, was er in seinem Leben verschlungen hat - die Summe ist gar nicht auszusprechen . « » Ich bin sehr um ihn besorgt , « sagte Wandel , den Kopf schüttelnd . » Die fixe Idee kehrt immer wieder . Und sonst die Raison selbst ! Bestätigt sich noch das grässliche Gerücht , daß sein Sohn gefangen und als Spion - das Leben verloren hat - so gebe ich auch den edlen Mann verloren . Heim will es nicht Wort haben , aber - glauben Sie mir - « sprach er , Fuchsius bei Seite ziehend , » das sind schon die veritablen Symptome der Cholera . Ach , mein Gott , « sprach er , seine Hand drückend , » theuerster Freund , was macht denn unsere Freundin ? « » Sie wird mit der Rücksicht behandelt , die ihre Bildung beansprucht . « - » Davon bin ich bei solchem Inquisitor überzeugt . Aber noch kein Geständniß , keine Regung des Gewissens ? « - » Stolz , fest , starr wie immer . « - » Dann bin ich von ihrer Unschuld überzeugt . Jedes Weib verräth sich , wenn der rechte Inquirent zu ihrem Gefühle spricht . « - » Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberkenners sollte auch mir Beruhigung geben . « - » Nein , nein , inquiriren Sie , scharf und schärfer , nehmen Sie sie ins Gebet , wie ich jetzt meinen Baron . Er will noch nichts davon wissen , er ist ein starrer Anhänger des Alten , der gute Eitelbach , aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm einleuchtend zu machen , denn er ist doch ein guter Patriot - « » Was ? « - » Daß wir unpatriotisch , unverantwortlich handeln , wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo färben . Wozu den Engländern den Gewinnst gönnen , wenn wir das Blau im Lande haben ? « - » Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen ? « - » Kein Scherz . Die Mark producirt seit alter Zeit einen Färbestoff in ihrer Waidpflanze , welcher bis zur Entdeckung der Schifffahrt nach Ostindien nicht nur für das Bedürfniß ausreichte , sondern für Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward . Da verließ man die Produktion , natürlich , weil der Indigo wohlfeiler , besser präparirt war . Jetzt , durch die Kriegsverhältnisse , ist er nicht mehr wohlfeil , durch Sperrung der Schifffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden , es ist also Aufgabe der Industrie , ein Surrogat zu finden , welches in diesem Falle schon vor uns liegt . Ich wage zu behaupten , der Indigo ist jetzt nichts gegen den Waid . Im Ernst , die Sache verdient Aufmerksamkeit . Uns in jeder Beziehung unabhängig vom Auslande zu machen , ist , dünkt mich , die erste Aufgabe jedes Patrioten . Bester Rath , beehren Sie uns mit ihrer Gegenwart bei Dallach , und helfen Sie nur unsern Baron von seinem eigenen Vortheil überzeugen . « Fuchsius war vermuthlich der Ansicht , daß es für einen Patrioten in dem Augenblick näher liegende Aufgaben gebe , als die Blaufärberei ; er lehnte die Einladung ab . Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsrathes fortgerissen zu werden . » Aßen Sie viel Melone ? « hörte man im Abgehen Wandel zum Baron sagen . » So springen wir vorher bei Selle an ; er verschreibt Ihnen eine kleine Magenstärkung . « Die Zurückbleibenden hörten nicht die Antwort , sie haben den Baron nicht wieder gesehen . Die Indigo- und Waid-Angelegenheit schien diesen um so weniger zu interessiren , je mehr der Legationsrath in ein wahres Feuer der Begeisterung gerieth . Auf dem Frühstücktisch , in einem separaten Zimmer der Restauration gedeckt , nahmen die Proben Tuch , mit Indigo und Waid gefärbt , und die Fläschchen mit Färbesaft fast mehr Platz ein , als die Teller und Flaschen aus Herrn Dallachs Keller . » Alles ganz schön , « sagte der Baron , » wenn nur - « » In Gedanken ! Was ist ' s ? « - » Wenn wir überhaupt noch blaues Tuch brauchen ! « - » Was , Sie Patriot und verzweifeln ! Was wollen Sie da am Fenster ? « - » Ich dachte , wenn es ein Courier wäre . « » Wir sind unter uns , Patrioten Beide . Hören Sie , liebster Baron , und wenn ' s denn wäre , Tuch brauchen sie , so lange die Welt steht . Ist ' s nicht blaues , dann grünes - « » Und wenn wir französisch würden ? « - » Changiren wir nur etwas das Blau . - Qu ' importe ! Der Weltbürger ist auch ein Patriot . Aber Sie trinken nicht . Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht ? « - » Das könnte ich Ihnen wiedergeben . « - » Ich bin etwas trunken , nicht vom Wein ; aber ich möchte heut aller Welt um den Hals fallen . Mir ist , als stände mir etwas Erfreuliches bevor . « Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich , seinen Stammgästen eine Prise zu offeriren : » Herr Baron sehn etwas angegriffen aus . Ihnen ist doch wohl ? « - » Es wird vorübergehen « sagte Eitelbach . » Er ist ein Anglomane , will an seinem Indigo festhalten , da sehn Sie , Dallach , das ist mit Waid gefärbt , wie ich Ihnen sagte - halten Sie ' s gegen ' s Licht - Der Baron krümmt es sich einzugestehen , das passirt so obstinaten Leuten . Aber was Teufel , Eitelbach ! hätte er sich beinah vergriffen und aus der Färbeflasche eingeschenkt . « » In der Stadt ist man sehr unruhig . « sagte Dallach . » Niemand weiß recht was , aber es sollen beunruhigende Nachrichten eingelaufen sein . « - » Pah ! nichts von Politik . - Herzensmann . Sie essen zu viel Kompott ! Nach der Melone , Vorsicht ! Vorsicht ! Das merken Sie sich auch , Herr Dallach , nicht zu viel Obst Ihren Gästen , Sie haben es zu verantworten . Schicken Sie uns Portwein , der wird dem Magen des Barons gutthun . « Ein Zeichen für Herren Dallach , sich zu entfernen . Auch der Baron war einen Augenblick aufgestanden und wiedergekommen . Der Portwein schien ihm wohlzuthun . Und doch saß er wieder in sich versunken . Es war nicht seine Art : » Eine niederträchtige Geschichte . Denken Sie sich , der Schmeckedanz , der Kerl auf dem Mühlendamm - ein verfluchter Jude - « » Hat doch nicht Wechsel auf Baron Eitelbach ? « - » Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft , Gott weiß wie . - Und nun der todt ist - « » Bravo ! kann er sich Fidibus davon machen . « - » Nein , er schickt sie meiner Frau . « - » O , das ist zum Todtlachen . « - » Nein , zum Einlösen . « - » Ist der Kerl verrückt ? « - » Wenn nur nicht ein Brief dabei wäre - « » Von wem ? « - » Vom todten Rittmeister , ich meine , vom Major Dohleneck . « - » Schreiben die Todten wieder Briefe ? « - » Nein , eh ' er ausmarschirte . Solch ein Galimathias . Wenn er fiele , sollt ' er sich nur an meine Frau wenden , die sei so sterblich in ihn verliebt , daß sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzen ließe . Bei Lebzeiten hätte er sie können um den Finger wickeln , und sie hätte gehörig blechen müssen . Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte , so - « » Schnell noch ein Glas Port . Ich kann mir denken , wie die Niederträchtigkeit Sie afficirt . « Der Baron saß zurückgelehnt auf dem Stuhl , leichenblaß . » Die Erzählung hat Sie angegriffen . Hoffentlich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt , Ihrer Frau Gemahlin den Brief zu schicken . « - » Hat ' s ! Das ist es eben . « - » O pfui ! Sind Sie auch sicher , daß der Brief wirklich von Dohleneck ist ? Ich hielt ihn für sehr beschränkt , aber ehrlich . « - » Das ist ' s eben - darüber heult sie mehr , als daß er todt ist . « - » Gemeine Seelen ! - Nun hat sie ihn kennen gelernt . - Sie hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch ? « - » Nein - sie will sie auslösen - sie ist obstinat . Ich soll ' s aus ihrem - « » O , das müssen wir hindern - auf der Stelle - wir wollen zu ihr - Was ist Ihnen ? « - Der Baron stürzte hinaus . Er kam nach einer Weile , von einem Kellner geführt , wieder herein . Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht zu bemerken ; in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab : » Ich kann ' s mir denken - ihren Seelenzustand ! Sie verachtet ihn . Und doch , sie will sich dadurch an ihm rächen , daß sie seine Manen beschämt . Das soll das letzte Opfer sein , was sie aus ewig von ihm scheidet . O , dort in jener Ewigkeit - mit welchem stolzen , vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten - « Der Baron hörte nichts davon , er konnte nichts davon hören . Der Legationsrath that einen Schrei - er riß die Thüren auf . Herr Dallach und die Kellner , die hereintraten , sahen die liebende Theilnahme , mit welcher Wandel dem Erkrankten den Kopf hielt . » Ein Arzt ! « - » Ein Wagen ! « - » Die verdammte Melone ! Habe ich ihn nicht gewarnt ? « Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein . Er wehrte es mit der Hand ab , Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser ein . Er athmete wieder auf . » Ach , das Wasser , « sagte Wandel , » wenn die Aerzte erst seine wunderbare Heilkraft ganz kennten ! - Jetzt nur frische Luft ! « Es kam kein Arzt , kein Wagen . » Die Stadt ist in Verwirrung . « » Würden Sie sich stark finden , theuerster Baron , zu Fuß nach Ihrer Wohnung - ich führe Sie . « Der Baron war aufgestanden : » Es wird gehen , es wird schon besser werden . Ich erhole mich . « - » Die verfluchte Melone ! « knirschte Wandel und stampfte ; er stülpte den Hut auf . Er zog den Wirth noch ein Mal bei Seile : » Herr Dallach , habe ich ' s nicht gesagt ? O , es wird noch ärger kommen . Wir können uns gratuliren . « - » Was ist denn , Herr Legationsrath ? « - » Die Cholera ! « schrie er ihm ins Ohr . » Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus ! Und der Leichtsinn ! Aber still , liebster Dallach , erschrecken Sie nicht Ihre Gäste ; wir werden bald mehr hören . « Sechsundachtzigstes Kapitel . Das große Trauerhaus . Wo der Trauerhimmel über eine ganze Stadt ausgespannt ist , wer achtet da sehr auf ein einzelnes Trauerhaus ! Die Aerzte , nach denen Wandel geschickt , waren nicht zu Hause gewesen . Sei doch der Krankheitsanfall einer Art , daß ein gesunder Körper sich selbst heile , hatte er geäußert , oder wenn - dann war er plötzlich aufgesprungen , und ließ doch noch einen Arzt rufen . Er hatte ihm im Vorzimmer die Symptome beschrieben , sie hatten gelacht , und als der Doktor ins Zimmer trat , hatte er lächelnd den Puls des Kranken befühlt und auch lächelnd zum Baron gesagt : » Etwas Kamillenthee und Einreibungen - das wird den Patienten bald auf die Beine bringen , aber wenn er auf den Beinen ist , gnädige Frau , dann thun Sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich erkälten . « Liebevoller , aufmerksamer , aufopfernder , hätte ein Bruder den Baron nicht pflegen können . Tag und Nacht saß er abwechselnd mit der Baronin an seinem Bette . Er trocknete , er rieb den Leib er schenkte ihm den Thee , den er selbst vorher kostete . - Wandel stand am Fenster . Lärm , Unruhe , Hin- und Hergelaufe , kernige Fluchworte , dazwischen ein Geschrei , das hier in Heulen überging . Ein Reiter sprengte auf der Straße vorüber : » Das ist der Rittmeister Dorville . Ich fürchte , er bringt Uebles vom Schlachtfelde . « Eine Stimme rief zum Fenster hinauf : » Verloren ! Es ist Alles verloren . « Was eine Stimme , was Stimmen ! Es war Alles in der Stadt nur eine , und das war ein entsetzlicher Wehruf . Wohl Denen , die ihn laut machen konnten ; der stumme Schmerz ist der tiefere . Er sprengt nicht immer die Brust , aber er stopft die Adern , er wirkt einen Niederschlag , der alle Funktionen der Glieder lähmt . Das Herz , das so muthig noch eben schlug , scheint still zu stehen , die Gedanken , die gradaus schossen , zittern und verirren . Es war kein lauter Aufschrei in der Stadt ; kein Todeshieb , der eine Wunde öffnete , aus der das Herzblut mit einem Mal ausströmt ; es war eine Quetschung , ein Niederschlag . Ein Uhrwerk war ' s , dessen Räder noch gingen , aber keines griff ins andere . Ein Knäuel von Hiobsposten wälzte , flog durch die Straßen . Die Franzosen hatten gesiegt , die Armee war in die Flucht geschlagen ; die Besonnenen hatten wohl Recht , wenn sie schrieen , man solle zukochen , heizen , für Stroh , Decken , Quartiere und Lazarethe der Flüchtlinge sorgen , Andere schrieen nach Waffen und Widerstand . Da schreckte Beide die Nachricht zu blassem Verstummen : Nichts von Flucht und Widerstand ! Unsere Armee ist aufgerieben , vernichtet , alle Generale , der König , der Prinz gefallen ! Das ward zwar von Unterrichteten dahin korrigirt : die preußische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden , Napoleon habe sich zuerst bei Jena auf das Corps Hohenlohe geworfen und es vernichtet , darauf oder zugleich sei die Hauptarmee , wo der König und die Prinzen , bei Auerstädt total geschlagen , der Herzog von Braunschweig , der Oberfeldherr im Getümmel erschossen , und beide geworfenen Corps , auf einander gedrängt , würden von den Franzosen nach dem Rheine zu verfolgt ; aber für die Begriffe der Masse war das zu schwer zu entwirren . Wenn auch einige Kluge kalkulirten , dann entferne sich ja die Gefahr , wenn noch Klügere meinten , es sei nur eine Kriegslist , um den Krieg nach Frankreich zu wälzen , so hörten Andere dafür schon , wenn ein Piket Husaren durch eine entfernte Straße preschte , die Vorposten der Franzosen in die Stadt einreiten . Andere aber hatten besser gesehen oder gehört , es waren Russen oder Engländer , die gelandet oder geflogen waren um Berlin beizustehen . Man sah Einige durch die Massen sich drängen . Aber wo Rathes sich erholen ? Die Lenker des Kabinettes sollten im Hauptquartier sein . Hier klopften sie umsonst an die Thür eines Großen . Er lag in einer heftigen Kolik und hatte befohlen , Niemand vorzulassen . Ein Anderer war bei einem Andern , der Andere war aber wieder anderswohin geeilt . Im Gedränge trafen sich Zwei , die sich einst gesehen und seitdem nicht wieder , Walter und der alte Rittgarten . » Zum Gouverneur ! « rief der Invalide . » Er muß die Trommel rühren lassen . « - » Trommeln ! Das fehlte noch , « rief ein gutgesinnter Bürger , » um den Wirrwarr voll zu machen . « - » Es giebt nur Einen , und wenn Er nicht Hülfe weiß - « Walter ward durch einen lauten Aufschrei unterbrochen , der durch die Stimmen von Tausenden immer neu anwuchs . Das waren Laute des Schmerzes , aber auch der Freude - » Die Königin ! die Königin ! « In der Entfernung , bog ein Reisewagen um die Straßenecke . Thränen , Schluchzen , Jubelrufe ! Es war in dem Gewirr nichts zu verstehen . Ein Tuch , ein Arm wehte heraus . Die Beiden , die sich eben gefunden , wurden wieder getrennt . Jeder hatte ein anderes Ziel . Aber die Stimmung schien sich geändert zu haben . Der Anblick der Königin hatte gewirkt . Der alte Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter . Kernworte , Flüche ! Da schüttelte Einer seinen markigen Arm . Rittgarten ergriff ihn . Er sprach Worte , die zum Herzen drangen . Als sie das Hotel des Ministers erreicht , hatte sich die Zahl bedeutend verstärkt ; es waren kräftige Männer , alte Soldaten darunter . Wuth und Freude strahlte auf den Gesichtern . Wo war die alte Ordnung , die heilige Ruhe , wenn man berußte Arme , Schurzfelle auf den Treppen sah , Einige sogar bis in das innere Heiligthum gedrungen . Es musste hier schon viel vorgegangen sein , wenn wir den Minister , denselben , welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte , zwischen diesen , selbst für die Antichambre ungeeigneten Gestalten umhergehen sehen , ohne daß sein Auge Blicke der Entrüstung warf . Nein , er trug weder Uniform noch Hofkleid , auch keinen Stern an der Brust , er ging nicht aufrecht und die Stirn leuchtete nicht vom Widerschein seiner unantastbaren Würde . » Meine lieben Freunde ! « sprach er , zwischen den Eingedrungenen sich bewegend . Seine feinen aristokratischen Hände , stets in einer Position erhalten , die sie vor jeder Berührung schützen sollte , berührten doch freiwillig die Arme der Bürger , er drückte dem Nagelschmied die Hand , er legte sie dem patriotischen Stadtwachtmeister auf die Schulter : » Mein liebster guter Freund , nur keine Uebereilung . « » Aber , Excellenz , sie stürmen Ihnen das Haus ! « riefen drei , vier Stimmen . Der Hausflur war voll , die halbe Treppe , sie drängten von außen , Andere standen im Hofe und gafften mit hässlichen Blicken die Reisewagen an , die in Hast bepackt wurden . Die Excellenz beugte sich übers Geländer , sie rang die Hände , es war der mildeste , freundlichste Ton : » Um Gottes Willen , meine Freunde , keine Uebereilung ! Was wollen Sie ? « Da brach es los , wie , ich weiß es nicht ; es war aber das Unglück , daß Keiner wusste , was er wissen sollte . Es war die Wuth , die in hundert Lauten sich Luft machte . » Wir sind verrathen ! « - » Der König und die Königin sind verrathen ! « - » Das Vaterland ist in Gefahr « - » Die Franzosen sind vor der Thür ! « » Ja , ja , meine lieben Freunde , um Gottes Willen ja , es ist wahr , wir sind Alle in Gefahr - aber was wollt Ihr was sollen wir thun ? « Die im Hofe zeigten auf die bepackten Reisewagen : » Er kratzt aus , uns lässt er im Stich . « Ein höhnisches Gelächter verschlimmerte die Lage der Autorität , die es nicht mehr war . Da ward der Ruf laut : » Widerstand ! Waffen ! Ein Schuft , wer seinen König verlässt ! « » Um Gottes Willen , verehrte Mitbürger ! Ich beschwöre Sie , bedenken Sie Ihre Familien , Ihre lieben Kinder , Ihre Lage , diese Stadt ! Es ist ein Unglück , ja ein großes , ein unermessliches Unglück , unsre Armee ist geschlagen , total geschlagen , wir wissen nicht wo sie ist . Wo eine so tapfere Armee erliegen musste , ist es Thorheit , ich beschwöre Sie , es ist Raserei an den geringsten Widerstand noch zu denken . « - » War ' s Thorheit , « rief eine Stimme , es war der alte Rittgarten , » als Haddick in unsre Straßen sprengte , daß die Berliner nicht zu Kreuz krochen ? Raserei , daß sie Schanzen aufwarfen , daß wer eine Muskete tragen konnte , der Trommel folgte , als die Russen ihre Kugeln in die Friedrichsstadt warfen ? Des Königs Hauptstadt ward gerettet ! « - » Meine lieben , theuren Mitbürger , bedenken Sie doch die veränderten Verhältnisse . Wer war Haddick , wer die Russen ! Der Kaiser Napoleon ist unüberwindlich . Sie waren selbst Militär . O erklären Sie Ihren Mitbürgern , daß aller Patriotismus und alle Bravour gegen ein disziplinirtes Heer nichts ausrichten . O mein Gott , stehn Sie mir doch bei , diese braven , rechtlichen , unsere Mitbürger vor einer entsetzlichen Verirrung zu bewahren . « » Excellenz , « erwiderte Rittgarten , » eine Schlacht können wir den Franzosen nicht liefern , noch besteht Bürger und Bauer vor Denen , die den Krieg erlernt . Das weiß ein Kind . Aber hier gilt ' s , was Keiner erlernt , was geboren ist : das Herz zeigen am rechten Fleck . Ist der König geschlagen , so gilt ' s , ihm aufbewahren als treue Unterthanen , unsern Muth , unsre Treue , uns selbst . Er wird wissen , ob er Berlin halten soll oder aufgeben , und an uns ist ' s , ihm die Entscheidung offen erhalten . Das ist unsre Schuldigkeit . Es gilt , der Obrigkeit , die er zurückließ , gehorchen , und wenn sie stumm bleibt , sie fragen was müssen wir thun , daß dem Könige seine Hauptstadt gerettet wird ? Sind Soldaten da , so sammelt sie , sind ' s Invaliden , ruft sie auf , sie werden dastehen . Sollen die Bürger ihnen zutragen , schanzen , Wache stehen ? Sollen Wagen und Proviant hinaus , die Flüchtlinge einzuholen ? Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden ? Soll junge Mannschaft geworben werden ? Sollen wir Pulver holen , Kugeln gießen , abkochen für die Ankömmlinge ? Alles das weiß der Bürger nicht , Excellenz , aber er hat ein Recht , von Denen es zu erfahren , die der König zurückließ an seiner Statt . Die müssen es wissen , Die uns vorangehen . Und Die und wir Alle haben die Verpflichtung , uns so zu zeigen , daß der Feind erfährt , er hat eine Stadt von Männern vor sich , nicht von Memmen . « Gewirkt hätte die Rede , wenn nicht zwei Umstände die Wirkung paralysirten . Von draußen schrie es : » die Königin ! die Königin flieht aus Berlin ! « - » Die Königin redet zu den Bürgern ! « Darauf eilten die Entschlossensten nach dem Palais . Vielleicht war dort Rath und Hülfe . Im hintern Hofe aber hatten Andere einen Reisewagen umgestürzt . Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein , wenn der Patriotismus aufbraust ! » Sie plündern ! Herr Major , hindern Sie ' s ! Man weiß nicht , was draus wird ! - Es sind Soldaten dabei . « Es bedurfte für den Offizier kaum der Aufforderung . Die Excellenz ließ ihren Wagen im Stich , sie hatte eine höhere Aufgabe , das Terrain war günstiger , die Haufen gelichtet , er glaubte geneigtere Gesichter zu sehen . Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten : » Mitbürger ! Theuerste Freunde ! Der Augenblick ist entsetzlich , aber lassen Sie sich von unruhigen Köpfen nichts aufreden . Hier ist nicht zu helfen . Der Himmel hat es so gefügt , wir müssen uns drein finden . Der mindeste Widerstand , irgend ein unruhiges Benehmen von Ihrer Seite könnte die schrecklichsten Folgen haben . Denken Sie an Ihre Frauen , Ihre Kinder , denken Sie an Wien ! Wie ungnädig hat Seine Majestät der Kaiser Napoleon das trotzige Benehmen der Bürger aufgenommen . Er ist nun einmal der Sieger . Er wird ein großmüthiger Sieger sein , wenn Sie der Vernunft Gehör schenken . Seien Sie freundlich , seien Sie sehr freundlich gegen ihn . Ueberwinden Sie sich ; wenn er einzieht , rufen Sie Vive l ' Empereur . Ich weiß , es wird Ihnen schwer werden , aber der Mensch kann sich überwinden , meine Herren , der Mensch kann viel , wenn die Noth ihn zwingt . Recht friedlich , recht besonnen ! Illuminiren Sie ! Das wird ihn überraschen , sein Herz wird sich aufschließen . Liebe Mitbürger , hören Sie auf den Rath eines Mannes , der ' s mit Ihnen wohl meint , es ist nicht für mich . Bedenken , erwägen Sie , ich wiederhole es nochmals , wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel . Sie sind keine Wiener , Sie sind Berliner , und das Beispiel wird Sie lehren , daß eine männliche , ruhige Hingebung im Unglück es allein ist , die den Patrioten ehrt . « In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben finden . Aber man findet mehr - ein gedrucktes Aktenstück . An allen Straßenecken stand - an einem spätern Tage - folgendes Proklama und in den Berliner Zeitungen las man es am 21. Oktober 1806 . In dem Proklama hieß es : » - Nur festes Anschließen an Diejenigen , welche das mühselige Geschäft übernehmen , die von einer solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mindern , so wie die , mehr als jemals nöthig gewordene Ordnung zu handhaben , kann die schrecklichsten Folgen abwenden , welche der mindeste Widerstand oder irgend ein unruhiges Benehmen der Einwohner über die Hauptstadt verbreiten würde , und das noch neuerliche Andenken des Betragens , welches die Einwohner Wiens in einer ähnlichen traurigen Lage beobachtet haben , muß die Einwohner Berlins belehren : daß der Ueberwinder nur ruhige männliche Hingebung im Unglücke ehrt . - - - Ich ermahne Jeden ( denn - hoffentlich werde ich es nicht nöthig haben zu befehlen ) - - ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben , und alle Sorgen Denjenigen zu überlassen , welche sich rastlos mit seinem Wohl beschäftigen werden . Ich verbiete durchaus alles Zusammenlaufen , alles Schreien auf den Straßen , alles öffentliche Theilnehmen an denen so verschiedentlich einlaufenden Krieges-Gerüchten ; denn ruhige Fassung ist dermalen unser Loos , unsere Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen , was in unsern Mauern vorgeht ; dieses ist nur unser einziges höheres Interesse , mit welchem wir uns allein beschäftigen müssen - - - Berlin , den 19. Oktober 1806 . Fürst von Hatzfeld . « Es mussten schon Flüchtlinge in der Stadt sein ; vielleicht verbargen sie sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Theilen . Aber das Volk suchte nach ihnen . Da hielt es eine staubbedeckte Reisekalesche an , und zwang einen Offizier herauszusteigen . Vergebens protestirte er , daß er die Schlacht nicht mitgemacht , nicht vom Schlachtfeld komme , vielmehr über Schlesien aus Oesterreich ; der Wagen kam vom schlesischen Thor . Zum Gouverneur wollte er sich führen lassen , obgleich die Eskorte ihm unangenehm war , als Herr von Fuchsius ihm begegnete und von der verdächtigen Begleitung befreite . » Zu spät ! « - » Wieder zu spät ! « erwiderte Eisenhauch und drückte die ihm entgegen gehaltene Hand . » Das ist mehr als Austerlitz . « - » Zum Gouverneur ! Kommen Sie mit ? - So lange die Möglichkeit da ist - « » Die Gewißheit ! « unterbrach der Rath . » Auch Sie ohne Trost und Hoffnung ? « - » Die Gesetze der Natur sind ewig . Die Kugel rollt nur , bis sie den Abgrund erreicht , und der Verbrecher bleibt nur ungestraft , bis sein Maß voll ist . « Welche fast lüsterne Freude glänzte auf Fuchsius ' Gesicht , als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch zum Abschied gedrückt . » Wohin ? Wohin ? « - » Das im Kleinen thun , was Gott im Großen vollenden wird , wenn - auch da das Maß voll ist . Jetzt entlarven - ein Scheusal ! « Eisenhauch begriff ihn nicht . Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehen ! Das Reich der Pygmäen war ja aus . Er bedachte nicht , daß um deßwillen noch nicht das von Titanen beginnt . Er traf den Minister auf dem Flur - er kannte ihn , er wußte , was er unter andern Umständen von ihm erwarten durfte , aber jetzt . - Der Minister war zugleich preußischer Krieger , ein hoher General , er hatte einst ein Armeecorps kommandirt . Jetzt musste er den Zopf fortgeworfen haben , jetzt in Stahl und Eisen aufspringen , und wirklich der Minister schien erfreut , wie man erfreut ist nach einer guten That . Er erkannte sogleich den Freiherrn : » Gott sei Dank , mir gelang eben etwas , was von dieser Stadt eine große Gefahr abwendet . « Da rückte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Anträgen vor : er bot seine Dienste an , er stellte sich zur Disposition , wohin man ihn brauchen könne , er wollte noch mehr : einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten , wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militärischen Kräfte und Benutzung der Lokalitäten Positionen einnehmen könne , nicht stark genug , um einem ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehen , doch ausreichend , um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schützen , die zersprengten und flüchtigen Truppen