das Seinige zu thun versprach , ihn auf dem Schlosse zu empfehlen ... Frau Schmeling aber war eine Landhebamme , mit der Müllenhoff gleichfalls im offenen Kriege lebte . Die Frau war an sich die Religiosität selbst . Sie vertheilte Bilder , Amulette und Rosenkränze zur Unterstützung aller der Zustände , die auf ihre Hülfe angewiesen waren ; sie rieth jedem , zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters , zu Sanct-Florian und Sanct-Antonius gegen Feuer , zu Antonius II. gegen Wasser , zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen , zum heiligen Blasius gegen steifen Hals , zur heiligen Lucia gegen Augenleiden , zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen , zum heiligen Dominicus gegen Fiebersfrost , zum heiligen Rochus gegen die Cholera , und ihre Kreißenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus , aller der Marienbilder nicht zu gedenken , die unter jenem alten Gemäuer , in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche , da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein » gestiftetes « Lichtchen gerade ebenso zu sympathetischen Curen gebraucht wurden , wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung sich manchmal auch mit Sympathie die Rose vertreiben läßt . Alles , was nur zum christlichen Heidenthume gehörte , war in üppigster Blüte bei Frau Schmeling und todt zu schlagen hätte sie angerathen jeden Ketzer , der bei einer Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen . Aber über alle diese Dämmerungszustände fehlte der Frau , wie der ganzen Bevölkerung , das theoretische , klare , formelle Bewußtsein . Sie meinte , trotz aller Aves und Rosenkränze ließe sich die Lust am Leben lieben . Die jungen Bursche hier ringsum , stattlichen Aussehens , waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und brachten fröhliche Welt , Leben und Lebenlassen heim . Nun sollten auf Müllenhoff ' s und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten , nicht zu fluchen , nicht zu trinken , nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen . Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden . Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr ! fuhr sie Müllenhoff an , als sie gelegentlich von einer Nothtaufe , die sie verrichtet hatte an einem sterbenden Kinde , Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte , daß die Musikanten auch Menschen wären und auch etwas verdienen müßten . Ja sie ließ sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit » sittenlosem Weibsbild « tractiren . Sie sagte , daß es Familienväter genug gäbe , die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die Erlaubniß ertheilten , sich ' s im Kegelspiel selbst zu verdienen , genug Familienmütter , die mit sechs bis sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste Gelegenheit halten müßten , sie loszuwerden ... Von dieser Frau konnte Müllenhoff nichts hören , ohne im höchsten Grade gereizt zu werden . Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten , als der alte Tübbicke schon mit einer der Mägde , die für ihn und den Pfarrer sorgten , darüber einverstanden war , daß der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte ... Müllenhoff fand Briefschaften vor und ließ den Ankömmling außer Acht ... Es war dies aber ein williger Mann , dieser Herr Dionysius Schneid aus Strasburg , der sich jeder Arbeit unterzog . Einen Beistand bedurften der alte Tübbicke und die Kathrein ; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloß , sondern hier in seinem geistlichen Hause von Sanct-Libori oben im ersten Stock ; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hülfsleistungen fehlten die Hände ... Aber war auch der Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfällig , so war er doch keineswegs unbrauchbar , ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobe - ja er wurde zuletzt auf das Schloß empfohlen und dort wirklich angenommen . Wenn auch für Westerhof große Veränderungen bevorstanden , an Leben und Bewegung fehlte es nicht , und besonders da gerade jetzt , an demselben Sonntage , nach der Heimfahrt von der Kirche , alle Herrschaften , die in der Kirche gewesen waren , von der wenn auch nicht überraschenden , doch gerade für Schloß Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden , daß in verwichener Nacht der Onkel der Comtesse Paula , der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof , gestorben war . 2. Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesimä war es , als die stille kalte Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetönen erzitterte ... Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden ... Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage betheiligt ... Denn welchem Heiligen , welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von Schloß Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers ? Der alte lange klapperdürre Herr hatte die wunderderliche Grille gehabt zu glauben , daß er im Leben jedermann beleidigt hätte . Er trachtete danach , sich vor seinem Tode auch mit jedermann auszusöhnen . Tage lang stand er oben in den Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof , winkte den Vorübergehenden und warf ihnen blanke Thaler hinunter , nur damit sie sagen sollten : Ganz gehorsamsten Dank , Excellenz ! Schon lange waren Wächter bestellt , die seiner Verschwendung Einhalt thun mußten . Es kam vor , daß die Fenster vernagelt wurden , wenn er zu heftig rief : Das ist ja Jérôme ' s Testament ! Leute , so laßt doch meinem Sohn seinen Willen ! Ich hab ' s ihm vom Seinigen zu geben versprechen müssen , schon damals , als er die Bachstelze nicht heirathen konnte - ! Die Lisabeth allein , die noch immer oben war , konnte ihn begütigen . Sie gab ihm die Versicherung , die Bachstelze liefe ja schon längst in der Welt mit andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig , daß man ihm seine Freude gewähren konnte , eine Staatskutsche anspannen zu lassen , vier Pferde davor , Kutscher und Vorreiter in Galalivree , und so hinauszufahren in die Gegend . Alle seine Orden trug er dann , saß am offenen Schlage und nickte jedem . Fuhr man durch den Düsternbrook , an der Eiche vorüber , wo er den Deichgrafen erstochen hatte , nach Kloster Himmelpfort , wo er einst Klingsohrn untergebracht , nach Schloß Westerhof , wo er ehedem der Beherrscher aller Verhältnisse , Vormund Paula ' s gewesen war , durch Witoborn , wo der Rittmeister von Enkefuß an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach , bis der Sohn des Kronsyndikus , der Präsident , zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte : so lachte zwar jedermann , aber der vornehme , alte , weißhaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen , grüßte und griff in die Tasche , um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen . Er glaubte durch Geld alles machen zu können . Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten , es später berichtigen zu wollen , womit er sich auch zufrieden gab . Von seiner Vergangenheit erschreckte ihn nichts . Er konnte im Düsternbrook die alte im Absterben begriffene Eiche sehen , an der sein Opfer niedergesunken war , und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich . Das Gedächtniß verließ ihn fast gänzlich . Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Vergangene beleuchtete , knüpfte er Handlungen daran , die mit den Verhältnissen in keinem Zusammenhange standen . So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf , Herrn Huber , der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen , aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war . Bei diesem ließ er oft seinen Vierspänner vorm Hause halten , ließ sich von den Kindern , wenn Herr Huber selbst nicht da war , die Harmonica spielen , die seinen Sohn Jérôme so oft beruhigt hatte , fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und übergab kurz vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten , es wäre seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode dürfte nichts anderes vollzogen werden , als was er in diesen Blättern niedergeschrieben hätte . Er ertheilte darin Pensionen an alle Welt , ja an Namen , die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte . So an den Bruder Hubertus , » meinen ehemaligen Jäger , obgleich er mir viel Wild gestohlen « , jährlich 10000 Thaler ; an Dr. Klingsohr , » wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht , ein für allemal 100000 Thaler « ; an eine gewisse Lucinde Schwarz , » aus der Familie derer , die das Pulver erfunden haben « , » alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen , wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann « ; an den Musikus Stammer » das Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung , wenn er sämmtliche Kinder von mir anständig erziehen und unterrichten will « ; ... dem Küfer Stephan Lengenich » geb ' ich 100000 Thaler , unter der Bedingung , daß er die Lisabeth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird , wo ich alles freihalten werde « ... » Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn ' ich nicht an ; auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte « - » ihre Kinder soll Leo Perl erziehen , aber wehe ihm , wenn er sie beschneiden läßt . Mein Freund , der Dechant von Asselyn bürgt mir dafür . Die Pension seiner Schwägerin , der Buschbeck , kann dafür verdoppelt werden « ... » Meine Dosen und Bilder vermach ' ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn , aber ich wünsche , daß er weniger mit Juden , als mit Heiligen umgeht « ... » Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen , was Freiherrlich Wittekind ' sche Kameralverwaltung berichtigen wird . « Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des Testators und Universalerben , den Präsidenten ... Die Untersuchung über die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf falscher Fährte geführt worden . Eine energische , gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit des hier einschlagenden , an mehrere Souveränetäten vertheilten Terrains . Zuletzt trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urtheils entgegen . Im Volke stand die Thäterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen genug von einem Galgenrade , das er auf seinem Boden hätte aufstellen müssen , von einem Strick , den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen , von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes ; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen . Bei alledem fehlte , des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen , nicht ein äußerer Antheil an dem Leichenbegängnisse . Der Kronsyndikus wurde im Familienbegräbniß der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt . Dem Trauerzuge , der ihn von Schloß Neuhof abholen sollte , wohnte der Adel der Umgegend bei . Die Frauen , vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof , hörten gleichzeitig eine Todtenmesse , die in Sanct-Libori gehalten wurde . Das unausgesprochene , aber laute Geheimniß über diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drückend auf allen Gemüthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung , wie ein einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen können . Im Mittelalter war alles das gewöhnlich . Auch jetzt noch hatte man ein Gefühl , daß im Lutterberge , dem Fegfeuer des dortigen Adels , eine Seele vergebens auf Erlösung harrte . Nach Armgart ' s uns bekannten Zeichnungen flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts , den Flammen der göttlichen Liebe zu , sondern kopfüber geradeswegs zur Hölle . Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war , um dem prächtigen , von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen , so war die Kirche nur wenig besucht und ausschließlich von der vornehmen Welt . Zu dieser Sphäre stand Norbert Müllenhoff - Bonaventura war beim Leichenbegängniß - in einem gleichsam nur hinter dem Rücken derselben strengen und schroffen Verhältniß . Hinterrücks hatte er alle Floskeln von » breiweicher Sentimentalität « , » Empfindungsrührei « , » Stunden der Andachtspinselei « , » Lavendel-Christenthum « , immer in Bereitschaft , aber ein Schwindel überkam ihn , davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden . Und heute war ihm förmlich beklommen zu Muthe ; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking , die mit ihm eine Berathung anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu versuchenden » Exercitien « . Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten , zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiösen Uebungen obliegen . Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere gemeinschaftlich zu besprechen ... Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betäubt und verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung , die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Meßners statt Tübbicke ' s gleichgültig machte , ja ruhig mit anhören ließ , daß der Schulmeister berichtete : Tübbicke ' s Herzblättchen liegt auf den Tod ; er ist nach Witoborn und will , wenn nichts hilft , nach dem Schloß und die Gräfin um Hülfe bitten ! ... Gräfin Paula , die Kranke durch Gebet und Berührung heilte , war in der Kirche anwesend . Armgart saß neben ihr , das ganze Stift und Tante Benigna . Ja er hörte , daß der Zeichner des Teppichs , Herr Dr. Laurenz Püttmeyer , der berühmte » Philosoph von Eschede « , auch der Messe heute zuhörte , die auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die Ministranten ... aber Müllenhoff ließ alles geschehen ... Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking , an Exercitien mit Höhergebildeten ... Nach der Messe war es schon elf Uhr , die Baronin erwartete ihn um zwei ; er eilte etwas zu frühstücken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ... Es war schon still und einsam um die Kirche her . Der Schulmeister begleitete ihn und erzählte , daß Tübbicke schon den » Bruder Strasburger « auf dem Schlosse untergebracht hätte . Müllenhoff hörte nichts , zog nur das zarte Billet aus der Tasche und athmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend , noch höchst anmuthig , sehr reich und sehr selbständig ... Er mußte mit sich kämpfen , in der Praxis dasselbe zu bleiben , was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war . Da geschah es zum Glück , daß die Kathrein sagte : Herr Pfarrer ! Der Meyer ist da , der Moorbauer , der Finkenmüller , der Hennicke und auch der Leyendecker ! Kathrein mußte das zweimal berichten ... Nun besann er sich . Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts ... Die Männer waren gekommen , weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte , sein Vorgesetzter , der Domherr , wäre bei dieser Scene zugegen gewesen , so ergriff er doch die Gelegenheit , den gefährlichen Schwindel , den ihm das Esbouquet der Frau von Sicking verursachte , jetzt männlich zu bekämpfen , aß sein Frühstück , gerührte Eier mit Schinken , hieb in das schwarze Brot hinein , trank einige Züge kräftigen Biers und trat in sein Empfangszimmer , wo ihn aus dem ehrerbietigen Gruße von fünf Männern » der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts « zum Kampfe herausforderte ... Aha ! Aha ! rief er , mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund wischend , als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte , sich zu setzen ... Er fand fünf Männer , den Meyer von Westerhof , den Finkenmüller , der das Wirthshaus zum Finkenhof hielt , den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde , nicht zu gewaltige Gestalten , eher schmächtige , mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen , im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit ... Der Meyer überreichte ein langes Schreiben , worin er alle Punkte aufgesetzt hatte , die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünschten ... Müllenhoff nahm das Papier , als wäre es ein alter schmutziger Lumpen , und fragte : Wer hat das - - gesudelt ? Der Meyer stockte , sagte aber zuletzt : Der Schreiber vom Herrn Landrath ! So ? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier ? ... Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ... Der Schreiber ist ja katholisch ! ... hieß es . Und er schrieb ' s bei mir ... ergänzte der Finkenmüller ... Aha ! Aha ! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein ! ... Nun gut ! ... Wir werden ' s ja sehen ... Was steht denn nun hier ? Im Grund war Müllenhoff froh , wieder auf die Art in sein rechtes polemisches Fahrwasser zu kommen ... Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen : Ei , ei ! Sieh ! Sieh ! Auch gut ! Bravo ! ... Allmählich kam er in ein lauteres Lesen und trug vor : - - » Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnädigsten Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist , bei der großen und bevorstehenden Umänderung der Verhältnisse mit den andern Gütern an die fremde Linie zu kommen , so stehen wir auch für unsere Rechte und Pflichten ein . Wenn auch hochgräfliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges , wunderbares Leben im Kloster zu beschließen wünschen , so hat uns Herr von Hülleshoven doch versichert , daß er die Verwaltung wie bisher fortführen und sorgen würde , daß rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen . ( So ? - unterbrach sich der Lesende - dafür kann der Herr von Hülleshoven sorgen ? ) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet , was bei diesen Aenderungen sowol der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten bleiben muß , selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge verkauften Walde , wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein für allemal , die nun unsern Armenkassen zugute kommt . Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nück nicht nachgelassen , daß der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groschen 7 Pfennige jährlich an das Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat , was Finkenmüller nicht auftreiben kann , wenn ihm der Tanz abgesagt wird - « Aha ! Da platzt die Bombe ! schloß vorläufig der Pfarrer und stocherte die Zähne . Ja , das kann ich nicht ! polterte der Finkenmüller seine so lange verhaltene Stimmung rundweg und bestimmt heraus ... Müllenhoff las wieder für sich und langsamer . Er stopfte sich dabei in aller Gemüthlichkeit eine Pfeife , während der Bogen auf dem Tische lag und von seinen feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde ... » Fünftens , begann er dann wieder , ist der Pfaffe von Ystrup ein Lieblingstanz der Leute , der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird . Sechstens sind die Jünglings- und Jungfrauenbündnisse schon deshalb eine reine Unmöglichkeit , weil jedes Gemeindeglied nicht blos einer , sondern schon mehreren Bruderschaften angehört und - mit der größten Ruhe zog Müllenhoff schon den Rauch seiner Pfeife an - der Fleiß und die Arbeit schon genug darunter leiden . Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie , wenn sie nahrungslos sind , der Gemeinde zur Last . Achtens bitten wir , den buckeligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien , damit - wieder that er einige Züge - der Krüppel sich sein Brot verdienen kann , seitdem er von Schloß Neuhof weggejagt und nun eigentlich hierher gehört , wo er geboren ist . Neuntens bitten wir , nicht immer die Frau Schmeling ungebührlich auf der Kanzel zu nennen ( jetzt stellte Müllenhoff die Pfeife als verstopft hinweg : diese Hebamme reizte ihn am meisten ) , da die Frau ehrlich ist und alle , die hier leben , durch sie in die Welt gekommen sind ! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer , unter allen Umständen auch ins Rügengericht und den Kirchenconvent zu treten , damit wir von dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben . « Ist das nun alles ? sagte Müllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife , die er wieder anzündete . Ja ! war die einstimmige Antwort der Männer ... Sie lautete fest , aber doch treuherzig . Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden , daß sie alle in Güte und in bester Hoffnung auf ein schönes Zusammenwirken und kräftiges Zusammenleben hierher gekommen wären ... Ruhe ! sprach Müllenhoff mit aller Fassung , machte sich einen Fidibus , zündete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort : Daß ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm - ? Nein ! Gott sei Dank ! Na , setzt euch jetzt wieder ! Also das ist denn nun auch etwas , dergleichen zu erleben in einer Zeit , wo die Gesalbten des Herrn in Kerkern schmachten , der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zählt und diese Herrschaften hier in die Hände der Ungläubigen kommen sollen ! Nicht Westerhof ! - fiel man einstimmig auf den sich fast für überwunden gebenden Ton des Pfarrers ein ... So ! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an . Männer , ihr redet , wie ihr ' s versteht ! Geht die Comtesse ins Kloster , wie lange macht denn der Herr von Hülleshoven noch , der - für euere Seelen gutsagen will ? Wird ihn nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwägerin , die hierher ziehen und sich gegenseitig zum Tort leben wollen , schon unters Grab bringen ? Wer bürgt uns , daß sich die Zustände hier über Nacht nicht sämmtlich ändern ! Leute , Leute , nehmt ein Beispiel - an den Vornehmen selbst ! Wißt ihr ' s denn nicht schon ? Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschließen und vierzehn Tage lang nichts thun , als hier fasten und beten ! Herr Pfarrer , die , die nicht zu arbeiten brauchen , die können das - wollte der Moorbauer einschalten und that es auch halb ... Bitte - ! unterbrach Müllenhoff , als wenn er denn doch allein jetzt das Wort hätte ... Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden ... Vom Tanz - fuhr Müllenhoff fort mit wechselnden Zügen aus der Pfeife - vom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her ! Herr Gott im Himmel , sollte man glauben , daß in einem Lande wie dem unserigen , wo die Schüler der Apostel selber gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben , uns Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenossen , doch das tollste und lustigste Leben sich erhält und die Schenken nicht leer , die Tanzböden zerstampft werden , daß nur die Dielen so krachen ! Hunde sind das , die der bessern Mahnung entgegenbellen - aus euern verstockten Herzen ; selbst dann schon wieder bellen , wenn ihnen der Mund noch nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn , den sie Vormittags genossen ! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles , alles , alles verdaut ! Schändlicher Frevel , zu sagen , daß ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade , wie ich schon einmal von Euch , Finkenmüller , habe hören müssen ! David hat getanzt , das ist wahr ; aber David war lange Zeit ein König , wie meist die unserigen auch sind , zum Gotterbarmen ! David war ein solcher Sünder , daß Gott nur um der allweisen Absicht willen , gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken , diesen gekrönten Räuber , diesen purpurgekleideten Mörder , diesen ruchlosen Ballettänzer so lange hat leben lassen ! Es ist wahr , David ging dann in sich und hat später die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn , aber nur als die fürchterlichste Reue und Buße über ihn gekommen war und ihn das zerknirschendste Beichtbedürfniß an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief : Herr , wo soll ich mich vor dir verbergen ? Flieh ' ich gen Abend , so bist du da , und flieh ' ich gen Morgen , so bist du auch da ! ... Menschen ! Männer von Westerhof ! - ( Müllenhoff legte nun die Pfeife weg ) Was hat denn den heiligen Johannes um seinen Kopf gebracht , als der sündenvolle , gottverfluchte Tanz ! Herodias , diese Tochter Belials , tanzte sie nicht so wollüstig vor dem Auge des kindesmörderischen Herodes , daß ihr dieser saubre Souverän jede Gnade gestattete , die sie sich erbitten würde ? Und was that diese würdige Tochter ihrer Mutter , die die Maitresse des Herodes war und förmlich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde ? Diese Creatur verlangte nichts schlechteres , als ein heiliges Märtyrerhaupt ! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen für ihren Bruder oder ihren Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen würde ! Du Gekreuzigter ! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt ? Weil der gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlösers in der Wüste predigte , daß die Juden Buße thun , nicht mehr fluchen , saufen , Karten spielen und tanzen sollten ! Fragt doch nur einmal euere Töchter , fragt doch nur einmal euere Weiber , euere Mägde , wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen mit blutrothen Wangen , fragt sie , ob sie nicht mit Freuden auf einer Schüssel auch den Kopf ihres Pfarrers herumpräsentiren könnten , wenn sie auf sein Geheiß dem Pfaffen von Ystrup , euerm jahrhundertjährigen Allerheiligsten , entsagen sollten ? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen ? Wozu säet denn der Versucher die Töne wie Hanfsamen aus ? Was will er denn fangen in seinem Tanzbodenstrich ? Vögel für die Hölle ! O dann kommen die Mädchen , etwa fünf Monate nach so einem » Pfaffen von Ystrup « , in den Beichtstuhl ! Sonst schlank wie die Pfeifenstiele , jetzt wie die Baßgeigen , weil die Sünde zu Tage kommt ! Dann , dann möchten sie nicht Euern Tanzboden , sondern Euere Mühlsteine haben , Finkenmüller , um sich in der Witobach zu ersäufen , da wo sie am tiefsten ist ! Der Finkenmüller wurde gereizt , zerdrückte seine Kappe und sagte , seines Amtes wär ' es , die Rechte beisammen zu halten , die auf seinem Gute hafteten . Ihm könnte die Mühle genügen ; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt , auch Steuer und Zehnten darauf genug zu geben hätte , so würde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben , falls das durchginge , daß hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem hochwürdigsten Gut förmlich beschwören sollten , nicht mehr zu tanzen ... Müllenhoff loderte so auf , als würde schon das hochwürdigste Gut als bloßes Wort in solchem Munde verunreinigt . Er schwieg , sah sich aber um , wie nach einem Donnerkeil aus Rom . Da suchte der Meyer zu vermitteln ... Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wäre , sagte der Meyer mit seiner Stimme , daß sie etwas Unehrbares trieben ! Die hohen Herrschaften tanzen alle und geschieht ' s in Ehren , Herr Pfarrer , so kann dabei auch keine Sünde sein ... Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mütter , selbst der ehrbarsten ... Die Väter , meinte er , wissen wol , der Tanz sei des Teufels Jahrmarkt ; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran nehmen ? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf ! Es ist nun einmal so ! rief der fünfte , der Bauer Leyendecker ; die Leute schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch heraus ! Es hat alles seine Zeit , Herr Pfarrer ! Das Beten hat seine Zeit und das Vergnügen hat seine Zeit ! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen ! Seid ihr nun fertig ? sagte Müllenhoff mit einer lange mit sich selbst ringenden Mäßigung und Geduld ... Ja ! riefen alle einstimmig und trotzig ... Ich will euch sagen , Leute , lenkte Müllenhoff etwas ein ; laßt uns in Güte reden ! Die heiligen Kirchenväter , Chrysostomus an der Spitze , die kann ich hier nicht citiren ! Es ist wahr , sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz . Es mag sein , weil manche von ihnen noch jenen