, als suchte sie das von ihm geschilderte Bild an den - bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers ... Ihre Augen leuchteten ... aber - wie mit irrem Stern ... Sie schüttelte ihr Haupt ... Was trennt Sie von diesem Bilde ? fragte Bonaventura mit gesteigerter Innigkeit und eher wie gewonnen durch diese aufrichtige Verneinung , als abgestoßen . Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm ? Liegt nicht Demuth , Unschuld , Entsagung , jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in diesem Bilde ? Als wenn die Luft , die Lucinde gestern bei einem solchen Bilde geathmet hatte , wieder sie zu ersticken drohte , stand sie auf , machte einige Schritte und sagte , sich wieder setzend : Was ich von Maria sehe , ist alles starr und todt und wie von Stein ! Blicken Sie das Bild nur lange , lange an ! bat Bonaventura im liebevollsten Ton . Es wird sich beleben ! Es wird sprechen , es wird der Sammelpunkt Ihres ganzen Menschen werden ! Geht es nicht , steht etwas dazwischen , so werden Sie nichts mehr thun wollen , was nicht auch diesem Bilde gefiele ! Sie werden sich vor ihm eine Magd erscheinen , selbst wenn Sie eine Krone trügen ! Sie werden Ihren Geist unterdrücken , wo nur Ihr Herz nöthig ist ! Sie werden , sogar leidend , sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen ! Und will es so nicht gehen , wie Sie es gern im Leben möchten , immer vergegenwärtigt Maria , was ein Weib erfahren , was ein Weib überwinden muß , ohne sich zu rächen ! Sie vergibt ! O sie vergibt auch Ihnen vieles , denn sie kennt die Schwäche des Weibes ; aber sie vergibt nicht alles . Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes auszusprechen übernehmen . Sie besitzt die Schwäche einer Mutter , sie kann von dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm ; aber in vielen , vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube , dies ganze , ich sage nicht mystische , sondern einem Spiegel gleichende Verhältniß zwischen Maria und einem weiblichen Herzen - ich glaube , Sie kennen es nicht und darin , darin liegt Ihr ganzes Unglück ! Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt noch mehr , seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum sagte nur Jesus : Weib , was hab ' ich mit dir zu schaffen ? hatte Lucinde gemurmelt ... Bonaventura erwiderte : Maria ist keineswegs die letzte Richterin über unsere Seele ! Sie ist nur eine Vorstufe zum Gottesthron und allerdings die ihm nächste ! Aber ich glaube nicht , daß die Seele jedes Mannes an ihr Urtheil verwiesen ist ; sie richtet auch nicht , sie bittet nur . Nur möcht ' ich wiederholt wissen : Sind die Sünden und Irrthümer , die Sie mir heute gebeichtet , die eines weiblichen Herzens , das mit der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloß ? Mir scheint es , daß Sie vorzugsweise Eine reine , wahre Freundschaft schließen sollten , diese mit unserer Mutter Maria ! Welch ein unschuldiger , edler , froher Sinn würde Sie plötzlich heiligen ! » Maria stand auf , ging eilends über das Gebirge in das Haus des Zacharias und grüßete Elisabeth « ... so steht in der Schrift - Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit rasch , schlug den Vorhang von einem Büchergestell zurück , suchte eine kurze Weile nach einem Buch , fand es , kam wieder , schlug es auf , blätterte und las eine schnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruß Mariens an Elisabeth , über den Gruß der Jugend an eine Matrone , über den Inhalt der Rede , die Maria wol Elisabeth gegenüber gehalten haben mochte , über die Darbringung solcher Empfindungen und Seelenstimmungen , die ihr dafür das Wort der greisen Gönnerin eintragen konnten : » Du bist gebenedeiet unter den Weibern ! « Bonaventura las diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine Erbauung . Er wollte Lucindens Geist anregen , nicht blos ihr Herz . Er wollte ihr die sittliche Schönheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ... In wärmsten Worten schilderte er den Zustand dieses » Gebenedeiten am Weibe « . Ueberall würde eine Gebenedeite freundlich empfangen , überall wie der kommende Mai begrüßt ; in jeden Streit brächte sie Friede , in jedes Leid Trost ; ihre Schritte wären gesegnet ; wo sie hinträte und wär ' es in der Wüste , blühte eine Blume auf - wie die Jerichorose unter den Füßen Maria ' s , als sie mit dem Kinde gen Aegypten floh ... So deutete Bonaventura die » Jerichorose « ... Dann ertheilte er Lucinden einige leichte Bußübungen , ließ sie knieend seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ... Lucinde stand zwar auf , zog ihren Shawl über die Schultern , hatte sich ihren Hut wieder aufgesetzt , schickte sich an zu gehen ... sie war jedoch - wie gebannt ... Die Glocken der Kathedrale läuteten zu einem Kirchenfest ... ... Schon sechs Uhr schlug es ... Wie sie schon nahe der Thür sich befand , die unmittelbar in den Corridor führte , stand sie plötzlich still ... Bonaventura trat hinzu . Er glaubte zu sehen , daß sie sich entfärbte ... Was ist Ihnen ? fragte er ... Lucinde erwiderte nichts , doch hielt sie sich an der Epheulaube ... Bonaventura glaubte , daß ihr unwohl war und ging an einen am Fenster stehenden Tisch , auf dem Wasser stand ... Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit zum Fenster hinaus ... Bonaventura sah , daß sie von seiner Rede , seinem Zuspruch nicht befriedigt war , daß sie etwas vorhatte und mit sich kämpfte . Doch mied er die Saiten des Seelischen und des Gemüthes noch einmal wieder anzuschlagen . Er sprach beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend draußen und stand , als wollte er eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten ... Sie reisen nach Witoborn ? begann Lucinde , schon über diese Andeutung , als fürchtete sie vielleicht nur die Dunkelheit draußen , gereizt ... Noch heute ! ... erwiderte Bonaventura , sichtlich befangen durch ein Wort weitern Gespräches , das nicht durch sein Amt veranlaßt wurde ... Lucinde sah diese Förmlichkeit , diese plötzliche Kälte und hauchte : Schon so bald ! Dabei blieb sie vor dem Epheu stehen und pflücke gedankenvoll ein einzelnes welkes Blatt ab ... Wer hätte an dieser Handlung erkennen mögen , daß sich die ganze seit Monaten angesammelte Fülle der Spannung wieder auf ihre Brust wie riesig anstemmte und in irgendeiner Weise helfen wollte ; sie hatte die Befriedigung des Gemüths nicht so gefunden , wie sie gehofft ... Sie wollte und hoffte nur - - ihre Liebe ... In einigen Stunden ... sagte Bonaventura , jetzt sogar drängend ... Dieser sein plötzlich immer kälterer Ton reizte sie mehr und mehr und schon war es nur ein Hauch , mit dem die erstickte Stimme sprach : Grüßen Sie - Gräfin Paula ! ... Bonaventura antwortete durch ein äußeres Zeichen ... Lucinde fuhr fort , wie bewußtlos in dem Epheu nach welken Blättern zu suchen ... Da sie deren nicht zu viele fand , brach sie auch schon die grünen ab ... In Bonaventura ' s Innerm drängte sich jetzt Unmuth , sogar eine Aufwallung des Zorns , doch suchte er nach Geduld und Selbstbeherrschung ... Paula ' s Sehergabe soll Wunder wirken ! fuhr Lucinde fort , zitternd und nicht von der Stelle könnend ... Ich wünschte wohl , Sie frügen sie , was für mich - noch alles in den Sternen steht ! Das würd ' ich die Sterne der eigenen Brust fragen ! sagte Bonaventura lächelnd und machte Miene , um Schonung seines Epheus zu bitten ... Schon das längere Verweilen Lucindens verdroß ihn ... Sie merkte nichts von dem , was sie that ... Sie brach Blatt um Blatt , zerknitterte das Gebrochene , warf es weg ... sie war im Geiste bald in der Ebene von Witoborn ... bald gedachte sie des Picard ' schen Auftrags , das Schreiben Leo Perl ' s abzugeben ... Grüßen Sie Herrn von Asselyn , Ihren Vetter Benno ! sagte sie - wie spottweise - und nur um zu sprechen und sich zu sammeln ... Bonaventura versprach die Ausrichtung dieses Grußes und ging von dem Tisch , wo er gestanden . Er machte in der That Miene , sich mit höflicher Neigung des Hauptes in sein Nebenzimmer zurückzuziehen ... Lucinde machte sich durch Scherze Muth zum Bleiben und gefiel sich darin , durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte - Pedanterie der katholischen Geistlichen , die überhaupt mit den Jahren jede ehelose Lebensweise annimmt , schon an diesem jungen Mann zu reizen ... Schon in St.-Wolfgang hatte sie ihn ja im Geist früh vergrämeln und verzärteln gesehen ... Er soll sich hüten , sagte sie , Armgart nicht zu schwesterlich zu lieben ! Das kann dann im Ernst so kommen ! Auch Frau von Hülleshoven , ihre Mutter , könnte Armgart zuvorkommen , einen gewissen Herrn von Terschka zu wählen ... Bonaventura hörte schon nicht mehr . Seine Entrüstung nahm immermehr zu und auch sein Kampf ; denn jedes Wort , das Lucinde sprach , war ersichtlich nur eine Verschleierung der Rede : Du Thor , warum umschlingt mich nun nicht dein Arm ? Warum lässest du mich nun jetzt so hingehen , wie ich gekommen bin ? ! Voll Seligkeit läg ' ich - trotz Mariens - in deinen Armen ... Herr von Terschka , fuhr sie den Epheu zerzupfend fort , nimmt jede Religion an , die die schöne junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt ! Aber sie hätte die Conversion gar nicht nöthig ! Wär ' ich in Rom und flüsterte - nur zwei Worte - mit den Cardinälen der Sacra Dotaria , sie sollte ohne weiteres geschieden werden ! ... Warum scherzen Sie über so ernste Dinge ! fragte Bonaventura verdrossen - doch staunend ... Kein Scherz ! ... Ich lernte neulich die Frau kennen ! Ihre Seele ist aus heißer Luft gewoben ! .. Wer möchte glauben , daß auf der Heide von Witoborn solche Blumen wachsen ! .. Sie kennen ja dies Geschlecht mit dem ewig gleichen Perpendikel des Herzens ! .. Ein Schlag wie der andere ! Bim - bam ! .. Es ist ja wahr - auch - Ihre Heimat ist ' s ! Bonaventura sah Lucinden ganz so wieder , wie sie sonst und noch zuletzt in seinem Pfarrhause gewesen war ... Das muß ich doch noch sagen , ich liebe nur den katholischen Glauben , wenn er die Seele zum Muthe entflammt ! fuhr sie in einer Aufregung , die sie nun nicht mehr bemeistern konnte , fort ... ich liebe ihn , wenn er die Menschen aus der Gewöhnlichkeit erhebt und ihnen Flügel gibt ! Dort ? ! Dort - ist wirklich alles nur Aberglaube und so vieles , so vieles - auch hier - Bonaventura , seine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Ansprache verhöhnt , kalt abgewiesen fühlend , athmete hörbar vor immermehr zunehmender Entrüstung ... Schon war Lucindens ganze Hand voll grüner abgerissener Epheublätter ... Sie werden auch Schloß Neuhof sehen ? sprach sie , noch wie harmlos , aber doch , da sie nun gehen mußte , aller Fassung beraubt ... Ohne Zweifel ! sagte Bonaventura kalt ... Auch den Kronsyndikus ? ... Man erwartet seine Auflösung ... Das bedaure ich ! ... Ich wünschte , Sie frügen ihn nach seiner zweiten Frau , die noch in Rom leben soll ... Und ob - die alten - Stammers - wol noch im Parke hausen ? - Und Bruder Hubertus - werden Sie - sehen - auch Klingsohr - Nicht unmöglich ... Wenn ich einmal Paula im magnetischen Schlafe sähe , wollte ich sie etwas fragen - Aber es ist ja wahr - Immer , wenn ich an ihr Lager trat , wissen Sie wol noch , hörte - die Posse auf ... Bonaventura stand auf glühenden Kohlen ... Nur einmal glaubt ' ich selbst , daß sie im Traum wahr sprechen konnte ... Einmal ! ... Am Tage Ihrer Weihe ! Warum aber auch - thaten Sie ihr das ! Der bitterste , schrillste , ja ein frecher Hohn war es , mit dem Lucinde diese Worte sprach ... Und Bonaventura nahm die Kriegserklärung auf ... Er ergriff das Licht , ging an die Thür , die zum Corridor führte , und machte die Miene , als wollt ' er ihr ruhig hinausleuchten ... Jetzt blieb Lucinde stehen und verwüstete erst recht den Epheu ... Schonen Sie diese unschuldigen Blätter ! rief er ... Lucinde ließ alle Blätter , die sie gerade in der Hand hatte , zu Boden sinken und suchte Bonaventura ' s Auge ... Der Priester versuchte ihren Blick auszuhalten ... Sie starrte ihn an wie die Walkyre ... Er - stellte den Leuchter auf den Tisch zurück , um sich aus ihrer Nähe entfernen zu können und ins Nebenzimmer zu gehen . Die Augen niederschlagend und sich den letzten , entscheidenden Rest von Selbstbeherrschung gebend , den er solcher Herzenshärtigkeit gegenüber noch besaß , hauchte er an der Thür des andern Zimmers mit erstickter , aber deutlicher Stimme : Fräulein ! Da ich so wenig über Ihren unglückseligen Sinn vermag , so möcht ' ich ein für allemal gebeten haben - Sie suchen sich für jeden künftigen Fall Ihres - Beichtbedürfnisses einen - andern Freund Ihrer Seele - ! Eine kurze tödliche Pause folgte auf dies sich im Sprechen mildernde , aber doch mit dem entschlossensten Aufdrücken der Nebenthür endende kategorische Ersuchen , nie wiederzukommen und sich für immer einen andern Beichtvater zu wählen . Lucinde verstand das tödlich entscheidende Wort . Bald auch machte sich ihr Seelenzustand in einem furchtbaren Ausbruch Luft ... Kein Lachen stieß sie aus , auch kein Weinen ... Es war ein Ton , der sich ihr , wie sie an der Thür stand , vom Herzen losriß , ohrzerreißend , von Lachen und Weinen eine Mischung , unerhört für den Priester , der wie in Betäubung stand und sich bei alledem sagte : Jetzt oder nie ! Es muß ein Ende sein ! ... Nie von ihm gesehen war auch das , was er jetzt sehen mußte ... Lucinde lag plötzlich am Boden , hingestreckt wie eine Leiche ... dicht an der Thürschwelle lag sie wie leblos ... völlig starr ... beide Arme lagen zu ihren Häupten weit ausgestreckt , ihr ganzer Körper war wie gelähmt ... Erst wollte der zum Tod Erschrockene sich dennoch entfernen ... Dann mußte er bleiben ... Der Gedanke , daß Lucinde an einem plötzlichen Krampf erstickt wäre , erfüllte ihn mit Entsetzen ... Er beugte sich zu ihr nieder , rief sie an ... ergriff ihren rechten Arm , der wie gefühllos hing ... der Hut lag im Nacken , der Shawl war ihr von ihren Schultern geglitten ... kein Glied mehr bewegte sich ... Erst als Bonaventura sich erhob , an den Tisch eilte , auf dem das Wasser stand , sein ganzes Taschentuch eingetaucht hatte und zurückkehrte , um ihr die Stirn und Schläfe zu befeuchten , regte sie sich und suchte aufzustehen ... Sie lehnte dabei seine Hülfe ab , drückte ihren Hut fest und in die Worte der Bestürzung , die er sprach , hinein erhob sie ihre Stimme , faltete die Hände , blieb in ihrer knieenden Stellung und rief : Maria ! ... Ich wage es doch , dich anzublicken ! ... Gib mir Kraft , mein Loos zu tragen , wie du das deinige ertrugst ! ... Sieben Schwerter durchbohrten deine Mutterbrust und du sahst doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes ! ... Dann sprang sie auf , riß ihren Hut herab , stand wie wahnsinnig , erhob den Arm und flüsterte fast heiser : Auch ich werde sie sehen ! Gott hat die Zukunft meiner Liebe , das Glück und die Lebensruhe des grausamsten aller Menschen in meine Hand gegeben ! ... Dabei bebten durch die blendenden Zähne hindurch die von ihr wiederholten Worte Bonaventura ' s : » Einen andern Freund Ihrer Seele ! « Vielleicht würde Bonaventura in einem Versuch der Aussöhnung von Lucinden geschieden sein , wenn ihn die räthselhaften Worte , die sie sprach , nicht aufs neue erschreckt , der furchtbar betonte Sinn der Drohung , der in ihnen lag , nicht befremdet hätte ... Ja , sagte sie wie geisterhaft zu dem sie Anstarrenden ; das hat Gott in meine Hand gegeben ! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgen - Herr - von Asselyn ! Wahnsinnige ! rief Bonaventura aufs neue ermuthigt ... Ja , setzte sie fast lachend ihre Rede fort , ich bin die Ursache , daß das Grab erbrochen wurde , in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters bestattet war ... Bonaventura horchte auf und starrte dieser neuen Gedankenreihe ... Ich , ich kenne den Verbrecher ! Ich , ich besitze , was er im Sarge gefunden hat ! Sie - Sie besitzen - was ich seit jeder Stunde - ? Keine Verletzung der Beichte ! unterbrach sie bitter höhnend ... Ich kenne den Verbrecher ohne Ihre Andeutung ! Mir gab er , Ihnen das Gefundene einzuhändigen . Der Muth des Mannes regt sich in Ihnen ? Sie glauben , mir das Geheimniß entreißen zu können ? Suchen Sie ! Mit allen Häschern der Erde ... Sie finden Ihr Lebensgeheimniß nicht ... das halte ich ! Bonaventura , in äußerster Verwirrung , sprach fast zitternd durcheinander : Ich kenne - den Haß - dessen Sie fähig sind ... aber Sie dürfen beruhigt sein ... durch die Gerichte werd ' ich ihn nicht nähren ... Schmeicheln Sie ? Wandeln Sie dahin , wohin Sie Ihr Geschick ruft ! In die Thäler , auf die Berge ! Lassen Sie die Mitra auf Ihr Haupt setzen , wie Paula prophezeite - ich habe das Geheimniß , Sie in jeder Stunde des Tages , in jeder der Nacht - an mich zu erinnern ! Ich fürchte dich nicht ! Dämon ! Was könntest du besitzen ? Ein Bekenntniß ! Von meinem Vater ? Er ist die Liebe selbst ! Nicht von Ihrem Vater ! Von meinen Angehörigen ? ... Meiner Mutter ? Nicht von Ihrer Mutter ! Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntniß der Erde ! Die Ehre Ihres Namens ! Die Ehre eines Angehörigen ? Ha , meines Vetters Benno ? Lucinde stockte , dann sprach sie : Auch das nicht ! Lucinde ! Ich habe Sie zu allen Zeiten einen Teufel nennen hören ! Sind Sie denn wirklich ein Geist der Hölle - ? Ein Mann im rothen Haare saß in Ihrem Beichtstuhl ! antwortete sie kalt dem fast bittenden Tone ... Er bekannte Ihnen , daß er eine Schrift in lateinischer Sprache gefunden ... Fürchten Sie nicht , daß ich die Hülfe eines andern in Anspruch zu nehmen hatte , um sie zu entziffern - Ich erzählte Ihnen ja heute , von wem ich alles - Latein gelernt ! In ihrer Stimme zitterte fast eine Thräne ... Betrifft die Schrift - - ? fragte der Gefolterte . Aber er wußte selbst nicht mehr , in welchen Verhältnissen er forschen sollte . Dunkel war ihm ja nur außer dem Tode seines Vaters - eine , eine geheime Stelle in seinem Innern - sein Beruf - ! Nichts betrifft die Schrift , was Sie hindern kann , alle Prophezeiungen von Westerhof wahr zu machen ! fuhr Lucinde fort und faßte sich allmählich . Werden Sie Bischof , Erzbischof , setzen Sie sich die dreifache Krone aufs Haupt - ! Ein Wort von mir entwerthet Ihr Dasein ! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die Kraft ! Ein Wort von mir , und was Sie blühend glauben , muß verwelken , was Sie für die Ewigkeit geschaffen wähnen , muß untergehen ! Wahnsinn ! Wahnsinn ! rief Bonaventura außer sich ... Dann sprechen Sie das Wesen Ihrer Kirche aus ... erwiderte sie und wollte gehen ... Ihrer - unserer - Kirche ! ? ... Die Urkunde hängt mit meinem Glauben zusammen ? Unserm Glauben ! ... Mit der Wahrheit - dieses Glaubens ? Mit dem ganzen - ganzen Bau der Kirche ! Ein Hohnlachen schien ringsum von den Wänden widerzuhallen ... Bonaventura wandte sich , um sein Bewußtsein nicht zu verlieren ... Die Stirne brannte ihm ... Die zitternde Hand fuhr über die düstern Furchen hin und wischte die Vorstellungen ab , die sich aus ihr wie leibhaft zu sammeln schienen ... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr versetzt ? Schon wieder eine Mahnung des Zweifels ? ... Wieder das Herz im Tumult wie damals , als der räthselhafte Brief aus Italien gekommen , der ihm von Fehlern der Kirche , von Huß , Savonarola , Arnold von Brescia gesprochen ? Und wie er sich wandte , um in Güte mit Lucinden sich zu verständigen , sogar sein hartes Wort : Sie sollten sich einen andern Beichtvater suchen ! vielleicht zu mildern , mehrte sich sein Entsetzen ... Lucinde war verschwunden ... Die Stelle , wo sie noch eben wie eine Botin der Hölle gestanden , war leer . Das Auf- und Zugehen der Thür , nichts hatte er in seinem Schrecken und der tiefsten Verlorenheit in sich selbst vernommen ... Sie war nicht da . Selbst , als er die Thür aufriß und in die hellerleuchteten Corridore blickte , fand er nirgends eine Spur mehr ... Nun war alles wie ein Traum . Seine Geister rasten ... Wahnsinniger ! riefen sie ihm ... Was trotzest du mit deiner Tugend ? Was mordest du dich und andere ? Trittst Blüten der Menschlichkeit mit Füßen und gewinnst nur blutige Dornen dafür ? Bist du nicht ein Thor mit deinem entsagenden Herzen ! Lügst du nicht selbst , indem du einem Mädchen , das dich liebt , doch nur - um einer andern Liebe willen kalt bist , die , verboten wie sie ist , doch in deinem Herzen thront ? Thor , der du den erquickenden , berauschenden Trank der Leidenschaft nicht zu kosten wagst ! Wagst ? Ha , ein Schatten , ein Schatten bist du , ein Spiel der Täuschung ! Ein Gedankenschemen ohne Wahrheit ! Ein mit bunten Kleidern behängtes Nichts ! Ein Mensch ohne Leben , ohne Zeugniß für den Schöpfer , der dir den Athem seines eigenen zeugungskräftigen Daseins in die Seele blies ! ... O , wäre sie geblieben , riefen die Leidenschaften in ihm fort und fort , eine Secunde noch , vielleicht wäre die Maske gefallen und das Spiel , das erheuchelte , zu Ende gewesen ! Der Welt hätt ' ich , und wenn im Arme eines Teufels , gerufen : Unmöglich , unmöglich ist die Kirche , weil das Priesterthum unmöglich ist ! Zwischen dieser rasenden Nachwirkung einer in Liebe und Haß so gleichbestrickenden Frauenleidenschaft jammerte es tief wehmuthsvoll in ihm : Was kann sie von dir besitzen ? Was wissen ? Von deinem Vater ? Von uns allen - ? Noch kämpfte es in seinem Innern , als schon manche Mahnung wieder an seinen Beruf sich ihm näherte , manches Wort von ihm mechanisch gesprochen werden mußte , Renate kam , plauderte und ihm Fragen stellte , die er beantwortete , ohne zu wissen wie ... Dann sah er den Hauswart , sah seine Koffer holen und in den Wagen tragen , mit dem er zur Post fahren wollte ... Abschied nahm er von Renaten , von seinem Zimmer , von seinen Büchern , von seinem zerstörten Epheu , dessen zerrissene Blätter wie seine Ideale lagen ... Im Hof fand er den Wagen , in den er einstieg , geschmückt mit bunten Kränzen , hoch den Sitz mit Blumen belegt ... Er sah Männer mit Fackeln , die ihm Abschied sprachen , Frauen , die mit den Taschentüchern winkten und wehten ... Als der Wagen durch das große Portal fahren wollte , umringte ihn ein Chor von Knaben , die ihn mit einem Lobgesang begrüßten ... Er erkannte die Kattendyks , seine Beichtkinder , auch Treudchen Ley , sogar im Scheine hochgehaltener vierflammiger Kirchenlaternen einen kleinen Mann , schwarz und weiß angethan , Herrn Jean Baptiste Maria Schnuphase , der eine feurige Rede hielt ... Auch die Frau in silbernen Locken schien ihm an einem Pfeiler zu stehen und sinnend und träumerisch ihm nachzublicken ... Ringsum öffneten sich die Fenster im Hofe und die sonst so grämlichen alten Bewohner des Hauses - ihm waren sie freundlich , ihm lächelten sie Abschied und frohes Wiedersehen ! - denn , wie Klingsohr gesagt hatte , » die göttinger Ritter des Guelphenordens fühlten die Transfusion des jungen Blutes in ihren Adern « ... Der junge Domherr , leichenblaß , sprach der zahlreich versammelten Menge Worte des Dankes , Worte der Wehmuth ... Was er sprach , sprechen konnte , stand mit dem Schmerz des Abschieds im Einklang ... So kam er grüßend , handwinkend auf die Post , wo er von allen Blumen nur einen kleinen Strauß zurückbehielt und ihn in den engen Postomnibus mitnahm , der nun erst wieder auf das kleine Stückchen schon benutzter Eisenbahn fuhr ... Unmittelbar mit eigenem Fuhrwerk zur Eisenbahn zu fahren , war keinem gestattet , der mit der Post später weiter wollte . Im Posthof mußte man sich sammeln und dort wurden die Namen aufgerufen ... So war das Ghibellinenthum . Präcis , höchst geordnet , ganz nach dem militärischen Geiste Grützmacher ' s und Schulzendorf ' s und wie Thiebold de Jonge bei den Freunden Piter ' s berichtet hatte , der Generalpostmeister ( Bundestagsgesandter ) sprach einst wirklich das historische Wort gegen Einführung der Eisenbahnen : » Mit solchen Neuerungen hört die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf ! « ... Benno ' s Kampf lag eben in diesem unvermittelten Gegensatz so vieles Hochherrlichen am Ghibellinen-und so manches Hochherrlichen am Welfenthum ... Wie sehnte sich Bonaventura nach dem Geist eines Dritten , das über diesen Gegensätzen versöhnend schwebte - ! Er fuhr von dannen - tief unglücklich - das Räthsel der Welt im Herzen . Ende des vierten Buches . Fünfter Band Fünftes Buch 1. » C.M.B. Caspar , Melchior , Balthasar . ... Diese Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland schrieb die alte Zeit über Thür und Schwelle eines jedes Christenhauses , um dem Heiland daraus eine Weihnachtskrippe zu bereiten . Aber sie können noch mehr sagen , die heiligen drei Könige aus dem Morgenland ! Sie können euch zurufen : C.M.B. : C - reuzige M - eine B - egierden ! C - hristus M - ein B - ekenntniß ! C - hristus M - eine B - ahn ! C - ommunicire M - it B - edacht ! C - abalen M - üssen B - rechen ! C - abinetsweisheit M - acht B - ankrott ! « In dieser harmlos zeitgemäßen Weise war in der uralten Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn , Stift Heiligenkreuz und Schloß Westerhof , am heiligen Dreikönigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig bestehenden Gemeinde , die auch deshalb so zahlreich vertreten war , weil alles erwartete , der von vierundzwanzig Damenhänden gefertigte Wunderteppich , die vom Doctor Laurenz Püttmeyer gezeichnete Vision der » Seherin von Westerhof « , würde heute vom Pfarrer Norbert Müllenhoff geweiht werden . Diese » Weihe « mußte dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen . Aber noch drei Wochen vergingen , bis diese heilige Handlung vollzogen werden konnte . Die Damen hatten für den Kirchenfürsten zu viel zu sticken und damit jenen Müllenhoff ' schen - » Bankrott aller Cabinetsweisheit « zu beweisen ... Armgart war mit ihrem Drachen , den sie , wie Terschka an jenem Abend bei Piter Kattendyk berichtet , durch » längern Umgang lieb gewonnen hatte « , fast die erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei » Vielliebchen « verloren , die sie für Thiebold und Benno fertigte , eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher ... Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten so lange mit Ablieferung ihrer Einzeltheile der großen Arbeit , die dann Jean Tübbicke , nicht Schneidermeister , sondern - man staune des Fortschritts zu Witoborn ! - » Maître-tailleur « in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Meßners , des alten Meßners Tübbicke hier zu Sanct-Libori selbst , nach Püttmeyer ' s Zeichnung zusammenzunähen hatte . Armgart saß am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche . Ach , sie deutete sich diese akrostichische Nutzanwendung von C.M.B. aus dem Munde des jungen so schlagfertigen Geistlichen , der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines reformatorischen Eifers wegen zwar überall Spectakel gehabt , aber dennoch diese höchst vortreffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen ' schen Gütern bekommen hatte , in ihrer Weise ... Ihr - sprachen Caspar Melchior Balthasar : Herr ! C - röne M - ein B - eginnen ! ... Daß sie dabei » Cröne « mit einem C schrieb , entsprach den Witoborner alten Gesangbüchern . Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren später . Die wunderherrlichen Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff , dieser edeln , anschauungsreichen Sängerin , die , wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruß der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte , auf dem Parnaß auch das Heidekraut und die Buchweizengrütze aussäete , diese Gedichte kannte Armgart ; aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den Kreuzwegstationen