Wahn und kleine Täuschung auf , und die Mechanik , ist die vollends nicht ein ungeschlachter Riese , der mit der furchtbaren Keule seiner mathematischen Gesetze Alles zertrümmert und fast die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen Vorstellung über ihre Kräfte gehoben hat ? Ja , Durchlaucht , was ist da Wahrheit ? Der Mensch ist die einzige Wahrheit , die wir begreifen können ; der Mensch in seinem Sehnen , Bedürfen , der Mensch in seinem Haß und seiner Liebe , der Mensch in seiner Größe und seiner Ohnmacht , und wenn der Schriftsteller jetzt einen Beruf hat , so ist es der , die Ästhetik der Wahrheit zu lehren , d.h. das Fühlen und Empfinden , das Zittern und Jauchzen , das Verzweifeln und das Triumphiren des denkenden Ichs . Ästhetische Weltanschauung , Durchlaucht , diese wird uns zur Vermittelung der Extreme führen . In diesem Sinne hoff ' ich , wenn die Feder mir den Dienst nicht versagt , segensreich zu wirken . Egon , der auf Principien katonisch strenge hielt , ja etwas Stoisches in seinen Überzeugungen bewahrte , erschrak fast über diese vague , flimmernde Erklärung , obgleich er nicht im Stande war , sogleich die Gefahr zu erkennen , die aus einer zu üppig wuchernden Beweglichkeit des Geistes für den Charakter und die Reinheit aller Meinungskämpfe entstehen konnte . Dennoch sagte er nicht ohne Ironie : Da will ich nur nicht wünschen , Herr Pfarrer , daß Sie der Sultan kommen läßt , Ihnen den Sonnenorden umhängt und den Auftrag ertheilt , über Muhamed ' s göttliche Sendung zu schreiben ! Guido Stromer war auch sogleich von der Vorstellung des Orients , von dem Sonnenorden und den Anschauungen des west-östlichen Divans so in seiner beweglichen Phantasie geblendet , daß er nichts erwiderte , sondern die Augen gewaltsam und mächtig aufschlug , als würde ihm eine neue verlockende Gedankenreihe eröffnet , eine Perspective in die Gärten von Schiras und Damaskus . Er blickte wie ein von Opium Berauschter und flüsterte nur : Sonnenorden ? Muhamed ' s göttliche Sendung ? Also Schriftsteller ! unterbrach Egon sein Träumen , das sich noch im Echo seiner langen Rede zu wiegen schien . O da wünsch ' ich von Herzen Glück ! Sieh ! Sieh ! Wie überraschend Das ist ! Herr Stromer , lassen Sie mich bald von sich hören ! Schicken Sie mir das Erste , was Sie veröffentlichen ! Wie begierig bin ich ! Wie gespannt ! Besuchen Sie mich oft und die nähere Einleitung Ihrer Wünsche treffen Sie mit dem Justizdirektor ! Diese Worte waren denn wohl einer Entlassung gleich . Stromer , fast erstaunt , daß der junge Fürst eine solche Mittheilung über sein künftiges Wirken sichtlich doch etwas verlegen , ja ängstlich aufnahm , verbeugte sich . Es schien über sein bewegliches Antlitz der Gedanke zu fahren : Der arme junge Mann ! Ich hab ' ihn in Verlegenheit gesetzt ! Ich bin ihm plötzlich zu hoch gewachsen , zu bedeutend überragte ich ihn ! Stromer ging mit vieler Förmlichkeit und dankte für die ihm widerfahrene Gnade . Nicht ohne eine gewisse gemachte Empfindsamkeit warf er , als er schon die Thür in der Hand hatte , noch einen Blick auf die in einer Ecke des Zimmers aufgestellten mehrfachen Bilder der Fürstin Amanda . Als sich Egon nach Louis umsah , trat dieser ausgerüstet mit Hut und leichtem Stocke herein , um auszugehen . Es ist gut , sagte er , daß du nicht zugegen warst , lieber Freund . Eben hab ' ich mich so albern benommen , daß man von meinen geistigen Kräften bald eine sehr geringe Meinung in Umlauf gesetzt hören wird . Dieser Mann , Geistlicher auf meinen Gütern , erklärt mir eben , daß er die Absicht hätte , die Feder zu ergreifen und unsere Literatur zu bereichern . Und statt dies Geständniß freudig zu begrüßen , statt ihn über die Pläne , die er auszuarbeiten gedenkt , zu befragen , gebehrd ' ich mich wie ein Mensch , dessen Weisheit einem Schriftsteller gegenüber zu Ende geht . Oder vielleicht wie ein geborener Aristokrat ! sagte Louis und suchte es trotz seiner Aufregung noch über sich zu gewinnen , den scherzenden Ton beizubehalten . So oft ich mit einem Maler zu einem reichen oder vornehmen Manne kam , merkt ' ich immer , daß man die Schaffenden doch ängstlich und befangen behandelt . Ein Maler , der mich hier in meinem kleinen Comptoir besuchte , er heißt Leidenfrost , sagte mir , als ich diese Bemerkung machte : Mein guter Freund , Das geschieht , weil zwischen dem Genie und der Prärogative der Abstand so groß ist , daß die Reichen und Vornehmen ihn meist nur durch Insolenz glauben ausfüllen zu können . Das paßt natürlich auf meinen Freund Egon nicht , wohl aber auf viele Vornehme und vielleicht immer auf das Schicksal der Schriftsteller . Wenn ich aristokratisch erscheine , sagte Egon , so ist nur mein Freund Louis Armand Schuld . Wer heißt dich denn in fremder Gegenwart mir die lächerlichen Ehren meines Standes anthun , mir Lüstre geben , sich zum Schemel meiner Würde machen ? Louis , der eben einen schwarzen Handschuh zuknöpfte , sah den jungen Fürsten mit einem von unten emporblickenden Auge voll Rührung an . Er sagte nichts , aber es lag in seinem fragenden Blick der ganze Schmerz ausgedrückt , daß dies seltene Verhältniß , das der sonderbarste Zufall und die Laune eines eigenthümlichen Charakters so gefügt hatte , nun wol nicht mehr lange in dieser Form bestehen würde . Louis , sagte aber Egon gerührt , könntest du je an meiner Treue , an meiner ewigen Freundschaft zweifeln ? Louis schwieg und sah zur Erde . Du bist gerettet , sagte er nach einer Weile , Louison ' s Schatten möge dich schützen ! Ich bin nun dein Wächter nicht mehr , nicht der Pfleger des jungen Fürsten , den Alle verehren , Manche fürchten und nur Wenige wahrhaft lieben werden . Ich kehre nun zurück zu meinem kleinen Comptoir . Ich bin Louis Armand wieder , der Kunsttischler und Vergolder . Egon drückte ihn gerührt an ' s Herz . Mein Bruder ! Mein Freund ! sagte der junge Fürst . Ich danke dir mein Leben ! Wenn ich je vergessen könnte ... Erinnere dich unserer glücklichen Zeit , sagte Louis bewegt , und habe nie umsonst gelebt im Schooße des Volkes ! Einige Tage noch und du bist in die Herrlichkeit deines Standes so wieder eingeführt , daß du davon überflutet sein wirst . Die Sorge um dein Eigenthum hat dir ein kundiger , braver Mann in Hohenberg abgenommen ! Du hast das Bild , dessen Geheimniß dir bald gelöst sein wird ! Du hast die feurige Liebe wieder , in deren Umarmungen du die Poesie finden wirst , die eher für dich paßt als einst die Lyoner Idylle unter unsern alten Nußbäumen ... Nein , nein , Louis ! Ich wollte , ich hätte mich getäuscht und diese Briefe wären von einer fremden Hand geschrieben , nicht von Helenen ' s. Wir haben schon gesagt , Freund , unsere Zeit ist nicht darnach , Liebe von sich zu stoßen . Laß sie dein Glück sein , aber auch deine Zierde , dein Stolz , deine Erhebung ! Das kann sie nicht ! sagte Egon düster . Eine solche Liebe , Louis , bleibt egoistisch . Sie klammert sich wie die zärtliche Umarmung der Schlingpflanze an uns an , will erst nur lieben , nur dienen , nur gehorchen und bald ist uns das Mark der Seele , das Wachsthum unserer Zweige ausgesogen , wir verdorren und sind nur noch der Schatten unserer selbst ! O möge diese Erfahrung nie kommen , mein Egon ! sagte Louis besorgt . Egon schwieg nachdenklich . Dann umarmte er mit stummer Rührung noch einmal den bescheidenen Fremdling , mit dem er schon so viel Frohes und Trübes erlebt hatte und der eben von ihm schied mit dem Gefühle , das er sich wol eingestehen durfte : Ich habe dich vom Tode gerettet ! Wer weiß , ob mir noch länger dein Leben gehören wird . Egon rief Louis noch nach , ja nicht bei Tisch zu fehlen und durchaus der heutigen Fahrt nach Solitüde sich anzuschließen . Ich muß noch einen Arm haben , sagte er , der mich stützt , einen Fuß , der mit mir geht , einen Kopf , der für mich denkt , Louis ! Glaube mir , es wird mir Alles schwer und ich denke , ich bedarf deiner wol für den ganzen Weg meines Lebens ! Darunter würd ' ich selbst leiden ! antwortete Louis künstlich lächelnd und suchte die schmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern . Du siehst , daß ich auch meine Wege habe und recht geheime , was du später hören sollst . Leb ' wohl ! Du bist erschöpft . Nimm keine Besuche mehr an ! Ruhe dich auf diesen weichen Ottomanen des Nebenzimmers aus und träume ! Ich will es versuchen , sagte Egon , als Louis schon die Thür in der Hand hatte . Ich sah an diesem Guido Stromer , daß man des Geistes zuviel in sich fühlen kann ; ich habe das Bedürfniß , jetzt arm daran zu sein . Ich will nicht denken . Ich will vegetiren . Mein Zustand erfordert es . Eine Weile warf sich Egon , als er allein war , nun auf ein weiches , schwellendes Polster . Er war furchtbar erschöpft . Stromer ' s wühlerische , grübelnde , ziellose , weichliche Dialektik hatte ihm vollends die Nerven angegriffen . Er sank in die Polster , halb ohnmächtig ... Nach einer Weile fiel sein Blick , der erst langsam wieder Kraft gewann , auf das räthselhafte Bild ... er sehnte sich nach Dankmar Wildungen ... Aber nur flüchtig ... Er stieß mit Gewalt den Reichthum von Eindrücken , der ihn plötzlich überströmte , von sich ... Das war Alles so überwältigend , so voll , so mächtig ! Helene , Dankmar , das wirklich eroberte räthselhafte Bild dort ... das Testament seiner Mutter ... Er schloß die Augen . Seine Knabenzeit überschlich ihn . Dies waren die Zimmer , die ihm einst verschlossen waren . Hierher ließ ihn der Vater niemals . Es waren die Zimmer des alten Fürsten , die Teppiche , die Statuen ... wie geschmackvoll , wie weich , wie sanft , die Seele einlullend , den Sinnen sich einschmeichelnd ! Seine fürstliche Geburt hatte er noch wenig empfunden . In Hohenberg herrschte kein Luxus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur die bescheidene Bequemlichkeit des Pensionats in Genf . Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn verwöhnt und weichlich gemacht und vorbereitet , dies Palais seines Vaters doch schön zu finden ... Aber es hielt ihn nicht lange in dieser ausgestreckten Lage auf den Polstern , den Blick so auf die Bilder und die Blumen gewandt , die ihm der Aufseher des Gartens , um sich zu empfehlen , in die Zimmer zur Feier der Genesung gestellt hatte . Er betrachtete die Züge seiner Mutter und wollte eben auf das Pastellgemälde nun zuschreiten , als ihm das Billet Helenen ' s zur Erde fiel . Da erschrak er . Er fühlte , daß er ihr in das Hotel , wo sie wohnte , jetzt endlich ein Wort des Grußes schicken mußte . Er öffnete , rasch sich ermannend , einen sauber ausgelegten Schrank , zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf rasch die Anrede hin : » Meine gute , liebe Helene ! « In diesem Augenblicke wurde ihm aber der Justizdirektor von Zeisel gemeldet ... und der Referendarius ... Er sagte , die zweite Meldung überhörend : Ein Andermal ! Dann sich besinnend : Morgen ! Wie der Bediente ging , dachte er , daß doch sein erster Beamter die nächsten Ansprüche an ihn hätte und rief : Ich bitte Herrn von Zeisel heute die Suppe bei mir zu essen , um zwei , weil ich ausfahren muß ! Jetzt nicht ! Fort ! Fort ! Der Bediente meldete aber noch den zweiten Besuch durch die überreichte Visitenkarte . Herr Referendarius Dankmar Wildungen ! sagte er . Eine Karte gab den vollen und richtigen Namen . Da sprang denn Egon freilich von seinem Sessel empor , stieß das Papier rasch in die Schublade des Schreibtisches und ging mit dem Rufe : Das ist etwas Anderes ! O ! Endlich ! Endlich ! ... freudig erregt beiden Angemeldeten entgegen . Fünftes Capitel Verständigungen In diesen sechs Wochen hatte Dankmar Wildungen nur der gesetzlichen Einleitung seines großen Unternehmens gelebt . Die gewaltsame Untersuchung seiner Wohnung erzeugte einen gerichtlichen Schriftwechsel , dessen Folge allerdings die Auslieferung der Papiere sein mußte , die sich Dankmar erlaubt hatte , aus dem von ihm entdeckten Archive im Tempelhause von Angerode sich anzueignen . Doch gab er sie gern hin , nachdem er und Siegbert Tage und Nächte damit zugebracht hatten , Abschriften zu nehmen und diese gerichtlich beglaubigen zu lassen . Die Angelegenheit wegen des Bildes konnte er nicht weiter verfolgen . Siegbert hütete sich wohl , ihm zu entdecken , daß er in der Rückwand desselben Schriften gesehen , die Bezug auf ihre eigenen Anverwandten hatten . Er fürchtete , das leicht erregte Gemüth des Bruders nur zu neuen Unternehmungen , deren Ende und Gefahr nicht abzusehen war , zu entflammen , und besprach sich mit Rudhard , dem die Verwickelung seiner ihm in dieser Sache noch kurz vorher möglich geschienenen Mission außerordentlich schmerzhaft war , ein anderes Auskunftsmittel zu finden , das den Verdacht des Prinzen über die stattgefundene Unterschlagung ablenken sollte ... Denn darin waren sie einig , daß eine verwegene , böse Handlung hier im Spiele war , eine Intrigue , die sie Alle getäuscht hatte . Als Schlurck die Bilder ablieferte , wußten sie es mit Louis Armand ' s Beihülfe während der Krankheit des Prinzen dahin zu bringen , daß Egon , im Fall er das Geheimniß der Öffnung des Medaillons entdeckte , sich nicht ganz getäuscht fühlen konnte . Alle diese Unternehmungen aber schwanden vor der Größe der Aufgabe , die sich Dankmar dadurch stellte , daß er gleichsam dem Staate und der am meisten bei der Johannitererbschaft betheiligten Kirche den Fehdehandschuh hinwarf und für die einzige freie Persönlichkeit einer Familie eine Überlieferung der Jahrhunderte in Anspruch nahm . Verjährt konnten seine Ansprüche nicht genannt werden . Denn der Staat hatte durch Proteste , die sich von Menschenalter zu Menschenalter wiederholten , diese Entscheidung als eine offene aufrecht erhalten . Er fand keine Narbe , sondern eine Wunde vor . Der Staat , von welchem wir reden , war einer von denen , die sich ohne Umwälzungen in einer ruhigen Entwickelung allmäliger Vergrößerung und leidlich rechtlicher Begriffe gebildet hatten . Hier konnte ein Proceß vom siebzehnten Jahrhundert her noch unentschieden sein , wie Friedrich der Große im Jahre 1740 einen alten Proceß des Dreißigjährigen Krieges aufnahm und Schlesien eroberte . Da aber die Berechtigung des Streites zugestanden war und für die Commune immer nur der Titel des Besitzes gegolten hatte , so war die Mitbewerbung eines Dritten zwar ein unvorhergesehenes , aber völlig begründetes Ereigniß . Es kam nur darauf an , daß die Unparteilichkeit der Richter die Ansprüche der Familie Wildungen auf Grund jener Urkunden anerkannte . Das Aufsehen , das diese merkwürdige Wendung eines vom großen Publikum bisher nur gleichgültig beobachteten Streites machte , war nicht gering . Einige nur in der Gesellschaft , nur in kleinem künstlerischem Kreise bisher genannte Namen kamen plötzlich in Aller Mund . Jedermann sprach von den beiden Söhnen einer armen Predigerwitwe in Angerode , die in der Lage waren , Besitzer eines , wie dies natürlich sogleich geschah , übertriebenen Vermögens zu werden . Man vergrößerte nicht nur die Summen , um die es sich handelte , sondern auch die Rechtsgründe , deren schlagende Triftigkeit doch erst zu erweisen war . Man nahm Partei , erst für das Wunderbare in dieser Sache an sich und gab Denen unbedingt Recht , denen das hier auf dem Spiele stehende Glück gleichsam aus den Wolken in den Schooß fiel . Bald aber zertheilte sich die erste günstige Meinung . Bedenken , Zweifel wurden laut und wo die gründliche Prüfung schwieg , stellte sich das verletzte Interesse ein . Besonders war es die städtische Kirche , die in Zorn und Eifer gerieth . Hatte sie schon gefürchtet , in die Botmäßigkeit des Staates zu kommen und der patriarchalischen Verwaltung ihrer Pfründen und Institute entkleidet zu werden , so hatte sie jetzt nicht nur das schöne , noch dazu zeitgemäß stutzbare Princip der » Selbstregierung « zu verlieren , sondern sah auch der völligen Einbuße ihrer reicheren Dotation entgegen , wenn die Häuser , die alten Grundgerechtsame und Zinse der St.-Johanniterverlassenschaft in die Hände jener Familie kamen . Dem Zorne und Poltern der verletzten Interessen folgte , wie dies immer in solchem Falle zu geschehen pflegt , auch bald das Aufstellen scheinbar parteiloser und doch nur im Interesse der Parteien gemodelter Principien . Der Eine verlangte die Verjährung , der Andere räumte nur dem Staate und nur ihm als Universalerben jedes verjährten Rechtes den Besitz ein . Freimüthige Seelen und solche , die am Neuen und Seltenen Gefallen fanden , stellten dem Staate und der Gemeinde die Persönlichkeit gegenüber und ihr ewiges unverjährliches Recht , fanden in dieser materiellen , handgreiflichen und nur mit Geld und Gut auszudrückenden Verhandlung eine höhere Symbolik und erklärten , diese durch zwei Jahrhunderte herrenlos gebliebene , nur dem Stärkeren anheim gefallene Hinterlassenschaft eines geistlichen Ritterordens wäre ja ein Bild der Verwirrung unserer Zeit überhaupt , die auch so das Unrecht und die Gewalt in den Alleinbesitz der großen Verwaltung des Menschheitideales gebracht , überkommen hätte und sich jetzt entschließen müsse , diesen Alleinbesitz an das ursprüngliche Menschenrecht umsomehr wiederherauszugeben , als die an dem unrechtmäßig erworbenen Eigenthum haftenden Pflichten des heiligen Streites für jenes Ideal , das dem Mittelalter das Land war , wo der Erlöser wandelte , und der neuen Zeit das Ideal eines höhern Tempels der Freiheit und der Glückseligkeit ist , von diesen gewaltthätigen und eigenmächtigen Usurpatoren nur zu sehr hintangesetzt würden . So ungefähr wurde die erste Nachricht von dem Proceß der Gebrüder Wildungen aufgenommen ; denn eine weitere Parteinahme , als für das erste , blendende Gerücht , war noch nicht möglich . Erst vor vierzehn Tagen hatte Dankmar seine selbstverfaßte Schrift eingereicht . Aber nicht nur die Kunde der Thatsache selbst , sondern auch das nicht ungünstige Vor-Urtheil des Gerichtshofes über die mit großem Verstande und seltner Rechtskenntniß abgefaßte Schrift verbreiteten sich so rasch , daß Dankmar und Siegbert , von dem Andrang der Theilnahme , die sie so plötzlich über sich hereinbrechen sahen , fast erdrückt wurden . Da wollte Jeder Glück wünschen , Jeder staunen , guten Rath geben und im günstigen Falle wol auch Theil haben an dem großen Erfolg . Wo die Brüder früher nur durch ihr Talent , ihre liebenswürdige Persönlichkeit sich geltend machen konnten , waren sie jetzt so gesucht , so gepriesen , daß sie Noth hatten , sich vor dem allgemeinen Sturme der Liebe und Freundschaft nur selbst zu bewahren . Weise und sich selbst beherrschend , wie diese Jünglinge früh erzogen waren , begnügten sie sich mit den Beziehungen , von denen sie ahnten , daß sie ihnen auch ohne den gehofften Sieg treu bleiben würden , und beschränkten sich im Übrigen fast noch mehr auf sich selbst als früher . Sie mußten Dies schon darum thun , weil der Proceß bedeutende Geldmittel erforderte , von denen sie kaum voraussahen , woher sie ihnen zufließen sollten . Vorläufig glaubten sie bestens das Ihrige zu thun , wenn sie fleißig und redlich arbeiteten , um neben ihrem Unterhalte auch noch die Mittel für ihren Proceß zu erübrigen . Siegbert sah sich in der ihm unangenehmen Lage , nachdem das Bild der Majorin Werdeck sehr gefallen hatte , viel zu portraitiren , und Dankmar , der sich in eine andere Abtheilung des Obergerichts hatte versetzen lassen , arbeitete auf Diäten , schrieb auch unter fingirtem Namen juristische Compendien , die nur Erinnerungen seiner eigenen Kenntnisse waren , in Eile geschrieben nichts Neues bringen konnten , aber als gangbare Artikel bezahlt wurden . Eben erst im Beginn dieser nun neu von ihm angelegten Thätigkeit hatte Dankmar alle seine früheren Verwickelungen mit Personen und fremden Verhältnissen von sich abzustreifen gesucht . Er hatte dem Justizrath Schlurck die von Melanie gewünschte Entschuldigung über das Vorgefallene geschrieben , aber den so heißen Drang , Melanie ganz für sich zu gewinnen , doch wieder mit jener stoischen Selbstüberwindung , die jungen Gemüthern so leicht möglich wird , bezwungen . Er hörte auch , daß sich Melanie mit dem Stallmeister verlobt hätte . Freunde versicherten ihm , daß sie in der Umgegend der Stadt reite , fahre , immer umgeben von einem Schwarm von Verehrern . Er bekämpfte sein Herz . Der Ernst seines jungen Lebens erfüllte ihn zu sehr und was er immer gesagt hatte , Melanie wäre von den Frauen Eine , die man nur liebe , wenn man sie sähe , bestätigte sich vollkommen an ihm selbst . Er wurde gegen Frauen um so schroffer , als bei der ersten Nachricht von der ihm und seinem Bruder lachenden Möglichkeit einer glänzenden Zukunft sogleich ein ihnen widerliches Drängen bemerkbar wurde , gerade das weibliche Geschlecht in ihre Nähe zu bringen . Von mancher Familie , wo die Absicht zu grell hervorstach , zogen sie sich wie in ihren zartesten Fühlfäden verletzt zurück . Während sich Siegbert fast ganz und ausschließlich auf sein Atelier , die nähere Beziehung zu dem anregungsreichen Leidenfrost und die ihm plötzlich fast seine zweite Häuslichkeit gewordene Familie der Fürstin Wäsämskoi beschränkte , lebte Dankmar noch zurückgezogener . Der sonst lebensfrohe , überall sichtbare junge Mann war ein Einsiedler geworden . Er las , er studirte mehr denn je . Sein kleines Stübchen bei der Frau Schievelbein , die bescheidene kleine Aula , war jetzt für ihn heimischer und traulicher als die Kaffeehäuser , in denen er früher mehr als in seinen vier Wänden lebte . Stöße von Akten lagen um ihn her . Bücher las er bis in die späte Nacht . Besonders hatte er auf Philosophie und Geschichte sein Augenmerk gerichtet . Sogar die Politik , die er früher leidenschaftlich trieb , war ihm durch ihre Monotonie , die Unfruchtbarkeit der Debatte und die geringe Bedeutung der meisten elenden , nichtssagenden Persönlichkeiten , die sie in den Vordergrund der Tagesgespräche drängte , zum Ekel geworden . Der neue Reichstag sollte nun abgehalten werden , die Wahlen waren im Sinne des schroffsten Gegensatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekrüger und Deputirten Justus eines Tages als eben angekommen und bereits als Mittelpunkt einer » Fraction « angegeben fand , mußte er auflachen , warf die Zeitung weg und beschloß nur noch solche politische Schriften zu lesen , die von Köpfen herrührten , die der Menschheit neue Gedanken brachten . Er las Macchiavell , Montesquieu , Hume , die Briefe des Junius , Leibnitz , Herder und vertiefte sich mit ernstem Nachdenken in die neueren staatsökonomischen und socialistischen Schriften , aus denen er sich manche Stelle auszog und manchen befruchtenden Gedanken merkte , wenn er auch für die Ideen neuer Gesellschaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und überhaupt fern war aller modernen Geniehascherei , aller auf den Universitäten und in den Residenzen jetzt grassirenden Titanenhaftigkeit , allem übermäßigen Anpreisen einer neuen Zeit , die erst ihre Neuheit zu beweisen hatte , aller Anbetung eines vaguen , leeren , wie Kraft sich gebahrenden Schreiens und Tobens , in Schrift und Sprache , in Prosa und Poesie allem gesuchten und manierirten Treiben , in welchem sich talentlose Menschen wie Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind , bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein . Eine Dankmarn wahrhaft tröstliche und erquickliche Aussicht war die der ersten Begrüßung des Prinzen Egon von Hohenberg . Daß sein Gefangener im Thurme von Plessen der Prinz war , unterlag keinem Zweifel mehr , und doch will der Mensch auch das Gewisseste und durch Gründe Erwiesenste zuletzt erst durch ein handgreifliches Erfassen , durch die Berührung der Nägelmale , wie bei jenen Jüngern des Herrn , bestätigt haben . Die Frage : Wie werd ' ich den dort so schnell gewonnenen Freund nun wiederfinden ? Wie ist er aus dem Thurm entkommen ? Wie verschweig ' ich ihm alle die Wirren , die sich an das Bild knüpften , das wir gut thun werden , ihm als etwas Unverfängliches und Überschätztes darzustellen ? Diese Fragen gingen immer wieder in das Ende über : Und wird es wirklich Prinz Egon sein .. ? Siegbert war einmal bei Louis Armand im Palais gewesen und hatte sich einigermaßen mit ihm über das Bild verständigt . Sonst war noch keine weitere nähere Annäherung und Nachfrage erfolgt . Es befremdete ihn fast , daß Egon nicht seiner längst selbst gedachte und es war wirklich nur Zufall , daß ihm der Förster Heunisch , eben von Egon kommend , staunend über seinen Irrthum , begegnete und von einer so weit vorgeschrittenen Genesung des Prinzen , für den er Dankmarn gehalten , unterrichtete , daß er sich entschloß , sogleich zu ihm zu gehen . Er eilte nach einigem Geplauder mit Heunisch nach Hause , kleidete sich flüchtig so , wie er glaubte , einer so hochgestellten Persönlichkeit aufwarten zu müssen und betrat in einer sonderbaren , aber ihm doch wohlthuenden Erwartung und Spannung das Palais des Prinzen ... Wie er hier die stolze Treppe , die Statuen , die bronzenen Candelaber , die Teppiche und Malereien mit dem neben seinem Einspänner einherwandernden Blousenmann und dessen Wiedersehen in dem vergitterten kleinen Thurmgemache zu Plessen verglich , kam ihm eine wahrhaft befremdliche , abenteuerliche , ja durch die schon in ihm verklungenen Erinnerungen an jene romantische Reise elegische Stimmung . So ungleichartig der elektrische Leiter seiner Erinnerungen war , auf diesen steinernen Stufen , wo das Echo seiner Schritte an den marmorirten Wänden widerhallte , war ' s ihm plötzlich , als schlüge die Nachtigall in der Mondnacht im Schloßgarten von Hohenberg , als hörte er das Rauschen des Waldes , den er an Selmar ' s Seite durchwandert war , und als stünde er unter jener Eiche wieder , unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann veranlaßt wurde , über ein schöneres Walten auf dieser Erde und einen lebendigeren Zusammenhang der guten und reinen Geister zu träumen . Im Vorzimmer fand er den Justizdirektor von Zeisel , den er vom Thurme her und seinem Verhöre sogleich wieder erkannte . Die lange hagere zerstreute Figur entsann sich seiner offenbar nur dunkel , stellte sich aber als kluger Weltmann , den die lange Abgeschiedenheit und Isolirung des Landlebens in gewissen Höflichkeitsgesetzen nur noch ängstlicher und übertriebener gemacht hatte , über Dankmar vollkommen orientirt . Er kam in bänglicher Erwartung . Schlurck war seiner früheren Functionen enthoben , ein neuer Administrator mit großen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung ergriffen , die Aussicht , vom Patrimonialverhältnisse in die allgemeine Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang , gleicher Besoldung wie bisher aufgenommen zu werden , verdüsterte sich und er wäre gern in seinem früheren bequemen Verhältnisse geblieben . Mit großer Besorgniß dachte er an die Resultate dieser ersten Begegnung mit dem Sohne des alten Fürsten , der ihn einst hatte schalten und walten lassen wie er wollte . Seine Frau , die bei Schlurck ' s seine Rückkehr erwartete , hatte ihm Muth zugesprochen . Eine Reihe von Vorstellungen und dienstlichen Nachweisungen war wie an der Schnur in seinem Haupte aufgezogen . Er hoffte , daß der junge Fürst diese Schnur anziehen , er selbst aber sich bei dieser Vorstellung gut behaupten würde , selbst einem so sonderbaren Manne wie Egon gegenüber , von dem man so Vieles zu erzählen , so Unglaubliches zu fabeln wußte ! Brachte den Justizdirektor nun schon Dankmar in Verwirrung und lenkte sein Gedächtniß auf eine Begegnung , die außerhalb der Administrationsgrundsätze über das Fürstenthum Hohenberg und jener Schnur lagen , so mußte er vollends das Gleichgewicht seiner Geltung verlieren , als nach der Meldung beider Namen Egon die Thür aufriß und mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit von der Welt rief : Ist es denn möglich , mein Großinquisitor und mein Posa , zu gleicher Zeit ? Willkommen ! Willkommen , Ihr Beide ! Wie der Justizdirektor sah , daß der Prinz dem jungen Manne , der sich Dankmar Wildungen nannte , eine stürmische Umarmung zum Gruße , ihm dann bieder die Hand bot und Dankmar dem freundlichen Empfänger lachend folgte und dabei immer rief : Doch ! Doch ! Ich glaubte nicht daran ! Doch ! Doch ! ... da schwindelten ihm förmlich alle Sinne und er fragte verlegen : Durchlaucht haben mich schon gesehen ? Wo hätt ' ich die Gnade gehabt ... Gibt es denn soviel Verbrecher in meinem Ländchen , Justizdirektor , rief Egon , daß Sie unter der Menge nicht eine Physiognomie behalten können , die Ihnen den Thurm , aber auch ihre glückliche Befreiung verdankt ? Und während der Justizdirektor starrte und sich nun umständlich besinnen konnte , umarmte Egon Dankmarn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben sich nieder , während der Justizdirektor sich nach einem Stuhle umsehen sollte und umsehen mußte , um sich aufrecht zu erhalten . Wildungen ! rief Egon . Ich bin ' s ! Vom Tode erstanden durch jenen Freund , den ich in Lyon fand ... Du entsinnst dich meiner Erzählung ? Dankmar aber , der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte , sagte : Wir wissen Alles , Prinz , wir kennen Ihre ganze Geschichte , die Stadt kennt sie , wir wissen , wer Louis Armand ist , und unter dem gewissen Kronenleuchter im Pavillon Ihres Vaters würd ' es