unangenehmen Verlegenheit , und er wußte , daß sein Untergebener klug und umsichtig genug war , die schwierige Lage vollauf ermessen zu haben , in welche er ihn mit dieser Wendung der Angelegenheit versetzt hatte . Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es zu loben , wenn ein Diener der Kirche das Gebot derselben über den Willen des Staatsoberhauptes stellte . Er sah es auch nicht ungern , wenn der König dieser Glaubenstreue oder diesem hierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete , und doch hatte man zugleich allen Grund , die besonderen Wünsche und Meinungen des Königs zu schonen und sie zu fördern , weil er seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte großmüthig und ergeben zeigte . Wer nöthigte Sie , zu wissen , was man der Welt geflissentlich verborgen hat ? fragte endlich der Erzbischof , die mildeste Form erwählend , in welcher er seine Ansicht von der Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweise des Abbé ' s zu äußern vermochte . Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf , und mein Gewissen ließ mein Gedächtniß nicht zum Schweigen bringen , entgegnete der Abbé . Der Erzbischof hatte sich erhoben , der Abbé war seinem Beispiele gefolgt . Sie standen einander gegenüber , beide hoch aufgerichtet , beide voll festen Willens , voll verschwiegener Entschlossenheit sich gegenseitig beobachtend , und beide mit dem Bewußtsein , wie sie , bei der wundervoll berechneten Gliederung und Einrichtung der hierarchischen Herrschaft , Einer in des Andern Schicksal einzugreifen , Einer des Andern Zukunft zu fördern oder zu beeinträchtigen vermochten . Genießen Sie das Vertrauen der Gräfin ? erkundigte sich der Greis . Im ausgedehntesten Maße , gab der Abbé zur Antwort , und sein Ton und seine Haltung nahmen wieder die frühere Unterwürfigkeit an . Hoffen Sie , die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugen zu können ? Mit Gottes Hülfe zuversichtlich . Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen ? Der Abbé schien nachzudenken , dann sagte er : Es steht bei Eurer Eminenz , mich von der Aufgabe abzuberufen , zu der Sie mich auf den ausdrücklichen Wunsch der Frau Herzogin erwählten . Sprechen Sie das Wort aus , und ich werde ohne Murren gehen , und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen , was ich mit Vorsicht säete , mit Ausdauer zeitigte . Fehlt mir die Gewißheit , daß das Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werke ist , so geht mir auch die Kraft verloren , welche der Einzelne aus dem Gedanken an die große , heilige Gemeinschaft zieht , der er angehört und der er dient . Mein Thun wird fortan ohne Segen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die Vergünstigung zu bitten haben , mich mit einer anderen Aufgabe , fern von hier , betrauen zu wollen . Der Erzbischof blickte den jüngeren Geistlichen mit festem Auge an . Er wußte , daß der Abbé Paris nicht zu verlassen wünschen konnte . Eben deßhalb aber fragte er sich , was denselben bewegen könne , ein so gewagtes Spiel zu spielen ; und die gleiche Taktik befolgend , sagte er : Die junge Gräfin Haughton ist schön und Sie sind jung , Herr Abbé ! Sind Sie Ihrer selbst gewiß ? Sind Sie sicher , daß sich in Ihnen keine Abneigung irgend welcher Art gegen eine Verheirathung der Gräfin regt ? Ich war um ein paar Jahre jünger und die Schönheit der Gräfin stand schon in ihrer vollen Blüthe , als Eminenz keiner solchen Frage , keiner solchen Warnung mir gegenüber nöthig zu haben glaubten . Ich bin gezwungen , Sie um Aufschluß darüber zu bitten , wer oder was mich einem solchen Verdachte unterwerfen könnte , erwiderte der Abbé , während der ganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in seinem Antlitze sichtbar ward . Der Erzbischof ließ sein Auge unverwandt auf dem vor ihm Stehenden haften . Die Frau Herzogin , sagte er nachdrücklich , lebt des Glaubens , daß die - die Freundschaft , welche die Gräfin Ihnen entgegenbringt , sie hindere , den Bewerbungen des Prinzen ihr Gehör zu leihen , und daß es diese Freundschaft sei , die Sie , Herr Abbé , gegen die Verbindung eingenommen habe , welcher nicht nur die Frau Herzogin , sondern Seine Majestät der König selber günstig ist . Zum ersten Male rötheten sich des jüngeren Priesters Stirn und Wangen , aber es wäre nicht leicht gewesen , zu sagen , welche Bewegung sein Blut in Wallung brachte , und sich schnell bemeisternd , sprach er : Des Menschen Schlüsse stammen und bemessen sich aus seinem eigenen Charakter und seinen eigenen Erfahrungen ; ich habe mich also über die Frau Herzogin nicht zu beschweren , wennschon ich sie beklage . Aber wäre und empfände ich , wie sie voraussetzt , so könnte ich nichts Besseres verlangen , als die Gräfin eine Ehe schließen zu machen , in der sie , weil sie die Jüngere und an Kraft wie an Begabung in jedem Betrachte dem Prinzen überlegen ist , bald Herr und Meister sein und bleiben würde , eine Ehe , bei der ich nicht zu fürchten hätte , auf - er zögerte bei dem Worte gerade so geflissentlich , wie der Erzbischof es vorhin gethan hatte - auf die Freundschaft verzichten zu müssen , deren der trübe Sinn der Herzogin mich zeiht . Und , fügte er hinzu , ist der Prinz denn der Mann , der , wenn die religiösen Bedenken der Gräfin überwunden sind , die religiösen Ueberzeugungen in ihr zu würdigen und zu erhalten verstehen würde ? Eine Natur wie die der Gräfin Haughton wird durch einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden , nicht von ihrem stolzen Selbstgefühle geheilt . Sie wird , so weit ich sie beurtheilen kann , überhaupt nicht leicht zur Liebe hingerissen und durch die Liebe auch nicht gewandelt werden . Sie muß in ihrer jetzigen Wesenheit vernichtet werden , wenn sie neugeboren werden soll . Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein Verdammungsurtheil ausgesprochen , aber sie beschwichtigten das Mißtrauen des Erzbischofs keineswegs ; sie halfen ihm auch nicht aus der Verlegenheit heraus , in welcher er sich befand . Indeß der Abbé war jetzt gewarnt . Der Erzbischof hatte ihn daran erinnert , daß das wachsame Auge seiner Vorgesetzten , daß ihre gewaltige Hand über ihm sei , und mit der weisen Umsicht der weltklugen katholischen Kirche , welche es versteht , die nutzbaren Kräfte zusammenzuhalten und sich dieselben dienstbar zu machen , beschloß er , den kühnen und eigenwilligen jungen Geistlichen vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und die Weise suchen zu lassen , auf denen er die Zwecke der Kirche , die Wünsche des Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern für möglich erachten würde . Er wendete sich von ihm und trat an seinen Schreibtisch zurück , von dem er , als komme es ihm zufällig in die Hand , ein Blatt Papier aufnahm , das er zuerst mit den Augen überflog und dann sorgfältig zu lesen schien . Der Abbé stand ruhig wartend da , bis der Erzbischof das Papier zusammengefaltet und an seine alte Stelle gelegt hatte . Dann verneigte er sich kaum merklich und fragte , ob Eminenz ihm noch weitere Befehle zu geben habe . Dem Erzbischof war diese Frage willkommen , und weil er dies erwartet , hatte der Abbé sie gethan . Auch war der Ausdruck des Erzbischofs plötzlich ein veränderter . Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen , sagte er , das man Ihnen vor vielen Anderen und schon in jungen Jahren angedeihen lassen , weil man Ihnen die Gelegenheit bereiten wollte , die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte ermessen zu lernen . Sie glauben offenbar auch jetzt noch , der Aufgabe , der Sie Sich unterzogen haben , gewachsen zu sein , und Sie scheinen nach einem vorbedachten Plane zu Werke zu gehen . Der Abbé wollte eine Erklärung , eine Bemerkung machen ; der Erzbischof ließ es nicht dazu kommen . Ich verlange von Ihnen vorläufig keine Auskunft über den Weg , welchen Sie zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben und weiterhin zu nehmen denken . Der Erfolg oder das Mißlingen soll Ihnen , Ihnen allein , Herr Abbé , zugeschrieben werden , merken Sie es wohl , Ihnen ganz allein ! Doch gebe ich Ihnen zu bedenken , daß man dem milden und uns geneigten Sinne Seiner Majestät des Königs , sofern es mit dem Seelenheile der Gräfin zu vereinen ist , nicht entgegentreten darf , und Seine Majestät haben es , wie ich erfahren , der Frau Herzogin zugesagt , bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu sein . Das war auch mir bekannt , bestätigte der Abbé , und ich war Willens , die Gräfin noch heute darauf vorzubereiten , als Eurer Eminenz Befehl mich hierher rief . Der Erzbischof wollte offenbar eine Bemerkung machen ; er unterdrückte sie jedoch , und nach einigen auf die allgemeinen Ereignisse innerhalb der Kirche bezüglichen Worten war die Unterredung beendet . Als der Abbé sich bereits entfernen wollte , fragte der Erzbischof plötzlich : Und der junge deutsche Edelmann , der Freiherr von Arten , welcher seit dem Einzuge der Fremden in dem Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräfin ebenfalls ihrer Freundschaft würdigt - sollte er es vielleicht sein , der den Ansprüchen des Prinzen entgegensteht ? Der Freiherr von Arten ist seit Jahren heimlich verlobt , antwortete der Abbé . Heimlich verlobt ? wiederholte der Erzbischof . Davon besitzt die Frau Herzogin keine Kunde . Ist die Gräfin davon unterrichtet ? Der Abbé verneinte es . Der Erzbischof fragte , wie Jener die Kenntniß dieses Umstandes gewonnen habe , ob er der Beichtiger des Freiherrn sei . Nein , Eminenz , ich habe es abgelehnt , ihn Beichte zu hören , als er mir sein Vertrauen zuzuwenden wünschte . Ich wollte mir die Freiheit des Handelns nicht beschränken , mir nicht eine Mitwissenschaft und damit zugleich die Pflicht aufdrängen lassen , es nöthigenfalls zu verschweigen , was der Freiherr seinen Freunden bis jetzt vorenthalten hat , daß er noch bei dem Leben seines Vaters einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen geleistet hat . Und welche Gründe können ihn bewegen , das Verhältniß auch jetzt , auch nach dem Tode seines Vaters , noch nicht zu einem bindenden zu machen ? Ich glaube nicht zu irren , wenn ich voraussetze , daß die Neigung des Herrn von Arten für die Entfernte erkaltet und daß sein tägliches Beisammensein mit der Gräfin auf diese Aenderung seines Sinnes nicht ohne Einfluß gewesen ist . Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbniß des jungen Edelmannes ? Von dem Pfarrer der Kirche , die des Freiherrn Vater auf seinem Stammgute gegründet hat . Die Verlobte des Barons lebt mit ihrer Schwester und mit ihrer Mutter in dem freiherrlichen Schlosse . Als der Erzbischof den Abbé so wohl unterrichtet fand , erkundigte er sich , wo die Erzieherin der Gräfin geblieben sei , welche er früher mit ihr bei der Herzogin gesehen habe . Die Gräfin ist es müde geworden , die täglichen Vorstellungen ihrer Erzieherin zu hören , sich täglich gegen das Vertrauen warnen zu lassen , mit dem sie mich beehrt . Miß Arabella ist in ihre Heimath zurückgekehrt . Nach Haughton Castle ? fragte der Erzbischof . Nein ; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt , jede Verbindung zwischen ihnen hat aufgehört , berichtete der Abbé . Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen , daß er mit dieser Kunde wohl zufrieden war . Freundlicher , als er sich ihm bis dahin gezeigt hatte , reichte er dem Abbé die Hand , der sich neigte und sie küßte . Der Erzbischof segnete ihn mit leichter Berührung seines Hauptes . Leben Sie wohl , mein lieber Abbé , sprach er , und ermüden Sie nicht in Ihrem Werke , nicht in der Strenge gegen Sich selbst ! Es sind der Wege viele , auf denen der Herr die Verirrten zu sich zurückzuführen weiß , und den Irrenden auf den rechten Pfad zu weisen , ist eines der guten Werke , denen der Gläubige sich zu unterziehen hat . Leben Sie wohl ! Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde bringen , welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat . Zehntes Capitel Der Mond stand schon hell am Himmel , als der Abbé , von dem erzbischöflichen Palaste kommend , über die Brücke ging und sich dem schönen Uferwege zuwendete , an welchem das Palais der Herzogin gelegen war . Er hatte zu jeder Stunde des Tages Zutritt zu demselben , und auch jetzt befand er sich bereits vor dem großen Portale , aber als er die Schelle ziehen wollte , hielt er die Hand zurück . Er mochte Eleonore jetzt nicht sehen , er mochte Niemanden sehen ; er mußte mit sich allein sein . Er schlug den langen , schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von dem Palaste . Bald langsam , bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des Flusses auf und nieder . Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an den dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen , die sich in vielfachen Reihen an dem Ufer hinziehen . Der Mond goß sein volles Licht über die prächtigen Gebäude aus , deren Fenster zum Theile hell erglänzten . Es war die Stunde , in welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt . Vor den einzelnen Häusern fuhren die Wagen vor , hier und dort öffneten sich gastlich die Flügel der Einfahrtsthüren . Die Stadt erschien , so weit man sie deutlich übersehen konnte , heiter und glänzend , und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen unbestimmt und schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab . Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn erheitert haben würde , was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfüllt hatte , heute sah der Abbé es nicht . Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele ; in raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane , wilde Vorsätze und Entschlüsse durch sein Gehirn , und aus der glühenden Leidenschaft , die in ihm brannte , loderten in einzelnen Augenblicken zuckend die Flammen der Verzweiflung in ihm empor . Und doch war es ihm nichts Neues , was er in sich wahrnahm . Er hatte auch nichts Unerwartetes erlebt . Warum traf es ihn denn so furchtbar , was er lange hatte kommen sehen ? Warum zerriß sie ihm denn das Herz , die Entscheidung , die er längst getroffen hatte ? Seit er Eleonore gesehen , war er nie über die Empfindung im Zweifel oder im Unklaren gewesen , die sie in ihm wachgerufen hatte . Von früh auf zur strengsten Selbstprüfung gewöhnt , hatte er sich nicht darüber täuschen können , daß er sie mit glühendem Verlangen begehrte , daß er sie leidenschaftlich liebte , aber sein stolzer Sinn hatte sich nicht entschließen mögen , die Gefahr zu meiden ; er hatte seinen geistigen Ruhm darein gesetzt , sich zu besiegen , und wie er bis dahin auf der Welt nichts Höheres gekannt hatte , als seine Kirche und ihre Macht , so hatte er sich gelobt , seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen und ihr mit Verleugnung und Ueberwindung seiner selbst die starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens zuzuführen und zu gewinnen . Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem Schmerze , in brünstigem Gebete . Er wußte , was Eleonore sich nie deutlich gemacht hatte , daß es nur eines Wortes von ihm bedurfte , um sie ihm anzueignen ganz und gar , und heute zum ersten Male fühlte er sich nicht sicher , daß er dieses Wort nicht sprechen , daß sein Blick ihr nicht verrathen würde , was in seiner Seele vorging . Er sah sie , als er so umherwandelte , mit seines Geistes Augen deutlich vor sich , wie sie auf das Geständniß seiner Liebe in seine Arme sinken , er kannte sie darauf , daß sie nicht zurückschrecken würde , mit ihm zu fliehen , um in irgend einem fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden , das Weib des geweihten Priesters , des Meineidigen Weib . - Aber wer hinderte ihn , sich mit Offenheit von diesem Eide loszusagen ? Wer hinderte ihn , einem Glauben zu entsagen , der seinem Menschenrechte , seiner Manneskraft und Würde unnatürliche Schranken setzte , unwürdige Gewalt anthat ? Wer hinderte ihn , zu thun , was vor zweihundert Jahren , in den Zeiten der großen kirchlichen Umwälzung , Tausende von Priestern vor ihm gethan hatten ? Was hielt Eleonoren ab , einem durch sie bekehrten Manne ihre Hand zu geben ? Sie war unabhängig und reich genug , in Haughton Castle , in ihrem freien Vaterlande , von dem Gesetze unangefochten und die öffentliche Meinung stolz verachtend , glücklich mit ihm zu sein . Die Stirn brannte ihm wie im Fieber , alle seine Pulse klopften . Trotz der winterlichen Kälte riß er den Mantel auf , entblößte er sein Haupt . Er fühlte seine ganze , ungebrochene Kraft in seinen Adern , er sah jetzt auch mit Einem Male die glänzende Anmuth der Stadt und der Gegend , er empfand die Schönheit dieser milden Winternacht . Unwillkürlich breitete er seine Arme aus , als wolle er sich mit der Natur vereinen , und ein Seufzer , der wie ein unterdrückter Aufschrei klang , riß sich aus seinem Busen los . Es war vorüber ! - Müde , wie einer , der aus einem ihn erschöpfenden Traume erwacht , ließ er sich auf eine der Bänke fallen , die unter den Bäumen stehen . Er stützte den Kopf in die Hand , sein Haupt sank schwer hernieder , schwer und still fielen ein paar glühende Tropfen aus seinen Augen auf die Wangen herab . Nicht zum ersten Male hatte er den Kampf gekämpft , aus dem er jetzt wieder als Ueberwinder hervorging ; nicht zum ersten Male hatte sein Gewissen seine Phantasie bemeistert , aber noch nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den Wunsch gehegt , sich nicht gebunden zu haben oder jene ungebrochene Willenskraft , jene muthige Rücksichtslosigkeit der Menschen zu besitzen , die sich selbst als den Mittelpunkt der Schöpfung , ihr Wohlbefinden als den letzten Zweck derselben ansehen . Er ? - Er konnte nicht vergessen , daß er von früher Jugend an gelernt hatte , sich als einen mitwirkenden Theil der großen Gemeinschaft anzusehen , welche sich das Recht der Herrschaft über die Geister zuerkennt , welche die Anwartschaft zu diesem Rechte aus Gottes Hand empfangen zu haben behauptet , aus der Hand des Gottes , dessen Anerkennung und Verehrung zu predigen die Aufgabe der katholischen Kirche ist . Wohin hatten sein Geist , seine Phantasie sich verirrt , daß er wachend in Träume verfallen konnte , die ein Verbrechen für ihn waren ? Und was konnte andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren , ihn schadlos zu halten für die furchtbare Entsagung , die er über sich genommen hatte ? Er schauderte zusammen , als er sich mit seinen Gedanken wieder auf demselben Wege , wieder auf denselben Bildern fand , von denen er sich gewaltsam abzuwenden beschlossen hatte . Er stand an dem Abgrunde , an welchem Mächtige gestanden hatten und zu Grunde gegangen waren , er erlebte und erlitt , was er selber über sich heraufbeschworen , als er sich die Kraft , die Festigkeit und den Glauben zugetraut hatte , die ihm alle jetzt versagten . Immer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wiederholt , daß er nicht zu der großen Masse jener entsagenden , demüthigen Seelen gehöre , die in frommem Glauben , in nicht wankender Hingebung an ein stilles Thun , ihres Geistes Befriedigung , ihres Herzens Beseligung genießen . Von früher Jugend auf hatten seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in in den Seminarien ein weites , ein hohes Ziel gesteckt . Er hatte Herrschaft gewonnen , wo immer er mit Anderen in Gemeinschaft gewesen war , Herrschaft hatte ihm das höchste Glück , Herrschaft im Dienste der Kirche , die ihn trug , so lange er sie stützen half , das höchste , erstrebenswertheste Ziel gedünkt , und Herrschaft , Herrschaft über die Anderen , das hatte er immer gefühlt , war das Einzige , das Ersatz zu bieten vermochte für Selbstbefriedigung , für Liebe und für Glück . Er kannte die Kirche und den Clerus , denen er angehörte . Er wußte , was der Abtrünnige von der Kirche zu erwarten hat . Er selber hatte in verschiedenen Fällen dazu mitgewirkt , dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu verstellen , bis er müde und verblutend an dem Altare niedergesunken war , von dem er sich hatte entfernen wollen . Er fühlte sich nicht dazu geschaffen , solcher Verfolgung Stand zu halten , er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen durch den nicht endenden Kampf , in welchen er sich unrettbar verstrickte , wenn er sich nicht überwand . Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des Eides , die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize über sich genommen hatte ; und der bloße Gedanke , daß er als ein Büßender , als ein unwirksam Befundener , als ein Ausgestoßener vor denen stehen solle , die in ihm eine Kraft geehrt , in ihm einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und über die er sich einst zu erheben gehofft , ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte , in dem er sich in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte . Aber der starke und gesunde Mensch reißt die schönste und gewaltigste seiner Kräfte , die Liebe , nicht aus seinem Herzen , ohne Schaden an seiner Seele zu leiden , und heute mehr als je zuvor hatte der Abbé es erkannt , daß er auf die Liebe nicht verzichten könne , ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht hinzugeben , und daß es ihm nicht erspart sei , die Qualen der Eifersucht zu leiden , auch wenn er darauf verzichte , für sich selber einen Anspruch an Glück zu erheben . Oftmals schon hatte er es durchgekostet , wie nahe der Haß und die zum Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten , oftmals hatte er es mit dem kühlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen , wie die Grausamkeit sich der Seele bemächtigt , die keine milde Hoffnung für sich selber hegen darf . Warum sollte er das Weib nicht hassen , vor dem alle glückversprechenden Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen , während er sich mit unlöslichem Eide von allen Freuden des Daseins geschieden hatte , ehe er vorausgesehen , das eine Eleonore Haughton leben und daß sie ihm der Güter höchstes , des Glückes begehrenswerthestes erscheinen würde ? Wenn kein Gebet , wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen vermocht , dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht , daß Eleonore einst die gleichen Qualen leiden werde ; wenn er sich unglücklich gefühlt bis in das Innerste seines Herzens , so hatte der Gedanke ihm gelächelt , daß auch sie sich elend fühlen werde , die ihn also leiden machte , daß auch sie unglücklich sein werde , die ihn herunterzustoßen drohte von der Höhe , auf die er sich gestellt hatte und von der er in den Abgrund sinken mußte , wenn er nicht hoch über seinen jetzigen Standpunkt emporstieg . Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen , die jetzt an ihn herangetreten war . Er oder sie ! - Denn sie glücklich zu sehen und zu entsagen , sie glücklich und frei zu denken , während er sich seinem Vorgesetzten als müßiger Knecht mit gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterordnung enge , vorgeschriebene Wege zu gehen hatte , das überstieg seine Kräfte . Er oder sie ! - Es gab kein Drittes ! - Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen . Die Nacht begann kalt zu werden , der Wind , welcher vom Wasser aufstieg , strich ihm mit eisigem Hauche über die Schläfen hin . Er zog die Uhr heraus , es war später , als er es vermuthet hatte . Jetzt , er wußte es , jetzt befand sich Eleonore schon in dem Empfangszimmer ihrer Tante , jetzt erwartete sie ihn sicherlich . Er lächelte , als er sich ihr Bild vergegenwärtigte , aber wer dieses Lächeln hätte sehen können , hätte sich seines Ausdruckes nicht erfreut . An der Ecke der Seitenstraße lag ein bescheidenes Speisehaus . Er hatte sonst nicht die Gewohnheit , ähnliche Orte zu besuchen , indeß die Aufregung machte ihn , da er die Mahlzeit versäumt hatte , nach Speise und Trank verlangen . Er ließ sich zu Essen geben , trank etwas Wein , ordnete mit rascher Hand sein reiches Haar , das durch die schnelle Bewegung seines langen Ganges in Unordnung gerathen war , und gefaßt und wieder seiner selber Meister , kehrte er auf der Straße , von der er gekommen war , nach dem Palaste der Herzogin zurück . Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ihrem schönen Saale erschienen . Die auffallende Gunst , mit welcher der König sie bei der letzten Mittagsgesellschaft beehrt , hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht , und jeder derselben schmeichelte sich mit der Hoffnung , daß es ihm gelingen werde , den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu erfahren und sich darüber zu vergewissern , was von dem Gerüchte über die Freiwerbung Sr. Majestät zu halten sei . Die Gräfin allein schien nicht zu wissen , was die Uebrigen beschäftigte . Sie saß weit zurückgelehnt , so daß die schöne Länge ihres Leibes ersichtlich war , auf einem niedrigen Sopha , nahe an einem der beiden Kamine . Das Licht der Kerzen und das Licht des Feuers vereinten sich , sie magisch zu überstrahlen . Ihr Haar glänzte wie von einer Aureole umleuchtet , und nie meinte der Abbé sie schöner gesehen zu haben , als eben jetzt , da sie bei seinem Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete . Eine Gruppe von Männern umgab sie , der Prinz und der junge deutsche Freiherr saßen ihr zur Seite . Die Unterhaltung war heiter und lebhaft gewesen , wie sie es immer wird , wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit dem sicheren Bewußtsein ihrer Schönheit jede ihr dargebrachte Huldigung nur als einen schuldigen Tribut , ohne Dank und ohne besonderen Anreiz aufnimmt . Der Prinz hatte sich im Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen , ohne daß die Haltung der Gräfin ihm dazu das Recht gegeben hätte , und kaum hatte der Abbé sich der Herzogin vorgestellt , so klagte Eleonore , daß die Gluth des Feuers sie belästige , und erhob sich . Mitten in dem Saale traf sie mit dem Abbé zusammen . Ich habe Sie heute am Morgen und heute am Mittage vergebens erwartet , und Sie kommen spät ! sagte sie im Tone des Vorwurfes . Es ist Ihr Wort , das ich Ihnen zurückgebe , Herr Abbé ! Man soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen , was man nicht sicher oder nicht geneigt ist , uns dauernd zu gewähren ! Wie sie so neben einander standen , beide hoch und majestätisch gewachsen , daß Auge in Auge traf , beide mit herrischer Miene , war es kaum möglich , sich ein Menschenpaar zu denken , das mehr für einander geschaffen , mehr auf einander angewiesen zu sein schien , sei es , daß sie in Liebe oder in Abneigung zusammentrafen . Es war neben Eleonorens vollkommener Schönheit stets ihr Stolz gewesen , der den Abbé angezogen und ihn gereizt hatte , ihr seine Herrschaft aufzudringen , und man hätte sagen können , daß sie sich im Streite nahe getreten waren , daß sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist verstrickt hatten , daß Sieg und Niederlage zwischen ihnen stets gewechselt hatten und beides ihnen zum Genuß geworden war . Auch jetzt empfand der Abbé den alten Zauber wieder mächtig auf sich wirkend , aber er hatte Grund , sich demselben nicht mehr wie sonst zu überlassen , und auf ihre Anrede eingehend , versetzte er : Schlimm genug für mich , daß ich aus meiner eigenen Erfahrung keinen Nutzen zog , daß ich sie nicht zu beherzigen verstand ! Was soll das heißen ? fragte sie voll banger Ahnung , weil ihr in seinem Wesen etwas Fremdes entgegentrat . Wir müssen scheiden , Eleonore ! sprach er tonlos . Er hatte sie niemals bei diesem Namen genannt , er hatte es stets vermieden , sie und sich als Einheit zu bezeichnen , und nun , da ihr Name , von seinen Lippen ausgesprochen , ihr mit unsäglicher Wonne das eigene Herz berührte , nun das beglückende » Wir « ihr von seinem Munde entgegenklang , nun sollte sie sich von ihm trennen - nun ? Scheiden ? wiederholte sie . Und weßhalb das ? - weßhalb ? Er blickte mit schnellem Auge um sich her ; als er sah , daß Niemand nahe genug stand , seine Worte zu vernehmen , sagte er : Ich komme von Seiner Eminenz dem Erzbischof . Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand . Es war offenbar das kleine Billet , das Sie mir neulich gesendet und das ich nicht erhalten hatte . Ein Brief der Frau Herzogin lag daneben . Eleonore erbleichte , aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl verließen sie nicht . Ich habe nie ein Wort geschrieben , sprach sie , das eines Anderen Blick zu scheuen hätte , und von Seiten meiner Tante überrascht mich nichts , wennschon ....