fassen konnte . Er hilt allerdings eine Kleinkinderbewahranstalt , doch war dies Geschäft nur der Deckmantel für andere , und wir sind fest überzeugt , daß in jenem Hause die gleichen Zusammenkünfte gehalten wurden , wie in dem bekannten Fuchsbau - « Herr Sträuber zuckte . » - Und daß eben dieser Schwemmer und sein Weib Hehlerei , Betrug , Kuppelei im Großen betrieben . Ah ! wahrhaftig , wir sind auf der richtigen Fährte , alle Fäden in meiner Hand ! « Dabei faßte der Präsident sanft seine Nase und zog sie abwärts , so daß seine Augen bequem die Stelle auf dem Frack erblicken konnten , wo noch immer der gewisse Stern fehlte . Herr Sträuber hatte sich ziemlich rasch wieder von seinem Schrecken erholt . Er heuchelte ein großes Erstaunen , preßte beide Hände unter seinem Hute zusammen , und sagte mit großer Schlauheit , während er die Achseln zuckte : » Das hätte ich nimmer gedacht . Mir wurde das Haus als ganz respektabel geschildert , sonst hätte ich meinen Fuß nie hinein gesetzt . Beim Himmel ! in welche Verlegenheiten kann man unschuldigerweise kommen ! Ich ging nur dorthin , um mich nach dem Knaben zu erkundigen . Wenn ich bedenke , mein ehrlicher Name hätte Schaden leiden können ! « Der Präsident hustete bedeutungsvoll und zwinkerte dem General aus den Augenwinkeln so schnell zu , daß der Andere , der gerade zerknirscht zu Boden schaute , es nicht sah . » Von dem , was Sie sagen , sind wir vollkommen überzeugt , « sprach der Chef der Polizei . » Wer sieht den Leuten in ' s Herz ! Beruhigen sie sich , was wir verhandeln , bleibt streng unter uns ; fahren Sie aber in Ihrem Berichte fort , ich habe wahrhaftig nicht mehr viel Zeit zu verlieren . « Einen Augenblick zauderte der Angeredete , doch hielt der General wie absichtslos das Papier mit den Banknoten in die Höhe , und es war das wie eine Angel mit trefflichem Köder , auf welche Herr Sträuber zuschnappte und sich daran verbiß . - » Der Knabe also war bei diesem verruchten Schwemmer , und ich erfuhr , daß es dem Kinde dort nicht gerade besonders gefalle , daß es gewaltsam zurückgehalten werde , konnte aber nichts Böses dabei ahnen , denn ich hielt den Knaben für ein unartiges Bürschlein , Herrn Schwemmer aber für einen Biedermann . So kann man sich irren , meine gnädige Herren . - Ja , sogar als ich erfuhr , daß dem Knaben nachgeforscht würde , vermuthete ich noch nichts Böses , und ich gestehe offenherzig , nur die Hoffnung auf einen großen Gewinn bewog mich , mit den Leuten , die jenem Kinde nachforschten , in Unterhandlung zu treten . Und so kam ich vor seine Erlaucht den Herrn Grafen . « » Fast ist es so , doch eine andere Lesart . Wodurch dieser Herr erfuhr , ich lasse die Spur jenes Kindes suchen , vraiment , ich weiß es nicht - genug , er bot sich mir an , und ich trug kein Bedenken , seine Hilfe anzunehmen . « » Das ist an sich auch gleichgiltig , « sagte der Präsident , » Jetzt haben sie nichts weiter zu thun , als mit wenigen Worten Ihr Geld zu verdienen . « » Und dann läßt man mich ruhig meiner Wege ziehen ? « fragte Sträuber vorsichtig . » Wer wird Sie halten ? « versetzte der General trotz des bedeutsamen Hustens seines Freundes . » Sie geben die Adresse , hier ist das Geld und Sie verlassen ungekränkt das Haus . Je vous en donne ma parole . « Der Präsident zuckte mit den Achseln und riß ungeduldig an seiner Nase . » Euer Erlaucht , « sprach Herr Sträuber offenbar befriedigt , » wissen Sie die Schilderstraße ? Am Ende derselben , fast wo sie in die Wallstraße mündet , befindet sich ein großer Brunnen mit Einem Rohr . Dies Rohr zeigt gerade auf ein kleines Haus Numero sechsunddreißig . Dort ist der Knabe . « » Und wem gehört das Haus ? « » Das kann ich nicht sagen . Ich weiß nur so viel , daß er dort bei seiner ehemaligen Wärterin , der Frau Fischer , wohnt und sich unter der Aufsicht eines Mannes befindet , der ihn unterrichtet , und eine Art Hofmeister ist . « » Ich muß gestehen , « sagte ingrimmig der General , » man sorgt für den Buben wie für einen kleinen Prinzen . Er muß par Dieu eine vornehme Herkunft und reiche Beschützer haben . Und etwas Näheres über den Mann , seinen Hofmeister wissen Sie nicht ? « » Ich sah ihn einmal mit dem Knaben spazieren gehen : es ist das eine sonderbare Persönlichkeit , sehr klein mit vollkommen ausgewachsenem Oberkörper und Kopf , aber mit ziemlich verwahrlosten Beinen . « Der Polizei-Präsident stand da wie vom Schlage getroffen . Genau so hatte Herr Blaffer das Signalement seines ehemaligen Commis angegeben . Sollte ihm vielleicht von dieser unbekannten Seite auf die Spur desselben geholfen werden ? - » Fassung ! Fassung ! « sprach er zu sich selber , wobei er sich , um sein überraschtes Gesicht zu verbergen , wieder angelegentlich mit seiner Nase beschäftigte , die er auf allen Seiten streichelte . » Das muß ja ein Zwerg sein , « brachte er endlich ziemlich unbefangen hervor . » Fast so , « entgegnete Herr Sträuber . » Auf jeden Fall komisch genug , wenn man den martialischen Gesichtsausdruck des kleinen Mannes betrachtet . « » Was kümmert uns der ! « sprach ungeduldig der General . » Hier ist Ihr Geld . « Er reichte ihm das Packetchen , doch als Herr Sträuber gierig darnach langte , zog es der General einen Zoll zurück , wobei er sagte : » Wenn es Ihnen genehm wäre , könnten Sie noch eine kleine Zulage von circa fünfzig Gulden verdienen , oui , certes , cinquante florins . Ich bin nämlich überzeugt , seit Sie jenes Haus , den Aufenthalt des Knaben entdeckt , haben Sie dasselbe öfters umschlichen und wissen genau , ob und wer sonst noch da aus- und eingeht . - Fünfzig Gulden , Herr , für eine freundliche Mittheilung - pour un mot , Monsieur . « Der Chef der Polizei stand da wie auf Kohlen , es prickelte ihn in allen Gliedern . Vielleicht wußte dieser Mensch auch den Namen des sogenannten Hofmeisters ! Herr Sträuber schien eine Weile unschlüssig , doch wollen wir dem geneigten Leser gestehen , daß er bedeutende Reiseprojekte hegte und bei sich dachte : » Fünfzig Gulden bringen mich schon einige Meilen weiter . Und im Uebrigen , was habe ich für Verpflichtungen gegen Leute , die ich gar nicht kenne ? - Allerdings , « sprach er laut , sich gegen den General wendend , » umschlich ich das Haus häufig , um mir Gewißheit zu verschaffen . « » Und es kamen Besuche ? « » Zuweilen ein junger Mann , eine ziemlich hohe Figur , schlank , in einen weiten Mantel gewickelt . « » Que Diable ! Was geht mich ein Mann an ! « rief ungeduldig der General . - » Und vielleicht doch ! Wer kam sonst noch ? « » Auch eine Dame kam zuweilen in einem Wagen . « » Ah ! « » Eine schöne junge Dame mit blondem Haar und einer weichen , angenehmen Stimme . Ich vernahm das , wie sie dem Kutscher sagte , er solle in einer Stunde wieder kommen . « Die Augen des Generals glühten wie die einer wilden Katze . Der Präsident biß sich auf die Lippen und zuckte bedeutsam die Achseln . » Also die Dame hätten wir , « sprach der General mit zitternder Stimme . » Jetzt interessirt mich auch der Mann . « » Nicht wahr ? « rief eifrig der Präsident - » der kleine zwergartige Hofmeister ? « » Zum Teufel mit Ihrem Hofmeister ! Ich meine den Andern , den im Mantel . Er war hoch und schlank ? - dunkles Haar ? « » Erlaucht werden mir verzeihen , es war gewiß blond . « » Meinetwegen auch blond . Und um welche Zeit ging er gewöhnlich hin ? - je vous prie . « » Sehr unbestimmt - meistens spät in der Nacht . « » Aber dann war sie nicht da ! « » Nur einmal , da kamen sie mit einander in einem kleinen eleganten Wagen . Da war sie sehr reich gekleidet , ich glaube in weißer Seide mit Spitzen und Brillanten ; ich werde das nicht vergessen , denn da der Wagen nicht dicht an ' s Haus fahren konnte , und es ziemlich schmutzig war , so trug sie der Mann in die Hausthüre . « Die Züge des Generals überflog bei diesen Worten eine tiefe Röthe , die aber sein graues Gesicht gelblich färbte . Seine Augen starrten vor sich hin , und mit den Händen suchte er in den Taschen seines Rockes umher , wobei er eine Handvoll zusammen geknitterter Papiere hervorbrachte , welche er dem Berichterstatter einhändigte . Besorgt trat ihm der Chef der Polizei näher , legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte : » Ruhig , mein Freund ! Lassen Sie das gut sein , wir wollen unsere Schritte schon thun . Erlauben Sie mir nur einen Augenblick , diesen Mann noch über den Hofmeister auszufragen . Das ist eine Sache , die mich von meinem Standpunkte aus höchlich interessirt . « Der General seufzte tief auf , fuhr sich mit der Hand über die Augen , und als er mit dem Kopfe genickt , ließ er sich auf einen Fauteuil niedergleiten , wo er in tiefem Nachsinnen zusammensank . Eilfertig hatte Herr Sträuber sein Geld eingeschoben und wandte sich mit einer tiefen Verbeugung nach der Thüre . » Noch einen Augenblick ! « rief ihm der Polizei-Präsident nach . Was Sie von dem Hofmeister sagen , interessirt mich . Wissen Sie vielleicht den Namen desselben ? » O ja , « entgegnete Herr Sträuber . » Es ist ein sonderbarer Name ; ich hörte ihn , aber ich habe ihn wohl vergessen . Warten Euer Gnaden einen Augenblick - Herr Axt - nein ! - Herr Messer - auch nicht - aber es ist etwas Schneidiges dabei . « » Herr Beil ? « sprach erwartungsvoll der Präsident . » Richtig - Beil , so heißt er . Ja wohl , Herr Beil , darauf können Sie sich fest verlassen . « Bei diesen Worten drückte sich Herr Sträuber rückwärts zur Thüre hinaus und eilte , so schnell er konnte , die Treppen hinab . Erst als er auf der Straße angekommen war , athmete er tief auf , drückte mit der Hand an das Geldpaket , das er auf der Brust verwahrt hatte , und wandte seine hastigen Schritte gegen den Eisenbahnhof . Er dachte an eine angenehme Fahrt , an frische Winterluft , vorüberfliegende Bäume und Häuser und ein gutes Nachtquartier , wo er in der warmen Stube bei einem gewählten Nachtessen sitzen wolle , der Stadt , dem Fuchsbau , der Polizei , sogar ihm ein Schnippchen schlagen , und bei einem guten Glase Wein überlegen , was weiter zu thun sei . So dachte Herr Sträuber , und ihm ahnte nicht , daß derweilen ein finsteres Verhängniß hinter ihm drein schreite , die ewige Gerechtigkeit , - diesmal in blauer Uniform mit einem dreieckigen Hut , unter welchem eine rothe spitze Nase drohend hervorsah . Der Polizei-Präsident war an den Fauteuil seines Freundes getreten und hatte mit wirklichem Mitgefühl gesagt : » Bester General , das ist in der That eine verwickelte Geschichte . Sie wollten mich vorhin nicht zu Worte kommen lassen , als ich mich nach jenem Hofmeister erkundigte . Wie Sie hörten , that ich dies aber doch , und die Auskunft , die ich erhielt , macht mich schaudern . So wehe es mir thut , kann ich es Ihnen doch nicht verschweigen : Jener Hofmeister - Beil heißt er - ist der Theilnahme an einem kürzlich verübten Einbruch dringend verdächtig , und ist derselbe jedenfalls Mitglied einer weit verzweigten Diebesbande , die in hiesiger Stadt ihr Unwesen trieb , der wir aber , Gott sei Dank ! auf der Spur sind , und die wir überraschen und schonungslos aufgreifen müssen . Schonungslos sage ich , und wir müssen , so leid es mir thut , mit dem Hofmeister jenes Knaben anfangen . « Hier schwieg der Präsident einen Augenblick , und erst als der General achselzuckend mit dumpfer Stimme entgegnete : » Thun Sie so , Sie haben Recht , « fuhr er fort : » Dabei aber , bester Freund , könnte vielleicht der Fall eintreten , daß man auch jenen jungen Mann , der dort zuweilen hingehen soll , in dem Hause anträfe . « » Sie wollen sagen : jene Frau , « entgegnete zähneknirschend der General . » Auch das wäre möglich , und es sollte mir wahrhaftig leid thun , « setzte der Präsident wie sich entschuldigend hinzu . » Doch könnte man dafür sorgen , daß jene Dame nicht dort getroffen würde . « » Im Gegentheil ! « rief der General mit funkelnden Augen , wobei er von seinem Stuhl in die Höhe sprang . » Man soll sie finden , au nom de Dieu ! Man soll sie finden , et je m ' en charge , président . Bereiten Sie Alles vor , das Haus zu durchsuchen , aber warten Sie , bis Sie von mir zwei Zeilen erhalten . Das wird gewiß heute noch geschehen . Dann aber greift , was ihr findet , ohne Schonung , und haltet fest , was da ist . In demselben Augenblicke werde ich mir allerhöchsten Ortes eine Audienz ausbitten - point de menagéments , je vous prie ! « Er reichte dem Polizei-Präsidenten schweigend die Hand , und dieser , die Gemüthsstimmung des Generals verstehend , entfernte sich schweigend . Sechsundsiebenzigstes Kapitel . Achselbänder . Gewöhnlich wurden jedes Jahr bei Hof zwei große Maskenbälle gegeben . Es war das so herkömmlich , und wenn sich vielleicht auch Niemand besonders dabei amusirte , so sah man diesen Festen doch mit einigem Interesse und Neugierde entgegen ; es war eine Unterbrechung in dem beständigen Einerlei der Diners und Frühstücke , der Hofkonzerte und gewöhnlichen kleineren und größeren Bälle . Es fiel da meistens allerlei vor , worüber man ein paar Wochen lang sprechen konnte , es gab da Kostüme zu bewundern und zu bekriteln . Selbst das Hofmarschallamt , das bei diesen Festen Arbeit und Sorge genug hatte , liebte dergleichen ein paar Mal im Jahr ; es war das , wie wenn das Militär in neuen Anzügen , Waffen und Fahnen paradirt - so glänzte dann der Hofmarschall mit den besten Livréen , den schönsten Sälen , prächtiger Beleuchtung und dem großen Silberzeug . Deßhalb glich auch schon mehrere Tage vor diesen großen Bällen ein Theil des Schlosses , namentlich der , wo sich die Küchen befanden , einem Bienenschwarme , und wie in einem solchen summte es auch hier aus und ein . Die Küchenjungen glühten vor Eifer und Maulschellen , die Schloßknechte liefen in einem beständigen Hundetrab hin und her , die gesetzteren Lakaien nahmen in den Gängen und Zimmern des Schlosses noch verstohlener als sonst ihre Prise , und erinnerten sich an Carnevalbälle aus diesem oder jenem Jahrgang , wo dies und jenes geschehen war , meistens an und für sich etwas sehr Unbedeutendes , aber unvergeßlich für das Gemüth eines Hofbedienten , als zum Beispiel eine abgetretene Schleppe , eine verschüttete Sauce , eine allerhöchste Nase dem Hofmarschallamt gespendet , oder dergleichen mehr . Gefährlich war es übrigens an diesen Tagen in den Küchen selbst und zwar an den Plätzen , wo der regierende Koch Hochselbst zu komponiren und zu arbeiten pflegte . Diesen Ort umschlichen die Küchenjungen mit wahrem Grausen und schätzten sich glücklich , wenn sie eine Kasserole überbracht , ohne dafür einen Fußtritt oder eine Kopfnuß eingehandelt zu haben . In den Sälen wurden die Kronleuchter nachgesehen , in den Nebenzimmern Buffets und Tische aufgeschlagen , die Treppen mit Teppichen bedeckt , und das alles von den höheren Hofbediensteten auf ' s Sorgfältigste überwacht . Sogar der Hofmarschall war an diesen Tagen ernster als gewöhnlich , seufzte zuweilen , zog die Augenbrauen in die Höhe und dachte gern an jenen Moment , wo Alles glücklich vorüber sein werde und wo sich die höchsten Herrschaften nach genug ertragener Langeweile müde , aber zufrieden in ihre Gemächer zurückziehen würden . Wenn auch in den übrigen Theilen des Schlosses , die mit den festlichen Räumen in gar keiner Verbindung standen , äußerlich an diesen Tagen keine Veränderung wahrzunehmen war , so beschäftigte man sich doch auch hier mehr oder minder mit dem bevorstehenden Feste . Selbst im Adjutantenzimmer wurde die Dominofrage verhandelt : ob Seine Majestät dieses Jahr Höchstselbst vermummt erscheinen werde und welche Farben man zu Ihrem Anzuge bestimmen würde ? Solche Gespräche hörte der Leibkammerdiener mit einem unaussprechlichen Lächeln an , denn er allein wäre im Stande gewesen , die Herren über die Sache au fait zu setzen . Daß die eingeladene jüngere Generation sich auf ' s Eifrigste mit ihren Kostümen beschäftigte , brauchen wir wohl nicht erst zu bemerken . Und da man an diesem Tage große Geheimnisse vor einander hatte und sich gerne Ueberraschungen bereitete , so waren die Garderoben der Herren und Damen , wo Schneider , Nähterin und Kammerjungfer arbeiteten , für Uneingeweihte fast hermetisch verschlossen . Am Tage des Balles selbst klärte sich nun das wilde Getreibe in den unteren Räumen des Schlosses so ziemlich ab und es begann dort Stille und Ruhe zu herrschen - die drückende Stille vor einem Sturm . Selbst die Küchentyrannen waren umgänglicher geworden : man mußte nun eben Alles gehen lassen , wie es ging . An der fertigen Arbeit war nichts mehr zu ändern , selbst die gewaltigste Hand konnte nicht mehr die Speichen des Rades regieren , das unaufhaltsam den Berg hinab rollte . Nur in den oberen Räumen des Schlosses wurde fast noch emsiger gearbeitet , als an den vorhergehenden Tagen , namentlich in den Garderoben der Hofdamen und Ehrenfräuleins der Frau Herzogin . Dieselbe hatte sich , wie sie gern zu thun pflegte , eine kleine Ueberraschung ausgesonnen . Dem Fest-Programme nach sollte sie mit ihren Damen erst auf dem Balle zum Gefolge Ihrer Majestät stoßen . Daran änderte sie nun freilich nichts , doch wollte sie vorher maskirt erscheinen und sich selbst mit den höchsten Herrschaften einige unschuldige Spässe erlauben . Sie hatte sich das Kostüm einer Zauberin gewählt und ihre Damen sollten sie als phantastisch gekleidete Gehilfinnen oder vielmehr dienende Geister umgeben . Den Damen war dieses Projekt erst zwei Tage vor dem Ball und zwar mit dem allerhöchsten Wunsche der strengsten Geheimhaltung anvertraut und ihnen dabei befohlen worden , nach mitgetheilter Figurine schleunigst für ihre Kostüme zu sorgen . Daran wurde nun auf ' s Emsigste gearbeitet , und da es ein trüber nebeliger Tag war , so hatte man in der Garderobe der Fräulein Eugenie von S. schon in früher Nachmittagsstunde die Fenstervorhänge herabgelassen und Lichter angezündet . Tische und Stühle waren mit seidenen und durchsichtigen Stoffen bedeckt ; geöffnete Kartons standen auf dem Fußboden und zeigten ihren bunten Inhalt : künstliche Blumen , Bänder , Federn . An einem Arbeitstische in der Ecke des Zimmers saßen zwei Mädchen , die einen langen Schleier von grauer Seidengaze vor sich ausgebreitet hatten und beschäftigt waren , denselben mit kleinen silbernen Sternen zu bedecken . Eins dieser Mädchen war schlank und schmächtig , und sein schmales , seines , etwas blasses Gesicht wurde von starkem blondem Haar beschattet . Die Andere , die um mehrere Jahre älter erschien , war eine kräftige , derbe Person , ihr Gesicht hatte eine gesunde Farbe und dunkle , lebhafte Augen , sowie etwas stark aufgeworfene Lippen gaben ihm einen lustigen , ja beinahe kecken Ausdruck . Die Blonde nähte eifrig darauf los , während sich die Andere in den Stuhl zurücklehnte , den einen Fuß auf einen Schemel setzte und sich die Arbeit wohlgefällig betrachtete . Sie hielt eine eingefädelte Nadel in der einen Hand , sowie einen der silbernen Sterne in der andern , und meinte lachend , sie möchte auch wohl eine vornehme Dame sein und sich einmal in solch prachtvollem Anzuge in einem glänzend erleuchteten Saale bewegen . » Eigentlich wäre ein solch ' langer Schleier bei einem Balle doch nichts für mich , « fuhr sie nach einer Pause fort , » denn weißt du , Henriette , ich tanze gern und daran hindert einen doch die Schleppe des Schleiers . « » So ist der Geschmack verschieden ; ich mache mir aus dem Tanze gar nichts . Aber das kann ich schon sagen , einmal so einen glänzenden Ball zu sehen , schön vermummt , würde mir auch vielen Spaß machen . « Die Andere begann ihren Stern aufzuheften und sagte zwischen der Arbeit , wobei sie einen Augenblick mit pfiffigem Gesichtausdruck aufwärts schielte : » Weißt du wohl , daß es gar nicht so schwer wäre , so einen Ball anzusehen ? Wir brauchten uns nur ein paar Dominos zu verschaffen , was hier im Schlosse nicht schwer wäre und keck zur Thüre hinein zu gehen . Es würde uns Niemand kennen . « » Du bist in der That unverbesserlich , Nanett , « erwiderte die Blonde mit leichtem Kopfschütteln . » Ich glaube , du wärest im Stande , so etwas auszuführen ! « » Und warum denn nicht ? Man muß das Leben genießen , so lange man kann . Aber du bist auch zu gar nichts zu gebrauchen . « » Ich thue meine Pflicht nach meinen Kräften . « » Das muß dir der Neid lassen . Und dein Fräulein könnte sich keine bessere Kammerjungfer wünschen , als du bist ; immer zu Hause , immer am Arbeiten und verschlossen wie das Grab . Du bist wirklich ein Muster . « » Wenn du das einsiehst , Nanett , « erwiderte die Blonde nach einer Pause , » und es dein Ernst ist , was du eben sagtest , so hättest du dich wohl ein wenig nach mir richten und dich auch in mancher Beziehung ändern können . « » Ich mich noch mehr ändern ! « rief Nanette mit erkünsteltem Erstaunen , wobei sie aber lustig die Hände zusammenschlug . » Bin ich nicht ganz und gar anders geworden , seit wir uns zum ersten Mal gesehen ? Weißt du noch , an jenem Abend in dem finstern Hause , dem Fuchsbau ! « » O davon schweige mir ! Wenn ich den Namen höre , so fröstelt es mich . « » Ja , es war allerdings zu der Zeit unangenehm , aber es hatte auch wieder seine schönen Seiten . Ich komme mir jetzt wahrhaftig oft wie ein gefangener Vogel vor . Und wenn ich so zuweilen in das Land hinaus schaue und dabei zufällig auf der Straße eine Orgel höre , so erfaßt mich oftmals eine solche Sehnsucht und Wehmuth , daß ich laut hinaus weinen könnte . Wahrhaftig , Henriette , ich weiß nicht , was ich an dir für einen Narren gefressen habe und weßhalb ich Alles thun muß , was du von mir verlangst . Aber wenn du nicht da wärest , hätte ich schon lange meine Harfe wieder genommen und wäre hinausgezogen in die freie Natur . « » Das verstehe ich nicht , « entgegnete die Blonde mit einem traurigen Lächeln . » Hast du hier nicht Alles , was du wünschest ? Die Damen , bei denen du arbeitest , mögen dich leiden , ja , sie lachen über deine lustige Laune , und wenn du oft singst , statt zu nähen , so beschenken sie dich noch obendrein . Dabei hast du ein gutes Einkommen und kannst etwas zurücklegen für deine Heirath , von der du zuweilen sprichst . « Nanette strich sich die Haare aus dem Gesicht , dehnte sich ein wenig auf ihrem Stuhle und erwiderte dann : » Das alles hat der gefangene Vogel auch ; er wohnt in einem hübschen Hause , er bekommt gutes Essen und Trinken und darf singen . Aber nur so lange es seiner Herrin gefällt ! Denn wenn er einmal recht anfängt zu schmettern und zu jubiliren , so hängt man ein Tuch über seinen Käfig , damit er aufhört . Was nun meine Heirath anbelangt , so ist das eine kuriose Geschichte . Du weißt , Schatz - ich sagte es dir ja damals - daß ich bei den Andern eine Verbindung hatte , natürlicherweise ließ ich die fahren , als ich ein neues Leben anfing . Doch that es mir recht leid und ich kann ' s immer noch nicht vergessen . Der Leiblakai will mich allerdings heirathen , aber er ist so furchtbar zahm und geschniegelt ; er kämmt sein bischen Haar so glatt auf den Kopf und hat beständig ein so wichtiges Gesicht . - So ! « - Bei diesen Worten machte sie eine so komische Grimasse , daß die Andere eben laut auflachen mußte . » Gewiß , Henriette , « fuhr das ehemalige Harfenmädchen fort , » glaub mir , du bist es allein , die mich zurückhält , und wenn du dich je einmal verändern würdest , so könnte ich mich allein damit trösten , daß ich alsdann wieder in das Land hinaus zöge und laut in Feld und Wald sänge : Im Dörfchen , nicht weit ist ' s von hier , Da lag ich einmal im Quartier . Tralalalala - a ! - Da lag ich einmal im Quartier . « » Um Gotteswillen ! « bat die Andere besorgt , » gleich wird das gnädige Fräulein kommen und sich nach dem Lärmen erkundigen . Mach ' fort , mach ' fort , wir haben noch viele Sterne aufzuheften . « » Bah ! du drohst mir wie den kleinen Kindern . Das gnädige Fräulein ist gar nicht da , du weißt so gut wie ich , daß sie ausgefahren ist . Ich weiß auch wohin , « fuhr sie schelmisch lachend fort . » Und wohin denn ? « » Zu der Frau Majorin von S. Es ist dir bekannt , daß ich häufig da arbeite , und fast jedes Mal , wenn ich da bin , kommt auch dein gnädiges Fräulein . Und gleich darauf , wie das Amen nach der Predigt - « » Nun , was denn ? Sprich nur weiter ! « » Gleicht darauf fährt ein kleiner Wagen vor und der Herr Graf Fohrbach erscheinen . Oder wenn er nicht herauf kommt , so reitet er wenigstens am Hause vorbei . Aber das kennst du gerade so gut wie ich . Nicht wahr ? - Sage mir doch , « fuhr sie nach einigem Stillschweigen fort , als die Andere keine Antwort gab , » weißt du , ob bald die Hochzeit sein wird ? « » Ich weiß von gar nichts , « erwiderte Henriette bestimmt . » Nun , so will ich dir ' s sagen . Sie werden sich heirathen mit dem frühesten Frühjahr und eine große Reise machen . Siehst du , glückselige Kreatur , da darfst du auch mit ! Und ich - ich sollte hier bleiben in der finstern Stadt ? Nein , liebe Henriette , das wirst du nicht von mir verlangen . Glaube mir , « - dies sprach sie mit auffallend ernstem Tone - » so wehe es mir in dem Falle thut , dich zu verlieren , so freue ich mich doch auf den Zeitpunkt , wo ich meine Freiheit wieder erhalte . « » Hat es soeben nicht geklopft ? « sagte Henriette aufblickend . » Ich habe nichts gehört . « » Doch , doch ! es klopft wieder . « » Richtig ! wer kann da kommen ? - Herein ! « » Du bist recht unvorsichtig , « flüsterte die Kammerjungfer . » Du weißt ja , wir dürfen für Niemand zu Haus sein . Glücklicherweise habe ich den Riegel vorgeschoben . Sieh , man bemüht sich vergeblich , die Thüre aufzumachen . « Wirklich wurde von außen mehrmals an der Klinke gedreht , und als sich das Schloß nicht öffnete , von Neuem geklopft . » Was machen wir ? « fragte Nanette . » Man hat uns jedenfalls draußen sprechen hören . « » Glaubst du ? Das wäre unangenehm . « » Allerdings ; deßhalb muß man wenigstens nachsehen , wer da ist . « » Aber es könnte Jemand sein , der dem gnädigen Fräulein unangenehm wäre . « » Wenn ich mich unter die Thüre stelle , « entgegnete Nanette mit großer Bestimmtheit , » so kommt nur herein , wen ich gerade herein lasse . Ich wollte sehen , wer gegen meinen Willen eindringt . « Damit erhob sie sich , warf den Kopf trotzig in die Höhe und sprach mit lautem Tone , als sich das Klopfen immer wiederholte : » Nur Ruhe da draußen ; man kommt schon . « Sie hatte die Thüre erreicht , schob den Riegel zurück und öffnete sie ein klein wenig , um hinaus zu sehen . Doch wurde von außen so stark daran gedrückt , daß Nanette ihre ganze Kraft brauchte , um nicht weggedrängt zu werden . » Was soll denn das ? « rief sie zornig . » Wer untersteht sich - « Doch kam sie nicht zur Beendigung dieses Satzes . Mit dem Ausdruck des größten Schreckens , als habe sie auf dem Gange ein Gespenst gesehen ,