eine Geschichte seiner Äbte . 2. Die Äbte von Lehnin 2. Die Äbte von Lehnin Heut sind es grade hundert Jahr , Seit er gelegen auf der Bahr Mit seinem Kreuz und Silberstabe . Die ewige Lamp ' an seinem Grabe Hat heute hundert Jahr gebrannt . * Hier war zu Hause kluger Rat , Hier hat der mächtige Prälat Des Hauses Chronik einst geschrieben . Annette Droste-Hülshoff Eh ' wir dazu übergehen , von den einzelnen leitenden Persönlichkeiten des Klosters , soweit dieselben überhaupt eine Geschichte haben , eingehender zu sprechen , mögen hier einige vorgängige Bemerkungen über die Lehniner Äbte überhaupt eine Stelle finden . Wenn dabei einzelne Dinge von mehr oder weniger allgemeinem Charakter mit aufgeführt werden sollten , Dinge , die nicht bloß in Lehnin , sondern überall innerhalb der klösterlichen Welt ihre Gültigkeit hatten , so wolle man dabei in Erwägung ziehen , daß wir eben noch , im Verlauf unserer » Wanderungen « , verschiedene andere Klöster zu besprechen haben werden , und daß das Allgemeingültige in betreff derselben doch an irgendeiner Stelle wenigstens andeutungsweise gesagt werden muß . Die Äbte von Lehnin standen an der Spitze ihres » Klosterkonvents « , d.h. ihrer Mönchsbrüderschaft , aus der sie , sobald die Vakanz eintrat , durch freie Wahl hervorgingen . Ihnen zur Seite oder unter ihnen standen der Prior , der Subprior , ein Präzeptor , ein Senior und ein Cellerarius ( Kellermeister ) , der , wie es scheint , im Lehniner Kloster die Stelle des bursarius ( Schatzmeister ) vertrat . Daran schlossen sich zwanzig bis dreißig fratres , teils Mönche , teils Novizen , teils Laienbrüder . Die Tracht der Mönche war die übliche der Zisterziensermönche : weißes Kleid und schwarzes Skapulier . Das Ansehen und die Gewalt des Abtes waren außerhalb und innerhalb des Klosters von großem Belang . 1450 wurde den Äbten zu Lehnin vom Papste der bischöfliche Ornat zugestanden . Seitdem trugen sie bei feierlichen Gelegenheiten die bischöfliche Mitra , das Pallium und den Krummstab . Auf den Landtagen saßen sie auf der ersten Bank , unmittelbar nach den Bischöfen von Brandenburg und Havelberg . Innerhalb des Klosters war der Abt selbstverständlich der oberste Leiter des Ganzen , kirchlich wie weltlich . Er sah auf strenge Ordnung in dem täglichen Leben und Wandel der Mönche , er beaufsichtigte den Gottesdienst , er kontrollierte die Verwaltung des Klosters , des Vermögens , der Einkünfte desselben , er vertrat das Kloster geistlichen und weltlichen Mächten gegenüber . Er regierte . Aber diese Regierung war weit ab davon , eine absolute , verantwortungslose Herrschaft zu sein . Wie er über dem Konvente stand , so stand doch auch der Konvent wieder über ihm , und Klagen über den Abt , wenn sie von Draußenstehenden erhoben wurden , kamen vor den Konvent und wurden von diesem entschieden . Waren die zu erhebenden Klagen jedoch Klagen des Konventes selbst , so konnte letzterer freilich in seiner eigenen Angelegenheit nicht Recht sprechen , und ein anderes Tribunal hatte zu entscheiden . Dies Tribunal , der Fälle zu geschweigen , wo es der Landesherr war , war entweder das Mutterkloster , oder das große Kapitel in Cîteaux , oder der Magdeburger Erzbischof oder endlich der Papst . Solche Auflehnungen und infolge derselben solche Appellationen an die obere Instanz zählten keineswegs zu den Seltenheiten , wiewohl die Lehniner Verhältnisse , in vielleicht etwas zu optimistischer Auffassung , im allgemeinen als mustergültige geschildert werden . Der Abt Arnold , von dem wir später ausführlicher hören werden , wurde infolge solcher Auflehnung abgesetzt . Dieser Abt-Arnold-Fall , der durch Beauftragte des Generalkapitels in Cîteaux untersucht und entschieden wurde , führt zu der nicht uninteressanten Frage : ob solche Beziehungen zu Cîteaux , zu dem eigentlichen , ersten und ältesten Ausgangspunkt aller Zisterzienserklöster , etwas Regelmäßiges , oder nur etwas Ausnahmsweises waren ? Die Ordensregel , die Charta caritatis , das Gesetzbuch der Zisterzienser schrieb allerdings vor , daß einmal im Jahre alle Zisterzienser Äbte in Cîteaux zusammenkommen und beraten sollten , aber diese Anordnung stammte noch aus einer Zeit , wo die räumliche Ausdehnung , die expansive Kraft des Ordens , die halb Europa umfaßte , ebensowenig mit Bestimmtheit vorauszusehen war , wie sein intensives Wachstum bis zur Höhe von zweitausend Klöstern . Zu welcher Versammlung , bei nur annähernd regelmäßiger und allgemeiner Beschickung , wäre ein solches Generalkapitel notwendig angewachsen ! Freilich die Hindernisse , die die bloß räumliche Entfernung schuf , müssen wir uns hüten zu überschätzen . Die Kaiserfahrten , die Kreuzzüge , die Pilgerreisen nach Rom und dem Heiligen Grabe zeigen uns genugsam , daß man damals , sobald nur ein rechter Wille da war , vor den Schrecken und Hindernissen , die der Raum als solcher schafft , nicht erschrak ; aber Cîteaux selbst , ganz abgesehen von allen andern leichter oder schwerer zu überwindenden Schwierigkeiten , hätte solche allgemeine Beschickung kaum bewältigen können , wie groß wir auch die bauliche Anlage einerseits , und wie klein und bescheiden die Ansprüche der eintreffenden Äbte andererseits annehmen mögen . Wir treffen wohl das Richtige , wenn wir die Ansicht aussprechen , daß regelmäßige Beschickungen des Generalkapitels nicht stattfanden , anderweitige Beziehungen aber , wenn auch nicht immer , so doch vielfach unterhalten wurden . Mehrere Urkunden tun solcher Beziehungen direkt Erwähnung , und auch anderes spricht dafür , daß unser märkisches Kloster in Cîteaux einen guten Klang hatte und mit Vorliebe am Bande auszeichnender Abhängigkeit geführt wurde . Schon die Lage Lehnins , an der Grenze aller Kultur , kam ihm zustatten . Die näher an Cîteaux gelegenen Klöster waren Klöster wie andere mehr ; während allen denjenigen eine gesteigerte Bedeutung beiwohnen mußte , die , als vorgeschobenste Posten , in die kaum bekehrte slawisch-heidnische Welt hineinragten . Ist doch der polnische Zweig immer ein Liebling der römischen Kirche geblieben . Die Analogien ergeben sich von selbst . Die Lehniner Äbte hatten Bischofsrang , und sie wohnten und lebten demgemäß . Das Lehniner Abthaus , das , an der Westfront der Kirche gelegen , bis diesen Augenblick steht , zeigt zwar keine großen Verhältnisse , aber dies darf uns nicht zu falschen Schlüssen verleiten . Es war überhaupt keine Zeit der großen Häuser . Außerdem hatten die Lehniner Äbte , ebenso wie die Bischöfe von Havelberg und Lebus , ihr » Stadthaus « in Berlin , und es scheint , daß dies letztere von größeren Verhältnissen war . Ursprünglich stand es an einer jetzt schwer zu bestimmenden Stelle der Schloßfreiheit , höchst wahrscheinlich da , wo sich jetzt das große Schlütersche Schloßportal erhebt ; der Schloßbau unter Kurfürst Friedrich dem Eisernen aber führte zu einer tauschweisen Ablösung dieses Besitzes , und das Stadthaus für die Lehniner Äbte ward in die Heiligegeiststraße verlegt ( jetzt 10 und 11 , wo die kleine Burgstraße torartig in die Heiligegeiststraße einmündet ) . Das Haus markiert sich noch jetzt als ein alter Bau . Länger als viertehalb hundert Jahre gab es Äbte von Lehnin , und wir können ihre Namen mit Hilfe zahlreicher Urkunden auf und ab verfolgen . Dennoch hält es schwer , die Zahl der Äbte , die Lehnin von 1180 bis 1542 hatte , mit voller Bestimmtheit festzustellen . Durch Jahrzehnte hin begegnen wir vielfach ein und demselben Namen , und die Frage entsteht , haben wir es hier mit ein und demselben Abt , der zufällig sehr alt wurde , oder mit einer ganzen Reihe von Äbten zu tun , die zufällig denselben Namen führten und durch I. , II. , III. füglich hätten unterschieden werden sollen . Das letztere ist zwar in den meisten Fällen nicht wahrscheinlich , aber doch immerhin möglich , und so bleiben Unsicherheiten . Nehmen wir indes das Wahrscheinliche als Norm , so ergeben sich für einen Zeitraum von dreihundertzweiundsechzig Jahren dreißig Äbte , wonach also jeder einzelne zwölf Jahre regiert haben würde , was eine sehr glaubliche Durchschnittszahl darstellt . Von allen dreißig hat es kein einziger zu einer in Staat oder Kirche glänzend hervorragenden Stellung gebracht ; nur Mönch Kagelwit , der aber nie Abt von Lehnin war , wurde später Erzbischof von Magdeburg . Einige indessen haben wenigstens an der Geschiche unseres Landes , oft freilich mehr passiv als aktiv , teilgenommen , und bei diesen , wie auch beim , Abte Arnold , dessen privates Schicksal uns ein gewisses Interesse einflößt , werden wir in nachstehendem länger oder kürzer zu verweilen haben . Wir beginnen mit Johann Sibold , dem ersten Abt , von etwa 1180 – 1190 . Abt Sibold von 1180 bis 1190 Abt Sibold oder Siboldus war der erste Abt von Lehnin , und in derselben Weise , wie der älteste Teil des Klosters am besten erhalten geblieben ist , so wird auch von dem ersten und ältesten Abt desselben am meisten und am eingehendsten erzählt . Die Erinnerung an ihn lebt noch im Volke fort . Freilich gehören alle diese Erinnerungen der Sage und Legende an . Historisch verbürgt ist wenig oder nichts . Aber ob Sage oder Geschichte darf gleichgültig für uns sein , die wir der einen so gerne nachforschen wie der andern . Abt Sibold , so erzählen sich die Lehniner bis diesen Tag , wurde von den umwohnenden Wenden erschlagen , und im Einklange damit lesen wir auf einem alten , halb verwitterten Bilde im Querschiff der Kirche : » Seboldus , primus abbas in Lenyn , a Slavica gente occisus . « Abt Sibold wurde also erschlagen . Gewiß eine sehr ernsthafte Sache . Die Geschichte seines Todes indessen wiederzugeben ist nicht ohne eigentümliche Schwierigkeiten , da sich , neben dem Ernsten und Tragischen , auch Tragikomisches und selbst Zweideutiges mit hineinmischt . Und doch ist über diese bedenklichen Partien nicht hinwegzukommen ; sie gehören mit dazu . Es sei also gewagt . Abt Sibold und seine Mönche gingen oft über Land , um in den umliegenden Dörfern zu predigen und die wendischen Fischerleute , die zäh und störrisch an ihren alten Götzen festhielten , zum Christentum zu bekehren . Einstmals , in Begleitung eines einzigen Klosterbruders , hatte Abt Sibold in dem Klosterdorfe Prützke gepredigt , und über Mittag , bei schwerer Hitze heimkehrend , beschlossen Abt und Mönch , in dem nahe beim Kloster gelegenen Dorfe Nahmitz zu rasten , das sie eben matt und müde passierten . Der Abt trat in eines der ärmlichen Häuser ein ; die Scheu aber , die hier sein Erscheinen einflößte , machte , daß alles auseinanderstob ; die Kinder versteckten sich in Küche und Kammer , während die Frau , die ihren Mann samt den andern Fischern am See beschäftigt wußte , ängstlich unter den Backtrog kroch , der nach damaliger Sitte nichts als ein ausgehöhlter Eichenstamm war . Abt Sibold , nichts Arges ahnend , setzte sich auf den umgestülpten Trog , die Kinder aber , nachdem sie aus ihren Schlupfwinkeln allmählich hervorgekommen waren , liefen jetzt an den See und riefen dem Vater und den übrigen Fischersleuten zu : » Der Abt ist da « , zugleich erzählend , in welch eigentümlicher Situation sie die Mutter und den Abt verlassen hatten . Die versammelten Fischersleute gaben dieser Erzählung die schlimmste Deutung , und der bittre Groll , den das Wendentum gegen die deutschen Eindringlinge unterhielt , brach jetzt in lichte Flammen aus . Mit wildem Geschrei stürzten alle ins Dorf , umstellten das Haus und drangen auf den Abt ein , der sich , als er wahrnahm , daß ihm dieser Angriff gelte , samt seinem Begleiter durch die Flucht zu retten suchte . Der nahe Wald bot vorläufig Schutz , aber die verfolgenden Dörfler waren ausdauernder als der ältliche und wohlbeleibte Abt , der es endlich vorzog , einen Baum zu erklettern , um , gedeckt durch das dichte Laubgebüsch desselben , seinen Verfolgern zu entgehen . Der Mönchsbruder eilte inzwischen vorauf , um Hilfe aus dem Kloster herbeizuholen . Abt Sibold schien gerettet , aber ein Schlüsselbund , das er beim Erklettern des Baumes verloren hatte , verriet sein Versteck und brachte ihn ins Verderben . Wohl kamen endlich die Mönche und beschworen den tobenden Volkshaufen , von seinem Vorhaben abzulassen . Der Säckelmeister bot Geld , der Abt selbst , aus seinem Versteck heraus , versprach ihnen Erlaß des Zehnten , dazu Feld und Heide , – aber die wilden Burschen bestanden auf ihrer Rache . Sie hieben , da der Abt sich weigerte herabzusteigen , die Eiche um und erschlugen endlich den am Boden Liegenden . Die Mönche , die den Mord nicht hindern konnten , kehrten unter Mißhandlungen von seiten der Fischersleute in ihr Kloster zurück und standen bereits auf dem Punkte , wenige Tage später die Mauern desselben auf immer zu verlassen , als ihnen , so erzählt die Sage , die Jungfrau Maria erschien und ihnen zurief : Redeatis ! Nihil deerit vobis ( Kehret zurück ; es soll euch an nichts fehlen ) , Worte , die allen ein neues Gottvertrauen einflößten und sie zu mutigem Ausharren vermochten . So die Tradition , von der ich bekenne , daß ich ihr anfangs mißtraute . Sie schien mir nicht den Charakter des zwölften Jahrhunderts zu tragen , in welchem das Mönchstum , gehoben und miterfüllt von den großen Ideen jener Zeit , auch seinerseits ideeller , geheilter , reiner dastand als zu irgendeiner anderen Epoche kirchlichen Lebens . Auch jetzt noch setze ich Zweifel in die volle Echtheit und Glaubwürdigkeit der Überlieferung und neige mich mehr der Ansicht zu , daß wir es hier mit einer im Laufe der Zeit , je nach dem Bedürfnis der Erzähler und Hörer , mannigfach gemodelten Sage zu tun haben , der , namentlich im fünfzehnten Jahrhundert , wo der Verfall des Mönchstums längst begonnen hatte , ein Liebesabenteuer oder doch der Verdacht eines solchen , statt des ursprünglichen Motivs , nämlich des Rassenhasses , untergeschoben wurde . So weit meine Zweifel . Auf der andern Seite deutet freilich ( von der Backtrogepisode und andern nebensächlichen Zügen abgesehen ) alles auf ein Faktum hin , daß in seinem ganzen äußerlichen Verlauf , durch fast siebenhundert Jahre , mit großer Treue überliefert worden ist . Eine Menge kleiner Züge vereinigen sich , um es mindestens höchst glaubhaft zu machen , daß Siboldus der erste Abt war , daß er wirklich von den Wenden erschlagen wurde , daß sein Eintritt in ein Nahmitzer Fischerhaus das Signal zum Aufstande gab , und daß er , auf der Flucht einen Baum erkletternd , auf diesem Baume sein Versteck und endlich unter demselben seinen Tod fand . Die Überlieferungen nun , die sich sämtlich auf diese Punkte hin vereinigen , sind folgende : Im Querschiff der Lehniner Kirche hängt bis diesen Tag ein altes Bild von etwa drei Fuß Höhe und fünf Fuß Länge , auf dem wir in zwei Längsschichten unten die Ermordung des Abtes , oben den Auszug der Mönche und die Erscheinung der Jungfrau Maria dargestellt finden . Vor dem Munde der Maria schwebt der bekannte weiße Zettel , auf dem wir die schon oben zitierten Worte lesen : Redeatis , nihil deerit vobis . Rechts in der Ecke des Bildes bemerken wir eine zweite lateinische , längere Inschrift , die da lautet : Anno milleno centeno bis minus uno sub patre Roberto cepit Cistercius ordo . Annus millenus centenus et octuagenus quando fuit Christi , Lenyn , fundata fuisti sub patre Siboldo , quam Marchio contulit Otto Brandenburgensis ; aprilis erat quoque mensis . Hic iacet ille bonus marchravius Otto , patronus istius ecclesiae . Sit , precor , in requie ! Hic iacet occisus prior abbas , cui paradisus iure patet , Slavica quem stravit gens inimica . Zu deutsch etwa : Im Jahre 1098 begann , unter dem Pater Robert , der Zisterzienserorden . Als das Jahr Christi 1180 war , bist du , Lehnin , gegründet worden unter dem Pater Siboldus , welches der Markgraf Otto von Brandenburg dotiert hat , es war auch der Monat April . Hier ruhet jener gute Markgraf Otto , der Schützer dieser Kirche . Er möge in Frieden schlafen . Hier ruht auch der erste gemordete Abt , dem das Paradies mit Recht offensteht , den das feindselig gesinnte Slawenvolk ermordet hat . Diese Inschrift ist die Hauptsache , besonders durch die Form ihrer Buchstaben . Das Bild selbst nämlich ist eine Pinselei , wie sie von ungeschickten Händen in jedem Jahrhundert ( auch jetzt noch ) gemalt werden kann , die Inschrift aber gehört einem ganz bestimmten Jahrhundert an . Der Form der Buchstaben nach ist das Bild zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts gemalt , und so ersehen wir denn mit ziemlicher Gewißheit aus diesem Bilde , wie man sich etwa um das Jahr 1400 , oder wenig später , im Kloster selbst die Ermordung des Abtes Sibold vorstellte . Zweihundert Jahre nach seinem Tode konnte diese Tradition , zumal bei den Mönchen selbst , durchaus noch lebendig und zuverlässig sein . Die Sagen unterstützen den Inhalt dieses Bildes bis diesen Tag . Ich sprach eingangs schon von einem Stücklein Poesie , das mit dem Tode des Abtes verknüpft sei , und diese poetische Seite ist wirklich da . Aber sie zeigt sich viel mehr in den gespenstigen Folgen der Untat , als in dieser selbst . In dem mehrgenannten Dorfe Nahmitz bezeichnet die Überlieferung auch heute noch das Gehöft , in das damals der Abt eintrat . Das Haus selbst hat natürlich längst einem anderen Platz gemacht , doch ist ein Unsegen an der Stelle haftengeblieben . Die Besitzer wechseln , und mit ihnen wechselt die Gestalt des Mißgeschicks . Aber das Mißgeschick selber bleibt . Das Feuer verzehrt die vollen Scheunen , böse Leidenschaften nehmen den Frieden , oder der Tod nimmt das liebste Kind . So wechseln die Geschicke des Hauses . Jetzt ist Siechtum heimisch darin . Die Menschen trocknen aus , und blut- und farblos , jeder Freude bar , gehen sie matt und müde ihrer Arbeit nach . Und wie die Tradition im Dorfe Nahmitz das Haus bezeichnet , so bezeichnet sie auch in dem schönen Eichenwalde zwischen Nahmitz und Lehnin die Stelle , wo der Baum stand , unter dem die Untat geschah . Der Stumpf war jahrhundertelang zu sehen ; daneben lag der abgehauene Stamm , über den keine Verwesung kam und den niemand berühren mochte , weder der Förster , noch die ärmsten Dorfleute , die Reisig im Walde suchten . Der Baum lag da wie ein herrenloses Eigentum , sicher durch die Scheu , die er einflößte . Erst im vorigen Jahrhundert kam ein Müller , der lud den Stamm auf und sagte zu den Umstehenden : » Wind und Teufel mahlen gut . « Aus dem Stamm aber ließ er eine neue Mühlenwelle machen und setzte die vier Flügel daran . Es schien auch alles nach Wunsch gehen zu sollen , und die Mühle drehte sich lustig im Winde , aber der Wind wurde immer stärker , und in der Nacht , als der Müller fest schlief , schlugen plötzlich die hellen Flammen auf . Die Mühlwelle , in immer rascherem Drehen , hatte Feuer an sich selber gelegt , und alles brannte nieder . » Wind und Teufel mahlen gut « , raunten sich anderen Tags die Leute zu . Abt Hermann von 1335 bis 1342 Abt Sibold wurde etwa um 1190 oder etwas später von den umwohnenden Wenden ermordet . Die Urkunden erwähnen dieses Mordes nicht , wie denn überhaupt die ziemlich zahlreichen Pergamente aus der askanischen Epoche lediglich Schenkungsurkunden sind . Es vergehen beinah anderthalbhundert Jahre , bevor wieder ein Lehniner Abt mit mehr als seinem bloßen Namen vor uns hintritt . Dieser Abt ist Hermann von Pritzwalk . Zwei Urkunden von 1335 und 1337 erwähnen seiner ; erst eine dritte indes , vom Jahre 1339 , gibt uns ein bestimmtes Bild des Mannes , freilich kein schmeichelhaftes . Wie weit wir dieser Schilderung zu trauen haben , das wollen wir nach Mitteilung des Hauptinhaltes der Urkunde , die sich als ein Erlaß des Papstes Benedikts XII. an die Äbte von Kolbatz , Stolp und Neukampen gibt , festzustellen suchen . Dieser Urkunde nach , die also nichts anders ist , als ein päpstliches Schreiben ( Breve ) , erschien der Mönch Dietrich von Ruppin , ein Mitglied des Lehniner Klosters , im Jahre 1339 vor Papst Benedikt XII. in Avignon und teilte demselben in Gegenwart des Konsistoriums mit , daß durch » Anschürung des alten Feindes des Menschengeschlechts « seit etwa fünfzehn Jahren im Kloster Lehnin eine Trennung und Scheidung der Mönche stattgefunden habe , dergestalt , daß die mächtigere Partei , die sich die Loburgsche nenne , einen Terrorismus gegen die schwächere übe und dieselbe weder zu Wort , noch am wenigsten zu ihrem Rechte kommen lasse . An der Spitze dieser stärkeren Partei ( der Loburgschen ) hätten , bei Bildung derselben , die drei Mönche Theodorich von Harstorp , Nikolaus von Lützow und Hermann von Pritzwalk gestanden , die denn auch , durch ihre und ihrer Partei Übergriffe und Machinationen , ohne den kanonisch festgestellten Wahlmodus irgendwie innezuhalten , sich nacheinander zu Äbten des Klosters aufgeworfen hätten . Unter der Regierung dieser drei Eindringlingsäbte seien alsdann , von den Anhängern der Loburgschen Partei , sowohl innerhalb wie außerhalb des Klosters , die größten Verbrechen begangen worden . So sei unter andern ein Adliger aus der Nachbarschaft , mit Namen Falko , der zur Zeit des Abtes Nikolaus von Lützow im Kloster ein Nachtlager bezogen habe , von verschiedenen Laienbrüdern des Klosters , darunter namentlich der Anhang des damaligen Mönches , jetzigen Abtes Hermann , überfallen und samt seiner Begleitung ermordet worden . Als am andern Morgen das Gerücht von diesem Morde die Klosterzellen erreicht habe , sei Hermann ( genannt von Pritzwalk ) mit sei nem Anhang an den Ort der Tat geeilt , und habe denn auch den Ritter Falko , sowie drei seiner Begleiter bereits erschlagen , zwei andere Dienstmannen aber schwer verwundet , im Bettstroh versteckt , vorgefunden . Mönch Hermann habe nunmehr Befehl gegeben , auch diese Verwundeten zu töten . Die Waffen Falkos aber habe er als Beute an sich genommen und späterhin vielfach gebraucht . Dieser Mord , so heißt es in der Urkunde weiter , habe alsbald eine mehr als zehnjährige Fehde hervorgerufen , in der durch die Anhänger des Ritters Falko nicht nur drei Laienbrüder und viele Knechte und Schutzbefohlene des Klosters getötet , sondern auch die Güter desselben durch Raub , Brand und Plünderei verwüstet worden seien , so daß man den Schaden auf über 60000 Goldgulden geschätzt habe . Während dieser Fehden und Kriegszüge hätten die Mönche zu Schutz und Trutz beständig Waffen geführt , so daß sie , ganz gegen die Ordensregel , im Schlafsaal und Refektorium immer gewaffnet erschienen wären . An den Kämpfen selbst hätten viele der Fratres teilgenommen , andere , namentlich von den Laienbrüdern , hätten das Kloster verlassen und ein anderes Obdach gesucht . Auch von den Hintersassen des Klosters seien Mord und Brand und Untaten aller Art verübt worden , als deren moralische Urheber das umwohnende Volk längst gewohnt sei , die Klosterbrüder anzusehen , weshalb denn auch all die Zeit über der Notschrei zugenommen habe , daß die Lehninschen Mönche vertrieben und durch Ordensbrüder von besserem Lebenswandel ersetzt werden möchten . Bei Gelegenheit dieser Fehden und Kämpfe seien übrigens die beweglichen und unbeweglichen Güter des Klosters vielfach veräußert und verpfändet worden . Die Urkunde berichtet ferner , daß ein Laienbruder , der bei der Ermordung Falkos mit zugegen war und hinterher den Mut hatte auszusprechen , » daß dieser Mord auf Befehl des Abtes und seiner Partei stattgefunden « , ins Gefängnis geworfen und innerhalb zehn Tagen von den Mönchen der Loburgschen Partei ermordet worden sei . Das päpstliche Schreiben meldet endlich , daß , nach den Aussagen Dietrichs von Ruppin , der an der Ermordung Falkos und der Seinen vorzugsweise beteiligte Mönch Hermann jetzt Abt des Klosters sei , wobei die herrschende Mönchspartei von dem vorgeschriebenen Wahlmodus abermals Umgang genommen und die gesetzlich geregelte Einführung unterlassen habe . Abt Hermann , dessen Wahl jeder Gesetzlichkeit und Gültigkeit entbehre , habe , wie sein Vorgänger , das Vermögen des Klosters verschleudert , die Ordensregeln mißachtet und ein dissolutes Leben geführt , und als besagter Abt endlich willens gewesen sei , ihn , den » Dietrich von Ruppin « , wegen Dispenses und wegen Absolution für die oben geschilderten Verbrechen an die päpstliche Kurie abzusenden , habe er ihn – lediglich weil er zuvor Rücksprache mit dem Abte eines anderen vorgesetzten Klosters genommen habe – durch einige Mönche und Konversen gefangennehmen , in Eisen legen und neun Monate lang in den Kerker werfen lassen , alles mit der ausgesprochenen Absicht , ihn durch schwere Peinigungen vom Leben zum Tode bringen . Einen anderen Konversen des Klosters aber , mit Namen Geraldus , habe Abt Hermann wirklich töten lassen . Die Urkunde schließt dann mit einer Aufforderung an die obengenannten Äbte von Kolbatz , Stolp und Neukampen , den Fall zu untersuchen und darüber zu befinden , damit die Angeklagten , wenn ihre Schuld sich herausstellen sollte , vor dem päpstlichen Stuhle erscheinen und daselbst ihren Urteilsspruch gewärtigen mögen . So weit der Inhalt der Urkunde von 1336 . Ob die Äbte sich des mißlichen Auftrags entledigt und , wenn so geschehen , welche Entscheidung sie getroffen oder welchen Bericht sie an Papst Benedikt gerichtet haben , darüber erfahren wir nichts . Übrigens dürfen wir vermuten , daß , gleichviel , ob die Untersuchung stattfand oder nicht , die Dinge unverändert ihren Fortgang genommen haben werden . Und wahrscheinlich mit Recht . Wir setzen nämlich in die Mitteilungen des Mönches Dietrich von Ruppin keineswegs ein unbedingtes Vertrauen und vermuten darin vielmehr eine jener halbwahren Darstellungen , die meist da Platz greifen , wo die Dinge von einem gewissen Parteistandpunkt aus angesehen , oder wie hier , Anklagen in zum Teil eigner Angelegenheit erhoben werden . Abt Hermann scheint uns weit mehr ein leidenschaftlicher Parteimann als ein Verbrecher gewesen zu sein . Stellen wir alle Punkte von Belang zusammen , die sich aus den Aussagen Dietrichs von Ruppin ergeben , so finden wir : 1. daß im Kloster zwei Parteien waren , von denen die stärkere die schwächere terrorisierte und die Äbte aus ihrer , der Majorität , Mitte wählte ; 2. daß Ritter Falko von der stärkeren oder Loburgschen Partei ermordet wurde ; 3. daß das Kloster nach Dispens und Absolution von seiten des Papstes verlangte , und 4. daß Dietrich von Ruppin abgeordnet wurde , um die Absolution einzuholen , wegen vorgängiger Plauderei aber ins Gefängnis geworfen wurde . Unter diesen vier Punkten involviert der zweite , die Ermordung Falkos , ein schweres und unbestreitbares Verbrechen . Der Umstand indessen , daß Abt Hermann für sich und sein Kloster nach der Absolution des Papstes verlangte , deutet darauf hin , daß das Geschehene mehr den Charakter einer sühnefähigen Schuld , als den einer schamlosen Missetat hatte . Denn sollte die Gnade des Papstes angerufen werden , so mußten notwendig Umstände vorauf- oder nebenhergegangen sein , die imstande waren , eine Brücke zu bauen und für die Schuld bei der Gnade zu plädieren . Solche entschuldigenden Umstände waren denn wohl auch wirklich da und lagen , wie wir mehr oder weniger aus der Anklage selbst entnehmen können , in dem Parteihaß , der eben damals die ganze Mark in zwei Lager teilte . Es war die bayrische Zeit . Dies sagt alles . Es waren die Tage , wo die Berliner den Propst von Bernau erschlugen und die Frankfurter den Bischof von Lebus verjagten ; es waren die Tage des Bannes und des Interdikts , Tage , die dreißig Jahre währten , und in denen sich das Volk der Kirche so entfremdete , daß es verwundert aufhorchte , als zum ersten Male wieder die Glocken durchs Land klangen . Der alte Kampfesruf » hie Welf , hie Waibling ! « schallte wieder allerorten und » bayrisch oder päpstlich « klang es vor allem auch in der Mark Brandenburg . Lehnin , gehegt und gepflegt vom Kaiser und seiner Partei , war bayrisch , der märkische Adel , vielfach zurückgesetzt , war antibayrisch . Aus diesem Zustande ergaben sich Konflikte zwischen dem Kloster und dem benachbarten Adel fast wie von selbst , und die Ermordung Falkos , die nach den Aussagen Dietrichs von Ruppin einfach als ein brutaler Bruch der Gastfreundschaft erscheint , war möglicherweise nur blutige Abwehr , nur ein Rachenehmen an einem Eindringling , der sich stark genug geglaubt hatte , den Klosterfrieden brechen zu dürfen . Ritter Falko und die Seinen , wenn sie wirklich Gäste des Klosters waren , waren vielleicht sehr ungebetene Gäste , Gäste , die sich nach eigenem Dafürhalten im Kloster einquartiert hatten , vielleicht im Komplott mit der Minorität , die höchstwahrscheinlich zum Papste hielt . 6 Dies alles sind freilich nur Hypothesen . Aber wenn sie auch nicht absolut das Richtige treffen , so lehnen sie sich doch an Richtiges an und schweifen wohl nicht völlig in die Irre . Was immer indes das Motiv dieses Mordes gewesen sein möge , entschuldbarer Parteihaß oder niedrigste Ruchlosigkeit , so viel erhellt aus dieser Überlieferung , daß die Kloster Lehninschen Tage nicht immer interesselos verliefen , und daß wenn wir dennoch im großen und ganzen einer gewissen Farblosigkeit begegnen , der Grund dafür nicht darin zu suchen ist , daß überhaupt nichts geschah , sondern lediglich darin , daß das Geschehene nicht aufgezeichnet , nicht überliefert wurde . Mönch Hermann , der mit seinem Anhang an die Stätte des Mordes vordringt , die Verwundeten in ihren Strohverstecken tötet oder töten läßt , dann selber , während zehnjähriger Fehde , in Schlafsaal und Refektorium die Waffenrüstung Falkos trägt , – das gibt schon Einzelbilder , denen es keineswegs an Farbe fehlt , auch nicht an jenem Rot , das nun mal die Haupt- und