den Abbé empfinden zu lassen , was das Herz des Menschen leiden könne . Denn sie mit Gleichmuth in des Prinzen Armen zu sehen , das konnte auch dem Abbé nicht möglich sein . Und wieder sagte sie sich , daß sie ihn herabziehen würde von seiner Höhe und wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mächtig , die sie hoch hinaushob über jede menschliche Schwachheit . Sie fand ganz plötzlich ein Genügen , ja , einen Trost darin , daß er nicht ahne , was sie dulde , daß er , ruhig und selbstgewiß , der Liebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei . Von einer Pein zur anderen fortgetrieben , ward ihr keine Rast , bis ihre Kraft erschöpft war und die müde Natur nach Ruhe verlangte . Die Hände gefaltet , saß sie in einer Art von Betäubung wachend auf ihrem Lager . Minute auf Minute , Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber ; sie gewahrte es nicht . Kein tröstender , kein beruhigender Gedanke kühlte ihre heiße Stirn , erhob ihr gebeugtes Haupt . Sie kam sich alt , sehr alt , sie kam sich einsam vor und sehr verlassen . Was sind auch Jugend und Schönheit und Besitz und Macht in der Stunde , in der man einer großen Liebe zu entsagen hat ? Es überraschte sie , als der Morgen wie immer in die Höhe kam und das alltägliche Leben mit ihm . Es überraschte sie , als ihre Kammerjungfer sie bei ihrem Namen nannte . Sie war ja nicht mehr dieselbe , die sie gestern noch gewesen war . Sie wunderte sich , daß ihr Haar , da jene die haltenden Nadeln desselben löste , noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren Leib herniederfloß . Was sollte es ihr ? - Sie hätte es ruhig unter der Scheere fallen sehen . Heute hätte sie mit Freude den sie für ewig verhüllenden Schleier über ihre Schläfe und ihr Antlitz decken mögen , damit Niemand die Thränen gewahre , welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre Wangen niederflossen . Heute begriff sie es , daß es eine Wohlthat sein könne , fern von der Welt , ungesehen und vergessen von ihr , seinem Schmerze ganz allein zu leben . Sie mußte ihre Dienerin entfernen , um sich noch einmal recht von Herzen auszuweinen . Und wie sie nun da saß , hoffnungslos und an sich selbst verzweifelnd , stieg jener unselige Gedanke der Opferung , der schon manches Weib in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt hat , blendend und verführerisch in ihrer Seele empor . Was war sie sich denn noch ? Was war an ihr gelegen ? Er sollte sehen , daß auch sie entsagen , daß auch sie sich überwinden konnte , wenn es darauf ankam , ihm eine Genugthuung , ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten , in den ihre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht verdiente . Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werthe geschätzt , er sollte der Fürstin von Chimay das Zugeständniß nicht versagen dürfen , daß sie der höchsten Liebe würdig gewesen wäre , weil sie die höchste Liebe ihres Herzens , weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen vermochte . In dieser Stimmung ließ sie sich zu dem Feste kleiden . Sie legte zum ersten Male den Erbschmuck ihres Hauses an . Wie man die Jungfrau , die der Welt entsagt , um sich dem himmlischen Bräutigam , dem Heilande unauflöslich hinzugeben , noch einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen läßt , ehe des Klosters Pforte sie von der Welt abtrennt , so wollte sie sich noch einmal in dem vollen Glanze ihrer Schönheit betrachten , ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten Manne überließ , um dem Geliebten damit die ganze Größe der Hingebung zu beweisen , deren sie für ihn und seine Ehre , seine Ruhe fähig sei . Weil sie dahin gekommen war , sich auf einen falschen und trügerischen Boden zu stellen , verschoben und verwirrten sich ihr , ohne daß sie es bemerkte , alle ihre Ansichten und Begriffe . Sie vergaß es , daß sie sich dem Prinzen zu vermählen beschlossen hatte , weil sie sich auf diese Weise das Glück zu erkaufen dachte , den Abbé wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges , seiner Freundschaft nach wie vor genießen zu können . Sie vergaß auch bald , daß eben der Abbé sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und daß er ihr vorgeschlagen hatte , Renatus zum Gemahl zu wählen . Nur einen flüchtigen Gedanken hatte sie auf diesen hingewendet , aber sie hatte zu viel Freundschaft für den jungen Freiherrn , sie wünschte ihm zu ehrlich Glück , um sich ihm zur Gattin anzutragen ; und da sie einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war , dünkte sie das Opfer nicht groß genug , welches sie in einer Ehe mit Renatus , die doch für sie und für ihn kein Glück zu bringen hatte , über sich genommen haben würde . Je länger sie darüber nachsann , um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel , von denen sie sich sonst mit Widerstreben , ja , mit Empörung abgewendet hatte , so oft der Abbé es unternommen , ihr jene Gefühlsrichtung eingänglich zu machen , welche in der Selbstverläugnung , in der Entsagung , in der Opferung eine Tugend , ja , die höchste Tugend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblickt . Daß solche Handlung auch mitten in dem Leben und Geräusche der Welt vollzogen werden , daß man sich schweigend und ohne Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie mit einem eingestandenen Opfer bringen könne , das hatte der Abbé oftmals als seine Ueberzeugung aufgestellt ; und eben so hatte er es oft behauptet , daß für Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben werde , in welcher sich ihr urplötzlich die Erkenntniß und die Wahrheit der Lehren erschließen würden , die er vor ihr ausgesprochen hatte , daß die Stunde schlagen würde , in der sie sich mit ihm in denselben Ueberzeugungen zusammenfinden und vielleicht ohne sie äußerlich zu bekennen aus innerer Nothwendigkeit nach den Grundsätzen der Mutterkirche handeln werde . Nun war sie da , diese Stunde ! Und wie Eleonore in dem Königsschlosse , die im Glanze der Diamanten strahlende Grafenkrone in dem blonden Haare , an der Seite der Herzogin durch die Reihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt , erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Empfinden ihr so groß , dünkte ihre Lage ihr so einzig , daß sie darin eine Auszeichnung des Himmels , daß sie eines jener besonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte , wie Gott sie nur seinen Auserwählten , nur denjenigen großen Seelen sendet , die er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heranreifen zu lassen beschlossen hat . Der Stolz des Unglücks bemächtigte sich ihrer . Sie fand einen Genuß in dem Gedanken , um des Geliebten willen großes Leid zu tragen , so daß sie endlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegenharrte , der ihr das Opfer für den Mann ihrer Liebe , die Entscheidung über ihre ganze Zukunft auferlegen sollte . - Und er ließ nicht auf sich warten ! Der König befand sich seit einigen Tagen ganz vortrefflich . Auf seinen Stock gestützt , ging er in der großen Pause des Balles langsam durch die Säle . Das schöne Wetter machte ihn heiter . Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des Tanzsaales über den schönen Tuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen Felder that ihm wohl . Paris war doch unendlich schöner , als das enge , weitentlegene Mitau , als das melancholische Schloß von Edinburg . Und es umgaben ihn , wohin er heute blickte , so viel Liebe , so viel Verehrung und Bewunderung ! Das Schicksal war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen , aber es gewährte sie ihm auch . Er war sehr zufrieden heute , sehr wohl aufgelegt . Alle Welt hatte sich heute des Besten von ihm zu rühmen , die Uniformenträger , wie die Männer in geistlicher Tracht , deren sich eine große Anzahl in den Reihen der Gäste vorfand . Alt und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet , und mit huldvollster Miene trat er an die Herzogin heran , an deren Seite ihre Nichte stand . Wissen Sie , meine schöne Gräfin , sprach er , daß ich Ihnen zürne , ernstlich zürne ? Eleonore verneigte sich tief , und ahnend , was ihr jetzt bevorstand , nahm sie sich fest zusammen und sagte lächelnd , während alles Blut aus ihren Wangen schwand , daß sie sich nicht bewußt sei , durch irgend etwas den Zorn der Majestät verschuldet zu haben . Daß Sie es nicht wissen , ist ein Verbrechen mehr , scherzte der König , denn es leiht Ihrer Schönheit , die Ihr Verbrechen ist , nur einen höheren Reiz . Sie verderben uns den Charakter , Sie lehren uns den Neid , und es ist Zeit , daß man Sie aus unserer Nähe , daß man Sie für eine Weile von dem Hofe entfernt ! Die Umstehenden zeigten sich entzückt von so viel Gnade , von so viel anmuthvollem Scherze . Der König , für solche Anerkennung immer sehr empfänglich , wendete sich , so leicht als seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete , zu seinem ersten Kammerherrn , dem Prinzen Polydor . Mein Prinz , sprach er , Sie wünschten ja schon lange , Sich für einige Wochen auf Ihre Güter zurückzuziehen . Der König ergriff Eleonorens Hand . Zur Rettung unserer armen Seele nehmen Sie die Gräfin Haughton mit Sich . Unsere besten Wünsche und der Segen der Frau Herzogin begleiten Sie . Im Frühjahre sprechen wir dann selber bei der schönen Fürstin vor ! Gnädiger , geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie gefunden , besser hatte er sich nie gefallen . Aber in dem Momente , in welchem der König Eleonorens Hand ergriff , um sie in die des Prinzen zu legen , fiel ihr Auge auf die Herzogin , und der Ausdruck des Triumphes , den sie in ihren Mienen las , verwandelte das Herz der Gräfin . Sie konnte sich zum Opfer bringen - der Herzogin diesen Triumph zu bereiten , das vermochte sie nicht , das wollte sie nicht . Und von ihrem Hasse zu rascher Entschlossenheit getrieben , sprach sie , indem sie ihre Hand leise aus der des Königs zog : Ich vermag Eurer Majestät nicht zu gehorchen , denn ich bin nicht frei ! Des Königs Brauen zogen sich zusammen ; es entstand eine Art von Erstarrung in den Mienen Aller , die vernehmen und sehen könnten , was geschah . Die Herzogin mußte sich auf den Arm der Dame stützen , die ihr die nächste war . Sie sind nicht frei ? wiederholte der König , und sein strenger Blick traf wie die Gräfin , so die Herzogin . Sie sind nicht frei ? Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt ! erklärte Eleonore rasch entschlossen , wennschon mit bebender Stimme , während die Röthe der Scham ihr Antlitz übergoß , als sie diese Unwahrheit behauptete . So gehen Sie Ihr Glück in Stille und Einsamkeit genießen ; aber gehen Sie , und noch heute - die Frau Herzogin wird Sie begleiten ! herrschte der König . Und sich von ihr wendend , ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber . Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof . Seit Könige in den Tuilerien wohnten , war ein solcher Vorgang nicht erhört worden . Nur eine Engländerin , nur ein Mädchen , das in so schrankenloser Freiheit auferzogen worden war , konnte eine solche Unwürdigkeit begehen , sich solchen Verkennens der Allerhöchsten Gnade , solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen . Man trat , soweit die Sitte dies erlaubte , nahe zusammen , es entstand eine Leere neben der Gräfin und der Herzogin , die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler lehnte . Niemand kam ihr zu Hülfe . Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gnädigen Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt . Welch eine andere Frau hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen , so schlecht bewahrt ! Die Ungnade der Herzogin war vollauf verdient , man konnte , man durfte sie nicht beklagen ; und wie man sie verdammte und fallen ließ , bewunderte man den Prinzen Polydor und seinen Vater , die , sobald der Dienst sie freiließ , den beiden Verbannten ihren Arm und ihre Begleitung boten , um sie durch die Vorsäle in das Vorgemach zu führen , in welchem die Diener sie erwarteten . Vom Hofe verbannt - das hieß vernichtet für die Herzogin . In ihren letzten und höchsten Hoffnungen betrogen , starr vor Schrecken , daß die Sprache sich ihr versagte , war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt . Keiner von ihren Leuten wußte , was geschehen war , die Bestürzung brachte das ganze Haus in Aufruhr . Aber noch hatte man die Greisin , die in heftiger Beklemmung nach Athem rang , in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt , als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden ließ . Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause . Die gestrige Unterhaltung mit dem Abbé hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich selbst zurückgelassen . Er konnte es sich nicht wegläugnen , daß fast alles , was sein geistlicher Freund über die Gräfin und über deren Tante geäußert hatte , richtig war . Auch in dem allgemeinen Urtheile , welches der Abbé über die Frauen und über die Bedeutung und den Werth einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatte , stimmte er mit ihm zusammen . Schon während jener noch an seiner Seite ging , hatte Renatus unwillkürlich die beiden Gestalten , Eleonore und Hildegard , einander gegenüber gestellt und mit einander verglichen . Er hatte das schon oft , er hatte es fast an jedem Tage gethan , und immer war die Entscheidung zu Eleonorens Gunsten ausgefallen . Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken geglaubt , daß er gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei , daß er ihr lange in seinem Herzen Unrecht gethan habe , und wie der Abbé ihm mit so viel Wärme von dem Glücke gesprochen hatte , das einem Manne aus der vollen , hingebenden Liebe einer demüthigen , in engem Kreise sich beschränkenden Frau erwachse , hatte Renatus sich mit einer Beschämung , die jedoch ihr Süßes hatte , eingestanden , daß ihn dieses Glück erwarte und daß es nur an ihm liege , es sich , sobald als er wolle , anzueignen . Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte , nicht mehr mit Sehnsucht an die Heimath gedacht . Als er aber am verwichenen Abende in seine Wohnung zurückgekehrt war , hatte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen , in dem er sie bewahrte . Die schöne , röthlich blonde Locke , welche sie sich in der Scheidestunde abgeschnitten , fiel ihm dabei in die Hand . Er hatte sie während der ganzen Feldzüge auf der Brust getragen ; erst in Paris hatte er sie von sich abgelegt . Nun hielt er sie gegen das Licht , sie glänzte hell wie Gold . Er ließ sie durch die Finger gleiten , strich sanft mit der Hand darüber hin ; das Haar war seidenweich , und zärtlich , als habe er die Geliebte selber neben sich , drückte er die Locke an die Lippen . Er war gerührt und fühlte sich schuldig . Einen nach dem andern las er die Briefe durch , welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte ; aber je mehr er sich in sie vertiefte , je weniger war er mit sich zufrieden . Er konnte es nicht begreifen , wie er diese lieben Briefe so gänzlich mißverstehen können , wie er diesen armen , guten Briefen so schweres Unrecht habe thun mögen . Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht , und er war blind gewesen , verblendet über sie und über sich . Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen ? Hatte sie nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung , daß eine Andere ihr die Liebe ihres Bräutigams entziehe , daß er sich nicht mehr nach ihr sehne , daß er sie zu vergessen nahe sei ? - Und was konnte sie dafür , daß die Zustände in Richten nicht erfreulich waren , daß sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen mußte , von denen sie sich umgeben sah ? - Arme , arme Hildegard ! rief er aus , und er kam sich treulos und pflichtvergessen gegenüber ihrem treuen Herzen vor . Er nannte es ein wahres Glück , daß er eben heute dem Abbé das Geleit gegeben , daß ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte . Es wäre ihm unmöglich gewesen , die Ruhe zu suchen , ohne an Hildegard geschrieben zu haben , und einmal auf den Weg der Bekenntnisse gerathen , fand er eine Lust darin , sein Gewissen zu befreien , indem er seiner Verlobten die Gefahr , in der er sich befunden hatte , wie die Versuchung , der er ausgesetzt gewesen sei , mit den warmen Farben darstellte , welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief . Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergärten ; er schilderte Hildegarden die Gräfin in aller ihrer Schönheit , um der Entfernten klar zu machen , daß er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden , und um ihr zu beweisen , daß nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe . Und wie er am Abende mit innerer Beschämung seinen Brief begonnen hatte , war er sehr wohl mit sich zufrieden , als er ihn am andern Morgen durchlas und beendigte . Die Jahre , welche er fern von der Heimath und von seiner Braut verlebt hatte , dünkten ihn unbegreiflich lange . Er warf es sich vor , daß er nicht eher an seine Heimkehr gedacht , daß er die immer wiederholten Mahnungen seiner Braut , die auf das genaueste mit den Vorstellungen Paul ' s zusammentrafen , bisher unbeachtet gelassen habe . Er versprach am Schlusse seines Briefes , daß er noch selbigen Tages die nöthigen Schritte thun wolle , um sich einen längeren Urlaub zu erwirken , verhieß seiner Braut , daß ihre Verbindung nun nicht weiter hinausgeschoben werden sollte und daß sie dann gemeinsam überlegen würden , ob sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurückkehren oder ob er darauf antragen solle , in eines der in der Heimath stehenden Regimenter versetzt zu werden . Es fiel ihm dabei gar nicht auf , daß er der Möglichkeit , in Richten auf seinen Besitzungen zu leben , nicht gedachte , obschon alle seine und seiner Verlobten Plane früher eben darauf berechnet gewesen waren . Da er um Mittag zur Parade gehen mußte , nahm er den Brief an Hildegard mit sich , um nachzufragen , ob er nicht auf der Gesandtschaft eine Gelegenheit fände , ihn schneller als durch die damals noch sehr langsam gehenden Posten zu befördern , und als ihm dies gelungen war , sprach er noch in dem Collegium vor , weil er den Abbé zu sehen und ihm zu sagen wünschte , wie wohlthätig und befreiend seine gestrigen Erklärungen auf ihn gewirkt hätten . Aber als er sich nach demselben erkundigte , erhielt er den Bescheid , daß der Herr Abbé vor zwei Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium abgereist sei . Auf die Frage , wohin er gegangen wäre , ob man die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen könne , wußte der Dienstthuende keinen Bescheid zu geben , und Renatus ließ also nur seine Karte mit einem Gruße und ein paar Dankesworten für den Abbé zurück , welche diesem verständlich sein konnten , ohne einem Dritten irgend etwas Ungewöhnliches zu sagen . An Hildegard denkend und dabei immer wieder auf Eleonore zurückgeführt , tadelte er sich endlich , daß er sich nicht offener und freier gegen dieselbe gestellt habe . Alles , was der Abbé von ihr behauptet , das gab Renatus auch jetzt noch zu , hatte mehr oder weniger seine Richtigkeit ; aber darin schien der Abbé ihm Unrecht zu thun , daß er der Gräfin ihre eigentliche Wesenheit zum Vorwurfe machte , daß er nicht anerkannte , wie eine solche Natur sich auf ihre Weise mit der Welt und mit dem Leben abzufinden habe . Es ist sein Stand , es ist seine Ehelosigkeit , sagte sich Renatus , die unseren Abbé so streng machen , und es gefiel ihm , daß er sich eines nachsichtigeren Urtheils über die Gräfin bewußt war . Wenn eine Frau wie diese mehr für die Freundschaft als für die Liebe geschaffen schien , so hatte man , nach des jungen Freiherrn Ansicht , diese Eigenschaften , die sie besaß , zu schätzen , hatte man anzunehmen , was sie zu bieten gewillt war , ihr zu leisten , was sie begehrte , und der Abbé am wenigsten durfte sich über Eleonore , wie sie nun einmal war , beschweren . Renatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewaltigen Eindruckes bewußt gewesen , den Eleonore auf ihn gemacht hatte . Er gestand es sich jetzt offen ein , daß es hauptsächlich sie gewesen sei , die ihn an Paris gefesselt und ihm den Gedanken an seine Heimath und an seine Braut beängstigend gemacht habe . Nun er aber zur Besinnung und zu sich und den eigentlichen Bedingungen seines Daseins zurückgekehrt war , meinte er es eben einer Eleonore auch schuldig zu sein , ihr frei und unumwunden seine Freundschaft anzutragen . Er wollte ihr Vertrauen gewinnen , indem er ihr das seinige voll und ganz gewährte . Sie sollte wissen , wie nahe er daran gewesen war , um ihretwillen sich und seinen Pflichten , ja , seiner Ehre untreu zu werden ; und da seit gestern auf dem Boden seiner neu gefaßten guten Vorsätze das Bild seiner Braut wieder lebendig in ihm emporstieg , so daß es sich ihm in dem Schimmer der Sehnsucht und der Erinnerung immer mehr verklärte , so tauchte gleichzeitig auch das Verlangen in ihm empor , die beiden Jungfrauen , welche ihm als die Ideale ihres Geschlechtes , als die beiden weiblichen Wesen erschienen waren , denen er sich in Liebe und Freundschaft hinzugeben wünschte , einander nahe zu bringen und wo möglich durch seine Vermittlung zu verbinden . Dreizehntes Capitel Voll von den angenehmsten Vorstellungen , überzeugt , daß Eleonore und Hildegard , wenn sie Freundinnen werden könnten , die segensreichste Wirkung auf einander üben müßten , und entschlossen , gleich heute , wenn Eleonore von dem Balle heimgekehrt sein würde , eine Unterredung mit ihr zu suchen , langte Renatus in dem Palaste der Herzogin an , und das Erste , womit der Thürsteher ihn empfing , war die Botschaft , daß die Gräfin ihn zu sprechen wünsche . Das überraschte ihn , denn er hatte die Damen noch auf dem Feste vermuthet . Man sagte ihm , daß die Herzogin sich nicht wohl gefühlt und deshalb den Ball verlassen habe , und von dieser Kunde wie von dem Wunsche der Gräfin angetrieben , eilte er die Treppe hinauf und ließ sich bei derselben melden . Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer . Sie hatte ein loses , weites Morgengewand angelegt , ihr Haar , von dem man die Krone und die Blumen abgenommen hatte , war noch nicht völlig wieder geordnet . Sie sah in hohem Grade erregt aus , und Renatus , der dies mit dem Erkranken der Herzogin in Verbindung brachte , fragte in lebhafter Theilnahme : Wie geht es der Herzogin , wie befindet sie sich ? Gut , gut ! entgegnete Eleonore in einer Weise , die den Freiherrn erschreckte , denn es lag etwas völlig Verstörtes in der Hast und in dem Tone , in denen sie zu ihm sprach , - gut , aber davon ist nicht die Rede ! - und vor Renatus hintretend , indem sie beide Hände fest gegen ihre Brust preßte , sagte sie , während ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten : Herr von Arten , ich befinde mich in einer Lage , in der sich wohl nicht leicht eine Frau wie ich vor mir befunden hat ! Meine Ehre , meine ganze Zukunft stehen auf dem Spiele - ich bin verloren , wenn Sie mich nicht erretten ! Renatus traute seinen Sinnen nicht . Die Angst der Gräfin erfaßte auch ihn . Er glaubte sie von Wahnsinn ergriffen , wie er sie also vor sich sah , und das Entsetzen darüber drohte auch ihn zu verwirren . Reden Sie , reden Sie ! Was ist geschehen , Gräfin ? rief er beklommen aus - was kann , was soll ich thun ? Sie müssen mich heirathen ! stieß Eleonore hervor , und sie erbleichte , als sie das Erschrecken des Freiherrn sah . Die Ueberzeugung , daß er eine Geisteskranke vor sich habe , stand in dem Augenblicke in Renatus fest . Er wußte nicht , was er sagen , was er denken sollte , und unwillkürlich darauf bedacht , sich der Unseligen zu bemächtigen , ergriff er ihre Hände und sprach so ruhig , als er es vermochte : Setzen Sie Sich , theure Gräfin , Sie sind sehr erschüttert - setzen Sie Sich nur , dann .. Eleonore lachte hell auf . Sie halten mich für wahnsinnig , und in der That , es ist danach angethan , mich wahnsinnig zu machen - aber noch habe ich meinen Verstand , noch bin ich ich selbst , noch habe ich den festen Glauben , daß Ihre Freundschaft mein Erretter sein wird , daß Sie mich nicht zur Lügnerin werden lassen - und auf meinen Knieen will ich ' s Ihnen danken ! Der Vorgang wie der Zustand der Gräfin wurden Renatus immer räthselhafter , und gemartert , wie er sie gemartert sah , rief er : Sprechen Sie , oh , sprechen Sie , damit ich nur erfahre , was geschehen ist ! Eleonore hatte ihre Hände frei gemacht und strich mit hastiger Bewegung ihr Haar zurück , das aufgegangen und ihr weit um Stirn und Leib herabgefallen war . Sie kennen , hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu sprechen an , Sie kennen die Absicht meiner Tante , mich mit ihrem Sohne , dem Prinzen Polydor , zu verbinden ! Sie wissen , daß ich die Herzogin und ihren herrschsüchtig-heuchlerischen Charakter verabscheue , daß ich um keinen Preis die Bande noch zu verstärken wünschen kann , die mich ihr verbinden , und Sie wissen auch , daß es mich nicht gelüstet , die Gattin des Prinzen , eines Mannes zu werden , der mein Vater sein könnte und dessen Ruf als Muster eines Edelmannes sich zum Theil auf eine Reihe von Abenteuern gründet , die ihn mir verächtlich machen ! Sie hielt inne , ihre Aufregung versetzte ihr den Athem . Ich habe die persönlichen Bewerbungen des Prinzen , die Vorstellungen meiner Tante nie beachtet , und ich war berechtigt , dies zu thun , denn ich bin volljährig und Herr meiner Person und meines Besitzes ! Aber was man auf geradem Wege von mir nicht zu erringen vermochte , das hoffte man mit List mir abzugewinnen ! - Und wieder hielt die Gräfin inne . Dann sagte sie : Heute , auf dem Balle , trat der König an mich heran . Man hatte ihn , ich wußte es , dazu zu überreden vermocht , dem Prinzen meine Hand zuzusagen , als ob derselbe ein Anrecht an mich besäße , oder als ob ich eine der Unterthaninnen , eine Sklavin dieses Königs wäre , die ihm blindlings zu gehorchen hat ! Mit einem sehr gnädigen Scherze legte der König meine Hand in die des Prinzen , gab er dem Prinzen Urlaub , sich mit mir auf seine Güter zurückzuziehen , und ... Und ? fragte Renatus , und was dann ? Ich war außer mir ! nahm Eleonore mit wiederkehrender Heftigkeit das Wort . Aller Augen waren auf mich gerichtet ! Ich sah das mir verhaßte Lächeln auf des Prinzen Lippen , ich sah die Zufriedenheit in den Augen der Herzogin ! Ich sollte ihre Zufriedenheit mit dem Unglücke meines ganzen Lebens erkaufen - das ging über meine Kräfte ! Ich zog meine Hand zurück , ich sagte : ich bin nicht frei ! - Ich weiß nicht , warum die Empörung mich keinen andern Ausweg finden ließ , wie das Erschrecken mich vergessen machen konnte , daß Niemand ein Recht hat , über mich zu bestimmen , als ich selbst ! Und als der König dann zu wissen forderte , was mich binde , da - da - nannte ich Sie ! Sie brach plötzlich ab und schöpfte Athem , als sei es ihr leichter , nun sie das Wort gesprochen hatte . Renatus trat von ihr zurück . Mich , fragte er , Sie nannten mich ? Seine Betroffenheit konnte ihr nicht entgehen , ihr alter Stolz entzündete sich an derselben . Mich dünkt , sagte sie , es ist keine Unehre für Sie , wenn ich vor dem Könige und dem ganzen versammelten Hofe Sie , Herr von Arten , als den Mann bezeichnete , dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den ich mir erwählte ! - Völlig vergessend , wie sie es als ein nicht zu verzeihendes Unrecht anerkannt hatte , daß