Krone anfangs nur wünschte . Die Kammern , doppelt durchwühlt an sich und vollends noch durch den Ärger der abgetretenen Minister , verwerfen diese Forderungen . Sie werden aufgelöst ; alle Freiheiten werden für unbestimmte Zeiten suspendirt und man wird regieren , wie es eben geht und so lange es geht , bis der Cirkel durch eine neue Kammerwahl wieder von vorn anfängt oder ein großes politisches Ereigniß dazwischen tritt . Jede tiefer eingreifende Unternehmung für den Handel , die Gewerbe , für das moralische Leben , für Kunst und Wissenschaft ist dabei suspendirt , wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung erhalten . Mir aus der Seele geschildert ! rief Egon . Und nur zu wahr , zu wahr ! Welch ' ein Zustand in diesem gegenwärtigen Europa ! Die Völker preisgegeben , wie im Mittelalter , den zufälligsten Persönlichkeiten ! Welch ' ein Versteckspiel mit diesen Constitutionen , die nur dazu da sind , eine Überwucherung von Ehrgeiz in den dilettirenden Staatsmännern zu wecken ! Dies Heer von Advokaten , Journalisten , Beamten , Geistlichen , Soldaten , die sich , weil sie einmal gewählt und genannt wurden , als Volksvertreter , Volksführer , nun sich einbilden , zeitlebens unentbehrlich zu sein , von Ministerportefeuilles träumen und nicht ruhen , bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt ! Das ist wieder das alte Faustrecht in vollkommener Ähnlichkeit , nur daß die Waffen die des dienenden , biegsamen Geistes wurden , die der Feder , des Wortes ; es ist der Krieg Aller gegen Alle , den ein furchtbarer , türkischer Despotismus einst beendigen wird , wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Güter der Menschheit von den Gefahren befreien , die diese bei solchem Spiele laufen müssen . Also wo liegt die Schuld ? Oben oder Unten ? Überall ! Und die Besserung ? Darüber denk ' ich täglich nach , sagte Dankmar . Bald möcht ' ich diesen ganzen Bau zertrümmern und ihn neu errichten , bald seh ' ich mich nach einem minder radikalen Heilmittel um . Ich finde keins , das in den Verhältnissen und in den Dingen liegt . Jeden klugen Einfall überbietet gleich ein noch klügerer . Alles , was Weisheit scheint , ist sogleich schon List . Ich suche einen Ausweg und finde ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschränkung . Geb ' uns Einer die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit ! Amen ! Amen ! fiel Egon eben so feierlich ein . Der Thomas a Kempis hier neben uns thut schon seine Wirkung . Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder . Die Menschen ! Eigene freie Beschränkung ! Großer Gott ! Wildungen , ist dir ' s noch nie klar geworden , daß die Menschen Bestien sind ? Nur wer gearbeitet hat und sich dann ausruhen will , ist gutmüthig . Der fleißige Mensch ist ein Kind . Wenn ich Sonntags auf der Chaumière mit Louison und ihren Freundinnen tanzte , dünkten wir uns Götter , und alle Die hatten Theil an diesem bescheidenen irdischen Himmel , die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten . Die aber , die in die Clubs liefen und Zeitungen lasen , saßen mürrisch und tranken mehr Wein , als sie bezahlen konnten . Louis Armand sagt zwar , die Verfassung der Erde müsse nur auf die halbe Pflichterfüllung begründet werden , sonst wäre dies Dasein eine Hölle . Das bestreit ' ich ihm und verweis ' ihm oft , wenn er statt zu arbeiten Verse macht und Aufsätze über das Loos der arbeitenden Klassen schreibt und mehr träumt als er sollte . Ist Das nicht aber auch eine Arbeit , dies nothwendige Träumen ? fragte Dankmar , der die Verse : Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! von seinem Bruder kannte . Die man nicht überwuchern lassen darf ! antwortete Egon . Alles drängt sich jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet , die wäre eben so schwer und anstrengend wie die materielle . Aber ich frage : Wenn Alle Buch führen wollen , wer wird die Werthe erzeugen , die die Feder verrechnet ? Nein , Wildungen , sage Denen , die meine Freundschaft für Louis Armand fürchten , ich bin kein Communist ! Aber auch die hier übliche Landespolitik veracht ' ich , und wenn mir Gelegenheit geboten würde , Das zu sagen , was ich denke , würd ' ich allerdings den Adel und seine Aufgabe anders bestimmen , als es diese trägen Drohnen der Gesellschaft thun . Ich darf nicht fortfahren , bemerkte jetzt Dankmar . Ich sehe , wie dich der Gegenstand ergreift . Glücklich werd ' ich sein , mit einem Manne von deiner wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten . Aber für heute geh ' ich ... Ich bin es dir schuldig . Du hast mich angeregt , nicht aufgeregt , sagte Egon liebevoll . Du wolltest mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt vorbereiten . Ich danke dir herzlich dafür . Wann wird Helene d ' Azimont erlauben , daß ich dich wiedersehe ? fragte Dankmar den Hut ergreifend und eine Menge schöner Dinge über die Reize dieser Dame , ihre Bildung , ihre Liebenswürdigkeit wiederholend . Helene ? Hat sie etwas zu erlauben ? unterbrach ihn Egon ... Heut ' um vier Uhr , bitt ' ich dich , sei an dieser Stelle ! Ich soll auf Schloß Solitüde fahren . Begleite mich mit Louis , wenn dir der Handwerker nicht anstößig ist . O , Freund ! , sagte Dankmar , Der , den du liebst , den liebe auch ich . Willst du aber nicht noch einen andern Menschen , der viel besser ist als ich , in unsern Bund aufnehmen ? Es ist mein Bruder Siegbert , älter als ich , edler , tüchtiger , schwärmerischer , ganz deiner Liebe werth , und wenn er einmal die Gräfin oder dich selbst malt , wirst du sein Talent schätzen lernen . Dein Bruder ! Seid mir Beide willkommen ! rief Egon . Oder denkst du wieder : Wenn es Helene erlaubt ? Welch ' ein Wort war Das ? Menschen , spottet meiner nicht , sondern habt Mitleid , daß uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen führen ! Paradiesesbahnen ! ergänzte Dankmar . Ich sah sie flüchtig und war bezaubert ... Sie ist schön ! lauteten Egon ' s langsam und nachdenklich bestätigenden , empfundenen , aber doch kargen Worte . Schönheit , wenn sie dauernd zu fesseln im Stande ist , kann nicht ohne Herz sein ; sagte Dankmar und erwartete eine Antwort . Egon schwieg aber . Er umarmte noch einmal den Freund , begleitete ihn mit den Worten : Habt mich lieb ! Ich bedarf es ! an die Thür und rief ihm , als Dankmar schon ging , noch nach : Um vier nach Solitüde mit dem Bruder ! Dankmar nickte . Als er auf der Straße im Freien war und den Weg zur Fürstin Wäsämskoi einschlug , wo sein Bruder seit einiger Zeit fast täglich zu Mittag speiste , sammelte er alle die Eindrücke , die ihn da in so rascher Aufeinanderfolge bestürmt hatten . Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden können und noch nicht mögen . Er war es also ! sagte er sich . Es ist der Freund aus dem Thurme von Plessen , der dich seinen Posa , sich meinen Carlos nannte ! Es ist der Egon , um den du mit Melanie Versteck spieltest und dich selbst auf ' s Spiel setztest ! Es ist Egon von Hohenberg , der Fürst , der Flüchtling oder Schwärmer , der Aristokrat in seiner modernsten Fassung ! Umwoben von Poesie , auf die Höhe der Zeit sich stellend , fühlend mit dem Volke , für das Volk und doch ... Aristokrat ? Dankmar gestand sich , daß Egon einer der liebenswürdigsten Menschen war , die er je gesehen hatte , und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an den Thurm von Plessen gedrungen . Er suchte nach einer Formel , die diesen Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht . Schon daß er dem weiteren Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann und die Vorstellung , wie wohl Selma in weiblicher Verklärung vor ihm stehen würde , verlieren konnte , schien ihm , als er so zu den Wäsämskoi ' s hinwanderte , ein ernstes mahnendes Zeichen ... Egon aber , auch in sich etwas erkältet , erbittert durch die Enttäuschung über das Bild und daß er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern , ja um dieses Nichts , um diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter , Alles , Ehre und Leben , hatte auf ' s Spiel setzen können , Egon , jetzt glühend nur durchlodert von Helenen d ' Azimont , jetzt nur erfüllt von der ganzen auf das Herz stürmenden Macht männlicher Sehnsucht , warf , dem Leben und seiner Vergangenheit wiedergegeben , alle Fragen , alle Skrupel , alle lästigen Empfindungen von sich und schrieb auf das schon angefangene Blättchen : » Weißt du einen Platz , Helene , wo der ermüdete Flüchtling sein Haupt an ein warmes Herz legen kann , o so nenn ' ihn mir ! Soll ich mit schwankendem Tritt dich selbst aufsuchen , so erwarte mich heute noch nicht , ich bedarf fremder Hände , die mich führen . Willst du aber selber kommen , so wirst du das wehmüthige , vom Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden , wirst Liebe finden , wenn die Menschen lieben können , die zum Strome sagen : Führe mich wohin du willst , ob zum Tode , ob zum Leben , nur führe mich zur Ruhe ! Dein Egon ! « Diesen Brief sollte der Bediente , der mit seiner Besorgung beauftragt wurde , erst gegen vier Uhr abgeben , wenn der Wagen vorrollte , der Egon und die Freunde nach dem Lustschlosse des Königs , Solitüde , fahren sollte . Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrücken , die für seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingestürmt waren . Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen , ihn durch irgend etwas bis um drei Uhr zu wecken . Siebentes Capitel Ein Stillleben In dem Hinterhofe des Hauses Wallstraße No. 14 begegnet Dem , der sich daselbst nur eine Weile umsieht , sogleich der freundliche , saubere Sinn des kleinen Mittelstandes . Den vordern Hof konnte man herrschaftlich nennen .... Da gab es schmuzige Wasserrinnen , lang an den Wänden herabtriefend , einen Pferdestall , ein ewig feuchtes Pflaster . Durch ein Zwischenhäuschen , in welchem der alte Tischler Märtens seine geräumige und immer von vier bis fünf Gesellen in Thätigkeit erhaltene Werkstatt hatte , kam man , wenn man einen großen mit Latten und Bretern überfüllten Thorweg durchschritt , in einen kleinern Hof , dessen Nebengebäude zwar nur in Holzfachwerk , feuergefährlich genug , aufgeführt dastanden , die aber gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren . Das Viereck dieses Raumes war zu klein , um viel Licht aufzufangen . Dafür rückte Jedes , was hier von armen , meist arbeitenden Leuten wohnte , mit seinem ganzen Leben dicht an ' s Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses kleinbürgerlichen Hinterhofes zu einem Hause , das nach vornehin sehr stattlich und eben » herrschaftlich « aussah . Sowie man aus dem großen , lehmgedielten Thorwege trat , ging gleich links , an der Tischlerwerkstatt , eine Stiege in die Höhe und führte in die Wohnung des alten Christian Märtens . Erst kam ein Breterverschlag für die Küche , die eigentlich nur ein eingezäunter Kamin war , dann eine sehr geräumige Stube , wo die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine große Kammer , in der Fränzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel saß . Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche Aussicht , sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen , war glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen . Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräutigams im Schlurck ' schen Hause gewaltsam festgesetzt . Sie kannte die Nachgiebigkeit der Ältern , die sie gern duldeten . Nur Melanie konnte sich vorläufig noch nicht entschließen , sie wieder in ihre Nähe zu lassen . Fränzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als sonst . Melanie , bei der sie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müssen , ließ sie nicht mehr so oft kommen wie sonst . Seitdem man sagte , Fräulein Schlurck wäre mit dem Stallmeister Lasally verlobt , schien sie weniger die Gesellschaften zu besuchen und schränkte sich auf die Toilette ein , die sie schon besaß . So blieben dem jungen , überall gern gesehenen , bescheidenen Kinde nur noch einige wenige Herrschaften , die sie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten . Am meisten war sie daheim und arbeitete still für sich an den ihr gegebenen Aufträgen . Friede und Stille umgab sie . Die Thür des Nebenzimmers war fast immer geöffnet ; die alte Frau Tischlermeisterin wirthschaftete in der Küche oder las geistliche Bücher , die Zeitungen , Pfennigmagazine , oder was sonst von Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Hütten bescheidener Lebensansprüche getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte . Der alte Meister arbeitete noch rüstig in der Werkstätte . In ihrem Kämmerchen hatte Fränzchen gern das Fenster auf und saß anmuthig wie ein Blumengeist mit ihrem zarten , feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack , der in Töpfen um sie her stand . In einem kleinen erdgefüllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen , die sich jetzt im Spätsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters hinaufrankte . Ein Kanarienvogel , leider nur in einem hölzernen Bauer , ( Fränzchen ' s Wunsch ging für ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen drahtgeflochtenen ! ) hing fast über ihr , wenn sie gedankenvoll , halb vegetirend saß und nähte . Manches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibi auf die zarten Wollbesätze und Puffen und Volants , die sie nähte . Vor ihr stand ein Nähtischchen , das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon über vier Jahre fleißig gezahlten Miethe und ihres sittlichen lobenswürdigen Verhaltens . Da waren in der aufgezogenen Schublade Kästchen an Kästchen und soviel bunte Seide , soviel weißer , feiner Twist lag vorräthig , daß sie mit Ruhe jeder neuen Bestellung entgegensehen konnte , ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin bestand , daß sie für Dienstmädchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Häubchen zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen übernahm . Auch einiger Vorrath bunter seidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen . Im Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite , auf der andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen , der für eine Kammer ein großer Reichthum , fast eine Überraschung war , stand noch ein Waschtisch , geschmückt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer Schönheit , die eigentlich das frische , klare Quellwasser nur als seinen schönsten kosmetischen Beistand nöthig hatte . Aber ein junges Mädchen ist nicht so einfach , daß es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen , eines guten Zahnpulvers und einiger Hülfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte . Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist , wenn auch keine Geßner ' sche , doch eine Idylle . Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkstatt . Gegenüber klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret ; ein armer Flickschneider , der mit kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tisch vor einem offenen Fenster saß , sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach , während er seine Fäden wichste , zu andern Fenstern hinüber oder in die Tischlerwerkstatt hinunter . Eine Katze , die einmal irgendwo an einem Fenstersims oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststück versuchte , war ein Ereigniß für den ganzen Hof . Man lachte , lockte , pfiff dem Thier und benützte die Unterbrechung , um die Köpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein Zusammenleben manchmal harmonischer zu fühlen . Zuweilen kamen auch Verkäufer von der lauten , wagenrasselnden Straße herein und schrien Besen , Sand , Lebensmittel aus , die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten . Fränzchen konnte da von einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen . Oft erschrak sie , wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorschlags geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein , wenn die Waare auch wirklich dafür gelassen wurde , noch trauriger , wenn der Verkäufer abzog und beim besten Willen für so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte . Spielleute , die auch hereinzogen , fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank , aber selten Geld . Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein geistliches Lied und wurde von den Bedienten , die aus den Hinterfenstern neben den Seifenwassergossen lungerten , ausgespöttelt , so durfte sie nur getrost in den Hinterhof gehen . Ein : Wer nur den lieben Gott läßt walten ! öffnete hier alle Fenster der Armen und Jeder gab der Sängerin , was er noch glaubte entbehren zu können . Eine solche Sängerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse des Liedes : Befiehl du deine Wege ! Fränzchen ' s ohnehin thränenvolles Gemüth gerührt ... Es gibt einen Zustand der Seele , wo schon jede leiseste Berührung einer wunden Stelle ein Überfließen zur Folge hat , wie bei einem übervollen Gefäße ... Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben . Sie untersuchte nicht , wie mechanisch und geläufig schon jener Bettlerin dieser religiöse Gesang sein mochte , sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur Lösung ihrer eigenen gepreßten Stimmung . Wie einige große , schwere Thränen auf ein Häubchen fielen , das sie der Frau Meisterin richtete für den nächsten Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel - Frau Märtens liebte erhabene Anregung - zog sie die Schublade ihres Nähtischchens noch weiter heraus , hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor , die sie neben sich hinlegte . Das eine enthielt , von Siegbert auch in deutschen Lettern niedergeschrieben , seine Übersetzung des französischen Gedichtes von Louis Armand , das andere ein zweites Gedicht , das ihr Heinrich Sandrart , der junge Sergeant , verehrt hatte . Das französische Gedicht hatte sie Anfangs , als eine Huldigung des Mannes , den sie mit so hoher Verehrung liebte , überrascht , dann aber bei mehrmaligem Lesen war es ihr befremdlich geworden . Sie hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen , die vielen Bestellungen , die für seine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen , wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an den Tischler Märtens verwiesen und auf eine große Schiefertafel für die Zeit verzeichnet , wo endlich zu hoffen stand , daß Louis Armand aus dem stolzen Palaste seines hohen Gönners zurückkehren würde . Wie wuchs da des armen Mädchens Verlangen , doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden , sanften und so zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmäßig , daß ihr sein Gedicht so wenig verständlich war ! Da waren Wendungen , so schrill , so schneidend , daß es ein unschuldiges deutsches Mädchen kalt überlaufen mußte und doch entzückte sie wieder das stolze : » Nur weine nicht « , mit dem jeder Vers trotz seines schlimmen und fast höhnischen Inhaltes schloß ... Heinrich Sandrart dagegen , der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue , der junge Sergeant hatte in seinen Versen sogleich das Beste , das Höchste , das Schmeichelhafteste von ihr gesagt . Er redete sie mit so glänzenden , so wohlthuenden Bezeichnungen an , nannte sie seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne , sprach vom lichten Schimmer ihrer Augen , dem Kelch , aus dem er Liebe wollte saugen , und sah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unübertrefflich in seiner Art. Das Alles klang , besonders von Frau Märtens schmelzend vorgetragen , gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige , was für Heinrich Sandrart bei ihr sprach . Wie oft hatte sie ihn gebeten , ihr nicht mehr des Abends da , wo sie gearbeitet hatte , aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten ! Wie zürnte sie ihm , daß er offen und frei mit den alten Märtens sprach , seine edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr für sich gewann , als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genügend ausweisen konnte ! Wie litt sie unter den Vorwürfen der Frau Tischlermeisterin , die ihr wegen ihrer Sprödigkeit gegen den hübschen jungen Sergeanten in gewählter Sprache gemacht wurden ! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit , nie ohne ein kleines Geschenk . Einen Blumenstrauß , eine kleine Näscherei , ein Bildchen führte er fast immer bei sich , wenn er sich sehen ließ . Aus den Rockschößen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und hielt sich Abends und Morgens , wo er nur Zeit fand , stundenlang , wenn nicht an Fränzchen ' s Seite selbst , doch bei den alten Märtens auf , die gern mit ihm plauderten , weil er gemüthlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war . Fränzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn . Gerade , weil sie ihn nicht lieben konnte , war sie einfach und duldsam gegen seine Besuche und fand nichts darin , daß er ihr oft , während sie arbeitete , einen Kuß von der Hand stahl , die im Nähen sich nicht verstecken konnte . Sie trug gern kurze Ärmel in der guten Jahreszeit , mußte nun aber ihr bestes , schönes , blaues Kleid tragen , nur um durch lange Ärmel zu verhindern , daß Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weißen runden Arme blickte , gierig sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie sich ' s versah in die weichen Formen einen brennenden Kuß drückte . Ihn mit Gewalt von sich zu weisen , hatte sie den Muth nicht . Wer gab ihr ein Recht , an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken ! Hatte er sie nicht in diesen letzten Wochen ganz vernachlässigt ? War ihr mehr von ihm noch geblieben , als daß sie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für seine kunstvollen Arbeiten Bestellungen schreiben konnte , die nach seinen Thonformen schon einige Gesellen des alten Märtens auszuführen versuchten ? Dann kam es wol , daß sie denn doch immer und immer Louis ' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich ' s verglich und trotz der schönen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben und schroffen Worten einen Gefallen fand , über das sie sich keine andere Rechenschaft geben konnte , als daß unglückliche Liebe doch wol auch herb und bitter mache . Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen . Da wurden im Bunde mit Madame Märtens Heinrich ' s Glücksumstände gepriesen und als sie immer darauf bestand , sie wollte noch nicht heirathen , hieß es , so möchte sie in das Forsthaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die Wirthschaft führen . Die Ursula sträube sich zwar dagegen , aber der Onkel , dem das Heirathen so vergällt worden , müsse eine Stütze für sein Alter haben . Heinrich würde dann seinen Ernst beweisen können . Nähme er seinen Abschied , käme er nach dem Ullagrunde , der nur zwei Stunden vom Forsthause läge und halte er dann noch um die Franziska an , so würde sich das Übrige finden . Dann wollte er schon , wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon jenseits wirthschafte , sich allein zurechtfinden , wisse er doch , im Ullagrunde bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar , das ihn lieb hätte und wo er öfter verweilen würde als auf dem Gelben Hirsch , ginge auch der Weg nach dem Ullagrunde über einen Ort vorbei , den er gern miede , über das Kreuz am Strudel und die Sägemühle . Fränzchen hatte , selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen wäre , ein Grauen vor dem Forsthause . Sie war in ihrer Kindheit , als ihre Ältern , die sie mit den Wandstabler ' s verwandt machten , gestorben waren , einige Wochen beim Onkel Heunisch , bei ihrem Vaterbruder , gewesen ( ihre Mutter war eine Schwester des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler ) ; allein die Ursula Marzahn hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zuthunliche Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt . Wie oft hatte sie nicht das kleine Mädchen an einen mit schönen gelben Blumen überwucherten Sumpf geführt und ihr gesagt : Hol ' einmal ein Büschel Blumen , Fränzchen , ich weiß ein Kunststück und sage dir , wer dein Mann wird ! War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken , so lachte sie und wollte sie nicht wieder herausziehen . Weinte sie dann über ihre beschmuzten Strümpfe , so bot ihr die Alte zwar große Brotschnitte mit Zwetschenmuß und ganz feinem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf , aber einmal , daß sie davon gegessen hatte , war sie so elend krank geworden , daß sie die Schnitte mit dem Zwetschenmuß und dem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke nicht wieder nehmen wollte . Heunisch , der sich überzeugte , daß das Kind in seinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch rüstigen Ursula leiden würde , nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu den Wandstabler ' s , die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Mädchen vorhatten , daß es eines Tages aus dem Pavillon , wo der alte Fürst badete , mit Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Märtens , die ihre Ältern gekannt hatten , einmiethete , um hinfort von ihrer Hände Arbeit zu leben . Heunisch sagte nun zwar , die Ursula wäre alt und zahm und ganz kindisch , aber es graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forsthaus zurückzukehren , und als der Onkel gar hören mußte : In deinem Walde , Onkel , sterb ' ich ! da brach er lieber vorläufig von seinen Vorstellungen ab und beschloß betrübten Herzens und unverrichteter Sache , aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hause wieder heimzukehren . Den Hochmuthsteufel , sagte er sich zum Trost , hab ' ich ihr doch vertrieben ! Dies Zeugniß , das er sich als Belohnung für seine Reise geben zu dürfen glaubte , bezog sich auf den Fortunaball , über den sich Fränzchen , ihrer Freundin Louise Eisold wegen , nicht völlig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr nöthig hatte , da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte . Noch mehr Hochmuthsteufel lag Heunischen in einem Luxus , der in seinen Augen sehr überflüssig war , in der Erlernung der französischen Sprache . Am Tage nach dem Fortunaball nämlich , wo sie im Gewühl , das nach der gewaltthätigen Scene im Garten entstand , mit Heinrich Sandrart wieder zusammengerieth und endlich nach vier Uhr erst , als Louise den Nachtwandler auffing , mit dieser in einem Wagen nach Hause entkam , den Sandrart bezahlte , war jener Franzose , dessen grüne Brille , großer Schnurrbart , lästiger Husten , auf dem Fortunaballe allgemein aufgefallen war , in ihre Wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben . Dieser alte Geck war anfangs von einer so auffallenden Zudringlichkeit , daß das junge Mädchen ihm verbot , sich wieder bei ihr sehen zu lassen und Madame Märtens unterstützte diese Weisung ihrerseits mit feinstylisirten Drohungen , die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu beschwichtigen suchte . Monsieur Sylvester war bejahrt , verbarg diese Thatsache aber durch Perrücke und mancherlei nur in der Nähe sichtbare Toilettenkünste . Er hatte eine sehr glatte , aber fast leblose Haut . Wenn er mit den scharfen grauen Augen blinzelte , sah man an den Schläfen hundert Falten , die sich bis an die Augenwinkel zogen . Die hervorstehenden Zähne waren offenbar nicht ächt . Seine feine Kleidung verrieth den Mann von Welt und an einschmeichelnden , gewandten Manieren fehlte es ihm sowenig , daß er es wiederholt wagte , sich bei dem jungen hübschen Mädchen , das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten Huldigungen empfing , dennoch einzuführen . Er gab vor , eine Bestellung für den Vergolder Louis Armand zu haben und ließ genau von Franziska , die vor ihm zitterte wie vor einem giftigen Basilisken , seine Adresse aufschreiben : Monsieur Sylvester , Königsstraße Nr. 13 im dritten Stock . Er behauptete , bei Armand Aufträge für eine große Herrschaft zu haben . Franziska mochte ihn nicht ansehen , wandte ihm selbst den Rücken , aber sie wurde roth , als Herr Sylvester anfing von Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden Blick auf sie richtete . Ja als er sogar von Armand ' s Äußerm , seinen Verdiensten und Vorzügen sprach , sogar behauptete , ihn von Ansehen zu kennen und Fränzchens Verlegenheit wuchs , hätte sie im Spiegel bemerken können , daß er eine eigenthümlich überraschte pfiffige Miene