sich ergeben , daß ich schon orientirt bin ; aber daß Sie im Thurme zu Plessen saßen , als ein Handwerksgesell , den die Bedienten des Geheimraths von Harder für einen Dieb erklärten ... Durchlaucht ? fragte Herr von Zeisel erstarrt und schlug sich vor den Kopf . Sie wirklich Der , Der ... den ... ? Herr von ... Ja , ja , Herr von Zeisel , ich ! Ich ! Aber ich habe mich überzeugt , Sie üben milde Justiz . Sie entlassen die Gefangenen wie Sie sie aufnehmen und geben ihnen nichts mit , als höchstens das Todesurtheil durch ein Nervenfieber , das man von seiner Alteration und der abscheulichen Hitze in dem eisernen Käfig davonträgt . Zeisel konnte sich nur allmälig fassen . Er war sprachlos . Er dachte : O Gott , warum hat deine Frau diesen Fall für die Schnur nicht vorausgesehen ! Du bist auf ein Verhör über Finanzreductionen gefaßt und sollst über ein exceptionelles Abenteuer Auskunft geben , bei dem du ohnehin noch die Rolle eines bequemen und willkürlichen Rechtsverschleuderers im alten spanischen Komödienstyle spielst ! Sagen Sie mir nun aber um ' s Himmelswillen , Prinz , fragte Dankmar , wie sind Sie frei gekommen ? Egon rückte einige Schritte zurück , ließ die Arme von Dankmar ' s Schulter , die er umschlungen hielt , sinken und sagte : Kein Wort weiter ! Ein undurchdringlicher Schleier falle über das Vergangene , wenn mein theurer Freund Dankmar Wildungen in diesem Ceremoniel fortfährt ! Wildungen , war denn Das nur ein Traum , daß ich einen herrlichen , lieben Menschen auf dem Heidekruge mit Schlurck reden hörte , auf der Landstraße und im Walde einen herablassenden Gefährten , einen treuen Tröster im Thurme , ein mitfühlendes Echo meiner Klagen fand , als ich mein Leben erzählte bis zu dem Augenblick , wo ich versprach , unter leuchtenden Blumen und Flammen einst von einer gewissen elften Stunde zu sprechen , wo mir ein theures Herz brach , ein unvergeßliches ... Nein , nein , Wildungen , das Wechselwort der Liebe , das ich dir damals anbot , bleibt ! Bleibt ? Nicht wahr ? Dankmar konnte zur Antwort auf diese liebenswürdige , herzliche Anrede nichts Anderes thun als gerührt schweigen und seine Hand in die Hand Egon ' s von Hohenberg , wie eines Bruders , legen . Schlagen Sie unsere Hände durch , Justizdirektor , rief Egon , zum Zeichen , daß sie ewig verbunden sind ! Sie haben mir diesen Freund gegeben , Sie milder Richter Sie ! Sagen Sie mir aber nun doch , warum ließen Sie mich plötzlich frei ? Kam ein höherer Gedanke über Sie oder ein Befehl ? Ich suchte , wie mir angegeben wurde , auf der Stelle das Weite und durfte nicht erst lange fragen , wem ich meine Rettung verdanke . Durchlaucht , sagte endlich Herr von Zeisel , die gute Laune des Fürsten benutzend und sich in dem Falle , auf den er sich jetzt erst besann , zurechtfindend . Durchlaucht , Sie verdanken sie - meiner Frau ! Bin ich das Schooßkind der Damen ! Ihrer Frau ? Das hängt so zusammen , Durchlaucht ! sagte Herr von Zeisel . Frau von Zeisel ist eine sehr charmante Person . Dreizehn Jahre macht sie das Glück meiner Ehe aus , aber wenn ich - wir sind unter uns - durch Geduld und Sanftmuth vielerlei kleine Mucken in ihrem lebhaften Temperamente überwunden habe , so steckt doch ein Übel unausrottbar in ihrem so höchst soliden Charakter : der Ehrgeiz , Durchlaucht . In wilder Überrumpelung zwang man mich , den eigenen Herrn und geliebten Erben , den Alle voll Sehnsucht erwarteten , in den Thurm zu werfen . Dies Versteckspiel des tollsten Zufalls , seh ' ich nun wohl , ist irgend einem bösen Kobolde , der uns zuweilen im Leben neckt , gelungen . Aber daß Sie frei wurden und Ihr Freund , der Herr da , wahrscheinlich vergebens die Leiter an das Thurmfenster stellte , die wir später fanden - Wildungen , ist es wahr ? Die Eisenstäbe hätten uns doch Mühe gemacht , sagte Dankmar , den Vogel aus seinem Käfig zu befreien . Daß es also leichter geschah , Herr Justizdirektor - War die Folge eines Ärgers meiner Frau , sagte Herr von Zeisel jovial . Meine Gattin ist eine geborene von Nutzholz-Dünkerke , seelengut , ein braves Weib , aber etwas reizbar im Punkte der Ehre . Zwei Nutzholz-Dünkerke ' s sind bereits aus Point d ' honneur im Duell gefallen . Mein gutes Weib fand sich etwas zurückgesetzt durch die Behandlung der Frau Justizräthin . Man lud sie an jenem verhängnißvollen Tage nicht mit der Förmlichkeit ein , die sie durch ihre Geburt gewohnt ist . Und als vollends Herr von Harder , der mit einem Nutzholz-Dünkerke in die Schule gegangen ist , sich auf dem Schlosse wie der König selbst gebehrdete , kaum einem Menschen das Unschuldigste , nämlich einen guten Tag gewährte , und an dem Tage , wo das beklagenswerthe Misverständniß mit Ew . Durchlaucht vorfiel , die einzige auf ' s Schloß geladene Hauptperson schien und allen andern Bekannten , die sonst der Frau Justizräthin gut genug waren , fast angedeutet wurde , sie möchten sich heute nicht auf ' s Schloß incommodiren , da stellte mir meine ahnungsvolle , aber höchst zornige Gattin vor , wie wenig begründet Ihre Gefangenschaft wäre und ... Bravo , Justizdirektor , rief Egon lachend , ce que veut une femme ... Ce que veut une femme , Durchlaucht ... Par dépit ... Par dépit ... um zu zeigen , daß wir nicht die Untergebenen der jetzigen Schloßbewohner sind und ... Die Nutzholz-Dünkerke ' s schon vor einem Jahrhunderte mehr galten als die Harder ' s ... Sie treffen es Durchlaucht ! Ha ! Ha ! Par dépit wurden Sie in Ermangelung triftiger Indicien freigelassen und nur bedeutet , augenblicklich das Fürstlich Hohenbergische Gebiet zu verlassen ! Ein Glück , daß Herr Pfannenstiel , mein Wächter , ein gutes Herz hatte und mich am Abend noch auf die Sägemühle führte , wo ich übernachtete . Von da wollt ' ich , obgleich ich mich krank , von der Hitze im Thurm erschöpft und übermüdet fühlte , mich über Schönau zu Fuß auf die Reise begeben , war aber so angegriffen , fühlte mich so elend , daß ich auf der Landstraße einen Bauer ansprach , der mit einem Soldaten an mir vorüberfuhr und übermüthig in seine starken Gäule hieb . Auf Fürbitte des Soldaten nahm mich der grobe Bauer , er hieß Sandrart , auf und hinten im Korbe des Wagens streckt ' ich mich müd ' und matt auf ein Bund Stroh neben den mit Eßwaaren überfüllten Kobern . Der Vater fuhr seinen zum Sergeanten beförderten Sohn selbst in die Residenz zurück , wo dieser bei der Garde steht . Gegen Abend kam ein Regen , der mich bis auf die Haut durchnäßte . Schon schlief ich in einer Herberge halb im Fieber . Mühsam schleppt ' ich mich am frühen Morgen wieder auf den Korbwagen und kam halb todt gegen Abend hier am Thore an . Ich stieg ab , dankte dem Bauer und seinem Sohn und schlich mich still in mein väterliches Haus . Das ganze Abenteuer schien misglückt und die Folge war , daß ich in ein elendes Nervenfieber verfiel , von dem ich erst seit einigen Tagen zum lichten Bewußtsein zurückgekehrt bin . Der Justizdirektor erschöpfte sich in Betheuerungen seines innigsten , freudigsten Antheils und fragte , ob man den Bauer Sandrart so glücklich machen könne , ihm zu sagen , wem er so hülfreich sich erwiesen hätte . Vielleicht besser , sagte Egon , der Grobe erfährt es nicht . Er hat mir wol zehnmal zugerufen , ich sollte seine Schinken und Eier unberührt lassen , auf die ich in der That keinen Appetit hatte ... Es ist einzig ! sagte Herr von Zeisel künstlich humoristisch . Diese Menschen ! Der Schornstein hängt ihnen voller Würste und Speck , das Geld lacht aus allen Truhen und grob , grob sind sie und so unterdrückerisch ... meine Frau sagte oft , so schlimm könnten die Nutzholz-Dünkerke ' s nicht im Mittelalter gehaust haben , wie sich solche reiche Freibauern gebehrden . Der Sohn ist ein charmanter Mensch ... Er wird das Geld seines Vaters unter die Grisetten bringen ... Es entspannen sich nun zwischen dem Justizdirektor und Egon einige nähere Verständigungen über Gegenwart und Zukunft des Fürstenthums Hohenberg . Wegen letzterer war Herr von Zeisel hier . Egon versprach in diesen Tagen ihm über Alles genauere Auskunft zu geben . Vorläufig wäre er umsomehr entschlossen , das väterliche Erbe wirklich anzutreten und trotz der großen Schuldenlast nichts zu veräußern , als er ja in dem amerikanischen Agronomen Ackermann einen so gerühmten und alles Vertrauens würdigen Verwalter gefunden hätte . Ja , wandte er sich zu Dankmar , jener Amerikaner , von dem du mir im Thurm erzählt hattest und dessen Namen ich auf meinem Krankenbett im größten Drang meines Elends wohlbehalten hatte , der erhielt auf sein Ersuchen die Verwaltung meiner Güter . Ich erfuhr diese angenehme Wendung leider zu spät , sagte Dankmar , und bedauerte , vor der schnellen Abreise des trefflichen Mannes und seines Sohnes nicht noch einmal ihn begrüßen zu können . Seines Sohnes ? fiel Herr von Zeisel ein und lächelte fein , sogar gereizt . Sie wissen also nicht , daß dieser allerdings sehr ehrenwerthe Ökonom , der mit großen Plänen und excentrischen Entwürfen seine Aufgabe angetreten hat , damit anfing , uns in Betreff seiner Umgebung Alle zu täuschen ? Täuschen ? Herr von Zeisel , Ackermann scheint mir zu Täuschungen nicht fähig zu sein , sagte Dankmar . Vergebung für den Ausdruck ! Sie schätzen diesen Mann nicht höher als ich selbst . Zwar sind die Meinungen über ihn getheilt . Die Mehrzahl hängt ihm gläubig und voll Verehrung an . Die Minderzahl , die wol an dem Fehler zu strenger Prüfung und ungläubiger Zweifelsucht leidet , fürchtet , sein leicht entzündetes Gemüth möchte zu sehr jenen Luftgebilden nachjagen , die wie Feuerwerke schön blenden , aber auch im Nu verprasseln ... Glauben Sie Das nicht , sagte Dankmar erregt . Aus wenigen Worten , die ich mit diesem Ökonomen wechselte , weiß ich , daß dieser Edle den Ernst des Lebens tief erfahren hat und nicht umsonst in Amerika die Schule der Selbstbestimmung seiner Schicksale durchmachte ... Ich wünsche nichts sehnlicher , sagte Herr von Zeisel mit einem furchtsamen Blicke auf Egon , als daß sich alle Versprechungen dieses Amerikaners erfüllen mögen ... Man muß ihm vor allen Dingen Zeit lassen und volle Freiheit gewähren , meinte Egon und sprach dies entschieden . Volle Freiheit ! Herr von Zeisel war geschlagen und schwieg . Aber die Täuschung , Herr Justizdirektor , welche wäre denn das ? fragte Egon . Das ist spaßhaft ! war Herrn von Zeisel ' s einlenkende Antwort . Wir Alle sahen Herrn Ackermann nach Plessen , Randhartingen , Schönau - im Ullagrunde auf Sandrart ' s neuer Anlage wird er wohnen - zurückkehren und besannen uns , daß man diesen Mann , als er früher sich beobachtend und wahrscheinlich den Boden und die Verhältnisse erkundschaftend daselbst aufgehalten , gesehen , wie er ein liebes Söhnlein bei sich führte , ein Bürschchen mit zierlichem Mützchen , Handschuhen und leichtem Röckchen . Dies Söhnchen hat er nicht mitgebracht , wohl aber ein Töchterlein ... Dankmar hörte gespannt zu und verwünschte Herrn von Zeisel ' s humoristisch feinsollende naive Darstellung . Und nicht etwa ein zweites Kind des Herrn Ackermann , sagte dieser , ist diese holde kleine Begleiterin , sondern ... Selmar wär ' es selbst ? unterbrach ihn Dankmar im wärmsten Antheil . Selmar ! so hieß die Kleine früher . Nun ist es eine Selma ! Entpuppt und umgekleidet ! Selma Ackermann , ein allerliebstes Wesen ! Sie thut viel , um die etwas rauhe und abstoßende Außenseite ihres Herrn Vaters zu mildern . Selma ! sprach Dankmar vor sich hin und verglich seine Erinnerungen an jene ihm so liebe Begegnung mit dem Eindrucke , den ihm jetzt diese Metamorphose machte . Hatte ihm schon der Knabe ein so großes Wohlgefallen , eine brüderliche Empfindung erregt , wie mußte sich seine Theilnahme für die nun verwandelte liebliche Erscheinung steigern , wenn er sich jener , ihm immer noch räthselhaften Mondnacht auf dem Heidekruge erinnerte , wo nicht etwa Ackermann als Traum , als ein Bild seiner erregten Phantasie vor ihm mit dem Portrait , das er küßte , erschien , sondern dieser wirklich das Portefeuille öffnete , wirklich eine Locke von seinem Haupte schnitt ... denn die Locke fehlte ihm ! Und wie er noch so saß , mit Theilnahme von Egon betrachtet , der an seinem Interesse selbst sich interessirte , fiel Dankmar ' s Blick jetzt eben auch auf das Pastellbild der Fürstin Amanda , das er , seitdem es ihm durch ein » Misverständniß « genommen war , nicht wiedergesehen hatte . Da stand das goldene Vließ seines abenteuerlichen Argonautenrückzuges ! Er gedachte der Medea-Melanie ! Da der Prinz ! Und Selmar Selma ! Der Erläuterungen des Justizdirektors über diese Metamorphose bedurfte es eigentlich nicht . Dieser erzählte etwas von der Nothwendigkeit , ein junges Mädchen auf einer so weiten Reise von Amerika über England nach Deutschland allein schützen zu sollen , von der raschen Gewöhnung an die neue Tracht , von den wunderbar schnell angenommenen Manieren des Knaben , von der Beruhigung , die der Vater gehabt hätte , mit seinem Kinde vor jeder Verlegenheit und Nachstellung in den Gasthäusern sicher zu sein , von seiner endlich aber doch nun eingesehenen Pflicht , daß das Kind seinem Geschlechte zurückgegeben werden müßte ... Für Dankmar waren alle diese Erläuterungen nicht nöthig . Er bedurfte keines Wortes , um zu fühlen , daß Ackermann sehr weise gehandelt hatte . Aber er bedurfte noch weniger einer Erläuterung , weil sein Gefühl ihm sagte : Selmar mußte sich dir so enthüllen ! Das war eine Aufklärung , die sich von selbst verstand ! Wie konnte Selmar etwas Anderes sein als Selma ! Als Egon des neuen Freundes innere Erregung bemerkte und den Blick beobachtete , den Dankmar voll getheilter Überraschung auf das plötzlich von ihm entdeckte Bild gerichtet hatte , ließ er es sich angelegen sein , durch irgend eine geschickte und nicht verletzende Wendung den Justizdirektor zu entfernen . Es gelang ihm mit aller Gewandtheit . Herr von Zeisel war glücklich , seinem jungen Patrone schon unter so abenteuerlichen Verhältnissen nützlich gewesen zu sein . Er bat , ob er denn diese merkwürdige Geschichte und die wahre Aufklärung der plötzlichen Erkrankung , Alles , Alles , was er in dieser gnädigen Audienz gehört hätte , der Welt erzählen dürfe .... Wenn Sie nicht fürchten , sagte Egon mit feiner Betonung , daß man Ihre Justizverwaltung ein wenig zu patriarchalisch nennen wird ! Durchlaucht , rief Herr von Zeisel und drückte Egon ' s Hand , die er lebhaft ergriff , mit komischem Enthusiasmus an die Brust , Durchlaucht , Sie mögen nun vom Justizrath Schlurck urtheilen was Sie wollen ! Dafür hab ' ich ihm gestern gedankt , daß er mich in die Komödie schickte , um mir seine Lieblingswahrheit von einem vortrefflichen Schauspieler sagen zu lassen : » Wenn man das Leben auch gar zu ernsthaft nimmt , was ist dann d ' ran ? « Amüsiren Sie sich noch ferner mit ihm ! sagte Egon übereinstimmend und begleitete den zutraulich sich Empfehlenden an die Thür ; ich denke , wir sprechen uns noch und Sie werden im besten Einverständniß mit meinen ferneren Verwaltungsmaximen nach Plessen zurückreisen ... Dies Wort war eigenthümlich , verfänglich fast ... Zeisel stockte ... Aber die Thür ging zu und er mußte diese Schlußworte unterwegs überlegen und so , wie sie gefallen waren , mit sich nehmen . Dankmar und Egon waren nun allein . Jener stand vor dem Bilde ... Ja , da ist es nun ! Und ich zittre vor seinem Inhalte , sagte Egon . Hat es auch nichts bis jetzt zu Tage gefördert als unsere Freundschaft , Wildungen , so wollen wir zufrieden sein . Noch einmal umarmte er den Freund . Dankmar drückte ihm die Hand und erzählte alle seine Bemühungen , des auffallend schweren Bildes habhaft zu werden , verschwieg aber Melanie und jeden Umstand , der in Egon Verdacht erwecken konnte . Rudhard , Siegbert , Louis und er hatten sich das Wort gegeben , um den Prinzen nicht wieder zu beunruhigen , von dem Schicksal dieses Gemäldes nichts zu erzählen , als daß es durch Dankmar auf dem Schlosse noch rechtzeitig gerettet worden wäre und daß Schlurck ohne alles Befremden die andern Familienbilder so freiwillig übergeben hätte . Er wußte auch , daß man auf den Fall einer Öffnung der Hinterwand einen Gegenstand dort finden konnte , der ihn vollkommen beruhigen durfte . Und das Geheimniß ? fragte er . Fand ich noch nicht ! Ich wagte nicht zu jäh mein Räthsel zu lösen . Ich gehöre zu den Menschen , die ihre empfangenen Briefe dreifach genießen , erst im Empfangen , zuletzt im Lesen , in der Mitte aber in einem längeren Liegenlassen und erst allmäligen Eröffnen . Dankmar nahm das Gemälde und wandte es von allen Seiten ohne auf das Glas zu drücken . Es enthält etwas , ich fühl ' es an der Schwere des Bildes ... sagte er . Er spielte die Rolle , die ihm die Sorgfalt der Freunde des Prinzen übertragen hatte . Er stellte sich neugierig , drückte , schüttelte , schob und klopfte an dem Bilde . Endlich - siehe da , es sprang auf ! Egon beklommen , mit der ganzen lastenden Schwere seiner Erinnerungen an die Mutter , an seine Erziehung , seine Jugend , griff erstaunt nach dem Inhalt . Hier am Glase lag der Pfiff , sagte Dankmar so treuherzig , als wär ' er selbst überrascht worden , zufällig streift mein Finger über diese Stelle , ich halte das Bild an ihr fest und es springt auf ... Egon langte aus der Kapsel ein Buch hervor . Es war schwarz eingebunden , mit in Gold gepreßtem Deckel und Rücken und mit Goldschnitt verziert . Er öffnete das Buch und las : Thomas a Kempis vier Bücher von der Nachfolge Christi ... Sechstes Capitel Welt und Zeit Gute Mutter , sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lächelns und wehmüthig gen Himmel blickend , ja in seiner bitter getäuschten Erwartung sich zu bekämpfen suchend ; gute Mutter , dieses Testamentes hätt ' es nicht bedurft , um mich in deine Nähe zu rufen ! Das heißt in der That um Christi Willen leiden und sterben ! Dies Bild hätte mich , wenn ich von der Krankheit nicht erstanden wäre , mein Leben kosten können . Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids über den getäuschten , von bösen Feinden betrogenen Prinzen ... Wir sind denn also , sagte er nach einer Weile ruhig , da wieder angelangt , Prinz , wo wir im Thurme standen ! Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht eingetreten . Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wol auch bei den alten Entschließungen bleiben müssen . Du fühlst dich stark durch dich selbst ! Laß die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft ! Da , wo wir im Thurme standen ! wiederholte Egon . Dann bin ich dir noch viel zu beichten schuldig . Ich ahne , was ich noch erfahren sollte , antwortete Dankmar ablehnend . Dein Leben ist nicht ohne Beobachtung geblieben . Solche Sterne , die einen leuchtenden Namen tragen , schon wenn sie auf die Welt ziehen , verbergen sich niemals ganz , auch wenn die dunkelsten Nebel über sie fallen . Worauf deutet diese Schmeichelei , Wildungen ? fragte Egon . Die Erwähnung eines Unglücks ist keine Schmeichelei . Und ein Unglück nenn ' ich , wenn ich so hoch stehe , daß ich mich nicht einmal mit meinen Thränen verbergen kann . Soll ich dir sagen , was ich Alles von dir weiß , ohne daß ich unter den Spiegeln deines Pavillons saß und dich um die elfte Stunde erzählen hörte ? Also die Welt erfindet über mich ? fragte Egon . Dankmar antwortete , er wolle hören , ob folgende Verhältnisse Erfindungen wären ? Und nun begann er genau und ausführlich zu erzählen , was sich in dem öffentlichen Gespräch über den Prinzen schon festgestellt hatte . Er erzählte ihm seine Geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz . Er nannte ihm Namen und Thatsachen , Louis Armand und Helene d ' Azimont , Alles , Alles , selbst daß Louison um die elfte Stunde gestorben war ... Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen . Als Dankmar geendet hatte , erwiderte Egon nichts . Es hatte ihn tief erschüttert , so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und er dankte dem neuen Freunde , daß er aufrichtig und wahr gewesen ... Da hab ' ich nichts an Thatsachen zu erzählen ! sagte er schmerzlich . Die Menschen kennen alle Blätter meines Lebens , was die Summarien anlangt . Die Capitel und die Überschriften sind richtig ... Die innere Verknüpfung aber , der Pragmatismus , ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im Buche des Lebens verzeichnet . Und doch fühlt die Welt deinen Pragmatismus nach , sagte Dankmar . Freilich Louis Armand ist und bleibt ein unverständliches Capitel Weil er schwieg , weil er an meinem Krankenlager stand ! Aber die d ' Azimont redete ! Die zeugte also schon für sich in der Sprache ihrer Thränen , in der Beredtsamkeit ihrer Litaneien . Dies Capitel versteht man ; denn aus Allem , was ich von dir gehört habe , entnehm ' ich die Darstellung der Salons , den blendenden Styl der sogenannten Rechtfertigungen ! Rechtfertigungen ! Die Thatsachen sind wahr , aber ihre Verknüpfung haben Frauenhände gestrickt . Mein Freund , sagte Dankmar in einem ernsten Tone , der ihm seit einiger Zeit zur andern Natur geworden war ; mein Freund , wenn der Mann liebt , verfällt er dem Urtheil Derer , denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist . Wir können über Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten , wie viel wir wollen ; die Frauen lassen sich ihr Urtheil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen Interesse , das sie alle verbindet . Ich habe diesem Urtheil nachgesprochen . Man bricht den Stab über dich und deinen Glauben und deine Irrthümer . Ganz so wie man urtheilt , gab ich dir den Bericht . Ich halte Das für das erste Erforderniß eines Freundes , der den Namen verdient . Und ich danke dir dafür , wie schmerzlich es mir auch ist , mich nicht der Welt nach meiner Auffassung zu zeigen . Das wirst du für die Zukunft in deiner Hand haben . Du bist nun hergestellt , die Welt erwartet dich ; ich sagte dir offen , wie der Boden aussieht , auf den du trittst . Dies sind die Thatsachen , die man von deinem früheren Leben glaubt bestätigt zu finden . Willst du sie wahrmachen ? Willst du sie gelten lassen oder verändern ? Das steht in deiner Macht . Was urtheilt man über die d ' Azimont ? fragte Egon und stützte den Kopf auf und blätterte in dem Thomas a Kempis mit einer Resignation , als erschien ' er sich bestimmt , nur zu leiden und sich zu täuschen . Man findet sie so liebenswürdig , antwortete Dankmar , daß alle Welt wünscht , sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer Verhältniß würde ein legitimes . Wünscht man Das wirklich ? sagte Egon lächelnd . Noch mehr ! Man fürchtet , daß Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich in Richtungen treiben wird , die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im grellsten Widerspruche stehen . Fürchtet man Das ? Wünschen ! Fürchten ! Ich habe Männer von hoher Stellung folgendermaßen reden hören : Dieser Prinz Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und sich ohne Zweifel an der Lösung unserer Wirren betheiligen . Schlimm , wenn er sie vielleicht noch vermehren sollte ! Es fehlte uns nur noch , daß ein so hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen , mit diesen glorreichen Familienerinnerungen , nachdem schon einige junge Adlige und Fürsten uns Verwirrung genug gebracht haben , in Deutschland als Communist auftritt ! Entsinnst du dich denn nicht unserer Gespräche auf der Reise ? warf Egon hin . Die Gräfin d ' Azimont , fuhr Dankmar nichtachtend fort , wird für deinen guten Genius gehalten . Man hebt hervor , daß sie eine Aristokratin auch der Gesinnung nach ist . So sehr Eure Beziehung gegen die Grundsätze verstößt , die jetzt in unserer Gesellschaft vertreten werden , so wird man sie doch dulden , anerkennen und ihr Ziel , die eheliche Vereinigung , befördern , wenn sie es durchführt , dich von deinen französischen Bahnen zu trennen . Man nennt dich schon ehrgeizig : man behauptet , du strebtest nach Popularität . Man fürchtet , du würdest durch Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren , die so schon an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr rüttelt und ihn dem Sturze näher gebracht hat , als es äußerlich beobachtet werden kann . Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig , so maßvoll , so bei aller Strenge duldsam , daß Egon statt der Antwort auf diese Thatsachen selbst sich nur an Den hielt , der sie ihm mittheilte . Ich bewundere ... sagte er und stockte . Was ? fragte Dankmar . Nichts , als dich , dich selbst , Wildungen ! Wie verschmitzt du bist ! Wie fein zugespitzt du das Alles vorträgst ! Man glaubt einen König der Salons zu hören oder einen Diplomaten . Statt dieses etwas zweideutigen Lobes , antwortete Dankmar lächelnd , möcht ' ich lieber hören , was wol Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur fraubasenhaften Befürchtungen thun wird ? Vor allen Dingen , mein Freund , sagte Egon , werd ' ich mich inniger und wärmer denn je an meine Lieben anschließen . Ich habe einen neuen mir ebenbürtigen Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz ' ich etwas , was du mir nicht einmal sein kannst . Ich bin hier so gut wie fremd . Meine Angelegenheiten treff ' in der größten Unordnung . Ackermann erstrebt das Beste , aber ich kenne die Chimärensucht der neuen theoretischen Ökonomen aus meinen englischen Studien . Nur die großen englischen Grundbesitzer sind im Stande , von der alten überlieferten Weise , die Erde zu bebauen , manchmal abzuweichen und mit Maschinen Versuche anzustellen . Das Zehnte bewährt sich nicht . Die Einigkeit zwischen Ackermann und Herrn von Zeisel , dem nominellen Verwalter des Ganzen , so zu sagen das alte Ministerium , scheint nicht die größte zu sein . Schlurck , mir längst verhaßt , ist abgeschüttelt , aber er hielt die Ansprüche der Gläubiger meines Vaters zurück : ich fürchte , sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je werden . In dieser schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigennützige , zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung , wie die meines Louis , Goldes werth , denn der gute Mensch ist ohne Ansprüche und fügt sich in jede Rolle und wäre es die des Lakaien . Ich kann ihn nicht entbehren , Wildungen . Ich theile seine communistischen Grundsätze nicht , aber ich ehre viele seiner Principien und werde für sie insoweit zu wirken streben , als ich , wie ich dir schon auf unserer Reise sagte , für eine größere Heilighaltung der Arbeit bin . Wenn ich den Prinzen kenne , hab ' ich oft den Leuten gesagt , so ist er ein Aristokrat , wie Ihr es nur selber seid ! ... Dankmar warf diese Bemerkung leicht , doch nicht ohne einen forschenden Blick hin . Ich bin kein Aristokrat ! wallte Egon fast vorwurfsvoll auf . Ich will , daß Gedanken herrschen , nicht Überlieferungen . Die Politik , wie sie in Frankreich getrieben wird , gefällt mir nicht im mindesten . Aber auch die deutsche ist mir verhaßt , die zumal , die hier bisher das Ruder führte . Säß ' ich in einer Kammer , ich würde , wie jetzt die Dinge stehen , zur Opposition gehören . Vergib mir , sagte Dankmar , als er bemerkte , daß Egon zu lebhaft wurde und sich über sein Antlitz eine plötzliche Röthe zog ; vergib mir , daß ich die Schonung des erst Genesenden vergessen habe . Diese Dinge sind wichtig , aber aufregend . Doch nicht ! Doch nicht , Wildungen ! sagte Egon und bat nur den Freund , ihm zu gestatten , daß er sich auf ein Kanapé streckte . Er forderte ihn auf zu rauchen . Er bot ihm türkische Cigarren an und erstaunte selbst , daß Louis Armand Alles so hergerichtet hatte , wie er es zu seinem nächsten Bedürfniß stündlich nur wünschen konnte . Wie sieht es denn in der Welt aus ? sagte er . Sind die Kammern zusammengetreten ? Steht das Ministerium noch ? Es wird , sagte Dankmar , die Cigarre ablehnend , mit den Kammern fallen , die sich eben versammeln . Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajorität . Dies regiert vierzehn Tage . Dann kommen einige Forderungen , die die Krone stellen wird . Das Ministerium wagt sie nicht an die Kammer zu bringen und dankt theilweise ab . Einige , die mehr Muth haben , bleiben und verstärken sich durch Offiziere , Chefpräsidenten , Bankiers ... Man wird dies Ministerium das Ministerium der Thaten nennen . Man fordert jetzt , was die