fuhr das sonst so muthvolle Mädchen zurück . » Jesus Maria ! « rief sie , indem sie die Hände auf das Gesicht preßte , dann schwankte sie erschrocken zurück bis zu ihrem Stuhle hin , auf den sie lautlos niedersank . Die Thüre war offen stehen geblieben , und die Kammerjungfer , welche bei dem sonderbaren Benehmen ihrer Gefährtin ebenfalls erschrocken aufgesprungen war , sah auf dem halbdunklen Gange draußen eine Gestalt , die in einen großen Mantel gehüllt war . Nur der Kopf derselben war frei , und als sie in die leuchtenden Augen schaute , stürmte eine schreckliche Erinnerung auch auf sie so heftig ein , daß sie sich am Tische halten mußte . - Großer Gott ! ja , sie erkannte den Blick , die ganze Gestalt war ihr unvergeßlich , denn sie hatte sie oft in wilden Träumen vor sich gesehen . Das waren die Augen , die sie ernst aber nicht unfreundlich angeschaut , das war der Arm , der sie aufrecht erhalten , das waren die hohen glänzenden Stiefel , welche ihre heiße Wange berührt hatten und deren Kälte und Glätte sie wieder zum Bewußtsein erweckt . Die Gestalt trat langsam in das Zimmer und wie sie das that , erhob sich das ehemalige Harfenmädchen mit dem Ausdruck des tiefsten Schreckens von ihrem Stuhle und ohne einen Blick von dem Eintretenden wegzuwenden , zog sie sich langsam zum Fenster zurück . Der im Mantel trat mit leichten Schritten bis in die Mitte des Zimmers vor und sagte in gefälligem Tone zu der Kammerjungfer : » Bitte , die Zimmerthüre wieder zu schließen ; ich wünschte ein paar Augenblicke mit dir zu reden . « Bei diesen Worten huschte Nanette eilfertig an der Wand des Zimmers hin gegen die Thüre zu , vielleicht um diesem Befehl Folge zu leisten , vielleicht aber auch , um aus der für sie so entsetzlichen Nähe zu entwischen . Etwas der Art mochte sich übrigens der Fremde auch denken , denn er wandte sich langsam um , folgte den Bewegungen des Mädchens mit den Augen , und als sie an der Thüre angekommen war , sagte er mit ruhiger Stimme : » Nur schließen und den Riegel vorschieben - so- « Darauf machte er eine Handbewegung , welche Nanette unwillkürlich zwang , ihren Platz am Fenster wieder einzunehmen . Als sie wieder da angekommen war und der Schein des Lichts auf ihr Gesicht fiel , sprach der Fremde lächelnd zu der Kammerjungfer : » So , so , du protegirst und hast die Gefährtin von damals nachgezogen ? Dagegen kann man nichts einwenden , es gefällt mir sogar , nur hätte ich geglaubt , du würdest mir eine kleine Anzeige davon machen . Doch bist du überhaupt keine Freundin von Berichten und dieselben werden von Tag zu Tag mangelhafter . « Das Mädchen zuckte bei diesen Worten zusammen und blickte auf den Boden . » Es ist auch Zeit , daß ich mich in deinem Gedächtniß wieder einmal auffrische ; ich glaube , du hättest mich sonst ganz vergessen . « » Nie ! nie ! « hauchte das erschrockene Mädchen . » Oder deine Verpflichtungen , « fuhr der Andere lächelnd fort . » Ah ! « sagte er nach einer Pause , während welcher er sich rings im Zimmer umgesehen , » du zeigst wenig Eifer für uns und man hat die doch in eine Position gebracht , die angenehm zu nennen ist . Es ist das aber so der Welt Lauf , daß man Wohlthaten gern vergißt ; aber Eines ersuche ich dich nicht zu vergessen , daß nämlich meine Hand über dir schwebt , daß ich dich halten kann oder dich tief hinab stürzen , zermalmen , in Nichts zurücksinken lassen , wie es mir gerade einfällt . « Damit hatte er seine Rechte langsam ausgestreckt , sie geöffnet , und als er sie nun wieder zusammenzog , schauerte es den beiden Mädchen und es war ihnen gerade , als öffne sich zu ihren Füßen ein finsterer Abgrund , mit glattem schlüpfrigen Rande , wo hinein zu stürzen es für sie nicht mehr als eines Lufthauch bedürfe . » Doch genug , « sprach der Fremde in gefälligerem Tone , » ich bin eigentlich nicht gekommen , dir Vorwürfe zu machen oder dir Mißtrauen zu bezeigen . Im Gegentheil , ich will dir mein Vertrauen beweisen und dich sogar um eine kleine Gefälligkeit bitten , die du mir nicht abschlagen wirst . « » Ich stehe in Ihrer Hand , « erwiderte Henriette , ohne aufzublicken . » Das weiß ich wohl und muß Ihren Befehlen Folge leisten . Sie können mich zwingen . « » Ich möchte aber diesmal , daß du es freiwillig thätest . Auch verlangt man nichts Schlimmes von dir . « » O wenn es mich beträfe , so würde ich mit tausend Freuden Ja sagen . « Der Mann im Mantel warf fast verächtlich die Lippen auf und versetzte achselzuckend : » Deine Person betrifft es nicht , nur deinen Dienst . « Das arme Mädchen fuhr zusammen und warf einen schüchternen Blick auf ihre Gefährtin . Der Fremde hatte diesen Blick wohl bemerkt , er ließ langsam das eine Ende des Mantels von der Schulter herabgleiten , legte die linke Hand leicht auf den Griff seiner Waffe , die er heute wie damals trug , und sagte , während er das ehemalige Harfenmädchen scharf anschaute : » Nur unbesorgt : wir sind ganz unter uns . - Höre mich an . « » Ich höre , « entgegnete Henriette mit gesenktem Kopfe . » Heute Abend ist ein Maskenball hier im Schlosse . Der Hof wird gegen zehn Uhr da sein , um welche Zeit ein kleines Maskenspiel beginnt , welches von den hohen Herrschaften arrangirt wurde . Vorher aber wird sich die Frau Herzogin mit ihren Damen noch einen kleinen Spaß machen und vermummt erscheinen . Natürlicherweise ist auch deine Herrin dabei . Dort liegt ein Theil ihres Kostüms . « Er zeigte auf den Schleier mit den silbernen Sternen . » Bei dem Maskenfeste aber ist Fräulein Eugenie von S. , eine der Ecuyèren Ihrer Majestät . Ich sehe dort ihren Anzug , das dunkelblaue Oberkleid mit den weißen Achselbändern . - Ist ' s nicht so ? « » So ist es , « brachte Henriette mühsam hervor . » Nun wohl - höre mich an : So viel ich weiß , wirst du dich gegen zehn Uhr zum Umkleiden deiner Herrin in eine der Garderoben neben dem großen Saal begeben . Gut , daran wird nichts geändert . Ehe du aber den dunkelblauen Anzug dorthin bringst , wirst du die weißen Achselbänder von demselben lostrennen und dafür diese hier aufnähen . « Bei den Worten zog er ein kleines Paketchen unter dem Mantel hervor , riß die Papiere ab und reichte dem auf ' s Höchste überraschten Mädchen zierlich gemachte Achselbänder , in Blau , Grün mit Silber . - » Das Ganze ist eine Ueberraschung für Fräulein von S. « fuhr er nach einer Pause lächelnd fort , » du mußt nicht denken , daß hinter meinen Befehlen immer etwas Gefährliches stecke . Wie gesagt , nur ein Scherz , eine Ueberraschung . Du wirst also wohl begreifen , daß deine Herrin davon nichts ahnen darf und hast es denn auch so einzurichten , daß sie die neuen Achselbänder erst dann sieht , wenn sie vollkommen angezogen ist . « » Aber wie ist das möglich ? « fragte das Mädchen , während es die Hände zusammenfaltete . Trotz der Versicherung des Unbekannten glaubte sie doch nicht , daß die Verwechslung der Farben so gar wenig zu bedeuten habe , und zitterte wenn sie daran dachte , daß aus diesem Tausch Schlimmes für ihre Herrin entstehen könnte . » Wie es zu machen ist , daß Fräulein von S. die Farben nicht früher entdeckt ? « meinte der im Mantel lächelnd . » Auf die einfachste Art von der Welt . Um die Achselbänder zu schonen , umnähst du sie mit seinem Papier , welches du nur loszureißen hast , sobald Fräulein von S. vollständig angezogen ist . Hast du mich verstanden ? « » Ja , « sagte das schmerzlich bewegte Mädchen . » So höre noch Eins : Wenn du diese Sache gut besorgst , so wird es mich freuen und ich will dein Schuldner sein . Hüte dich aber , Jemanden , es sei , wer es wolle , davon zu sprechen , auf welche Art der Tausch der Achselbänder vor sich gegangen . « » Aber man wird mich darüber befragen , auf das Genaueste befragen . « » Daran zweifle ich nicht . Und du wirst antworten : diese Achselbänder seien heute Abend geschickt worden mit dem Befehl deiner eigenen Herrin , sie statt der weißen an das Kostüm zu heften . « Die Kammerjungfer schüttelte betrübt den Kopf . » Wenn dem so wäre , « sprach sie , » so müßte ich doch mit dem gnädigen Fräulein darüber sprechen , wenn sie nach Hause käme und müßte ihr die neuen Achselbänder zeigen . « » Allerdings , « versetzte der Fremde , » das müßtest du als vorsichtige Dienerin thun . Aber du wirst heute Abend einmal unvorsichtig sein , vergeßlich . Erst wenn Fräulein von S. kostümirt ist , fällt es dir ein , daß du andere Achselbänder aufgeheftet . Hast du mich verstanden ? « » O ich verstehe Alles . « » Nun , so verstehe mich auch vollkommen und merke dir : es ist mein Wille , mein Befehl , daß es so geschieht , wie ich gesagt . Glaube nicht , daß dich diese Mauern schützen , wenn du meinem Befehl ungehorsam wärest . - Doch , « setzte er mit weicher Stimme hinzu , » ich will dir keine Furcht einflößen , ich will mich an deine Dankbarkeit wenden , und von diesem Gefühle in deinem Herzen bin ich überzeugt , daß es dir helfen wird , meinen Wunsch zu erfüllen . « Er faßte bei diesen Worten ihre Hand , mit welcher sie sich fast gewaltsam am Tische festhielt , und als sie bei dieser Berührung zusammenfuhr , sprach er mit einem angenehmen Lächeln : » Der kleine Dienst , den du mir leisten wirst , soll dein letzter für mich sein . Damals sagte ich dir , es sei unwahrscheinlich , aber doch möglich , daß ich dich nochmals wiedersähe , heute dagegen versichere ich dich auf ' s Bestimmteste , daß wir uns nie mehr begegnen werden , wenn du meinen Wunsch pünktlich erfüllst . - Etwas Anderes wäre es freilich , « fuhr er mit gänzlich verändertem Tone fort , » wenn du an mir zur Verrätherin werden wolltest . In dem Momente blicke um dich und schaudernd wirst du mich wiedersehen . « » Ah ! « machte das geängstigte Mädchen und preßte schmerzlich bewegt ihre beiden Hände vor das Gesicht . Als sie dieselben langsam wieder sinken ließ , war er verschwunden und sie sah an dem erschrockenen Blick ihrer Freundin , welchen diese auf die nun wieder offene Thüre geheftet hielt , daß er das Zimmer verlassen . Henriette sank auf ihren Stuhl nieder , reichliche Thränen floßen über ihr Gesicht herab , wobei sie ausrief : » O ich wußte es wohl , daß dies glückliche , friedliche Leben von nicht langer Dauer sei ! Sie wird mich von sich stoßen , ich bin verloren ! « Draußen auf dem Korridor warf er den Mantel über die Schultern , so daß sein Gesicht fast von demselben verdeckt wurde , und dann verließ er , die hellerleuchteten Gänge und Treppen vermeidend , aus einer hinteren Thüre das Schloß . Auf der Straße angekommen , schien er einen Augenblick unschlüssig , wohin er sich wenden solle . Er machte ein paar Schritte gegen den Kastellplatz zu , wandte aber gleich darauf wieder um , trat in eine der kleinen dunklen Straßen , von denen mehrere in der Nähe des Schlosses mündeten und ging auf dieser fort , der oberen Stadt zu . Bald erreichte er eine Straße , an deren Ende sich ein Springbrunnen befand , dorthin wandte er seine Schritte , und bei dem Brunnen angekommen , stellte er sich mit dem Rücken gegen denselben und blickte das gegenüber liegende Haus an ; entweder war in keinem der Zimmer ein Licht oder man hatte dichte Vorhänge herabgelassen . » Ich weiß nicht , wie mir ist , « sprach er zu sich selber und zog seine Uhr hervor , » jetzt treibt es mich diesen Abend schon zum dritten Male vor dies Haus - unerklärlich ! Gerne ginge ich einen Augenblick hinauf , doch ist mir mein Anzug hinderlich . Beil würde mich nicht geniren , aber die alte Frau und das Kind ; und dann könnte auch sie wohl da sein . « Er hielt das Zifferblatt der Uhr gegen die Gaslaterne . » Erst Sieben ; ich könnte mich rasch umkleiden und dann einen Augenblick hinaufgehen . - Ah bah ! Man muß sich von seinen Nerven nicht zwingen lassen . - Und doch war ich lange nicht so weich gestimmt , wie am heutigen Abend ; ich glaube fast , meine Hand zittert . Ja , ich fühle mich aufgeregt ; hätte das Mädchen im Schlosse mich mit Bitten bestürmt , ich hätte die Achselbänder des Herzogs zu allen Teufeln fahren lassen . « Der im Mantel hatte Recht , als er so vor sich sprach , denn wer ihn früher hätte nächtlich durch die Straßen dahin gehen oder beobachtend vor dem Hause stehen sehen , würde wohl heute einen großen Unterschied haben wahrnehmen können . Er spähte nicht eifrig umher , wie er sonst wohl zu thun pflegte , er hemmte nicht den Schritt und wandte den Kopf bei dem leisesten Geräusch , sondern er ging ganz gegen seine Gewohnheit wie träumend einher , den Blick auf den Boden gesenkt , unachtsam , stolpernd . Sein Geist war offenbar beschäftigt und zerstreut , woher es denn auch wohl kommen mochte , daß er nicht gewahr wurde , wie sich während der Zeit , die er am Brunnen zubrachte , die Gestalt eines Menschen , welche im tiefsten Schatten des gegenüberliegenden Hauses versteckt stand , zuweilen gegen ihn vorbog und ihn während der ganzen Zeit , die er dort zubrachte , unablässig und aufmerksam anschaute . Ja , als er sich hinweg begab , folgte ihm die Gestalt , wobei dieselbe immerfort die Schatten der Häuser benützte , um nicht von ihm gesehen zu werden . Doch , wie schon bemerkt , sie hätte sich diese Vorsicht sparen können , denn er ging die Straße hinab den Kopf gesenkt , nicht auf- noch rückwärts blickend . Er wandte seine Schritte dem Fuchsbau zu und die Gestalt hinter ihm ließ ihn nicht aus den Augen . Sie war ihm gefolgt , den Kopf vorgestreckt , die Augen weit geöffnet . Auf einmal aber stutzte sie und blieb stehen ; sie wandte den Kopf jetzt halb rechts , jetzt halb links und stürzte darauf mit ein paar raschen Schritten vorwärts , um hierauf abermals stehen zu bleiben . Als sie so zum zweiten Male stehen blieb , war das dicht vor der hohen Mauer eines Hauses , welches mit dem Fuchsbau zusammenhing . An dieser Mauer war der vor ihr Wandelnde verschwunden ; der Teufel mochte wissen , wo er hingekommen war . Da befand sich weder Thüre noch Fenster , ja nicht einmal eine Spalte , wo eine Maus hätte durchkriechen können , der Verfolgte aber war verschwunden und der Verfolger stand kopfschüttelnd vor der hohen Mauer , ging erst zwanzig Schritte rechts , dann ebensoviele links , um vielleicht hier einen Eingang zu erspähen , umkreiste nach dieser vergeblichen Bemühung den ganzen Häuserkomplex und eilte dann mit ziemlich raschen Schritten nach der obern Stadt zurück . Siebenundsiebenzigstes Kapitel . Im Fuchsbau . Der Andere war indessen durch den fast nur ihm allein bekannten sehr kunstreich versteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt , immer noch ohne Ahnung , daß ihn Jemand bis an die Mauern desselben verfolgt . Ein schmaler Gang nahm ihn auf , der spärlich erhellt war von einer einzigen Lampe , die in einer Nische brannte . Neben sie legte er seinen Mantel hin , stieg langsam eine Treppe hinauf , und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer . Hier befand sich Niemand , überhaupt herrschte im ganzen Hause , wenigstens in diesem Theile desselben , die gewöhnliche tiefe Stille . Auf dem Tische brannten zwei Lichter , im Kamin loderte ein helles Feuer . Der Eingetretene legte seinen Hut auf den Tisch , fuhr sich mit der Hand über die Stirne , schränkte darauf die Arme über der Brust , und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab . Ihn beschäftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt , er wußte selbst nicht warum . Er hätte so gerne Herrn Beil besucht und das Kind , und daß er es unterlassen , verursachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefühl . Doch konnte er sich von diesem Gefühl keine Rechenschaft geben . Wie oft war er schon Nachts bei diesem Hause vorübergegangen , ohne es zu betreten ; er hatte die dunkeln Fenster gesehen wie heute , er hatte gedacht : sie schlafen schon oder befinden sich in den hinteren Zimmern ; er war beruhigt fortgegangen , ja oftmals vor sich hin lächelnd , wenn er sich den guten Beil vorgestellt , wie er jetzt mit der wichtigen Miene eines Hofmeisters die Kapitel aus Geographie und Geschichte seinem Zögling wiederholte , die er selbst am Morgen erst mühsam erlernt . Heute hatte er sich den Herrn Beil nicht in so behaglichem Zustande denken können . - » Bei Gott ! « sprach er zu sich selber , » ein solches Gefühl hat mich noch selten getäuscht , es ist da etwas vorgefallen . Ich muß mir Gewißheit verschaffen . « Er riß heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug , und ein heller Klang ertönte augenblicklich darauf in dem Wirthszimmer . Eine Weile darauf hörte man die eiligen Schritte eines Mannes , die Thüre wurde hastig geöffnet , und Herr Scharffer trat herein , ehrerbietig auf der Schwelle stehen bleibend . Er war etwas schnell gelaufen , sah echauffirt aus , und blies hastig den Athem von sich , so daß sein weit abstehender , schwarzer und struppiger Backenbart eine seltsame Bewegung machte . Der Andere trat ihm rasch entgegen und sagte : » Mathias soll herkommen . « » Mathias ? « fragte der Wirth erstaunt . » Der wird sobald nicht kommen können . « » Ah Teufel , wie konnte ich das vergessen , Meister Scharffer ! Gewiß , ich habe heute Abend meine Gedanken nicht beisammen . Und doch beschäftigte ich mich fast den ganzen Tag mit Mathias . Wie geht es ihm ? « Der Wirth zuckte die Achseln , verzog seinen breiten Mund und entgegnete : » Die Wahrheit zu sagen , Herr - schlecht . Gott möge den verdammen , der den Stoß geführt ; er ist tief , sehr tief gegangen . Er drang in die Seite ein und verletzte , wie der Chirurge sagte , die Lunge so schwer , daß - ja , ich kann ' s nicht verschweigen , sein Aufkommen sehr ungewiß ist . « Erschreckt trat der Andere einen halben Schritt zurück , faßte den Griff seines Dolches und biß sich heftig auf die Lippen . » Er hat auch viel Blut verloren , ehe sie ihn herbrachten , « fuhr Herr Scharffer fort . » Viel Blut ; und das geht ihm beständig nach , denn er fällt von einer Ohnmacht in die andere , oder man könnte eher sagen , er kommt selten mehr zum Bewußtsein , denn er liegt die meiste Zeit schwer athmend da und mit geschlossenen Augen . « » So muß ich nach ihm sehen . Er ist doch gut verpflegt ? « » Wie können Sie zweifeln , Herr ? « versetzte der Wirth im Tone eines leichten Vorwurfs . » Mathias , der uns Allen in ' s Herz gewachsen ist ! Ich versichere Sie , Alle im Fuchsbau sind voll Jammer und Betrübniß . « » Führt mich hinauf . Ich muß ihn sehen . « » Sogleich Herr . Aber ich vergaß zu melden , daß Josef draußen ist ; er suchte Sie schon seit mehreren Tagen und kam nun vor wenig Augenblicken , sah aber sehr bleich und erschreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein . Ich bemerkte ihm , es sei noch kein Zeichen mit der Glocke gegeben worden und Sie auch demnach noch nicht im Hause . Darauf biß er sich heftig auf die Nägel und lief , allerlei murmelnd in der Stube auf und ab . Sagen Sie mir doch , Herr , « fuhr er mit einem lauernden Gesichtsausdruck fort , » trauen Sie dem Josef völlig ? « » Wie mir selbst . - Aber wozu die Frage ? « » Nun , er ist zuweilen in der Nähe der Polizeidirektion gesehen worden , und Sie wissen wohl selbst , Herr , daß wir mit den Lakaien im Allgemeinen Unglück haben . « » Seid unbesorgt , mit dem da nicht . Er soll sogleich herein kommen . Ihr könnt in der Nähe bleiben ; ich habe vielleicht Aufträge für Euch . « Der Wirth zog sich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes hinaus ; gleich darauf trat Josef herein . Herr Scharffer hatte übrigens recht , wenn er behauptete , der Jäger sähe unruhig und zerstört aus . Dem war wirklich so ; sein Gesicht war noch blässer als gewöhnlich , und seine Augen hatten einen seltsamen Ausdruck . Der junge Mann stand mitten im Zimmer , er hatte die eine Hand in die Hüfte gestemmt , mit der andern winkte er dem Eintretenden lächelnd zu , wobei er sagte : » Ei , Josef , ich hätte nicht geglaubt , dich so bald wieder hier zu sehen . Du mußt mir Außergewöhnliches zu melden haben . « » So ist es auch , « erwiderte Josef nach einem tiefen Athemzuge . » Ich erlaubte mir , Sie schon mehrmals aufzusuchen , Herr , aber Sie waren seit mehreren Tagen nicht mehr hier im Fuchsbau ; und auch Mathias ließ sich niemals sehen . « » Ach ja , der arme Mathias ! « sagte der Andere . » So ist es also wahr , Herr , was ich mir gedacht , als ich von jenem Einbruche und der Verwundung eines der Beteiligten sprechen gehört ? Und Mathias ist - todt ? « » Nein , aber leider schwer verwundet . Doch sprich , was hast du mir zu sagen ? Dein Aussehen gefällt mir nicht , Josef ; du hast Schlimmes zu berichten . « » Sehr Schlimmes , Herr . « » Nur zu , nur zu , man muß auf Alles gefaßt sein . Erzähle ohne Vorrede ; du weißt , ich liebe kurze Mittheilungen . « Josef verbeugte sich und holte mühsam Athem , als er sprach : » Neulich war mein Herr mit einem Bekannten spät Abends allein in seinem Kabinet . « » Wann war das ? « » Vergangenen Freitag . « » Ah ! - und welcher seiner Bekannten blieb bei ihm ? « » Der Herr Maler Erichsen . « » Richtig , richtig ! « murmelte der junge Mann . Er blickte auf den Boden und dachte : das war an jenem Abend , wo Erichsen seine Porträts des Herrn Dankwart vorzeigte . Den andern Morgen war er bei mir und verlangte die bewußte Schrift mit einem Abdruck meines Talisman . Hören wir , was dazwischen vorfiel . - Während er so nachdachte und zu Boden schaute , hatte das dunkle Auge des Jägers aufmerksamer als je zuvor abwechselnd auf seinen Zügen , namentlich aber auf seiner Gestalt geruht . Es schien , als stellte er Vergleichungen an , und je länger er das that , um so mehr verlängerten sich eine Züge , um so mehr nahmen sie den Ausdruck des Schreckens an . Er fuhr ordentlich zusammen , als nun der Andere sagte : » Und was geschah an dem Abend , Josef ? « » Die beiden Herren , « fuhr der Jäger mit bebender Stimme fort , » sprachen über - eine räthselhafte Person , die in der Gesellschaft umhergehe , die meisten vornehmen Häuser besuche , die sich das Ansehen eines unabhängigen , hochstehenden Mannes gäbe , die aber im Verborgenen - allerlei seltsame und sonderbare Geschichten treibe . « Wäre der junge Mann nicht so vollkommen Meister seiner selbst gewesen , so hätte man auf seinem Gesicht eine Bewegung wahrnehmen müssen . Denn obgleich ihn die Worte des Jägers gänzlich unvorbereitet überfielen , wußte er doch sofort , wen dieser meinte , und deßhalb waren die Worte desselben tief einschneidend wie die Schärfe einer Axt , die , mit sicherer Hand geführt , den Baum trifft . Doch verzog sich keine Miene ; nur eine Sekunde lang zuckten seine Augenlider . Ja , etwas wie Verwunderung flog über sein Gesicht , als er entgegnete : » Und wer ist diese räthselhafte Person ? « » Sie nannten den Herrn Baron von Brand . « » Ah ! den Baron von Brand ! Unser guter Bekannter , durch dessen Vermittlung du deine Stelle erhieltst . « » Derselbe , Herr . « » Er kommt öfter zum Grafen Fohrbach ? « » O - sehr - oft . « » Natürlich sahst du ihn zuweilen ? « » Ja - Herr , häufig . Aber ich ging ihm aus dem Wege , ich wußte nicht , ob es ihm angenehm sei , mir zu begegnen . « » Daran thast du sehr klug . Teufel ! man muß das dem Baron mittheilen . « » Ich that es ja schon , Herr , « rief der Jäger in gewaltiger Bewegung . » Ja , Herr , verzeihen Sie mir ; ich kann nicht anders , ich muß Sie warnen , denn es ginge mir an ' s Leben , wenn Ihnen ein Unglück zustieße ! « Bei diesen Worten war der Jäger vor dem Andern auf die Kniee gestürzt , ein Paar Thränen liefen über seine bleichen Wangen herab , und obgleich der junge Mann einen Schritt zurückgetreten war , hatte Josef seine Hände ergriffen und hielt sie mit den seinigen krampfhaft zitternd fest . » He , Josef ! « entgegnete der junge Mann , indem er seine Hände loszumachen versuchte , » du spielst eine eigene Komödie . Laß die Narrheiten , steh ' auf . « Er wollte in seinen Ton eine Härte legen , was ihm aber nicht vollkommen gelang . Ja er brachte diese Worte nur mühsam , gepreßt hervor . » Stoßen Sie mich nicht zurück , Herr , « fuhr der Jäger leidenschaftlicher fort . » Sie sagten schon mehrmals , Sie schenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen . O thun Sie es in Wahrheit ; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie schleunigst Ihr Maßregeln ! « » Gewiß , Josef , sei nicht kindisch , - steh auf ! Was geht mich dein Baron von Brand an ? Was er angerichtet hat , soll er verantworten . Und so will ich es gerade machen . - Aber steh ' auf . Für deinen Eifer danke ich dir herzlich , danke ich dir wie ein Freund dem andern dankt . « Bei diesen Worten zitterte seine Stimme , und als er den Jäger empor hob , fühlte dieser einen festen Händedruck . - » Doch du bist mit deinen Unglücksbotschaften noch nicht zu Ende . Sprich weiter , ich bin auf Alles vorbereitet . « » O wenn es so wäre ! « seufzte Josef . » Soeben kam mein Herr aus dem Schlosse ; er hatte den Dienst ; Sie wissen , Herr , daß man dort im Vorzimmer zuweilen Manches erfährt , was eigentlich verschwiegen bleiben sollte . « » Ja , ich weiß das , « sagte der Andere aufmerksam . » Der Polizei-Direktor war vor der Tafel bei Seiner Majestät . « » Nachmittags gegen fünf Uhr ? - Eine außergewöhnliche Stunde . « » So kam es dem Herrn Grafen auch vor ; und ich glaube , es war Seiner Erlaucht auffallend genug , um darüber Erkundigungen einzuziehen . « » Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei-Präsidenten selbst ? O wenn die Stillschweigen gelernt hätten ! - Nun , es wird ' was Unbedeutendes gewesen sein . « » Nein , Herr , es war etwas sehr Bedeutendes . - Sie kennen ein kleines Haus in der Schilderstraße ; gegenüber steht ein Brunnen . « » Ich kenne es nicht , « entgegnete der Andere scheinbar unbefangen . » Sie gingen oft dahin , Herr . « » Ich ? - Niemals ! « » Ah ! verzeihen Sie , ich meinte den Herrn Baron von Brand . « » Das ist etwas Anderes . - Aber weiter ! weiter ! « Obgleich die Stimme des jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war , so athmete er doch fast hörbar , seine Augen glänzten und seine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches hin und her . » In dem Hause , « fuhr Josef mit festem Blicke fort , » hat die Polizei heute Nachforschungen gehalten . « » Die Polizei ! - und weßhalb ? - Wer gab ihr das Recht dazu ? - Was fand sie ? « Achselzuckend fuhr der Jäger fort : » Ich weiß Ihnen nur die letzte Frage zu beantworten , Herr .