ich im Confessional und fange an zu sprechen und sage meine Sünden und ich sehe auf und ... Ihr seht den Domherrn von Asselyn ! Einen Geist , der mir spricht : Was enthielt damals der Sarg ? ... Gestanden Sie es ihm ? Da ! Nehmen Sie , Mademoiselle ! Jetzt griff Lucinde nach dem Bündel in heftigster Bewegung . So abschreckend feucht das Tuch war , sie empfand keinen Widerwillen mehr ... Plaudern werden Sie nicht ! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich die Gestalt und äußere Erscheinung der Verkleideten ... Und eine wiederum ballend erhobene Faust deutete die Möglichkeit seiner Rache an ... Dann aber sagte er : Gut ! Geben Sie das - An den Domherrn von Asselyn - Im Kapitelhause - Und was enthält es ? Eine Schrift - kein Geld - nur eine Schrift - in Latein - tant je crois - Damit ging er weiter ... Und die Reise nach Amerika ? Schloß Westerhof ? Das Papier ? rief sie hinter ihm her ... Der Knecht hörte nicht die verhallenden Worte und ging voraus ... Lucinde folgte athemlos ... Sie hatte das kleine Bündel in ihre Mappe gezwängt und sich dabei aufgehalten ... Mit dem Schirme tastete sie , um dem Schimmer der Laterne zu folgen ... Noch einige hundert Schritte in dem links sich erstreckenden engern Gange ging es so fort . Dann standen sie an einer kleinen , mit verrosteten Eisenklammern beschlagenen Thür ... Bickert gab Lucinden die Laterne und zog sein Schlüsselbund ... Leise steckte er einen mit wunderlichem Zierrath versehenen alten Schlüssel in das noch wohlerhaltene Schloß ... Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zurück und die Thür öffnete sich ... Halten Sie sich an mich ! sagte der Führer und stieg einige sich windende steinerne Stufen in die Höhe , während die Laterne zurückblieb ... Bald kam eine zweite Thür ... Bickert horchte ... Er wollte lauschen , ob niemand in der Nähe war ... Wo kommen wir hinaus ? fragte Lucinde , von den Anstrengungen erschöpft ... Statt zu antworten schärfte Bickert sein Ohr nur noch vorsichtiger ... Jetzt war es Lucinden , als hörte sie einen heiligen Gesang . Es war wie ein Strom klingender Luft , der auf sie niederwallte . Die Töne schwollen und erhoben sich . Wie aus erquickenden Quellen ringssprühender Staub , so rieselte sie es an ... Nach so langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton fast zum Licht , das Licht zur Welle , Geistiges wie leiblich sie Berührendes ... Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten ... Les chanteurs ! Es ist die Domschule ! flüsterte Bickert und öffnete ... Es strömte wie Lobgesang des Lebens auf sie ein ... Hier jetzt den Corridor hinauf , dann à travers la maison ! Bickert drängte Lucinden schon vorwärts ... Nach einem noch einmal weniger drohend , als schon hoffnungssicher gesprochenen : Mais Mademoiselle - ! stand sie plötzlich allein ... Bickert war verschwunden . Ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern führte Lucinden in einen größern , mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem über einige Stufen in ein alterthümliches Haus . Auch auf der großen Diele war alles wie von Musik erfüllt . Links von ihr sangen die Chorschüler Uebungen . Ein altes Klavier begleitete die Accorde ... Eine Weile lauschte sie ... » Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles ! « Dazwischen sprach ein Priester Erläuterungen ... Die Stimme war ihr fremd ... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte auf Moll , kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen über die zu machenden Pausen , die gegeben wurden , waren nur der Aushall des verklungenen Tones ... Alles , alles war ihr Harmonie ... Gern hätte sie glauben mögen , es würden ihr die beiden Arme zu riesigen Flügeln , die sie hätte ausbreiten mögen , die wieder errungene Freiheit zu erproben ... Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an die Hausthür . Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien , im Regen mit ihrem Bündel , aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfühlte ... Mußtest du diese Schrecken erleben , um das zu erlangen , was du vielleicht brauchst , um morgen mit - ihm zu sprechen , vielleicht zum letzten mal - Dies führt dich bei ihm ein , auch wenn er dir die Beichte abschlägt ! Sie hätte sogleich zu Bonaventura fliegen mögen ... Fast hatte sie ihre Knabentracht vergessen . Sie breitete den Schirm aus und schoß auf einen Fiaker zu ... In die Rumpelgasse ! rief sie . Zu Nathan Seligmann ! Die Adresse war bekannt ... Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer , die um sie auf den Tod gezittert hatte . Ihre Begleitung an das Profeßhaus hatte sie abgeschlagen . Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen , daß alles gescheitert war und Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet hätte ... Zu Aufklärungen für das » trotz Spinoza verzweifelnde « Mädchen , Aufklärungen , die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben hätte , blieb keine Zeit ... Sie gab ihre Kleider zurück , nahm die ihrigen , entleerte die Mappe , die sie Veilchen ließ , riß das schmuzige Tuch Bickert ' s fort und wollte eben die Einlage , einige Bogen Papier in amtlichem Briefformat , einstecken ... Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft : Gott im Himmel ! Was ist ? fragte Lucinde , halb schon im Gehen ... Herr Nathan war noch nicht wieder daheim ... Das ist - das ist ja - die Handschrift - Veilchen öffnete die Bogen , die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder zurücknahm , nur um sie rasch zu bergen , weil sie Eile hatte ... Nur einen Blick , Fräulein ! ... Was haben Sie ? fragte Lucinde drängend und auf dem Sprunge ... Schon gab Veilchen die Bogen zurück , wie mit einem Schauder - Ein Siegel , das neben dem Namen stand , der die Bogen unterschrieben hatte , schien ihr die Besinnung zu geben ... Lucinde sah ein Kirchensiegel - das Bild des Gekreuzigten ... Sie forschte nicht länger ... blieb ihr doch die volle Muße eigener Untersuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit , sich von dem wie bewußtlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens erklären zu lassen ... Eine Stunde später saß sie zum Thee bei der Commerzienräthin , die vor Ungeduld nach ihr » fast vergangen war « . Denn seltsamerweise blieb sie heute allein ... Aus Furcht vor Pitern ließen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen . Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklärt . Johanna hatte von ihrem in aller Frühe abgereisten Verlobten schon per Expressen einen Brief voller Vorwürfe über die Frau Oberstin , die übrigens gestern schon vor dem plötzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator angefahren und brachte die Kunde , daß morgen Abend der Domherr von Asselyn nach Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden würde mit Blumen , Gedichten , ja persönlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter ginge ? Was man dazu anzöge ? ... Endlich hörte man Pitern sich lärmend in den Hinterzimmern ankündigen ... Alles zitterte ... Zum Glück hörte man zu gleicher Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden . Sie erhob sich , schützte Kopfweh vor , schoß an Nück vorüber und flüchtete sich auf ihr Zimmer . Hier ergriff sie einen Bogen Papier , eine Feder und schrieb die Worte : » Hochwürdigster Domherr ! Ich beschwöre Sie ! Wenn Sie nicht einen Seelenmord begehen wollen , so bitt ' ich um Antwort - wegen meiner Generalbeichte ! Lucinde . « Sie convertirte , klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins Kapitelhaus an den Domherrn von Asselyn - wie schon heute in der Frühe ... Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab , so hatte sie ein letztes Mittel . Den Auftrag Bickert ' s ... Nach allem , was sie von Benno über den Eindruck wußte , den damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht hatten , durfte sie annehmen , daß dieser sie dann unmöglich zurückweisen würde , wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte , ihm wenigstens noch die Dinge , die ihr der Knecht aus dem Weißen Roß gegeben , persönlich einhändigen zu dürfen ... Nun klopfte es ... Nück meldete sich ... Ich bin krank ! sagte sie an der Thür , rasch verschließend - schaudernd vor dem Manne , bei dem für Bickert - tausend Thaler harrten und der ihr selbst - Sie wissen - - ? sprach schon Nück dringender . Nichts ! Nichts ! Der Pater ist gefangen ... Darauf schwieg sie ... Man führt ihn in sein Kloster zurück ... Doch ! doch ! sprach sie bebend , aber nur für sich ... Darf ich - ? Ich bitte dringend ... Ich bin krank ! Schrieben Sie doch nicht dem Pater ? ... Sie schwieg ... Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt hätte ! Oder wie verständigten Sie sich mit ihm ? ... Sie athmete auf , wie kein Verdacht vorlag , daß sie selbst zu Sebastus gegangen ... Bestellen Sie die Pferde ab ! Sonst nichts ! Gute Nacht ! sagte sie , sich ermuthigend , und brach kurz ab . Nück ' s murmelnde Stimme hörte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen verhallte ... Dann holte sie das verwitterte , nicht zu alte Schreiben , einen langen Brief in lateinischer Sprache , unterzeichnet » Leo Perl « . Nun verstand sie den Schrecken der Jüdin ... Sie las und las ... übersetzte und - stockte endlich ... Um den Brief völlig zu verstehen , mußte sie nach dem Wörterbuche greifen , das ihr Benno gekauft hatte ... Darüber schlug es elf ... 12. In einem der großen , » kaltgründigen « Zimmer des Kapitelhauses herrschte am folgenden Tage eine feierliche Stille ... Es war im Studirzimmer Bonaventura ' s ... Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem großen eisernen Ofen , der von außen geheizt wurde , hörte man das Zulegen neuen Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es , es war die eines Hausdieners , der zu diesem Amt für die Herren des Kapitels bestellt war . Auch nicht im Nebenzimmer saß Renate ... Der Domherr hatte die alte treue Dienerin gebeten , nach allen schon längst getroffenen Zurüstungen seiner Abreise auf Witoborn , die für die neunte Stunde bestimmt war - sein einfacher Sinn und seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewöhnlicher Postgelegenheit begnügen - erst um acht Uhr von einem Geschäft zurückzukommen , das er sie ersuchte , sich außerhalb des Kapitels zu machen . Sie hatte schon lange für Benno ' s Abwesenheit sich eine Durchsicht seiner Wäsche , eine gründlichere Anordnung seiner Wohnung vorgenommen ; diese vollzog sie , obgleich es Sonntag war , schon von vier Uhr an und gegen acht erst wollte sie zurückkehren ... Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben , verwilligte er ihr , was sie begehrte - Aber nur auf seinem Zimmer konnte er eine Generalbeichte abnehmen ... Er rüstete sich zu einem schweren Kampf , zu einer großen Prüfung - An die Seltsamkeit , daß sich auf seinem Zimmer Seelenkämpfe solcher Art ausringen , ist der katholische Priester gewöhnt . Lucinde hatte nicht nöthig gehabt , ihr letztes Mittel zu ergreifen - Mit der Abenddämmerung war sie in Begleitung des Meßners gekommen ... Durch die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben , durch eine grüne Hecke von Epheuranken , die den Schreibtisch von dem Fenster schied , brachen die blutrothen Strahlen der Sonne , die den ganzen Tag sich nicht hatte sehen lassen und nur am Abend noch einmal sich zeigte zum kurzen Willkomm ... Im Ofen prasselten die Flammen , die an der metallenen Wölbung einen singenden Ton gaben ... Alles das begleitete die nur bei katholischen Priestern und Aerzten mögliche seltsame Scene , daß eine Liebende zu dem sie verschmähenden Manne ihrer Liebe selbst zu gehen wagt . Schweigend hatte Bonaventura Lucinden , die verschleiert kam und den Hut nicht abnahm , angedeutet , daß sie sich setzen möchte ... Nach seinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand , gab dem Meßner , der sich wieder entfernte , einige geschäftliche Anweisungen und suchte sich durch diese und jene kleine Zurüstung die Sammlung zu geben , die ihm fehlte ... Lucinde schwankte bewußtlos ... Als er sich wandte , sah er , daß sie selbst schon einen Fußschemel ergriffen hatte und auf diesem knieete ... Daß es eine Entscheidung für sein ganzes Leben galt , ahnte er ... Ueber eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieser knienden Stellung und lehnte jede Erleichterung ab ... Bonaventura saß vor ihr und hörte nur ihrem dumpfen , doch vernehmlichen Gemurmel ... Das obenerwähnte feierliche Schweigen war eingetreten , als die Reihe ihrer Bekenntnisse zu Ende war ... Bonaventura kannte aus der Stadt her , wo er Priester , Lucinde katholisch geworden , eine Menge von Thatsachen , die zu dem Leben der Gesellschafterin der Comtesse Paula gehörten ; aber in einer solchen Vollständigkeit wie heute lag das Leben des , wie es schien , von einem unheilbaren Wahn bethörten Mädchens niemals vor ihm ... Sie hatte nichts verschwiegen , was sie belasten konnte , nichts , als ihre Liebe zu dem Manne , vor dem sie knieete ... Sie war grausam , rücksichtslos gegen sich selbst ... Sie klagte sich an , wo selbst andere noch entschuldigten ... Alles , was ihr Leben an Widersprüchen bot , leitete sie aus ihrer Todsünde her , die die Kirche » Acedia « , die » Trägheit des Herzens « , die Indifferenz für Liebe und Haß nennt ... Sie gab ein Lebensbild von sich , das alles enthielt , was wir wissen . Nur eine einzige große Strömung der Empfindung in ihrem Innern nannte sie nicht , doch war sie ersichtlich aus einem Lebenslauf , von dem sie andeutete , daß er ewig in der Irre gegangen , ein einziges großes Ziel verfehle und rettungslos verloren scheine ... Auch von Klingsohrn gestand sie alles . Sie klagte weder ihn , noch den Kronsyndikus an , nannte überhaupt , was nicht gestattet ist , nicht die Namen , Bonaventura wußte sie aber und ergänzte selbst , was verschwiegen wurde ... Ein seltsames Bild diese Zwiesprache , unglaublich für die , die außerhalb des römischen Lebens stehen ! Ein Mann , vor dem sich ein Weib in Liebe windet , blickte wie ein Gottgesandter streng und sich beherrschend zu ihr nieder . Er sah eine Nachtwandlerin an schwindelnder Klippe dahinwanken , zitterte mit den Gefahren , die von Lucinden nur überwunden wurden durch immer wieder bekannte neue Schuld ... er blieb fest und stark . Von Serlo hatte er noch nie so Ausführliches vernommen , wenn er auch aus frühern Geständnissen wußte , daß er selbst es war , der Lucinden anfangs eine auferstandene Wiederholung desselben erschien ... Zwei Jahre des Aufenthalts im orthopädischen Institut wurden erzählt , Jahre der Selbstbildung , aber nur jener » Bildung , die die Kraft geben sollte , Welt und Menschen abzuwehren , zu hassen , zu beherrschen « ... Die Reise nach Kocher , die Erfahrungen in der Dechanei , die Verstellung im Kattendyk ' schen Hause ... alles bis zu den neuesten Vorgängen , ja den Vorgängen des gestrigen Tages , alles , alles wurde erzählt , nur noch die Rettung durch den unterirdischen Gang verschwiegen , um der lateinischen Urkunde und - ihres Letzten willen ... Religiös blieb von beiden Seiten die Färbung des Ganzen , der Ton alles dessen , was gesprochen wurde , ein heiliger ... Ist das Leben , wie die sittlichen Atomisten sagen , eine millionenfach fortgesetzte und ineinander verwundene Kette von Selbsttäuschungen , dann darf es wunder nehmen , wie unser moralisches Scheinleben sich dennoch gleichsam ablösen kann von unserer ersichtlichen körperlichen Hülle . So fließt das Licht der Sonne und des Mondes um die dunkle Erde , so leuchtet der Phosphor an unsern Händen , die ihn nicht fühlen . Zwei Menschen , körperlich vor einander zitternd , bebend vor einer Berührung , wenn zufällig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des Breviers streifte - und ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast sichtbarer geistiger Aether um sie her und hin und wieder fließend . Diese Worte , diese Geständnisse , diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht in eine Weltordnung den Weg bahnen , wo die millionenfache Täuschung aufhört und der Geist , auch wenn vom Körper getrennt gedacht , wonnigste , seligste Wahrheit bleibt ? ... Lucinde hoffte das schon für diese Erde ... Doch - Bonaventura blieb - ein Priester voll Hoheit . Er vertrat die Religion . Er glich einer Kirche , in die man , innerlich noch so weltlich gesinnt , doch äußerlich voll Demuth und zur Ehre des Höchsten eintritt . Auch hörte er im Geiste die Worte , die ihm und dem Mönch Sebastus vor wenigen Monaten der Kirchenfürst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ... Daß sich etwas , was liebestollste Zudringlichkeit war , hier in einer Form aussprach , die schon zum Wahnwitz geworden , konnte er nicht verkennen ... Er hatte Lucinden im Lauf der von ihr in düsterm Unmuth und wahrhaft schmerzensvoll bekannten Leiden , die sie durch ihre eigene unausgesetzte Thorheit und moralische Hülflosigkeit über sich heraufbeschworen , gebeten - den Hut abzunehmen ; sie that es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den Fußboden . Ihrem Haar entglitt eine Flechte , die nicht genug befestigt war . Lang und schwer hing diese Haarflechte nieder . Lucinde merkte nichts von diesem Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttäuschung zu Hülfe ... Sie wand sich wie Magdalena . Bonaventura wußte nun : Dies irrselige , schöne Frauenbild bekennt alles das , nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen , von dir Worte der Liebe zu hören , vielleicht - jetzt nur deine Hand küssen zu können und - stumm zu gehen ... Sie will jetzt , wo du reisest , nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir führen , nur , wenn du wiederkehrst , mit ihren Blicken dich umwerben , mit ihrem Lächeln dich umschmeicheln dürfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben , daß man sagt : Dieser Geweihte ist ein Heiliger ; strauchelte er , so würde er es nur mit jenem Mädchen können , das bei jeder Messe , die er liest , immer an demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ... Bonaventura wußte , daß er straucheln konnte , wenn Lucinde - Paula war ... Jene hatte mehr Geist , mehr Wissen , mehr Thatkraft und - für die Meinung anderer vielleicht selbst mehr Schönheit , als diese ... Doch wirkte Lucinde auf ihn , wie er einst auf einen Scherz Benno ' s gesagt hatte , feuermagnetisch . Sie wirkte abstoßend durch Ueberkraft und eine zu große Willensstärke ... Er blieb bei seiner Priesterpflicht . Aeußerlich wollte Lucinde nur einen Rath haben , wie sie nach einem so geschilderten Leben und innerlich gänzlich zerstörten Dasein nicht die Lust am Leben und an sich selbst verlöre , zur Wahrheit käme , die Lüge und Verstellung miede , sich an fremdem Glück erfreuen , vor allem in der von ihr gewählten Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte ... Eben die Religion verschleierte alles . Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert , sich zu setzen ... Auch das that sie wie Magdalena und stützte das Haupt ... Jetzt fühlte sie die losgegangene Flechte . Sie steckte sie erröthend auf , während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete ... Endlich sprach er ihr mit einer Stimme , die auch nur ihm angehören konnte : Meine verehrte , liebe , theure Freundin ! Wie , wie lange kennen wir uns doch nun schon ! O , glauben dürfen Sie mir - daß ich oft , oft - wie oft ! über Sie nachgedacht , über Sie mit Gott geredet habe ! Was Sie mir vielleicht vor einigen Monaten schon sagen wollten - dies Neueste da , der Besuch Ihres frühern Verlobten in Knabenkleidern , nun , das ist eine Waghalsigkeit , die auf Rechnung Ihres abenteuerlichen Sinns kommt , ein Kampf gegen die Obrigkeit , den ich nicht billigen kann , ein Vergehen , das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt - Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt . Und daß Sie jenes Neueste hinzufügten , das nehm ' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priesterthum . Sie vermissen , sagen Sie , eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und Lebens . Das ist ein schönes , ernstes , für Ihre ganze Zukunft entscheidendes Wort ! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rügen . Sie haben die Liebe nicht gekannt . Sie haben sie von andern nicht erfahren ; ich rüge nicht , daß Sie sie auch nicht erwiderten . Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht tadeln . Es war vielleicht der Trieb nur des Wachsthums zum Bedeutenderen . Daß ein Baum gen Himmel anstrebt , ist ein Preis Gottes , kein Preis seiner selbst . Ein armes Mädchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung , die Ihnen bald weh that , bald schmeichelte . Immer wollten Sie mehr sein , als was das Geschick Ihnen zu sein anmuthete ; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht deshalb empor , weil Sie einen Trieb hatten , geistig mit sich zufriedener zu sein , als dies mit sich Tausende von Menschen sind . Die Fähigkeit , einen Klingsohr glücklich zu machen oder gar zu erziehen , konnten Sie damals nicht besitzen . Auch Ihr Leiden mit Serlo , Ihre Demüthigung , als Sie die Bühne betreten wollten , waren Sühnopfer für manche Schuld der Uebereilung , für manche Herzlosigkeit und Eitelkeit . Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche vollzogen , da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch . Immer schon mußte ich tadeln , daß Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedürfniß thaten ... Richtiger , Sie thaten ihn aus Bedürfniß , doch machten Sie sich über die Mahnung Ihres innersten Herzens , über dies Gebot Ihres guten Genius , der Ihnen bei diesem Schritt zur Seite stand , kein Geständniß . Nun schwanken Sie zwischen Freiheit und Abhängigkeit , zwischen Religion und Unglaube , ja sogar zwischen dem Guten und dem Bösen - Ihre Natur , fürcht ' ich und sprech ' es offen aus , wird Sie niederwärts ziehen , wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rüsten ! Andere ( Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfürsten ) , andere würden Ihnen rathen , Ihrem Geiste zu mistrauen . Das will ich nicht . Es wäre ja entsetzlich , wenn dem Geiste sich nicht das Gute gesellen könnte . Eines aber möcht ' ich Sie fragen - und ich fasse damit , glaub ' ich , Ihren ganzen Zustand zusammen - : haben Sie sich je vergegenwärtigt , was die Kirche mit so mancher ihrer großen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen will , zum vorzüglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwähn ' ich - unsern Mariencultus ? Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt . Den Sinn der Worte behielt sie nicht , nur ihren Klang . Erst bei Erwähnung des Mariencultus stutzte sie . Sie gedachte des noch rückständigen Bekenntnisses ihrer Wanderung durch den unterirdischen Gang und des von Picard empfangenen Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen Kreuzweg stand wie mahnend vor ihrer Seele ... Sie kennen die Lauretanische Litanei ? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit fort , still zu seinen guten Genien betend ... Die Lauretanische Litanei ! dachte sie und plötzlich fuhr durch ihr Innerstes ein Streiflicht ihrer Doppelnatur . Die Gottesmutter hat in dieser Litanei Bezeichnungen , als da sind » Gefäß der Andacht « , » geistliche Rose « , » elfenbeinerner Thurm « , » goldenes Haus « , » Arche des Bundes « . Heute in der Frühe , als noch Bonaventura ' s Ja ! nicht gekommen war und sie in die Messe stürmte , wo eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde , hatte sie sich in ihrer aufgeregten , gottfeindlichen Stimmung gesagt : Namen sind das ja , wie das Verzeichniß zu einer Auction oder als säh ' ich die Fenster der Trödler in Seligmann ' s Rumpelgasse ! Die seligste Jungfrau , fuhr Bonaventura in Sanftmuth fort , die Ihr früheres protestantisches Bekenntniß nur in ihrer Menschennatur kennt , nennt die Litanei unter anderm die mystische Rose . Mag sie von denen , die sie als solche sehen mögen , in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen verehrt werden , Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser Litanei vor , daß uns die heilige Frau - ein Spiegel sein solle . Gerade Sie möcht ' ich fragen : Wie ist Ihnen das nur ? Wenn Sie nach einem solchen Leben , wie Sie es mir geschildert haben , jetzt an Maria denken , zu dieser aufblicken , sich mit dieser ganz einig , ganz verbunden , ganz Freundin zu sein wünschen , was empfinden Sie da ? Lucinde blickte im Geist aus das kleine , in unterirdischer Einsamkeit stehende Muttergottesbild - und mußte schweigen ... Maria , fuhr Bonaventura fort , mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt erscheinen , wie sie will ; die Evangelisten haben nichts verschwiegen , was die Vernunftkritik gegen sie deuten kann . Halten Sie sich aber an das , was Maria durch das Christenthum erst selbst geworden ist , wie denn überhaupt die Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen Gemeinschaft eine der immer frisch zuströmenden Quellen unseres Glaubens ist . Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter , so groß , so verklärt , daß sie ohne Sünde empfing , die Verehrung vor der Frauenreinheit Mariä wird noch dahin kommen , daß die Kirche dem Verlangen nicht widersteht , sogar von ihr zu sagen , daß sie selbst ohne Sünde empfangen wurde . Das sind Dogmen des Bedürfnisses , Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesströme innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst . Wir wissen , wer die heilige Anna , die Mutter Maria ' s war , wir kennen die Schleier , die auf ihrer Verbindung mit dem heiligen Joseph ruhen ; aber alles das schwindet gegen das , was Maria in den wilden Geburten der Geschichte wurde . In der Barbarei der Zeiten ! In der rohen Entwürdigung der Frauen ! Immer schwebte sie da in den Lüften als ein unentweihtes Symbol des Fraueuthums . Der glühende Spanier und Provençale mag sie wie eine Geliebte verehrt haben , der Slawe wie eine Mutter , der Germane vielleicht am kühlsten nur wie eine Schwester : immer war es Maria , die die Wildheit zähmte und der Leidenschaft die tödliche Waffe aus der Hand schmeichelte . Die Civilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten worden . Und erst in unserer Zeit ! Der Mariencultus ist nicht mehr die Bürgschaft der mildern Sitten ; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche , sittliche Sinn . Gerade die Reinheit Mariä zu verehren drängt es diese unreine Zeit , die Zeit der Frivolität , der Emancipation von der Sitte , die Zeit des fast ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes , die Zeit der Nivellirung der Familie und Erziehung . Und nun , nun frag ' ich Sie : Finden Sie den Weg zwischen Ihrem Innern und diesem Frauenbilde , das Sie ja in jeder Kirche sehen können , ganz frei und ungehindert ? Fühlen Sie sich so , daß Sie den ob milden , ob strengen , immer sittlich reinen Blick unserer Himmelskönigin nicht zu fürchten brauchen ? Können Sie , als Weib , als Jungfrau , zur Mutter mit dem Kinde aufblicken und sagen : Das Leben hat mich viel umgetrieben , ich war mancherlei und erlebte noch mehr , aber du , du kannst nichts gegen mich haben ! Du würdest mich nicht aus deinem himmlischen Hofstaat verweisen ! Ich füge hinzu , liebe Freundin , ich fand immer , daß die Frauen voneinander mehr wissen , als wir Männer . Untereinander beurtheilen sie sich strenger , als wir ahnen . Sie durchschauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir . Sie lassen sich nichts ungerügt hingehen , dulden keine Verschönerung und Ausschmückung , die wir Männer , geblendet vom Frauenreiz , immer noch in Bereitschaft haben . Jeder Blick einer Frau , die ihr Geschlecht beurtheilt , sagt : Was wir Frauen uns sein müssen , das wissen wir schon ! ... Und so denn also - im Chor der seligen Jungfrauen denken Sie sich die Königin des Himmels und prüfen Sie sich , was die Allerseligste sagen würde , wenn unter Tausenden nun auch Sie zu ihr hinträten und sie bäten , in ihrem Hofstaat eine Ehrenstelle im weißen Kleide erhalten zu dürfen , eine Ehrenstelle durch die Reinheit des Herzens , die wahre , geistige Schönheit , die Lauterkeit des Gemüths ! Können Sie ein solches Bild der allerseligsten Jungfrau festhalten ? Können Sie , rückblickend auf Ihr ganzes Leben , von sich sagen : Maria ! Mit dir bin ich einverstanden ! Maria ! Du bist es mit mir ! Maria hat nichts gegen mich ? Lucinde , von Bonaventura geführt wie ein Kind , schlug ihre Augen anfangs nieder . Jetzt schlug sie sie auf