Sie fanden in dem Hause eine alte Frau , einen kleinen Knaben , einen jungen Mann - und eine Dame . « Bei jedem Worte , welches der Jäger aussprach , war der Andere sichtlich zusammengefahren , doch hatte er sich gewaltsam bezwungen , wobei er sich die Lippen fast blutig biß . Als aber Josef sagte : eine Dame , da behielt er seine mühsame Fassung nicht länger , er erbleichte auf eine furchtbare Art , seine Augen starrten weit aufgerissen , er faßte die Hand des Jägers mit zitternden Fingern und sprach fast lautlos : » Du hast gesagt : auch eine Dame - ? « » Eine Dame , Herr - die Frau Baronin von W. , Gemahlin des früheren General-Adjutanten . « Bei diesen Worten war es , als wollte der Andere in die Kniee sinken ; sein Körper schien sich unter dem Eindruck dieser Mittheilung förmlich zu beugen , er preßte die Hände vor das Gesicht und rief in herzzerreißendem Tone : » Meine Schwester ! - o meine arme Schwester ! « Dieses Wort hatte Josef doch nicht erwartet . Ihn faßte ein jäher Schreck bei dem Ausrufe des Andern , es war ihm , als hebten sich rings herum schwarze Schleier , als stiegen wilde unheimliche Geister aus den Ecken des Zimmers . Der Luftzug , der durch den Kamin herabdrang , machte ihn schaudern . Er fühlte sich wie von Furchtbarem umgeben ; es schien ihm , als bewegten sich die Fenstervorhänge und es dringe hie und da eine Faust durch die Scheiben und suchte tappend die schweren Riegel zu erfassen , um die Flügel zu öffnen , und einer unheilvollen Macht Eingang zu gestatten . Dann aber erfaßte ihn wieder eine tiefe Wehmuth , als er die kräftige Gestalt des jungen Mannes vor sich erblickte , die durch seine Mittheilungen vollständig gebrochen schien ; als er bedachte , welch ' gewaltiger Geist , welch ' edles Herz und tiefes Gefühl in diesem kräftigen Körper wohnte , welchen Weg dieser Mann hätte gehen können , und wie er nun vor ihm stand , vielleicht schon von allen Seiten umgarnt , im nächsten Augenblicke vor der unerbittlichen Gerechtigkeit - die leider , leider diesmal nur gerecht zu nennen war ! - Josef war kein gewöhnlicher Mensch , sein Eintritt in diese Welt hatte ihm Hoffnungen eröffnet , die leider nie in Erfüllung gingen . Und an alles dies denkend , hatte er seine Hände gefaltet und langsam tropfte eine Thräne um die andere aus seinen Augen und verlor sich in dem dichten , schwarzen Barte . Der Andere hatte sich unterdessen wieder gefaßt , doch als er die Hände langsam von seinem Gesicht entfernte , fielen seine Arme wie gelähmt herab . - Aber er lächelte . Doch dieses zuerst traurige und dann erschreckliche Lächeln schnitt dem Getreuen , der vor ihm stand , noch tiefer in die Seele , als vorhin der Ausbruch des wilden Schmerzes . » Laß es gut sein , Josef , « fuhr der junge Mann fort . » Jeder Mensch hat seine Schwächen , hat eine Stelle , an der er verwundbar ist . Du hast sie mit deinen Worten getroffen und tief verletzt . - Aber das ist jetzt vorüber , « setzte er schwer Athem holend hinzu . » Was hast du mir weiter zu sagen ? « » Herr Major von S. war bei meinem Herrn und Beide sprachen darüber , daß die Baronin von W. in dem erwähnten Hause festgehalten würde . Der Gemahl derselben , der sie lange beargwohnt , habe seine Zustimmung gegeben , und über alles dies drückten sich beide Herren ziemlich empört aus . « » Ah ! sie nahmen die Polizei nicht in Schutz ? « » Der Polizei-Präsident soll von Seiner Majestät eine Bemerkung haben hinnehmen müssen , die sehr einer Nase ähnlich gesehen habe ; er sei ziemlich zerknirscht in das Vorzimmer gekommen und habe über undankbaren Dienst und drückende Verhältnisse gesprochen . « » Das gibt mir einige Hoffnung , « sagte der Andere mit leiser Stimme . » Du kannst mir einen Dienst erweisen , Josef . Suche in das Haus in der Schilderstraße zu dringen , erkundige dich , was man dort macht , und bringe mir eine Antwort hieher . Willst du ? « » Mit tausend Freuden , « antwortete Josef . » Aber ich würde einen vergeblichen Gang thun , Herr . Ich war schon droben bei dem Hause ; ich versuchte es , hinein zu kommen , ich habe da einen Bekannten , aber man examinirte mich und schickte mich fort . Als ich eben weggegangen war , sah ich Sie , Herr . Sie stellten sich an den Brunnen und schauten an dem Hause hinauf . « » Das ist wahr . Aber ich habe dich nicht bemerkt . « » O Herr , verzeihen Sie mir , « sprach Josef kopfschüttelnd , » Sie sahen überhaupt nicht so um sich her , wie gewöhnlich auf der Straße . Sonst hätten Sie an den gegenüberliegenden Häusern einen Menschen bemerken müssen , der sie beobachtete . « » Der mich beobachtete ? « » Auf das Genauste . Er hinderte mich , Sie anzureden , und ich konnte Ihnen nur von weitem folgen , denn der Andere schlich vor mir ziemlich dicht hinter Ihnen . « Der junge Mann fuhr sich mit der Hand über die Stirn und entgegnete : » Ja , ich war in Gedanken . Aber was wollte Jener von mir ? Folgte er mir bis hieher an den Fuchsbau ? « » Bis an die Mauer , wo Sie verschwanden . Das schien ihn höchlich zu wundern , denn er betrachtete die Steine aufmerksam , suchte auch rechts und links nach einer Thür , und als er nichts fand , umschritt er das ganze Gebäude . Jetzt folgte ich ihm und hätte gern ein ernstes Wort mit ihm gesprochen , aber ich war ohne Waffen , und er , der Polizeisoldat , hatte seinen Säbel bei sich . « » So , er war von der Polizei ? Das ist gerade nicht angenehm . Was denkst du , Josef ? « » Wenn ich meine Gedanken frei aussprechen darf , so sage ich , daß Ihnen Jener nicht ohne Absicht gefolgt ist , daß er davon ging um einen Bericht zu machen , und daß vielleicht in diesem Augenblicke schon der Fuchsbau umstellt ist . « » Du könntest vielleicht Recht haben , Josef , « erwiderte der junge Mann ruhig , indem er die linke Hand auf den Tisch setzte , » und das wäre schlimm für dich , den man hier nicht finden darf . - Sieh mich nicht so sonderbar an , ich weiß wohl , daß es dir nicht an Muth fehlt , und kenne auch deine Treue . Aber du kannst hier , bei Gott ! Niemanden helfen , nur dich selbst zu Grunde richten . Also geh ' , ich will es . « Er winkte mit der Hand , und als der Jäger dieselbe ergriff und fest drückte , erwiderte er diesen Druck und sagte dabei : » Gott sei mit dir , Josef ! « Sobald dieser das Zimmer verlassen hatte , trat der Wirth ungerufen herein . Er war aufgeregt , erhitzt und stolperte in seinem Eifer fast über die Schwelle in das Gemach , so daß ihm der junge Mann entgegenrief : » Hoho ! Meister Scharffer , Ihr stürzt ja daher , als wenn Ihr gejagt würdet . « » Das wird auch also kommen , « erwiderte der Wirth in seiner plumpen Manier . » Wissen Sie , Herr , daß drunten der Teufel los ist ? « » Ah ! Ihr seid der Mann , ihn zu bändigen , « erwiderte der Andere lachend . » Ja , da hat sich was zu bändigen ! « Es sind da eben sechs Kerle in die Schenkstube gedrungen , und als wir uns weigerten , ihnen Wein zu geben , meinten sie , das wollten sie doch einmal sehen , das sei hier ein , Wirthshaus , so gut wie ein anderes . » Da hatten sie vollkommen Recht , Meister . Und statt daß Ihr davon stürztet und Aufsehen erregt , hättet Ihr bei Euren Gästen bleiben und sie angenehm unterhalten sollen . « » Da unterhalte sich Einer , wenn ihm das Herz vor Schrecken still steht . Drei von den Sechsen kenn ' ich . Wenn die nicht bei der Polizei sind , so will ich auf meinem Rasirmesser reiten . Einer von ihnen machte sich mit der alten Margareth zu schaffen und erkundigte sich freundlich , was das für Klingelschnüre seien , die neben ihrem Sitze herabhängen . « » Das ist allerdings verdächtig . « Der dicke Wirth hatte so hastig gesprochen , daß er ganz außer Athem gekommen war . Während er sich den Schweiß von der Stirn wischte , that er einen tiefen Athemzug und fuhr dann fort : » Auch kommt soeben der Johann nach Haus und meint , er habe drunten auf der Straße in der Nähe des Fuchsbaues Gesichter gesehen , die ihm gar nicht gefallen . Aber das ist noch nicht das Schlimmste , er brachte auch die Nachricht heim , daß der Sträuber eingesteckt Worden sei . « » Der Sträuber ? « fragte der Andere , offenbar unangenehm überrascht , und zog dabei seine Augenbrauen finster zusammen . » Der Sträuber ? - das ist fatal . « » Auf dem Bahnhof , « fuhr Meister Scharffer fort , » er hatte sich gerade ein Billet gelöst . « » Wohin ? « » Nach St. « » Beim Teufel ! Das ist schlimm . Also wollte er über die Grenze . Da hat der Schuft etwas angestellt , was ihn zwingt , Stadt und Land zu verlassen . « Bei diesen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raschen Schritten auf und ab und der Wirth schaute ihm mit einem höchst überraschten Gesichte zu , wobei er sich in dem schwarzen , buschigen Backenbarte kratzte . Er mochte Wohl denken : jetzt ist es keine Zeit zum Promeniren , jetzt sollte der da handeln . Doch tröstete er sich gleich darauf : er wird schon wissen , was zu thun ist . Der Andere trat wieder an den Tisch zurück und sagte achselzuckend : » Wohl möglich , daß sie wieder eine Hausaussuchung halten . « » Wie schon oft . « » Aber heut ' ist das schlimmer . « » Warum ? Wir haben nichts Verdächtiges im Hause . « » Vergeht Ihr den Mathias ? « sagte der junge Mann mit sehr ernster Stimme . » Alle Heiligen ! das ist wahr ! « rief erbleichend der Wirth . » Wenn sie den finden mit seiner Wunde in der Seite , so sind wir verloren . O , wenn er nur schon todt wäre . « » Hol ' Euch der Teufel , Meister ! - Und warum das ? « » Sie wissen wohl , wir hätten dann ein gutes Versteck für ihn . Aber einen Lebenden kann man nicht da hinein postiren . « » Ehe ich das Haus verlasse , muß ich nach ihm sehen . Leuchtet mir hinauf . « » Lassen Sie das um Gotteswillen bleiben , Herr , « bat der Wirth . » Nehmen Sie mir ein Wort nicht übel - wer weiß , ob man es nicht auf Sie selbst abgesehen hat ? Verlassen Sie das Haus , so lange es noch Zeit ist , schonen Sie sich für uns . - Horch ! was war das ? « Von unten herauf ließ sich ein dumpfes Krachen vernehmen . Beide lauschten und der junge Mann sagte : » Man bricht eine Thüre auf . Wahrhaftig , das scheint ernstlich zu sein . Haben sie Lichter bei sich ? « » Nein , darnach habe auch ich gleich gesehen . « » Wer ist von uns im Hause ? « » Der Johann , der Schnapper und zwei fremde Gesellen , die heute mit guter Rekommandation ankamen . Als ich die sechs Andern eintreten sah , hieß ich sie auf ihr Zimmer gehen . « » Wo sind sie ? « » Auf Numero vier , über uns . « » Und Mathias ? « » Auf Numero zwei . Ah ! ich vergaß , Fritz ist bei dem als Krankenwärter . « Der junge Mann stand da hoch aufgerichtet , sein blitzendes Auge blickte starr in eine Ecke des Zimmers , er zog seinen schwarzen Schnurrbart zu beiden Seiten des Mundes herunter und dachte nach . - » Das ist ganz einfach , « sagte er nach einer Pause , » die Hauptsache ist : Mathias muß weggeschafft werden , und das müssen Johann und Fritz besorgen . Beide sind stark , sie können ihn tragen . Freilich kann es ihn das Leben kosten , « fuhr er fort , nachdem er die Augen einen Moment mit der Hand bedeckt hatte . » Aber was ist da zu machen ? Lieber todt , es wäre gräßlich , wenn er ihnen lebend in die Hände fiele . Und Mathias hat eine starke Natur , er wird ' s vielleicht ertragen . « » Aber wohin mit ihm ? « fragte zweifelnd der Wirth . » O , glauben Sie , Herr , die auf der Polizei sind auch klüger geworden . Sie werden ringsum das Haus besetzt haben . « » Natürlich , « erwiderte der Andere mit einem verächtlichen Lächeln . » Aber wir lassen uns doch nicht überlisten , und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt , so kommt der arme Mathias glücklich durch . « » Und Sie , Herr ? « » O , ich verschwinde wie gewöhnlich . - Ihr laßt den Mathias auf Numero Eins bringen ; dort , wißt Ihr , hängen an der Wand alte Landkarten . Nehmt sie ab und schlagt durch die ganz dünne Wand , die sich dort befindet , ein Loch , nicht größer , als daß Johann und Fritz mit ihrer Last durchkommen . « » Aber in dem Hause nebenan haben wir keine Verbindungen , Herr . Das ist ein Pietist , ein scheinheiliger Satan , der gleich Lärm machen wird . « Ohne auf diese Worte zu achten , hatte der Andere seinen Rock aufgeknöpft , und die Uhr hervorgezogen , von der er ein Petschaft löste . Dann fuhr er ruhig fort : » Auf das Geräusch des Wanddurchschlagens wird der Eigenthümer augenblicklich erscheinen . Johann soll ihm dies übergeben und er wird für den Mathias sorgen . Vergeßt mir aber nicht , daß die große Landkarte wieder an ihren Platz gehängt wird . « Meister Scharffer empfing das Petschaft mit einem Blicke der Ehrfurcht , den er auf den jungen Mann warf . Er hatte den Nachbar immer gefürchtet , ja er hatte ihn gekannt als Jemand , der im Rufe der größten Rechtlichkeit stehe , der das Getreibe im Fuchsbau tief verabscheue und der bei allen Genossen im Verdacht stand , als habe er die Polizei schon mehrmals zu Haussuchungen veranlaßt . Und nun hatte sein Meister dort ebenfalls Verbindungen angeknüpft ! » Nur fort , « sprach jetzt der junge Mann ungeduldig . » Sagt dem Johann und Fritz , was sie zu thun haben , und dann begebt Euch an die Haupttreppe und schimpft als guter Wirth dort hinab über die Vagabunden , die Eure Thüren erbrechen . Hört nur , sie machen immer weiter . Aber jetzt hinauf , Meister Scharffer , befolgt auf ' s Pünktlichste meine Befehle . Ich werde Euch hier erwarten . « Der dicke Wirth schien Lust zu haben , sich ein wenig in seinem Haar zu raufen , und er hob schon die Hände an den Kopf empor , als er aus dem Zimmer eilte ; doch ließ er sie wieder sinken , schüttelte vielmehr sein Haupt , als er sich auf der Schwelle nochmals umschaute und nun bemerkte , wie der junge Mann einen Stuhl an den Tisch zog und sich ruhig darauf setzte , als ob gar nichts vorgefallen wäre . Während Meister Scharffer die Treppen hinauf sprang , bekreuzte er sich und dachte : » Um Ende wäre es doch besser , wenn man sich der Polizei selbst überlieferte . Der da drunten im Zimmer ist offenbar der leibhaftige Teufel . « Die außerordentliche Ruhe aber , mit welcher der junge Mann handelte , war theilweise erzwungen , um auch dem Andern Muth einzuflößen , denn als dieser verschwunden war , sprang er auf und trat unruhig an die Thüre , um in das Haus hinabzulauschen . Obgleich nun das Zimmer , in welchem er sich befand , von der Schenkstube sehr weit entfernt war , so vernahm er doch einen wüsten Lärm von dorther und mitunter Töne , als ob man Möbel wegrückte , Kasten niederstellte , Thüren gewaltsam öffnete . - » Sonderbar ! « sprach der Horcher zu sich selber , » sie treiben ihre Sache auf wunderbare Art. Statt sich rasch über das ganze Haus zu verbreiten , halten sie sich in einem Theile desselben auf , wo sie noch nie ' was gefunden haben . Ich glaube , wir haben die ganze Geschichte dem Herrn Blaffer zu verdanken . Wenn nur Mathias schon fort wäre ! - Ah ! sie gehen dran , ihn wegzuschaffen . « Er lauschte wieder aufmerksam und vernahm von droben das Gehen von Männern , deren schwerem Auftreten man es wohl anmerkte , daß sie eine gewichtige Last trugen . Zu gleicher Zeit hörte er , aber sehr gedämpft , ein Geräusch , wie wenn man Steine losbräche , und dann das leichte Krachen von Holzwerk . » Gott sei Dank ! « sagte der junge Mann , » er wird bald drüben sein . Wenn er ' s nur aushält ! Das Loch in der Wand kostet mich viel . Ich hatte diesen Ausweg für mich selbst aufgehoben . Aber was gilt ein Freund nicht ! Und ein solcher war mir Mathias hier im Hause . Ich hätte ihm vielleicht folgen sollen , wer weiß , ob das nur eine Hausaussuchung ist und ob sie nicht vielleicht das Haus so umstellt haben , daß es mir auf meinem gewöhnlichen Wege schwer wird , zu entkommen . - Bah ! man muß nicht das Schlimmste denken . - Doch - jetzt ist Mathias drüben . « In diesem Augenblicke vernahm er nämlich die scheltende Stimme des Wirthes , der auf der Treppe stand , die in das untere Stockwerk führte und laut hinabschrie : » Was für ein Lärmen wird in der Schenkstube getrieben ? Glaubt ihr denn , man könne in dem Hause treiben , was man wolle ? He , Marie , ruf ' den Hausknecht ! « Nachdem er dies gesagt , kehrte er in das Zimmer zurück , wo der Andere unterdessen die beiden Lichter auf dem Tische ausgelöscht hatte , so daß es vollkommen finster gewesen wäre , wenn nicht eine Gaslampe auf dem Gange einige Helle in das Zimmer geworfen hätte . » Mathias ist fort , aber jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen , Herr , suchen Sie sich einen Ausweg . Als ich droben vom Fenster auf die Straße hinabschaute , habe ich verdächtige Gestalten bemerkt . « » Auf welcher Seite ? « » Auf der , wo sie gewöhnlich das Haus verlassen . « » Das ist ungeschickt . So muß ich den Weg durch den Keller nehmen . « » Ich glaube auch , daß der sicherer ist , « sagte angstvoll der Wirth . » Nur müssen Sie dabei über die Haupttreppe hinab , bei der Schenkstube vorbei . « » Ich weiß wohl , doch hat das nichts zu sagen . Margarethe wird auf ihrem Posten sein . « » Gewiß ; die läßt sich eher in Stücke reißen . « » So will ich ihr ein Zeichen geben und dann vorwärts , Meister . Ihr steigt scheltend die Treppe hinab und ich folge Euch . « Sowie er dies sagte , zog er an einer Klingelschnur , die neben der Thüre hing , und wenige Sekunden darauf verlöschte die Gaslampe draußen auf dem Gange . Von unten herauf aber erscholl ein lauter Aufschrei , die klägliche Stimme der alten Kellnerin und darauf polterte Meister Scharffer die Treppen hinab , fluchend und scheltend mit aller Kraft seiner Lunge . Der Andere ging hinter ihm drein , er setzte die Füße so leicht auf , daß man von Beiden jedesmal nur einen einzigen Tritt hörte ; sein Auge versuchte es , die Finsterniß , die auf dem ganzen Hause lag , zu durchdringen . Dabei blieb er dicht hinter dem dicken Wirthe , der , auf dem untern Treppenabsatz angekommen , gleich von kräftigen Armen gefaßt wurde . Doch ermangelte er nicht , dies durch lautes Geschrei seinem Hintermanne kund zu thun , der einen Augenblick unbeweglich stehen blieb , dann das Treppengeländer erfaßte , und sich nun mit solcher Gewalt die Treppe vollends hinab schwang , daß er zwei Männer , die dort Posto gefaßt hatten , so vollkommen unvermuthet überfiel , daß diese ihr Gleichgewicht verloren und schwerfällig die Treppe hinab kollerten , ihm nach , der schon mit leichtem Fuß die unterste Stufe erreicht hatte . Hier war der Fliehende nicht einen Augenblick zweifelhaft , welchen Weg er einzuschlagen habe . Eine Thüre , die er suchte , fand er unverzüglich , trat durch dieselbe in ein Gewölbe , glitt hier abermals einige Stufen hinab und erreichte nun einen weiten Keller , in dem er fortschritt . Dieser hatte nach der Straße einige halbkreisförmige Oeffnungen , die man übrigens kaum bemerken konnte , da die Nacht sehr finster war . An einer dieser Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und so eine förmliche Leiter gebildet , auf der ein gewandter Mann ohne große Mühe emporsteigen konnte . Ehe er sich aber vollständig dort hinaufschwang , horchte er aufmerksam , und erst , als sich in der engen Gasse , in welche diese Fenster mündeten , nicht das geringste Geräusch vernehmen ließ , stieg er vorsichtig aus dem Keller empor . Glücklicherweise warfen die nahestehenden Häuser , sowie ein Mauervorsprung neben dem Fenster einen so tiefen Schatten auf die Stelle , wo er emporgestiegen war , daß ihn selbst ein Späher hier nicht hätte entdecken können . Auch brauchte er die Vorsicht , eine Zeitlang unbeweglich stehen zu bleiben , worauf er endlich mit zwei großen Schritten die andere Seite der Gasse erreichte . Hier blieb er abermals stehen und schaute nach dem Hause zurück , doch faßte er im nächsten Augenblicke unwillkürlich den Griff seines Dolches , denn mit seinem scharfen Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunklen Mauer des Hauses , von dem er eben herkam eine Bewegung , gerade als seien dort ein Paar Personen , die sich etwas von der Mauer entfernten . Sobald er aber regungslos stehen blieb , sah er auch drüben nichts mehr . - Und doch ! er hatte sich nicht getäuscht . Kaum hatte er einen Schritt gemacht , so bewegten sich auch dort die beiden dunkeln Flecken wieder - zwei Gestalten mit ihm im gleichen Maße fortschreitend . Das sind Aufpasser und Verfolger , dachte er sich . Was ist zu thun ? Bei einem Ueberfall , den sie aber wahrscheinlich in der Nähe des Hauses nicht wagen , mich ihrer mit meinem Dolche entledigen ; wenn sie mich aber verfolgen , sie , wenn es möglich ist , irre führen ! Das Letztere aber war ein schweres Unternehmen , denn wenn auch die beiden Gestalten nicht Willens schienen , die Entfernung zwischen sich und dem Andern zu kürzen , so ließen sie sie auch nicht vergrößern . Denn machte er längere und raschere Schritte , so thaten sie das Gleiche , blieb er stehen , so machten sie es ebenso . Letzteres that er mehrmals und überlegte sich dabei , ob es nicht besser wäre , umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen . Dies zu thun war er schon im Begriff , doch hatte er mittlerweile die enge Gasse verlassen und eine breite , lange Straße erreicht , die von mehreren Gaslampen hell beschienen war , und sah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige Gestalten , die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten . - Vier würden ein zu großes Aufsehen geben , dachte er bei sich . Also nichts von Gewalt ; hier muß List entscheiden und Schnelligkeit . Behutsam warf er einen Blick um sich ; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte entfernt , die ersten schlichen auf der andern Seite der Straße . Er beschleunigte seinen Gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte , schoß er dort mit einem gewaltigen Satze hinein . Doch mußten die vordern seiner Verfolger diese Absicht errathen haben , denn Einer stürzte ihm so rasch nach , daß er ihn in der nächsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hörte . Die Andern blieben nicht weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der sonst menschenleeren Straßen im schnellsten Tempo . Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nächsten Verfolgers zu entledigen , und als er ein Mittel hiezu gefunden , mußte er selbst darüber lächeln . Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Straße , gegen einen Gaskandelaber , so zwar , daß sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger befand . In diesem Augenblicke faßte er die eiserne Stange desselben mit der Hand , schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht seines Körpers , daß dieser laut dröhnend zu Boden stürzte . Hierauf änderte er die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Sätzen über die dunklen Straßen dahin , einem Stadttheile zu , wo wenig Verkehr war und spärliche Gasflammen brannten und wo an große herrschaftliche Häuser viele Gärten stießen . Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er auch war , so fühlte er doch nach und nach , wie ihm das Athmen schwerer wurde und wie es ihm große Mühe zu verursachen anfing , den beschleunigten Lauf fortzusetzen . Wohin sollte er sich wenden ? Er hatte gehofft , seine Verfolger zu ermüden und ihnen auf diese Weise zu entgehen . - Vergebens . Wenn er auch zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte , so strengten sich die Andern desto mehr an , in seine Nähe zu kommen , und sie hatten dies leichter , da sie sich theilen , ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben für sich abkürzen konnten . Glücklicherweise hatte Keiner von ihnen Schießwaffen bei sich , sie hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt , davon Gebrauch zu machen , denn der da vorn , den sie verfolgten , mußte doch am Ende lebend in ihre Hände fallen . Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten , wo die Häscher deutlich sahen , daß der Flüchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie bisher . Ja , er schien ungewiß zu sein , welchen Weg er nehmen sollte . Er schaute um sich , gewiß in der Absicht , den Ort zu erkennen , wo er sich befände . - Stand er dort nicht stille ? Ja , er hatte sich an die Mauer gelehnt , gewiß konnte er nicht weiter und wollte sich ergeben . Mit erneuerter Kraft , das Ende ihres Laufes vor sich sehend , stürzten die Polizeibeamten vorwärts . Jetzt hatten sie die Stelle erreicht , wo sich Jener befand . Schon streckte der Vorderste den Arm nach ihm aus , als er sah , daß der Flüchtling verschwunden war , an einer Mauer verschwunden war , viel zu hoch , um darüber hinwegspringen zu können , aber in der Nähe eines Gartenpavillons , den sie jedoch bei näherer Untersuchung fest verschlossen fanden , und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräsidenten gehörte . Achtundsiebenzigstes Kapitel . Auf der Polizeidirektion . Während die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblüfft vor dem Gartenpavillon standen , befand sich der Flüchtling in demselben in Sicherheit . Er blieb dicht an der Thüre stehen , und hütete sich vor dem geringsten Geräusch , ja er bezwang so viel als möglich seine keuchende Brust , damit das Athemholen drüben nicht gehört würde . Ringsum war es stille , und er von seinen Verfolgern nur durch eine dünne Bretterwand geschieden ; er fühlte sich jetzt wie der Schiffer auf stürmischem Meer . Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem Verderben nie gewesen . Die Nervenaufregung , das Bewußtsein , handeln zu müssen , hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen , seine Lage zu übersehen - seine Lage , und vor Allem die seiner unglücklichen Schwester . Jetzt aber , wo sein Körper ermattet war , wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien , wo er trotzdem immer noch wie angefesselt stehen mußte , jagten seine Gedanken in tollen und wilden Bildern durch sein Gehirn . Und was sie ihm Schreckliches zeigten , das waren leider keine Gebilde der Phantasie , das war Alles wahr , nur zu wahr ! Sein mächtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehörte und Gesehene vor sich aus , er überlegte , verglich , verwarf und kam zu dem entsetzlichen Resultat , daß der Boden , auf dem er bisher gelebt , anfange unter seinen Füßen zu wanken , daß er auf schlüpfrigem Bergrande stehe , schon hinabgleitend , ohne daß sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt , eine rettende Stütze gezeigt hätte . -