man ohne ihre Zustimmung über sie hatte entscheiden wollen , hatte sie in Bezug auf den Freiherrn das Nämliche gethan , und ihre Worte machten das Uebel ärger . Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung . Es war ihm , als würde er auf einem Rade wild umher getrieben , daß er nicht wußte , was er erlebte , was er dachte . Das schönste Weib , welches seine Augen je gesehen , eine Frau , um deren Gunst die ausgezeichnetsten Männer sich bis jetzt vergebens beworben hatten , trug sich ihm an . Er brauchte nur Ein Wort zu sprechen , und er nannte Eleonoren mit ihrem ganzen fürstlichen Besitze sein . Indeß sein Mannesgefühl lehnte sich gegen ihre Gewaltsamkeit auf . Er konnte es ihr nicht vergeben , daß sie ihn vor dem Könige und vor dem Hofe in eine Angelegenheit verwickelt hatte , in der er sie bloßzustellen , oder sich einer übelwilligen Beurtheilung Preis zu geben gezwungen war , und wie unheilvoll ihre Lage , wie beklagenswerth sie ihn auch dünkte , konnte er doch nichts thun , sie aus dem Wirrsale zu befreien , in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestürzt hatte . So verging eine ganze Zeit . Immer noch stand er sprachlos vor ihr , aber jede Secunde längeren Schweigens änderte sein Empfinden und seine Gedanken . Was ihn zuerst als eine Gewaltthätigkeit bedünkt , gegen die er sich zu wahren hatte , erschien ihm bald darauf als ein Zeichen des Vertrauens , auf das er stolz sein müsse und dem von seiner Seite bisher nicht entsprochen zu haben er sich bitter vorwarf . Wie hatte die Gräfin ahnen können , daß er gebunden war ? Wie anders würde diese Stunde für ihn geschlagen haben , wäre er frei gewesen , hätte er Eleonoren zu Füßen sinken und ihr danken dürfen , daß sie ihm vertraute ! Eben erst hatte er ihr zürnen zu müssen geglaubt , nun sagte er sich , daß sie Grund habe , ihm zu zürnen , und wie er in ihr schönes , bleiches Antlitz sah , dessen mächtige Augen mit angstvoller Frage an ihm hingen , da hielt er sich nicht länger , und von einem Schmerze überwältigt , den er sich nicht zu erklären wagte , rief er : Eleonore , Sie und mich habe ich betrogen und elend gemacht ! Aber ich bin elender , als Sie - denn ich verliere Sie , und Sie werden mich verachten ! Ihre Arme sanken schlaff herab . Sie sind vermählt ? sprach sie klanglos . Er schüttelte verneinend das Haupt . Nein , nein ! rief er , aber ich habe mich seit Jahren meiner Jugendgespielin , der Gräfin Rhoden , anverlobt ! Ihr Blick blieb lange auf ihm haften , als wolle sie zu verstehen suchen , wie eben er sie habe täuschen können . Gebrochen , wie sie sich fühlte , fühlte auch Renatus sich . Sie schwiegen beide , bis Eleonore endlich fast tonlos die Frage hinwarf : Ich habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genannt - was bewog Sie , mir Ihre Verlobung zu verschweigen ? Es lag etwas Furchtbares in der Ruhe , mit welcher sie zu ihm redete . Er hörte es an ihrem Tone , er las es in ihren Mienen , daß sie mit ihrem ganzen Schicksal abgeschlossen habe , daß sie nur noch zu verstehen trachte , wie Alles eben so gekommen sei , und weil er sich ihre offenbare Verzweiflung nicht anders zu erklären wußte , drängte sich ihm der Glaube auf , Eleonore liebe ihn , um seinetwillen habe sie die Hand des Prinzen ausgeschlagen , und sein Geständniß sei es , das sie also beuge . Das überwältigte ihn , und als zerrisse ein Schleier vor seinen Augen , als sähe er sich zum ersten Male im vollen Lichte der Wahrheit , so daß es ihn zwinge , auch völlig wahr gegen sich und Andere zu sein , flehte er : Hören Sie mich , Eleonore ! Sie sollen Alles wissen - alles , alles , was ich mir selber nicht einzugestehen wagte . Ja , ich bin verlobt - aber diese Verlobung war eine Uebereilung , war ein Irrthum , den ich oft bereute ! Ich war kaum aus dem Vaterhause , kaum aus der Aufsicht meines Erziehers gekommen , ich kannte die Welt , mich selbst noch nicht ! Je älter ich wurde , je länger ich von meiner Braut entfernt war , je mehr erblaßte ihr Bild in meiner Erinnerung , und seit ich Sie sah , Eleonore , seit ich Sie kennen lernte .... Er brach plötzlich ab , überwand sich aber und sagte nach kurzem Schweigen : Meine Braut ahnte , fühlte , daß ich für sie erkaltet war , ihre Briefe peinigten mich , ich suchte sie zu vergessen , um nicht in dem Glücke gestört zu werden , das ich in Ihrer Nähe fand und das , wie ich meinte , nicht lange dauern konnte . Ihnen , der Selbstgewissen , hätte ich es am wenigsten gestehen mögen , daß ich leichtsinnig über mein Leben entschieden hatte ! Ich schämte mich vor Ihnen meiner Unbesonnenheit , so oft ich Ihnen davon sprechen wollte , ja selbst wenn je zuweilen der Gedanke in mir rege wurde , jenes Band zu lösen und an Ihr Urtheil mich zu wenden , ob ich es lösen dürfe , sagte ich mir , daß Sie den Mann nicht achten könnten , der erst von Ihnen sich sagen lassen müsse , ob er verpflichtet sei , das Wort zu halten , mit welchem er eines edlen Mädchens Leben an sich gekettet , mit dem er ihm seine Zukunft verpfändet habe ! Eleonore setzte sich nieder und stützte ihre Stirn gegen die zusammengeballte Hand . Renatus stand vor ihr und sah mit unbeschreiblichem Schmerze auf sie nieder . Da sie sich nicht regte , fing er noch einmal zu sprechen an . Er schilderte ihr , wie eine zufällige Unterhaltung , die er gestern mit dem Abbé gehabt und in welcher dieser das Glück der Ehe und der Häuslichkeit gepriesen , ihm das Herz erweicht , wie er seit langer Zeit zum ersten Male wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht , wie er ihr dies heute geschrieben , ihr die Empfindung eingestanden habe , die er für Eleonore gehegt , wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt , seine Heimkehr nicht länger zu verzögern , seine Verheirathung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben . Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort : Und der Abbé ? fragte sie in höchster Spannung - und der Abbé , wußte er , daß Sie gebunden sind ? Es wußte hier Niemand darum , und auch in meiner Heimath ist meine Verlobung nicht öffentlich ausgesprochen , denn ich war sie , ehe ich in ' s Feld zog , ohne daß mein Vater darum wußte , eingegangen ! Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet . Es war das Einzige , was sie wissen mußte , was für sie noch wichtig war . Als sie das vernommen hatte , versank sie wieder in ihr früheres Brüten . Die Stille konnte Renatus nicht ertragen . Er trat an sie heran , ergriff ihre herabhängende Rechte und , vor ihr niederknieend , bat er : Sprechen Sie zu mir , Eleonore ! Sagen Sie mir , was soll ich thun ? Müssen Sie mich das erst fragen ? entgegnete sie ihm . Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet ; aber es gibt Lebenslagen , in denen man es leichter findet , sein Urtheil von einem Andern , als von dem eigenen Bewußtsein sprechen zu lassen , und die seinige war eine solche . Es war vergebens , daß er sich sagte , wie ein getheiltes Herz , wie die Hand eines Mannes , die er einem Weibe widerstrebend reiche , dieses nicht glücklich machen könnten ! Er hatte sein Wort verpfändet , er war ein Edelmann und hatte dieses Wort zu halten , was auch daraus für ihn selber werden und entstehen konnte ! Es hatte kein Arten je sein Wort gebrochen ! Er erhob sich und trat an das Fenster . Den Kopf gegen die kalten Scheiben gepreßt , ließ er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf . Er grollte sich , er grollte Hildegard , er grollte der Welt und dem Leben . So blieb er eine Weile stehen , bis Eleonore ihn beim Namen rief . Er blickte um sich , sie stand an seiner Seite , der Schein der untergehenden Sonne umfloß sie mit seinem matten Lichte . Sie sah sehr ermüdet , sehr verändert aus . Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt , sagte sie , und deshalb werden wir einander nicht vergessen ! Ich habe Sie um Vergebung zu bitten für mein Thun , ich hatte kein Recht , keinen Anspruch an Sie , es war ein Wahnsinn , der mich erfaßt hatte , als ich über Sie verfügte - und ich allein werde die übeln Folgen davon tragen ! Wohl Ihnen , daß Sie gebunden sind , daß Sie Sich nicht verpflichtet glauben können , meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens , Ihrer Ehre zu bedecken ! Eleonore , um Gottes willen schweigen Sie , demüthigen Sie mich nicht ! flehte er und die Thränen traten ihm in die Augen . Nein , entgegnete sie , Sie sind , wenn auch erst in der letzten Stunde , wahr gegen mich gewesen - ich schulde Ihnen das Gleiche ! Ich liebe Sie nicht , habe Sie nie geliebt und würde Sie nur geheirathet haben , um .... Sie stand auf dem Punkte , ihm die volle Wahrheit zu bekennen , aber da sie dieselbe aussprechen wollte , hielten die Scham des Herzens und die Besorgniß , daß sie gegen die Absichten des Geliebten handeln , daß sie ihn benachtheiligen könne , wenn sie ihr Geheimniß dem Freiherrn verriethe , sie davon zurück . - Ich hätte Sie nur geheirathet , sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit , um einer mir verhaßten Ehe zu entgehen ! Das wäre kein Glück für Sie gewesen , sicherlich kein Glück ! Renatus biß die Lippen zusammen , die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen . Und was haben Sie zu thun beschlossen ? fragte er endlich , da die Sonne herabsank und der frühe Abend anbrach . Ich verlasse Paris noch diese Nacht - ich bin durch des Königs Wort dazu genöthigt ! Es lüstet mich auch nicht , vor dem Hofe als - als eine Lügnerin da zu stehen ! Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe , sie hatte Noth , sich zu behaupten , sie konnte nicht gleich weiter sprechen . Kann ich denn nichts , gar nichts für Sie sein , nichts für Sie thun ? fragte Renatus . Ja , gehen Sie zu dem Abbé , sagen Sie ihm , daß ich ihn zu sprechen wünsche , gleich jetzt zu sprechen wünsche ! Der Abbé ist verreist ! wendete Renatus ein . Nein , nein , unmöglich ! rief Eleonore . Renatus sagte , daß er selber in dem Collegium gewesen sei , selber dort den Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe . Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung . Ist kein Brief für mich gekommen ? fragte sie den eintretenden Diener . Eben jetzt hat man diesen hier gebracht , erhielt sie zur Antwort . Sie nahm das Schreiben von dem silbernen Teller , auf dem man es ihr überreichte , und eilte damit an das Fenster . Es war noch hell genug , die wenigen Zeilen lesen zu können . » Eine Weisung meiner Vorgesetzten , « lauteten sie , » zwingt mich , für einige Wochen die Hauptstadt zu verlassen . Sie kann mich möglicher Weise zu einer längeren Entfernung nöthigen . Welche Entscheidung Sie auch treffen , theure Gräfin , denken Sie , daß meine sorglichsten Wünsche , meine Gebete für Ihre Erleuchtung und für Ihren Frieden Sie immer und überall begleiten . « Und er sagt mir nicht , wohin er geht ! rief sie , während die lange zurückgehaltenen Thränen ihr über die Wangen rollten . Er sagt mir nicht , wohin er geht ! wiederholte sie im Tone des bittersten Schmerzes , und ohne auf Renatus noch zu achten , verließ sie mit raschem Schritte das Gemach . Vierzehntes Capitel Vierundzwanzig Stunden nach dieser Unterredung waren die großen äußeren Thüren des herzoglichen Palastes , die gastlich offen standen , wenn die Herrschaft anwesend war , geschlossen . Die Dienerschaft zog an den Fenstern , welche nach dem vorderen Hofe gelegen und zum Theil in den oberen Stockwerken von der Straße aus sichtbar waren , die Gardinen zu und ließ die hölzernen Vorhänge herunter . In dem stillen , nach dem Garten hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an dem Lager der Greisin , deren feste Natur diesem Stoße sich doch nicht gewachsen gezeigt hatte . Der Arzt , den man herbeigerufen , als die Herzogin vom Hofe gekommen war , hatte ihren Anfall für einen Herzkrampf , ihren Zustand bei ihren hohen Jahren für sehr bedenklich erklärt . Es konnte von ihrer Abreise die Rede nicht sein , obschon sie darauf bestand , dem Könige auch in dem Befehle , den er ihr im Zorne gegeben hatte , pünktlich zu gehorsamen . Man mußte also auf ihre Anordnung dem Palais wenigstens das Ansehen geben , als habe sie es verlassen , und selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen , die gekommen waren , nach ihr zu fragen , verweigerte man auf ihren ausdrücklichen Befehl den Zutritt zu ihr . Sie mochte sich in der Ungnade , die sie getroffen hatte , von Niemandem sehen , von Niemandem beklagen lassen . Sie versagte Anfangs sogar , Arzenei und Speise zu nehmen ; man war übel mit ihr daran . Eleonore war mit Tagesanbruch abgereist . Sie hatte noch an dem verwichenen Abende einen Paß für sich und ihre Bedienung gefordert , und da der englische Gesandte , ein Freund ihrer verstorbenen Mutter , von dem Vorgange im Schlosse Zeuge gewesen war , hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr seine Dienste angeboten , falls sie irgend eines Rathes oder Schutzes bedürftig sei . Er hatte sich bei der Gelegenheit die Frage erlaubt , ob ihr Verlobter ihr bald nach England folgen werde , ob sie ihn später nach Deutschland zu begleiten gedenke , und gleich unfähig , sich der Unwahrheit anzuklagen , wie eine Aeußerung zu thun , die ein falsches Licht auf Renatus werfen konnte , hatte sie dem Gesandten ohne alle Erläuterung erklärt , daß von einer Verbindung zwischen ihr und dem Freiherrn nicht mehr die Rede sei . Das hatte ihre Lage noch verschlimmert , und nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain , sondern auch in den Kreisen , die dem Hofe nahe standen , boten die Ungnade , in welche die Herzogin von Duras gefallen war , und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton in den nächsten Tagen und Wochen den Gegenstand der Unterhaltung , den Stoff für die abenteuerlichsten Vermuthungen dar . Renatus spielte in denselben bald diese , bald jene Rolle . Die Einen behaupteten , die Gräfin habe in Bezug auf ihn Entdeckungen gemacht , die ihm zur Unehre gereicht und sie bewogen hätten , ihre Verlobung mit ihm zu lösen ; Andere wollten wissen , daß der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin gekommen sei , dem er habe zum Deckmantel dienen sollen , und die Zahl derjenigen , welche diese Meinung aufrecht erhielten , wuchs mit jedem Tage . Man sprach davon , daß sie seit ihrer Kindheit einen Sohn ihrer Amme , dem man eine gewisse Erziehung gegeben hatte , zu ihrem Diener gehabt habe . Man erinnerte sich , daß derselbe ein schöner Mensch gewesen sei , daß die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt und ihn auch jetzt wieder mit sich genommen habe , obschon eben in diesem Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sie gewesen sein würde . Wenn gegen solche Gerüchte sich auch die Stimme der Personen , die Eleonoren nahe gestanden hatten , mit Entschiedenheit und mit Entrüstung auflehnte , so gingen doch manche üble Andeutungen über sie durch die Presse in die Oeffentlichkeit über , und es waren , sonderbar genug , gerade die frömmsten Matronen , die vornehmen Frauen , welche denselben geistlichen Berather mit der Herzogin hatten , von denen jene böswilligen Gerüchte ihren Ausgang hatten und ihre Bestätigung erhielten . Der Abbé von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur in so fern genannt , als man sich wunderte , wie ein Mann von seiner Menschenkenntniß sich über den wahren Werth und über die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so völlig habe täuschen können . Als man des Ereignisses einmal zufällig selbst vor dem Erzbischof erwähnte , meinte derselbe , daß gerade der hohe und nur auf das Große gerichtete Sinn des Abbé ' s das Geringe am leichtesten habe übersehen können und daß eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu geneigt gewesen sei , das Unedle in Anderen vorauszusetzen . Er beklagte den Abbé wegen dieser übeln Erfahrung , freute sich , daß derselbe eben jetzt zufällig von Paris entfernt sei und daß es ihm also erspart werde , ein ohnmächtiger Zuschauer bei so schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zu werden , und als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in dem günstigen Urtheile über den Abbé von Herzen beistimmten , als die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter Entrüstung gegen Eleonore erhoben , forderte das milde Herz des Kirchenfürsten Nachsicht auch für die Verirrte . Er gab es zu bedenken , daß die Gräfin in einem unruhigen Reiseleben erzogen sei und daß ihr die Stütze gefehlt habe , welche jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Gewalt mit Sicherheit zu finden vermöge . Das räumte man ihm willig ein . Einem Mädchen , das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden , einem Mädchen , dem der Rath und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite gestanden , hätten solche Abenteuer nicht begegnen können . Man entschuldigte endlich Eleonore mit einem niederdrückenden Mitleid und man begann gleichzeitig , die Herzogin zu tadeln , die , nur auf weltliche Vortheile für sich und ihre Freunde bedacht , es verabsäumt hatte , ihre Nichte auf den Weg des Heils und in die Arme der Kirche zu führen . Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen Rückschlag zu erleiden . Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr oder weniger verhehlten Neugier betrachtet , die Näherstehenden wagten vorsichtige Fragen , um , wie sie behaupteten , den an sie von allen Ecken und Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu können , und die Verwirrung seines Gemüthes machte ihm die Nadelstiche , die ihm fortwährend zu Theil werdenden kleinen Verletzungen und Kränkungen nur empfindlicher , ihn nur ungeduldiger in ihrer Abwehr . Alles , was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt , ihn ganz natürlich gedünkt hatte , wurde ihm nun plötzlich zu einem Gegenstande , der reifliche Erwägung forderte . Es war zu bedenken , ob er in dem Palais der Herzogin bleiben könne , bleiben solle , zu bedenken , ob es gerathener sei , Paris zu verlassen , die Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen , oder sich zu behaupten und zu versuchen , in wie weit es möglich sei , auch Eleonoren dabei nützlich zu werden . Und bei dem allem lag ihm die Besorgniß , daß man seine Ehre antaste , ohne daß er das Geringste thun könne , dies zu hindern , schwer auf der Seele . Hier und da stieß er auf Fragen , auf Andeutungen , die sein Blut zum Sieden brachten ; mehrmals stand er auf dem Punkte , die vorsichtig Zudringlichen , wie es sich nach seinen edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte , zu blutiger Rechenschaft zu ziehen , aber die Besonnenen unter seinen Genossen und Kameraden wußten die Zerwürfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen , indem man ihn daran mahnte , daß der Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen Gefahren ausgesetzt sei , und daß in dem Verhältnisse , in welchem die preußischen Truppen sich in Paris befänden , für den Chef derselben nichts ungelegener kommen könne , als ein Duell unter seinen Offizieren , oder gar das Duell eines seiner Offiziere mit einem zum Hofe gehörenden Franzosen . Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrücklich , daß ihr junger Gast unter ihrem Dache bleiben solle . Sie ließ es ihn durch den Arzt wissen , daß es ihr beruhigend sei , einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nähe zu haben , für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne , sich von ihr zurückzuziehen , und dem sie keinen Nachtheil zuzufügen fürchten müsse , wenn er sich ihr anhänglich erweise . Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der folgenden Tage , daß sie ihn noch zu sehen hoffe , ehe sie vom Dasein scheide , und da die Freude an der schönen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlöschen konnte , fügte sie den zwei Zeilen am Schlusse die Wendung zu : da sein Vater ihr in Leid und Sorge seine Hand gereicht , so habe der Himmel wohl die Hand des Sohnes auserwählt , ihr die müden Augen zuzuschließen . Renatus blieb also in ihrem Hause . Von Seiten seiner Freunde und Vorgesetzten sah man dies gern . Es ließ ihn schuldlos an dem Geschehenen erscheinen , und er selber war zu reinen Sinnes , um es der Herzogin zuzutrauen , daß sie ihn gerade deßhalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich festzuhalten suchte . Wenige Tage nach der Abreise der Gräfin , als Renatus sich eines Abends zu Hause und einsam in seinem Zimmer befand , ward der Abbé ihm angemeldet . Er sagte , daß er eben erst angekommen sei , daß er eben erst mit höchster Bestürzung das Geschehene erfahren habe . Mit mehr Lebhaftigkeit , als er seinem Ausdrucke sonst zu geben pflegte , beklagte er es , daß er nicht im Stande gewesen sei , dem Rufe der Gräfin zu folgen . Er beurtheilte sie weit weniger streng , als in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn , versicherte , daß er ihr gleich heute schreiben werde , und billigte es durchaus , daß Renatus in der Nähe der Herzogin geblieben sei . Dann ließ er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr trotz der späten Abendstunde angenommen . Von dem Tage ab kehrte er regelmäßig am Morgen und am Abende wieder , und der Arzt that keinen Einspruch dagegen . Das Uebel der Kranken stellte sich als ein unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt . Man gönnte ihr also jede Erquickung und Zerstreuung , deren sie begehrte . Der Abbé kam und ging . Er hatte es vor Niemandem Hehl , daß er an einer Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte arbeite ; er hatte sogar verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von Chimay , den er in das Interesse zu ziehen suchte . So lange man auf die Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte , war es zwischen den Betheiligten als selbstverständlich angesehen worden , daß Eleonore die Erbin der Herzogin wurde und daß auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des Vermögens gelangte , welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte . Jetzt wollte sie ihrer Nichte natürlich diese Vortheile entziehen , und der Fürst seinerseits wünschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes zu veranlassen ; aber wider sein Erwarten stieß er auf ein Widerstreben bei der Herzogin . Ihr Beichtvater , welcher auf den Wunsch ihres alten Freundes mit ihr zuerst von dieser Angelegenheit gesprochen , hatte eben dadurch ihr Mißtrauen erregt , und es hatte kaum einer Mühe für den Abbé bedurft , um die Herzogin zur Mittheilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen . Sie nannte es eine unbegreifliche Härte , daß man von ihr mit der Erbeinsetzung des Prinzen Polydor ein Zugeständniß fordere , welches sie zu machen durch ihr ganzes Leben vorsichtig vermieden habe . Da mir das Loos gefallen ist , mit meines Königs Ungnade belastet von der Welt zu scheiden , sagte sie , wäre es ein Verbrechen gegen mich selbst , wenn ich meine Hand in meinen letzten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Ruf und an meine Ehre legen sollte ! - Und der Abbé bestärkte sie in dieser Ansicht . Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den Prinzen Polydor , in deren engstes Vertrauen er sich auf diese Weise plötzlich gezogen fand , daß man die Empfindungen der Sterbenden zu ehren und zu schonen habe , und als des Hin- und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte , that er endlich einen Vorschlag , auf den Niemand zuvor verfallen war . Er schilderte dem Prinzen die üble Lage , in welche die Gräfin sich versetzt hatte , spielte darauf an , daß in dem Wappen der Fürsten von Chimay sich ein gefesseltes Weib befinde , weil der erste Chimay seinen Adel durch eine an einer Jungfrau geübte großmüthige That errungen habe , und er rieth dem Prinzen , dem Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten . Glück und Unglück haben verschiedene Maßstäbe , erzeugen verschiedene Ansichten , sagte er . Was man in der Fülle des Glückes , in voller , freier Sicherheit zurückweist , das ersehnt man in der Stunde der Gefahr . Er behauptete zu wissen , daß nicht wirkliche Abneigung gegen den Prinzen , sondern nur die eigensinnige Auflehnung der Gräfin gegen das , was sie als eine List der Herzogin bezeichnete , den ganzen beklagenswerthen Vorfall veranlaßt habe . Er sprach den Glauben aus , daß es eben jetzt in der Macht des Prinzen stehe , von der Dankbarkeit und Achtung der Gräfin zu erlangen , was seine Liebe bisher vergebens von ihr erbeten hatte . Er schlug dem Prinzen vor , sich schriftlich gegen die Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszusprechen , ihr zu erklären , wie er an dem Charakteradel und der hohen Sinnesreinheit Eleonorens keinen Zweifel hege , und wie er es beklage , wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu beigetragen haben sollte , die unheilvolle Vermittlung Seiner Majestät heraufzubeschwören . Schließlich aber gab der Abbé den beiden Fürsten zu bedenken , daß es eine große , eine schöne Handlung sei , wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbefleckten Ehre sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme , und wie es völlig unmöglich sei , daß ein solches Mädchen der Großmuth des sie beschützenden Mannes dauernd widerstehen könne . Er kam immer darauf zurück , daß für den Prinzen Alles zu gewinnen oder Alles zu verlieren sei , und daß derselbe der Herzogin seine Anhänglichkeit besser nicht beweisen könne , als indem er , gleichviel , ob auf geradem Wege oder auf einem Umwege , ihr zur Verwirklichung ihrer Absichten und Wünsche behülflich werde . Darüber verlief eine Reihe von Tagen , und Renatus hatte gerade sein Urlaubspatent erhalten , als man ihn in der Nacht weckte , weil die Herzogin zu sterben glaube und ihr Testament zu machen vorhabe , bei dem sie der Zeugen nicht entbehren könne . Es war eine große Aufregung im Hause ; man hatte in den Corridoren und auf der Treppe die Lampen in Eile angezündet , das Portal war offen . Fast gleichzeitig fuhren die beiden Wagen der Herzogin in dasselbe ein . Sie hatte die Prinzen von Chimay , Vater und Sohn , und ihren Beichtiger zu sehen verlangt , und man hatte sich beeilt , sie herbeizuholen . Der Notar und der Arzt waren schon vor ihnen angelangt ; Renatus fand sie alle um die Sterbende versammelt . Die Herzogin saß , von ihren Frauen unterstützt , trotz ihrer Schwäche hochaufgerichtet auf ihrem Lager . Obschon das Haupt ihr müde herabsank , sahen doch ihre scharfen Augen noch fest umher , und sie hatte für Jeden ein Wort , ein Zeichen des Bemerkens , wie in ihren guten Tagen . Als sie alle diejenigen beisammen fand , die sie hatte rufen lassen , ersuchte sie den Notar , den Anwesenden das Testament vorzulesen , wie er es nach ihren Anordnungen niedergeschrieben hatte . Sie hörte , weil die Brust ihr sehr gepreßt war , nur wenig danach hin , während er das Formular vorlas , aber sie richtete mit Anstrengung ihr Haupt in die Höhe , und ihr Auge ging von dem greisen Fürsten zu dem Prinzen und von diesem zu dessen Vater zurück , als der Notar die Worte aussprach : » Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werthen Freunde , des Fürsten August Philipp von Chimay und seines Sohnes , des Prinzen Philipp Polydor von Chimay , vermache ich meinen ganzen Besitz , er mag Namen haben , welchen er wolle , an meine Nichte , Eleonore Corinna Marquise von Lauzun , Gräfin von Haughton , unter der Voraussicht , daß sie sich meinem Wunsche und dem Befehle Seiner Majestät des Königs in Gehorsam fügen und den Prinzen Polydor , nachdem sie ihren Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauben überantwortet hat , in Anerkennung seines verzeihenden Herzens und seiner großmüthigen und edelmännischen Gesinnung , zu ihrem Gatten wählen werde . Sollte sie sich dessen weigern , sollte sie mir die Genugthuung versagen , die ich von ihr zu erwarten berechtigt bin und welche die letzte ist , die ich noch hienieden erhoffen kann , so will ich ,