Auch nicht , fiel der Abbé ihr leise in die Rede , daß sie gewagt hat , Ihnen , Ihnen , Eleonore , eine Leidenschaft anzudichten , deren Mitschuldiger ich sein sollte und die ein Verbrechen für mich wäre ? Er war selbst blaß geworden und die Stimme hatte ihm versagt , da er diese Worte aussprach . Sie trafen das Herz des unglücklichen Mädchens wie ein tödtender Blitz . Sie sah , sie entdeckte in sich , was sie sich bisher mit stolzer Scham verborgen hatte . Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden Leidenschaft in sich auflodern , und der Mann , der sie in ihr angefacht und genährt hatte , stand ihr kalt gegenüber , sprach zu ihr in einer Weise , als wäre es undenkbar , daß er jemals etwas für sie empfunden habe , etwas für sie fühlen könne . Ihre Füße wankten , sie faßte krampfhaft die Lehne eines Sessels , der in ihrer Nähe stand , sie fürchtete , sich nicht aufrecht halten zu können ; aber mehr noch als Alles peinigte sie der Gedanke , dem ungerührten Manne zu verrathen , was in ihrer Seele vorging , ihn ahnen zu lassen , was sie in diesem Augenblicke um ihn litt . Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln zwingend , das ihr das Herz zerriß , fragte sie ihn : Deßhalb also will man Sie entfernen ? Der Abbé bejahte es . Die Thränen traten der Gräfin vor diesem kalten , nackten Ja in ' s Auge . Freilich ! das Scheiden von einer Freundin - das Scheiden von Eleonore Haughton - was ist das für Sie ! sagte sie mit Bitterkeit . Der Abbé ließ den vollen Strahl seines Auges in die ihrigen fallen , aber er schwieg . So standen sie sich einige Sekunden gegenüber , und es dünkte Eleonore , als durchlebe sie eine lange Leidenszeit , denn großer Schmerz und große Freude rauben uns den wahren Maßstab für den Verlauf der Zeit . Es kam ihr vor , als sei der Augenblick lange her , in welchem sie das Wort , das niederschmetternde Wort von dem Munde des Geliebten vernommen hatte , als sei es lange her , daß sie sich allein gefunden , allein mit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust . Allein ! Nur das konnte sie nicht ertragen ! Allein , ohne ihn konnte sie nicht leben . Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend zugleich nach Rettung ausschaut , fragte sie : Und gibt es kein Mittel , keines , das Sie - mir erhält ? Es war geschehen , sie hatte es ihm gesagt ; aber besorgt , daß eben dieses Wort ihn bestimmen könne , sich von ihr zu trennen , fügte sie hinzu , als wolle sie ihn vergessen machen , ihn über dasjenige täuschen , was sie ihm eben verrathen und gestanden hatte : Ich weiß es , Sie verlassen Paris , den Hof nicht gern , Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufenthalt geknüpft . Gibt es kein Mittel , Ihre beabsichtigte Entfernung zu vermeiden ? - Und wie von einer plötzlichen Eingebung ergriffen sprach sie : Ich will Paris verlassen , ich will in meine Heimath gehen ! Sie sollen bleiben . Ich will gehen ! Das jedoch war es nicht , was der Abbé begehrte . Er schüttelte verneinend das Haupt . Fassen Sie sich , Gräfin , man beobachtet Sie und mich ! sagte er leise . Ihre Entfernung von Paris würde nichts in meiner Lage ändern , nichts ! Aber einen Ausweg gibt es , Einen ! - Er zögerte , als falle es ihm schwer , ihr denselben zu nennen . Endlich , da sie auf seine Antwort bange harrte , sagte er : Nehmen Sie die Hand des Prinzen an , für den der König selber morgen um Sie werben wird ! Unmöglich , unmöglich ! rief die Gräfin so laut , daß die Anwesenden alle es vernahmen . Aber sie und der Abbé schlugen wie auf eine Verabredung ein Lachen auf , und mit lachender Miene fügte Eleonore leise hinzu : Soll ich der Herzogin den Triumph bereiten ? Soll ich mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die Arme werfen , vor der Sie selbst mich warnten ? So treffen Sie schnell eine andere Wahl , Sie sind Herr darüber ! warf der Abbé ihr ein . Aber wen - wen ? fragte die Gräfin , der in der Angst ihres Herzens und in der Verwirrung dieses Augenblickes jedes Mittel erwünscht kam , welches sie vor der Trennung von dem Abbé bewahren und ihm beweisen konnte , daß für ihn kein Opfer ihr zu schwer sei . Der Abbé wendete das Haupt in das Zimmer und zu der Gruppe zurück , welche die Gräfin vorhin verlassen hatte . Eine Frau wie Sie , sagte er , wird schwerlich einen Mann finden , der sie verdient ; aber es müßte mich Alles täuschen , oder der Freiherr von Arten weiß es , was Sie werth sind , und seine liebende Verehrung wird mir den Antheil an Ihrer Freundschaft nicht mißgönnen . Er ist ein Mann von Ehre und er liebt Sie , Gräfin , dessen bin ich sicher ! Sie konnte ihm nichts erwiedern . Der Ausdruck der Verzweiflung und der Liebe , mit dem sie zu ihm emporsah , drohte , ihn seiner Fassung zu berauben , und sich vor ihr verneigend , sagte er so laut , daß die Anderen ihn vernehmen konnten : Denken Sie daran , Gräfin , wir sprechen mehr davon ! Dann wendete er sich zu den Uebrigen , und auch Eleonore kehrte , wie hart ihr das auch ankam , zu ihrer früheren Unterhaltung zurück . Eilftes Capitel Man trennte sich an dem Abende zeitig , weil einige der Gäste noch anderweitige Einladungen hatten . Im Vorzimmer trafen der Abbé und Renatus zusammen . Der Abbé machte die Bemerkung , daß das Wetter köstlich und daß es eigentlich eine Sünde sei , eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde und Schönheit ungenossen zu lassen , und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand , schlug er ihm vor , ihn zu begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen . Der Freiherr verlangte es nicht besser . Er hatte die lange Unterredung zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe betrachtet , denn er war von den obwaltenden Verhältnissen zu genau unterrichtet , um nicht zu vermuthen , was die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses Gespräch der Beiden gehabt haben müsse . Auch stand er ihnen nahe genug , um , sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Straße befand , ohne Umschweife die Frage zu thun , ob er sich irre , wenn er glaube , daß der Abbé mit ihrer gemeinsamen Freundin von dem Heirathsplane gesprochen , den der König zu dem seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die große Angelegenheit des Hofes sei . Es ist eine traurige Angelegenheit , sagte der Abbé , und nie mehr als in diesem Falle habe ich daran gedacht , wie verschieden die Wege der Prüfung sind , auf welche der Herr uns führt . Er schritt eine Weile schweigend fort , dann sprach er : Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht , seine gottbegnadigte äußere Erscheinung , seine großen geistigen Mittel , den fürstlichen Besitz , der ihm von Kindheit an zu eigen war , so fühlt man sich zu dem Gedanken hingeführt , daß es dem Himmel gefallen habe , hier einmal ein Menschenwesen mit allen Gütern des Lebens und des Glückes auszustatten , um ihm den vollen , edlen Genuß des Daseins zu ermöglichen . Da er wieder in seiner Rede abbrach , meinte Renatus , daß die Gräfin doch auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr zu ihrem Glücke ja auch nichts fehle , als daß sie eben dem Manne begegnete , dem sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen könne . Wir sind nicht im Salon , mein theurer Freund ! rief der Abbé mit einer Kälte , welche den Andern in Erstaunen setzte . Er fragte , was dieser unerwartete Ausruf bedeuten solle . Der Abbé , der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer äußerst zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere herausnahm , als er sie ihnen gestattete , legte seinen Arm in den des jungen Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lässigkeit : Es gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten , gegen die man wohlthut , sich nicht zu wehren , und an die zu rühren auch nicht weise ist , weil sie in der Regel aus einem vernünftigen Grunde hervorgehen , sogar wenn die Gesellschaft sich desselben nicht immer klar bewußt ist . Eine solche conventionelle Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten großen Eigenschaften der Gräfin Haughton . Herr Abbé , rief der Freiherr , als traue er seinen Ohren nicht , das sagen Sie , Sie , der Freund , der vertraute Freund Eleonorens ? Eben deßhalb sage ich es , kann ich es sagen ! berichtete ihn der Geistliche , und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken , wenn ich Ihnen bekenne , daß die Gräfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat , daß ich in ihr Eigenschaften zu sehen wähnte , die sie der Bewunderung würdig machten - und in der That , sie hat auch solche Eigenschaften ! Wer wollte und wer könnte dieses läugnen ? Sie ist von schnellem Geiste , von einem kühnen Fluge der Gedanken , sie hat , ich zweifle nicht daran , eine männliche Entschlossenheit , wo es ihre eigenen , persönlichen Zwecke gilt ; aber ich habe Niemanden gekannt , auf den das Wort der Bibel von dem tönenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wäre , als auf sie . » Sie hat der Liebe nicht ! « - Selbstsüchtiger und herzenskälter habe ich nie ein Weib gekannt . Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fähig . Er erlebte nach seinen Begriffen einen vollkommenen Verrath , und der Mann , der ihn beging , war ihm bis auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen . Seine Ehrenhaftigkeit schreckte vor einem solchen Verhalten zurück . Er zog unwillkürlich seinen Arm aus dem seines Gefährten . Kennt oder ahnt die Gräfin die Ansicht , welche Sie von ihr hegen ? fragte er . Es gibt Wunden , entgegnete der Abbé , die man nicht sondiren darf , ohne sie tödtlich zu machen . Ich konnte der Gräfin nicht sagen : » Sie haben kein Herz ! « da mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist , diese Seite ihres Wesens zu erwecken oder zu beleben . Denn was könnte mich , dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden dieser leichtlebigen und sich an der Oberfläche der Dinge haltenden Gesellschaft , was könnte mich bewegen , der tägliche Gast der Frau Herzogin zu sein , hätte ich es der würdigen Frau nicht zugesagt , mich der Bekehrung ihrer Nichte zu unterziehen , hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermuthigt , an dieses Werk zu gehen ? Mehrere Wagen , die rasselnd an ihnen vorüberfuhren und die sie bei dem Uebergehen nach einer andern Straße für einige Minuten trennten , unterbrachen die Mittheilung des Geistlichen und ließen dem Freiherrn zu einem Umschwunge seiner Ansicht Zeit . Als sie sich wieder zusammenfanden , hob der Abbé auf ' s Neue zu sprechen an . Es ist ein großes Vertrauen , Herr von Arten , das ich Ihnen mit diesem offenen Bekenntnisse gewähre . Indeß Ihrer Gesinnung bin ich sicher . Sie ist ein schönes Erbe Ihres alten Hauses , und Sie selber sind , ich weiß es , unserer Kirche aufrichtig ergeben . Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und die Alles ausgleichende und versöhnende Kraft des Glaubens , wie ich aus Ihren eigenen Mittheilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin erfahren , kennen lernen . Sie gehören nicht zu der Anzahl jener sogenannten Aufgeklärten , die es in ihrer selbstgenügsamen Kurzsichtigkeit dem Gläubigen zum Vorwurfe machen , wenn es ihn drängt , die Segnungen , deren er sich theilhaftig fühlt , die erhebende Erkenntniß , die ihm durch die Gnade Gottes zugänglich geworden ist , nicht als ein todtes Pfund zu vergraben , sondern sie auszubreiten und leuchten zu machen , so weit die menschliche Gemeinschaft reicht . Der Abbé hatte etwas Mächtiges , wenn er sich dem freien Zuge seiner Beredsamkeit überließ , und Renatus waren solche Ansichten und Ansprüche von früher Kindheit an vertraut gewesen . Sein unvergessener , geliebter Lehrer , der Caplan , hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurückgedacht . Läugnen konnte Renatus es auch nicht , daß ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen unheimlich und bedenklich erschienen war , aber er hatte sie nicht tadeln , nicht verurtheilen können ; sie hatte ihm neben der Bewunderung , die er für sie hegte , ein Bedauern eingeflößt , und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und stärker , als je zuvor . Sie ist ohne Vater , ohne Mutter aufgewachsen , sagte er entschuldigend , und mich dünkt , die Herzogin war nicht dazu gemacht , eine so eigenartige Natur zu erwärmen und zu bilden . Wer mag denn sagen , ob die Herzogin selber einer wahren Liebe fähig ist ? Die Herzogin keiner Liebe fähig ? rief der Abbé im Tone des höchsten Erstaunens . Aber haben Sie denn vergessen , mein theurer Baron , mit welcher Treue die Herzogin in den Zeiten der Verbannung und der Noth an ihrem Bruder festhielt ? Haben Sie vergessen , mit welcher Hingebung die Mittellose auf die edle , sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete , als es galt , der königlichen Familie ihre alte Treue zu beweisen ? Glauben Sie , daß es sie kein Opfer gekostet hat , den einzigen Bruder an eine Frau zu verlieren , die nicht zu unserer Kirche gehörte ? Und wann hat die Herzogin ihre Nichte es fühlen lassen , daß sie , die ruhebedürftige Matrone , ihr ganzes Behagen der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte ? Oder kennen Sie etwas , das rührender , das ehrwürdiger wäre , als die schöne Freundschaft , welche durch ein langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen , den greisen Fürsten von Chimay , unzertrennlich verbunden hat ? In der That , mein Freund , von Ihnen weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urtheils gewärtig , das die Herzogin in so ungerechter Weise anficht , denn mich dünkt , Sie selber hätten mannigfach Gelegenheit gehabt , die theure Frau von ihren schönsten Seiten würdigen zu lernen ! - Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her . Renatus fühlte sich beschämt . Er hatte die Undankbarkeit immer als das Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen , nun zieh man ihn einer solchen , und er konnte es nicht läugnen , man that es nicht ganz mit Unrecht . Je länger er darüber nachsann , um so unsicherer wurde er in seinem Urtheile . Er konnte dem Abbé nicht völlig widersprechen . Er hatte , als er in das Haus der Herzogin gekommen war , ja auch für dieselbe und wider die Gräfin Partei genommen , und erst allmählich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn anderen Sinnes werden machen . Er wünschte guten Herzens , kein Unrecht gegen die Greisin zu begehen ; aber Eleonore , wie der Abbé es that , so schonungslos zu verdammen und aufzugeben , konnte er sich nicht entschließen , und mit der bewußten Absicht , einen vermittelnden Ausweg zu wählen , sprach er : Jede der beiden Frauen hätte wohl eine weichere und mildere Natur an ihrer Seite haben müssen , um glücklicher zu werden ; denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat , daß sie , früh zur Witwe geworden , nie die geringste Neigung empfunden habe , sich wieder zu vermählen , so hat mir noch neuerdings die Gräfin gesagt , daß sie nach der Ehe kein Verlangen trage , ja , daß ihr bis jetzt niemals eine Sehnsucht nach jenem Glücke des Familienlebens gekommen sei , welches doch den meisten Menschen für ihre Befriedigung nothwendig erscheint . Diese beiden Frauen sind sich eben selbst genug . Das ist ein trauriger Vorzug , rief der Abbé , und Sie werden mir gestehen , daß ich darüber ein vollgültiger Richter bin ! Der Mensch kann , wo es einer großen Ueberzeugung gilt , sich selbst verläugnen , und auf die Liebe , auf die Ehe , auf das Glück verzichten , sich in seinen Kindern fortleben zu sehen ; aber es ist das eine harte Entsagung , und das Herz auch des Stärksten hört nicht auf , unter derselben zu leiden und zu bluten ! Es muß süß sein , in früher Jugend sich einem geliebten Mädchen zu verbinden , in jedem Augenblicke zu wissen , daß seine Gedanken , seine Gebete uns begleiten , sich vorzustellen , wenn man von ihm fern ist , wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt , und sie nach einer Trennung mit der alten , nur gesteigerten und bewährten Treue in die Arme zu schließen . Er brach ab , schwieg eine Weile und sagte danach : Es sind das Bilder , die auszudenken man sich hüten muß , wenn man gelobt hat , nie nach ihrer Verwirklichung zu streben . Aber so oft ich in meinem Amte in ein Haus getreten bin , wo die demüthige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem Manne das Leben verschönte , habe ich empfunden , wo das wahre Glück zu finden sei , und die höchsten Vorzüge eines Mädchens wie die Gräfin haben mich nie von dieser Erkenntniß abweichen machen . Für eine Eleonore Haughton kann ein Jüngling sich begeistern , ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden . Sie würde , hätte ihr Schicksal sie für einen Thron bestimmt , vielleicht ihrem Ideale , ihrer Königin Elisabeth , in herber , stolzer Selbstüberhebung ähnlich werden können ; für einen Mann , der in seinem Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der Herr in seinem Hause bleiben will , sind diese Art von Frauen nicht geschaffen . Man macht aus einer Juno , einer Minerva niemals das rührende Geschöpf , als dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna , die jungfräuliche Mutter erscheint , der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt . Ein Mannweib zu lieben , muß man selbst kein Mann sein ! Wo ich einen Mann sich ein recht demüthiges Weib erwählen sehe , weiß ich immer , was er selber werth ist . Sie waren während dessen bis zu dem Collegium gekommen , in welchem der Abbé seine Wohnung hatte . Er nöthigte den Freiherrn leichthin , mit ihm hinauf zu steigen ; aber Renatus nahm es nicht an , und Jener hatte es auch darauf nicht abgesehen , ihn bei sich zu haben . Er wünschte allein zu sein . So schieden sie von einander . Oben angelangt , ging der Abbé eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem großen , saalartigen Raume auf und nieder , den er in dem Hause inne hatte . Ein paar werthvolle Bilder , einige Abgüsse nach berühmten antiken Büsten schmückten nach seiner Wahl die Wände . Er sah sie nicht an , so gern sein Auge sonst auf ihnen weilte . Er blickte auch nicht zu dem Crucifix empor , das in dem anstoßenden Gemache , schön geschnitzt , zu Häupten seines Lagers hing . Er hatte manchmal Trost und Beruhigung gefunden , wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem Bilde des Mannes empor geschaut , in welchem die Menschheit sich die höchste Reinheit , die höchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverläugnung verkörpert hat , um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben ; aber nichts Aeußerliches vermochte den Abbé heute von sich selber abzuziehen . Er hatte gethan , was seine Pflicht war , er war mit Ueberwindung ein tüchtig Stück auf dem Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten , und er hatte nicht danach zu fragen , welche Blüthen sein Fuß dabei zertrat , sei es in der Seele eines Andern oder in dem eigenen Herzen ; denn das Ziel ist Alles ! - Aber das hinderte nicht , daß der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen , grausamen Schwere auf ihm lastete . Ein paar Mal blieb er stehen und faßte mit der Hand nach seiner Brust . Es versetzte ihm etwas den Athem . War es ein Schmerz , war es eine zornige Empörung ? Er fragte sich nicht danach , er wollte es nicht ergründen , es gar nicht wissen . Er knöpfte mit hastiger Hand die Soutane auf . Wenigstens athmen , athmen wollte er in voller Freiheit , und fre athmen , sagte er , wie zum Troste , zu sich selber , frei athmen kann man in der Menge nicht ! Frei athmen kann man nur auf einsamer Höhe , hoch über dem Gewühle der Welt ! Er dehnte unwillkürlich seine Brust . Er war mit sich zufrieden . Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen , als er sich erinnerte , wie die stolze Eleonore , wie der junge Freiherr , die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln glaubten , gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefügt hatten , die er ihnen aufzuzwingen gewünscht . Herrisch und meisternd hatte der Erzbischof ihm heute seine Ueberlegenheit zu kosten gegeben . Er hoffte , die Stunde solle nicht ausbleiben , in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die andere Weise würde vergelten können ; denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe geschaffen , aus welchem man die Kirchenfürsten macht . Und die Gegenwart hinter sich zurücklassend , von ehrgeizigen Hoffnungen über den Schmerz und den Kampf des Augenblickes flügelschnell hinweggehoben , durch den eben errungenen Erfolg ermuthigt , blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus , in welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte . Er ging an seinen Schreibtisch , ließ sich in dem Sessel nieder , der vor demselben stand , und begann zu schreiben . Es war tief in der Nacht , als er sich von seiner Arbeit erhob . Die Lampe war im Erlöschen , der untergehende Mond warf sein Licht schräg in das Gemach . Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der Abbé lange sinnend in den Garten hinaus , der sich unter seinen Fenstern weithin ausdehnte . Dann fiel sein Blick prüfend auf des Briefes Aufschrift . Er meinte , etwas in derselben vergessen zu haben , aber es war Alles richtig . Die Aufschrift lautete : » An den Pater Provincial des Jesuiten-Klosters zu Rom . « Der Abbé war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den Hoffnungen durchaus entsprochen , welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten . Zwölftes Capitel Der milden Winternacht folgte ein klarer , schöner Tag . In den prachtvollen , alterthümlichen Kaminen des großen königlichen Ballsaales brannten die Feuer . Ihre rothe Gluth , ihre blauen , züngelnden Flammen erschienen bei dem hellen Sonnenlichte dunkel ; auch die Kleidung und die Schönheit der Frauen hatten bei den Frühstücksbällen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen . Aber Niemand ertrug die Prüfung durch das Tageslicht so siegreich , als die Gräfin Haughton , obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigenthümliche Frische , ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen . Die ersten Quadrillen waren vorüber . Eleonore hätte kaum sagen können , wer ihre Tänzer in denselben gewesen wären . Es war ihr zu Muthe , als sei sie verwandelt , als wohne eine fremde Seele in ihrem Leibe . Nur ihre Gestalt war noch die alte , war noch lebendig ; sie selber , die Eleonore , als welche sie sich bis gestern noch empfunden hatte , war dahin . Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen , den ganzen Morgen in marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abbé ' s , auf eine Zeile , auf ein Wort von ihm gewartet , die ihr hätten zum Troste , zur Stütze werden können . Was war geschehen , daß er sie also in ihrer Herzensnoth verließ ? Hatte man ihn unter irgend einem Vorwande gezwungen , Paris schon an diesem Morgen zu verlassen ? Konnte er sich entfernt haben , ohne sie davon in Kenntniß zu setzen ? Ließ man ihn nicht aus den Augen , und fand er keine Möglichkeit , ihr , wenn auch nur mit Einem Worte , sich zu nahen ? Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm ? Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn : Ich liebe einen Mann , dem die Liebe ein Verbrechen ist ! Ich , die Protestantin , liebe einen Katholiken , einen Priester ! Ich habe ihm diese Liebe verrathen , und er will mich bestimmen , einem Anderen , einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen , um sich zu retten , um seine Plane zu verfolgen ! Warum vertraute ich einem Katholiken , einem Priester ? Dann wieder , wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte , wenn der Gedanke , sich und ihre Liebe verschmäht zu sehen , sie völlig niederwarf , raffte sie sich mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor . War es denn seine Schuld , daß sie ihn liebte ? Konnte er dafür , daß ihre Seele nicht stark , nicht rein genug gewesen war , sich an der Freundschaft genügen zu lassen , die allein er ihr zu bieten hatte ? Wann hatte er je einen Wunsch , einen Anspruch an sie erhoben , der über den Antheil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war ? Und wie hatte er sich selbst in seinem Eifer für dasselbe zu mäßigen , sich überall in Schranken zu halten gewußt ! Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden , was er für sie fühle . Und er liebte sie ! Sie zweifelte nicht daran : er liebte sie ! Eine Liebe , wie die , welche sie für den Abbé empfand , konnte keine einseitige sein , konnte nicht unerwiedert bleiben ! Es war nicht anders möglich : er liebte sie , er mußte sie lieben ! Aber durfte sie das hoffen ? Durfte sie es wünschen ? - Nein , nein ! nur das nicht ! rief sie laut , daß der Ton ihrer eigenen Stimme sie in der nächtlichen Einsamkeit erschreckte . Und ihr Gesicht in den Händen verbergend , warf sie sich nieder und weinte , daß es ihr die Brust zu sprengen drohte . Es war genug an ihrem Elende , an ihrer Verzweiflung , er sollte nicht unselig sein , wie sie . Er sollte den Trost besitzen , daß er rein und makellos den Lebensweg gegangen sei . Er sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füßen Gottes , zu den Füßen der reinen , makellosen Jungfrau , zu deren Altären er sie hinzuführen gestrebt hatte , in deren Verehrung sie eine unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm haben konnte . O , daß ich ihn besäße , den Glauben , der ihm Kraft verleiht ! seufzte sie in ihrem Schmerze . Daß ich es gelernt hätte , wie er , in früher Jugend zu entsagen ! Wenn ich es vermöchte , wie er , mich an das Kreuz zu schlagen , und Trost zu finden , wie er , in dem Gedanken , daß ich eine Wahrheit erkannt , eine Wahrheit zu verkünden habe , daß ich mir nicht selbst gehöre , sondern nur ein Diener der Menschheit bin , ein schwaches Werkzeug in des Allmächtigen , des Allweisen Hand ! - Wörtlich , wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte , wiederholte sie sich die Aussprüche , die er oft vor ihr gethan hatte . Vor wenigen Augenblicken hatte sie ihm gezürnt , nun zürnte sie sich selber . Mit der Demuth der Liebe klagte sie sich an , daß sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhe seines Daseins trübe . Sie , sie allein war die Schuldige . Ihre Maßlosigkeit , ihre Ungenügsamkeit verstrickten ihn in Verwirrungen , die er nie zuvor gekannt hatte . Sie erinnerte sich , wie man ihr die hohe Sinnesart , den reinen Wandel des Abbé gepriesen hatte . Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit Begeisterung zugewendet ! Was mochte er jetzt von ihr denken ? Was mochte er jetzt thun ? Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde , das er von einem früh gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte . Sie zweifelte nicht daran , daß er ihrer dachte , daß er für sie betete . Sie hätte es vor sich haben mögen , das Madonnenbild , vor dem er oftmals Trost gefunden hatte . Sie hatte den Trost sehr nöthig ! Wenn sie ihn sehen , ihm Alles bekennen , ihn berathen , ihm beichten könnte ! - Beichten ! - Vor einem Madonnenbilde knieen ! - Wie hatte das alles ihrem Geiste , ihrem Empfinden , ja , ihrem Verstande sonst widerstrebt , als sie noch in stolzem Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte ! Und jetzt ? Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der alte Stolz empor , und der Trotz mit ihm . Sie wollte thun , was der Abbé begehrte , sie wollte die Hand des Prinzen annehmen , um es