zutreffender und in nicht besserem Prophetenton geschildert werden . Aber zugegeben , daß – wie die Angreifer erwidern – der Verfasser im Jahre 1690 gut prophezeien hatte in betreff von Vorgängen , die hundertfünfzig Jahre zurücklagen , warum , so fragen wir , prophezeite er teils falsch , teils dunkel in betreff so vieler anderer Vorgänge , die , wenn 1690 die Scheidelinie ziehen soll , ebenfalls der Vergangenheit angehörten . Nehmen wir ein Beispiel statt vieler – die Verse , die sich auf George Wilhelm , also auf die Epoche während des Dreißigjährigen Krieges beziehen . Es sind die folgenden : Nach dem Vater ist der Sohn Herr des Markgrafentums . Er läßt nicht viele leben nach ihrem Sinne , ohne sie zu strafen . Indem er zu stark vertrauet , frißt der Wolf das arme Vieh , Und es folgt in kurzem der Diener dem Herrn im Tode . Die vierte Zeile ist auf den Tod Adam Schwarzenbergs gedeutet worden , wogegen sich nichts sagen läßt . Der Inhalt dieser Zeile träfe also zu . Aber die zweite und dritte geben , wenn man das auch hier vorhandene Dunkel durchdringt , eine Charakteristik der Zeit sowohl wie des Mannes , wie sie nicht leicht falscher gedacht werden kann . Wenn es umgekehrt hieße : » Er ließ alle leben nach ihrem Sinne , ohne sie zu strafen « , und » er vertraute ( da er bekanntlich immer schwankte ) nicht stark genug « – so würden diese Sätze um vieles richtiger sein als die , die jetzt dastehen . Wo bleibt da das bequeme Prophezeien nach rückwärts ? 9 Vergleichen wir nun damit die Prophezeiungen der zweiten Hälfte , der Epoche nach 1690 , wo also der Dichter , selbst wenn er um 1690 schrieb , jedenfalls gezwungen war , in die Zukunft zu blicken . Über Friedrich den Großen 10 heißt es , wie nicht geleugnet werden soll , mehr dunkel und anklingend , als scharf zutreffend : In kurzem toset ein Jüngling daher , während die große Gebärerin seufzt ; Aber wer wird vermögen , den zerrütteten Staat wieder herzustellen ? Er wird das Banner erfassen , allein grausame Geschicke zu beklagen haben , Er will beim Wehen der Südwinde sein Leben den Festungen vertraun . oder ( nach anderer Übersetzung ) : Weht es von Süden herauf , will Leben er borgen den Klöstern . Dann ( Friedrich Wilhelm II. ) : Welcher ihm folgt , ahmt nach die bösen Sitten der Väter , Hat nicht Kraft im Gemüt , noch eine Gottheit im Volke . Wessen Hilf ' er begehrt , der wird entgegen ihm stehen , Und er im Wasser sterben , das Oberste kehrend zu unterst . Dann ( Friedrich Wilhelm III. ) : Der Sohn wird blühen ; was er nicht gehofft , wird er besitzen . Allein das Volk wird in diesen Zeiten traurig weinen ; Denn es scheinen Geschicke zu kommen sonderbarer Art , Und der Fürst ahnet nicht , daß eine neue Macht im Wachsen ist . Niemand , der vorurteilslos an diese Dinge herantritt , wird in Abrede stellen können , daß ganz speziell in den letzten acht Zeilen Wendungen anzutreffen sind , die von einer frappierenden Zutreffendheit sind , so zutreffend , daß in der ganzen Weissagung nur eine einzige Stelle ist : jene acht Zeilen , die sich auf Joachim I. und II. beziehen , die an Charakterisierung von Zeit und Personen damit verglichen werden können . Wenn auch hier ausweichend geantwortet ist , es handle sich in allen dreien um bloße Allgemeinheiten , so ist das teils nicht richtig , teils bezeichnet es den Charakter der ganzen Dichtung überhaupt , gleichviel , ob dieselbe Nahes oder Zurückliegendes in Worte faßt . Es ist nach dem allen nicht zu verwundern , daß der Streit über die Echtheit nach wie vor schwebt , und daß die Weissagung , selbst unter den Protestanten , die verschiedensten Urteile erfahren hat . Küster nennt das Vaticinium einfach ein » Spiel des Witzes « ( lusus ingenii ) ; Guhrauer bezeichnet es als eine lakonisch-orakelmäßige Darstellung , die , mit Rücksicht auf die einmal befolgte Tendenz , nicht ohne Geschick angelegt und durchgeführt worden sei . Schulrat Otto Schulz geht in seinem Unmut schon weiter und in der festen Überzeugung , » daß der gesunde Sinn des preußischen Volkes diese Weissagung als die Ausgeburt eines hämischen Fanatikers zu würdigen wissen werde . « Professor Trahndorff denkt noch schlimmer darüber , indem er sie geradezu für Teufelswerk ausgibt ; hält sie aber andererseits für eine wirkliche , wenn auch diabolische Prophezeiung . » Diese hundert Verse « , so sagt er , » sind als eine echte Prophezeiung anzusehen , aber zugleich wegen des darin waltenden unevangelischen Geistes als das Werk des Lügengeistes zu verwerfen . « Von Trahndorff zu Meinhold , dem Verfasser der » Bernsteinhexe « , ist nur noch ein Schritt . Wenn jener die wirkliche Prophezeiung zugegeben hat , so fragt es sich nur noch , ob nicht der Lügengeist , den der eine darin findet , durch den andern ohne viele Mühe in einen Geist der Wahrheit verkehrt werden kann . Meinhold vollzieht denn auch diese Umwandlung und versichert , » daß er beim Lesen dieser Lehninschen Weissagung die Schauer der Ewigkeit gefühlt habe « . So weichen selbst protestantische Beurteiler im einzelnen und gelegentlich auch im ganzen voneinander ab . Es wird also schwerlich jemals glücken , aus dem Geist und Inhalt der Prophezeiung , wie so vielfach versucht worden ist , ihre Unechtheit zu beweisen . Diese Dinge appellieren an das Gefühl , und bei dem poetischen Geschick , das aus dem Vaticinium unverkennbar spricht , empfängt dieser Appell keine ungünstige Antwort . Es ist nicht zu leugnen , daß , wenn man Geist und Ton der Dichtung durchaus betonen will , beide mehr für die Echtheit als gegen dieselbe sprechen . Beispielsweise die Schlußzeilen : Endlich führet das Szepter , der der Letzte seines Stammes sein wird , Israel wagt eine unnennbare , nur durch den Tod zu sühnende Tat , Und der Hirt empfängt die Herde , Deutschland einen König wieder . Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden Und wagt die Ihrigen allein zu hegen , und kein Fremdling darf mehr frohlocken , Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erstehn , Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren , Und kein Wolf stellt mehr dem edlen Schafstalle nach . Selbst diese matte Übersetzung der volltönenden Verse des Originals hat noch etwas von prophetischem Klang . Die Frage wird nicht aus dem Inhalt , sondern umgekehrt einzig und allein aus der Form und aus äußerlich Einzelnem heraus entschieden werden . Guhrauer hat zuerst darauf aufmerksam gemacht , daß sich in der Weissagung ( Zeile 63 ) das Wort » Jehova « vorfinde , und hat daran die Bemerkung geknüpft , daß dieser Ausdruck » Jehova « anstelle des bis dahin üblichen » Adonai « überhaupt erst zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich geworden sei . Bis dahin habe man den Ausdruck oder die Lesart » Jehova « gar nicht gekannt . Ist diese Bemerkung richtig , so ist sie mehr wert als alle andern Halbbeweise zusammengenommen . Gleichviel indes , ob richtig oder nicht , der Weg , der in dieser Guhrauerschen Bemerkung vorgezeichnet liegt , ist der einzige , der zum Ziele führen kann . Nur Sprachforscher , Philologen , die , ausgerüstet mit einer gründlichen Kenntnis aller Nuancen mittelalterlichen Lateins , nachzuweisen imstande sind : » dies Wort , diese Wendung waren im dreizehnten Jahrhundert unmöglich « , nur sie allein werden den Streit endgültig entscheiden . Das Resultat einer solchen Untersuchung , wenn sie stattfände , würde lauten : » unecht « . Darüber unterhalte ich , so wenig ich mich mit den bisherigen Verwerfungsbeweisen habe befreunden können , nicht den geringsten Zweifel . Aber auch der gegenteilige Beweis würde das alte Interesse an dieser Streitfrage nicht wiederbeleben können . Denn die Ereignisse haben mittlerweile die Prophezeiung überholt . Seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. ist sie falsch geworden , gleichviel ob sie echt ist oder nicht . Diesen Unterschied zwischen » unecht « und » falsch « ziemt es sich durchaus zu betonen . Schon Guhrauer hat sehr richtig darauf aufmerksam gemacht , daß der Text der Prophezeiung echt und die Prophezeiung selber doch eine falsche , d.h. eine unerfüllt gebliebene sein könne . » Eine unerfüllt gebliebene – so fügt er hinzu – gleich so vielen anderen falschen Prophezeiungen , deren Authentizität von niemand bezweifelt worden ist . « Friedrich Wilhelm III. war bereits der elfte Hohenzoller nach Joachim I. ; der Zeiger an der Uhr ist über die verhängnisvolle Stunde ruhig hinweggegangen , die Hohenzollern leben und nur die Weissagung , echt oder nicht , ist tot . Spandau und Umgebung Kloster Chorin Kloster Mariensee Kloster Mariensee Kloster Chorin trat nicht gleich als es selbst ins Dasein , sondern ging vielmehr aus einer früheren , an anderem Orte gelegenen Anlage hervor . Es scheint geboten , auch bei dieser Vorgeschichte , die wenig bekannt ist , zu verweilen . Kloster Chorin , ehe es diesen seinen Namen annahm , war Kloster Mariensee . Die Stelle , wo letzteres stand , war lange zweifelhaft . Die Urkunden sagten freilich deutlich genug : » auf der Ziegeninsel im Paarsteiner See « ; aber der Paarsteiner See hatte zwei Inseln , von denen – wenigstens in den Nachschlagebüchern – keine mehr den Namen » Ziegeninsel « führte . Die eine hieß , in eben diesen Büchern , der » Paarsteiner Werder « , die andere der » Pehlitzer Werder « . Nachfragen am Paarsteiner See selbst indes , die ich anstellen durfte , haben die Streitfrage schnell entschieden . Der » Pehlitzer Werder « heißt im Volksmund an Ort und Stelle noch immer die Ziegeninsel , und wenn dennoch ein leiser Zweifel bliebe , so würde derselbe durch die Kirchentrümmer beseitigt werden , die , unverkennbar auf eine Klosteranlage deutend , bis diesen Augenblick noch auf dem » Pehlitzer Werder « – in alten Urkunden Insula Caprarum – angetroffen werden . Diese Ziegeninsel liegt am Südende des Sees und ist Privateigentum , etwa wie ein eingezäuntes Stück Grasland , weshalb man auch nur vom gegenüberliegenden Amtshof aus die Überfahrt nach derselben bewerkstelligen kann . Die Erlaubnis dazu wird gern gewährt . Früher , wenn die Tradition recht berichtet , war das Terrain zwischen dem Amtshof und der Insel mehr Sumpf als See , so daß ein Steindamm , eine Art Mole , existierte , die hinüberführte ; der Paarsteiner See aber , im Gegensatz zu anderen Gewässern der Mark , wuchs konstant an Wassermenge , so daß allmählich der Sumpf in der wachsenden Wassermenge ertrank und mit dem Sumpf natürlich auch der Steindamm . Die Tradition hat nichts Unwahrscheinliches ; auch erkennt man noch jetzt , bei klarem Wasser , lange Steinfundamente , die in gerader Linie vom Ufer zur Insel führen . Die Insel selbst , an deren Südwestseite man landet , hat die Form eines verschobenen Vierecks , dessen vier Spitzen ziemlich genau die vier Himmelsgegenden bezeichnen . Der Umfang der Insel mag einige Morgen betragen . An der Landungsstelle , in ziemlicher Ausdehnung , erhebt sich eine aus mächtigen Blöcken aufgetürmte Wand : Roll- und Feldsteine , von denen es schwer zu sagen ist , ob die Fluten hier vor Jahrtausenden sie ablagerten oder ob erst unsere Freunde , die Mönche , sie zu Schutz und Trutz hier aufschichteten . Die Insel zeigt im übrigen auf den ersten Blick nichts Besonderes ; sie macht den Eindruck eines vernachlässigten Parks , in dem die Natur längst wieder über die Kunst hinausgewachsen ist . Es vergeht eine Zeit , ehe man die Trümmer entdeckt und überhaupt in dem bunten Durcheinander sich zurechtfindet ; dann aber wirkt alles mit einem immer wachsenden Reiz . Die Überreste des Klosters liegen nach Osten zu , fast entgegengesetzt der Stelle , wo man landet . Was noch vorhanden ist , ragt etwa zwei Fuß hoch über den Boden und reicht in seinen charakteristischen Formen völlig aus , einem ein Bild des Baues zu geben , der hier stand . 11 An der Profilierung der Steine erkennen wir , daß wir es mit einem romanischen Bau zu tun haben , der wahrscheinlich drei Schiffe ( eher schmal als breit ) hatte ; an einzelnen Stellen glaubt man noch ein Pfeilerfundament des Mittelschiffs zu erkennen . Weitere Nachgrabungen würden gewiß mancherlei Auskunft Gebendes zutage fördern , wobei bemerkt werden mag , daß auch das , was jetzt dem Auge sich bietet , erst infolge von Erdarbeiten , die der Pehlitzer Amtmann anordnete , vor kurzer Zeit zutage getreten ist . Was die Trümmer selbst angeht , so gehören sie sehr wahrscheinlich der Ostseite der ehemaligen Klosterkirche an , woraus sich ergeben würde , daß das Längsschiff derselben sich nicht parallel mit dem Ufer , sondern senkrecht auf dasselbe , also inseleinwärts hingezogen haben muß . In dieser Richtung hätten also auch weitere Nachgrabungen zu erfolgen . Wie die eigentlichen Klostergebäude , die Mönchswohnungen , zu dieser Klosterkirche standen , wird um so schwerer nachzuweisen sein , als die ganze Anlage nur von bescheidenen Dimensionen war , einzelnes auch leicht möglicherweise in dem heraufsteigenden See versunken ist . Zwischen diesem und der Klosterkirche bemerken wir noch ein niedriges Feldsteinfundament , über dessen Zugehörigkeit und frühere Bestimmung die Ansichten abweichen . Ich bin indes der Meinung , daß alle diese außerhalb und doch zugleich in nächster Nähe gelegenen , dabei durch eine eigentümliche Schrägstellung markierten Feldsteinbauten nichts anderes waren als die Siechenhäuser , in denen die Mönche den Hospitaldienst übten . In der Mitte der Insel erhebt sich der sogenannte Mühlberg , der beste Punkt , um einen Überblick zu gewinnen . Wir erkennen von hier aus unter den Zweigen der Bäume hindurch die Kirchenstelle und die Hospitalstelle , wir sehen die prächtige alte Lindenallee , die am Nordufer der Insel entlang den dahinter liegenden breiten Schilfgürtel halb verdeckt , und sehen durch die offenen Stellen hindurch die blaue Fläche des Sees , die sich wie ein Haff jenseits des Schilfgürtels dehnt . Dieser weitgedehnte See , überall eingefaßt durch prächtig geschwungene Uferlinien , gewährt ein Landschaftsbild voll imponierender Schönheit ; aber dieser Schönheit vermählt sich eine Sterilität , wie sie an märkischen Seen nur selten getroffen wird . Die Ufer , wenn sie Basalt wären , könnten nicht unfruchtbarer sein . Keine Spur von Grün bedeckt die sandgelben , in ihren Formen nicht unmalerischen Abhänge , kein Saatfeld läuft wie ein grünes Band von den Hügeln zum See hernieder , kein Laubholz , kein Tannicht , keine Decke grünen Mooses . Diese absolute Öde , nur einmal zur Rechten durch eine Turmspitze unterbrochen , ist an sich nicht ohne einen gewissen Zauber , aber das Gefühl , daß hier die Grundelemente zu einem märkischen Landschaftsbilde ersten Ranges nur geboten wurden , um von seiten der Kultur unbenutzt zu bleiben , verkümmert die Freude an dem , was wirklich vorhanden ist . Freilich , ständen diese Ufer auch in Grün und lachten auch die Wohnungen der Menschen daraus hervor , hier rote Dächer mit Tauben auf dem First , dort Wassermühlen , von niederstürzenden Gewässern getrieben – doch würde niemand da sein , um sich von dieser Inselstelle aus des schönen Landschaftsbildes zu freuen . Der » Pehlitzer Werder « ( Insula caprarum ) , einst in regem Verkehr mit den Bewohnern dieser Landesteile , eine Zufluchtsstätte für Verfolgte , eine Pflegestätte für Kranke und Verwundete , ist jetzt nichts mehr als Koppel- und Grasplatz für den Amtshof . Im Monat Mai schwingen sich Knechte und Hütejungen auf die Rücken der Pferde , und wie zur Tränke reitend , schwimmen sie mit ihnen zur Insel hinüber . Diese gehört nun sommerlang den Pferden und Füllen . Am Ufer hin , in der alten Lindenallee grasen sie auf und ab und horchen nur auf , wenn bei untergehender Sonne drüben der Paarsteiner Kirchturm zu Abend läutet . Eines der halbwachsenen Füllen tritt dann auch wohl in das Klostergemäuer , um die Disteln abzugrasen , die über dem alten Mönchsgrabe stehen ; aber plötzlich , als sei eine Flamme aus der Erde gefahren , dreht sich das Jungtier im Kreise herum und starrt und prustet , und mit Schüttelmähne und gehobenem Schweif flieht es die